Beschreibung

Eine Stadt, zwei Familias und eine Liebe, die nicht sein darf. Bella Punto ist die Schwester des Anführers der Trez Puntos und lebt ein Leben inmitten einer der gefürchtetsten Familias Puerto Ricos. Sie lernt von klein auf, was es heißt, sich durchsetzen zu müssen und wie die Regeln in diesem Leben lauten. Alles ändert sich, als sie eines Tages auf Paco trifft, den Anführer der Les Surenas, den größten Feinden ihrer Familia. Es entwickelt sich eine gefährliche Liebe, die nicht sein darf.

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Die anrührende Geschichte einer verbotenen Liebe

Als Erstes entstand eine Idee, eine kleine Geschichte, die mir in den Sinn gekommen ist und die ich ohne große Vorkenntnisse begonnen habe aufzuschreiben. Nun sitze ich hier, einige Jahre später, bei der Überarbeitung der Bücher und versuche, Worte für den Erfolg der Llora por el amor – Reihe zu fnden, was mir, der sonst nie die Worte fehlen, wirklich schwerfällt.

Niemals habe ich mit diesem Erfolg gerechnet und damit, wie sehr die Leser diese kleine Geschichte in ihr Herz schließen.

Weine aus Liebe ist der erste Teil, der Grundstein, dieser Buchreihe, mein allererstes Buch, vollkommen unerfahren und unbedacht aufgeschrieben und bis heute mein absolutes Lieblingswerk und mein ganzer Stolz. Mitlerweile gibt es zu der Buchreihe fünf weitere Teile und einige Sonderausgaben. Die Fans haben Trailer, Bilder und viele tolle Aktionen zu der Buchreihe erstellt und entworfen. Sie lieben die Personen der Familias genauso sehr wie ich und füchten genauso gerne in diese eigene Welt rund um Sierra.

Ich hoffe, dass noch viel mehr Menschen die Bücher lesen und ihr Herz für diese verbotene Liebe, diese ganz andere Welt und Puerto Rico öffnen werden.

Viel Spaß mit der Llora por el amor - Reihe.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Epilog

Llora por el amor 2 – Verschiedene Welten

Kapitel 1

»Wie findest du den?« Sara, meine beste Freundin, hält mir einen sehr gewagten Tanga unter die Nase. Ich nehme das Stückchen Stoff in die Hand. »Findest du das nicht etwas zu grell?« Ich mustere die pinke Farbe. »Juan liebt es so knallig.«

Seufzend drücke ich ihr den Tanga wieder in die Hand. »Das ist widerlich, Sara!« Das hat man nun davon, wenn die beste Freundin gleichzeitig mit dem Bruder zusammen ist. Sara grinst mich frech an und geht zur Kasse. Kein Wunder, dass mein Bruder ihr total verfallen ist. Sie ist eine typisch puertoricanische Schönheit: Dunkel, eine lange schwarz gelockte Haarpracht und braune Mandelaugen. Ich erhasche, während ich ihr folge, einen Blick in einen Spiegel.

Mit meinen zwar auch langen und braunen Haaren, die allerdings nicht gelockt, sondern glatt sind und nur unten in Wellen fallen und meinen grünen Augen, steche ich schon so genug aus dem typischen puertoricanischen Frauenbild hervor. Dazu habe ich auch nicht diese ausgeprägten Gesichtszüge, sondern viel feinere, ich komme sehr nach meiner Mutter. Sie sagt, dass ich schon bei der Geburt vor Schönheit gefunkelt habe, was mir den einfachen Namen Bella beschert hat.

»Bella, kommst du oder träumst du noch, dein Bruder wartet schon«, holt mich Sara in die Realität zurück.

Bevor wir an mein Auto kommen, laufen wir am Kino vorbei, wo gerade ein riesiges Plakat für den neuen Kinofilm 'Sin Nombre' aufgehängt wurde. Automatisch bleiben wir davor stehen und begutachten die darauf abgebildeten Gangmitglieder, deren Gesichter vor Tätowierungen nur so strotzen und die bis unter die Zähne bewaffnet sind. »Etwas übertrieben«, gebe ich meinen Kommentar dazu und Sara lacht leise. »Na, die müssen es ja wissen«, tuscheln einige Mädchen hinter uns und als Sara sich umdreht, laufen sie schnell weiter. Ich ziehe Sara einfach weiter, auch wenn sich keiner wagen würde, uns das ins Gesicht zu sagen, recht haben sie.

Wir gehören zu den Trez Puntos und auch wenn es nicht so wie auf dem Bild abgebildet bei uns aussieht, kann man nicht abstreiten, dass wir in den Augen einiger zu einer Gang gehören ... obwohl wir es als Familia bezeichnen. Mein Bruder ist der Anführer der Trez Puntos und diese herrschen über den östlichen Teil von Sierra. Allerdings ist es nicht so, dass sie bis unter die Zähne bewaffnet und bis unter den Haaransatz tätowiert sind. Früher war das vielleicht so, aber heutzutage könnte man meinen Bruder oder meine Cousins auf der Straße nicht von irgendwelchen Geschäftsmännern unterscheiden, denn im Grunde sind sie das ja auch.

Wer noch denkt, dass es vor allem um Drogenhandel und Raubüberfälle geht, der irrt sich, sie haben das Kommando in der Stadt. Sie regeln die Exporte aus unserer Gegend, verwalten die Grundstücke, bieten Geschäftsmännern den Schutz an, lauter solche Sachen, die Waffenexporte gibt es zwar auch noch, aber das ist nur ein Teil der Einnahmequelle.

Heute leben die Familienmitglieder nicht mehr in irgendwelchen Barrios, diese Zeiten haben sich geändert. Aber auch wenn sie ihre Anzüge tragen ... darunter gibt es die Tätowierungen. Jeder hat seine eigenen, jede erzählt eine Geschichte, aber eine haben sie alle. Die sogenannte Plaka, das Zeichen der Trez Puntos.

Während ich aus der Einkaufsstraße hinausfahre, fällt mein Blick automatisch auf mein Handgelenk, wo sich diese Plaka befindet. Auch Sara trägt eine. Ich bin hineingeboren und sie ist hineingekommen. Es geht beides ... wobei sie die Wahl hatte. Ich liebe meine Familie über alles. Auch wenn Juan und ich mehr als regelmäßig aneinandergeraten, sind er und meine Mutter die wichtigsten Menschen für mich. Mein Vater wurde bei einem schiefgegangenen Geschäft erschossen, als ich fünf war. Doch so sehr ich die Familia liebe, wünsche ich mir doch oft ein normales Leben. Wehmütig schaue ich in den Rückspiegel, als wir die neutrale Zone verlassen.

Mit neutraler Zone ist ein kleiner Stadtabschnitt gemeint, der genau zwischen dem östlichen Teil, wo meine Familie lebt, und dem westlichen Teil, wo die Les Surenas herrschen, liegt. Der neutrale Teil ist vorwiegend eine Geschäftsstraße, es gibt auch einen kleinen Strandabschnitt und meine Universität liegt in dem Teil der Stadt. Ich musste Juan fast einen Monat lang überreden, bis ich ihn kleingekriegt habe und seitdem auf die Universität gehen darf. Sara ist auch auf dieser Uni, aber sie studiert Technik und ich Psychologie.

Mein Cousin Miko sagt, ich wolle nur Ordnung unter all die Verrückten bei uns zu Hause bringen, doch eigentlich schlägt mein Herz für die Kinder und ich habe vor, mich auf sie zu spezialisieren. Dieses Thema hat mich schon immer fasziniert, ich frage mich bei den Handlungen der Menschen, warum einer das jetzt tut und wie man jenes deuten kann ... Juan sagt, ich denke einfach zu viel.

Saras Telefon klingelt und ich muss nicht einmal raten, wer dran ist. Juan will uns nur mitteilen, dass sie inzwischen zu Hause sind und nicht mehr im Punto-Haus. Wir haben sozusagen zwei Häuser. Um das zu verstehen, muss man wissen, dass es eine bestimmte Zusammengehörigkeit der Trez Puntos gibt. Ich vergleiche das immer mit Kreisen.

