Lone Wolf - Felix A. Münter - E-Book
Beschreibung

Carter ist käuflich. Er brachte zwei Dinge aus Malta mit: Unmengen an brisanten Finanzdaten, gewichtig genug, um den Reichen und Mächtigen der Welt mehr als nur ein paar Probleme zu bereiten, und einen Namen  –  Amaury Sabatino Peyrot. Wer auch immer dieser Mann ist, mit seinem Entschluss, Carter aus dem Weg räumen zu wollen, hat er sich mit dem Falschen angelegt. Entgegen aller Warnungen und gut gemeinter Ratschläge reaktiviert Carter Kontakte, die er nie wieder nutzen wollte, und eröffnet eine tödliche Jagd, die ihn in die Schweiz führt. Als Söldner ist man käuflich – doch noch viel mehr ist man sich selbst verpflichtet.   "Carter ist übrigens nicht mein richtiger Name." Weitere aktuelle Titel von Felix  A.  Münter:    Die Carter-Akten (Thriller-Serie): - Mercenary - Hunter - Hijacker - Bloodhound - Hitman - Lone Wolf Dynastie (Episches Fantasy Drama): - Königsretter - Königsfreund - Königsbote Westrin (High-Fantasy-Saga): - Kaisersturz - Exil - Schicksal - Kaisergardist - Legionär - Phoroi Trümmerwelten (High Fantasy-Epos in Zusammenarbeit mit Ann-Kathrin Karschnick): - Trümmerwelten - Die Abenteuer der Alice Sparrow - Trümmerwelten - Die Odyssee der Alice Sparrow  - Trümmerwelten - Das Schicksal der Alice Sparrow Troubleshooter (Weird Horror Western Serie): - Das Aufgebot - Jäger und Gejagte - Ein Funken Wahrheit Archon (Science Fiction Serie): - Vermächtnis - Höhere Macht - Per Aspera - Eingungskrieg - Ad Astra Einzelbände: Der kleine König - High Fantasy  All about the Money - Thriller Vita - Steampunk-Thriller Prepper - Endzeit-Thriller Nulllinie - Thriller  

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl:216


Carter ist käuflich. Er brachte zwei Dinge aus Malta mit: Unmengen an brisanten Finanzdaten, gewichtig genug, um den Reichen und Mächtigen der Welt mehr als nur ein paar Probleme zu bereiten, und einen Namen – Amaury Sabatino Peyrot. Wer auch immer dieser Mann ist, mit seinem Entschluss, Carter aus dem Weg räumen zu wollen, hat er sich mit dem Falschen angelegt. Entgegen aller Warnungen und gut gemeinter Ratschläge reaktiviert Carter Kontakte, die er nie wieder nutzen wollte, und eröffnet eine tödliche Jagd, die ihn in die Schweiz führt. Als Söldner ist man käuflich – doch noch viel mehr ist man sich selbst verpflichtet.

Weitere Informationen zum Autor finden Sie am Ende des Buches.

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright © 2018 by Papierverzierer Verlag, Essen

Lektorat, Herstellung, Satz: Papierverzierer Verlag

Cover: Legendary Fangirl Design // Tina Köpke

Alle Rechte vorbehalten.Sämtliche Inhalte, Fotos, Texte und Graphiken sind urheberrechtlich geschützt. Sie dürfen ohne vorherige schriftliche Genehmigung weder ganz noch auszugsweise kopiert, verändert, vervielfältigt oder veröffentlicht werden.

ISBN 978-3-95962-625-5

Registrieren Sie sich auch für unseren Newsletter.

www.papierverzierer.de

Für Katharina;

die mich auf diesem Abenteuer so wunderbar begleitet.

Ich liebe dich.

Inhaltsverzeichnis
Lone Wolf (Die Carter-Akten VI)
Inhalt
Impressum
Widmung
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Felix A. Münter

Wähle deine Feinde mit Bedacht

Kapitel I

Was ist richtig und was ist falsch? Bisher war diese Frage für mich leicht zu beantworten: Das, was meinen Kontostand wachsen ließ, war richtig.

Und dann kam Malta dazwischen.

