Verlag: Books on Demand Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Liontu - Kay Linn

Es ist ein glücklicher Zufall, der dem verletzten Fremden im frühen Herbst 1634 das Leben rettet. Er flieht mit seinem Pferd Liontu unbemerkt vom Schlachtfeld, entkommt seinem Schicksal und beginnt ein neues Leben mit dem Waisenmädchen Ianthe und ihrem Bruder Jonas. Während Ianthe ihn im Wald gesund pflegt, erwacht die Liebe des Fremden zu ihr. Aber hat diese Liebe eine Zukunft? Die dumpfe Erinnerung an die Schlacht liegt wie ein Schatten über dem Verletzten. Sie lässt ihn und jede Seele in seinem Umkreis nicht zur Ruhe kommen. Denn sein Leben sollte einem längst vorbestimmten Pfad folgen, und während ihn ein Teil dieses alten Lebens zurückfordert, versucht ein anderer Teil eine Rückkehr zu verhindern. Ein märchenhafter Abenteuerroman mit Illustrationen von Anne Bernhardi.

Meinungen über das E-Book Liontu - Kay Linn

E-Book-Leseprobe Liontu - Kay Linn

INHALTSVERZEICHNIS

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   1   

SOLDATEN

1634

Das Pferd stand neben ihm. So ruhig, dass er es für eine Marmorstatue gehalten hätte, wäre da nicht der gleichmäßige Atem gewesen, der dann und wann sein Gesicht streifte. Oder das Rucken, das seinen Arm durchzog, wenn das Pferd neugierig aufschaute und in die Richtung blickte, aus der sie gekommen waren.

Er senkte den Kopf.

Ein warmes Rinnsal suchte sich einen Weg über seine Stirn und bildete an seinem Kinn einen Tropfen, der auf ein Blatt am Boden fiel. Er war verletzt. Wie es dazu gekommen war, wusste er nicht.

Ein weiterer Ruck, verursacht durch einen Seitwärtsschritt des Pferdes, brachte ihn beinah aus der Balance, und er musste sich mit dem rechten Arm abstützen, um nicht hinzufallen. Schon erschütterte ihn der nächste Ruck: Das Pferd wollte weiterlaufen, und er würde ihm folgen. Die Pause hatte gereicht. Das Pferd gab den Weg vor, er würde ihm nachgehen. Und all seine Kraft versammeln.

Während er sich voranschleppte, über Ranken stolperte, an umgefallenen Baumstämmen hängen blieb und sich wieder aufraffte, stur wie ein alter Stier, begann er zu grübeln. Er hatte den Namen vergessen. Den Namen des Pferdes, von dem er sich sicher war, dass er ihn wissen musste. Seinen eigenen noch dazu ... Nichts war da mehr.

Am Nachmittag rasteten sie unter einer uralten Eiche am Wegesrand, die von vielen Stürmen und Blitzeinschlägen verkrüppelt dastand und nur noch an wenigen ihrer knorrigen Äste, die wie arthritische Finger in den Himmel zeigten, Blätter hervorgebracht hatte. Während das Pferd graste, versuchte der junge Mann es sich zwischen zwei Wurzeln so bequem wie möglich zu machen. Er hoffte, die Ruhe würde seinem Kopf, der den ganzen Tag über schrecklich geschmerzt hatte, endlich Frieden geben. Mühsam rutschte er nach rechts, wieder nach links, aber die harte, unregelmäßige Rinde störte im Rücken, selbst wenn sein Oberkörper in diesem Harnisch gefangen war. Endlich kam die Erschöpfung über ihn und ließ ihn in sich zusammensinken. Kein noch so starker Wille konnte ihn jetzt noch von der bleiernen Müdigkeit trennen, die von ihm Besitz genommen hatte. Es war, als drücke etwas auf seinen Brustkorb, vor dem er fliehen wollte ... würde.

Hufschlag drang durch den dichten Nebel, der ihn umgab, zu ihm und rief ihn zurück in die Wirklichkeit. Nur für kurze Zeit, so sagte er sich, würde er sich dort aufhalten, dann könne der Nebel zurückkehren.

Sein Pferd wieherte. Das Geräusch, gellend, so als bliese jemand direkt neben seinem Ohr in eine Trompete, durchfuhr ihn wie ein heißer Blitz. Die Antwort war das hohe, abwehrende Quietschen einer Stute.

»Verdammter Gaul, verschwinde!«, fauchte eine Stimme, doch nicht laut genug, um den weißen Hengst davon abzuhalten, sich die Stute des Reiters genauer anzusehen. Da sie aber nicht bereit war, sich mit ihm einzulassen, und blitzschnell nach ihm ausschlug, wandte er sich bald von ihr ab und begab sich zurück auf das kleine Stück Wiese neben dem Pfad, um sich wieder den schmackhaften Grashalmen und Kräutern zu widmen.

»Hättest deinen Gaul ruhig zurückhalten können«, zischte der Reiter, als er bei dem jungen Mann ankam. Doch das letzte Wort war nur noch schwach zu vernehmen. Der Sprecher bedauerte, überhaupt etwas gesagt zu haben, denn nun hatte er den Mann mit der blutenden Kopfwunde erkannt, der unter dem Baum saß und vor sich hindämmerte.

Der Reiter war nicht groß. Beachtlich war er dennoch, weil man keinen Flecken Farbe an seiner Kleidung entdecken konnte. Als wolle er sich von jeder Zugehörigkeit freisprechen. Schwarz war alles, was er trug, und auch seine Stute war von einem Rabenschwarz, das, anders als bei den meisten Rappen, nicht einmal bei Sonnenschein bräunlich schimmerte. Nur ein kleiner weißer Stern funkelte auf ihrer Stirn. Und ihr Reiter kannte diesen jungen Mann. Er hatte ihn für tot gehalten, ihn vom Pferd stürzen sehen. Sie hatten zusammen gekämpft. Nun schien es, als seien sie beide auf der Flucht.

Das fremde Pferd wollte nicht gehen. Sein Atem war deutlich zu vernehmen, ebenso das Knarren des Sattels, wenn sich der Reiter immer wieder hin- und herbewegte, so als wisse er nicht, was er tun sollte. Es störte den verletzten jungen Mann so sehr, dass er genug Kraft aufbrachte, nicht nur den Kopf zu heben, sondern auch die Augen zu öffnen und den Fremden anzublicken. Doch da die Sonne direkt hinter dem schwarzen Reiter stand, konnte er nicht viel mehr als dunkle Umrisse erkennen. Er schloss die Augen wieder.

Der Reiter konnte sich nun nicht mehr davon abhalten, seinem Pferd die Sporen zu geben. Der junge Mann, den er wiedererkannt hatte, schien durch seine Verletzungen so verstört zu sein, dass er bis hierhin geirrt war, ohne wirklich zu begreifen, was er tat. Er selbst aber war dem Schlachtfeld unversehrt entkommen, sah man einmal von zwei kleinen Schrammen ab, die ihm ein feindlicher Soldat versetzt hatte, und nun wünschte er nur eins: So schnell es ging fort, denn er hatte kein Recht, die Kämpfenden zu verlassen. Er war ein Deserteur, und jeder Mensch, der ihm jetzt noch begegnete, konnte ihn verraten und ihm den sicheren Tod bringen, vor dem er doch hatte fliehen wollen.

Der junge Mann hörte, wie sich die Stute wieder in Bewegung setzte und ihren Reiter in Windeseile den Pfad hinuntertrug. Er öffnete die Augen ein weiteres Mal und sah, wie der schwarze Reiter hinter einer Wegbiegung verschwand. Nur der aufgewirbelte Staub blieb zurück, bis er sich wie eine Decke auf den Boden legte. Dann schwanden ihm die Sinne.

Wenige Meilen entfernt lenkte der schwarze Reiter sein Pferd in den Wald hinein, traf auf einen kaum ausgetretenen Pfad und folgte diesem durch das Dickicht, über Brombeerranken und umgestürzte Bäume, auf denen Moos und Pilze wucherten. Sonnenstrahlen fielen durch das dichte Blattwerk der Eichen und Buchen, wie Spinnweben durchzogen sie die Luft, nur dass man durch sie hindurchreiten konnte, ohne dass sie einen einfingen und festhielten. Der Weg war friedlich, führte ab und an durch einen kleinen Bach, dann wieder seichte Hügel empor, bis er schließlich auf einer Lichtung endete, auf der eine winzige Holzhütte stand. Zur Freude des Reiters war deren Dach heil, und zudem sah sie verlassen aus. Einzig die Katze, die vor dem Haus faul in der Sonne lag, hätte man als Zeichen deuten können, dass in dieser Hütte jemand wohnte. Außerdem gab es ein Gatter, das eindeutig größere Tiere beherbergen sollte. Vielleicht Kühe oder Pferde, dachte der Mann.