Den Kern bilden mein Bruder und der engste Kreis, die Vertrautesten … die richtige Familia. Sie besteht aus vier weiteren Cousins von mir: Miko, Sanchez, Raul und Pepo, die für mich aber alle wie Brüder sind sowie Juans bester und ältester Freund Antonio, genannt Tito. Die Sechs bilden den Grundkreis und dann folgen immer weitere Kreise, je nach Vertrautheit. Ich weiß nicht genau, wie viele Mitglieder die Trez Puntos mittlerweile haben, aber über hundert sicherlich.

Deswegen gibt es zwei Häuser. Da ist unser Zuhause, wo meine Mutter und ich mit Juan leben, Sara ist auch fast immer da, meine Cousins ebenfalls, aber das war es. Kein anderer darf in dieses Haus, außer dem engsten und vertrautesten Kern. Ein paar Straßen weiter gibt es das Punto-Haus, eigentlich haben nur Sara und ich es so genannt und die Jungs fanden, das hört sich zu niedlich an, mittlerweile nennt jeder es so. In dieses Haus kommen auch die anderen Mitglieder hin und wenn es was zu besprechen oder zu feiern gibt, findet immer alles dort statt.

Schon als wir in die Einfahrt unseres Hauses fahren, könnte ich Miko umbringen, immer klaut er meinen Platz in der Garage. Wir gehen direkt in den Garten, wo Juan, Miko, Sanchez und Tito am Pool sitzen und Karten spielen und Raul am Grill steht.

»Hey, ihr Schönen«, werden wir gleich begrüßt. »Wo habt ihr euch so lange herumgetrieben?« Ich gebe meinem absoluten Liebling Tito einen Kuss auf seine Glatze und er grinst mich an, sodass ihm fast seine Sonnenbrille von der Nase fällt. Wenn ein Fremder hier hereinkommen würde, wäre er sicher verängstigt bei den breiten Muskelbären im Garten.

»Wir waren in der gangfreien Zone.« Ich grinse in die Runde, weil ich weiß, dass sie es hassen, wenn ich den Teil der Stadt so nenne. »Juan, deine Schwester nimmt uns nicht ernst«, seufzt Pepo und legt seine Karten auf den Tisch. Juan, der Sara sofort in seine Arme gezogen hat und jetzt erst wieder frei lässt, drückt mir einen Kuss auf die Stirn. »Ich weiß«, gibt er zu und ich wende mich an Miko.

»Wenn du noch einmal auf meinem Parkplatz stehst, fahre ich deinen geliebten Mercedes zu Schrott.« Miko zieht die Augenbrauen hoch und kaut unbekümmert weiter auf seinem Zahnstocher. »Mit deinem BMW? Ich glaube, das überlebt er nicht und dann bringt Juan mich um, weil er dir einen neuen kaufen muss.« Juan lacht und legt seinen Arm um mich. »Ha, Schwesterherz, doch nicht so schlecht in einer Familia, oder?« Ich piekse ihn mit dem Finger in den Bauch und gehe grummelnd ins Haus.

Am nächsten Morgen schlafe ich erst einmal richtig aus, da es Samstag ist und ich nicht zur Uni muss. Nachdem ich geduscht habe, ziehe ich mir ein weißes Sommerkleid an, welches bis zu meinen Knien geht, dazu braune Ballerinas und eine leichte braune Strickjacke. Meine Haare lasse ich offen und schminke mich nur leicht, dann mache ich mich auf den Weg nach unten. Meine Mutter trällert aus der Küche spanische alte Liebeslieder, doch bevor ich in die Küche komme, werde ich fast von Miko und Sanchez umgerannt, die mit ein paar Waffeln im Mund aus der Küche gestürmt kommen. Beide drücken mir einen Kuss auf und verschwinden mit den Worten, »viel zu spät« und »Scheiße«, aus dem Haus.

In der Küche sitzt Sara mit meiner Mutter am Tisch und ich geselle mich zu ihnen. Sara erzählt, dass Juan und sie nachher mit ein paar anderen zum Strand wollen. Sie versucht mich zu überreden sie zu begleiten, doch ich muss in die Bibliothek. Sara verdreht nur die Augen, aber sagt nichts weiter, weil sie weiß, dass ich wirklich viel lernen muss für die Kurse, sie müsste auch, aber nimmt es nicht ganz so ernst wie ich, außerdem liebe ich die Bibliothek, im Gegensatz zu ihr.

Meine Mutter gibt mir noch eine Liste mit Sachen, die ich für sie besorgen soll. Sie verlässt unsere Gegend so gut wie nie, also muss ich meistens die Besorgungen machen oder sie schickt einen der Jungs los. Nach einer Weile, in der meine Mutter mich zum Frühstücken überreden will, ich aber ablehne, da ich morgens selten etwas esse, gesellen sich mein Bruder und Tito zu uns, scheinbar haben alle hier geschlafen. Wir frühstücken noch zu Ende, danach setze ich mich mit Sara an den Pool, bis sie zum Strand aufbrechen und ich in den neutralen Stadtteil fahre.

Als ich in den neutralen Teil der Stadt komme, halte ich zuerst vor der Einkaufspassage und gehe in die verschiedenen Geschäfte die Sachen besorgen, die meine Mutter mir aufgetragen hat. Ich genieße es sehr, zum größten Teil unerkannt zu bleiben. In unserem Stadtteil weiß jeder, wer ich bin. Im neutralen Stadtteil erkennen mich zwar auch einige Leute, aber es gibt auch andere, die keinen Schimmer haben und mich einfach nicht beachten, eine Tatsache, die ich liebe.

Als ich vor zwei Monaten auf die Uni kam, wusste kaum einer, woher ich komme, oder von welcher Familia ich bin. Es haben mich viele Jungs angesprochen, was äußerst selten ist. Nicht weil ich ihnen nicht gefalle, Blicke kriege ich genügend ... aber wer traut sich schon an die Schwester heran, von demjenigen, der bezahlt wird, deine Familie zu schützen? Wenn ich dann mal mit einem Jungen ausgehe und mein Bruder etwas davon mitbekommt, dann schickt er immer zufällig Tito oder Sanchez vorbei und bei deren Anblick verkrümeln sich dann auch die Allermutigsten. Natürlich könnte ich mir jemanden suchen, der zu uns gehört, mein Bruder macht mich regelmäßig mit einigen, in seinen Augen 'guten Jungs' bekannt, aber noch nie hat mich wirklich einer interessiert.

Nachdem ich die Einkäufe ins Auto gepackt habe, schlendere ich noch etwas durch die Straßen und fahre dann in die Richtung meiner Uni. Es gibt zwei Bibliotheken, die in meiner Uni und ein paar Straßen weiter eine andere. Meine Uni ist kurz vor dem Anfang des Stadtteils, in dem die Les Surenas herrschen, was auch ein Grund war, warum mein Bruder nicht wollte, dass ich auf diese gehe, aber sie ist noch im neutralen Abschnitt. Erst ein paar Straßen weiter ist meine Bibliothek, also die, welche ich bevorzuge. Sie ist viel größer als die andere, auch wenn sie nicht so modern ist wie die der Uni, trotzdem liebe ich es dort.

Ich kann Stunden in diesem Gebäude verbringen. Der Geruch, die Ruhe, und sie haben eine extra Abteilung mit Büchern über Psychologie. Ich habe dort schon einen Stammplatz zum Lernen und die Bibliothekarin bringt mir immer mal wieder Kekse mit und freut sich, wenn sie mich sieht. Die Sache ist nur ... die Bibliothek steht auf dem Gebiet der Les Surenas, ganz knapp zwar nur, aber eigentlich darf ich dieses Gebiet nicht betreten. Wirklich Angst habe ich nicht, ich bin seit zwei Monaten regelmäßig dort, doch ich wünschte trotzdem, sie wäre noch auf neutralem Boden.

Keiner außer Sara weiß, dass ich in diese Bibliothek gehe und Sara kriegt immer einen Anfall, wenn ich dort bin, alle anderen denken, ich lerne in der Uni. Die Feindschaft zwischen den Les Surenas und den Trez Puntos besteht schon ewig, ich habe nicht mal eine Vorstellung, wie es angefangen hat.