Es war der verzweifelte Hilferuf einer viel zu ambitionierten Frau, der mich auf die Insel gebracht hatte – und nicht etwa der alte Lockruf des allmächtigen Dollars. Mit Eva Castillo hatte es angefangen – oder vielmehr damit, dass ich ihr bei unserem Aufeinandertreffen im Kongo meine Kontaktdaten gegeben hatte. Damit, dass sie tatsächlich die Chuzpe hatte, sie auch zu verwenden, hatte ich nie gerechnet. Eva war, soweit ich das beurteilen kann, Idealistin. Eine Frau, die daran glaubte, dass man die Welt besser machen konnte, wenn man sich nur genug bemühte. Ein Irrglaube, für den sie mit dem Leben bezahlte. Ihre Recherche auf Malta hatte sie in einen üblen Sumpf geführt, doch sie hatte sich nicht abschrecken lassen, hatte gegraben, geschnüffelt – und war auf etwas Großes gestoßen. War an Leute geraten, die keinen Spaß verstanden. Die über Leichen gingen. Eva hatte die schmutzige Wäsche zahlreicher Wirtschaftsunternehmen gefunden – und bevor es mir gelang, sie außer Landes zu bringen, brachte man sie vor meinen Augen mit einer Autobombe um.

Logisch betrachtet wäre dies der Moment für mich gewesen, die Segel zu streichen und wieder abzutauchen – doch die Dinge verlaufen nicht immer logisch. Von dem Moment an steckte ich im gleichen Sumpf, in dem auch Castillo gesteckt hatte. Mit einem Unterschied: Ich wusste, wie ich nicht darin absoff. Als ich Malta verließ, gab es dort ein paar Tote mehr – und in meinem Besitz fand sich das, weswegen Castillo hatte sterben müssen: eine schier unvorstellbare Menge an Daten. Diese Art von Informationen, die zum Albtraum von Konzernchefs, Aufsichtsräten und Beraterstäben werden können. Und nicht nur das, ich hatte auch den Namen des Mannes, der Castillo das Mordkommando auf den Hals gehetzt hatte, der im Hintergrund wohl ein großes Interesse daran besaß, dass all diese kleinen, schmutzigen Details unter den Teppich gekehrt wurden. Amaury Sabatino Peyrot.

Vielleicht war Castillos Idealismus der Auslöser gewesen, vielleicht auch der Umstand, dass Peyrot mir seine Bluthunde auf den Hals gehetzt hatte. Ich hatte beschlossen, Malta persönlich zu nehmen.

Rückblickend fingen damit wohl die Probleme an. Jahrelang hatte ich mir Prinzipien zurechtgelegt, Kodizes, nach denen ich lebte – doch dann hatte ich sie einfach über Bord geworfen. Ein schwacher Moment? Vielleicht. Aber die Dinge sind nun, wie sie sind: Ich kann die Vergangenheit nicht mehr ändern. Aber ich kann die Zukunft gestalten.

***

Der SUV ließ die Hauptstraße hinter sich und bog in eine lange Auffahrt ein. Es war eine ungeteerte Piste voller Schlaglöcher, die die Stoßdämpfer des Fahrzeugs auf eine harte Probe stellten. Jenseits der Windschutzscheibe regierte das nasskalte Ende des Herbstes, in der Nacht sanken die Temperaturen zuweilen schon unter den Gefrierpunkt. Es regnete bereits seit einer halben Stunde.

Der Fahrer des SUV, ein Afroamerikaner in dunklem Anzug, gestärktem Hemd sowie der passenden Krawatte, fuhr sanfte Kurven und versuchte die schlimmsten Schlaglöcher zu umgehen. Er erschien mir als Mann mit stoischer Gelassenheit. Seit er mich eingesammelt hatte, hatten wir kaum ein Wort miteinander gesprochen. Das Radio war ausgeschaltet, lediglich die Motorengeräusche, das Prasseln des Regens und die sanften Geräusche der Scheibenwischer begleiteten unsere Fahrt.

Da ich nicht gegen meinen Willen in dieses Fahrzeug verfrachtet worden war, ich sogar vielmehr darum gebeten hatte, erlaubte ich mir den Luxus, mich in mein Smartphone zu versenken. Ich scrollte gelangweilt durch einige Nachrichtenseiten, hielt mich auf dem neusten Stand und beantwortete die eine oder andere Mail. Nur hin und wieder hob ich den Kopf und warf einen Blick aus dem Fenster auf die graue Landschaft.