Als er aus dem Sattel sprang, fiel eine seiner Pistolen auf den Boden und scheuchte die Katze in den Wald. Während er das Pferd vom Sattel befreite und es in das Gatter ließ, das sich in einem erstaunlich guten Zustand befand, denn kein Holzbalken hing lose oder war vermodert, bemerkte der Reiter nicht, wie sich eine Gestalt langsam näherte. Ein Junge, im Alter von vielleicht achtzehn Jahren, hielt einen dicken Ast in den Händen und schützend vor sich, bereit den Reiter anzugreifen, sollte dieser eine unbedachte Bewegung machen.

»Was willst du hier?! Verschwinde!«, rief der Junge. Er hatte erwartet, dass der Mann ihn angreifen, sich zumindest drohend umdrehen würde, aber das Gegenteil geschah: Der Reiter fuhr zusammen, als hätte man auf ihn geschossen, und wandte sich um. Zu antworten fiel ihm allerdings nicht ein.

»Was willst du hier?«, wiederholte der Junge die Frage.

Erneut keine Antwort. Nur dieser Blick aus misstrauischen, zusammengekniffenen Augen und ein Zittern, dass den ganzen Körper erschütterte.

»Verschwinde!« Die Drohung gewann an Gewicht. »Wir wollen dich hier nicht ,und dein Pferd kannst du hier auch nicht lassen. Hat es dir die Sprache verschlagen?«

»Wer bist du, Bursche?«

Endlich eine Reaktion.

»Was sollte dich das interessieren? Was hast du hier zu suchen? Du bist ein Soldat, oder etwa nicht? Willst du uns ausrauben?«

»N-niemand will hier irgendwen ausrauben«, krächzte der Reiter.

»Vor wem flüchtest du dann? Wir wollen hier keinen Ärger!«, rief der Junge und hob den Knüppel. »Verschwinde, wenn du Ärger an den Hacken hast!«

»Das geht dich nichts an, Bursche. Ich bitte dich nur um eine Bleibe für diese Nacht. Morgen werde ich verschwunden sein.«

Ein leises Lachen kam tief aus der Kehle des Jungen.

»Und warum verdammt noch mal sollte ich so verrückt sein, dich hier übernachten zu lassen, wo du hier auftauchst mit einem Schwert voll Blut? Scher dich zum Teufel!«

Anstatt zu gehen, löste der Reiter sein Schwertgehänge und ließ es mit leisem Klirren vor sich auf den Boden fallen. Ebenso verfuhr er mit den Pistolen und seinem Dolch. Er stieß sie mit dem Fuß von sich fort. Seine Hand deutete auf die Waffen.

»Nimm sie, ich bitte dich. Ich kann nicht mehr weiter, und wenn ich hier nicht rasten kann, wo dann?«

»Im Wald?! Wenn du so dringend fliehen willst, warum begibst du dich unter Menschen und schläfst nicht im Wald?«

Der Reiter verfluchte das Pech, das ihn auf diese Lichtung geführt hatte. Für einen kurzen Moment drehte er sich zu seiner Stute, um sie wieder zu satteln, doch dann hielt er inne.

»Lass mich hierbleiben, ich habe keine weiteren Waffen.«

Die Stimme wurde schwächer, je mehr der Mann sprach.

»Lass ihn auf einem Strohhaufen neben seinem Pferd schlafen, Jonas!«, rief eine helle Stimme vom Wald her. »Soll er doch hierbleiben, wir zeigen es ihm allemal, wenn er frech wird.«

Der Reiter sah, wie sich ein Mädchen von vielleicht siebzehn Jahren näherte. Sie hielt eine Mistgabel in den Händen, doch die Zinken waren gen Boden gerichtet.

»Du bist leichtsinnig, Ianthe, lass dich nicht blenden. Er ist ein Krieger und er hat getötet. Solchen Menschen darfst du nicht vertrauen!«

»Lass ihn bleiben, Jonas! Er bittet uns, und wir sollten ihm diese einfache Bitte nicht abschlagen. Es gehört sich nicht. Nimm seine Waffen und wir verriegeln die Tür.«

Jonas versank für kurze Zeit in Gedanken. Es brauchte eine Weile, bis er seine Entscheidung gefällt hatte. Er deutete auf einen Dachvorsprung, unter dem Stroh und Heu gelagert wurden.

»Leg dich dort hin, da bist du geschützt. Und morgen verschwindest du, und wie ich hoffe, für immer.«

Der Soldat schien nur auf die Erlaubnis gewartet zu haben, denn ohne Jonas und Ianthe weiter Beachtung zu schenken, packte er das Sattelzeug und verschwand unter dem Vorsprung, der ihm als Schutz vor der nächtlichen Kälte angeboten worden war.

Ianthe blieb eine Weile bei der schwarzen Stute stehen, die noch rastlos innerhalb des Gatters stand und keinen Blick auf die saftigen Grashalme werfen wollte, die dort wuchsen. Die Erlebnisse des Tages schienen sie so verängstigt zu haben, dass sie unablässig die Umgebung nach Raubtieren untersuchte, die tosende, donnernde Geräusche von sich gaben und Wolken von Staub und Feuer verbreiteten. Ohne es selbst zu bemerken, griff Ianthe nach der Wurzelbürste, die vor der Hütte neben ihrem kleinen Waschbottich gelegen hatte, schlüpfte wendig zwischen dem untersten und mittleren Balken hindurch und begann, der Stute in langsamen, gleichmäßigen Zügen den Rücken zu bürsten. Sie hielt ihren Blick ins Leere gerichtet, ihre ganze Konzentration ruhte auf der Stute.

»Du brauchst dich nicht mehr zu fürchten. Hier ist es ruhig, und es gibt keine Raubtiere«, murmelte Ianthe sanft.

Der gleichmäßige Atem des Mädchens gab der Stute das Gefühl, in Sicherheit zu sein, und zum ersten Mal drehte sie den Kopf zu Ianthe und untersuchte ihr Wams nach Essbarem. Als sie dort nichts fand, wandte sie sich zum Gras hin, senkte den Kopf, blies zweimal testend Luft aus ihren Nüstern und zupfte dann die ersten Halme.

Es dauerte nicht lange, da war nur noch das zufriedene Zermalmen der Grashalme zu hören und Ianthe überflüssig geworden. Sie hockte sich noch eine Weile auf den Zaun, dann schwang sie sich auf die andere Seite und lief zurück zu der kleinen Hütte, in der Jonas, ihr Bruder, verschwunden war. Zuerst wollte sie es sich verbieten, nach dem Soldaten zu sehen, denn in ihrem Bauch waberte eine unangenehme Mischung aus Angst und Misstrauen diesem Menschen gegenüber, doch ihre Neugier machte ihr wie immer einen Strich durch die Rechnung. Aus dem Haufen Stroh ragten zwei Beine hervor, der Rest des Körpers war fast vollkommen vom Stroh bedeckt. Der Soldat schien zu schlafen, keine Regung ging von seinem ausgestreckten Körper aus.

»Komm rein, Ianthe, was auch immer er da jetzt treibt, es geht uns nichts an und wir werden vor morgen früh auch nicht mehr die Tür öffnen. Es ist einfach zu gefährlich ... und ich frage mich sowieso, warum wir ihn hier schlafen lassen.«

»Hör auf zu schimpfen, Jonas! Er hat uns um Hilfe gebeten, und du weißt, dass Mutter ihm ebenfalls geholfen hätte. Außerdem haben wir seine Waffen, was soll er uns da noch groß tun können?«

Ianthe hockte sich im letzten Schein der Sonne an den Holztisch in der Mitte der Hütte, die nicht mehr als vier Schritt breit und fünf Schritt lang war. In ihr gab es nur diesen einen Tisch, zwei notdürftig zusammengeschusterte Schemel, eine Feuerstelle mit einem uralten Eisentopf und eine Art kleines Podest mit zwei Schlafstellen, die aus zwei alten strohgefüllten Säcken als Matratzen und je einer wollenen Decke bestanden, die im Sommer kratzte und im Winter nicht genug Wärme gab. Das Podest selbst schützte mäßig vor Ungeziefer und Feuchtigkeit.

Obwohl sie so ärmlich lebten, hatte Ianthe niemals Gram gehegt. Es war merkwürdig, aber solange sie nicht viel besaßen, konnte ihnen auch niemand etwas stehlen, und das war gut so. Das einzig Wertvolle in ihrem Leben war ein Buch, das sie von ihrer Mutter zu ihrem zehnten Weihnachtsfest geschenkt bekommen hatte und welches nun gut beschützt in einer Lindenholzschatulle in einer dunklen Ecke der Hütte ruhte. Manchmal, wenn es die Zeit hergab und alle anderen aus dem Haus waren, holte sie es hervor, um ein paar Seiten zu lesen. Dann verschwand es wieder und blieb ein Ort der Geheimnisse und Erinnerungen. Sie wollte nicht zu oft darin lesen oder es gar abnutzen, weil sie befürchtete, dass es dann an Bedeutung verlieren und seine Zauberkraft einbüßen würde. Natürlich konnte es nicht im eigentlichen Sinne zaubern, vielmehr brachte es sie zum Träumen und entführte sie in fremde ferne Welten, wies sie aus dem grauen Alltag in eine Welt voller Abenteuer. Und sie wusste, dass es sich mit diesem Buch so verhielt wie mit einer süßen Köstlichkeit: Je mehr man von ihr genoss, und je öfter, desto schneller wurden man ihrer überdrüssig. Nach dem Tod ihrer Eltern vor fünf Jahren waren die beiden Kinder bald in die Armut abgerutscht, hatten sich mit Jonas’ Wissen und ihren vier Händen diese Hütte zusammengebaut und lebten dort nun mehr schlecht als recht, aber immerhin in Sicherheit, denn bis zu diesem Tag, an dem der Soldat erschienen war, hatte noch nie jemand den Weg zu dieser Lichtung gefunden. Hier im Wald hatten sie Äpfel, Erbsen, Wurzeln und auch Hafer für sich angebaut, aber viel zu oft ließen Schädlinge und die viel zu kalten, nassen Sommer die Ernte so gering ausfallen, dass sie kaum für eine Jahreszeit reichte, geschweige denn für ein ganzes Jahr.