Früher gab es wirklichen Straßenkrieg, jeder wollte die Stadt für sich haben, da aber beide Familias etwa die gleiche Menge an Mitgliedern haben und beide die gefährlichsten und gefürchtetsten Familias Puerto Ricos sind und es nie wirklich einen Gewinner gab, herrscht seit ein paar Jahren so eine Art Waffenstillstand. Die Les Surenas haben den westlichen Teil, wir den östlichen Teil, in der Mitte ist neutrales Gebiet, und ganz unten gibt es einen kleinen Abschnitt, den die La Hondez beherrschen, aber er ist nur ganz klein und nicht zu vergleichen mit dem, was die beiden großen Familias besitzen. Wenn man sich auf dem neutralen Boden, den beide betreten dürfen, über den Weg läuft, ignoriert man sich. Aber keiner darf den Abschnitt der anderen betreten.

Wenn es doch einer tut, muss er mit den Konsequenzen rechnen und die andere Familia darf keine Rache nehmen, wenn diese folgen. Ich habe gehört, dass, wenn das mal passiert, die anderen mindestens zusammengeschlagen werden, es soll sogar schon Tote gegeben haben, aber ich glaube, die Leute übertreiben auch einfach viel. Die Les Surenas sind ebenso einflussreich wie die Trez Puntos. Ich weiß nicht sehr viel über sie, nur dass sie ähnlich viele Mitglieder haben und deren Struktur auch so ist wie bei uns. Ihre Anführer, der Kern der Familia, sind drei Brüder: Rodriguez, Paco und Ramon Surena. Der mittlere Bruder, Paco, soll der jetzige Anführer sein, da sich der ältere Ramon etwas zurückgezogen hat. Manche erzählen, dass sie brutaler sind, als die Trez Puntos, keine Gnade kennen, sehr reich sind weil sie noch mehr im Drogenhandel arbeiten und dass der Anführer Paco wie eine Kobra ist. Absolut tödlich.

Sie tragen auch eine offene Plaka wie bei uns, zwischen Daumen und Zeigefinger, unsere ist TP, ihre LS. Nur Sara und ich tragen unsere am Handgelenk. Ich habe das extra so gemacht, damit ich sie auch verdecken kann und Juan hat mich gelassen. Die Les Surenas, zumindest die engsten Mitglieder, sollen aber auch, so erzählt man, den Familia-Namen 'Surena', quer über den Schulterblättern tätowiert haben. Ich selbst habe noch nie jemanden vom engsten Kern der Les Surenas getroffen, so oder so habe ich kaum jemanden von anderen Familias getroffen, denn selbst wenn sich Juan mal mit den Mitgliedern anderer Familias trifft, um Sachen zu klären, würde er mich, Sara oder meine Mutter nie zeigen, da man bei uns sagt, er würde sonst seine verwundbaren Stellen offenlegen.

Da ich aber kein riesiges, tätowiertes, auffälliges Mitglied der Familia bin, gehe ich in die Bibliothek, auch wenn ich immer an eine Strickjacke denke, damit meine Plaka nicht zu sehen ist. Ich halte vor der Bibliothek und stelle mein Auto ab. In der Bibliothek ist es schön ruhig und leer, da die meisten heute sicherlich am Strand sind. Die Bibliothekarin freut sich mich zu sehen, und nachdem ich mich etwas mit ihr unterhalten habe, ziehe ich mich in meine Ecke zurück und fange an zu lernen. Als ich von meinen Notizen und Büchern wieder aufblicke, sitze ich schon geschlagene zwei Stunden dort, hier vergeht die Zeit immer wie im Flug.

Ich mache mich auf zum Regal, um mir ein Buch zum Verhalten von Kleinkindern herauszusuchen. Als ich mich strecke und versuche ans Buch zu gelangen, tritt ein Mädchen an mich heran, das etwas größer ist und hilft mir mein Buch herauszuholen. Ich bedanke mich und verkrümele mich wieder in meine Ecke, ich bekomme nur am Rand mit, dass dieses Mädchen aufgefordert wird, in der Bibliothek nicht zu telefonieren.

Als ich das nächste Mal von meinen Büchern hochsehe, setzt mein Herz fast aus. Die wenigen Leute, die sich in der Bibliothek befinden, eilen plötzlich schnell zum Ausgang und auch die Bibliothekarin wirkt nervös, als mehrere Männer eintreten und auf mich zukommen.

Kapitel 2

Die Männer kommen direkt auf mich zu und sehen mich etwas verwundert an, was sie aber nicht ungefährlicher wirken lässt. Es sind insgesamt sechs und ohne jeden Zweifel gehören sie zu den Les Surenas.

Zwei von ihnen sind feiner angezogen, die anderen sehen aus, als kämen sie direkt aus einer Straßenschlacht. Sofort verstehe ich, warum die Leute sagen, die Surenas wirken so brutal. Bei einem, der lange glänzende Haare hat, die er zum Zopf trägt, sieht man vorne am Hosengürtel den Halfter einer Pistole, ich bin mir aber mehr als sicher, dass die anderen ebenfalls bewaffnet sind. Ich versuche ruhig zu bleiben, aber mein Herz schlägt bis zum Hals. Meine Plaka am Handgelenk brennt auf meiner Haut.

Das Mädchen muss sie entdeckt haben, als ich das Buch aus dem Regal holen wollte. Die Sechs bleiben genau vor meinem Tisch stehen. Die zwei etwas feiner gekleideten Männer stehen in der Mitte, alle scheinen mich einen Moment lang zu mustern. Ich weiß, wie man sich solchen Männern gegenüber zu verhalten hat. Das Wichtigste ist, keine Angst zeigen, also halte ich ihrem Blick stand und bete innerlich zum Himmel.

»Sieh mal an, als wir gehört haben, jemand von den Trez Puntos sei auf unserem Gebiet, hätten wir nicht mit ... so etwas gerechnet.« Einer der etwas brutaler wirkenden, mit hellbraunen Haaren und einer großen Narbe auf der Wange zeigt an mir herunter. »Wie kommt es, dass du hier bist?«, fragt einer der feiner angezogenen Männer. Er wirkt etwas jünger als der andere, wobei mir auffällt, dass die beiden sich sehr ähnlich sehen. Beide haben schwarze kurze Haare, sehr dunkle Augen. Beide sind groß und offenbar sehr breit gebaut und haben ähnliche Gesichtszüge.

»Ich lerne hier. Ich wusste nicht, dass sich die Bibliothek schon auf eurem Gebiet befindet, ich dachte, es gehört noch zum neutralen Teil«, gebe ich zurück und bin erstaunt, wie sicher sich meine Stimme anhört, im Gegensatz zu meinem Inneren, wo ich zittere und hoffe, dass ich gut lüge.

»Hast du gehört, Paco? Sie lernt. Habt ihr in eurem Teil keine Bibliothek?« Mein Herz setzt aus. Nicht nur, dass ich auf Mitglieder der Les Surenas treffe, nein, ich treffe gleich auf den Anführer. Der Ältere der beiden wurde angesprochen, also ist er Paco und der andere muss dann sein jüngerer Bruder Rodriguez sein. Pacos Blick ruht ruhig auf mir, er scheint mich ganz genau zu fixieren. Er wirkt gelassen, aber in seinen Augen sehe ich, dass er wirklich absolut tödlich sein kann. Ich stehe auf und packe meine Bücher in die Tasche.

»Wohin so schnell?« Der mit der Narbe ist offensichtlich sehr angriffslustig im Gegensatz zu den anderen, die sich noch ziemlich zurückgehalten haben, er packt meinen Arm in der Bewegung und hält ihn fest. Er schaut auf meine Hand. »Wo ist deine verfluchte Punto-Plaka?« Egal wie viel Angst ich in dem Moment spüre, ich habe noch nie klein beigegeben und musste mich schon bei viel gefährlicheren Typen durchsetzen. »Fass mich nicht an«, zische ich ihm zu und es scheint zu wirken. Zwar lässt er meinen Arm nicht los, aber er sieht mich ungläubig an, anscheinend hört er nicht oft Widerworte von einer Frau.