Der SUV wurde langsamer, als wir das Ende der Auffahrt erreichten. Es war ein langes Stück Weg, vorbei an weitläufigen Weideflächen. Ich nahm den Blick vom Bildschirm, kniff die Augen zusammen und sah die Konturen einer Ranch durch den strömenden Regen. Das musste das Ziel der Fahrt sein. Ich schaltete das Smartphone aus und rückte mich aus meiner bequemen Sitzhaltung in eine aufrechte Position. Ein letztes, großes Schlagloch auf der Auffahrt, dann lenkte der Fahrer den Wagen in einer weiten Kurve so, dass wir vor dem Gebäude zum Stehen kamen. Es handelte sich um eine in die Jahre gekommene Ranch, wie es sie millionenfach im ganzen Land gab. Von der Fassade war der Lack in großen Flecken abgeplatzt, die Fenster waren staubig und matt. Auf der Veranda standen unordentlich einige verwitterte Gartenmöbel herum.

»Da sind wir, Mister Carter.«

»War mir eine Freude«, antwortete ich mit sarkastischem Unterton und rang mir ein schiefes Lächeln ab. »Schätze, Sie warten hier?«

»So ist es.«

Ich nickte, löste den Gurt und schlug den Kragen nach oben. Es waren nur wenige Meter bis zum schützenden Vordach der Veranda, doch so, wie es regnete, würde es unangenehm werden. Ich stieg aus, schlug die Tür hinter mir zu und eilte mit großen Schritten los. Unterwegs musste ich einer großen Pfütze ausweichen, schaffte es dann unter das Vordach. Es war an vielen Stellen undicht, Rinnsäle strömten hier und da, es tropfte hindurch. Ich verschwendete keine Zeit und hielt auf die Vordertür zu, öffnete den windschiefen Fliegenfang und drückte die Klinke runter. Ein Klopfen wäre unnötig gewesen.

Das Innere der Ranch lag im Halbdunkel, ein muffiger Geruch lag über allem. Ich machte einen Schritt hinein und wischte mir das Wasser aus dem Gesicht, wartete, bis sich meine Augen an die neuen Lichtverhältnisse gewöhnt hatten. Ich war in einem Flur gelandet, eine Tür am Ende stand einen Spalt offen und sanftes Licht fiel hinein. Mit einem Räuspern setzt ich mich in Bewegung, vorbei an alten Möbeln mit sichtbarer Staubschicht und ausgeblichenen Bildern an den Wänden. Ich ging davon aus, dass diese Farm seit mindestens zwei Jahrzehnten unbewohnt war, ganz offensichtlich aber zu anderen Zwecken verwendet wurde. Am Ende des Flurs gab ich der Tür einen Stoß und verharrte. Sie schwang quietschend auf und gab den Blick auf einen großen Wohnraum dahinter frei. Die Möbel waren mit Tüchern abgedeckt, auf einem Beistelltisch inmitten dreier Sofas brannte eine einzelne Lampe.

Auf einem dieser Sofas hatte ein Mann Platz genommen, sein Mantel ruhte auf der Rückenlehne. Er blickte gelangweilt auf sein Smartphone, meine Ankunft war kein Grund für ihn gewesen, davon abzulassen.

»Hallo, Leeland.«

Jetzt sah er auf, lächelte den Bruchteil einer Sekunde und tat so, als ob er mich wirklich nicht bemerkt hätte. Er legte sich das Telefon in den Schoß und breitete die Hände aus.

»Carter. Schön dich zu sehen.«

»Du bist ein beschissener Lügner.«

»Da, wo ich herkomme, beginnen Menschen so ein Gespräch«, entgegnete er. »Außerdem freue ich mich wirklich, dich zu sehen.«

»Du freust dich über den Kram, den ich dir versprochen habe – nicht über mich«, präzisierte ich, trat ein, streifte den Mantel ab, legte ihn neben Leelands und ließ mich dann auf das Sofa ihm gegenüber sinken. »Interessanter Treffpunkt.«

»Hat einen gewissen Charme, nicht wahr?«, meinte Leeland und sah sich um.

»Ich habe mit allem gerechnet, aber nicht mit einer Farm im Nirgendwo von Virginia«, gab ich zu.

»Wir halten ein paar solcher Treffpunkte als sichere Optionen für vertrauliche Gespräche vor.«

»Sichere Option?« Ich schmunzelte. »Klingt so, als wäre hier alles verdrahtet.«

»Ist es nicht«, versuchte er mich zu beschwichtigen.

