Verlag: Romeon-Verlag Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung Lorakýen - Alexander Steindl

Lorakýen war einst ein sehr friedliches Land und wurde vom Haus Dráco regiert. Als die Finsternis näher rückt und der Schatten Erebos die Herrschaft an sich reißt, wird das Haus Dráco zerstört und Prinz Aron verschwindet auf rätselhafte Weise. Seine Geschwister finden Unterschlupf auf Burg Réem. Die Finsternis breitet sich immer weiter aus und wird schon bald das ganze Land zerstören. Der einzige Ausweg ist nun, das Licht der Hoffnung wiederzufinden und die Völker zu vereinen, um gegen den Feind in die Schlacht zu ziehen. Doch nur der Erbe Drácos ist dazu in der Lage. Deshalb machen sich Amira und Johanna auf die gefährliche Suche nach Amiras Bruder Aron. Aber auch der Schatten Erebos will ihn finden. Ein Wettkampf gegen die Zeit beginnt.

Meinungen über das E-Book Lorakýen - Alexander Steindl

E-Book-Leseprobe Lorakýen - Alexander Steindl

Lorakýen - Die Rückkehr Dráco

1. Auflage, erschienen 2017

Umschlaggestaltung: Buchwerk Verlag Text: Alexander Steindl

Layout: Buchwerk Verlag

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978-3-96229-965-1

Copyright © Buchwerk Verlag

Inh.: Manfred Schenk KG, Klosterstr. 1, 41363 Jüchen Persönlich haftender Gesellschafter: Manfred Schenk

Das Werk ist einschließlich aller seiner Teile urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung und Vervielfältigung des Werkes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks und der Übersetzung, sind vorbehalten. Ohne ausdrückliche schriftliche Genehmigung des Verlages darf das Werk, auch nicht Teile daraus, weder reproduziert, übertragen nochkopiertwerden.ZuwiderhandlungverpflichtetzuSchadenersatz.

Alle im Buch enthaltenen Angaben, Ergebnisse usw. wurden vom Autor nach bestem Gewissen erstellt. Sie erfolgen ohne jegliche Verpflichtung oder Garantie des Verlages. Er übernimmt deshalb keinerleiVerantwortungundHaftungfüretwavorhandeneUnrichtigkeiten.

Alexander Steindl

Lorakýen

Die Rückkehr Drácos

Dieses Buch widme ich meiner Familie, meinen Freunden,

und allen Fans der Fantasy - Sagen

Brautschau

ohanna, komm schnell! Arwen ist auf dem Weg zu uns!“ rief Amira der Prinzessin zu.

J

Amira gehörte zum Haus Dráco und lebte seit der Finsternis im Land Réem. Sie hatte blonde lange Haare und strahlte mit ihren achtzehn Jahren wie ein Engel. Johanna war brünett und trug ihr Haar schulterlang. Sie war gleich alt wie Amira und teilte ihr Strahlen, als sie von der Ankunft ihrer Freundin aus dem Elbenre- ich erfuhr.

Schnell rannte sie aus ihrem Zimmer ins Freie und sah Arwenent- gegen. Die Elbe flog auf einem weißen Pegasus und landete kurz vor demStadttor.

Arwen hatte goldbraune Haare und einen erhabenen Ausdruck im Gesicht. Wie alle Elben hatte sie eine vollkommen reine Haut und so konnte man unmöglich ihr Alter definieren. Im Gegensatz zu den anderen Elben war sie erst neunzehn Jahre alt. Die meisten ihrer Art waren bereits mehrere hundert Jahre alt, denn Elbenver- fielennichtdemAlterundkonntentausendevonJahrenleben.

Voller Freude lief Johanna ihr entgegen und begrüßte sie. „Arwen, wieschöndichwiederzusehen!Warumhastdudichsolangenicht blickenlassen?“

Die Elbe stieg von ihrem Pegasus ab und löste einen großenBeutel vom Sattel ihresPferdes.

„Die Freude ist ganz meinerseits, Johanna. Hier, nimm erst mal diesenBeutel.IchhabeeuchEssenmitgebracht.Gutsiehstdunicht geradeaus,hastwundeHändevonderArbeitundeinenleerenMa- gen. Seit der Finsternis geht es dem Volk immer schlechter. Eigen- tlich wollte ich früher kommen, aber ich wurde aufgehalten. Wir hatten einen hohen Besuch inEringard.“

Johanna nahm den Beutel dankend entgegen und sah die Elbe fra- gend an. „Einen hohen Besuch? Wen? Etwa jemanden aus dem Haus Bálton?“

„Nein, leider nicht. Ich muss mit deinem Vater sprechen.“ antwor- tete Arwen.

NunkamauchAmirazuihnenundfragte: „Verzeiht, dassichmich einmische, aber was willst du von König Rufus?“ Arwen wandte sich ihr zu und sagte: „Sei gegrüßt Amira. Komm mit und duwirst deine Antworterhalten.“

Gemeinsam gingen sie zur Burg von Réem. Sie war relativ klein undhattenureinenWachturm.DashölzerneBurgtorwarleichtzu brechen, dennoch wirkte es stolz undfestlich.

Amira lief voraus und versammelte die Familie Réem und ihre ei- genen Geschwister des Hauses Dráco im großen Saal der Burg.

Als alle versammelt waren, kam Arwen in den Saal. In der Mitte standen zwei prächtige Stühle auf denen das Königspaar saß.

König Rufus hatte schulterlange braune Haare und trug einenkurz gestutzten Bart. Sein Gesicht zeigte die ersten Anzeichen des Al- terns, doch sein Körper war immer noch kräftig. Seine Frau, Köni- gin Canina, wirkte erschöpft und abwesend, da sie vor Kurzemein Kind bei der Geburt verloren hatte. Sie trug ein schwarzes Kleid und hatte braune lockige Haare, die ihr bis zur Hüftereichten.

Vor den beiden prächtigen Stühlen stand ein großer Tisch mit ein- igen schlichteren Stühlen, hier saßen die Kinder der Häuser Réem und Dráco.

Marik von Réem hatte mittelkurze Haare und, wie seine Mutter, brünette Locken, außerdem trug er einen kurzen Bart. Neben ihn setzte sich Johanna und ihr gegenüber hatten die Dráco-Zwillinge Iska und Katrina Platz genommen. Beide trugen den Titel Hexe undwurdenvonDariounterrichtet.SiehattenbraunelangeHaare und einen gütigen Gesichtsausdruck. Da sie einander so gleich waren,trugjedevonihneneineHalskettemiteinemAnhängerder, wenn man ihn zusammenfügte, einem Drachen ähnelte. Iska trug die linke Hälfte und Katrina die rechte. So konnte jeder die Mäd- chenunterscheiden.

Neben ihnen saß ihr jüngerer Bruder Raykon. Er trug schwarze lockige Haare, die bis zur Schulter hingen, einen lichten Bart und war von kräftiger Statur.

Amirasetztesichnebenihn.DieElbeArwentratvorundbegrüßte alle.

„Ich grüße euch, König Rufus, Königin Canina und auch euch, Kinder vom Haus Réem und Haus Dráco.“

„Wir heißen dich willkommen, Arwen von Eringard, und freuen uns,dassduunserGastbist.Ebensodankenwirdirfürdeinereiche Spende an Essen. Es sind schwere Zeiten und wir sind dankbar für jede Hilfe, die wir erhalten. Amira sagte, du wolltest mich sprech- en?“ fragte KönigRufus.

„Ja, ich wollte euch sprechen. Wir hatten in Eringard hohen Be- such.“

„Hohen Besuch? Von wem?“ fragte Marik.

„Von Questor aus dem Hause Kratos.“ gab Arwen zurück.

Stille kehrte ein, denn Questor war der Sohn von Erebos, dem Herrscher über ganz Lorakýen.

„Was wollte er in Eringard?“ fragte Johanna und Arwen begann zu erzählen.

„Es war grauenvoll, als er kam. Noch nie zuvor habe ich so einen Hass in einem Menschen gesehen. Questor ist die Brutalität und Gewalt in Person. Er wurde von Erebos geschickt, um sich seine Brautauszusuchen.JedeFamilieimLandLorakýenistverpflichtet, ihm ihre ledigen Frauen zu zeigen, damit er sich die schönste aussuchen kann. Darum bin ich zu euch gekommen, um euch zu warnen. Versteckt die Frauen oder lasst sie hässlich erscheinen, damit sie euch nicht genommenwerden!“

„Und wenn wir Questor eine Falle stellen und ihn töten?“ fragte Marik. „Dann wäre dies unser Untergang. König Erebos würde seinen Sohn rächen und uns alle vernichten.“ bemerkte Raykon.

„Außerdemwürdeesunssowiesonichtgelingen,Questorzutöten. ImganzenLandgibteskeinen,dererfahrenerundbesserimKampf ist, als er.“ sagte KönigRufus.

„Dann solltet ihr eure Frauen verstecken.“ ermahnte Arwen erneut.

„Nein, ich will mich nicht verstecken. Ich bin eine Hexe und stelle mich der Gefahr.“ sagte Katrina selbstsicher.

Plötzlich ging die Tür zum Saal auf und ein einfacher Bauer kam

herein. „Mein König, da kommen Soldaten von der Stadt Kratos.“ Rufus sprang auf.