»Lass sie los, Chico!« Mein Blick wandert zu Paco, der den Befehl gegeben hat, seine Stimme ist rau und dunkel. Chico lässt meine Hand los und grummelt leise. »Sind alle Punto-Frauen so frech? Die armen Trez Puntos, da tun sie mir ja mal richtig leid.« Chico denkt wohl, er wäre witzig. Ich stemme meine Arme in die Hüften und funkele ihn böse an, was ihn nur noch mehr zu amüsieren scheint. »Hübsch seid ihr ja, das muss man euch schon lassen, aber dafür, dass du hier auf unserem Gebiet bist, etwas zu mutig. Wir können mit dir machen, was wir wollen und kein Trez Punto darf dich rächen.«

Ich senke den Blick, er hat recht, aber ich weiß, dass, wenn sie mich anfassen, Juan hier einfallen wird, egal was das Abkommen sagt. Zum Glück scheinen sie nicht zu ahnen, wer ich bin. »Lasst uns kurz alleine, ich will mit ihr reden.« Paco redet mit seinen Männern, lässt mich aber nicht eine Sekunde aus den Augen. Man merkt, dass sie es nicht gerne tun, aber die anderen ziehen sich zurück. Paco wendet seinen Blick nicht von mir und ich starre zurück.

Seine Augen sind so dunkel, dass ich kurz das Gefühl habe darin zu versinken. Ich schüttele leicht den Kopf und packe meine Bücher weiter ein. »Wie heißt du? Und wieso bist du so verrückt hier zu sein?« Im Gegensatz zu vorher wirkt seine Stimme immer noch rau, aber schon etwas weicher als vorhin. Ich trete hinter meinem Tisch hervor, bleibe vor ihm stehen und hänge mir meine Tasche um, um zu zeigen, dass ich gehen will ... wenn sie mich lassen.

»Ich wollte einfach nur lernen, hier gibt es viel mehr Bücher als bei mir an der Uni und hier habe ich meine Ruhe.« Ich hebe meine Hände. »Ich habe keinen Anschlag auf euch vor, falls ihr das annehmt.« Ich bin wirklich erstaunt, wie fest meine Stimme in Anbetracht der gefährlichen Situation ist und wenn man bedenkt, wer gerade vor mir steht.

Paco ist sicher anderthalb Köpfe größer als ich und blickt auf mich herab. Ich stehe nah genug bei ihm, um seinen würzigen männlichen Duft einzuatmen. »Paco, hier ist Maria. Sie hat angerufen«, lässt uns der jüngere Bruder Rodriguez wissen und tatsächlich steht das Mädchen von vorhin bei den Jungs und grinst breit, als hätte sie die Welt vor einem Weltuntergang bewahrt. Sie kommt ohne die anderen Männer auf uns zu. »Paco, lange nicht gesehen.« Man hört deutlich ihr Interesse und es ist nicht verwunderlich. Paco wirkt unglaublich gefährlich und sieht auch unwahrscheinlich gut aus, selbst in meiner Situation ist mir das aufgefallen, er hat genau die richtige Mischung, um alle Frauen verrückt zu machen.

»Maria, ich kläre das gerade.« Paco wirkt nicht sonderlich interessiert. »Ich wollte dir ihre Plaka zeigen, sie trägt sie nicht dort, wo es üblich ist.« Sie will an mich herantreten, doch ich begegne ihrem Blick. »Denk nicht mal dran!« Sie hebt die Augenbrauen und mein Blick fällt auf Paco, der anfängt zu schmunzeln, als hätte er nichts anderes von mir erwartet. »Tut mir leid, aber es ist meine Pflicht, einen Trez Punto zu melden, jeder würde das tun.« Als würde ich ihr abkaufen, dass es ihr leidtut. »Ich nicht, ich hätte das nicht getan«, entgegne ich ihr kühl und meine es ernst. »Oder wirke ich so bedrohlich? Hätte ich dich auf unserem Gebiet entdeckt, hätte ich dich gebeten zu gehen, aber ich hätte keine Männer gerufen. Es ist ja nicht so, dass ich schwer bewaffnet hier gesessen und meine Plaka hochgehalten habe, ich wollte nur lernen.«

Langsam wird mir das Ganze zu viel. Ich spüre, wie ich meine äußere Fassade nicht mehr lange aufrechterhalten kann. »Maria, ich kläre das«, geht Paco dazwischen, bevor Maria auf meine Vorwürfe reagieren kann. Ich sehe ihr hinterher, wie sie zu den Jungs geht und wende mich dann wieder an Paco, der lächelt. Ich muss mich beherrschen nicht zu zwinkern, als ich sein unverschämt gutaussehen des schiefes Grinsen entdecke, was seine weißen Zähne zeigt. Irgendwie scheine ich ihn zu amüsieren, auch wenn mir gar nicht zum Lachen zumute ist.

»Also ... wie heißt du?« Die Frage ist heikel, ich kann nur hoffen, dass er nicht weiß, wie die Schwester von Juan heißt. Es ist eine Sache, ein Mitglied der Familia zu sein, aber eine andere, wenn man auch noch die Schwester des Anführers ist. Wenn sie mir nicht den Kopf abreißen, tut Juan es. »Bella.« Diesmal klingt meine Stimme nicht mehr so sicher. »Wie passend«, noch immer grinst er. »Dir ist schon bewusst, was wir mit dir machen könnten, weil du auf unserem Gebiet bist? Zeig mir mal bitte deine Plaka.« Was bleibt mir für eine Wahl und im Gegensatz zu den anderen bittet er mich darum. Ich schiebe meine Strickjacke hoch und halte ihm mein Handgelenk hin, er nimmt es in die Hand und streicht mit seinem Daumen über die Plaka. »Warum hast du es an dieser Stelle?« Ich ziehe mein Handgelenk weg und schiebe die Strickjacke wieder herunter.

Ich kann ihm diese Frage nicht beantworten und nachdem er mich etwas länger als normal betrachtet hat, wird sein Blick wieder härter. »Du hast Glück, Bella, dass ich heute mit hier war, hätten die Jungs dich alleine erwischt ...« Er stoppt. »Ich komme nicht mehr her.« Wieder treffen sich unsere Augen. »Das wäre besser für dich, das nächste Mal hast du sicher nicht so ein Glück.« Diese Aussage war klar und deutlich. Ich nicke und gehe in Richtung Ausgang, innerlich kommen meine Tränen, doch ich schaue stur zur Tür.

Die Jungs, die etwas weiter weg mit dieser Maria stehen und sich unterhalten, schauen zu mir und Chico will auf mich zukommen. »Lasst sie gehen!« Ich drehe mich nicht mehr um. »Paco, was soll der Scheiß? Lass uns doch etwas Spaß mit ihr haben, sie ist heiß und das wäre doch mal ein Zeichen, dass sich nicht noch einer von ihnen hierher verläuft.« Ein anderer lacht, doch offenbar hält Paco nichts davon, denn ich kann raustreten und gehe schnell zu meinem Auto.

Ohne zu halten, fahre ich die zwei Straßen bis zum neutralen Gebiet und halte auf dem Parkplatz vor der Uni. Dann erst setzt mein Verstand richtig ein und mir wird bewusst, was für ein Glück ich da gerade hatte, meine Tränen laufen mir die Wange herunter und ich zittere.

Selbst am nächsten Tag stehe ich noch unter Schock und kann kaum glauben, was da passiert ist. Ich bleibe auf meinem Zimmer, bis irgendwann Sara auftaucht und ich ihr endlich erzählen kann, was passiert ist. Ich lasse kein Detail aus und anhand ihres blassen Gesichtes wird mir wieder bewusst, wie knapp das für mich war.

»Bist du total verrückt?«

»Pssst.« Ich deute ihr an nicht so herumzuschreien, ich habe zwar keine Ahnung, wer gerade alles im Haus ist, aber jeder hier ist neugierig, wie alte Waschweiber. »Bella ... du... ich glaube das nicht. Dieser Paco hat verdammt recht, du hattest Glück, dass er da war. Ich habe mal was von diesem Chico gehört, er soll ein echter Psychopath sein. Meine Güte, wenn Juan das rauskriegt, tötet er erst dich … und dann mich, weil ich dich gedeckt habe. Bella, du darfst nie wieder dahin.« Ich lehne mich zurück und atme tief durch. »Glaub mir, das möchte ich auch nicht.« Sie scheint zu merken, wie sehr mich das mitgenommen hat und wirkt etwas erleichtert. »Wie sind denn die Surena-Brüder?«

Sara hat sie auch noch nie zu Gesicht bekommen, ich zucke die Schultern. »Mit dem Jüngeren habe ich kaum geredet, nur mit diesem Paco ...« Sie unterbricht mich. »Dieser Paco ist zufällig deren Anführer«, erinnert sie mich unnötigerweise. »Ich weiß, Sara … Keine Ahnung, ich will das schnell vergessen, die wirken echt brutal.« Sara grinst. »Denkst du, das denken andere von unseren Jungs nicht? Was denkst du, wie sie auf andere wirken?« Ich muss lächeln, sie hat recht. Ich kenne fast alle seit meiner Geburt, für mich sind sie alle wie Brüder, aber wenn man sie nicht kennt ...