»Wäre ja was ganz Neues bei eurem Haufen.« Ich brummte. »Sind wir jetzt mit den Höflichkeiten durch?«

»Noch nicht ganz.« Er deutete in eine Richtung. »Willst du was trinken? War immerhin eine lange Fahrt.«

»Warum eigentlich nicht?« Schulterzuckend stand ich wieder auf und sah in die Richtung, die er mir gewiesen hatte. Dort befand sich eine Küche, ich steuerte den Kühlschrank an und öffnete ihn. Er war – für eine eigentlich verlassene Farm – bemerkenswert gut ausgestattet. Ich langte nach einem Wasser und warf einen Blick über die Schulter. »Auch was?«

»Bring mir ne Coke mit.«

Ich griff nach einer zweiten Flasche, ging zurück, reichte ihm sein Getränk und ließ mich wieder auf das abgedeckte Sofa sinken.

»Danke.«

»Sollen wir dann loslegen?«

»Bitte.

Ich ließ meine Hand in die Tasche meines Jacketts wandern und fischte einen USB-Stick heraus, hielt ihn mit zwei Fingern ins Licht.

»Hier ist das, was dich interessieren dürfte, Leeland.«

»Wie kommt ein Mann wie du an so brisante Daten?«

»Müssen wir wirklich darüber sprechen?« Ich verzog das Gesicht. »Du kennst das Geschäft. Und ich bin mir sicher, dass es irgendwo in Langley eine Akte über die Vorfälle auf Malta geben wird.«

»Möglicherweise interessieren mich Details.«

»Und möglicherweise bin ich nicht den ganzen Weg gekommen, um die Arbeit der CIA zu übernehmen«, antwortete ich barsch. »Es geht um einen Handel, mehr nicht.«

»Beruhige dich. Warum so aggressiv, Carter?«

»Weil ich mir geschworen habe, nie wieder Geschäfte mit euch zu machen. Und jetzt sitze ich doch hier. Lass es uns daher so knapp und professionell wie möglich halten, okay?«

»Wenn du meinst.« Er seufzte. »Du wolltest im Gegenzug Informationen über Amaury Sabatino Peyrot. Die können wir liefern.«

»Endlich ist euer Verein mal zu etwas zu gebrauchen«, flüsterte ich.

»Willst du mir verraten, warum du diese Infos haben willst?«

»Habe ich nicht gerade gesagt, dass ich über diese Details nicht sprechen will.« Ich schnaubte verächtlich. »Himmel, Leeland. Das hier ist ein verdammter Deal. Ich habe etwas, was du brauchst, du hast etwas, was ich brauche. Das tauschen wir aus, danach schütteln wir uns die Hände.«

»Ich frage nur, weil kürzlich ein paar Leichen auf Malta aufgetaucht sind, die möglicherweise in Verbindung mit diesem Peyrot stehen können.«

»Dann hast du deine Frage gerade eben ja selbst beantwortet.« Ich klatschte abfällig in die Hände. »Wenn alle Leute bei den Geheimdiensten eine solche Kombinationsgabe haben wie du, dann ist es um dieses Land wirklich beschissen bestellt.«

»Also willst du an ihn heran?«

»Nein, ich sammle mittlerweile nur wahllos Daten von extrem reichen Arschlöchern.« Ich verdrehte die Augen. »Ist so ein neuer Spleen.«

»Du bist heute wirklich mit dem falschen Bein aufgestanden, Carter«, stellte Leeland amüsiert fest.

»Ansichtssache.«

»Weißt du, mit wem du dich da anlegst?«

»Erstens«, begann ich nach einem Schluck aus der Wasserflasche, »hat genau genommen dieser Kerl angefangen, indem er seinen Leuten die Order gab, auf mich zu schießen. Und zweitens bin ich genau deswegen hier. Um zu wissen, wem ich auf die Finger klopfen will.«

»Auf die Finger klopfen?«

»Na ja. Vielleicht auch sie brechen oder abhacken«, gab ich zu.

»Ich habe dich in den letzten Jahren als vorsichtigen Mann erlebt. Zumindest als jemanden, der seine Schritte plant und seine Feinde mit Bedacht wählt.«

»Wäre ich ein vorsichtiger Mann, dann wäre ich kaum in dieser Branche unterwegs«, verbesserte ich Leeland. »Und ich wähle meine Feinde mit Bedacht. Dieser Peyrot hingegen nicht.«

»Dein Ego ist so groß wie immer.«

»Immerhin.« Ich ließ den USB-Stick wieder in meine Tasche wandern. »Der Kerl hat versucht, mich umzubringen.«

»Das haben schon viele Leute versucht«, erinnerte mich Leeland.