„Mein Gott, er ist bereits hier. Schnell, Arwen, kehre zu den El- ben zurück bevor man dich hier sieht! Und ihr Mädchen, bekleidet euch festlich! Wir müssen Questor mit Mut entgegen treten.“ Schnell lief Arwen nach draußen und schwang sich auf den Pega- sus. Sie ritt in Richtung Meer und stieg in die Luft empor.

Die anderen im Saal beeilten sich und zogen sich rasch um. König RufuseiltemitseinemSohnMarikinsFreie,umQuestorwillkom- men zu heißen. Sie blickten zum Stadttor und sahen ein Dutzend Soldaten herbei galoppieren, die von Questor angeführt wurden. Alle trugen eine pechschwarze Rüstung und hielten in der Hand einBannermitdemWappenderFinsternis.DieschwarzenFlaggen zeigteninderMitteeinenrotenSchlangenkopf.Questortrugkeine Rüstung, sondern ein schwarzes Wams. Das schlichte Schwert an seiner Hüfte zeigte eine rot schimmernde breiteKlinge.

Als die Soldaten das Stadttor erreichten, drosselten sie ihr Tempo und ritten langsam zur Burg. Dort angekommen, begrüßte sie der König:

„Seid willkommen Questor, Prinz von Lorakýen. Es freut mich, dass ihr uns besuchen kommt. Leider haben wir nichts von eurer Ankunfterfahren,sonsthättenwireuchzuEhreneinFestbereitet.“ Questor stieg von seinem Pferd und ging auf den König zu. Wie Arwen vorhin erzählt hatte, strahlte er Brutalität und Gewalt aus. ErhattekurzesHaarundeinenlangenBart.SeineAugenleuchteten unheimlich und wirkten so dermaßen dunkel, dass man seine Iris nichtvonderPupilleunterscheidenkonnte.

„Spart euch euer Gerede, Rufus von Réem. Soldat, trage die Botschaft des Königs vor!“ befahl Questor in barschem Ton. Ein Soldat von Kratos trat vor und begann von einer Schriftrolle zu lesen.

„Untertanen von Lorakýen. Die Stadt Kratos wird erweitert und verstärkt, um das Land gegen Unruhestifter und Feinde zu vertei- digen. Um diesen Umbau finanzieren zu können, braucht es Geld und Verpflegung. Deshalb ist ab sofort jede Familie verpflichtet, ein Drittel ihrer Ernte und ihres Reichtums an Steuern zu zahlen.

Außerdem ist es für meinen Sohn an der Zeit zu heiraten, deshalb benötigt er eine junge Frau. Da er der Prinz von Lorakýen ist, ste- ht ihm jede Frau zu, die er begehrt. Darum befehle ich euch, ihm eure Töchter vorzustellen und ihm freie Wahl zu gewähren. Sollte jemand meine Befehle missachten, wird er samt seiner Familie mit dem Tode bestraft.“

Der Soldat rollte die Schriftrolle wieder zusammen und rief in die Menge: „Dies waren die Worte von Erebos, König überLorakýen!“ KönigRufuswarbetroffenüberdieunmäßigenForderungen.

„Prinz Questor, wir haben selbst nicht genug zu essen, wie sollen wirdannüberleben,wennwireinDrittelunseresHabundGutesan Steuern leisten müssen?“ fragte Rufus. Questor ging einen Schritt auf ihn zu und herrschte ihnan:

„Befehl ist Befehl. Mir ist egal, ob ihr verrottet. Die Stadt Kratos braucht die Steuern, wenn euch das nicht passt, beklagt euch beim König persönlich.“

Nun trat Marik vor und verneigte sich vor dem Prinzen. „Verzeiht, eureHoheit,aberbiswannhabenwirZeit,unsereSteuernabzuge- ben?“

„Wir nehmen sie sofort mit.“ Erwiderte Questor und gab seinen Soldaten ein Zeichen.

Ohne zu zögern gingen die Soldaten in die Häuser und holten Nahrung und Geld.

„Nun,wosindeureTöchter,wirhabennichtdenganzenTagZeit!“ sagte Questor ungeduldig. Mit bedrückter Stimme antwortete Ru- fus: „Kommt mit in die Burg, sie erwarteneuch.“

Sie gingen in den großen Saal. Die Mädchen standen alle in ihren besten Kleidern in einer Reihe und erschraken, als sie die Härte in Questors Gesicht sahen. Der Prinz blieb vor ihnen stehen und betrachtete sie der Reihenach.

„Na los Rufus, stellt sie mir vor!“ rief er verärgert.

„Kinder, vor euch steht Questor, Prinz von Lorakýen.“

Die Mädchen verneigten sich und Rufus fuhr fort: „Dies ist meine einzige Tochter Johanna. Und dies sind die Töchter aus dem früheren Reich Dráco.“

Plötzlich begann Questor vor Wut zu brüllen: „Erwähne nicht

diesen Namen, er wurde ausgelöscht!! Das Haus Dráco existiert nicht mehr. Mein Vater hat es ausgerottet!!“ König Rufus verneigte sich und sagte nervös: „Verzeiht mein Prinz, wie unachtsam von mir. Dies sind die beiden Hexen Iska und Katrina mit ihrer jün- geren Schwester Amira.“

Questor sah sich jede genau an, als Amira sagte: „Was habt ihr ge- gen das Haus Dráco, wir sind der Ursprung der Menschen hier in Lorakýen. Früher lebten hier noch Drachen. Die meisten Könige von Dráco besaßen sogar einen und konnten mit Drachen sprech- en. Damals wurde das Land Lorakýen von ihnen regiert und nir- gendsmusstemanHungerleiden.WäreEreboseinguterKönig,wo ist dann seinDrache?“

„Amira,seistill!“ermahnteRufus,daermerkte,dassQuestornoch zornigerwurde.

„Lass sie nur reden, sie hat ja Recht.“ sagte Johanna.

NunverlorQuestordieKontrolle.ErtratvorAmiraundschlugihr insGesicht.SiestürztezuBodenundbluteteamKopf.Schnellstell- tesichKönigRufusvorsieundfielvordemPrinzenaufdieKnie.

„VerzeihtmeinPrinz,verzeiht.Wirwerdensiebestrafenlassenund euch als Entschuldigung ihr ganzes Hab und Gut geben. Aber bitte lasstsie.“

Questor wich zurück und brummte: „Lehrt sie gefälligst mehr Re- spekt!“

Dann ging er zur Tür, wandte sich aber noch einmal an die Mäd- chen.

„Lasst euch eines gesagt sein: Es gibt keine Drachen, jeder der da- ran glaubt ist ein Narr. Der einzig wahre König ist Erebos.“ Dann zeigte er auf Iska. „Du, Mädchen, komm mit!“

Iska zögerte, doch die Soldaten gingen auf sie zu und packten sie am Arm.

„Nein, nicht Iska.“ flehte Katrina, jedoch hatte sie keine andere Wahl. Sie musste ihre Schwester gehen lassen, denn gegen die Fin- sternis hatten sie keine Chance.

„Lebt wohl, meine Zeit ist gekommen.“ verabschiedete sich Iska von ihrer Familie.

Sie gingen hinaus ins Freie und stiegen auf ihre Pferde. Ohne auch

nur ein Wort zu sagen, ritten alle davon und ließen die Stadt Réem hintersich.AlssienichtmehrinSichtweitewaren,begannKatrina zu weinen, und Amira umarmtesie.

Seit ihrer Geburt waren Iska und Katrina immer zusammen gewe- sen,undnunwarensiezumerstenMalgetrennt.DieUngewissheit, ob sie einander je wiedersehen würden, erdrücktesie.

Raykon und Marik kamen nun auch herbei und fragten, was im Saal geschehen war, da sie nicht dabei sein durften. Johanna er- zählte ihnen alles.

„Wir müssen hinterher und Questor aufhalten. Wenn Iska zum König kommt, ist sie verloren.“ sagte Raykon zornig.

„Nein Raykon, wir können nichts tun. Gegen die Finsternis sind wir machtlos.“ bemerkte Johanna traurig.

„Sie hat Recht. Kommt, lasst uns ruhen. Wir alle müssen den heu- tigen Tag verarbeiten.“ sagte Rufus. Alle stimmten ein und gingen in die Burg, um zu rasten.

Katrina heilte unter Tränen die Wunde am Kopf ihrer Schwester Amira mit Hilfe von Magie, damit keine Narbe sichtbar blieb. Da- nachwuschsichAmiradasBlutvomGesichtundlegtesichzuKa- trina ins Zimmer, da die Hexe noch nie alleinewar.

VollkommeneFinsternis

ine Woche war nun seit dem Besuch von Questor vergangen, und allmählich kehrte der Alltag wieder ein. Amira verbrachte viel Zeit mit Katrina und half ihr, über den Verlust ihrer Schwest- er hinweg zu kommen, doch nun gab es erneut Grund zur Sorge. Königin Canina hatte vor kurzem ein Kind verloren und zog sich immer weiter zurück. Sie wurde verbittert und wollte niemanden

E

sehen, nicht einmal ihre Kinder.