Nachdem mir Sara nochmal ausführlich erklärt hat, was für Glück ich hatte, gehen wir langsam hinunter. Meine Mutter hat mehrere Pfannen Paella gemacht und Sara und ich bringen sie ins Punto-Haus. Neben meinem Bruder, Miko, Sanchez, Raul, Pepo und Tito sind auch noch einige andere Mitglieder dort. Wir werden begrüßt und alle machen sich über das Essen her. Das Punto-Haus ist zwar nicht so komfortabel wie unser Zuhause, aber auch hier gibt es einen Pool. Sara und ich nehmen uns unser Essen und setzen uns an den Pool. Miko und Tito setzen sich zu uns. Als ich fertig bin, lege ich meinen Kopf an Titos Schultern, er gibt mir einen Kuss auf die Stirn.

»Alles klar, Süße? Du wirkst so durcheinander.« Sara verschluckt sich und ich werfe ihr einen warnenden Blick zu. »Du lernst zu viel, Bella, das ist nicht gesund«, kommentiert Miko das Ganze und legt mir seine Hand auf die Stirn. Ich muss lachen. »Mir geht es gut«, versichere ich ihnen und kuschle mich enger an Tito. Meine Gedanken schweifen wieder ab und ich denke über gestern nach.

Wenn ich mich so umblicke, kann ich mir vorstellen, dass diese ganzen wilden Kerle, die hier versammelt sind, für viele Leute ebenso brutal aussehen wie die Les Surenas auf mich wirken, nur weil ich sie so gut kenne, wirken sie auf mich nicht so. Ich sehe wieder Paco vor mir, sein Grinsen und seine dunklen Augen. Ich würde gerne Tito darüber ausfragen, wie die Trez Puntos zurzeit zu den Les Surenas stehen, aber es wäre zu auffällig, wenn ich plötzlich anfange, mich dafür zu interessieren.

Es kommen noch ein paar Gäste mehr und bringen Chicas mit, Sara verdreht die Augen und geht zu Juan, der dies lachend zur Kenntnis nimmt. Chicas nennen alle hinter deren Rücken die Mädchen, die versuchen mit der Familia herumzuhängen. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie alle ähnlich aussehen, künstlich, irgendwie billig, und sie haben zu wenig an. Sie tun alles dafür, um mit jemandem von der Familia rumzumachen. Am begehrtesten sind natürlich die engsten Mitglieder, vor allem mein Bruder, der Anführer. Zwar weiß jeder, dass er mit Sara zusammen ist, doch so was interessiert eine Chica recht wenig. Leider ist es meinem Bruder egal, wie sehr er Sara liebt, einem Flirt ist er manchmal nicht abgeneigt, was schon mehr als einmal zu bösem Streit zwischen Sara und Juan geführt hat.

Sofort werden die Jungs umgarnt, und einige Chicas werfen Sara böse Blicke zu. Mich lächeln alle lieb an, obwohl ich nie ein Geheimnis daraus gemacht habe, dass ich sie billig finde. Ich kann mir nur zu gut vorstellen, dass es bei den Surenas genauso zugeht und da Paco wirklich gut aussieht und er der Anführer ist, hat er sicherlich zehn von ihnen an jeder Hand. Ich mahne mich innerlich, was geht es mich an, was die Les Surenas treiben.

Tito schnappt sich eine Chica und verkrümelt sich mit ihr, während ich mit meinem Bruder und ein paar anderen noch Karten spiele, wobei ich sie fast immer über den Tisch ziehe und sie laut fluchen, aber sie können es nicht lassen mich herauszufordern.

Kapitel 3

Montag früh habe ich die Sache von Samstag schon halbwegs verdaut. Ich will gerade losfahren und Sara abholen, die ausnahmsweise mal zu Hause geschlafen hat, als ich auf unserem Parkplatz auf Juan treffe, der eben erst nach Hause kommt.

Er sieht aus, als hätte er eine schwere Nacht gehabt. »Hast du nicht geschlafen?«, frage ich statt einer Begrüßung. Juan drückt mir einen Kuss auf die Wange. »Wir hatten viel zu tun. Sag mal, wieso gehst du so zur Uni?« Ich schaue an mir herunter. Ich trage Röhrenjeans, ein enges schwarzes T-Shirt, dazu Stiefel. »Was ist denn damit?« Er zuckt die Schultern. »Keine Ahnung... das ist so ... kannst du nicht einfach etwas Weites tragen?« Ich muss lachen. »Ich liebe dich Bruderherz, aber lass diesen Aufpasser-Scheiß.« Er grummelt. »Gib meinem Herzen einen Kuss von mir.« Ich nicke und fahre Sara abholen.

Der Schultag vergeht schleppend, zu meinem Unglück muss ich feststellen, dass ich am Samstag mein Notizbuch liegen gelassen habe, in dem ich mir alle wichtigen Notizen aus den Büchern aus der Bücherei notiert habe. Nicht nur, dass ich nicht mehr an die Bücher herankomme, jetzt ist mir das auch noch abhanden gekommen und ich kann mit meinen Recherchen noch einmal von vorne anfangen. Immer wieder erwische ich mich selber, wie ich aus dem Fenster zu der Grenze zum Les Surenas-Gebiet schaue. Die letzte Vorlesung in unserem Kurs hört eine halbe Stunde zu früh auf und ich beschließe, draußen auf Sara zu warten.

Josip, ein Junge aus meinem Kurs, läuft neben mir her und widerlegt - wie immer - die Theorien der Professoren. Er ist einer der wenigen Mutigen, die sich an mich herantrauen. Auch wenn er ein lieber Kerl ist und ich ihn sehr mag, ist er leider nicht mein Typ. Heute bin ich nur mit halbem Ohr bei der Sache. Als wir aus dem Unigebäude herauskommen, fällt mir sofort ein teurer schwarzer Wagen auf, ich schaue genauer, ob es einer von unseren ist, aber ich kenne das Auto nicht, also widme ich mich wieder Josip, während wir die Treppen herunter laufen.

Als wir unten ankommen, bemerke ich, dass die Tür des schwarzen Auto aufgeht. Ich muss schwer schlucken, als ich Paco aussteigen sehe. Heute ist er nicht so fein gekleidet, er trägt hellblaue Jeans und ein einfaches weißes Shirt. Josip folgt meinem Blick. »Ist das nicht ...? Was will der denn hier?«. Genau das habe ich mich auch gefragt, ich habe ihn noch nie hier gesehen. Paco begegnet meinem Blick und lächelt wieder dieses schiefe Grinsen, er kommt in meine Richtung. Mein Herz schlägt schneller, was will er? Hat er herausgefunden wer ich bin? Meine Gedanken überschlagen sich. »Josip, ich muss ... wir sehen uns morgen.« Josip nickt und geht, lässt aber Paco nicht aus den Augen, der kurz seinem Blick begegnet, sich dann aber wieder zu mir wendet. Ich bemerke die Blicke der anderen Mädchen und ich kann sie verstehen.

Durch das weiße Shirt sticht seine gebräunte Haut unglaublich hervor. Ich habe Samstag schon vermutet, dass er gut gebaut ist. Jetzt erkenne ich, dass ich mich nicht getäuscht habe. Ich registriere seine muskulösen Arme und seine breite Brust. An seinem rechten Unterarm hat er eine Tätowierung und dazu dieses Grinsen. Er ist gefährlich und sexy und das strahlt er zu hundert Prozent aus. Ich gehe ihm etwas unsicher einige Schritte entgegen, sodass wir etwas abseits der anderen stehen, die aber langsam das Weite suchen, was wahrscheinlich daran liegt, dass sie wissen, wer er ist. Paco bleibt knapp vor mir stehen.