»Und heute ist keiner von ihnen mehr hier, um seine Geschichte zu erzählen.« Ich blähte die Wangen auf. »Ich denke, das spricht für sich.«

»Seit wann bist du so nachtragend?«

»War ich schon immer.« Ich sog tief Luft durch die Nase und sah Leeland dann durchdringend an. »Um ehrlich zu sein, geht es aber nicht nur um mich. »Wenn ihr einen Bericht über Malta habt, dann wisst ihr auch von der Autobombe dort.«

»Aber ja«, stimmte mein Gegenüber mit einem Nicken zu und nahm einen kleinen Schluck aus seiner Flasche. »Der Anschlag galt einer Eva Castillo, soweit ich weiß.«

»So ist es«, stimmte ich zu. »Sie war Journalistin und hat die Daten ausgegraben.« Ich tätschelte dabei mit der Hand auf die Tasche meines Jacketts.

»Seit wann interessiert dich jemand anders als du selbst?«, stellte Leeland die entscheidende Frage.

»Wahrscheinlich werde ich alt.« Ich zuckte mit den Schultern. »Vielleicht glaube ich aber auch nur, dass jemand wie Peyrot eine Quittung verdient hat.«

»Weißt du, was mein Problem mit der Sache ist?«, wollte Leeland mit gekünsteltem Unterton wissen. »Wir profitieren von Leuten wie dir, Carter. Ehrlich. Sie machen unser schmutziges und zuweilen kompliziertes Geschäft etwas einfacher. Problematisch ist es, wenn ihr anfangt, auf eigene Faust zu handeln. Wenn ihr … unkontrollierbar … werdet.«

Ich zog eine Augenbraue nach oben und sah mich um. Tatsächlich erwartete ich, dass dies das Stichwort für irgendein CIA-Kommando war, das jeden Moment durch die Türen brechen würde. Doch es passierte nichts. Ich räusperte mich.

»Ich war die letzten jahre schon immer ein einsamer Wolf.«

»Ja. Nur weißt du, was man mit einsamen Wölfen macht, die sich in die falschen Reviere verirren?« Er formte mit Daumen und Zeigefinger eine Pistole. »Man knallt sie ab.«

»Dafür muss der Wolf ersteinmal vor die Flinte des Jägers kommen«, antwortete ich. »Das habe ich nicht vor.«

»Theorie und Praxis sind immer zwei Paar Schuhe«, erinnerte mich Leeland.

»Natürlich sind sie das.« Ich nahm den nächsten Schluck Wasser und presste ihn einige Mal zwischen den Zähnen hindurch, bevor ich ihn hinunterschluckte. »Kommen wir heute zu einer Einigung oder nicht?«

»Ich muss mir bei dieser Sache sehr sicher sein«, entgegnete Leeland und sah mir in die Augen.

»Über was?«

»Ein Söldner, der auf Abrechnung aus ist, ist gefährlich, Carter.«

»Verstehe. Sorgt sich die CIA um ihren Ruf oder habt ihr Angst, dass ich das in Zukunft noch häufiger machen kann?« Ich lachte. »Wenn das Letztgenannte der Fall ist, freut es mich übrigens, dass ihr meine Chancen als so gut einschätzt. Scheint dann ja doch nicht so gefährlich zu sein, dieser Peyrot.«

»Er ist brandgefährlich«, versicherte Leeland. »Was den Ruf der CIA angeht, so müssen wir uns darum wohl keine Sorgen machen.« Er lächelte vielsagend. »Und wir sind gut darin, unsere Spuren zu verwischen.«

»Klar. Deshalb hat eure Behörde auch keine Skandale.« Ich grinste. »Demnach geht es also wirklich darum, dass ihr mich für ein Risiko haltet.«

»Ein gewisses Maß an Chaos ist gut für das Geschäft, Carter. Es spielt uns in die Karten. Aber es ist das kontrollierte Chaos, mit dem wir arbeiten. Was du hingegen vorhast – das ist unkontrollierbares Chaos. Du entwickelst dich damit möglicherweise zu einem echten Sicherheitsproblem.«

»Was willst du nun von mir hören? Einen Schwur, dass Peyrot eine einmalige Aktion werden wird? Dass ich danach wieder nach den Regeln spielen werde?« Ich schüttelte den Kopf. »Das ist utopisch.«

»Leider«, stimmte Leeland zu. »Was ich dir sagen will: Wenn du dich an Peyrot heranwagst, könnte es sein, dass du als Gefahr gesehen wirst. Und du weißt, wie wir mit Gefahren umgehen.«

»Klar. Ihr heuert Leute wie mich an, um Leute aus dem Weg zu räumen, die vorher mit euch zusammengearbeitet haben«, stellte ich sarkastisch fest.

