Löffelchenliebe - Julia Kaufhold - E-Book

Löffelchenliebe E-Book

Julia Kaufhold

4,8
7,99 €

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Beschreibung

Vorhang auf für die Neuentdeckung des Jahres!

Anna Brix ist Mitte dreißig, Reisejournalistin und liebenswerte Chaotin – und auf der Suche nach dem perfekten Mann. Als sie sich in den zehn Jahre jüngeren David verliebt, erstrahlt die Welt in Rosarot. Sie träumt sogar von einer kleinen Familie mit ihm! Doch mit Schrecken muss Anna feststellen, dass sie beide in einer völlig unterschiedlichen Phase ihres Lebens stecken – und Kinder sind so ziemlich das Letzte, was David sich vorstellen kann. Als Hector, Reisebekanntschaft und erfolgreicher Gentleman von Welt, auf den Plan tritt, ist Anna hin- und hergerissen, denn er scheint nicht abgeneigt, ihren Babywunsch zu erfüllen. Und damit versinkt Annas Gefühlshaushalt vollends im Chaos – bis Davids kauzig-konfuser Großvater Richard das Großreinemachen übernimmt ...

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Seitenzahl: 342

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Anna Brix ist Mitte dreißig, Reisejournalistin und liebenswerte Chaotin – und auf der Suche nach dem perfekten Mann. Als sie sich in den zehn Jahre jüngeren David verliebt, erstrahlt die Welt in Rosarot. Sie träumt sogar von einer kleinen Familie mit ihm! Doch mit Schrecken muss Anna feststellen, dass sie beide in einer völlig unterschiedlichen Phase ihres Lebens stecken – und Kinder sind so ziemlich das Letzte, was David sich vorstellen kann. Als Hector, Reisebekanntschaft und erfolgreicher Gentleman von Welt, auf den Plan tritt, ist Anna hin- und hergerissen, denn er scheint nicht abgeneigt, ihren Babywunsch zu erfüllen. Und damit versinkt Annas Gefühlshaushalt vollends im Chaos – bis Davids kauzig-konfuser Großvater Richard das Großreinemachen übernimmt …

Autorin

Julia Kaufhold, Jahrgang 1977, absolvierte eine Ausbildung zur Verlagskauffrau und studierte in Münster Germanistik, Kulturwissenschaften und Kommunikationswissenschaft. 2007 gründete sie in Hamburg den Goldfinch Verlag für Großbritannien-Reiseführer und war bis zum Verkauf 2010 dort Verlegerin. Seit 2007 ist sie als freie Lektorin und Projektmanagerin für verschiedene Verlage tätig. »Löffelchenliebe« ist ihr erster Roman. Die Autorin lebt mit ihrem − fünf Jahre jüngeren − Mann und Sohn in Hamburg.

JULIA KAUFHOLD

LÖFFELCHEN-LIEBE

ROMAN

PAGE& TURNER

Page & Turner Bücher erscheinen im

Wilhelm Goldmann Verlag, München,

einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH.

1. Auflage

Originalausgabe Juli 2013

Copyright © 2013 by Julia Kaufhold

Copyright © dieser Auflage 2013by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: Getty Images / Yasuhide Fumoto

ISBN 978-3-641-11211-0V002

www.pageundturner-verlag.de

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Inhalt

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Neunzehn

Danksagung

»Die Zeit hat dann doch gedrängt«

Für F.

Eins

Klaus 3 war winzig. Ich bin auch winzig, aber Klaus 3 hätte ich von oben auf die vogelnestartigen Locken spucken können.

»Möchtest du etwas trinken ?«, piepste er, legte den Kopf in den Nacken und sah zu mir auf.

»Ja, gerne einen Rotwein.«

Klaus 3 ging auf die Knie und kroch wie ein Tier unter der Menge hindurch, einige Gäste schauten verwundert auf das wandelnde Vogelnest zwischen ihren Beinen. Kurz darauf tauchte Klaus’ Kopf wieder auf, in seinen Locken hing Zigarettenasche. Er hob den Arm, drückte mir den Wein in die Hand und klopfte sich Knie und Hosenboden ab.

»Drei Euro zehn«, erklärte er und öffnete seine Geldbörse. Im Grunde hätte ich spätestens jetzt gehen müssen. Doch ich gab ihm wie selbstverständlich das Geld und fragte höflich: »Bist du öfter hier ?«

Ich schwöre: Nie wieder im Leben werde ich, Anna Brix, fünfunddreißig Jahre alt, ein Blind Date haben ! Blind Dates sind mit Abstand die schrecklichste Erfindung der Menschheitsgeschichte. Und sollte ich jemals in Versuchung geraten, diesen Schwur zu brechen, möge man mir bitte ein schnörkelloses »Klaus« zuraunen. Das ist das Codewort, und es dürfte für mindestens drei Schweißausbrüche ausreichen, nach denen ich aussehe, als hätte ich gerade jemanden aus einem reißenden Strom gerettet. Denn erstaunlicherweise hießen meine drei ersten und letzten Blind Dates alle­samt Klaus.