Jonas’ und Ianthes Eltern waren noch während der ersten Kriegsjahre durchaus vermögend gewesen. Der Vater hatte als Kaufmann gutes Geld verdient, doch nachdem er auf Reisen der Pest zum Opfer gefallen und die Mutter kurz darauf an gebrochenem Herzen gestorben war, hatten durchtriebene Nachbarn den Kindern das Geld gestohlen. So waren sie auf der Straße gelandet. Doch mit mehr Glück als Verstand und immer wieder Hilfe von gutherzigen Menschen hatten sie die letzten fünf Jahre allen Schicksalsschlägen zum Trotz überstanden, und es sollte doch mit dem Teufel zugehen, wenn es nicht auch in Zukunft so sein würde.

Ianthe lauschte nach Geräuschen, die der Soldat vor der Hütte verursachen könnte, doch es war so still, als wäre da niemand. Sie legte ihren Kopf gegen die Holzbalken, hinter denen er sich befinden mochte, doch nichts als das Rauschen des Waldes war zu hören.

Vor der Hütte fand der Reiter keine Ruhe. Am liebsten hätte er sich mit Wein betrunken, wie er und all seine Kampfgenossen es an den vorangegangenen Abenden getan hatten, doch ein Gang ins Dorf konnte ihn nun das Leben kosten. Wein löschte Erinnerungen aus, zumindest für die Zeit, in der man ihn trank und ein paar Stunden länger, ebenso wie Bier. Doch es gab kein Bier oder Wein, es gab nur Bilder, Blut und Schmerz, und immer wieder den Gedanken an den verletzten Reiter unter dem Baum, dem er nicht geholfen hatte. An den Sohn seines Herrn, der sie beide in diese Wüste geschickt hatte. Eine Wüste ohne Hitze, aber genauso todbringend.

Es war spät in der Nacht, als er die Unruhe nicht mehr ertrug und aufstand. Torkelnd ging er zu dem Gatter, in dem die Stute graste. Sie bemerkte ihn und hob ihren Kopf. Geduldig ließ sie zu, dass er sie sattelte, zäumte und aufsaß und trug ihn in den Wald, in dem man kaum noch die Hand vor Augen sehen konnte. Es dauerte nicht lange, da war die Stute so nervös durch die Geräusche des Waldes, dass der Reiter abstieg und sie zurück zur Lichtung führte. Es machte keinen Sinn, er würde bis zu Morgendämmerung warten müssen.

Doch die Unruhe war übermächtig. Beim zweiten Versuch führte er die Stute von Beginn an. Er tastete sich vorsichtig vorwärts, bis er drei Stunden später tatsächlich auf einen größeren Pfad stieß. In der Dunkelheit konnte er nicht erkennen, ob es eben jener Weg war, der ihn hergeführt, oder ob er sich verirrt hatte. Es war gleich, er ritt ihn in die Richtung, aus der er vermeintlich gekommen war. Wenn er es richtig in Erinnerung hatte, dürfte es nicht allzu lange dauern, bis er ihn fand.

Den jungen Mann. Und was würde er dann tun? Ob er längst gestorben war? Ob ihn andere Leute gefunden hatten?

Die Frage wurde schneller beantwortet, als ihm lieb war. In der Dunkelheit zeichnete sich bald ein weißer Punkt ab, der sich wiehernd auf die Stute zubewegte.

»Verdammt, den Hengst hatte ich vergessen«, schimpfte der Reiter lautstark und ließ die Stute antraben, damit der Hengst gar nicht erst die Chance bekam, sich ihr zu nähern.

»Verschwinde!«, rief er ihm vorsorglich entgegen.

Was den Hengst herzlich wenig interessierte. Der blieb zwar aus dem Trab heraus dicht vor ihnen abrupt stehen und stemmte die Beine in den Boden, machte aber keine Anstalten, den Weg freizugeben. Seine Nüstern blähten sich, er atmete mit erhobenem Kopf laut und interessiert. Ein leises Wiehern kam aus seiner Kehle, das die Stute abwehrend ihren Kopf auf und ab werfen ließ.

Der Reiter lenkte die Stute an dem Hengst vorbei und ließ sie traben, bis sie die alte Eiche erreichten. Der Hengst folgte ihnen wie ein Geist.

Der junge Mann saß unverändert angelehnt an den Baum, er hatte die Augen geschlossen, sein Kopf hing leblos auf seiner Brust.

Vorsichtig ließ sich der Reiter aus dem Sattel gleiten und näherte sich dem Verletzten, so als könne dieser jeden Moment aufspringen und ihn angreifen.

»Seid Ihr wach, Herr?«

Wie erwartet erhielt der Reiter keine Antwort auf seine Frage. Er ging neben dem jungen Mann in die Hocke und griff vorsichtig nach dessen Schultern, dann nach einer Hand. Sie glühte. Aber er schien kaum noch Leben in sich zu haben. Der Soldat suchte im Dunkeln nach den Schnallen, um den Brustpanzer zu öffnen, in den der Verletzte noch eingesperrt war. Es war nicht einfach, sie zu lösen, und als er das reich verzierte Metall endlich beiseitelegen konnte, sackte der Verletzte wie ein nasser Sack in sich zusammen und wäre ins Gras gesunken, hätte der Soldat ihn nicht daran gehindert.

Der Hengst näherte sich. Er schnüffelte prüfend an seinem Herrn, schnaubte und trat etwas abseits, ohne den Blick von dem fremden Reiter zu wenden.

Vorsichtig fasste der Reiter den Verwundeten und hob ihn so behutsam, wie es ihm möglich war, erst über seine Schulter und dann in den Sattel des Pferdes. Kaum saß der junge Mann im Sattel, da rutschte er auch schon zur Seite, und der Reiter hatte seine Mühe, den Bewusstlosen oben zu halten. Als sie den Wald erreichten, begann es im Osten bereits zu dämmern. Die Luft füllte sich mit Vogelstimmen, und der Wald erwachte zu neuem Leben, nachdem die Nachttiere sich schlafen gelegt hatten. Der Reiter hatte mehrfach ein Stück Stoff, das er von seinem Hemd abgerissen hatte, in den schmalen Bachlauf getunkt, der ab und zu neben dem unscheinbaren Pfad verlief, und damit das Gesicht des jungen Mannes abgerieben. Dieser fieberte stark ,und der Reiter befürchtete, dass er bald seinen Kopfverletzungen erliegen würde. Soviel er sehen konnte, war der Schädel heil geblieben, aber die große Fleischwunde, die knapp über den Augen auf der Stirn klaffte, hatte sich, nachdem sie den ganzen Tag nicht gereinigt worden und der warmen Luft und Fliegen ausgesetzt gewesen war, entzündet.

Als sie die Lichtung erreichten, stand Ianthe in der Tür der Hütte und versuchte zu verstehen, was sie sah.

»Komm her, Mädchen, er wird dich brauchen«, rief der Soldat ihr zu.

»Herrje«, war das Einzige, was sie hervorbrachte, und auch Jonas schien es die Sprache verschlagen zu haben, als er kurz darauf dazustieß. Der Reiter warf ihnen einen kurzen Blick zu, dann führte er die Stute vor den überdachten Bereich und hob den jungen Mann vom Pferd. Als er ihn in das Stroh legte, seufzte der Verletzte tief, so als habe er durch die Bewusstlosigkeit hindurch bemerkt, dass er endlich weich liegen konnte.

»Hör zu, ihr müsst euch um ihn kümmern, könnt ihr das?«

Ianthe nickte zweifelnd.

»Ein klein wenig kenne ich mich mit Wunden aus.«

»Ich hoffe, er übersteht es, aber ich kann euch nicht helfen. Sorge dafür, dass er vorerst nicht unter Menschen geht, es ist sicherer für ihn. Und meidet die Soldaten!«

Ianthe warf ihm einen fragenden Blick zu. Diese Warnung erschien ihr merkwürdig, wo doch jeder die Soldaten mied, wenn ihm sein Leben lieb war.

»Er dürfte nicht hier sein«, meinte der Soldat leise. »Ich dürfte nicht hier sein, aber er schon gar nicht.«

Dabei beließ er es, stand auf und fing den weißen Hengst ein, der sich inzwischen auf der Lichtung eingefunden hatte und wieder Interesse an der Stute bekundete.