Genau eine Woche nachdem Questor in Réem war, verließ Canina die Stadt und ging in den Wald. Johanna bemerkte dies und folgte ihr vorsichtig, um zu beobachten, was ihre Mutter tun würde.

Sie gingen immer tiefer in den Wald hinein, bis sie zu einem Was- serfallkamen.RingsherumstandengroßeBäumeundeinschmal- er Weg führte bergauf. Langsam ging Königin Canina hinauf und verschwand. Ihre Tochter folgte ihr und erblickte am oberen Ende des Wasserfalls eine kleineHütte.

Noch nie hatte sie diese Hütte gesehen.

PlötzlichgingeineTüreaufundherauskameinealteFrau.Siehatte graue Haare, die zu einem Kranz zusammengebunden waren. Ihre Kleider waren alt undverschmutzt.

Die Königin und die alte Frau sprachen kein Wort miteinander, sondern standen einander einfach gegenüber. Dann ging die Frau wieder in die Hütte und schloss die Türe hinter sich. Johanna war verwirrt, denn sie verstand nicht, was die beiden da gemacht hat- ten.KeinervonbeidenhattegesprochenunddochwirkteihreMut- ter erleichtert und beinaheglücklich.

„Ich bin bereit zu sterben.“ sagte auf einmal Königin Canina zu sich selbst. Johanna kam schnell aus ihrem Versteck und sagte mit ruhiger Stimme: „Mutter, ich verstehe deinen Kummer, denn auch ich habe mit dir ein Kind verloren. Du darfst aber nicht vergessen, dass du noch immer uns hast. Vater, Marik und ich werden immer für dich da sein. Bitte lasse uns zu dir, damit wir gemeinsam diese Trauer überwinden können. Dein verstorbenes Kind wollte doch

bestimmt, dass wir auch ohne es eine Familie bleiben.“

Canina blieb regungslos mit dem Rücken zu ihr stehen und sagte mit monotoner Stimme: „Du hast gut gesprochen, aber ich habe nicht nur ein Kind verloren, sondern bin auch noch erkrankt. Die Finsternis hat meinen Körper verseucht, und ich werde mich bald sehr stark verändern. Das möchte ich euch ersparen.“

„Wie meinst du das?“ fragte Johanna und ging langsam zu ihrer Mutter.

„Meine Entscheidung ist gefallen. und dein Vater weiß bereits davon. Er erzählt es gerade deinem Bruder. Ich wusste, dass dumir folgen würdest, denn dir wird eine große Aufgabe zuteil. DasLand Lorakýen braucht dich. Sobald heute die Sonne unter gegangenist, wird sie nie mehr aufgehen. Die Finsternis ist vollendet und wird das ganze Land zerstören. Die Orks im Norden und die Urgals im Osten werden die Menschen ausrotten und das Land einnehmen. Wenn die Menschen nichts unternehmen, wird es nie wieder Tag werden. Ich habe vor Jahren mein Leben dem Tag geschenkt und jetzt,dadieNachtnaht,werdeichsterben.EinesTages,meinKind, wirst du esverstehen.“

LangsamdrehtesichdieKöniginzuihrerTochterumundJohanna sah vor sich ihre Mutter mit dem Gesicht der alten Frau aus der Hütte.

„Mutter?“

Die Königin sagte mit rauer aber lieblicher Stimme: „Vertrau dein- en Gefühlen und finde die Hoffnung. Ohne sie ist Lorakýen ver- loren. Lebe wohl mein Kind.“

NachdiesenWortenlöstesichKöniginCaninainLuftaufundver- schwand imNichts.

„Mutter!!“ rief Johanna ihr nach und begann zu weinen. „Johan- na!“ schnell drehte sie sich um und sah Marik ihr entgegen laufen. ErumarmteseineSchwesterundtröstetesie.Schluchzenderzählte Johanna ihm, was sie gesehen hatte. Ihr Bruder sah sie traurig an und sagte: „Vater hat es mir bereits erzählt. Komm, es wird Zeit nach Hause zu gehen, ehe die Sonneuntergeht.“

GemeinsamgingensiezurückindieStadt.AlssieinRéemankamen verkündete König Rufus den Tod der Königin, und die ganzeStadt

lag in Trauer. Amira ging zu Johanna und umarmte sie.

„Es tut mir so Leid.“ flüsterte sie und vergoss dabei eine Träne. Als sie die Umarmung löste rief Katrina: „Seht, die Sonne!!“

Alle Bewohner der Stadt wandten sich in Richtung Westen und sa- hen zur Sonne. Sie war beinahe untergegangen. Mit letzter Kraft sandte sie einen hellen Strahl übers Land, bis sie schließlich voll- kommen verschwand und einen dunkelroten Himmel zurückließ, der sich langsam schwarz färbte. Die Finsternis war nun vollkom- men, und es wurde kalt.

„Kommt, lasst uns in die Häuser gehen. Niemand sollte in der Nacht im Freien sein.“ sagte König Rufus, und die Menschen fol- gten seiner Weisung.

Raykonwarderletzte,derindieBurgging,undalserstehenblieb, sagteer:„Hörtihrdasauch?Esklingtsonderbar.“Katrinalauschte.

„Komm herein, das sind Fledermäuse. Sie fliegen durch das Land undkundschaftendieGegendfürKönigErebosaus.Abjetztgibtes keine sicheren Pfade mehr.“ sagte Katrina zu ihremBruder.

„Was sind Fledermäuse?“ fragte Raykon. „Fledermäuse lebten früher in Höhlen und flogen nur nachts ins Freie. Doch seit die Finsternis an Stärke gewinnt, wurden die Fledermäuse zu dä- monischenWesen,dieSeuchenundTodbringen.KönigEreboshat siezuseinenUntertanengemachtundbenutztsiefürseineZwecke. SohatesmirzumindestdamalsDarioerzählt.“antworteteKatrina und ging anschließend mit Raykon in dieBurg.

Amira, die gemeinsam mit Johanna und Marik zugehört hatte, fragte: „Was glaubst du, wird die Nacht nun ewig andauern, oder wird es wieder Tag werden?“

„Keine Ahnung, aber morgen werden wir es wissen.“ gab Katrina zurück.

Sie zogen sich nun alle in ihre Zimmer zurück und bereiteten sich zur Nachtruhe vor, außer Johanna. Sie wollte noch nicht schlafen, da sie über das, was mit ihrer Mutter geschehen war nachdachte. König Rufus bemerkte, dass sie grübelte und setzte sich zu ihr.

„Ich weiß noch genau, wie du damals jede Nacht dein Bettzeug gepackt und dich unter dein Bett gelegt hast. Immer wenn deine Mutter dir gute Nacht sagen wollte, musste ich das Bett hoch he-

ben,dennanderskonntesiedirkeinenKussgeben.Jetztistesegal, wo du schläfst, denn sie ist immer bei dir und wird dich nie mehr verlassen.“

Johanna legte ihren Kopf auf seine Schulter und fragte: „Aber warum musste sie uns verlassen? Ich verstehe es einfach nicht. Außerdem hat sie zu mir gesagt:

‚VertraudeinenGefühlenundfindedieHoffnung.OhnesieistLor- akýenverloren.‘‘

Was meinte sie damit?“

Ihr Vater sah sie an und wischte eine Träne von Johannas Wange.

„Ich weiß es auch nicht, aber egal was es bedeutet, wir müssen da- rauf vertrauen, dass sie das Richtige getan hat. Eines Tages wird es vielleicht einen Sinn ergeben. Doch jetzt solltest du auch schlafen gehen. Uns erwarten harte Zeiten.“

Er küsste sie auf die Stirn und ging aus ihrem Zimmer.

Johanna sprach noch ein Gebet und legte sich anschließend hin. Bevorsieeinschlief,dachtesichüberallesnach,wasgeschehenwar. Am nächsten Morgen erwachte Johanna und wunderte sich, dass die Vögel noch nicht sangen. Leise stand sie auf und ging ans Fen- ster. Sie öffnete die Fensterbalken, konnte jedoch keinen einzigen Sonnenstrahl erkennen. Der Himmel war von dichten, schwarzen Wolken bedeckt, welche sie noch nie zuvor gesehen hatte. Traurig musste sie einsehen, dass die Sonne tatsächlich verschwundenwar, denn sie hatte keine Chance, diese dicke Wolkendecke zu durch- dringen.

Johanna erschrak, als hinter ihr die Türe aufging und ihr Bruder Marik, mit einer Laterne in der Hand, herein kam.

„DieFinsternisistnunvollendet.NiewiederwerdenwirdieSonne sehen,dennwirhabenbereitsMittag,aberdraußensiehtesaus,als wäre es bereits später Abend. Wir werden lernen müssen, in der Nacht zu sehen.“ sagte ertraurig.

Johanna sah wieder aus dem Fenster und bemerkte, „Vielleicht ist es nicht überall so dunkel. Was, wenn nur bei uns die Sonne ver- schwunden ist und im Norden der Tag noch weiter lebt.“

„Ich wünschte dem wäre so.“ gab Marik zurück und ging langsam aus ihrem Zimmer.

Johanna wusch ihr Gesicht und zog sich um. Danach ging sie ins Freie, um den Bauern bei der Arbeit zu helfen. Doch als sie bei den Bauern ankam, erschrak sie, denn sämtliche Felder warenver- wüstet undausgetrocknet.