An sich fand ich seine Idee gut, sich in dem kleinen Jazz­keller zu treffen. Der ist nur fünf Minuten von meiner Eimsbüttler Wohnung entfernt, trotzdem hatte ich bislang nur das Programm an der Außenwand studiert und mir immer mal wieder vorgenommen, mir den Laden irgendwann anzugucken. Klaus 3 war öfter hier: »Seit ein paar Wochen fast jeden Abend. Immer mit einem anderen Parship-Date.«

Mit glühenden Wangen trank ich meinen Rotwein in einem Zug leer. Allerspätestens jetzt hätte ich wirklich und wahrhaftig das Weite suchen sollen. Aber ich bin furchtbar schlecht darin, einen Abend Knall auf Fall zu beenden. Stattdessen ging ich in aufrechter Haltung zur Bar und kaufte mir einen neuen Wein und für Klaus ein Malzbier.

»Danke für die Einladung !«, piepste Klaus erfreut und erzählte mir von seinem gestrigen Date. Und von den achtzehn davor.

In der Wohnung nebenan stöhnt Ina. Ich bin immer wieder überrascht, wie viele Männer morgens um viertel nach sieben Lust auf Sex haben. Noch eben einen Quickie, Hose hoch und ab ins Büro. Wenn Ina nicht gerade stöhnt, machen Piet und Paul, ihre dreijährigen Zwillinge, Ramba­zamba. Und über mir streitet sich mindestens einmal am Tag ein Pärchen, dessen Namen ich mir nicht merken kann. Das alles quasi inkognito zu verfolgen ist ein bisschen so, wie mitten im Einkaufstrubel entspannt in einem meiner Hamburger Lieblingscafés zu sitzen und durch meine dunkle Sonnenbrille die Leute zu beobachten. Eigentlich gar nicht so schlecht.

Mein Ärger über Klaus 3 hat sich über Nacht verflüchtigt, aber der vergangene Abend wird mir trotzdem eine Lehre sein: Ich bin sehr viel glücklicher ohne Mann als mit einem dieser schrägen Typen, von denen so viel mehr in freier Wildbahn herumlaufen, als ich vermutet hätte. Oh ja, ich bin sogar ausgesprochen glücklich ohne Mann. Ich rolle mich einmal quer über mein breites Bett, das ich ganz für mich allein habe. Herrlich.

Mein Wecker klingelt zum dritten Mal, und diesmal schalte ich ihn ganz aus. In zweieinhalb Stunden muss ich im Zug nach Berlin sitzen und vorher noch packen.

Ich breite alle Kleidungsstücke auf dem Bett aus, die für den Besuch der Tourismusmesse in Frage kommen. Zum Glück habe ich meinen ersten Termin erst mittags. Sieben Blusen, schwarz, weiß, cremefarben, eine graugrüne, zwei schwarze Rollkragenpullover, die den Vorteil hätten, dass sie nicht mehr gebügelt werden müssen, drei Bleistiftröcke, zwei Flatterröcke und meine zwei einzigen Hosen, die schicker sind als Jeans.

Es ist ja immer schwierig, Hosen zu finden, die gut sitzen. Ich bin der klassische Apfeltyp, was sich erst mal ganz okay anhört, was allerdings den entscheidenden Nachteil hat, dass Hosen, die am Po und an den Beinen gut sitzen, am Bauch einschneiden. Die beiden Anzughosen knöpfe ich deshalb nicht zu, sondern halte sie mit einer großen Sicherheitsnadel zusammen, das gibt zusätzlichen Spielraum. Wo ist die überhaupt, die Sicherheitsnadel ? Ich wühle mich einmal durch alle Krimskramsschubladen, von denen ich in meiner Dreizimmerwohnung genau acht Stück habe, und finde sie schließlich im Kleiderschrank unter den Gürteln. Macht ja auch Sinn. Zu den halboffenen Buxen kann ich dann natürlich nichts tragen, was man in den Bund stecken muss, die Blusen würden in diesem Fall also schon mal rausfallen. Ich lege die Rollkragenpullis zu den Hosen, ich muss das alles noch mal anprobieren.

Klaus 1 war ein vollkommen anderes Kaliber als Klein-Klaus. Er war groß, breitschultrig und lud mich den ganzen, sehr langen Abend über ein.

»Ich bin Manager«, erklärte er. »Mit dreißig wollte ich meine erste Million gemacht haben …« Er sah mich mit einem auffordernden Nicken an.

»Und ?«, fragte ich.

»Ich war drei Jahre zu früh dran«, sagte er voller Stolz und nickte mir erneut zu.

»Echt ?«, fragte ich und kam mir ziemlich doof dabei vor.

»Unglaublich, oder ? Mit dreißig war ich sogar schon mehrfacher Millionär.« Er zog zufrieden an seiner Zigarette, als wäre es eine dicke Zigarre, und warf sich im Spiegel hinter der Bar einen verliebten Blick zu.

»Was bist du denn für ein Manager ?«

»Ach, das ist schwer zu erklären. Zu kompliziert für den Laien. Aber einen Tipp gebe ich dir, für den Fall, dass du doch noch mal was aus deinem Leben machen willst: Mach es so wie ich !«

Diesmal prallte sein Nicken an mir ab. Ich war schon zu müde, um nachzufragen, was das genau heißen sollte. Doch Klaus 1 erzählte es mir natürlich auch ungefragt.