   2   

DER FREMDE

Ianthe hatte eine Wolldecke für den Verletzten geholt, da er immer wieder von Schauerwellen heimgesucht wurde, die ihm der Schüttelfrost durch den Körper laufen ließ. Der Trunk aus Weidenrinde, den sie ihm hatte einflößen wollen, war größtenteils im Spitzenkragen versickert. Doch ein paar Schlucke hatten den Weg in den Magen gefunden, und Ianthe hoffte, die Weidenrinde würde bald ihre Wirkung zeigen und das Fieber senken. Die Säuberung der Wunde war nicht weniger schwierig, denn sie hatte sich bereits oberflächlich geschlossen, während die Entzündung unterhalb der Kruste weiter schwelte. Mit warmem Wasser hatte Ianthe die Kruste aufgeweicht, die Wunde geöffnet und ihre Nase vor dem Geruch, der ihr daraufhin entgegenquoll, verschlossen. Sie wusch die Wunde mit einer Kamillenlösung aus und verband sie mit dem saubersten Tuch, das sie hatte finden können.

Nun kniete sie neben dem Fremden und versuchte, das Stroh unter ihm so zu arrangieren, dass er halb im Sitzen schlafen konnte, ohne den Halt zu verlieren. Ihr Blick fiel auf den Hengst, und sie begann sich vorzustellen, mit wem sie es wohl zu tun hatte.

Der Soldat hatte sich etwas abseits der jungen Leute hingesetzt und den Blick in den Wald gewandt. Ihn interessierte das Treiben um ihn herum nicht. Das Mädchen kümmerte sich um den jungen Mann, was bedeutete, dass er nun überflüssig war und gehen konnte. Das Schuldgefühl hatte er erstickt, indem er den Verletzten hierhergebracht hatte, nun trug er keine Verantwortung für andere mehr, nur mehr für sich selbst.

Bald war die Waldlichtung erwärmt vom Sonnenlicht, die vereinzelten langen Gräser beugten sich einem seichten Wind, um kurz darauf wieder der Sonne zu trotzen. Hummeln surrten von Kleeblüte zu Habichtskraut und vorbei an einer dicken Butterblume, auf der sich eine nicht minder dicke Biene im Pollenstaub vergnügte, und über allem lag eine große Ruhe, die nur ab und an von einer zarten Vogelstimme durchbrochen wurde. Es war Mittagszeit, und auf seinem Lieblingsplatz vor der Hütte rekelte sich ein alter, getigerter Kater in der Sonne. Dann und wann erwachte er aus seinem Schlaf, nur um kurz aufzustehen, sich einmal um die eigene Achse zu drehen und sich leicht verändert wieder hinzulegen. Er hatte nur noch ein stahlblaues Auge, mit dem er ab und an die Umgebung untersuchte. Er war Hüter dieses Waldflecks, noch hatte ihn kein anderer Kater von seinem Platz verdrängen können.

Ianthe saß seit mehreren Stunden neben dem Verletzen und ließ sich die Sonne aufs Gesicht scheinen. Ab und zu tauschte sie die kühlenden Tücher aus, die sie dem jungen Mann um Arme und Beine gewickelt hatte. Ihre Behandlung schien Erfolg zu haben, denn zum frühen Abend hin fieberte er nicht mehr so stark, und offenbar hatte er keine Alpträume mehr; zumindest schlief er nun ruhig und entspannt und redete nicht immer wieder wirres Zeug, auf das sich Ianthe keinen Reim machen konnte.

Der Soldat war fort. Am frühen Nachmittag hatte er sich zu seiner Stute begeben, die Waffen genommen, die Jonas ihm kurz zuvor ausgehändigt hatte, und sich auf den Weg in den Wald gemacht. Bevor er im fast undurchdringlich scheinenden Gewirr der Bäume und Sträucher verschwunden war, hatte er noch einmal einen Blick zurück auf die Lichtung geworfen, dorthin, wo der junge Mann lag. Ianthe hatte auf seinem Gesicht keine Regung entdecken können. Dann hatte der Wald Stute und Reiter verschluckt, und Ianthe fragte sich, ob er sie wohl noch einmal auf dieser Lichtung ausspeien würde.

In einem stillen Moment, zwischen zwei Umschlagwechseln und während Jonas auf Jagd war, ging Ianthe in die Hütte und schöpfte mit einem kleinen Holzbecher Wasser aus der weiten Steingutschüssel, die sie noch aus dem Haus ihrer Eltern hatten retten können. Ganz in Gedanken versunken setzte sie sich auf einen der Schemel und blickte durch das einzige Fenster in den Wald. Soweit man es ein Fenster nennen konnte, denn es war nur eine einfache Öffnung in der Hüttenwand, kaum größer als zwei Hände, die man bei Kälte oder Dunkelheit mit dem ausgesägten Stück Holz wieder verschloss. Im Winter pfiff der Wind durch die vielen Löcher zwischen den Brettern, aus denen die Hütte gezimmert war. Gegen die bittere Kälte schützten sie sich mit erjagten Fellen, die sie jetzt im Herbst noch in einer großen Kiste lagerten und mit denen sie die Schlafstätten aufpolsterten. Gegen Eisfüße halfen später Lappen, die sie um die letzten Schuhe banden, die ihnen noch aus ihrem früheren Zuhause geblieben waren.

Für einen kurzen Moment hatte Ianthe ihren Kopf in den Händen vergraben, als der getigerte Kater mit einem buschigen Schwanz in die Hütte geflitzt kam und in zwei Sprüngen oben auf dem Podest saß.

»Was ist denn mit dir los, Peter?«, fragte Ianthe leise, um dem Grund, der den Kater in Angst versetzt hatte, auch ja nicht zu verraten, dass sie sich in der Hütte befand. Vorsichtig stand sie auf, und ohne ein Geräusch zu machen, schlich sie zur Tür, streckte den Kopf zuerst nur so weit vor, dass sie mit einem Auge die Lichtung absuchen konnte, und als sie nichts entdeckte, vor dem man sich fürchten musste, trat sie hinaus in die Abendsonne. Aus dem Wald hörte sie das Rascheln der Büsche, und schnell erkannte sie, dass Jonas auf seiner Jagd Erfolg gehabt hatte: Ein Rebhuhn war ihm in die Finger geraten.

»Ist irgendetwas passiert?« Jonas wollte das Rebhuhn fallen lassen, als er Ianthe regungslos und in Habachtstellung vor der Hütte stehen sah.

Ianthe ließ ihre angespannten Schultern sinken und atmete die Luft aus, die sie in ihren Lungen gefangen gehalten hatte.

»Nein, es ist nichts!«, rief sie Jonas entgegen. »Peter lief eben ganz plötzlich wie vom Teufel gejagt in die Hütte, da dachte ich mir, ich schau mal nach, vor welchem Wolf ich ihn dieses Mal beschützen muss.« Sie grinste. »Sag bloß, du hast ihn erschreckt?«

»Nicht dass ich wüsste«, antwortete Jonas und hielt das Rebhuhn zufrieden in die Luft. »Ich habe ihn allerdings vor einiger Zeit im Wald mausen gesehen, vielleicht hat ihm ja eine Maus in die Nase gebissen.«

»Mag sein.«

Als sie an dem Verletzten vorbeikamen, warf Jonas einen zweifelnden Blick auf ihn.

»Er ist noch nicht zu sich gekommen?«

»Nein, noch nicht. Aber sein Fieber ist etwas zurückgegangen, seitdem ich ihm die kühlen Wickel gegeben habe. Da fällt mir ein, dass es bald wieder Zeit sein wird. Sie müssten jetzt warm sein.«

»Gut, ich schau derweil mal, was das Rebhuhn von vorgestern macht. Eigentlich müsste es jetzt abgehangen sein. Aber wehe du schimpfst hinterher, dass es wieder zu gerupft aussieht!«, grinste Jonas und verschwand mit seinem erneuten Jagderfolg in der Hütte.

»Da mach dir mal keine Gedanken!«, rief Ianthe ihm hinterher. »Was auch immer du aus dem Huhn machst, ich werde es schon essen, so ein Knurren wie ich im Magen habe.«

Kaum hatte sie das letzte Wort gerufen, als zum ersten Mal eine Regung durch den Körper des jungen Mannes ging. Er bewegte sich vorsichtig, lag dann für eine Weile wieder ruhig und öffnete schließlich blinzelnd die Augen.

Da Ianthe seitlich von ihm saß, fiel sein schmerzender Blick nur auf ein paar Holzbalken und den abendlichen Wald dahinter. Seine Hände suchten nach Halt, um den Körper aufzurichten.

»Wartet, ich helfe Euch.« Ianthe griff nach seinem Arm und erschreckte den Verletzten so sehr, dass er zusammenfuhr und sie selbst aufschrie.

»Ent- Entschuldigung«, stammelte sie. »Habe ich Euch wehgetan?«

»Brauchst du Hilfe?«, hörte sie Jonas aus der Hütte rufen.

»Nein«, kam ihre Antwort vorsichtig zurück.

