London Killing - Oliver Harris - E-Book

London Killing E-Book

Oliver Harris

4,6
9,99 €

oder
Beschreibung

Eine tödliche Spirale aus Lügen und Korruption, aus Identitätsschwindel und Finanzbetrug und ein punktgenaues Porträt Londons

Es sieht nicht gut aus für Detective Nick Belsey: Er hat einen Haufen Schulden – verursacht durch zwei hartnäckige Exfrauen und einen ausschweifenden Lebenswandel –, kein Dach mehr über dem Kopf und ein Disziplinarverfahren am Hals. Fieberhaft überlegt er, wie er sich aus dem Staub machen könnte.
Da landet ein Fall auf seinem Schreibtisch: Ein russischer Oligarch aus dem reichsten Stadtteil Londons, Hampstead Heath, ist spurlos verschwunden. Belsey fängt an, auf eigene Faust zu ermitteln, denn in ihm reift ein Plan – die Identität des Vermissten könnte ihm dabei helfen, sich heimlich abzusetzen und ein neues Leben anzufangen. Als er bemerkt, dass jemand vor ihm bereits dieselbe Idee gehabt hat, hält ein zielsicherer Auftragskiller bereits die ganze Stadt in Atem. Belsey steckt mittendrin in einem Strudel aus Korruption und Finanzbetrug und versucht abzutauchen, bevor er untergeht …
Ein raffinierter, schneller und wendungsreicher Thriller mit einem erfrischend anderen Detective, der selbst ständig hart an der Grenze zur Illegalität ermittelt, in der Hoffnung, damit seine eigene Haut zu retten, und mit einem atemberaubenden Finale.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 581




OLIVER

HARRIS

LONDON

KILLING

THRILLER

Aus dem Englischen von Wolfgang Müller

Karl Blessing Verlag

Titel der Originalausgabe: The Hollow Man

Originalverlag: Jonathan Cape

1. Auflage

Copyright © der Originalausgabe 2011 by Oliver Harris

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2012

by Karl Blessing Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: Hauptmann und Kompanie Werbeagentur,

München – Zürich

Satz: Leingärtner, Nabburg

ePub-ISBN: 978-3-641-07326-8

www.blessing-verlag.de

»Gott, gib mir die Kraft für ein Doppelleben.«

Hugo Williams, Prayer

1

Hampsteads Reichtum reihte sich leblos am Rand des Hampstead Heath Parks auf: mit Raureif bedeckte Mercedes-Limousinen und Geländewagen unter Platanen, unbeleuchtete viktorianische Reihenhäuser. In einem Starbucks brannte Licht, ansonsten war es dunkel in den Straßen. Vereinzelt krochen flüsternd Autos mit den ersten Pendlern durch die East Heath Road Richtung South End Green. Detective Constable Nick Belsey lauschte auf die entfernten, leisen Geräusche. Er konnte noch einzelne Autos unterscheiden, das hieß, es war noch vor sieben. Die Erde unter seinem Körper war kalt. Er hatte Dreck im Mund, und es roch nach Blut und verfaulter Baumrinde.

Belsey lag im Südteil des Hampstead Heath Parks, auf einem kleinen Hügel voller Kiefern, der von Ginsterbüschen umgeben und vom Rest der Welt durch einen niedrigen Eisenzaun abgetrennt war. Also gar nicht so unsinnig, sich hier zu verkriechen, dachte Belsey – falls das seine Absicht gewesen sein sollte. Seine Jacke bedeckte das Stück Erde, auf dem er geschlafen hatte. Ein pochender Schmerz durchzuckte seinen Oberkörper, zu allgemein, als dass er hätte sagen können, woher er kam. Der Detective stand langsam auf. Sein Atem dampfte. Er schüttelte die Jacke aus, zog sie an und stieg über den Zaun ins nasse Gras.

Von der Hügelkuppe aus konnte er London sehen, das sich bis zu den Hügeln von Kent und Surrey erstreckte. Der Himmel verfärbte sich an den Rändern blass. Die Stadt – Camden, das West End, die Square Mile – lag so benommen da wie ein Obdachloser. Seine Uhr war weg. Er durchsuchte seine Taschen, fand eine blutverschmierte Serviette und eine Werbebroschüre für spirituelle Exerzitien, aber keine Schlüssel, kein Handy, keine Dienstmarke.

Er stolperte den bewaldeten Abhang hinunter zu den Sportplätzen, überquerte sie und ging weiter zu den Teichen. Seine Schuhe waren tropfnass, er spürte das Wasser zwischen seinen Zehen. Auf der Brücke neben dem gemischtgeschlechtlichen Badeteich blieb er stehen und hielt Ausschau nach morgendlichen Schwimmern. Es war noch keiner zu sehen. Er kniete sich auf den Beton, beugte sich hinunter und spritzte sich Wasser ins Gesicht. Blut tropfte ihm von den zitternden Händen. Das Spiegelbild seines Gesichts auf der Wasseroberfläche war nur eine ölige Mischung aus Licht und Schatten. Zwei Schwäne beobachteten ihn. »Guten Morgen«, sagte Belsey. Er wartete, bis die beiden davonglitten, dann tauchte er den Kopf ins Wasser.

2

Auf dem East-Heath-Parkplatz stand ein Streifenwagen mit zersplitterter Windschutzscheibe und offener Fahrertür. Eine Blutspur führte über den Kies zum Park: schmierige Streifen, keine Spritzer, vielleicht drei Stunden alt. Neben dem Blut waren undeutliche Fußspuren zu erkennen. Belsey hielt einen Fuß daneben. Die eiserne Schranke des Parkplatzes lag verbogen auf dem Boden. Es sah so aus, als wäre der Wagen nur gegen die Schranke geprallt. Es gab keine Anzeichen für eine Kollision mit einem anderen Wagen, an den Seiten waren keine Spuren von Lack oder einem Zusammenstoß zu sehen. Die Splitter der Windschutzscheibe hatten sich über die Motorhaube verteilt. Ohne auf das zerbrochene Glas zu treten, hob er ein Lenkradschloss vom Boden auf. Es musste, als er gebremst hatte, nach vorn aus dem Wagen geflogen sein. Er konnte von Glück sagen, dass es ihm nicht den Schädel eingeschlagen hatte. Er legte es wieder auf den Boden, kratzte eine Handvoll nasses Laub zusammen und wischte damit das Lenkrad, den Schaltknüppel und die Türgriffe ab.