»Bella.« Ich hatte fast vergessen wie rau seine Stimme ist. »Paco … so sieht man sich wieder.« Diesmal sind wir nicht auf seinem Gebiet, also bin ich mutiger, was er lächelnd zur Kenntnis nimmt. »Ich hoffe, ich habe dich nicht gestört ... im Gespräch mit deinem Freund.« Er zeigt in die Richtung von Josip, der an seinem Auto steht und zu uns starrt. »Mutig ist er ja«, sagt Paco mehr zu sich selbst als zu mir und offensichtlich lächelt er jetzt nicht mehr, denn Josip steigt schnell ins Auto und fährt los.

Ich schüttele den Kopf. »Das ist nicht mein Freund. Was tust du hier? Ich habe dich hier noch nie gesehen.« Jetzt widmet er wieder mir seine Aufmerksamkeit. »Ich bin deinetwegen hier.« Erstaunt über seine direkte Antwort ziehe ich die Augenbrauen hoch, verdammt, er weiß, wer ich bin. Ich bemerke, dass aus dem Auto noch ein Mann aussteigt und sich ans Auto lehnt. Während er telefoniert, zündet er sich eine Zigarette an. Der Mann war auch am Samstag dabei, er stand zu Pacos rechter Seite und war einer der Ruhigen.

Paco bemerkt meinen Blick. »Du hast das hier am Samstag liegen lassen, irgendwie habe ich gedacht, dass du das brauchen könntest.« Er hält mir mein Notizbuch hin. Ich bin etwas aus dem Konzept gebracht und nehme es an mich. »Danke, das ist wirklich … danke, dass du dir die Mühe gemacht hast es mir zu bringen.« Paco mustert mich und wieder habe ich das Gefühl, in seinen dunklen Augen zu versinken. »Kein Problem, ich hoffe du hast das wegen Samstag nicht zu ...« Ich unterbreche ihn. »Ist schon okay, es war mein Fehler, ich muss mich bei dir bedanken. Ich weiß, dass die Sache auch anders hätte ablaufen können«, gebe ich etwas leiser zu.

»Ich hoffe, dass du wenigstens mit diesem Buch weiterkommst, wo du jetzt nicht mehr in die Bibliothek kannst.« Ich packe das Buch in meine Tasche. »Ja, etwas. Ich werde mir einige Bücher besorgen müssen. Ich hatte nur leider keine Zeit mehr, mir die Titel aufzuschreiben. Es ging plötzlich so schnell.« Ich höre selbst, dass ich etwas zickig klinge und versuche es abzumildern. »Na ja, besser als nochmal Chico über den Weg zu laufen.« Erst als die Worte aus meinem Mund gekommen sind, merke ich, was ich da gesagt habe und schaue etwas erschrocken zu Paco.

»Ich meine ...« Aber er lacht nur. »Ich weiß schon was du meinst. So böse sind wir gar nicht ... na ja, zumindest nicht immer, aber unter manchen Bedingungen.« Er schaut unbewusst auf meine Plaka, die heute offen zu sehen ist, da ich nur ein Shirt trage. Ich fasse automatisch an meinen Arm und Paco sieht mich einen Augenblick mit einem undefinierbaren Blick an. »Manche Bedingungen … aber heute scheint es nicht so kompliziert zu sein normal zu reden.« Ich verschränke die Arme und Paco lächelt wieder. »Hier sind wir auch auf – wie hast du es genannt – neutralem Boden?« Jetzt muss ich auch lächeln. »Ach ja, neutraler Boden.«

»Bella!« Ich drehe mich um und sehe in Saras schockiertes Gesicht, die mich von den Treppen aus anstarrt und drehe mich wieder zu Paco um. »Manche Bedingungen«, murmele ich leise. Sara köpft mich. »Ich muss los, danke nochmal, Paco.« Er nickt und sieht mich an, dann dreht er sich um und geht zu seinem Auto. »Pass auf dich auf, Bella.« Ich schaue ihm noch hinterher, wie er ins Auto steigt. Sein Freund sieht mich einen Augenblick an und schüttelt leicht den Kopf, als er mit Paco einsteigt.

»Zum Teufel, was machen die Surenas hier?« Sara tritt neben mich und ich wende mich ihr zu. »Beruhige dich, es ist doch nichts passiert.« Sie fuchtelt wild mit den Armen herum. »Nichts passiert? Stell dir mal vor, dich hätte jemand gesehen, madre mia. Juan köpft uns.« Ich muss lachen und gebe ihr einen Kuss auf die Wange und sie wird milder. »Bella, du musst aufpassen. Also was wollten sie? Wer war der Typ?« Ich drehe mich zum Auto hin, das gerade vom Parkplatz fährt und sehe durch die Scheibe Paco grinsen, er hat sicherlich die wilden Befürchtungen von Sara mitbekommen.

»Das war Paco.« Ich kneife die Augen zu, weil ich mir ihre Reaktion schon denken kann. Sie zieht zischend die Luft ein. »Paco? Paco Surena? Bist du total übergeschnappt, Bella?« Ich zucke die Schultern. »Ich habe doch gar nichts getan. Er wollte mir nur ein Buch zurückgeben, was ich Samstag liegen gelassen habe.« Sara verschränkt die Arme. »Ein Buch? Der Anführer der Les Surenas kommt einfach so vorbei, um dir ... ein Buch zu bringen? Klar, er hat sicher nichts Besseres zu tun. Hast du seinen Blick nicht gesehen? Wie er dich angesehen hat, als würde er dich fressen wollen!«

Ich muss lachen und ziehe sie zu unserem Auto. »Quatsch, stell dir mal vor, vielleicht ist er einfach nur nett. So was soll es geben.« Sara bleibt auf ihrer Seite stehen. »Einfach nett? Bella, verdammt, ich habe das Gefühl, wir treiben auf eine riesige Katastrophe zu.« Ich winke ab und steige ein. »Du übertreibst, Sara.« Ich weiß, dass Sara recht hat, sich Sorgen zu machen. Kontakt zu den Les Surenas zu haben ist unmöglich, verrückt und gefährlich. Paco Surena sollte so ziemlich der letzte Mann sein, an dem ich Interesse habe. Wenn jemand aus meiner Familie erfahren würde, dass Paco mich nur einmal falsch ansieht, wäre die Hölle los.

Ich weiß das alles, doch trotzdem schaue ich in den nächsten Tagen jedes Mal, wenn die Uni zu Ende ist, ob ich seinen Wagen sehe. Aber er kommt nicht, wieso sollte er auch? Ich bin mir sicher, dass er mehr als genug Chicas an der Hand hat und dazu bin ich eine Trez Punto - eine sogenannte Feindin seiner Familia.

Die restliche Woche und das Wochenende vergehen schnell. Ich gehe erst am Dienstag wieder zur Uni, da ich am Montag meine Mutter zu ein paar Ärzten in die Stadt begleite. Nur zu normalen Routine-Untersuchungen, aber sie sträubt sich dagegen, sodass ich sie quasi hinschleppen muss. Am Dienstag sitze ich mit Sara in der Cafeteria der Uni während der ersten Pause, als ein Mädchen aus meinem Kurs zu mir kommt. »Bella, der Typ, der letzte Woche hier war, der mit dem schicken Wagen, war gestern nach der Uni da und hat auf dich gewartet. Er hat mich gefragt, ob ich in deinem Kurs bin und mich gebeten, dir das zu geben.« Sie hält mir einen Karton hin. Mein Herz flattert, aber es ist ein schönes Gefühl. Paco war wieder hier.

Ich nehme den Karton und bedanke mich so unbeeindruckt wie möglich. Sara flucht leise neben mir, als ich das Paket aufmache. Ich muss lächeln, in dem Karton liegen drei Bücher. Ich sehe sie mir genauer an. Es sind die Bücher, mit denen ich in der Bücherei gearbeitet habe, neu, noch eingepackt. Ein Buch ist erst diese Woche erschienen, das gab es noch nicht in der Bücherei, ich habe mich aber mit der Bibliothekarin darüber unterhalten, er muss sie meinetwegen gefragt haben. Ein Zettel liegt zwischen den Büchern.

'Als kleine Entschädigung'

Surena hin oder her, das ist unglaublich süß. »Nur nett? Denkst du immer noch, er will dich nicht auffressen?« Ich kann mein Grinsen nicht unterdrücken, und Sara nimmt mir den Zettel aus der Hand und liest ihn. »Ich sag doch, eine Katastrophe«, murmelt sie noch. Ich ignoriere ihr Gemeckere und begutachte die Bücher.