»Wie war dein Date ?« Ina schiebt die Röcke zur Seite und pflanzt sich mit dem Zitronen-Ingwer-Tee, den sie aus ihrer Wohnung mitgebracht hat, auf mein Bett. »Bist du endlich zum Zug gekommen ?«

Ich schäle mich aus meinem Rollkragenpullover, der sich wie ein Ganzkörperkondom anfühlt und kratzt. Die beiden Pullis sind eindeutig zu eng für die Hosen, die Sicherheitsnadel zeichnet sich deutlich ab. Hatte ich diese Erkenntnis nicht schon vor der letzten Messe ?

»Ach, nicht der Rede wert«, sage ich und spiele mit der Sicherheitsnadel herum.

»Ist also wieder nichts gelaufen ?« Ina schiebt sich die schwarzen Haare hinters Ohr. Wenn sie frisch gefärbt sind, haben sie immer einen leichten Blaustich.

Ich schüttle den Kopf.

»Du hättest doch wenigstens mit ihm schlafen können.«

»Ja, stimmt, das hätte ich wenigstens machen können.« Ich verdrehe die Augen und überlege, ob Klaus 3 wohl beim Orgasmus piepst. Igitt, das will ich mir gar nicht vorstellen.

»Wieso machst du es nicht so wie ich ? Krallst dir einfach irgendeinen Mann – nicht gerade einen Alkoholiker oder Junkie oder so –, lässt es ein paar Mal über dich er­gehen, und wenn du schwanger bist, schießt du ihn ab. Zweck erfüllt.«

»Weil ich zufälligerweise nicht nur ein Kind, sondern erst mal einen Mann will ? !«

Und unter gar keinen Umständen möchte ich wie Ina ­alleinerziehend sein. Ich wünsche mir nämlich vor allem einen Mann für mich selbst. Na, und später will ich mit diesem Mann ein Kind haben, oder zwei oder … Wenn ich nicht gerade, wie heute, unglaublich glücklich bin, allein zu sein.

»Einen Mann !« Ina lacht laut auf. »Und wofür, wenn ich fragen darf ? Um jemanden zum Streiten zu haben ? Um dich zu langweilen ? Oder um auf deiner Telefonrechnung 0190er-Nummern zu finden ?«

Ich ziehe die Bleistiftröcke unter Inas Beinen weg. Die kann ich zu den Rollkragenpullis auch nicht tragen. Die Röcke sind beide zu lang. Ich muss sie hochziehen, bis kurz unter die Brust, dann haben sie unten Knielänge und ver­decken auch den Bauch ganz gut. Ich kann die Pullis also nicht in den Rock stecken, denn dann sähe man ja, dass auf die Brust direkt der Rockbund folgt, mein Oberkörper wäre ultrakurz. Und für über den Rock sind sie wiederum zu lang, weil sie bis unterhalb des Pos gehen, was auch komische Proportionen macht.

Ina hält die beiden Flatterröcke hoch und grinst. »Ganz schön esomäßig.«

Ich greife nach den Röcken.

»Nicht alle Männer rufen bei 0190er-Nummern an.«

Ich habe einfach nichts zum Anziehen !

»Die Männer, die ich kenne, schon.«

»Komisch«, sage ich, »und alle, mit denen du zu tun hast, sind über sechzig. Die Jüngeren gehen dafür ins Netz.«

Ina arbeitet nämlich bei einer Sexhotline. Die Männer, die sie anrufen, stellen sich vor, ihre allzeit bereite Gesprächspartnerin wäre wie in den Anzeigen mit riesigen Brüsten und einem stets weit geöffneten Mund gesegnet. Ina hat kleine Brüste, wie ich, und hängt beim Telefonieren gerne nebenbei Wäsche auf. Rosalie, meine beste Freundin, hat das, was Ina macht, mal verbale Prostitution genannt.

»Mein Job ist perfekt für mich«, schwärmt Ina. »Wann immer ich Zeit habe, logge ich mich ein, und es wird auto­matisch registriert und abgerechnet. Zum Beispiel wenn Paul und Piet in der Kita sind oder Mittagsschlaf machen. Total flexibel. Eigentlich genau wie dein Job.«

»Na ja …« Bis auf den Punkt mit der Flexibilität kann ich nicht allzu viel Ähnlichkeit erkennen. Ich arbeite als Reisejournalistin, freiberuflich, von zu Hause aus, wenn ich nicht gerade auf einer Pressereise bin. Ich bin ziemlich zufrieden mit meiner Arbeit, und oft erscheint es mir fast irreal, dass mein Beruf ausdrücklich verlangt, eine Reise in Ruhe nachwirken zu lassen, mir Gedanken zum Erlebten zu machen, zu den Menschen, die ich getroffen habe, und meine Eindrücke dann in eine runde Form zu gießen. Ich schreibe und denke mich leer, lege das hübsch verpackte Päckchen zur Seite und bin wieder bereit für den nächsten Streich. Das macht mich glücklich.