Belsey verließ den Parkplatz und ging langsam die ruhige, gewundene Straße entlang, die von Downshire Hill nach South End Green führt. Links von ihm lag der Park, rechts reihte sich ein Multimillionenpfundhaus an das andere. Es herrschte absolute Stille. Wie jede Morduntersuchung, dachte Belsey, so hat auch jeder Tag seine goldene Stunde: ein Zeitfenster, in dem alles möglich ist, bevor die Stadt startklar war für den neuen Tag. Er probierte die Türgriffe von einigen Wagen, bis sich schließlich quietschend die Tür eines Vauxhall Astra öffnete. Belsey schaute die Straße rauf und runter, stieg ein, ließ das Handschuhfach aufschnappen und fand drei Pfund in Münzen. Er nahm das Geld, stieg wieder aus und schloss leise die Wagentür.

Neben dem Krankenhaus befand sich ein rund um die Uhr geöffneter Laden, der zwei somalischen Brüdern gehörte. Belsey kaufte eine Zahnbürste, eine Flasche Wasser und ein Päckchen Watte.

»Morgen, Inspector. Was ist denn mit Ihnen passiert?«

»Hab ’ne kleine Runde im See gedreht. Fühl mich wie neugeboren.«

»Schon klar, Inspector.« Die Brüder grinsten schüchtern und tippten seine Einkäufe ein.

»Zum Inspector hab ich’s noch nicht gebracht.«

»Stimmt, Chef.« Die Ladenbesitzer schauten ihm nicht in die Augen. Wenn sie wegen seines lädierten Gesichts besorgt waren, so verkniffen sie sich Fragen danach. Belsey nahm das Wechselgeld, holte tief Luft und ging auf der Pond Street zum Polizeirevier.

Die meisten Reviere in London waren in modernen Betonklötzen untergebracht. Das in Hampstead nicht. Der rote, viktorianische Backstein des Reviers am Rosslyn Hill strahlte Bürgerstolz aus. Oberhalb lag die denkmalgeschützte Behäbigkeit des Dorfes, und am Fuß des Hügels begann der schmutzige Häuserbrei von Camden. Belsey setzte sich gegenüber auf die Bank der Bushaltestelle und beobachtete, wie nach und nach die Leute von der Spätschicht, übernächtigt und geschafft, das Revier verließen. Um acht trudelten die Ersten für den Morgenappell ein. Er wartete noch fünf Minuten und überquerte dann die Straße.

Die Gänge waren leer. Belsey ging zu den Spinden. Dort hing der Erste-Hilfe-Kasten, und er nahm eine Packung Paracetamol, eine Mullbinde und ein Fläschchen Jod heraus. Dann holte er einen verbogenen Regenschirm aus dem nächsten Abfalleimer und brach damit die Tür seines Spindes auf: eine Ersatzkrawatte, eine abgegriffene Ausgabe von Der Goldene Zweig und eine dünne, grüne Bibel, die er bei seinem letzten Hotelaufenthalt hatte mitgehen lassen, aber kein zweites Paar Schuhe und auch kein zweites Hemd. Belsey ging in den Korridor zurück und erstarrte. Ein paar Meter vor ihm betrat sein Chef, Detective Inspector Tim Gower, die Kantine. Belsey zählte bis fünf, ging an der Kantine vorbei, die Treppe hoch ins leere Büro des CID, des Criminal Investigation Departments, und setzte sich an seinen Schreibtsich.

Er ließ das Licht aus und die Jalousien unten und nahm sich das Verbrechensprotokoll der letzten Nacht vor. Eine Schlägerei in einem Döner-Laden, zwei Einbrüche, ein Vermisster. Kein Belsey. Er suchte seine Polizeimarke und seinen Dienstausweis und fand beides in einer Schreibtischschublade: E II R, Metropolitan Police, ein silberner Stern mit einer Krone. Das war also übrig von ihm.

Er schaltete den Computer ein, überprüfte den demolierten Streifenwagen und fand heraus, dass er zum Revier Kentish Town gehörte. Er rief dort an.

»Nick Belsey hier, Hampstead CID. Einer von euren Wagen steht auf dem East-Heath-Parkplatz … Nein, steht noch da … Weiß ich nicht … Danke.«

Belsey ging in den Waschraum, schloss ab und zog sich bis zur Hüfte aus. Er musterte sein Gesicht. Eine getrocknete Blutspur verlief von seinem linken Nasenflügel über die Lippen bis zum Kinn. Er strich über das Blut. Wahrscheinlich nur eine oberflächliche Verletzung, abgesehen von der aufgeplatzten Lippe, mit der er leben konnte. Das rechte Ohr war übel abgeschürft, und der rechte Wangenknochen tat weh, wenn er ihn berührte, war aber nicht gebrochen. Verästelte dunkelblaue Flecken zogen sich über seine Brust und seine rechte Schulter. Er wusch die Wunden aus und spuckte die Überreste eines abgebrochenen Zahns aus. Er sah »aufgedreht« aus, älter und gleichzeitig jünger als seine achtunddreißig Jahre. In seine glanzlosen Detective-Augen kehrte langsam das Licht zurück. Belsey zog die Hose aus und klopfte mit nassen Händen den gröbsten Dreck ab. Für die verschmutzte Anzugjacke brauchte er mehr Wasser. Er hängte sie zum Trocknen auf, zog die Hose wieder an und ging zurück ins Büro. Unter den Schreibtischen seiner Kollegen suchte er nach trockenen Reserveschuhen, fand aber keine.

Die Telefonzentrale hatte eine Liste mit Nachrichten für ihn hochgeschickt – Anrufe, die in den letzten paar Stunden eingegangen waren. Sie stammten von mehreren Personen, mit denen er schon seit Jahren nicht mehr gesprochen hatte, von einigen entfernten Verwandten und von einem alten Kollegen. Du hast gestern Abend bei mir angerufen … Er erinnerte sich an keinen einzigen. An den Rändern seines Bewusstseins machte sich ein unbestimmtes Grauen bemerkbar.

Er zog die Jalousie vor dem kleinen Fenster neben seinem Schreibtisch hoch. Die Nacht hatte sich verflüchtigt, der Himmel hatte eine stumpfe Farbe angenommen, schmale Wolken klebten am Himmel wie dreckiger Schaum auf Wasser. Belsey spürte, dass es ein außergewöhnlicher Tag war. Die tief stehende Wintersonne verlieh allem scharfe Konturen. Ein hemdsärmeliger Mann sperrte eine Apotheke auf. Ein Straßenkehrer schlurfte fegend Richtung U-Bahnhof Belsize Park. Banker und Geschäftsleute hasteten vorbei. Aus Gewohnheit fragte sich Belsey, ob er seine Kreditkarten sperren lassen sollte. Aber die Karten hatten sich vor ein paar Tagen schon selbst gesperrt. Sein altes Leben war nicht mehr zu retten. Es kam ihm vor, als wäre er ohne die Karten auch seine Schulden los, und ohne die Schulden könnte er abhauen, wohin er wollte.