»Das war es eigentlich. Es läuft alles wie gehabt. Die Einnahmen vom Mexiko-Deal sind sogar noch höher ausgefallen als gedacht«, schließt Josir seinen Vortrag über das Neueste, was es über die laufenden Geschäfte zu berichten gibt. Alle nicken zufrieden. Unser engster Kreis ist versammelt. Meine Brüder, fünf Cousins und zwei unserer besten Freunde. Die anderen feiern schon unten am Pool.

Alles läuft gut, die Geschäfte, unsere Familia ist so groß und stark wie noch nie, eigentlich sollte ich mehr als zufrieden sein, doch seit zwei Wochen bekomme ich etwas nicht mehr aus meinem Kopf. Nicht etwas, jemanden ... Bella.

Schon als ich sie in der Bibliothek gesehen habe, wusste ich, dass sie etwas Besonderes ist. Sie ist unglaublich hübsch. Ihre langen braunen Haare und diese wahnsinnigen Augen. Vor allem ist sie so zart, noch nie habe ich ein Mädchen getroffen, was in mir so einen Beschützerinstinkt ausgelöst hat. Sie ist nicht zu dünn sondern einfach zart. Ihr Gesicht hat feine Züge, ihre kleine Nase und dazu diese schönen Lippen. Und dann legt sie sich ernsthaft mit den Jungs an, ich musste mich wirklich zusammenreißen um nicht laut loszulachen.

Sie ist außergewöhnlich und ich wusste, dass ich sie noch einmal sehen wollte, einfach um zu schauen, ob mich der erste Eindruck nur geblendet hat und vielleicht auch, um mir selbst klar zu machen, dass dieses hübsche zarte Mädchen der Trez Puntos absolut tabu ist. Doch schon als sie vor mir stand wusste ich, dass es ins Gegenteil umschlägt und spätestens, als ich sie das erste Mal lächeln gesehen habe, musste ich einsehen, dass ich es akzeptieren muss.

Sie ist wirklich außergewöhnlich, aber tabu ... absolut tabu.

Spätestens die Reaktionen von Mano und ihrer Freundin haben das nochmal klar gemacht. Trotzdem habe ich ihr diese Bücher besorgt, wobei ich mir ziemlich dumm vorkam und Mano nur den Kopf geschüttelt hat. »Paco macht sich Gedanken wegen einer Frau, dass so etwas jemals passiert ...« Damit hat selbst Mano nicht gerechnet. Normalerweise brauche ich mich überhaupt nicht um Frauen zu bemühen, sie sind viel zu willig hinter mir her, also habe ich nicht einmal eine Vorstellung davon, was ich zu tun habe, wenn ich mich um sie bemühen sollte, was ich ja eigentlich nicht vorhabe. Kein Wunder, dass ich so neben mir stehe, sie verwirrt mich.

»Schlag sie dir aus dem Kopf«, ist das Einzige, was Mano mir andauernd rät, er ist der Einzige der weiß, dass ich nochmal Kontakt zu ihr hatte. Er ist mein ältester und bester Freund, ich vertraue ihm blind. Ich frage mich die ganze Zeit, wie sie zu den Trez Puntos steht, sie hat die Plaka, aber an einer ungewöhnlichen Stelle. Vielleicht ist sie gar nicht im direkten Kontakt zur Familia, sondern hat sie selbst machen lassen. Bei uns gibt es das auch, Leute, die gerne dazugehören wollen. Wenn wir das mitbekommen, haben sie Probleme. Die Einzigen, die jemanden in die Familia lassen und die dann unsere Plaka tragen dürfen, bestimmen ich oder meine Brüder. Verdammt, wenn ich daran denke, dass sie sich die Plaka selbst gemacht hat um dazuzugehören und sie deswegen Probleme bekommt ...

»Schlag sie dir endlich aus dem Kopf, Amigo!« Mano klopft mir auf die Schulter und unterbricht meine Gedanken. Wir gehen in den Garten zum Pool, wo schon gefeiert wird. Ich setze mich zu Rodriguez und Chico, die sich gerade ein paar neue Waffen ansehen, die wir geliefert bekommen haben. »Sieh mal, Paco.« Chico hält mir eine Waffe hin, die genau für meine Hand gemacht scheint, ich drehe und wende sie in meiner Hand, danach lasse ich meinen Blick schweifen. Die Jungs amüsieren sich mit den Mädchen, die hier sind und ich entdecke Rosa.

Sie tanzt eng mit einem anderen Mädchen unter den Blicken einiger jüngerer Mitglieder der Familia, die ihr Glück kaum zu fassen scheinen. Ich beobachte sie eine Weile. Ihre Haare sind etwas heller, so ähnlich wie die von Bella, wenn auch nicht so lang. Verdammt ... ich muss mir dieses Punto-Mädchen aus dem Kopf schlagen. »Hast du einen Gummi?« Mein Bruder kramt in seiner Tasche, er und ich sind zwei der wenigen, die sich schützen beim Sex, so oft, wie wir wechselnd mit diesen Mädchen unseren Spaß haben. Ich nehme mir den Gummi, den Rodriguez herauszieht, Chico hält seine Hand auf, damit ich ihm die Waffe wiedergeben kann, doch ich stecke sie mir hinten in den Hosenbund meiner Jeans. »Sie gefällt mir«, grinse ich und Chico lächelt zurück. »Wusste ich es doch.«

Ich gehe direkt zu Rosa, ich habe eigentlich gar keine Lust auf Gequatsche und als ich bei ihr ankomme, tanzt sie mich gleich aufreizend an. »Hey Paco, du hattest lange keine Zeit mehr für mich.« Sie legt ihre Hände auf meinen Oberkörper. »Hmm ...« Viel an hat sie nicht, ich umfasse ihre vollen Brüste. »Komm!« Ich nehme sie mit in die Garage. Ich mache mir heute nicht mal die Mühe, sie ins Haus zu bringen. Hauptsache ich kriege meinen Kopf frei. Bevor ich ihr in die Garage folge, begegne ich noch Manos Blick und der nickt zustimmend.

Ich hoffe, es bringt etwas und ich vertreibe Bella aus meinen Gedanken.

Kapitel 4

Vor einer Woche habe ich das Paket von Paco erhalten. Er ist nicht noch einmal gekommen, sodass ich mich nicht mal bedanken konnte.

Irgendwie ist Paco Surena ein Rätsel für mich. Nachdem ich sein Geschenk bekommen habe, dachte ich wirklich, er würde wieder Kontakt zu mir aufnehmen, ich bin dazu ja nicht in der Lage. Ich habe keine Ahnung, wie ich ihn erreichen könnte. Sara ist zufrieden damit, dass er nicht mehr aufgetaucht ist, auch wenn sie zugegeben hat, dass es wirklich sehr süß von ihm war und er sehr gut aussieht, aber sie wird nicht müde zu erwähnen, dass er zu den Les Surenas gehört, den sogenannten Feinden der Trez Puntos, zu denen ich gehöre, also ... unmöglich.

Auch wenn ich nichts mehr dazu sage, entgeht ihr sicher nicht, dass ich jeden Tag nach der Uni auf dem Parkplatz Ausschau halte und ich ständig im neutralen Gebiet unterwegs bin, weil ich ihn dort treffen könnte. Obwohl ich nicht einmal wirklich weiß, was – selbst wenn ich ihn treffen sollte – sein würde. Doch gerade als ich dachte, dass ich ihn wohl nicht mehr sehen werde, habe ich eine Möglichkeit entdeckt, wo ich ihn eventuell antreffen könnte.

Es gibt einen Sänger, Don Carlos, der in Puerto Rico ziemlich berühmt geworden ist, er stammt aus Sierra und bekennt sich auch öffentlich zu den Les Surenas. Manchmal, wenn er hier ist, gibt er ein Konzert in seiner Heimatstadt und heute Abend gibt er wieder eines. Das Konzert wird wie immer in der Turnhalle unserer Uni gehalten, da es in der Stadt einer der größten Räume ist. Normalerweise bin ich nie dahin gegangen, es sind immer viele der Les Surenas da, um ihre Zugehörigkeit zu zeigen. Soweit ich weiß, waren die Anführer zwar selbst nie da, aber wenigstens besteht eine Hoffnung, dass er dahin kommen könnte. Da das Konzert öffentlich ist, wird die halbe Uni da sein, sodass es auch nicht auffällt, wenn ich da auftauche.