Hm, ich glaube, ich nehme doch den größeren Koffer. Dann kann ich alles einpacken und vor Ort entscheiden, was ich anziehe. Sind ja nur zwei Messetage. Dann verlasse ich die Hauptstadt auch schon wieder und tuckere zurück nach Hamburg. Mein Hamburg, das mir im Vergleich zu Berlin immer wie ein gemütliches Provinzstädtchen vorkommt. Das mit der Packerei, das ist mir jetzt alles zu sehr unter Zeitdruck. Und wenn ich eins nicht leiden kann, dann ist es Hetze. Erst denke ich immer, es ist ja noch massig Zeit, und ich mache alles ganz gemütlich, Kaffee trinken, Haare föhnen, noch mal nass machen und wieder föhnen, Kinoprogramm durchblättern, und dann, plötzlich, ist die Zeit abgelaufen, und ich renne durch die Wohnung wie eine Verrückte und suche den Regenschirm oder die Taschentücher und merke im Rausgehen, dass ich ja erst an einem Auge die Wimpern getuscht habe, woraufhin ich einen Schweißausbruch bekomme, der dann auch erst mal bekämpft werden will.

»Und wann hast du dein nächstes Blind Date ?« Ina kniet sich auf den Boden und putzt mit Taschentuch und Spucke ungefragt meine schwarzen Absatzstiefel. Richtig, das stand ja auch noch auf meiner To-do-Liste.

»Es wird kein Blind Date mehr geben. Das Kapitel ist ein für alle Mal abgehakt.«

Ina hält in der Polierbewegung inne und sieht mich mitleidig an. »Du willst also aufgeben ?«

»Was heißt hier aufgeben ? Es werden sich schon andere Gelegenheiten auftun.«

»Ach ja, und wo sollen die herkommen ? Dafür müsstest du erst mal deinen Radius erweitern. In deine Wohnung werden jedenfalls keine Männer schneien, den Zahn muss ich dir leider ziehen. Und im Rosalies hängen auch immer nur dieselben Nasen rum.«

Das Rosalies ist die Bar meiner Freundin Rosalie auf St. Pauli, mein zweites Zuhause. Und Ina hat recht, in den letzten zwei Jahren haben nur sehr wenige interessante Männer meinen Weg zwischen Arbeitszimmer, Küche, Schlafzimmer und dem Rosalies gekreuzt. Und auf den Pressereisen sind die Männer fast immer zu langweilig, zu verheiratet oder zu wenig vorhanden. Das ist ein Nachteil, wenn man von zu Hause aus arbeitet.

»Du solltest mal match-patch.de ausprobieren, das ist diese Online-Partnerbörse für Singles mit Kinderwunsch, wo ich Henning kennengelernt habe. Da wollen alle dasselbe, und die Kondome bleiben schön in der Schublade.« Ina grinst.

»Von wegen, da wollen alle dasselbe.« Ina wollte ein Kind, Henning eine Familie. Das macht einen Riesenunterschied. Henning verliebte sich in Ina, während Ina die Verliebte bloß spielte, so lange, bis der Zwillingsbraten in der Röhre war, dann schoss sie ihn eiskalt ab. Nein danke.

Ich möchte lieber auf natürliche Art jemanden kennenlernen. Eine schicksalhafte Begegnung vielleicht. Oder eben mein Singledasein ausgiebig genießen, so wie im Moment, wo ich tun und lassen kann, was ich will. Jawohl, ich könnte wilden Sex mit einem Unbekannten in der Umkleide­kabine haben oder mit zwei Männern gleichzeitig ins Bett springen. Also, wenn mir danach wäre.

»Okay, es wäre vielleicht fairer gewesen«, räumt Ina ein, »wenn ich damals auf spermaspender.de gesucht hätte. Nur wusste ich da noch nicht, dass es so was gibt. Aber, hey, das wär doch auch was für dich !«

»Sag mal, spinnst du ?« Ich funkele sie an. »Ich will keine Spermien, ich will einen MANN !«

Ich meine: theoretisch.

Manchmal.

Zum Beispiel dann, wenn ich auf einer Party lande, auf der außer mir nur Paare sind, die ihre Urlaubsfotos herumzeigen, und wenn die Bilder auch noch gut sind, also nicht so Fotos, auf denen ein Pärchen vorm Eiffelturm oder vorm Las-Vegas-Schild mit abgeschnittenen Füßen rotäugig in die Kamera starrt.

Oder wenn ich sonntags beim Joggen an der Alster einen Hürdenlauf um Paare mit Kindern veranstalte, die selig lächelnd riesige Eistüten vor sich hertragen. Kein Wunder, dass ich nur einmal im Jahr joggen gehe ! Ach, oder wenn ich sonntagabends alleine Tatort gucke und mir vorstelle, wie viel schöner es wäre, einen Mann neben mir sitzen zu haben, an dessen warme Seite ich mich schmiegen und zu dem ich sagen kann: Bäh, ich kann den Schlauchbootlippen-­Schmollmund der Thomalla nicht mehr sehen – den ich dann nachmachen würde, was viel lustiger wäre, als die Lippen alleine, ohne Publikum umzustülpen. Ich kann das übrigens ziemlich gut, meine Oberlippe berührt dabei fast die Nasenspitze, schade, dass es hier keine Videobotschaft wie bei Nur die Liebe zählt gibt.