Ruhe bewahren, das war jetzt wichtig.

Belsey strich die Liste mit den abzuarbeitenden Vorkommnissen glatt, die auf seinem Schreibtisch lag. Sein Plan nahm Gestalt an. Die Leitstelle hatte neben der Meldung mit der vermissten Person das Wort »Wichtig!« notiert. Das hieß: Sie wollten, dass da jemand vorbeischaute – auch wenn vermisste Erwachsene nicht Sache der Polizei waren. Der Grund war wahrscheinlich die Adresse. Die Bishops Avenue war die teuerste Straße in ihrem Zuständigkeitsbereich und deshalb eine der teuersten der Welt. Niemand tat so, als sei ein verschwundener Reicher das Gleiche wie ein verschwundener Armer.

Er legte eine Nachricht auf den Schreibtisch des Sergeants. »Überprüfung des Vermissten, Belsey.« Dann quittierte er für die Schlüssel eines Zivilwagens, ging nach unten, vergewisserte sich, dass genug Benzin im Tank war, und setzte rückwärts in die Downshire Hill.

3

Er fuhr in gleichmäßigem Tempo. Gelegentlich kam ihm ein Land Rover mit halb geöffneten, getönten Scheiben entgegen. Pendler, die ihre brennenden Zigaretten aus dem Fenster hielten. Noch war der Verkehr fließend, der schlimmste Ansturm auf die Schulen würde erst in einer halben Stunde einsetzen. Belsey fuhr Richtung Whitestone Pond, vorbei an frühmorgendlichen Joggern und am Spaniard’s Inn, und bog dann links ab in die privilegierte Abgeschiedenheit der Bishops Avenue.

Frei stehende Villen, jede eine Klasse für sich in Sachen Hochsicherheitskitsch, säumten die breite Straße. Sie war auf einem Kilometer Länge das eingezäunte Zuhause von Scheichs, Prinzen und Magnaten und führte vom Heath bis zu einem trostlosen Abschnitt der A1. Eine Welt für sich, rätselhaft und abgeschieden vom Rest der Welt. In der Einfahrt von Nummer siebenunddreißig stand eine Frau mit schwarzer Jacke über der rosa Uniform einer Reinigungsfirma. Sie hatte blonde Haare, war blass und paffte hektisch eine Zigarette. Hinter ihr ragte in stupidem, protzigem Pomp das Haus auf: zwei Stockwerke aus neuem rotem Backstein, mit weißen Fenstersimsen und weißen Säulen, die eine schwarze Hochglanztür flankierten. Winzige Bäume in schwarzen Kübeln bewachten die Vorderseite. In der Mitte der Auffahrt, die in einem Halbkreis zum Haus führte, stand eine weiße Fahnenstange ohne Fahne. Ein rosa Kiesweg führte zur Rückseite des Anwesens.

Die Frau schaute auf seine Verletzungen und dann auf seine Polizeimarke und hielt sich an Letzteres.

»Ich hab nichts angerührt.« Sie sprach mit polnischem Akzent, während aus einem Mundwinkel Zigarettenrauch aufstieg.

»Wie heißen Sie?«, fragte Belsey.

»Kristina.«

»Und Sie sind die Putzfrau des Vermissten?«

»Ja.«

Er ging an ihr vorbei auf das Haus zu. »Ist sonst noch jemand da?«

»Nein.«

Belsey schaute zu den geschlossenen Fensterläden. Er ging die vier glatten Steinstufen hoch, aber die Frau rührte sich nicht von der Stelle.

»Wohnt er allein hier?«

»Ja.«

»Ist die Alarmanlage ausgeschaltet?«

»Ja.«

»Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?«, fragte Belsey.

»Ich habe ihn noch nie gesehen.«

»Noch nie?«

»Nein.«

»Woher wissen Sie dann, dass er verschwunden ist?«

»Er hat eine Nachricht dagelassen.«

Belsey drückte gegen die Tür. Die Eingangshalle war so groß wie eine kleine Kirche. Der Boden war aus Marmor, an der Decke hing ein Kronleuchter. Zu beiden Seiten eines hohen Springbrunnens ohne Wasser führten zwei geschwungene Treppen mit roten Läufern nach oben. Belsey ging hinein. Sein angeschlagenes Äußeres erschien in Spiegeln mit verschnörkelten Rahmen. Belsey ging auf der roten Treppe in den ersten Stock, schaute in drei Schlafzimmer mit weißen Teppichböden und Zierkissen und in ein Bad mit Steinwaschbecken, Whirlpool und Seifenschalen, die wie goldene Muscheln aussahen. Er fand Waschlotionen, die aus japanischem Seegras hergestellt waren, und Handtuchrollen, die von silbernen Schleifen zusammengehalten wurden, aber er fand keinen Selbstmörder. Die meisten zu Hause verübten Selbstmorde wurden im Badezimmer begangen, öfter als im Schlafzimmer. Der Bewohner war nicht da. Nur eins der Schlafzimmer schien vor Kurzem benutzt worden zu sein. Die Bettwäsche war zerknautscht. Als Belsey die Schränke durchsuchte, stieß er auf ein Paar Halbschuhe aus Schlangenleder. Er zog seine nassen Schuhe aus und schlüpfte in die Halbschuhe. Sie waren etwas weit, aber herrlich bequem. Auf einem Nachttisch lag eine Brieftasche voller Kreditkarten auf den Namen A. Devereux. Kein Bargeld. Er schaute in die Nachttischschublade, in der sich aber nur Manschettenknöpfe und eine Einkaufstüte von Harrods befanden. Er steckte seine alten Schuhe in die Tüte und ging wieder nach unten in die Küche.