»Habt Ihr große Schmerzen? Möchtet Ihr etwas trinken?«

Im Kopf des jungen Mannes jagten die Gedanken durcheinander. Wo war er? Was war geschehen? Es herrschte eine beängstigende Leere in seinem Kopf und auf keine seiner Fragen konnte er sich eine Antwort geben. Aber eins wusste er.

»Ja, bitte.« Der Durst war schier unerträglich und seine Kehle so rau, als hätte er Sand eingeatmet.

Bevor Jonas überhaupt von seinem gerupften Huhn aufgucken konnte, war Ianthe in der Hütte, hatte einen Holzbecher voll Wasser geschnappt und war wieder um die Ecke verschwunden.

»Brauchst du wirklich keine Hilfe? Ist er endlich zu sich gekommen?«

Dieses Mal erhielt er keine Antwort.

Ianthe hockte sich wieder neben den Fremden und flößte ihm vorsichtig das Wasser ein. Er trank wie ein Halbverdursteter und hatte den Becher schnell bis zum Grund geleert.

»Möchtet Ihr noch etwas mehr Wasser?«

Die Antwort war ein schwaches Kopfschütteln, dem kurz darauf eine schmerzverzerrte Miene folgte.

»Nein«, kam dem Verletzten mühsam über die Lippen. »Danke.«

Er versuchte, sich noch einmal hinzusetzen, jedoch ohne Erfolg, seine Arme fühlten sich so kraftlos an, als hätte er sie noch nie benutzt. Auch der Rest des Körpers war durchzogen von Schwäche, und wenn er den Kopf bewegte oder die Augen öffnete, dann drehte sich die Welt um ihn in schwindelerregender Geschwindigkeit. So dämmerte er eine Weile vor sich hin, versuchte, sich auf die Gesänge der Vögel zu konzentrieren, die er durch den Nebel des Fiebers und Schmerzes wahrnahm, aber es gelang ihm nicht einmal für die Dauer von fünf Minuten. Als er kurz darauf endlich wieder in einen ruhigen Schlaf eintauchte, fühlte er sich, als habe er während der kurzen Zeit des Wachseins die Welt zweimal zu Fuß umrundet.

Ianthe bemerkte, wie der Verletzte im Stroh zusammensackte, als der Schlaf seinem Körper die Spannung nahm. Sie stand auf und ging zu Jonas in die Hütte, der das Rebhuhn inzwischen so weit vorbereitet hatte, dass sie es nur noch zu braten brauchte. Er warf ihr einen hoffnungsvollen Blick zu, so als sei er ein dürrer Hund, der seit Tagen nichts mehr zu essen bekommen hatte. Tatsächlich hatten sie seit Tagen kaum etwas gegessen, und der permanente Nahrungsmangel schwächte sie beide.

»Hatte ich recht? Ist er zu sich gekommen?« Jonas wurde ungeduldig, als Ianthe sich auf ihren Schemel setzte, die Ellbogen auf den Holztisch stemmte und ihren Kopf in den Händen vergrub. Er bekam ein müdes Nicken als Antwort.

»Schön, wenn wir Glück haben, ist er schon auf dem Weg der Besserung und wir sind ihn bald los. Wir können es uns wirklich nicht mehr lange leisten, noch einen hungrigen Magen füttern zu müssen, noch dazu einen Kranken.«

»Du sagst es! Er ist krank, das heißt, er wird nicht viel essen, wenn überhaupt. Du hast also keinen Grund zu schimpfen, und erst recht musst du dir keine Sorgen machen!« Ianthe spürte eine ihr fremde Wut wie ein Unkraut in ihrer Brust wachsen. Sie wusste selbst zu gut, wie schlecht es um sie stand, da konnte sie nicht auch noch Jonas gebrauchen, der unablässig predigte, wie elend es ihnen in der armseligen Hütte ging. Sie warf ihrem Bruder einen Blick zu, der ihm schnell zu verstehen gab, dass es klüger für ihn war, auf ihre Bemerkung kein Wort zu antworten. Er stand auf und begann, das Feuer in der kleinen Feuerstelle zu schüren, legte Holz nach und beobachtete, wie die Flammen sich nach und nach Futter holten und bald genug Hitze boten, um das Rebhuhn zu braten.

»Hilfst du mir, ihn auf das Podest zu tragen?«, fragte Ianthe, nachdem Jonas das Rebhuhn über das Feuer gehängt und sich wieder an den Tisch gesetzt hatte. Ihre Augen trafen auf die ihres Bruders, der sie ansah, als verlange sie etwas ganz und gar Unmögliches. So sehr sie sich darüber wunderte, so sehr wusste sie, dass ihre Worte zuvor einen Tick zu harsch gewesen waren. Das wurmte sie umso mehr.

»Er kann doch heute Nacht nicht dort draußen liegen«, rief sie erbost, als Jonas nur abwehrend den Kopf schüttelte. »Er braucht einen anständigen Platz zum Schlafen, wenn er bald wieder gesund werden soll, und außerdem sollte ständig jemand nach ihm sehen. Was ist, wenn er heute Nacht dringend Hilfe braucht?«

Jonas antwortete ihr nicht. Er starrte vor sich hin und ließ ein Stöhnen hören, in das er all seine Frustration legte.

»Gut.« Ianthe sprang auf und holte den Rest ihrer Lagerstatt vom Podest. »Wenn du ihn nicht im Haus duldest, dann schlafe ich bei ihm draußen. Ob es dir passt oder nicht. Irgendjemand muss auf ihn Acht geben.«

»Ianthe ...« Jonas hob verwirrt den Kopf.

»Schweig. Sei einfach still. Ich wache bei ihm draußen und Schluss. Wenn ein Wolf oder Bär kommt, um uns beide zu fressen, dann schrei ich.« Sie begann den Stab, auf den sie das Rebhuhn aufgespießt hatte, zu drehen, damit es von allen Seiten gar und knusprig wurde. Der Duft von gebratenem Fleisch erfüllte bald die Hütte und ließ allen Anwesenden das Wasser im Mund zusammenlaufen. Auch der getigerte Kater kam angelaufen und bekam sein Stück vom Braten ab.

Spät am Abend saß Ianthe wieder bei dem Verletzten, eingewickelt in eine der Wolldecken, die fast schon auseinanderfiel, so mottenzerfressen und alt war sie. Ein leichter Wind wehte über die Lichtung und durch ihre Haare. Nachdem die Sonne untergegangen war, verwandelte sich der Wald in eine Welt voller Lebewesen, die entweder so hässlich sein mussten, dass sie sich bei Tageslicht nicht hervortrauten, oder den Mond der Sonne vorzogen. So dünkte es zumindest Ianthe. Sie konnte von Glück sagen, dass der Mond fast voll war und kaum eine Wolke über den Himmel wanderte, sonst hätte sie die Nacht in völliger Dunkelheit verbringen müssen. So konnte sie zumindest die schemenhaften Umrisse des Fremden erkennen, und das gab ihr Sicherheit, wenn er ihr auch nicht helfen konnte, sollte ein hungriger Wolf sich nähern.

Sie schloss die Augen und dämmerte ein wenig, als sie ein Rascheln neben ihr weckte. Der Verletzte sog Luft in seine Lungen, als habe er sich vor etwas erschreckt. Sein Atem war schnell und gehetzt.

»Ist gut, ich bin ja da«, flüsterte sie und hockte sich neben ihn. »Habt Ihr etwas Schlechtes geträumt?«

»Ich sehe nichts mehr«, murmelte der Fremde entsetzt und brachte Ianthe ungewollt zum Lachen.

»Es ist Nacht«, erklärte sie sanft. »Ich sehe ebenso wenig, wie Ihr es tut. Wenn man sich ein bisschen konzentriert, kann man ein paar Umrisse wahrnehmen, mehr aber nicht.« Das Atmen beruhigte sich.

»Habt Ihr Durst?« Ianthes Hand suchte nach dem Wasserkrug, den sie in der Nähe eines Holzbalkens gelassen hatte und nun nicht finden konnte.

Stille. Sie wartete auf eine Antwort.

»Mir ist eher nach dem Gegenteil zumute«, kam es aus dem Dunkeln.

»Gebt mir Eure Hand!« Mit aller Kraft schaffte es Ianthe, dem jungen Mann auf die Beine zu helfen und mit ihm ein Stück in die Büsche am Rande der Lichtung zu laufen, damit er seine Notdurft verrichten konnte.

»Gott, ist mir übel«, sagte der Verletzte leise.

»Sprecht nicht so viel, wenn es Euch die Kräfte raubt. Soviel ich weiß, ist Übelkeit völlig normal, wenn man sich am Kopf verletzt.«

»Wie konnte das geschehen?«

»Das wisst Ihr selbst nicht? Ein Soldat hat Euch mit einer Kopfverletzung hierhergebracht, aber er hat nicht gesagt, wie es dazu gekommen ist.«

»Mein Kopf ist furchtbar leer«, brachte der junge Mann hervor. Er suchte nach Erinnerungen, traf aber in seinem Kopf auf dieselbe gähnende, schwarze Leere, wie sie vor seinen Augen war. Nach einer schier endlosen Zeit ließ er sich wieder zurück ins Stroh sinken.