Apropos: Sehr, sehr selten rutscht mir die Hand auf der Fernbedienung aus und, schwups, bin ich bei Kai Pflaume oder auf den Klippen von Cornwall gelandet. Und schon dreht jemand den Wasserhahn in meinen Augen auf. Jetzt haben sie Nur die Liebe zählt auch noch abgesetzt, da kann ich ja lange warten,dass was passiert. Denn was ich mich eigentlich gar nicht traue, laut zu sagen: Ich bin so weit, dass ich freudig aufspringen würde, wenn Kai Pflaume plötzlich an meine Tür klopfte: »Hast du eine Ahnung, Anna, wer dich überraschen möchte ?« Ich würde rufen: »Nein ! Aber können wir jetzt endlich in den Love-Caravan ?«

»Huhu, Erde an Anna: Ziehst du die an, oder sollen die in den Koffer ?«

Ich starre verwirrt auf die blitzblank geputzten Stiefel in Inas Hand. Hm, das ist wieder so eine Grundsatzfrage: schmerzfreie Zwergin oder Selbstbewusstsein auf Hühner­augen ? Ich glaube, ich packe einfach vier Paar Stiefel ein, zwei schwarze und zwei braune, je einmal mit flachem und mit hohem Absatz. Ach ja, und Pumps. Auch vier Paar. Man weiß ja nie.

»Triff dich doch noch mal mit dem zweiten Klaus. Der war doch ganz nett, oder ?«

»Unter gar keinen Umständen ! Eher gehe ich ins Kloster.«

Klaus 2 war das dunkelste Kapitel meiner Blind-Date-Geschichte. Und das, obwohl die erste Stunde unseres Treffens ausgesprochen gut verlief. Erst quatschten wir dar­über, wie peinlich wir beide es im Grunde finden, bei einer Online-­Singlebörse angemeldet zu sein, dann darüber, wie typisch es für jeden von uns ist, sich über die Dinge zu stellen, statt offen zu sagen: Ja, ich suche einen Partner. Dann lachten wir und redeten über unsere Lieblingsfilme, die sich einander erstaunlich ähnelten. (Natürlich hatte ich nur eine bestimmte, männeradäquate Auswahl meiner Lieblingsfilme aufgezählt und meine persönlichen Evergreens wie Dirty Dancing, Before Sunrise oder Die Brücken am Fluss sowie alle Filme mit Hugh Grant geflissentlich unterschlagen.)

Als ich von der Toilette zurückkam, passierte es.

»Du«, sagte Klaus 2, »da hinten ist was mit deinem Rock.«

Ich tastete nach hinten, das Blut schoss mir ins Gesicht. Der Klassiker ! Statt des Rocks befühlte ich meine dick ausgebeulte Strumpf- und Unterhose, immerhin meine schönste – was in diesem Augenblick ein schwacher Trost war –, in die sich das Hinterteil des Rocks verfangen hatte. Schlimmerweise wurde in diesem Augenblick, wie so oft, wenn mir etwas Peinliches passiert, meine unglückliche Neigung aktiviert, so zu tun, als sei alles volle Absicht.

»Das muss so«, sagte ich betont beiläufig und: »Was hältst du eigentlich von Memento ?«

»Das sah aber vorhin noch ganz anders aus.« Klaus ließ nicht locker.

»Also ich fand bei Memento ja großartig, wie die Geschichte rückwärts erzählt wurde. Da musste man ganz schön mitdenken. Ach, und hast du Dogville gesehen ?«

Das Gespräch wollte nicht mehr so recht in Gang kommen. Irgendwann fragte Klaus halbherzig: »Wie fandest du Fight Club ?«

»Supergut !«, rief ich im Brustton der Überzeugung und zupfte heimlich an meiner Windel. Zu meiner Schande hatte ich den Film nie gesehen, aber ich wusste, dass es einer der Filme ist, die man gesehen haben muss.

»Und was hat dir daran besonders gut gefallen ?«, fragte Klaus und schielte auf mein ausgestopftes Hinterteil. Und dann auf mein tief ausgeschnittenes Dekolleté. Unauffällig schob ich die Brust ein wenig weiter vor.

»Äh, na, die Kämpfe. In dem Club«, sagte ich. In Klaus’ Blick lag Skepsis.

»In diesem Kampfclub«, fügte ich erklärend hinzu. Fünf Minuten später verabschiedete sich Klaus 2. Als ich aufstand, nahm der Kellner mich diskret beiseite: »Ihr Oberteil sitzt ein wenig schief.«

Ich guckte an mir herunter.

»Ich könnte dir noch mal den Tittenheber leihen.« Ina sitzt im Schneidersitz vor mir und grinst.

Zu allem Überfluss hatte ich mir für den Abend mit Klaus 2 von ihr einen Büstenheber geliehen, so ein Ding, das nur unterhalb der Brust Stoff hat und sehr sexy sein soll. In diesem Fall sorgte er allerdings nur dafür, dass meine linke Brustwarze über den Rand meines Oberteils lugte.