Der Kühlschrank mit eingebautem Fernseher und Radio verfügte außerdem über ein Display, das anzeigte, welche Lebensmittel bald ausgehen würden. Im Moment zeigte es »Hähnchen, portioniert« an, obwohl Belsey nirgendwo Hähnchen entdecken konnte. Der Kühlschrank enthielt eine Flasche Champagner, ungeöffnet, Vollkornbrot, Käse, Gläser mit Oliven und Marmelade, halbfette Milch und eine halb leere Packung Gulasch für die Mikrowelle. Die Milch roch frisch. Im Gefrierfach lagen ein Beutel Garnelen und eine Flasche Wodka. Kaffee fand er keinen. Neben einem Weinregal stand ein Edelstahltoaster. Er steckte zwei Scheiben Brot hinein und füllte den Teekessel mit Wasser.

Bis das Wasser kochte, schlenderte er durch den Flur im Erdgeschoss und bewunderte die vollen Bücherregale und die moderne Kunst an den Wänden. Die Rahmen waren verschnörkelt und vergoldet, die Kunst war reduziert und abstrakt. Durch ein Esszimmer mit Kerzenhaltern aus Glas und bodenlangen Vorhängen gelangte er in ein eichenvertäfeltes Arbeitszimmer. Auf dem Perserteppich stand ein Billardtisch, und auf dem grünen Filz lag der Abschiedsbrief, geschrieben mit schwarzer Tinte auf einem Papierbogen mit Briefkopf.

Es tut mir leid. Ich hatte lange geglaubt, ich könnte immer so weitermachen wie bisher, aber das ist nicht mehr möglich. Im ganzen letzten Jahr hatte ich das Gefühl, als hätte sich die Sonne verdunkelt. Glaub mir, es ist das Beste so, ich weiß, was ich tue. Ich habe mich bemüht, meine Papiere so geordnet wie möglich zu hinterlassen. Es gibt also keinen Grund zur Sorge. Alex Devereux.

Wie zuvorkommend, dachte Belsey. Es war kein Adressat genannt. Vielleicht war die Nachricht für die Angestellten. Aber wer unterzeichnete seinen Abschiedsbrief mit Vor- und Nachnamen? Das Papier war schwer und mit einem Wasserzeichen versehen. Der Briefkopf enthielt die Adresse der Bishops Avenue und ein Motto: »Die Hoffnung währt ewig.« Belsey verglich Devereux’ Handschrift mit der auf Papieren in seinem Schreibtisch. Sie stimmten überein. Er fühlte die Temperatur der Wasserhähne in der zum Zimmer gehörenden Nasszelle und überprüfte, ob die Fenster verschlossen waren.

Im obersten Stockwerk führte eine Tür aufs Dach. Als er ins Freie trat, atmete er vor Verblüffung laut aus. Das Wasser eines von Liegestühlen gesäumten Infinity-Pools kräuselte sich in der Morgenbrise. Keine Spur von einer Wasserleiche. Er schaute zwischen Holzspalieren hindurch nach unten: Rasenflächen und ein Tennisplatz. Jenseits der Grundstücksgrenze Sportplätze und dahinter der Hampstead Heath Park.

Er ging wieder nach unten in einen der großen Wohnräume und spielte ein bisschen mit der Fernbedienung des Plasmafernsehers herum, der über einem Marmorkamin hing. In der Küche strich er Butter auf einen Toast und las, während er kaute, noch einmal den Abschiedsbrief durch. Dann verließ er das Haus und warf seine ruinierten Schuhe auf den Rücksitz des Wagens. Kristina saß auf der Mauer.

»Ist Ihnen aufgefallen, ob Mr Devereux in irgendwelchen Schwierigkeiten steckte?«, fragte Belsey.

»Nein.«

»Wie lange haben Sie für ihn gearbeitet?«

»Zwei Monate.«

»War heute irgendwas ungewöhnlich am Haus?«

»Nein.«

»Fehlt ein Auto oder so?«

»Keine Ahnung.«

»Womit hat er sein Geld verdient?«

»Er war Geschäftsmann.«

»Was Sie nicht sagen.«

Belsey ging um das Haus herum in den Garten. Der Rasen war mit Raureif überzogen. Belsey sah geschwungene Wege, schmiedeeiserne Gartenmöbel, die üblichen Kameras, den üblichen Stacheldraht. Niemand tat so, als machte es keinen Unterschied, ob sich ein reicher oder ein armer Mensch umbrachte. Aber es tat auch niemand so, als hätten sie nicht die gleichen Gründe dafür.

Die Putzfrau übergab ihm mit einer feierlichen Geste die Schlüssel des Anwesens. Da, wo sie herkam, machte man das vielleicht so, dachte Belsey. Vielleicht sahen sie so was jeden Tag.

»Darf ich Sie zu einem Drink einladen?«, fragte Belsey.

»Nein«, sagte sie.

4

Belsey fuhr am East-Heath-Parkplatz vorbei. Den Streifenwagen hatten sie abgeschleppt. Es war nichts mehr zu sehen, nicht mal die Glassplitter.

Er grübelte darüber nach, welche Radarkamera ihn letzte Nacht aufgenommen haben könnte, welche Kameras das Gesicht des Fahrers aufzeichneten. Er hielt neben dem U-Bahn-Depot in der Highgate Road und blieb kurz im Wagen sitzen. Dann stieg er aus und tauchte in die schäbige Geschäftigkeit der Kentish Town Road ein.

Was hatte er getan?

Er ging ins Bürgerbüro und holte sich eine Broschüre mit dem Titel »Wege aus der Privatinsolvenz«. Dann ging er zu Tote, dem Buchmacherladen, wo an einer Plastiktheke heiße Getränke und Snacks verkauft wurden. Er hatte gerade noch genug Kleingeld für einen Kaffee. Belsey suchte sich einen Platz im hinteren Teil des Ladens. Er schluckte vier Paracetamol und blätterte in der Broschüre: Machen Sie eine Liste mit Ihren täglichen Ausgaben. Seien Sie ehrlich. Er legte die Broschüre mit der Vorderseite nach unten auf den Tisch.

Die vergangene Nacht markierte einen Einschnitt in seinem Leben. Das spürte Belsey. Sie war eine Brandschneise. Er versuchte die Nacht vom Ende her zu rekonstruieren: vom demolierten Auto zurück bis zu den Ereignissen, die dazu geführt hatten. Der Wagen gehörte zum Revier Kentish Town. Wenn er in Kentish Town gelandet war, hatte er sich in der Gegend wahrscheinlich noch irgendwo einen Absacker genehmigen wollen. Er erinnerte sich jetzt, dass er in einem Laden in der Fortress Road Zigaretten hatte kaufen wollen, dass aber seine Brieftasche weg gewesen war. Das war einen Block vom Revier Kentish Town entfernt.