»Danke.« Er spähte in die Dunkelheit, um Näheres über die Person herauszufinden, die ihm geholfen hatte, aber mehr als ihre Umrisse konnten seine Augen nicht erkennen.

»Wie heißt du?«, versuchte er schließlich, seine Neugier anderweitig zu befriedigen. Nach ihrer Stimme zu gehen, war sie jung.

»Ianthe, und Ihr?«

Wieder Stille.

»Habt Ihr denn keinen Namen?«, amüsierte sie sich, bis ihr dämmerte, dass der Fremde durch seine Kopfverletzung alle Erinnerungen an sein früheres Leben verloren haben musste, einschließlich seines Namens.

Verzweiflung machte sich im Kopf des Fremden breit. Er erinnerte sich dunkel an ein weißes Pferd und an eine Wanderung durch den Wald, die eher einer Flucht glich, aber mehr wollte ihm sein Kopf nicht enthüllen.

Als die Zeit verstrich und Ianthe noch immer keine Antwort erhalten hatte, schüttelte sie die Verwunderung ab und versuchte es anders.

»Habt Ihr Hunger? Jonas hat vor zwei Tagen ein Rebhuhn gefangen und ich habe eine Art Hühnerbrühe davon gemacht, die Euch neue Kraft geben würde, wenn Ihr sie denn mögt.«

»Ja, mir ist zwar nach wie vor übel, aber das ändert nichts daran, dass mein Magen knurrt wie verrückt.« Die Stimme des Fremden versuchte hörbar, die Unsicherheit zu verdrängen. Er richtete sich vorsichtig auf. Jetzt, wo die Sonne nicht schien und die Luft kühl war, ging es seinem Kopf etwas besser. Der Schmerz hatte nachgelassen, war aber noch stark genug, um seinen Körper zu lähmen und jede Kopfbewegung oder Erschütterung zu einer Tortur zu machen. Die Verletzung pochte, so als stünde dort ein Zwerg, der mit einem Hammer gegen seinen Schädel schlug.

Ianthe holte die Suppe und fütterte den Fremden Löffel für Löffel, bis die ganze Schüssel leer war. Der Fremde öffnete erneut den Mund, in der Hoffnung, noch einen Löffel zu erhalten. Ianthe lachte.

»Tut mir leid, das war alles.«

»Gottverdammt« kam ein leiser Fluch, dann sah sie im schwachen Licht des Mondes ein Lächeln über sein Gesicht huschen.

»Vielen Dank, es schmeckt sehr gut und ich hätte gerne noch mehr gehabt«, meinte er und rutschte zurück ins Stroh. Sein Körper fühlte sich ein weiteres Stückchen besser an, nur sein Kopf war so erinnerungslos wie zuvor. Er gähnte vorsichtig.

»Ihr habt recht, Ihr solltet jetzt schlafen. Ich halte währenddessen Wache.« Ianthe setzte sich auf ihren Strohsack und verkroch sich unter ihrer Decke. »Gute Nacht!«

»Gute Nacht!«, kam die Antwort. »Du schläfst nicht?«

»Nein, ich werde die Augen oder besser gesagt die Ohren offenhalten. Falls sich Wölfe nähern.«

»Falls sich Wölfe nähern«, wiederholte der Fremde nachdenklich. Dann blieb es ruhig.

1. TRAUM

Es donnerte. Die Dunkelheit schien undurchdringlich, wie ein schwerer, dunkler Vorhang aus Samt, der alles Licht schluckte. Ab und an wurde die Nacht von feurigen Blitzen erleuchtet. Eine alte Eiche gab ihm Schutz vor dem Regen. Der kleine Junge presste sich gegen sie, als könne sie ihre Äste wie Arme schützend um ihn legen. Seine Wut auf seinen Vater war einer großen Angst gewichen. Er hatte sich verlaufen. Er kannte den Weg nach Hause nicht mehr, zur heimatlichen Burg. Sein Atem ging schnell. Wer würde ihn hier finden? Wer brachte ihn jetzt zurück in die sicheren Mauern?

»Friedrich«, jammerte er. Dies war der Name seines besten Gefährten auf der Burg. Der Name des Hauptmanns der herzoglichen Garde, der über die zehn Jahre, die der Junge jetzt lebte, immer ein Auge auf ihn gehalten, ihn getröstet hatte, wenn er es bei den restlichen Adligen nicht mehr ausgehalten hatte. Und nun war Friedrich nicht da. Nur die Eiche, die inmitten des dichten Waldes stand, der die Burg auf drei Seiten umgab.

Der Junge sah das Gesicht seines Vaters wieder vor sich. Seit mehreren Tagen hatte sich dieser mit den Fremden unterhalten, hatte jede freie Minute den Soldaten geschenkt oder dem Schachspiel mit Graalfs, diesem Mann, den der Junge nicht leiden konnte. Sein Vater hatte nicht eine Minute für ihn gehabt, hatte ihn ignoriert, so als sei er das Lästigste auf der Welt. Und als dem Jungen dann aus Versehen beim Abendmahl ein wertvolles Glas aus der Hand gefallen und auf dem Boden zerschellt war, war der Vater in Wut geraten und hatte ihn vor seiner Mutter und den Fremden des Salons verwiesen. Er war zu Friedrich gelaufen, doch der war nicht in seinem Raum in der Soldatenbaracke zu finden gewesen. Wahrscheinlich führte er eine Order aus, die er vom Vater des Jungen erhalten hatte. Und so war der Junge einfach durch das offene Tor der Stallungen davongelaufen. Die Wut auf seinen Vater schäumte in ihm. Immer weiter war er über das freie Feld bis zum Wald gestürmt, während am Horizont bereits die Blitze eines Gewitters aufleuchteten. Es war kalt in dieser Mainacht.

Der Blitz krachte nur wenige Fuß entfernt von dem Jungen in eine andere Eiche. Ein Teil des Baumes schlug knapp neben dem Jungen auf dem Waldboden auf und wirbelte ihm Schmutz und Blätter um die Ohren. Er löste sich von seiner Eiche und jagte weiter in den Wald hinein. Bis er plötzlich über einen Ast stolperte und in die Aushöhlung fiel, die ein entwurzelter Baum hinterlassen hatte. Als der Lärm des nächsten Blitzes verklungen war, schmerzten dem Jungen der Arm und der Knöchel des Beins, mit dem er hängen geblieben war, und er wagte sich nicht mehr zu bewegen.

Zur gleichen Zeit gerieten auf einer Weide mehrere Pferde in Panik, darunter eine zierliche weiße Stute mit einem neugeborenen braunen Hengstfohlen. Die Herde entkam der Umzäunung und jagte wie vom Teufel selbst gehetzt durch den Wald. Die Stute verlor in ihrer blinden Furcht das Fohlen für kurze Zeit aus den Augen, aber diese Minuten reichten aus, um sie für immer voneinander zu trennen.

Verständnislos suchte das Fohlen in der Dunkelheit nach seiner Mutter. Doch es fand sie nicht. Stattdessen geriet es nach Stunden der Suche am frühen Morgen an den Jungen, der noch immer regungslos in seinem Erdloch lag.

Der Junge erwachte aus seinem Schlaf, in den er nach dem Gewitter gefallen war. Er zitterte, es war furchtbar kalt. Seine Kleidung war noch immer durchnässt und voll Schmutz gesogen. Ein schnaufendes Geräusch ganz in der Nähe seines Kopfes ließ ihn hochschrecken. Sein Blick fiel auf das braune Fohlen, das ihn nicht minder erschreckt ansah und einen mächtigen Satz in den Wald machte. In diesem Moment wurde das unsichtbare Band zwischen dem Jungen und dem Fohlen geschmiedet.

Als Friedrich den Jungen fand, war es bereits Mittag. Mit zehn seiner Männer hatte er die Wälder durchkämmt, nachdem er dem Vater nicht hatte glauben wollen, dass der Sohn entführt worden war. Irgendeine innere Stimme hatte ihm gesagt, dass er den Jungen im Wald finden würde, wohin dieser oft lief, wenn er Ärger mit seinem Vater hatte, und er, Friedrich, sich nicht um ihn kümmern konnte, weil ein weiterer Auftrag auf seine Erfüllung wartete.

Und jetzt sah er den Jungen ihm entgegenlaufen, mit einem braunen Fohlen. Es folgte dem Jungen wie ein Schatten.