»Du fieses Miststück !« Ich schlage mit meinem Kurt-Cobain-Schlaf-T-Shirt nach ihr. Das hab ich mir übrigens 1994 gekauft, kurz nach seinem Tod, und es ist erstaunlicherweise noch immer in Form. Ich muss ja zugeben: Als die Nachricht von Kurt Cobains Tod die Runde machte, und alle furchtbar betroffen waren – ich eingeschlossen –, musste ich erst mal heimlich nachgucken, wer das überhaupt war. Ach so, klar, hatte ja auch schon oft zu Smells Like Teen Spirit getanzt. Aber mit Namen, da hab ich es nicht so.

»Mal ehrlich, Anna«, sagt Ina und setzt ihre ernste Miene auf. »Du willst doch Kinder, oder ?«

»Ja, schon.« Eigentlich sogar sehr dringend. Aber …

Irgendwie ist es mir peinlich zuzugeben, dass meine biologische Uhr, das blöde Ding, doch tatsächlich schon ziemlich laut tickt. Vor zwei Jahren, als Michael und ich uns getrennt haben, da hätte ich noch gesagt: Klar, also, ich meine, wahrscheinlich will ich mal Kinder, irgendwann. Momentan passt das überhaupt nicht. Die Mütter werden eh immer älter, da ist man mit dreiunddreißig noch lange keine Risikoschwangerschaft, alles völlig im Rahmen, Eile mit Weile. Doch irgendwann setzte dieses dumme Ticken ein, ganz leise erst, und ich dachte noch, schön, dass ich langsam so etwas wie eine Bereitschaft spüre, wird ja auch Zeit, dass sich hormonell und emotional was tut. Dass ich aufhöre, mich wie eine Jugendliche zu fühlen, die sich wundert, dass sie schon erwachsen ist. Selbst mit Anfang dreißig habe ich mich bei Familienfesten automatisch an den Kindertisch gesetzt. Oder wenn mich ein Teenager oder – noch schlimmer – ein Student gesiezt hat, da habe ich gedacht, mit dessen Erziehung wurde doch wohl übertrieben. Und dann auf einmal tickte es lauter, und es wurde immer unglaubwürdiger, wenn ich mir einredete: Ticken ? Welches Ticken ? Ich höre nichts !

»Willst du hören, was ich glaube ?«, fragt Ina.

»Nein.«

»Du hast Torschlusspanik.«

»Ich habe Nein gesagt !«

»Wirklich, ich kenne diesen Blick. Ich bin selbst jahrelang damit rumgelaufen.« Ina greift nach den gelben Post-its auf meinem Nachttisch, kritzelt etwas darauf, beugt sich zu mir rüber und drückt mir den Zettel auf die Stirn.

Widerwillig greife ich nach dem Post-it und starre sekundenlang auf die Notiz: Ich will ein Kind von dir !

»Das ist schrecklich«, flüstere ich.

Eigentlich habe ich an die hundert Begründungen ­parat, warum ich nun wirklich nicht zu diesen Frauen zähle. Zu den Bedürftigen und Verzweifelten, die das Haus nicht mehr verlassen können, ohne den Radar einzuschalten. Und trotzdem fühle ich mich manchmal so, als hätte ich genau diesen Zettel auf der Stirn kleben. Dabei sollte mein Wunsch doch eigentlich ein ganz normaler, natürlicher sein. Ich meine, wie verwirrt sind wir Frauen heute denn, dass wir uns dafür schämen, eine Familie gründen zu wollen. Also wirklich ! Ich zerknülle den Zettel.

»Also, wie ist der Plan ?«, fragt Ina, lehnt sich auf dem Bett zurück und rückt sich mein Kopfkissen im Rücken zurecht, als erwarte sie beste Unterhaltung. »Wo willst du den Vater deiner Kinder finden ?«

»Sag das doch nicht so. Das klingt ja fürchterlich. Da muss ich sofort an Betriebswirte denken, die die Familien­planung ganz oben auf ihre persönliche Agenda setzen. Jahresziele: Gehaltserhöhung, Eigentum erwerben, Frau schwängern. Oder an Pantoffelhelden, die mich, wenn das Kind da ist, Mutti nennen. Ich steh einfach nicht auf Männer, die Kinder wollen.« Hilfe !

Der Typ Mann, der mir gefällt, trägt keine Hemden mit Polospielern und Krokodilen darauf und auch keinen Fahrradhelm. Er ist … cool. Nach meiner ganz eigenen Definition von cool, was in etwa heißt, er hat Geschmack und Stil, ist souverän und weiß, was er will, und auch sehr genau, was Frauen wollen. Und er ist gerne ein paar Jahre älter als ich. Ich finde ja graue Haare ziemlich ansprechend. Im besten Fall hat er etwas von einem Künstler oder Rockstar, also in der nicht-abgerissenen Variante. Und er fühlt sich, leider, sein Leben lang zu jung für ein Kind. Er nimmt Reißaus, sobald es ernst wird, er ist ein Cowboy und ausgesprochen sexy.