Während er seinen Kaffee trank, kamen die ersten Zocker des Tages herein. Er stand auf und überließ sie ihrem Glück.

Der Empfang im Revier Kentish Town war mit einem Polizeianwärter besetzt: ein Frischling, vielleicht neunzehn, gebleichtes blondes Haar. Belsey zeigte seine Marke.

»Nick Belsey. Revier Hampstead. Hab gehört, euch ist ein Streifenwagen abhandengekommen.«

»Richtig.«

»Wann war das?«

»Gemeldet um 3 Uhr 17.«

»Inspector Gower würde gern die Bänder sehen.«

Der Frischling schaute verunsichert. »Die Aufzeichnungen von unserem Parkplatz?«

»Richtig. Wissen Sie, wo die aufbewahrt werden? Ich meine, wo die Festplatte ist, auf denen die Aufnahmen gespeichert werden?«

»Ja.« Dann tauchte Detective Constable Robin Oakley auf, und Belsey sah seine Felle schon davonschwimmen. Belsey und Oakley hatten zusammen an Lehrgängen teilgenommen. Er fuhr einen Nissan GT-R, sammelte Kampfsportwaffen und war ein Großmaul.

»Nick«, sagte Oakley und beäugte Belseys Schnittwunden. »Was ist mit deinem Gesicht passiert?«

»Sind letzte Nacht ein Handy und eine Brieftasche abgegeben worden?«

»Warum?«

»Weil ich meine verloren habe«, sagte Belsey.

Oakley fand das sehr komisch. »Hat irgendwer Nick Belseys Brieftasche abgegeben?«, brüllte er. »Die könnte überall sein, Nick. Wenn du weißt, was ich meine?«

»Nein.«

Oakley grinste. Der Frischling schaute verwirrt. »Soll ich mich jetzt um die Sache mit dem Parkplatz kümmern?«

»Ist schon okay«, sagte Belsey. »Nicht so wichtig.«

»Welche Sache mit dem Parkplatz?«, fragte Oakley.

»Nichts. Hast du eine Zigarette?«

Sie gingen nach draußen. Oakley zog eine Zehnerpackung Superkings aus seiner Brusttasche und gab Belsey eine.

»Was ist los mir dir, du durchgeknallter Mistkerl?«, sagte Oakley.

»Hast du mich letzte Nacht gesehen?«

»Halb London hat dich gesehen.«

»Wo war ich?«

»Hast du mit deinem Boss gesprochen?«

»Gower? In letzter Zeit nicht.«

»Jesus!« Oakley musste sich sehr zusammenreißen, um nicht laut loszulachen, das war ihm anzusehen. »Wo bist du gelandet?«

»Warum?«

»Nick, du musst unbedingt mit Gower reden.«

»Also gut. Was habe ich angestellt?«

»Irgendwann warst du im Lorenzo’s.«

»Jesus!« Belsey schloss die Augen. Lorenzo de Medici’s war eine koksverseuchte Spelunke hinter der Tottenham Court Road. Tagsüber war Lorenzo’s ein mittelmäßiger Pastaschuppen, aber er hatte eine Alkohollizenz bis fünf Uhr morgens und wurde von einem Säufer betrieben, der die Finger nicht von seinen eigenen Beständen lassen konnte. Die Wände zierten schlechte Kopien von Renaissance-Meisterwerken, und die Waschbecken in der Toilette waren gewöhnlich blutverschmiert.

»Um wie viel Uhr war ich im Lorenzo’s?«

»Was spielt das für eine Rolle?«

»Hatte ich da noch mein Handy?«

»Du hast Gott und die Welt angerufen. Du hast jedem erzählt, dass er sofort herkommen soll, du hättest Geburtstag.«

Belsey öffnete die Augen wieder. Oakley lächelte und schüttelte den Kopf. Er schnippte seine Zigarette auf die Straße, tätschelte Belsey den Arm und ging wieder hinein.

Belsey rauchte seine Zigarette fertig und ging dann wieder zum Wagen. Bruchstückhaft kam die Erinnerung zurück: Ihm fiel jetzt ein, dass er sehr früh am Morgen im Lorenzo’s gewesen war. Er hatte versucht, dem Besitzer seine Jacke zu verkaufen. Er hatte versucht, irgendwem in der Bar zu erklären, dass sein Fremdmittelanteil zu hoch war, was alle rasend lustig gefunden hatten. »Fremdmittelanteil«, riefen sie immer wieder. Sie mussten schreien, um die Musik zu übertönen.

»Ich mache jetzt spirituelle Exerzitien.«

Belsey hatte in einem Bioladen einen Prospekt mitgenommen: Ängstlich? Verunsichert? Wir sind eine religionsübergreifende Gemeinschaft und unterhalten ein Zentrum für spirituelle Exerzitien in Worcestershire. Darunter die Zeichnung von einem erleuchteten Mann im Schneidersitz, von dessen Körper helle Strahlen ausgingen. Gewinne deine kindlich unbeschwerte Seele zurück. Gewinne deinen inneren Frieden zurück.

»Du machst also einen Entzug?«

»Nein, keinen Entzug, Exerzitien! Spirituelle Exzerzitien«, sagte Belsey.

»Und was gibt’s da zu trinken?«

Er erinnerte sich, dass er irgendwann in der Nacht mit einem Mann in einem Auto gesessen hatte, der behauptete, für das Außenministerium zu arbeiten, und dass dieser Mann Einstichnarben auf den Handrücken gehabt hatte. Plötzlich wusste er, wie alles angefangen hatte. Er hatte im Foyer eines Bed & Breakfast in Kings Cross gestanden, neben sich zwei Müllsäcke mit seiner gesamten Habe. Gerade war die letzte seiner Kreditkarten gesperrt worden.

Er hatte gewusst, dass dieser Augenblick kommen würde, war aber dennoch erstaunt, als es dann tatsächlich passierte. Vor zwei Wochen hatte man in einem Laden zum ersten Mal eine seiner Karten nicht akzeptiert. Am Anfang hatte er noch routinemäßig Callcenter angerufen und mit höflichen jungen Männern in Mumbai und Bangalore geplaudert. Er hatte in Pubs Zahlen auf Servietten gekritzelt, als sei es jetzt an der Zeit für eine exakte Kalkulation. Das Ego ist des Spielers größter Feind. Immer wieder ging ihm dieser Satz aus einem Buch durch den Kopf. Was hatte er getan? Er war schlau genug gewesen, die Schulden zirkulieren zu lassen, aber nicht schlau genug, seinen Lebensstil zu opfern, um die Schulden auch abzahlen zu können. Er war zu mutig gewesen, das war die simple Wahrheit: dumm mit einer Zuversicht jenseits aller Vernunft. Seine Zockerkumpels würden sagen, er habe on tilt gespielt, er habe die Kontrolle verloren und sei geradewegs auf den Abgrund zugerast. War es das, was er getan hatte? Hatte er durch die Talsohle hindurch aus seinen Schulden herauskommen wollen?