„Was ist hier geschehen?“ fragte sie erschrocken. Ein Bauer kam mit einer Fackel in der Hand zu ihr und sagte unter Tränen: „Die Finsternis hat alles zerstört. Es waren die Fledermäuse, mit ihrem verseuchten Atem. Wir werden Monate brauchen, um aus dem Land wieder fruchtbares Ackerland zu machen. Bis dahin werden wir alle verhungert sein.“

KönigRufustratnunauchzudenBauernundsprach:„Wirmüssen um Hilfe bitten. Jemand von uns muss nach Bálton, um von dort Nahrung zuerbitten.“

Er wandte sich von ihnen ab und ging zurück zur Burg. Johanna lief ihm nach und fragte: „Aber wen willst du schicken? Es ist viel zu gefährlich.“

„Ich werde gehen.“ sagte Raykon.

Er war ebenfalls bei den Bauern gewesen und hatte alles mit ange- hört.

„IchwerdegehenundsodemLandRéemdenDankfürdieletzten vierzehn Jahre erweisen.“ Der König blieb stehen und sah ihm tief in dieAugen.

„Duweißtgenau,dassduunsnichtsschuldigbist.DeinHausDrá- cohatteunsdamalsimmergeholfenundwarimmergütigzuuns.“

„Und dennoch werde ich gehen,“ gab Raykon zurück, außerdem fügte er hinzu: „Aber ich werde nicht alleine gehen. Bald werden die Seemänner hier eintreffen und uns Nahrung verkaufen.Sobald sie hier sind, werde ich mir Vorräte zulegen und einige von ihnen fragen, ob sie mich begleiten, da sie im Kampf mit dem Schwert erfahrensind.“

König Rufus dachte nach, anschließend legte er seine Hand auf Raykons Schulter.

„Na gut, ich willige ein. Damit werden wir ewig in deiner Schuld liegen.NungehezudeinerSchwesterKatrinaundsageihr,dasssie Verbindung zu Dario aufnehmen soll. Wir benötigen seinen Rat.“ Raykon nickte undging.

Rufus sah Johanna kurz an und betrat die Burg ohne ein Wort an sie zu richten, obwohl er wusste, dass sie jemanden zum Reden brauchte.

In letzter Zeit war viel geschehen, und Johanna wollte niemanden mitihrenProblemenbehelligen.Amirabemerktediesundgingauf Johannazu,dochdieTochterRéemsdachte,dassAmiragenugmit dem Verlust ihrer Schwester Iska zu tun habe, und deshalb wich sie ihr aus. Also ging Johanna ans Meer, welches nur eine Meile hinterderStadtwar,umnachzudenken.Hierfühltesiesichimmer geborgen und sicher. Sie hatte das Gefühl, wenn sie in die endlose Weite des Meeres blickte, jemanden zu sehen, der sie verstand und für sie da war.

Johanna setzte sich auf einen kleinen Felsbrocken und sah auf das Wasser.Andersalssonstwaresschwarzunddunkel.Selbsthieram Wasser lag überall die Finsternis. Plötzlich erblickte sie ein leuch- tendes Licht im Wasser. Es kam immer näher und wurde größer. Dann trat es heraus und blendete die Tochter Réems, sodass sie ihre Hand vor die Augen halten musste. Als das Licht nachließ, er- blickteJohannaeinenweißenDrachen.Sieerschrakundwollteweg rennen, doch irgendetwas an diesem Drachen fesselte sie, und sie fühlte sichgeborgen.

„Wer bist du?“ fragte sie verwirrt, aber der Drache antwortete nicht.

„Was willst du von mir?“ wollte Johanna wissen, doch wieder kam nichts zurück. Ihr wurde allmählich bange, denn sie hatte nochnie einem Drachen gegenüber gestanden. Schließlich fragte sie: „Gibt es jemanden, der die Finsternis vernichtenkann?“

PlötzlichwurdederDrachetransparent,biserschließlichganzver- schwandundJohannahörtejemandenflüstern:„Ja,findeihn,denn erlebt.“

Daraufhin war sie wieder alleine am dunklen Wasser, und Stille kehrte ein, nur das gleichmäßige Rauschen des Meeres war zu hören.JohannahattekeineAhnung,wiespäteswar,dennohneder Sonnekonntesienichtherausfinden,wannesAbendwurde.Daher beschloss sie, zur Sicherheit in die Stadt Réem zurück zugehen.

Auf dem Weg musste sie ständig an die Stimme denken. Warum erschien ihr ein Drache und wer war es, den sie finden sollte? Es

musste eine einflussreiche Person sein, die ihr helfen konnte, davon war sie überzeugt. Doch wer würde es sein?

Aufbruch nach Bálton

önig Rufus trat von einem Fuß auf den anderen, während er nervös aus dem Fenster zum Meer blickte.

K

„Sie sollten längst hier sein. Normalerweise kommen die Seemän- nerimmerumdieseZeit.Wennsienichtbaldhiereintreffen,wirst du keine Verpflegung mitnehmen können.“ bedauerte der König und sah zu Raykon, welcher hinter ihm stand und ebenfalls das Meerbeobachtete.

„Dann sei es so. Entschuldigt mich mein König. Ich gehe und be- reite mich auf die Reise vor.“ sagte Raykon und ging aus demZim- mer. Gerade als er die Tür hinter sich zu machte, kam Amira um die Ecke und sah ihren Bruder traurigan.

„Warum lässt du uns alleine, obwohl wir dich hier brauchen? Du bistderletztemännlicheDráco,wenndiretwaszustößt,wirdunser Haus endgültig ausgelöscht. Darauf wartet doch dieFinsternis.“

„Ach Schwester, welche Wahl habe ich denn? Wer soll deiner Meinung nach gehen, wenn nicht ich? Marik muss seinem Land treu bleiben und es beschützen. Die Bauern haben nicht viel Er- fahrungimKampfundwerdenhiergebraucht.Außerdemhabeich mich freiwillig gemeldet.“ erklärteRaykon.

AmirafielihmumdenHalsundsagtemitbedrückterStimme:„Ich wünschte, Aron wäre noch am Leben, er wüsste einen Ausweg.“ Er schob Amira von sich und erwiderte energisch: „Aber Aron ist tot! Ich werde nie verstehen, warum du noch immer so an ihm hängst.AlsunserHausvernichtetwurde,isternichtmitunsgegan- gen, sondern wie ein Feigling davon gerannt. Er brachte Schande über unser Haus.“ Amira sah ihn erschrockenan.

„Warum hast du so einen Hass auf unseren Bruder? Du weißt eben so wenig wie ich über die Vernichtung unseres Hauses. Wir waren damals noch Kinder. Wer weiß, warum er nicht mit uns konnte.“

„Ist ja gut, behalte deine Illusion!“ gab Raykon zurück und ging weiter. Amira sah ihm nachdenklich nach, dann eilte sie zu König Rufus.

DerKönigstandnachwievoramFensterundsahinsFreie.Alssie die Türe öffnete, wandte er sich zu ihr und fragte: „Amira, wasgibt es?“ Sie trat zu ihm und sah ebenfalls aus demFenster.

„Ich würde gerne erfahren, wie es damals war, als mein Haus ver- nichtet worden war.“ Rufus setzte sich auf einen Stuhl neben dem Fenster und begann zu erzählen.

„Wie du weißt, ist es nun bereits vierzehn Jahre her. Damals war Lorakýen sehr friedlich, und das Land erblühte frei von Grausam- keit und Furcht. Das war die Zeit, als noch dein Haus Dráco unser Landregierte.DerLegendezufolgekonnteeinDráconurdannfür Frieden sorgen, wenn er einen Drachen besaß. Dein Vater hatte keinen Drachen, doch er hatte deine Mutter. Sie war vom Land Er- ingard, denn Sarah war eine Elbe. Deine Mutter war damals der Grund, weshalb überall Frieden war. Ungefähr um diese Zeit, vor fünfzehn Jahren, kam eine schwarze Hexe nach Lorakýen und be- gann, den Frieden zu stören. Dein Haus schaffte es ein Jahr lang, der Finsternis standzuhalten, doch dann hatten sie keine Chance mehr und wurden besiegt. Wie es genau geschah, weiß niemand, aber es gibt Gerüchte, dass dein Bruder Aron dafür verantwortlich war.“

Voller Verzweiflung sah Amira ihren König an.

„Ich weigere mich zu glauben, dass Aron irgendetwas mit der Fin- sterniszutunhat.Erwarimmerfürmichda,undichhabestetszu ihmaufgeblickt.“

„Wie ich bereits sagte, es sind Gerüchte. Glaube an das, was du für richtig hältst.“ Erwiderte Rufus.

Amira sah wieder aus dem Fenster. Plötzlich rief sie voller Freude:

„Seht, die Seemänner kommen!“

Schnell sprang der König auf und sah aus dem Fenster.

„Tatsächlich,demHimmelseiDank!“Gemeinsamverließensiedas Zimmer und gingen ins Freie, um die Seefahrer willkommen zu heißen.

Es waren in etwa zwanzig Mann, die das Stadttor passierten. Allen voran ging ihr Kapitän namens Flinn.