Ina reicht mir das klingelnde Telefon. »Ich muss los«, sagt sie und greift nach ihrer leeren Teetasse, »an die Arbeit.« Sie gibt einen Stöhnlaut von sich. »Mmmh, ich bin schon ganz feucht. Dein Schwanz fühlt sich riesig an in meinem Mund. Lustig, dass die alle denken, man könnte mit einem Schwanz im Mund reden.«

Aufhören. Sofort !

»Bist du noch nicht auf dem Weg zu dieser Touristenmesse ?« Meine Mutter spricht wie immer viel zu laut.

»Tourismus, nicht Touristen, Mama. Und nein, ich muss erst in, oh Gott, in zwanzig Minuten los.«

»Warum schnappst du dir nicht einen Kerl auf der Messe ? Da laufen doch jede Menge rum, das müsste ja mit dem Teufel zugehen, wenn dich von denen keiner will.«

Warum meint eigentlich jeder, mir gute Ratschläge geben zu müssen ?

»Da hab ich wirklich anderes im Kopf, als nach Männern Ausschau zu halten.«

Ich klemme den Hörer zwischen Schulter und Ohr, verfrachte alle Klamotten vom Bett in meinen Koffer und packe das Bügeleisen dazu.

»So wird das nie was mit dir.«

Meine Mutter schnaubt. Eine der Angewohnheiten auf meiner Top-Ten-Liste der störendsten Muttergeräusche. Auf Platz vier, um genau zu sein, nur einen Rang hinter einem Geräusch, das vermutlich wenig Allgemeingültigkeit besitzt: so zu klingen, als hätte sie ein Nimm-2-Bonbon am Gaumen kleben und würde ausdauernd den Saft heraussaugen.

Ich halte den Hörer ein Stück vom Ohr weg, laufe ins Bad und werfe meine gesamten Kosmetikartikel in den Kulturbeutel. Werde mich im Zug schminken müssen.

»Du musst doch langsam auch mal an Kinder denken.«

Tue ich, Mama.

»Je später du damit anfängst, desto größer ist das Risiko. Und desto unwahrscheinlicher ist es, dass du überhaupt noch schwanger wirst.«

Ich weiß, Mama.

»Warum kommst du nicht einfach mal mit zu meinem Lesekreis ? Da sind auch jüngere Leute. Waltraud, die müsste etwa in deinem Alter sein, und Hildegard. Ach nee, die ist schon was älter. Aber da sind auch Männer, ohne Frauen. Elf Frauen und zwei Männer sind wir, der Helmut und der Wolfgang. Die sind wirklich sympathisch und kennen sich auch gut aus mit der Literatur. Was die alles ge­lesen haben ! Du liest doch auch so gerne. Und der Wolfgang, der hat einen Sohn, den Dirk, der hat auch schon mal was für die Zeitung geschrieben, wie du. Einen Leserbrief, weil im Drosteipark einfach viel zu wenig Mülleimer stehen. Ja, der setzt sich ein, der Dirk. Neulich hat er den Wolfgang mit dem Opel abgeholt, der Wolfgang kann ja nicht mehr selbst fahren seit dem Schlaganfall. Ein schwarzer Opel, so ein sportlicher mit Ledersitzen.« Sie saugt ein paarmal an ihrem Gaumen. »Du kommst mal mit, und dann ziehst du dir was Hübsches an, nicht immer diese grauen Kapuzenpullover. So kann das ja nichts werden. Du brauchst ja auch jemanden, der dich versorgt. – Anna ? Du sagst ja gar nichts mehr. Bist du noch dran ?«

Ich klappe meinen Koffer zu und hole den vollen Müllbeutel aus der Küche. Der soll hier lieber nicht vor sich hin gammeln, während ich weg bin. Bevor ich ihn zubinde, packe ich kurzerhand die Schnipsel mit den Kontaktanzeigen dazu. Die habe ich in den letzten Wochen aus verschiedenen Stadtmagazinen ausgeschnitten und aufbewahrt, für den Fall der Fälle. Aber heute bin ich mir sicher: Ich werde einen anderen Weg finden. Vielleicht beginne ich damit, ohne dunkle Sonnenbrille zum Supermarkt zu gehen und mich für den Gang zum Bäcker wenigstens ein bisschen zu schminken. Und die grauen Kapuzenpullis und die ausgebeulte Jogginghose, von deren Existenz meine Mutter glücklicherweise nichts weiß, werde ich fürs Erste aus meinem Repertoire an Vor-die-Tür-geh-Klamotten streichen. Und ganz vielleicht überdenke ich sogar meinen Männertyp, zumindest ein bisschen (ein Fahrradhelm, der nicht Kindergröße hat, kommt mir trotzdem nicht ins Haus). Gleich nach der Messe fange ich an.

Der Müllmann in seiner leuchtend orangefarbenen Kluft ist gerade dabei, die Tonne wegzuziehen.

»Hallo !«, rufe ich und eile mit Sack und Pack hinter ihm her. »Nehmen Sie das auch noch mit ?«

Er dreht sich zu mir um, sein Blick flackert. Ziemlich alt für einen Müllmann und, Moment, seine orangefarbene Kleidung ist gar keine Müllmannkluft, sondern … ein Schlafanzug ? Als ich näher komme, lässt er die Mülltonne fallen und rennt davon. Seine Füße sind nackt und seine langen weißen Haare bäumen sich im Wind.