Die letzten Tage seiner Kreditwürdigkeit waren die wildesten gewesen. Er hatte Fremden Geschenke gemacht, hatte Wohltätigkeitsorganisationen Geld gespendet, hatte ein paar letzte waghalsige, euphorische Wetten auf zukünftige Regentage und Wahlergebnisse in zentralasiatischen Republiken getätigt. Damals glaubte er einen Punkt höherer Einsicht erreicht zu haben, der sich jetzt als eine Art Unterkühlung herausstellte. Das merkte er, als die schmerzhafte Erkältung in fiebrige Apathie überging. Er machte ein paar Tage die Augen zu, und als er sie wieder aufmachte und auf seine Finanzen blickte, hatten sie schon angefangen, sich selbst aufzufressen. Sein Gehalt deckte nicht mal mehr seine Zinsbelastung ab, ganz zu schweigen davon, dass es für so triviale Dinge wie die Miete reichte.

Der Hotelbesitzer sagte, es tue ihm leid, als er Belsey vor die Tür setzte. Ihm bleibe keine Wahl, ein kleines Hotel wie das seine könne sich das einfach nicht leisten. In Belseys Zimmer war schon eine Familie eingezogen, hagere Leute mit nervösem Blick, denen Belsey die Tüten mit seinen Habseligkeiten überließ. Er schaffte es einfach nicht, sie mitzunehmen. Mit ihm landete auch ein junger Afghane mit hellen Augen auf der Straße: Siddiq Sahar, der noch am selben Tag heiraten wollte.

»Mir gibt man kein Asyl, dir keinen Kredit«, sagte Siddiq grinsend. Das schien ihm nicht viel auszumachen. Er sagte, seine Papiere seien jetzt in Ordnung. Sie standen vor der abblätternden Fassade des Continental Hotels, Belsey in seiner Detective-Aufmachung, der Afghane in einer Fliegerjacke mit den Stars and Stripes auf dem Rücken. Weißes Sonnenlicht schien auf die vorbeifahrenden Autos und das Baugerüst der St. Pancras Station, auf den staubigen Gehweg und die dreckigen Schaufenster der Geschäfte. Sie hatten sich während des Monats, in dem Belsey in dem Hotel gewohnt hatte, ganz gut kennengelernt. Siddiq war über Moskau nach England gekommen. In Moskau war er Fremdenführer und in Afghanistan politischer Gefangener gewesen. Er trug seine Haare bevorzugt gegelt und kümmerte sich in London mit Vorliebe um weibliche Touristen.

»Musst du heute zur Arbeit?«, fragte er.

»Ich hab mir einen Tag freigenommen.«

»Ich brauche einen Zeugen«, sagte er. »Einen Zeugen mit einem Anzug. Ich gebe dir fünfzig Pfund dafür.«

»Einen Zeugen wofür?«

»Für meine Hochzeit.«

Die Braut war eine Slowakin aus Edgware, ein rothaariges Mädchen mit einem dreckigen Lachen, das zehn Jahre älter war als der Bräutigam. Sie gaben sich das Jawort im Rathaus von Marylebone, die Zeremonie führte eine Frau mit einem Klemmbrett durch. Belsey wollte das Geld nicht annehmen, aber da der Afghane darauf bestand, bezahlte Belsey den Champagner. Sie saßen gleich um die Ecke von Madame Tussauds in einer Touristenkneipe. Er hatte eigentlich nichts trinken wollen. Nachdem sie zu dritt vier Flaschen geleert hatten, zogen sie weiter in eine Bar, über der sich ein Lesesaal der Christian-Science-Kirche befand. Hier fand die Hochzeitsfeier statt. Das Paar schien sehr glücklich zu sein. Belsey fragte sich, ob es noch irgendeine Person gab, die ihm Geld leihen würde. Wenigstens so viel, dass es für ein Hotelzimmer reichen würde. Die Antwort war Nein.

Jetzt stürmten die Erinnerungen auf ihn ein. Gegen neun Uhr abends war er auf der Trauerfeier für einen früheren Bekannten seines Vaters eingelaufen, einen Polizisten, der Hundeführer gewesen und bei einem Autounfall in Frankreich ums Leben gekommen war. Männer von der Hundestaffel und der Drogenfahndung, alte Polizisten mit hohem Blutdruck und Börsenmaklerstimmen, drängten sich im Ten Bells in Waterloo, das in der Nähe des Hundeplatzes lag. Draußen war es schon dunkel. Er war inzwischen in einem Zustand, in dem jeder Augenblick automatisch in den nächsten überging und er nichts mehr falsch machen konnte. Er befand sich mitten in einem Abenteuer, an dessen Ende sich alles in Wohlgefallen auflösen würde. Belsey begrüßte lautstark Männer, die er kaum wiedererkannte, Männer aus seiner Kindheit, als sein Vater noch bei Scotland Yard gewesen war. Sie waren alt geworden. Eine kurzen, schrecklichen Augenblick lang sah er seine eigene Zukunft vor sich. Irgendwer bestellte Brandy.

»Dein alter Herr war einer der Besten im Morddezernat, aber er fand nie den Weg nach Hause, wenn du weißt, was ich meine.« Nein, weiß ich nicht. Da wollte irgendwer mit ihm über seinen Vater reden. Was soll das heißen? Sie hatten einen Spürhund mitgebracht, dem jemand eine Trauerbinde um ein Bein gebunden hatte.

»Er weint.«

Alle lachten. Niemand weinte. Dann traf Chief Superintendent Northwood ein, der Polizeichef des Stadtbezirks. Er trug Paradeuniform und hatte ein gerahmtes Foto des Verstorbenen dabei. Im Schlepptau von Northwood stöckelte auf High Heels und mit platinblonder Turmfrisur seine Frau Sandra in den Raum. Sie war eine attraktive Frau in den Fünfzigern, die sich mit jeder Beförderung ihres Mannes eine weitere Schicht brüchigen Glanzes zulegte. Northwood überragte sie in erstarrter Selbstherrlichkeit. Seit einem Vorfall mit einem Feuerlöscher auf der Polizeischule in Hendon hasste er Belsey. Er hielt eine Rede.