»Alles, was ich tun kann, ist, an dich zu appellieren, Carter. Ich habe ne Menge Bargeld dabei und bin für noch viel mehr autorisiert. Im Austausch gegen deine Informationen. Das ist ein sauberer Deal. Dein Konto füllt sich und alles ist gut.«

»Ich bin nicht an Geld interessiert.« Mein Blick verengte sich. »Und ich habe deine Warnung verstanden. Sie ändert trotzdem nichts an meinem Vorhaben.«

»Ich habe es befürchtet«, gab Leeland zu. »Also gut. Dann Daten gegen Daten.«

»Was für eine schwere Geburt.«

»Carter, versau diese Geschichte nicht. Ich ziehe es vor, mit dir zu arbeiten anstatt gegen dich.«

»Und das, obwohl ich mir doch so viel Mühe gebe, dass man mich nicht mag.«

***

Ein paar Stunden später war ich wieder in Denver angekommen, in meinem Handgepäck eine dicke, braune Akte aus den Tiefen der CIA-Archive. Es gab auch eine digitale Kopie davon auf einem USB-Stick, doch es war schon bezeichnend, dass sich der Geheimdienst in den Zeiten der Digitalisierung weiterhin auf das Papierformat stützte.

Mein hungriger Magen sorgte dafür, dass ich die Dokumente fürs Erste im Safe verstaute und mich dann zum Einkaufen aufmachte. Ich hatte auf dem Flug noch keinen Blick in die Papiere geworfen, nahm aufgrund ihres Umfanges aber an, dass es mehr als einen Nachmittag dauern würde, sich einen Überblick zu verschaffen. Es konnte daher nicht schaden, sich bei WalMart zu bevorraten. Zwei weitere Stunden später – mittlerweile war es dunkel geworden – fand ich mich an meinem Schreibtisch ein.

Ich nahm Peyrots Akte aus dem Safe, wog sie unschlüssig in der Hand und legte sie vor mich hin. Vor mir befand sich ein brauner Umschlag, darauf Stempel und Handzeichen. Auch wenn ich es nicht hatte zugeben wollen, Leelands Worte hallten in meinem Gedächtnis nach. Seine Warnung war eindeutig gewesen und mein Blick wanderte zwischen der Akte, dem Safe und dem Aktenvernichter hin und her. Vielleicht war es wirklich besser – nein, sogar klüger – die Papiere einfach in der hintersten Ecke des Panzerschranks zu verstauen. Oder sie gleich zu vernichten. Ich biss mir auf die Unterlippe. Wieso kamen mir solche Gedanken eigentlich nach einem abgeschlossenen Geschäft? Warum nicht schon in Virginia? Ich hatte keine echte Vorstellung davon, wie viel Geld Leeland mir allein für die Steuerdaten hätte anbieten können – aber wahrscheinlich war es eine hübsche Summe. Hätte ich mich, wie ich es sonst tat, für das Geld entscheiden sollen? Ich schnaubte, griff zum Kaffeebecher und schwenkte ihn, blickte auf die wirbelnde, schwarze Brühe darin. Nein. Ich war mir sicher gewesen. Und Leelands Warnung? Wahrscheinlich gehörte sie zum Geschäft. Wäre die CIA überhaupt gar nicht einverstanden mit meinem Vorhaben gewesen, hätte man mir die Akte wohl kaum überlassen.