Er trug schulterlanges braunes Haar, das zurückgekämmt war, und einenkurzenBart.SenkrechtüberseinemrechtenAugehatteereine

Narbe. Flinn trug ein leichtes Kettenhemd und einen schwarzen Umhang. An seiner Hüfte hingen ein schlichtes Schwert und ein Bündel. Ihm folgten zwei Männer mit Namen Pedro und Percy.

Pedro hatte lange brünette Haare und einen gestutzten Bart. Seine Kleiderwarendunkelundschlicht,undertrugebenfallseinenUm- hang.LinksanseinerHüftehingeinSchwertundrechtseinDolch. SeinKameradPercytrugähnlicheKleidung,jedochohneUmhang. Wie Kapitän Flinn trug er braunes schulterlanges Haar, welches zurück gebunden war und einen kurzen Bart. Auf seinem Rücken hing eine Axt, an seiner Hüfte ein kleinesMesser.

Die Seemänner gingen geradewegs auf König Rufus zu.

„Willkommen meine Freunde. Wie schön, euch wieder zu sehen.“ rief Rufus ihnen entgegen. Der Kapitän kam auf ihn zu und uma- rmte ihn freudig mit den Worten: „Ich freue mich auch, dich wie- der zu sehen, du alter Halunke.“ Flinn löste die Umarmung und sagtezuAmira:„Amira?Esisterstaunlich,duentwickelstdichim- mer mehr zu einemEngel!“

„Ich danke euch Kapitän Flinn.“ gab Amira zurück.

„Seid gegrüßt König Rufus. Wir haben dieselbe Lieferung wie im- mer.NahrungundStoffe,ebensoWerkzeug,umdieArbeitleichter zu gestalten.“ sagtePedro.

„JedochhatdieFinsternisesschwierigergemacht,überdasWasser zu liefern.“ bemerktePercy.

König Rufus verneigte sich leicht vor ihnen und sagte: „Ich danke euch, aber ich habe schlechte Neuigkeiten. Uns steht kein Geldzur Verfügung, welches wir als Bezahlung geben könnten. Uns wurde allesgenommenundunsereFelderwurdenzerstört.“KapitänFlinn antwortete besorgt: „Was? Nun, wenn dem so ist, werden wir euch natürlich helfen, alterFreund.“

„Tausend Dank, Flinn.“ sagte Rufus.

Nun kam auch Raykon gemeinsam mit Marik und Katrina herbei, da sie von der Ankunft der Seemänner gehört hatten.

Raykon trat vor Flinn und sprach: „Ich grüße euch, Kapitän Flinn und möchte euch um etwas bitten. Wir brauchen Verpflegung für längereZeit,dennichhabemichdazuentschieden,durchdasLand Lorakýenzureisen,umdieeinzelnenVölkerumBeistandzubit-

ten. Da ich alleine reise, möchte ich euch ersuchen, mir ein paar von euren Männern zur Verstärkung mitzugeben.“

DerKapitänüberlegteundantwortete:„EstutmirLeid,abermeine Männer gehören zum Wasser und nicht auf dasLand.“

„Ich verstehe euch Kapitän,“ sagte Johanna, die gerade von der Burg zu ihnen kam;

„aber wenn wir keine Verpflegung mehr haben, wird es bald den nächsten Ländern ebenso gehen und als Folge dessen, wird es nir- gends mehr Arbeit für euch geben. Wenn ihr Raykon helft undihn begleitet, wird er in der Lage sein, Réem zu retten und somit auch euch, da ihr schließlich von uns abhängig seid, in gewisser Weise.“ König Rufus sah seine Tochter stolz an, und Flinn wirkte nun na- chdenklich, während Pedro sprach: „Sie hat Recht. Ich melde mich freiwillig, Raykon zu begleiten. Gemeinsam mit meinen Männern werde ich den Jungen unterstützen. Da wir sowieso keinen Grund haben, weiter zu ziehen, könnt ihr ja während dessen hier bleiben und dem Haus Réemhelfen.“

Kapitän Flinn war einverstanden und König Rufus sagte mit erle- ichterter Stimme: „Ich danke euch. Raykon wird in einer Stunde aufbrechen, um keine Zeit zu verlieren. Die Seemänner, die hier bleibenmöchten,dürfenbeiunsinderBurgwohnen.MeineToch- ter Johanna wird euch eure Zimmerzeigen.“

DieMännerfolgtenderTochtervomHausRéemundgingenindie Burg.PercytratvordenKapitänundfragte:„Erlaubtmirmitmein- enMännernbeimSchiffzubleiben,umeszubewachen.Miristdas Land nicht geheuer, denn ich bin am Wasser zuHause.“

„Einverstanden, geh und wache über das Schiff!“ sagte Flinn, und gleichdaraufmachtesichPercyaufdenWegzumMeer.KönigRu- fus ging mit dem Kapitän in die Burg, und sie unterhielten sich darüber, was in den letzten Tagen geschehenwar.

Nach einer Stunde war für Raykon die Zeit gekommen, zu gehen, und alle versammelten sich erneut vor der Burg.

Der König trat vor Raykon und erklärte feierlich: „Das Haus Réem wird für immer in deiner Schuld stehen. Möge sämtliches Unheil vondirfernbleiben,undmögestdugesundzuunszurückkehren.“ Danach kamen Katrina und Amira zum Abschied undumarmten

Raykon.

„Sei vorsichtig und vergiss nicht: Wir sind immer bei dir.“ sagte Katrina und Amira fügte hinzu,

„Wenndunichtmehrweiterweißt,blickezumHimmel.DieSterne werden dir den Weg weisen. Du bist schließlich ein Sohn aus dem Hause Dráco.“

„Lebtwohl,Schwestern.Wirwerdenunswiedersehen,ichverspre- che es.“ sagteRaykon.

Gemeinsam mit Pedro und seinen Männern machte er sich nun aufdenWeginRichtungNorden.DieMenschen,welchezuseinem Abschied gekommen waren, sahen ihm lange nach, bis er in der Dunkelheitverschwand.

Er lebt?

in paar Tage nachdem Raykon mit seinen Gefährten aufgebro- chen war, ging Johanna in den Wald zu der Hütte, wo sie zum letzten Mal ihre Mutter gesehen hatte. Sie klopfte an die Türe und wartete auf die alte Frau von damals, doch niemand kam heraus. Vorsichtig öffnete sie die Tür. In der Hütte war kein einziges Möbel- stück, kein Hinweis, dass hier irgendjemand gelebt hatte. Johanna

E

schloss die Türe und setzte sich verwundert auf den Boden.

Der Ausblick, welcher sich ihr bot, wäre schön gewesen, wenn da nicht die Finsternis mit ihrer Dunkelheit wäre. Man hätte von der Hütte aus einen guten Blick auf das Meer, aber wenigstens hörte man das Plätschern des Wasserfalls. So war dies ein guter Ort, um nachzudenken.

Johanna schloss ihre Augen und ließ die letzten Tage innerlich wie einen Film abspielen.

„Darfichmichzudirsetzen?“fragteeinelieblicheStimme,undJo- hanna sprang vor Schreck auf. Doch zu ihrer Erleichterung war es Amira, die mit ihren blonden Haaren und ihrem strahlenden Ge- sicht der Dunkelheit trotzte. „Natürlich, was führt dich hier her?“ Amira setzte sich und sagte: „Ich komme deinetwegen. Du bist in letzter Zeit sehr zurückhaltend, und ich kenne dich gut. Irgen- detwas ist geschehen, das du keinem erzählen willst. Du musst es natürlich nicht preisgeben, aber wenn ich dir helfen kann, sollst du wissen, ich bin da.“ Johanna setzte sich wieder und sah auf das Meerhinaus.

Keine von beiden sagte etwas, und so hörte man wieder nur das Plätschern des Wassers. Normalerweise erzählten sich die zwei Mädchen immer alles, das wusste auch Amira, deshalb war sie der Prinzessin nachgegangen und saß nun neben ihr, um für sie da zu sein.

Schließlich versuchte Amira das Eis zu brechen und sprach:

„Früher, als das Haus Dráco noch existierte, hat mir mein Brud- er Aron immer Geschichten erzählt. Meistens waren eswelche

über unser Haus und den Drachen. Doch eine Geschichte wollte ich immer wieder hören, denn sie handelte von der Entstehung Lorakýens. Ich weiß leider nicht mehr genau, um was es ging, nur noch,dassschondamalsdieFinsternisdasLandbeherrschte.Doch dann kamen unsere drei Häuser nach Lorakýen und besiegten ge- meinsamdieFinsternis.DanacherschienderersteDracheundgalt seitdemalsZeichendesFriedens.ImmerwenneinDracheimLand war, gab es Frieden, aber wenn keiner hier war, herrschten Krieg und Finsternis, so wiejetzt.“

Johanna sah Amira an und sagte: „Ich danke dir, dass du da bist. Doch ich bin noch nicht bereit, dir alles zu erzählen.“ Amira stand auf und streckte Johanna ihre Hand entgegen.