Der Morgen kam mit einem leichten Regen. Kurz vor der Dämmerung waren die Wolken aufgezogen und ergossen nun ihren Inhalt über die Lichtung wie auch über die kleine Hütte. Ianthe stellte es mit einer gewissen Enttäuschung fest, denn zum einen hatte es die ganze Nacht über nicht nach Regen ausgesehen, und zum anderen fühlte sie sich einfach zu gut für einen grauen, schwermütigen Himmel. Andererseits konnte sie nun endlich die Augen schließen, denn mit den erwachenden Vögeln gingen die Wölfe schlafen, auch wenn sie sie die ganze Nacht nicht hatte heulen hören. Sie streckte sich unter ihrer klammen Decke auf dem Strohsack aus, bis ihre Glieder entspannt waren. Neben ihr lag der Fremde, inzwischen nicht mehr steif auf dem Rücken, sondern auf die Seite gerollt, und atmete ruhig. Für kurze Zeit holte sich ihr Körper den Schlaf, den er brauchte, bevor sie die quietschende Tür der Hütte weckte. Jonas war auf den Beinen und die Feuerstelle wartete. Es galt Hafer zu quetschen für das Frühstück. Dann kochte sie ihn in Wasser, bis eine schleimige Masse entstand, und füllte zwei Schalen und einen Teller.

»Es tut mir leid, dass ich Euch nichts Besseres bieten kann«, sagte sie, als sie dem Verletzten kurz darauf eine Schüssel mit Haferschleim brachte. »Es sieht furchtbar aus und so schmeckt es auch. Leider fehlt uns die Sahne, um ihn etwas schmackhafter zu machen.« Sie betonte das kleine Wort »etwas« so sehr es ihr möglich war.

Die Reaktion des jungen Mannes war nicht anders, als sie erwartet hatte. Er warf ihr einen bemüht höflichen Blick zu, der aber die Verzweiflung über die angebotene Nahrung nicht verstecken konnte.

»Das macht nichts! Hauptsache mein Hunger gibt endlich Ruhe«, versuchte er zu lächeln.

Schon kurz nachdem Ianthe aufgewacht und ins Haus gegangen war, war auch der Verletzte zu sich gekommen. Erfreut stellte er fest, dass mit seinen Augen, anders als in der Nacht befürchtet, tatsächlich alles in Ordnung war. Zwar war noch immer keine Bewegung möglich, ohne dass ihm vor Kopfschmerz schwarz vor Augen und übel wurde, aber immerhin konnte er nun, wenn er ruhig saß und nicht redete, fast schmerzfrei wach sein und auch etwas essen.

Ianthe reichte ihm die Schale.

»Oder ist es Euch lieber, wenn ich Euch wieder füttere?« Sie musste grinsen. Einen erwachsenen Mann zu fragen, ob sie ihn füttern sollte, schien absurd.

»Danke, ich hoffe, mir geht es schon gut genug, um selbst zu essen.«

Es war gelogen, und er wusste, dass sie es wusste. Keine zwei Löffel schaffte er in seinen Mund, bis ihm so schwindelig wurde, dass er die Hand zitternd sinken lassen musste.

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, begann Ianthe ihn zu füttern. Sie aßen schweigend, und sie war froh, nach dem Essen in die Hütte gehen zu können. Es war seltsam in der Nähe des Fremden zu sein. Nicht unangenehm, sie fühlte sich wohl in seiner Nähe, aber trotzdem seltsam.

Den Vormittag verbrachte sie unter einer Linde, die ihre alten, ausladenden Äste wie ein Dach als Schutz vor dem Regen über ihrem Kopf ausbreitete, in der Nähe des Gatters, in dem sich der weiße Hengst aufhielt. Sie beobachtete, wie er ab und an den Kopf hob, als nehme er Witterung auf, ihn dann aber wieder sinken ließ. Und immer wieder ging sein Blick in Richtung des Verletzten, der Hengst schien argwöhnisch darüber zu wachen, dass sein Herr bei ihm blieb. Eine ungewöhnlich starke Bindung musste zwischen beiden existieren, denn in ihrem ganzen Leben hatte Ianthe noch kein Pferd gesehen, dass einem Menschen so anhänglich folgte. Als Jonas und sie noch wohlbehütet bei ihren Eltern gelebt hatten, waren sie öfter auf den Pferden ihrer Eltern geritten, aber keins von ihnen war so an den Menschen interessiert gewesen wie dieser Hengst.

Am frühen Nachmittag war Ianthe allein mit dem Fremden. Sie hatte neues Wasser von der Quelle geholt, die Hütte von den Blättern befreit, die der Wind immer wieder von der Lichtung hineinblies. Der Reisigbesen stand nun wieder einsam in seiner Ecke und sie saß auf ihrem Schemel am Tisch, den Blick auf die Lindenholzschatulle gerichtet. Später würde sie sich um das Unkraut in den Gemüsebeeten kümmern, aber in diesem Moment gab es nur sie, die Schatulle und das sanfte Rieseln des Landregens. Und die Stimme des Fremden, die sie aus ihrer Träumerei riss.

Als sie aus der Hütte kam, fand sie ihn totenbleich an einen Pfosten der Überdachung gelehnt. Er hatte es bis zum Rand der Lichtung geschafft, um sich ohne ihre Hilfe zu erleichtern, aber auf dem Rückweg war ihm schwarz vor Augen geworden.

»Wartet, ich helfe Euch!« Sie brachte ihn zurück auf sein Strohlager.

»Danke«, stöhnte er und hielt seinen Kopf mit beiden Händen, um dem pochenden Schmerz zu entkommen. Es war angenehm, als er spürte, wie das Hämmern langsam nachließ und nur ein dumpfes Gefühl zurückblieb. Er atmete tief ein und entspannte sich. Als er die Augen öffnete, fiel sein Blick auf Ianthe, die ihn besorgt ansah.

»Geht es Euch wieder besser?«

Er schloss die Augen und hob nur die Hand als Antwort.

»Ihr hättet mich rufen sollen. Es macht mir nichts aus, Euch zu helfen.« Sie sah ihn mitleidig an, wie er so regungslos dasaß und sich um Haltung bemühte. Sein Gesicht glänzte ein wenig vom feinen Regen. Auch die Haare waren mit einem filigranen Tropfennetz überzogen.

»Wisst Ihr inzwischen Euren Namen? Fremder?«

Er öffnete die Augen und sah sie hilflos an. Nichts wusste er. Außer ... er wandte den Kopf nach rechts auf der Suche nach dem weißen Pferd. War dieser Hengst das Fohlen aus dem Traum? Das weiße Pferd gehörte zu seinem Leben, so viel konnte er sich denken, aber in welcher Weise? Wie war er zu ihm gekommen? Er konnte dem Traum nicht vertrauen, oder etwa doch? Hatte dieser Traum ihm einen Teil seiner Erinnerung zurückgegeben?

Der Hengst hob den Kopf und betrachtete ihn ebenfalls. Als er sah, dass sein Herr zu ihm herübersah, wieherte er leise. Seine Ohren waren gespitzt.

»Es ist furchtbar«, murmelte der Fremde. »Nichts weiß ich mehr.« Er wandte sich zu Ianthe und entdeckte, dass sie blaugraue Augen hatte. »Ich kann dir meinen Namen nicht sagen, so leid es mir tut. Er will mir nicht in den Sinn kommen.«

»Macht Euch keine Sorgen, irgendwann werdet Ihr ihn wieder wissen. Und solange nenne ich Euch Fremder«, lächelte sie. »Jetzt werde ich erst einmal Euren Verband erneuern, und dann können wir nur hoffen, dass Jonas Erfolg bei seiner Jagd hat.«

»Er geht auf die Jagd?« Der Fremde verzog sein Gesicht, als sie den Verband löste.

»Ja, wir haben keine Taler, um uns Mehl und Gemüse zu kaufen. Also versuchen wir, unser Essen selbst anzubauen. Aber die Wurzeln sind in diesem Jahr nicht gut gewachsen, der Hafer ist uns halb verschimmelt. Das Wetter war zu kalt und feucht. Die wenige Gerste reicht nicht, also muss Jonas jagen, um uns am Leben zu halten.« Die Wunde hatte sich noch nicht vollständig geschlossen, aber sie war auch nicht entzündet, wie Ianthe zufrieden feststellte. »Es ist gefährlich, denn er vergreift sich am Wild des Grafen. Wenn sie ihn fangen, hängen sie ihn auf. Und für die Rebhühner muss er furchtbar weit laufen, oft ist er den ganzen Tag unterwegs, denn sie verirren sich fast nie in den Wald. Er muss an die Waldränder, wo die Felder sind.«

Der Fremde sah sie an. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch die Worte wollten nicht sofort kommen.

»Er gibt sich immer große Mühe, unsichtbar zu sein. Und er jagt auch nur ganz selten etwas Größeres als ein Rebhuhn, aber manchmal lässt es sich nicht umgehen. Es bliebe ihm nur, Hühner oder Hasen bei den wohlhabenderen Bauern zu stehlen ...«

Sie stockte. Ihr schoss der Gedanke durch den Kopf, dass sie dabei war, dem Falschen vom verbotenen Handeln ihres Bruders zu erzählen. Nach der Kleidung des Fremden zu schließen, war er wohlhabend. Wohlhabender, als ihre Eltern es je gewesen waren. Was, wenn er, sobald er gesund war, den Häschern des Grafen von den Vergehen ihres Bruders erzählte?

Der Fremde schien zu ahnen, was ihr durch den Kopf ging.