Zu meinem Glück haben Sara und Juan heute ihren Jahrestag, was bedeutet, beide sind schön abgelenkt, auch wenn Sara natürlich weiß, dass ich dahin gehe und sie es nur kopfschüttelnd abgetan hat. Wahrscheinlich weiß sie, dass die Möglichkeit von Pacos Erscheinen dort ziemlich gering ist.

Den Vormittag verbringe ich mit Juan und Tito in der Stadt, ich helfe meinem Bruder, ein Geschenk für Sara zu besorgen. Juan und ich gehen selten zusammen in die neutrale Zone, es fühlt sich komisch an, ich habe plötzlich richtig Panik, dass ich mit ihm zusammen gesehen werde und Paco erfahren könnte, wessen Schwester ich bin. Paco ... Paco ... ich habe ihn erst zweimal gesehen und er beherrscht schon meine Gedanken.

Nach einer gewissen Zeit macht es aber richtig Spaß mit Juan und Tito. Nachdem ich ihn gut beraten habe und er eine wunderschöne Kette für Sara gekauft hat, lasse ich mich von meinem Bruder verwöhnen und bessere meinen Kleiderschrank auf. Zum Schluss laufe ich in Juans Armen zu unserem Auto zurück, und es ist mir egal, wer mich sieht oder nicht. Juan ist mein Bruder, ich liebe ihn und meine Familia, auch wenn es nicht immer leicht ist, dazu zu gehören.

Am frühen Abend sehe ich zufrieden in den Spiegel, ich habe mich für eine schwarze enge Röhrenjeans entschieden und ein weißes Bolero Top, dazu etwas Schmuck. Meine Haare habe ich mir leicht durchgelockt. Meine Augen habe ich so betont, dass sie schön funkeln. Mittlerweile habe ich richtiges Herzklopfen. Da Sara nicht kann, treffe ich mich mit zwei anderen Studentinnen, Selena und Mary. Ich schnappe mir meine Tasche und fahre los. Bevor ich allerdings in meinen BMW steige, schnappe ich mir eine Dose Schlagsahne und steuere auf Mikos Wagen zu, der wieder auf meinem Parkplatz steht, obwohl Miko im Punto-Haus ist. 'Letzte Verwarnung', schreibe ich schön groß auf seine Heckscheibe, ich hoffe, das ist deutlich.

Als wir in die Turnhalle von Bellas Uni kommen, sehe ich mich sofort um, ob ich sie irgendwo entdecke. Alle waren überrascht, dass ich auch beim Konzert auftauche, nur Mano nicht. Er weiß, dass es mir nicht wirklich gelingt, sie aus dem Kopf zu bekommen. Ich weiß auch nicht genau, was ich mir hier eigentlich vormache zu tun, ich habe nicht mal vor, mit ihr zu sprechen. Ich will sie nur einmal wiedersehen und vielleicht erfahre ich ja auch etwas mehr von ihr, hier muss man sie ja kennen. Wir begleiten Don Carlos noch hinter die aufgebaute Bühne. Er war schon immer ein Mitglied unserer Familia, er ist einer der besten Freunde von Rodriguez, der heute auch dabei ist.

Anschließend gehen wir nach oben und setzen uns auf die Zuschauerbänke. Wir werden von allen Seiten angestarrt und es dauert nicht lange, bis sich ein paar Frauen zu uns gesellen, doch mein Blick schweift unaufhörlich herum. Da die Halle rund ist, kann man schwer den Überblick behalten und als das Konzert anfängt, habe ich sie noch nicht entdeckt. Don Carlos startet das Konzert, und mitten im Lied bemerke ich sie dann. Ich kann nicht verhindern, dass mein Herz etwas schneller schlägt. Ich habe versucht, sie mir wieder schlecht zu reden, doch ein Blick genügt und ich bin wieder aufs Neue fasziniert von ihr. »Guck mal an, ist das nicht unser Punto-Mädchen?«, knurrt Chico, der meinem Blick gefolgt ist. Alle schauen zu Bella. In diesem Moment hört sie auf mit ihrer Freundin zu reden und lässt ihren Blick schweifen.

Wir sind erst angekommen, als das Konzert schon losgegangen ist, mühselig quetschen wir uns nach vorne an die Stangen und Selena schwärmt mir von Don Carlos vor. Als ich dann meinen Blick schweifen lasse, bleibe ich an den dunklen, schönen Augen von Paco hängen. Er sitzt auf der Zuschauerbank, genau gegenüber auf der anderen Seite der Halle, mit acht oder neun anderen Mitgliedern der Les Surenas. Ich erkenne seinen jüngeren Bruder, diesen Chico und den Kerl, der Paco zu meiner Uni begleitet hat. Alle schauen zu mir. Ich kriege leichte Panik, sie sehen nicht gerade friedlich aus.

Chico sagt etwas zu den anderen und ich schaue wieder zu Paco. Er lächelt und nickt mir zu, ich nicke leicht zurück und wende den Blick schnell ab, was mir nicht schwerfällt, da Selena mir einen Freund von sich vorstellt. Das kommt mir gerade recht, mir ist nicht entgangen, dass bei Paco und den Jungs einige Chicas sitzen. Was habe ich mir gedacht? Ich weiß doch aus bester Quelle, wie solche Männer drauf sind. Eine süße Geste und ich bin wirklich so naiv zu glauben, ich hätte es mit einem anderen Mann zu tun, als die Männer aus meiner Familia. Der Freund von Selena redet mit mir, doch ich höre ihm nicht wirklich zu, die ganze Zeit versuche ich krampfhaft, nicht zu den Les Surenas hinüber zu starren.

Das Erste, was ich heute schon mal herausbekommen konnte, ist, dass nicht nur ich Bella anziehend finde. Ich kann meinen Blick nicht von ihr wenden und verfolge jede Bewegung des Wichsers, der neben ihr steht und um ihre Aufmerksamkeit buhlt. Plötzlich nimmt er ihr Handgelenk und sieht sich ihre Plaka an, sie scheint genauso überrascht und warum auch immer sie so einen Beschützerinstinkt in mir wach ruft, ich will gerade aufstehen, als Mano mich zurückhält. »Beruhige dich mal ... so gut kann ich sie sogar einschätzen, dass sie damit alleine klar kommt.« Tatsächlich fängt Bella auf einmal an zu lachen und der Mann guckt etwas dumm aus der Wäsche. Ich muss grinsen, dieses Mädchen ist einmalig.

Ist das sein Ernst? Noch nie habe ich so etwas erlebt ... und ich habe schon einiges erlebt. Da entdeckt der Freund von Selena meine Plaka und fragt mich allen Ernstes, ob ich ihn nicht in die Familia hineinbringen kann. Ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen und erkläre ihm, dass das so nicht läuft, was er offensichtlich nicht so toll findet. Ich wende den Blick wieder zum Konzert und schaue kurz hinüber zu Paco. Die gesamten Surena-Bänke schauen zu uns ... uups, das mit der Plaka haben sie wohl mitbekommen, doch Paco grinst sein schiefes Grinsen und ich muss auch lächeln.

Auf einmal werde ich von hinten umarmt. Josip.

»Hey, du hier ... wasch masccchst du denn hier?« Er ist total betrunken und ich nehme seine Hand von meiner Schulter. »Ich gehe hier auch auf die Uni, falls du dich erinnern kannst!«, antworte ich und Selena und mir fällt es schwer ernst zu bleiben, als er anfängt den Text mitzugrölen und betrunken zu lallen. Manche Menschen sollten keinen Alkohol trinken. Nachdem sich Josip und sein Freund auf zur Toilette gemacht haben und dort sicher eine Weile bleiben werden, schaue ich wieder dem Konzert zu.

Paco hat wohl das Interesse verloren mich zu beobachten, denn jetzt vergnügt er sich mit einer Chica neben sich. Er hat den Arm um sie gelegt und flüstert ihr etwas ins Ohr. Sie lacht und himmelt ihn an, als wäre er ein Gott. Nach noch zwei Liedern vergeht mir die Lust, mir das weiter anzusehen und ich sage Selena, dass ich langsam fahre. Sie nickt nur benommen und starrt weiter zu dem Sänger, ich winke noch Mary, die etwas weiter weg steht und mache mich dann auf den Weg aus der Halle hinaus.