„Komm, gehen wir zurück in die Stadt, ehe die Nacht beginnt.“Jo- hanna nahm ihre Hand und erhob sich ebenfalls. Plötzlich drehte Amirasichumundflüsterte:„SiehstdudenManndort?Erkommt mir irgendwie bekanntvor.“

„Das ist doch Dario.“ gab Johanna zurück und rief: „Dario, seid willkommen.“

Der Mann hielt kurz inne und kam dann zu ihnen.

Erhattegrauweißes,schulterlangesHaarundeinenkurzenweißen Spitzbart. Unter dem schwarzen Umhang trug er schlichte Kleider, wie die eines einfachen Bauern. Dario hatte keine Waffe bei sich, nureinenschwarzenStab,deramoberenEndeeinenhellleuchten- den, im Metall eingelassenen Diamanten erkennenließ.

Mitgealterter,rauchigerStimmegrüßteerdieMädchen.„Wenndas nicht Johanna und Amira sind! Meine Güte, seid ihr gewachsen! Lange war ich nicht mehr bei euch, umso mehr freue ich mich, wieder hier zu sein.“

GemeinsamgingensieindieStadtRéemundunterhieltensichüber alles, was in den letzten Tagen geschehen war. Bei ihrer Ankunft wurdeesbereitsAbendundsosuchtensiedieBurgauf.

Der König hieß Dario willkommen, und auch Marik freute sich über die Erscheinung des Zauberers. Sie setzten sich alle an den Tisch und warteten noch auf Katrina. Kurz darauf betrat sie voller Freude den Saal und kniete vor Dario nieder.

„Seid willkommen, Meister. Ich freue mich, euch wieder zu sehen.“

sagte sie. Der Zauberer erhob sich und gab ihr ein Zeichen, um wieder aufzustehen.

„Die Freude ist ganz meinerseits, Hexe Katrina. Ich habe bereits von deiner Schwester gehört und teile deinen Kummer. Ebenso sind mir deine guten Taten hier in Réem zu Ohren gekommen. Du bist eine würdige Trägerin des Titels Hexe.“

Nun begannen sie mit dem Essen.

EsgabSuppe,dennandereSpeisenkonntesichzuAbendniemand in Réem mehr leisten, seit die Finsternis die Herrschaft übernom- menhatte.

„Trotz dieser Umstände ist es schön, wieder hier zu sein.“ sagte Dario zum König, während er seine Suppe aß. Rufus hatte ihm bereits alles erzählt, was geschehen war und fragte den Zauberer:

„Dario, welchen Rat hast du für uns? Gibt es einen Weg, die Fin- sternis zu brechen oder zumindest wieder Sonnenlicht zu bekom- men?“

Der Zauberer legte seinen Löffel beiseite und antwortete bedrückt:

„Die Finsternis kann man nur mit Licht durchdringen, und Licht gilt als Zeichen für Hoffnung. Findet die Hoffnung, dann werdet ihr die Sonne wieder sehen.“

Nun beendeten alle ihre Mahlzeit und überlegten, was Dario wohl damit meinte. König Rufus stand auf und verabschiedete sich von ihnen. „Verzeiht, aber ich bin müde und werde nun zu Bett gehen. SchenktdochunseremGastnocheine Tasse Teeeinundsetzteuch zusammen an den Kamin. Dario wird euch bestimmt noch eine Geschichte erzählen, so wie früher.“ Dann verließ er denSaal.

Sie setzten sich zum Kamin und machten es sich bequem. „Nun, was wollt ihr denn für eine Geschichte hören?“ Amira sah ins Feuer, das gemütlich flackerte und angenehme Wärme spendete.

„Ich wüsste gerne, wie es damals wirklich war, als das Haus Kratos dieHerrschaftüberLorakýenansichnahm.“Dariosahsiefragend an.

„Aberdaswisstihrdochschonlängst.“gaberzurück,undJohanna sagte: „Wir kennen die Geschichte, welche überall erzählt worden war. Doch Amira fragte nach der wahren Begebenheit, denn...“

„...denn ich kann einfach nicht glauben, dass mein Bruder Aron ein

Verräter war und aus Feigheit davon gelaufen ist.“ beendete Amira den Satz.

DerZaubererlehntesichzurückinseinenStuhlundseufzte.„Also schön. Ich denke ihr seid alt genug, um die Wahrheit zu erfahren. Könnteich,nochbevorichbeginne,eineweitereTasseTeebekom- men?“

KatrinastandaufundkamseinemWunschnach.AlssieDarioein- geschenkthatte,setztesiesichwieder.Alleschautenerwartungsvoll undneugierig,währendderZauberergenussvolldenTeeschlürfte. Schließlich stellte er seine Tasse beiseite und begann zuerzählen.

„VorfünfzehnJahrenlebtedasHausDrácoinFriedenundHarmo- nie mit den übrigen Völkern Lorakýens. König Erebos und Köni- ginSarahregiertendasLandliebevollundkümmertensichgutum ihre Kinder. Ihr müsst wissen, Erebos war wie ich ein Meister der Magie und wollte seinen ältesten Sohn Aron, zu mir schicken, um ihnausbildenzulassen,obwohlerkeineMagiebesaß.Arongaltals sehr talentiert und begriff sehr schnell, doch da die Finsternis be- gann,durchLorakýenzuwandern,konnteernichtkommen,denn ermusstedieStadtverteidigen.AnseinerStattwurdenKatrinaund Iska zu mir geschickt. Aron verbrachte anfangs viel Zeit mit seiner jüngsten Schwester Amira und gleichermaßen mit seiner Mutter, die unter der Finsternis litt. Er bildete seinen Bruder Raykon im Kampf aus und machte aus ihm einen guten Krieger. Als es dann zur Schlacht kam, verteidigte er persönlich die Stadt und hielt mit den Soldaten der Stadt die Finsternis in Schach. Der Feind wurde damalsausschließlichvonderschwarzenHexeSilvanaangeführt.“ Dariohieltkurzinneundfragte:„Seidihrsicher,dassihrdieganze Wahrheit hören wollt, auch wenn sie noch so hart ist?“ Ohne zu zögern sagte Amira: „Ja, ich will endlich wissen, was wirklich ges- chehenist.“

Der Zauberer beobachtete die anderen genau, und als niemand dagegen war, fuhr er fort.

„Also schön. Irgendwie hatte es die schwarze Hexe geschafft, Kön- igin Sarahs Seele zu verfluchen, sodass sie zu einer bösen und bru- talen Frau wurde. Sie versuchte zwar, gegen den Fluch anzukämp- fen, doch er war zu stark, und so verfiel sie der Finsternis. König

Ereboskonnteihrnichthelfen,obwohlersichgegenSilvanastellte, in der Hoffnung, sie besiegen zu können. Doch die schwarze Hexe schaffte es, auch ihn zu verfluchen. Er riss sich selbst sein Herzaus der Brust und schuf dadurch den heutigen König von Kratos. Als Arondavonerfuhr,sorgteerdafür,dassseineGeschwisterdieStadt verlassen konnten und gab ihnen Rückendeckung. Danach stellte er sich seiner Mutter Sarah in den Weg und flehte sie an, die Fin- sternis zu verlassen. Kurz konnte sie der Dunkelheit entweichen und forderte Aron auf, sie zu töten, um sie zu befreien. Er wei- gerte sich, und Sarah wurde wieder böse. Sie griff ihren Sohn an, der daraufhin voller Verzweiflung seine eigene Mutter tötete. Auch wenn Aron seine Mutter erstochen hatte, müssen wir versuchen zu verstehen, dass er es nur getan hat, um sie von der Finsternis zu befreien. Trotz seiner Trauer und Hilflosigkeit vergaß Aron das Volk Lorakýens nicht und machte sich auf den Weg, die Finsternis aufzuhalten. Voller Zorn stellte er sich der schwarzen HexeSilvana und bekämpfte sie. Natürlich war sie ihm weit überlegen, doch sie konnte ihn nicht besiegen. Irgendwer hatte nämlich einen Zauber ausgeübt, den bis dahin noch nie jemand angewandt hatte, denn er schaffte es, von Silvana Energie zu stehlen und verhalf Aron zur Flucht. Die schwarze Hexe lebte zwar noch, doch sie kann nie wieder so mächtig werden, wie damals, da der Zauber noch heute seine Wirkung zeigt. Erebos ist seitdem von der Finsternis beses- sen und wollte seinerzeit Aron vernichten, aber sein erstgeboren- er Sohn schaffte es, über das Sumpfgebiet zu fliehen. Seitdem hat man nie wieder etwas von ihm gehört. Sobald sämtliche Anhänger des Hauses Dráco vernichtet worden waren, verführte Silvana den besessenen Erebos und zeugte mit ihm einen Sohn, Questor. Nun wird Lorakýen schon seit vierzehn Jahren von der Finsternis be- herrscht.Ichdenke,AronwarkeinVerrätersondernehereinHeld. Er hatte lange das Haus Dráco verteidigt und seine eigene Mutter von der Finsternisbefreit.“

Katrina stand auf und fragte mit zitternder Stimme: „Also ist Questor unser Bruder? Und unser Vater lebt noch?“ Dario stand ebenfalls auf und legte seine Hand auf ihre Schulter.