Mit einem großen Schluck aus dem Becher, der Kaffee war inzwischen lauwarm und ließ mich mein Gesicht angewidert zusammenziehen, spülte ich meine Zweifel hinunter, atmete durch und streckte meine Hand nach der Akte aus. Ich klappte den Deckel auf, und sogleich fiel mein Blick auf einen Stapel großformatiger Fotografien. Es waren bemerkenswert gute Aufnahmen und auf den ersten Blick keine Pressefotos, was wohl bedeutete, dass Peyrot aus Gründen, die wahrscheinlich ebenfalls in der Akte standen, schon einmal ins Visier geheimdienstlicher Ermittlungen geraten war. Ich breitete sie vor mir aus, stützte meine Ellbogen auf die Tischplatte und begann, sie zu studieren.

Amaury Sabatino Peyrot war ein Mann, den ich äußerlich eher in den Vierzigern einordnete. Ein Mann mit Seitenscheitel und einer randlosen Brille auf der Nase. Er hatte ein markantes Kinn und eine hohe Stirn, in seinem Blick mischten sich kühle Distanz und Geringschätzung. Alle Bilder zeigten ihn in Anzügen: Dreiteiler, die maßgeschneidert waren und wie angegossen saßen. Er hatte eine Vorliebe für klassische, konservative Farben und weiße, gestärkte Hemden – seine Krawatten waren die einzigen wirklichen Farbkleckse seiner Erscheinung. Peyrot war mit 1,70 Metern Körpergröße kleiner als der Durchschnitt, wenn auch nicht so klein, dass er dadurch auffiel. Sein Körperbau verriet, dass er nicht nur wusste, was körperliche Fitness war, sondern wahrscheinlich wöchentlich mehrere Stunden in die Körperbetonung investierte. Ich schnalzte mit der Zunge, kniff die Augen zusammen und betrachtete eingehend die Details seiner Kleidung. Wie schon auf den ersten Blick angenommen, sprach die Qualität dafür, dass der Kerl reich war. Nicht so, dass er damit protzte, es waren eher die kleinen Details: seine Schuhe etwa oder die Uhr, die er um das Handgelenk trug.

So wusste ich zumindest, wie Amaury Sabatino Peyrot aussah. Es war Zeit, zu verstehen, wer dieser Mann wirklich war.

***

Drei Tage später – es war die richtige Entscheidung gewesen, vorher einzukaufen – war ich der Meinung, zu wissen, wer Peyrot war.

Es handelte sich, bei dem Namen nicht verwunderlich, um einen gebürtigen Franzosen, der mittlerweile die Schweizer Staatsbürgerschaft angenommen hatte. Das war noch keine Besonderheit, kannte man jedoch die weiteren Details zu seiner Person, fügte sich alles zusammen. Die Schweiz nämlich steht nicht ohne Grund seit Ewigkeiten in dem Ruf, ein sehr wohlhabendes Land zu sein. Mutmaßlich deswegen, weil die Schweizer bekannt dafür sind, effektiv mit dem Geld von Ausländern umgehen zu können und es zu vermehren. Auf nicht immer legale Art und Weise – aber sie standen in dem Ruf, dabei sehr diskret zu sein. Das Schweizer Bankgeheimnis, heute ist davon zumindest in der Theorie nicht mehr viel übrig, war nicht umsonst viele Jahrzehnte ein geflügelter Begriff. Jedenfalls ist die Schweiz aufgrund ihrer einzigartigen Position und Lage in Europa der Tummelplatz der Hochfinanz.

Und hier fügte sich alles zusammen. Peyrot war reich. So reich, dass er die meisten Leute in Monaco oder St. Tropez in die Tasche stecken konnte. Als wichtig erwies sich, wie dieser Mann zu seinem Reichtum gekommen war. Ein kleiner Teil stammte aus seinem Erbe (er kam aus dem, was man wohl eine gute Familie nannte), den größten Teil hatte er binnen zweier Jahrzehnte durch zwei Tätigkeiten angesammelt: als Berater hochkarätiger Firmen und als Hedgefonds-Manager. Kein Wunder, das es jemanden wie ihn in die Schweiz zog. Und noch weniger war es ein Wunder, dass die CIA – und vermutlich auch ein paar andere Geheimdienste der Welt – bereits ein Auge auf ihn geworfen hatte. Diese Vereine werden naturgemäß (und vermutlich auch mit einer gewissen Berechtigung) hellhörig, wenn eine Privatperson Berge von Geld ansammelt.