»Hunde sind das Herz der Polizei.«

Einer sagte: »Er war ein Mann, der Hunde mehr liebte als das Leben.« Belsey brachte einen Toast aus. Er stand auf einem Stuhl. Musik spielte.

»Genauso hätte Jim es gewollt.« Da waren sich alle einig, während sie sich volllaufen ließen.

Dann tanzte Belsey mit Sandra Northwood und spürte ihren weichen, warmen Körper in seinen Armen. »Oh«, hauchte sie ihm ins Ohr und kicherte.

»Ich kann mich gut an deinen Vater erinnern«, sagte sie. »Und ich kann mich an dich erinnern, als du noch ganz klein warst.« Sie berührte sein Gesicht, als suchte sie nach einem Weg zurück in die Vergangenheit. Ihre Hände rochen nach Haarspray. »Nicholas«, sagte sie kichernd. Ihre Augen schauten ins Leere. Er fragte sich, ob sie mit seinem Vater geschlafen hatte; fragte sich, wer das nicht getan hatte.

»Haben Sie mit meinem alten Herrn geschlafen?«, fragte er. »Sandra? Hören Sie mich?«

Das Taxi zahlte er aus Sandra Northwoods Geldbeutel. Sie stand neben ihm. So wohnt er also, unser Chief Superintendent, dachte Belsey und betrachtete den niedrigen frei stehenden Neubau, dessen Grundstück mit Sträuchern eingefasst war. Wo war er, der Chief? Es brannte kein Licht. Belsey stützte Sandra, als sie hineingingen. Das Haus war leer. Belsey ging mit, weil er neugierig auf das Haus des Chiefs war. Die Möbel sahen sehr neu aus. Manche steckten unter Plastiküberzügen. Sandra schenkte ihnen Wein aus einer offenen Flasche ein, die auf dem Sideboard stand.

»Mein Mann sagt, du bist einer der Besten.«

»Danke.«

»Attraktiv. Wie dein Vater.«

Sie schlief auf dem Sofa ein. Belsey ging nach oben. Er schaute in die Schränke im Bad, fand in einer Kommode im Schlafzimmer Northwoods Freimaurerinsignien und legte sie an: Schurz, Handschuhe, Halsband. Er war grandios besoffen. Er legte die Insignien wieder ab. Aus einer von Northwoods Jacken stahl er zwanzig Pfund, ging ins Bad, pisste und machte sich aus dem Staub.

5

Du musst unbedingt mit Gower reden, hatte Oakley gesagt. Gower schien der gleichen Meinung zu sein, denn als Belsey zurück ins Revier gekommen war, hatte man ihn gleich zu ihm geschickt. Sie saßen in Gowers Büro. Die Tür war geschlossen. Belsey hatte das Gefühl, als schauten sie sich schon ewig an.

»Wie war die Feier gestern Abend?«, begann Gower schließlich.

»Angemessen.«

»Sie wissen ja, dass ich früher mit ihm zusammengearbeitet habe. Er war ein guter Hundeführer. Ein guter Polizist.«

»Ja.«

Gower hatte einen silbernen Schnurrbart und trug blasse Leinenanzüge. Er war ein solider Detective, mehr ein Manager als ein Maestro. Er musterte Belseys lädiertes Gesicht. Ist in letzter Zeit nicht besonders gut für mich gelaufen, hätte Belsey sagen sollen. Das wäre zweckmäßig gewesen. Aber es war nicht die Wahrheit, und er hatte beschlossen, auf Ehrlichkeit zu setzen. Er wollte sagen: Ist in letzter Zeit ziemlich gut für mich gelaufen, das war näher an der Wahrheit und klang immer gefährlicher.

»Wissen Sie irgendetwas über einen verschwundenen Streifenwagen vom Revier Kentish Town?«

»Er stand am Heath.«

»Warum?«

»Keine Ahnung«, sagte Belsey. »Aber ich glaube, dass ich dafür verantwortlich bin. Ich möchte meine Versetzung zu einem Revier außerhalb Londons beantragen.«

Gower schaute auf die Schreibtischplatte, als wäre er derjenige, der in Schwierigkeiten steckte. Was vielleicht sogar stimmte. Belsey tat es leid, dass ein so engagierter Beamter in seinen Schlamassel hineingezogen wurde.

»Sie sind unser bester Detective«, sagte der Chief ruhig.

»Ich möchte aus London versetzt werden«, sagte Belsey. »So weit weg wie möglich.«

Gower schaute ihn an. Belsey fühlte sich stark und gelassen. Im Regal des Inspectors standen Bücher über Strafrecht neben gebundenen Zeitschriften über Vogelbeobachtung. Belsey las die Titel auf den Buchrücken. Er betrachtete die Familienfotos, von denen einige dem Besucher zugewandt waren, als sollten sie diesem sagen: Das ist es, wofür wir kämpfen. Vor zwanzig Jahren war Tim Gower als Lance Corporal Gower auf den Straßen Nordirlands Streife gegangen. Bei einem Weihnachtsumtrunk hatte Belsey einmal versucht, mehr über diese Zeit zu erfahren, aber Gower hatte sich gesträubt. »Das ist alles lange her.« Belsey respektierte Gower, aber er hatte das Gefühl, dass er nicht der richtige Mann war, um diese spezielle Situation in den Griff zu bekommen.

Gower wandte den Blick von Belsey ab, schaute zum Fenster und dann wieder zu Belsey.

»Was ist mit Ihnen los?«

»Ich glaube, dass ich gerade eine religiöse Erfahrung durchmache.«

Der Inspector nickte langsam. »Mir macht Sorgen, dass Ihnen das alles egal zu sein scheint.«

»Meine religiöse Erfahrung?«

»Ob Sie Ihren Job behalten.«

»Das würde ich gern.«

»Vielleicht sollten Sie mehr auf sich achtgeben.«

»Ich bin stolz darauf, ein Polizist zu sein«, sagte Belsey. Aber es klang übereifrig. Er wollte nicht wieder zum Psychologen. Er fragte sich, worüber sie diesmal reden würden. »Ich brauche einen Tapetenwechsel«, sagte Belsey. »Ich glaube, den habe ich dringend nötig.«

Der Chief schüttelte den Kopf, nicht ablehnend, sondern so, als habe Belsey die falsche Seite im Drehbuch aufgeschlagen.