„Nein Katrina. Dein Vater lebt nicht mehr. Selbst wenn die Finster-

nis von ihm weicht, wird er nicht mehr existieren. Erebos hat sein Herz und damit seine Seele heraus gerissen und verbrannt. Er ist mitseinemLebenandieFinsternisgebunden.DaherkannQuestor niemals dein Bruder sein.“ Katrina wirkteerleichtert.

Mariktrankvonseinem Tee undfragte:„Dario,glaubtihr,Aronist noch amLeben?“

Alle sahen Dario fragend an und besonders Amira hoffte auf eine gute Antwort. Dario setzte sich wieder und sah in die Flammenim Kamin.

„Die Finsternis herrscht über ganz Lorakýen und seit Wochen hat niemand mehr das Licht gesehen. Die Vögel sind fortgezogen, und auch die anderen Tiere wurden lange nicht mehr gesichtet. Jedoch gibt es Gerüchte, dass hoch oben im Norden, auf der Gebirgsinsel, welcheauchverlasseneInselgenanntwird,dieSonnenochscheint. Wie bereits erwähnt, hat von Aron seit vierzehn Jahren niemand etwas gehört, und die Menschen, welche das Sumpfgebiet betreten hatten, kamen noch nie zurück. Ich würde mir keine Hoffnungen machen, dass er noch am Leben ist. Doch wenn ihr der Finsternis trotzen wollt, müsst ihr die Völker Lorakýens wieder vereinen und gegen den Feind in die Schlachtziehen.“

Stille kehrte ein. Johanna wirkte etwas nervös und dies bemerkte Dario.

„Willst du mir etwas sagen?“ fragte der Zauberer, und Johanna er- zählte zögernd von ihrem Erlebnis am Meer. Am Ende ihrer Er- zählung fragte sie Dario:

„Als ich am Meer war, um nachzudenken, erschien mir ein weiß leuchtender Drache. Ich fragte ihn, ob es jemanden gäbe, der die Finsternis vernichten kann, worauf er entgegnete: ‚‘Ja, finde ihn, denn er lebt.‘‘ Könnte er mit “denn er lebt“ nicht Aron gemeintha- ben?“

Amira sah Johanna an und verstand nun, was sie ihr zuvor nicht sagenkonnte.Dariolächelteundsagte:„IchnehmedasvorhinGe- sagte zurück. Macht euch Hoffnung, denn wenn das wahr ist, kön- nte tatsächlich Aron noch am Leben sein. Ihn würden die Völker Lorakýens als Anführer gegen die Finsternis akzeptieren, denn er wärederErbeDrácos.DaseinzigeProblemkönntenursein,ihnzu

finden. Sollte König Erebos ebenfalls von dem eventuellen Über- leben Arons erfahren, wird er alles tun, um ihn zu töten.“ Amira erhobsichundsprachindieRunde:„Dannwerdeichalleinegehen und nach meinem Bruder suchen, dann wird die Finsterniskeinen Verdachtschöpfen.“

„Bist du wahnsinnig? Du kannst unmöglich alleine durch ganz Lorakýenziehen,dasistvielzugefährlich!Ichkommemitdir.“rief Johanna.

„Dann werde ich auch mitkommen. Ich kann euch doch nicht al- leine gehen lassen.“ bemerkte Marik.

„Ihr geht nirgendwo hin!“ ermahnte König Rufus, der gerade wie- der in den Saal kam.

„Die Suche nach Aron ist euer Todesurteil. Schon oft haben sich Menschen, Elben und sogar Zwerge auf den Weg gemacht, um den Erben Drácos zu finden, doch nie sind sie zurück gekehrt. Ich werdenichtzulassen,dasseuchdasgleicheSchicksalereilt.“Johan- na wandte sich zu ihrem Vater und sagte: „Aber Vater, wenn wir nicht nach ihm suchen, gibt es keine Hoffnung für Lorakýen und wir werden alle untergehen! Du hast mir doch immer gesagt, dass wirfürunserenNächstendaseinsollen.Wie,wennnichtso?“Nun stand auch Dario auf und trat vor denKönig.

„Ich verstehe euch Rufus, aber eure Tochter hat Recht. Es ist ihr bestimmt,denErbenDrácoszusuchen.Leiderbinichzualtfürso etwas, denn sonst würde ich sie begleiten. Mein Vorschlag ist, dass JohannaundAmiranachAronsuchen.Ichwerdeihnenbiszudem Zwergenreich den Wegweisen.“

„Aber ich möchte auch mit, um sie vor Angreifern zu schützen.“ warf Marik ein, doch Rufus ermahnte ihn: „Vergiss nicht Marik, dein Platz ist bei deinem Volk. Wenn es zu einem Krieg kommt, wirstduunserHeeranführen.Wiewillstdudasanstellen,wenndu nicht in Réem bist? Du und Katrina bleibt hier, denn ich brauche dieHexefürdieKrankenundVerletzten.DeinemVorschlag,Dario, stimme ich zu.“ Johanna und Amira sahen sich an und wirkten er- leichtert.

„Nun, dann ist es beschlossen. Johanna, Amira, ihr werdet euch morgen früh auf den Weg machen und Aron aus dem Haus Dráco

suchen.“

Siebesprachennochkurz,wassiefürdieReiseallesbenötigtenund gingen anschließend zu Bett, um am morgigen Tag ausgeruht auf- brechen zukönnen.

Die Macht der Magie

obald der Schatten der Nacht verschwunden war, wachte Amira auf und bereitete sich auf die Reise vor.

S

Sie wusch sich und zog eine dunkelrote Tunika an, die bis zu den Knienreichte.AnihremGürteltrugsieeinenPfeilköcher,derhint- en am Rücken angebracht war. Amira war eine sehr gute Schützin, und so bevorzugte sie Pfeil und Bogen zur Verteidigung. Dochum auch im Nahkampf eine Chance zu haben, befestigte sie an ihrem Oberschenkel noch ein Messer. Außerdem montierte sie an ihrer linken Seite am Gürtel eine Scheide mit einem Schwert. Nun warf sie sich einen braunen Umhang über und zog ihre Stiefelan.

AlssieausihremZimmerkam,sahsieamanderenEndedesGangs die Tochter des HausesRéem.

JohannatrugeinegrüneTunika,dieihrbiszurHüftereichte,darunt- er eine braune Hose. An ihrem Gürtel hatte sie ein Kurzschwert und einen Dolch befestigt, da der Nahkampf ihr immer lieber war. Ebenso wie Amira trug sie einen braunen Umhang undStiefel.

Die beiden gingen in den großen Saal, um von ihrer Familie Ab- schied zu nehmen.

„Seid stets wachsam und reist nicht in der Nacht, denn die Nacht istvollerSchattenundGefahren.Passtaufeuchauf,undvielGlück beieurerSuche.“sagteKönigRufusundumarmtediebeidenMäd- chen.

Schweren Herzens hatte er zugestimmt, sie gehen zu lassen, denn Johanna war seine einzige Tochter, und Amira liebte Rufus eben- falls wie sein eigenes Kind. Doch er sah ein, dass nur die beiden in der Lage waren, den Erben Drácos zu finden. Marik trat vor seine Schwester und fiel ihr um den Hals.

„Wie sagt man seiner Schwester Lebewohl?“

„Ambestengarnicht,dennwirwerdenunswiedersehen.“antwor- tete Johanna und verabschiedete sich von ihrem Bruder. Katrina ging zu ihnen und sprach: „Möge sämtliches Unheil von euch fern bleibenundihrgesundzuunszurückkehren.“AnAmirawandte

siesichmitdenWorten:„Denkeimmerdaran,wirsindKinderaus demHausDráco.Nichtskannunsvoneinandertrennen,dochsoll- testdudichdennochalleinefühlen,blickezudenSternen.Siesind immer da und schenken dirGeborgenheit.“

„Auf Wiedersehen Katrina.“ sagte Amira unter Tränen. Sie uma- rmte ihre Schwester und Katrina küsste sie auf die Stirn.

„Auf Wiedersehen, mein Engel“ gab die Hexe zurück. Nun gingen sie ins Freie, wo Dario bereits auf sie wartete.

„Seid ihr soweit?“ fragte der Zauberer, und die beiden Mädchen nickten nur, da ihre Gefühle sie übermannt hatten und sie nicht in der Lage waren, etwas zu sagen. So ging der alte Mann voraus, undgemeinsamverließensiedieStadtRéem.SienahmendenWeg, der am Gebirge entlang nach Norden führte, um die Deckung der Felsen zu nutzen, falls sie jemand angreifensollte.

Niemand wusste, wie sich das Land verändert hatte, seit die Sonne verschwunden war. Die drei gingen schweigend ihres Wegs und achtetenaufihreUmgebung,dahinterjedemBaumGefahrdrohen konnte.

Gegen Abend erreichten sie das Ende des Gebirges und suchten nach einem Unterschlupf für die Nachtruhe. Dario kannte sich gut ausundwusste,dasshiereineHöhlewar,wosieuntertauchenkon- nten. Es war ein kleiner Eingang, jedoch war das Innere der Höhle groß genug, um unentdeckt zuverweilen.

Sie krochen hinein und schlängelten sich durch einen langen kur- vigen Gang. Als sie den Kern der Höhle erreichten, ging Dario in die Mitte des Raums und sprach einige merkwürdige Worte. Plöt- zlich erschien vor ihm ein Holzstapel und der Zauberer entfachte ein Feuer.