Zwei

Am Ende des zweiten Messetages stehe ich erschöpft in der Damentoilette am Durchgang von Halle drei zu Halle vier und halte meine schweißnassen Achseln unter das heiße Gebläse des Händetrockners. Vierzehn Termine habe ich hinter mir, mein Mund ist vom vielen Reden dauertrocken, und in meinem Kopf pulsiert es. Die Tür geht auf, ich löse mich schnell aus der Verrenkung, und da mein linker Arm noch etwas ziellos in der Luft schwebt, ordne ich in einer ausladenden Geste ein paar Haarsträhnen. Ich kann der Neuankommenden ja schlecht mit erhobener Hand zuwinken: Grüß Gott, hereinspaziert ! Nein, nein, wir kennen uns nicht, trotzdem freue ich mich, dass Sie den Weg hierhergefunden haben. Winke, winke, willkommen auf dem Damenklo. Die Frau verschwindet in der Toilettenkabine, und die Mission trockener Rollkragenpulli wird zu Ende geführt. Geruchscheck: na ja.

Ein allerletzter Termin, dann geht’s zurück nach Hamburg. Ich wasche mir die Hände, zupfe an meinem Flatterrock – von wegen esomäßig – und setze mein Business-Gesicht auf. Bin immer wieder überrascht, wie anders ich dann aussehe.

»Darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten – oder lieber etwas Kühles ?« Mein Gegenüber blickt auf die Uhr. »Eigentlich könnten wir auch schon den Abend einläuten, was meinen Sie ? Ein Gläschen Weißwein ?«

»Da sag ich nicht Nein.«

In wohliger Erwartung lehne ich mich zurück und schlage die bestiefelten Beine übereinander, während mein Gesprächspartner die Getränke organisiert. Endlich sitzen ! Ich kann genau spüren, wie die Hühneraugen an meinen kleinen Zehen wachsen, und mein Rücken hat sich auch schon mal besser angefühlt. Am liebsten würde ich auf dem Kunstrasen nebenan kurz einen Yoga-Katzenbuckel machen.

Der Stand, an dessen Rand ich sitze, nimmt fast ein Drittel der Halle ein. Riesige alpenromantische Plakate zieren die Wände, rechts von mir befindet sich eine kleine Bühne in Bergform, lebensgroße Pappkühe dienen als Prospekthalter, dazwischen verteilen Hostessen in Dirndln und fesche Jungs in Lederhosen Brezeln.

»Tolle Deko haben Sie«, sage ich, als Herr Dings – ein unauffälliger Blick aufs Namensschild –, Herr Dahl, ach ja, und ich uns zuprosten. Freudig registriere ich, dass er eine kleine Karaffe mit Nachschub vor mir abstellt.

»Vielen Dank, Frau Brix. Freut mich, dass es Ihnen gefällt. Wir haben lange überlegt und uns schlussendlich doch für die bekannten Symbole entschieden.«

Ich nicke und betrachte das wogende Dekolleté eines Dirndlmädchens, das gerade unter einer der Pappkühe einen Flyer aufhebt und dabei aussieht, als wollte es die Kuh melken.

»Stimmt, da weiß jeder sofort, worum es geht.«

»Genau, das haben wir uns auch gedacht«, nickt Herr Dahl und folgt meinem Blick. Er räuspert sich. »Ich freue mich sehr, dass Sie kommen konnten. Bei so erfolgreichen Reisejournalisten wie Ihnen gleicht es ja einem Sechser im Lotto, einen Termin zu bekommen.«

»Ich, also … na ja.«

Heiß ist es hier.

»Ich habe Ihre Artikel in der Geo Saison und im Merian gelesen, über die etwas anderen Wellnesshotels in Europa, die Kaffeekultur in Toronto und über Schwedens wahres Bullerbü. Vor allem mit Ihren Betrachtungen zu Schweden, wie Sie da hinter den Klischeevorhang geguckt haben – Chapeau, liebe Frau Brix, chapeau !«

Ich spüre, wie ich rot werde, und fächere mir mit der Pressemappe Luft zu.

»Und deshalb wäre es uns eine Ehre, wenn gerade Sie sich unserer bescheidenen Alpenregion annehmen würden.« Er wirft mir einen bedeutsamen Blick zu und faltet die Hände vor seinem Bauch. »Na, ich kann Ihnen ja direkt mal ein bisschen was über den WalkThirty-Six erzählen. Dazu möchten wir Sie nämlich einladen. Was wir uns so vorgestellt haben, wen wir damit ansprechen wollen. Und natürlich wie ein möglicher Medienansatz aussehen könnte. Und vielleicht könnten Sie dann kurz sagen, was Sie als Profi davon halten.«

»Gerne.« Ich nippe an meinem Wein, rutsche tiefer in den sehr gemütlichen Sessel und bin mit einem Mal versucht, die Augen zu schließen. Herrlich wäre das, einfach alles auszublenden, das Neonlicht, die abgestandene Luft, das Stimmengewirr. Nur der Sessel, der Wein und ich …

ENDE DER LESEPROBE