»Es wird unser Geheimnis bleiben«, versuchte er, sie zu beruhigen. »Du kannst mir glauben, was und wer auch immer ich bin, ich werde kein Wort verraten.«

»Versprecht Ihr mir das?«

»Versprochen!«

Der Verband war gewechselt. Sie hatte auch versucht, die Haare des Fremden von verkrustetem Blut zu befreien. Er hatte rotblondes Haar, fast schulterlang, wellig, wenn es gewaschen war. Im Moment schien es dunkelbraun, schmutzig und verfilzt. Auch der Bart in seinem Gesicht war verklebt. Das Blut musste ihm stundenlang über das Gesicht gelaufen sein, nur seine Haut hatte sie bisher notdürftig reinigen können. Er sah aus, als sei er geradewegs aus der Hölle gekommen.

Das Wams und das Hemd mit seinem feinen Spitzenkragen waren nur zum Teil blutverschmiert, der größte Teil war mit Staub und Erde beschmutzt, die würde sie leicht entfernen können. Für das Blut jedoch brauchte sie Gallseife. Doch Gallseife kostete Geld. Münzen, wie lange schon hatte sie keine mehr in ihren Händen gehalten?

Ein Wiehern riss sie aus ihrer Nachdenklichkeit. Der Hengst stand mit erhobenem Kopf, gespitzten Ohren und bebenden Nüstern am Zaun und blickte zu ihr und dem Fremden herüber. Er schien unruhig, sein ganzer Körper war angespannt.

»Er vermisst das Laufen«, kam es mit einem Mal von dem Fremden. Und so als wundere er sich darüber, dass er so schnell wusste, was dem Hengst fehlte, verzog er das Gesicht.

»Das kann gut sein. Das Gatter ist leider etwas klein, er kann nur ein paar Schritte traben«, bestätigte Ianthe. Ihr Blick ruhte auf dem Hengst, und sie bemerkte nicht, wie der Fremde sie prüfend musterte. »Im letzten Jahr hatten wir ein Schwein, dafür hat Jonas das Gatter gebaut. Ein wenig größer als nötig, aber nicht groß genug für Euer Pferd.«

»Kannst du reiten?«

Ianthe reagierte nicht. Die Frage schien ihr im Moment zu absurd. Konnte sie reiten? Natürlich konnte sie reiten. Aber auf diesem Pferd?

»Kannst du reiten?«, wiederholte der Fremde seine Frage ohne Ungeduld. »Er würde sich bestimmt freuen, wenn er etwas Bewegung bekäme.«

Ianthe sah ihn an, als habe er sie gefragt, ob sie Lust hätte, von der nächsten Klippe zu springen.

»Ja?«, fragte er.

Ianthe rang sich zu einem leichten Nicken durch. »Ich konnte reiten, aber es ist lange her, dass ich das letzte Mal Gelegenheit dazu hatte. Meine Eltern besaßen Pferde. Zwei, um genau zu sein. Doch keine so edlen wie Eures.«

»Eures«, wiederholte der junge Mann kaum hörbar. Der weiße Hengst schien das einzige Wesen auf dieser Welt zu sein, das ihn noch mit der Vergangenheit verband. Der Name des Tieres wollte ihm nicht mehr in den Sinn kommen, aber ein vertrautes Gefühl überkam ihn jedes Mal, wenn er einen Blick auf das Tier warf. Er hatte keine Erinnerungen, wie lange er dieses Pferd schon besaß, wusste auch nicht, was sie zusammen erlebt hatten. Er konnte Ianthe noch nicht einmal garantieren, dass der Hengst gutmütig war. Nur ein dumpfes Gefühl sagte ihm, dass er dem Tier vertrauen konnte. Es war merkwürdig.

»Ich kann dir helfen, wenn du mit ihm nicht zurechtkommst, aber so viel anders als eure Pferde sollte er eigentlich nicht zu reiten sein«, meinte er, jedoch ohne wirkliche Überzeugung.

Bald stand Ianthe neben dem Gatter. Sie hatte den jungen Mann unter die alte Linde gebracht und ihn als zusätzlichen Schutz vor dem Regen mit der Decke zugedeckt. Jetzt saß er dort und beobachtete, wie sie mit dem Zaumzeug in der Hand zögernd am Zaun stand, nur zwei Schritte von dem weißen Hengst entfernt, und sich nicht recht an ihn herantraute. Es war Unsinn, das war ihr bewusst, und doch zögerte sie.

Der Hengst rührte sich nicht, als sie sich zwischen den Latten hindurchzwängte und zu ihm trat. Er wandte seinen Kopf zu ihr und ließ sich aufzäumen, öffnete sogar freiwillig das Maul, ließ den Kopf unten und wartete geduldig, bis sie seine Ohren unter dem Genickstück des Zaums hervorgezogen hatte. Er war vorbildlich erzogen. Das Satteln klappte nicht minder gut. Und ehe sie sich versah, stand Ianthe vor dem fertigen Hengst, der nur noch darauf zu warten schien, dass sie endlich aufstieg. Sie traute sich nicht, einen Blick zurück zu werfen. Dorthin, wo der Fremde saß und sie beobachtete.

Sie saß auf. Der Schimmel stand wie eine Statue, nur sein Kopf bewegte sich ab und an nach rechts oder links, je nachdem, wo seine Ohren gerade etwas Interessantes ausgemacht hatten. Ianthe nahm die Zügel vorsichtig auf. Sofort spürte sie, wie der Hengst sich anspannte und auf den nächsten Befehl wartete.

Kurz darauf hatten sie die zehnte Runde durch die kleine Koppel gedreht. Ianthe begann sich langsam aber sicher wohlzufühlen. Der Hengst lief so ruhig, als sei er eine alte Stute, die schon alles Wichtige erlebt hatte. Aber traben und galoppieren war innerhalb der Umzäunung unmöglich. So ritt sie ihn vorsichtig bis zum Tor, brachte ihn längsseits der Holzbalken und schob den obersten Balken zurück. Nun musste sie ihn fallen lassen. Sollte sie es wagen, oder würde der Hengst sich erschrecken und sie abwerfen? Sie beugte sich so weit es ging hinunter und ließ den Balken die letzten fünfzig Zoll fallen. Der Schimmel stand völlig ruhig.

Ich hätte es ahnen können, dachte Ianthe.

»Es klappt doch ganz gut, oder?«, kam es von der Linde her. »Er scheint dich zu mögen.«

Ianthe grinste.

»Warten wir’s ab.«

Sie ritt weitere drei Runden auf der Lichtung, die groß genug war, um später auch einige Runden im Galopp zu reiten, ohne dass sie einen Drehwurm bekommen würde. Der Regen legte fürs Erste eine Pause ein. Die Wolkendecke riss auf, und die Sonne schielte ab und an zwischen den Wolken hervor, brachte die Wassertropfen auf den Grashalmen zum Verdampfen. Für den Fremden sah es so aus, als trüge der Schimmel seine Reiterin durch einen Nebel, der sie beide zu Gespenstern werden ließ.

Ianthe trabte schließlich an, und als sie nach einer Stunde auch den Galopp hinter sich gebracht hatte, spürte Ianthe ein Glücksgefühl, wie sie es sehr lange nicht mehr empfunden hatte. Alle Anspannung war gewichen und gab einem wohligen Seufzer Raum.

Sie ritt den Schimmel zu der Linde hinüber und bemerkte, dass der Fremde eingeschlafen war. Nachdem sie den Hengst von Sattel und Zaumzeug befreit hatte, ging sie noch einmal zu ihm, um zu prüfen, ob er einigermaßen bequem lag, und machte sich dann auf den Weg in die Hütte, um zu sehen, was sie an diesem Abend essen konnten.

Eine Stunde später vernahm sie plötzlich einen Schuss, ganz in der Nähe. Sofort lief sie vor die Hütte. Es dauerte nicht lange, da kam ihr Jonas aus dem Wald entgegen, in der Hand hielt er eine Pistole und er grinste.

»Hast du etwa geschossen?« Woher hatte er die Pistole?

»Ja, Schwesterchen. Und rate mal, was es bald zu essen geben wird!«, strahlte er.

»Wie soll ich das erraten? Nun sag schon!«

»Hirsch!«

Ianthe erstarrte. Sie wusste nicht, ob sie sich freuen oder ihrem Bruder lieber eine Ohrfeige für sein gefährliches Tun geben sollte. Die Freude siegte.

Oder der Hunger.

»Du scheinst nicht gerade begeistert zu sein. Kommst du und hilfst mir, das Tier auf die Lichtung zu ziehen? Ich schaffe es nicht alleine.«

»Natürlich«, murmelte sie und ging ihm grübelnd hinterher.

Als sie kurz darauf mit ihrer schweren Last zurück auf die Lichtung kamen, sah sie, dass der Fremde wach war und aufmerksam zu ihnen herüberblickte.

»Nun ist es auch egal, ob ich ihm heute Morgen von Jonas’ Wilderei erzählt habe, immerhin hat er’s jetzt sogar mit eigenen Augen gesehen«, dachte Ianthe besorgt. »Ob Jonas nicht selbst ein komisches Gefühl hat, wenn er den Hirsch vor den Augen des Fremden über die Lichtung zieht?« Er machte nicht den Eindruck.