„Warum macht ihr ein Feuer? Man wird uns finden, wenn das Licht aus der Höhle leuchtet.“ ermahnte Johanna. Dario beruhigte sie und sagte: „Keine Sorge, das Licht wird diesen Raum nicht verlassen, da die Gänge so viele Kurven haben.“ Die Tochter aus dem Hause Réem sah kurz Richtung Ausgang und setzte sich an- schließend zum Feuer. Sie löste ihren Gürtel und legte ihre Waffen nieder. Amira tat das gleiche und nahm neben Johanna Platz.

Der Zauberer öffnete seine Umhängetasche und nahm einen Laib

Brotheraus,welchenermitdenMädchenteilte.Dankendnahmen sie die Speise entgegen und begannen zu essen. Nach dem Essen nahm der alte Mann eine Pfeife aus seinem Umhang und begann den Tabak zu entzünden. Der Rauch roch leicht süßlich und verb- reitete sich in derHöhle.

„Darf ich dich etwas fragen, Dario?“

„Aber natürlich, Johanna. Was möchtest du wissen?“

Johanna sah auf den Boden und fragte: „Wie funktioniert das mit derMagie?Warumkönnenmanchesieeinsetzenundanderenicht? IchwollteimmereineHexewerden,dochgabesbeimirnieeinZe- ichen, dass ich Magiebesitze.“

Dario nahm seine Pfeife aus dem Mund und begann zu erklären:

„Du hast Recht, nicht jeder kann Zauber wirken, denn es ist so eine Sache mit der Magie. Aber lasst mich versuchen es zu erklären: Damals, als noch keine Menschen in Lorakýen lebten, gab es We- sen, die nannte man Maganen. Sie lebten mit den Tieren im Ein- klang und errichteten das Gebirge und die Wälder. Die Maganen galten als die ersten Magier, denn von ihnen stammt der Begriff Magier. Maga bedeutete in der damaligen Sprache Zauber, daher nennen wir jene, die Zauber wirken können, Magier, oder in der heutigen Sprache Hexen und Zauberer. Leider sind die Maganen seit über tausend Jahren ausgestorben, doch sie haben uns etwas hinterlassen: Ihre Magie. Sie steckt in jedem Tier, in jedem Baum und sogar in uns Menschen. Ihr müsst wissen, die Magie ist es, die alles zusammen hält. Sie umgibt einen jeden von uns, jedoch kann nicht jeder davon Gebrauch nehmen. Wie ihr vermutlich wisst, besitzt ein normaler Mensch fünf Sinne. Sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen. Ein Magier besitzt sechs, denn er kann die Magie, welche uns umgibt, beeinflussen und nutzen. Das bedeutet, man kann nicht lernen, Zauber zu wirken. Entweder man hat die Fähigkeit, oder man hat sie nicht.“

Die Mädchen hörten ihm interessiert zu und Amira bemerkte:

„AberwiesetztmandieMagieein,undwieweißman,dassjemand ein Magierist?“

Dario lächelte und sagte: „Ich merke schon, euch kann man nichts verheimlichen.Also,manerkennteinenMagiererstdann,wenner

beginnt, Zauber zu wirken. Katrina zum Beispiel: Sie hatte damals in einer Nacht, von einer grünen Wiese geträumt, und als sie auf- wachte, war ihr gesamter Zimmerboden mit Gras bewachsen. Darum haben ihre Eltern sie und Iska zu mir geschickt, denneines ist sehr wichtig: Wenn man Magie einsetzen kann, muss man auch lernen, sie zu kontrollieren. Nun zu eurer zweiten Frage: Wiekann man Magie einsetzen? Also: Einfache Zauber kann man in Gedan- ken wirken. Dies sind dann Zauber, die niemandem Schaden kön- nen. Größere Zauber benötigen schon etwas Übung und Kraft, je- doch keine Körperkraft, sondern Willenskraft, auch innere Stärke genannt.DochbevormaneinenrichtigenZauberanwendenkann, muss man die Sprache der Maganen lernen. Nur ist diese Sprache ausgestorben, und so gilt es als schwierig, sie wieder zu lernen, da einige Worte in Vergessenheit geraten sind. Seit der Geschichte Lorakýenswiewiresheutekennen,dasheißt,seitdemletztenMa- ganen, gab es nur eine Hand voll Menschen, die zu Zauberern und Hexen wurden, ohne eine Ausbildung zu haben. Es waren immer Personen, die von einem Drachen auserwählt wurden. Angeblich sprechen Drachen diese alte Sprache und bringen es ihren Be- sitzernbei.“

„Heißtdas,ihreBesitzerwarendieDrachenreiter?“fragteJohanna, undderZauberersahsieverblüfftwegenihresWissensan.

„Ja, ganz Recht, aber woher weißt du von ihnen? Über sie steht nichts in normalen Büchern, und ihre Existenz wurde als Märch- en abgestempelt mit Ausnahme der Drachen aus dem Haus Dráco natürlich.“

Johanna sah zu Amira, welche antwortete: „Mein Bruder Aron hat vonihnenerzähltundichhabeesJohannaweitergegeben,nieman- densonst.“

Dario zog erneut an seiner Pfeife und seufzte. „Ach, Aron hat von ihnen gewusst? Ich frage mich, woher er dieses Wissen hatte. Nun, die Drachenreiter sind seit hunderten von Jahren verschwunden, undnurwenigeElbenkönnensichansieerinnern,bisaufdenletz- tenReiterverstehtsich.EswardeinUrurgroßvater,Amira,derden letzten Drachen, welcher in Lorakýen lebte, besaß. Sein Name war Samuel.“

„Ja, mit seiner Drachendame Ásra. Ich kenne die Geschichte von meinem Urgroßvater, doch mich interessierten immer die Er- zählungen über die Drachenreiter mehr.“ entgegnete Amira.

AlledreisahendemFeuerzuundlauschtendemKnackendesHol- zes. Langsam wurden sie müde und begannen, ihren Schlafplatz vorzubereiten. Amira legte sich neben Johanna und Dario breitete seine Decke am anderen Ende der Höhle aus. Sie legten sich hin und Dario ließ neues Holz in den Flammen erscheinen, damit das Feuer die Nacht hindurch brennen konnte, um ihnen Wärme zu geben.

Das Tote Gebirge

achdem Raykon und seine Gefährten schon einige Tage durch Lorakýen gereist waren, erreichten sie das Meer, welches

N

Réem von Bálton trennte.

Vorher wanderten sie an der Grenze zum Elbenreich entlang und mussten einen gefährlichen Umweg durch das Feuergebirge neh- men, da die Elben keine Menschen in ihrem Land duldeten. Nun waren sie an der Küste und überlegten, welchen Weg sie einschla- gen sollten.

„Wasschlägstduvor,Raykon?SollenwiraufdemLandreisenoder über das Meer fahren?“ fragtePedro.

„Welcher Weg führt uns schneller nach Bálton?“ wollte Raykon wissen,undderSeemannantwortete:„DasMeerkannunsbiszum Toten Gebirge tragen, danach müssen wir durch die Berge wan- dern. Wenn wir Glück haben, werden wir in drei Tagen die Stadt Bálton erblicken. Aber ich muss dich warnen Raykon, denn der Weg ist gefährlich. Sicherer wäre der Pfad am Land. Wir würden zwar eine Woche brauchen, kämen aber dafür ohne Schwierigkeit- en an unserZiel.“

Der Sohn Drácos starrte geradeaus ins Nichts und dachte nach.

„Ich denke, wir haben keine Wahl. Sucht ein Schiff, wir nehmen den schnelleren Weg.“

„Aye,aye.“gabPedrozurückundgingmitseinenMännerndavon, um ein Schiff zubesorgen.

Raykon nutzte die Zeit und überlegte, was er über das Tote Gebirge wusste. Er hatte einige Geschichten darüber gehört, wovon eine un- heimlicher war als die andere, doch die Wahrheit kannte er nicht. Nach einer Stunde kamen die Seemänner wieder zurück und Pedro rief: „Komm, wir haben ein kleines Schiff.“ Schnell folgte Raykon ihnen, und wurde zu einem Bootssteg geführt, an dem nur ein Schiff angebunden war.

Davor stand ein dicker alter Mann, der Raykon willkommen hieß.

„Ahoi Bursche. Mein Name ist Jacko, ich bin der Kapitän dieses Schiffes.“

„Danke Jacko, dass du uns begleitest. Warst du schon einmal im Toten Gebirge?“ fragte Raykon.

Der alte Mann lachte: „Ha, das Tote Gebirge! Nichts als Schauer- märchen nähren diesen Ort. Ich war schon dutzende Male dort, und noch nie ist etwas geschehen. Habe keine Angst davor, denn es ist ein Gebirge wie jedes andere auch. Aber um die Tote Stadt würde ich einen großen Bogen machen, denn Gerüchten zufolge hausen dort Kreaturen, deren Namen ich nicht mal kenne und die zu beschreiben ich nichtwage.“

NachdemsiedieletztenVorkehrungengetroffenhatten,gingendie Seemänner an Bord und kurz darauf stachen sie inSee.

DasMeer