»Über irgendetwas ist Northwood ganz und gar nicht glücklich. Er hat ein Gespräch angesetzt – worum es genau geht, weiß ich nicht, aber es betrifft Sie. Vorher muss ich genau wissen, was Sie getan haben.«

Was hatte er getan? Den Mann an der Spitze, Chief Super Northwood, unwiderruflich verärgert, den Mann, der den Stadtbezirk Camden als Sprungbrett für höhere Ämter benutzte, den Mann, dessen umfassende Macht nach Meinung Belseys mehr auf Drohungen und Gefälligkeiten als auf effizienter Polizeiarbeit beruhte.

»Bei allem Respekt, Sir, ich scheiß auf Northwood.«

Gower öffnete eine Schublade seines Schreibtischs, legte ein Formular hinein und holte ein anderes heraus.

»Nein, Belsey, wir werden nicht auf Northwood scheißen und auch sonst auf niemanden. Sie sind nicht mehr in Southwark.«

»Ich war seit fünf Jahren nicht mehr in Southwark.«

»Sie wissen, was ich meine.«

Southwark war sein erster Einsatzort als Constable gewesen, dort hatte er seine ersten Jahre im CID verbracht. Er bemühte sich, die Erinnerungen daran auf Distanz zu halten: alle, aber vor allem die guten.

»Ich werde dafür plädieren, Ihnen eine Auszeit zu gewähren«, sagte der Inspector. »Unabhängig davon, wie sich die Angelegenheit entwickelt.«

»Ich will keine Auszeit.«

Gower nahm die Kappe von seinem Stift und begann, das Formular auszufüllen. Die Polizei verfügte über Formulare für jede Eventualität. Belsey musste für Mr Devereux ein Formular ausfüllen. Ein ziemlich stattliches Haus, aus dem er sich in die Anonymität abgemeldet hatte. Was hatte Devereux an seinem Leben vermisst? Vielleicht hatte er gerade einen Haufen Geld gescheffelt und sich einfach ausgeklinkt – Job erledigt. Belsey betrachtete die Fotografien der Sumpfvögel an den Wänden. Er stellte sich vor, wie Gower in Militäruniform an einer Straßensperre in County Armagh stand und die Vögel beobachtete. Schließlich steckte Gower die Kappe wieder auf den Stift.

»Es hat mich zehn Jahre gekostet, dieses Revier auf Vordermann zu bringen. Ich werde nicht zulassen, dass ein einzelner Mann und seine Krise das wieder kaputt machen.«

»Was meinen Sie mit Krise?«

»Das hier ist kein Spiel.«

»Mich würde nur interessieren, was Sie mit dem Wort ›Krise‹ meinen?«

»Niemand bezweifelt, dass Sie ein guter Polizist sind, Nick. So gut, wie Sie meinen, sind Sie aber auch nicht. Sie sind kein ganzes Polizeirevier wert.«

»Das habe ich nie gemeint«, sagte Belsey. Gower überflog noch einmal das Formular und reichte es dann Belsey. Er unterschrieb, ohne einen Blick darauf zu werfen.

»Was lesen Sie da?« Gower nickte zu dem Buch, das aus Belseys Jackentasche schaute.

»Der Goldene Zweig.«

»Wovon handelt es?«

»Von den heidnischen Wurzeln der Christenheit, von Volkskultur, von Mythen.«

»Also nichts mit Vögeln.«

»Vögel spielen auch eine Rolle. Vogelkulte.«

»Vogelkulte.« Der Inspector seufzte. »Das erste Gespräch ist morgen. Man wird Ihnen einen Rechtsvertreter zur Seite stellen. Ich möchte Sie bitten, bis dahin schriftlich darzulegen, was passiert ist.«

»Ab wann?«

»Als die Schwierigkeiten anfingen.«

Belsey lachte. Ja, dachte er. Wo meine Redlichkeit aufhört, bin ich blind. Gower hatte recht. Er sollte die Reise aufschreiben, die ihn bis hierher geführt hatte. Der verschwenderische Urlaub auf Zypern, die Kneipenrechnung über siebenhundert Pfund, die grauenhafte Wette auf die Play-offs der letzten Saison in der League One. Oder den ersten Pfändungsbeschluss, verfasst in dieser archaischen Sprache über Hab und Gut, als irgendwer irgendwo mit Schadensbegrenzung angefangen hat. Darüber würde er schreiben: seinen Edelmut, mit dem er ein letztes Darlehen aufnahm, um die Frau, die ihn verlassen hatte, auszubezahlen und gegen eine Pfändung des Hauses abzusichern, das für kurze Zeit ihr Heim gewesen war. Vielleicht sollte er mit seiner ersten Nacht als Constable anfangen, als er an den berüchtigten Sozialbauten von Aylesbury hinaufgeschaut hatte, deren erleuchtete Fenster sich gegen den weiten, sternenlosen Himmel abhoben. Wie viel Gower davon wohl hören wollte?

Der Inspector schob seinen Stuhl zurück. »Das ist vorerst alles.«

»Darf ich Sie etwas fragen?«, sagte Belsey.

»Nur zu.«

»Sie sind Vogelbeobachter.«

»Ja«, sagte Gower vorsichtig.

»Wenn Sie einen entdeckt haben, was machen Sie dann?«

»Nichts.«

»Nichts?«

»Belsey …«

»Machen Sie sich keine Notiz?«

»Sie haben sich nicht mehr unter Kontrolle, Belsey.«

»O doch«, sagte Belsey. »Das habe ich.«

6

»Er war gerade dabei, sich unter den Eiern einen Schuss zu setzen. Ich trete die Küchentür ein, und er stützt sich mit einem Fuß auf dem Spülbecken ab. Er sagt, ich hab euch kommen sehen, darauf ich, wenn du gewusst hast, dass wir gleich da sind, warum hast du dann angefangen, dir einen Schuss zu setzen? Und er: Weiß ich, wann ich das nächste Mal dazu komme?«

Belsey betrat das Büro. Seine Kollegen verstummten. Derek Rosen lehnte an Belseys Schreibtisch, der junge, glatt rasierte Rob Trapping grinste über das ganze Gesicht.

»Und dann?«, sagte Belsey.

»Hat er sich die Nadel rausgezogen und alles vollgeblutet«, sagte Rosen. Er vertiefte sich wieder in sein Revolverblatt.

»Wie ist es gelaufen?« Trapping drehte sich zu Belsey um. Er war dreiundzwanzig Jahre alt, etwa eins neunzig groß und immer noch verliebt in die Vorstellung, dass er jetzt Detective war.

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