Jedenfalls war für mich damit auch die Verbindung zwischen Peyrot und den brisanten Daten, die ich auf Malta hatte bergen können, klar. Wie es aussah, hatte er als Berater über Jahre zahlreiche der Firmen, deren Namen in den Dateien auftauchten, dazu animiert, ebendiese Schlupflöcher zu nutzen, andererseits schien er dies im Auftrag als Hedgefonds-Manager auch massiv vorangetrieben zu haben. Die Daten waren also Beweis für sein Handeln – und dass er bereit war, für sie über Leichen zu gehen, konnte nur bedeuten, dass er mehr getan hatte, als halblegale Schlupflöcher zu benutzen. Bevor ich Leeland die Datensätze ausgehändigt hatte, hatte ich mir Kopien angefertigt, gleichwohl ich nicht in der Lage war, die Materie auch nur im Ansatz zu verstehen. Ich hoffte einfach, daraus früher oder später noch Kapital schlagen zu können – und war mir sicher, dass es für diese Dinge Käufer wie Sand am Meer gab. Doch auch ohne sie gesehen zu haben, wusste ich, was eine Analyse aufdecken würde – nämlich die Namen jener Entscheidungsträger, die Peyrots Arbeit abgesegnet hatten. Castillo hätte mit ihrer geplanten Veröffentlichung also dafür gesorgt, dass sich ein paar Leute unangenehme Fragen hätten stellen lassen müssen – und wahrscheinlich wären einige Köpfe gerollt. Die Konzerne wiederum, die wegen eines solchen Leaks im Zentrum der öffentlichen Wahrnehmung standen, würden sich eher früher als später bei demjenigen revanchieren, der sie nach ihrer Logik erst in diese Lage gebracht hatte: Peyrot. Kein Wunder also, dass er die schmutzige Wäsche verschwinden lassen wollte.

Mein neuer besonderer Freund lebte nicht nur in der Schweiz, er operierte auch von dort aus. Der Akte zufolge hatte er sich vor drei Jahren in den Alpenstaat zurückgezogen. Zuerst hatte alles darauf hingedeutet, dass Peyrot genug von der Arbeit hatte – immerhin hatte er ein riesiges Vermögen angehäuft. Doch es war wie immer: Menschen taten eben das, was sie gut konnten, und für Reichtum gab es keine Obergrenze. Nachdem es einige Monate sehr ruhig um ihn gewesen war, hatte er sich wieder auf das vertraute Parkett begeben. Unter seinesgleichen hatte Peyrot einen Ruf, der sich zu gleichen Teilen aus Anerkennung und Neid zusammensetze, aus Angst und Bewunderung. Mittels seiner Arbeit hatte er sich einen Namen geschaffen, er war bekannt dafür, keine Skrupel zu haben und kein Risiko zu scheuen. Eben ein Raubtier, wie es nur der Turbokapitalismus gebären konnte. Hinsichtlich seiner Klienten sah es anders aus. Dort genoss er den Ruf einer echten Wunderwaffe. Peyrot konnte eine beachtliche Liste an erfolgreichen Operationen aufweisen, es schien, als würde jedes Geschäft, jede Unternehmung, mit der er sich befasste, die gewünschte Rendite abwerfen. Diesen Nimbus zelebrierte er nicht nur, er ließ ihn sich auch gut bezahlen.

Wollte ich also an ihn heran, wollte ich also wirklich mit ihm abrechnen, dann bedeutete das, dass ich in die Schweiz musste. Zugegeben, nicht der schlimmste Ort der Welt, aber für Männer meiner Profession und mit meinen Ambitionen, wäre mir ein anderes Land lieber gewesen. Doch daran war nicht zu rütteln. Peyrot verließ die Schweiz nicht, und es war anzunehmen, dass er dafür gute Gründe hatte.

Die Akte der CIA war ebenfalls gut gefüllt mit Angaben über seine Häuser, seine Fahrzeuge und jene Personen, die ihn umgaben. Wenig verwunderlich verfügte Peyrot nicht nur über mehr Anwesen, als ein Normalsterblicher brauchte, er hatte auch eine bemerkenswert große Zahl an Leibwächtern angeheuert. Das Leben wird nun einmal gefährlich, wenn man so viel Geld besitzt – und wenn man es mit jenen Praktiken zusammengetragen hat.

Ich musste zugeben, dass der Geheimdienst wirklich gute Arbeit geleistet hatte, wenngleich auch davon auszugehen war, dass Peyrots Leben noch weitere dunkle Flecken aufwies, die man nicht hatte ausleuchten können. Mit ein paar Überraschungen war also in jedem Fall zu rechnen.