Verlag: Sieben Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2019

Erhalten Sie Zugriff auf dieses
und über 100.000 weitere Bücher
ab EUR 3,99 pro Monat.

Jetzt testen
30 Tage kostenlos

Sie können das E-Book in Legimi-App für folgende Geräte lesen:

Tablet  
Smartphone  
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Seitenzahl: 449

Das E-Book kann im Abonnement „Legimi ohne Limit+“ in der Legimi-App angehört werden für:

Android
iOS
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Das E-Book lesen Sie auf:

E-Reader EPUB für EUR 1,- kaufen
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Loslassen - Maria Väth

Eigentlich wollte sich Charlotte in Ruhe und allein in einer anderen Stadt über die Dinge in ihrem Leben klar werden. Doch womit sie nicht gerechnet hat, ist ihr mysteriöser und gefährlich wirkender Nachbar Hendrik. Es sind seine Augen, die niemals lächeln, die sie jedoch so intensiv betrachten, als würden sie ihr all das erzählen wollen, was er im Verborgenen hält. Für Hendrik ist Charlotte ein Rätsel. Sie ist anders. Sie weicht ab von den üblichen Parametern, vielleicht erschafft sie sogar ihre eigenen. Ihre Gegenwart ist risikoreich, denn sie hat etwas an sich, das ihn anspricht. Und das darf nicht sein. Er weiß nicht genau, was es ist, denn es ist ihm neu und er spürt es bis tief in den Bauch hinein. Aber er ahnt, dass es ihn verändern könnte, wenn er nicht aufpasst. Beide können sie sich dem Sog, den sie gegenseitig spüren, nicht entziehen. Doch beide haben ein Geheimnis, welches das fragile Band zwischen ihnen zerstören könnte.

Meinungen über das E-Book Loslassen - Maria Väth

E-Book-Leseprobe Loslassen - Maria Väth

LOSLASSEN

Maria Väth

© 2019 Sieben Verlag, 64823 Groß-Umstadt© Covergestaltung Andrea Gunschera

ISBN Taschenbuch: 9783864438394

ISBN eBook-mobi: 9783864438400

ISBN eBook-epub: 9783864438417

Hoffnung

Ihr Kopf ist ein Friedhof.

Ihr Herz ist eine Insel.

Wir beide sind keine Freundinnen,

aber ich kenne sie schon mein ganzes Leben lang.

Sie sitzt in meinem Bauch,

hohl und weit weg,

aber ihre geflüsterten Worte,

die mich ermutigen sollen,

können mich nicht trösten.

Ich durchschaue ihre Tricks,

ihre falschen Versprechungen.

Geh weg, sag ich zu ihr,

heute habe ich zu tun.

Ich hab viel zu erledigen.

Doch diese Bekannte weiß nie,

wann es Zeit wird zu gehen.

Die Frage ist nicht,

wieso sie mich als Freundin auserwählt hat.

Die Frage ist eher,

wieso ich ihr erlaube zu bleiben.

Cecil, „Als das Meer verschwand“Original: „In My Father’s Den“

Inhalt

Prolog

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundwanzig

Zweiundzwanzig

Dreiundzwanzig

Vierundzwanzig

Fünfundzwanzig

Sechsundzwanzig

Siebenundzwanzig

Achtundzwanzig

Neunundzwanzig

Dreißig

Einunddreißig

Zweiunddreißig

Dreiunddreißig

Vierunddreißig

Fünfunddreißig

Sechsunddreißig

Epilog

Danksagung

Prolog

Der Junge lag in seinem eigenen Blut. Er sah es nicht, aber er spürte es. Es waren nicht die Schmerzen seines Körpers, die ihn zu dieser Gewissheit verhalfen, sondern die Erinnerungen an vergangene Tage. Es war nicht das erste Mal, dass er im Blut badete, als wäre es das Natürlichste auf der Welt. Kurz kam ihm der Gedanke, dass es für ihn vielleicht eben doch natürlich war. Möglicherweise war es vorherbestimmt.

Ächzend versuchte er, sich zu bewegen, aber es war nur sein kleiner Finger, der über den Boden strich und in der warmen Flüssigkeit rührte. Seine Augenlider flatterten, während der beißende Uringeruch seine Nase kitzelte und seinen Magen umdrehte. Er wusste, wie das Sterben stank. Genau so. Seine Lippen waren geöffnet, und er spürte, dass sich dort etwas befand, das da nicht hingehörte. Jedoch hatte er keine Kraft, es zu entfernen, ja nicht mal genügend Energie, um die Augen zu öffnen. Allerdings wusste er auch so ganz genau, was zwischen seinen Zähnen klemmte. Und woher das Blut kam. Und der Urin.

Der Junge sah den Mann vor sich, vor seinem inneren Auge. Er war groß, viel größer als all die anderen zuvor, und er war kräftig. Schon beim ersten Blickkontakt hatte ihn ein eigenartiges Gefühl beschlichen, aber er hatte es brüsk beiseitegeschoben, denn Gefühle konnte er sich nicht leisten. Nicht mehr. Er durfte nicht wählerisch sein. Der große Mann hatte ihn in dieses Zimmer geführt, sich ausgezogen und das verlangt, was so ziemlich jeder verlangte, der ihn irgendwohin mitnahm. Seine herrische Stimme hatte den Jungen nicht sonderlich beeindruckt, er kannte solche Menschen und wusste um die Machtverhältnisse bei diesem Arrangement, aber die äußerst brutale Art der Berührungen war neu. Außergewöhnlich. Der Junge hatte die Augen geschlossen und versuchte, nicht zu würgen, während der Mann vor ihm immer wieder schmerzhaft tief in seinen Hals rammte. Er spannte die Lippen, übte Druck aus, damit alles ganz schnell vorbei war und er wieder seiner Wege gehen konnte, aber die Hände des Riesen steuerten unermüdlich seinen Kopf und ließen nicht locker. Er stand bereits kurz vor einer Ohnmacht, als der Mann ihn endlich losließ und grob nach hinten stieß. Er vernahm ein Knurren, ein Fluchen, und hoffte sehnlichst, dass diese Geräusche von einem Höhepunkt zeugten, aber da hatte er sich geirrt. Noch während der Junge versuchte, wieder zu Atem zu kommen und den widerlichen Geschmack in seinem Mund hinunterzuschlucken, wurde er rabiat auf das Bett geschleudert, als wäre er lediglich eine Puppe, ein Objekt, ein entmenschlichtes Wesen. Sein Gesicht landete in den Kissen, und er spürte, wie ihm seine dreckigen Kleider vom Körper gerissen wurden. Zum ersten Mal seit Langem fühlte er Tränen in seinen Augen brennen, als er hörte, wie der dünne Stoff nachgab. Diese Sachen, die er am Leibe trug, waren so ziemlich alles, was er besaß und was intakt war. Jetzt nicht mehr. Er zuckte zusammen, unterdrückte einen lauten Schmerzensschrei und krallte sich mit aller Kraft in den Laken fest. Seine Gedanken kreisten um die zerstörten Kleider und er überlegte bereits fieberhaft, wo er Nadel und Faden herbekommen konnte, um sie zu flicken. Die Hände des Grobians holten ihn in die Gegenwart zurück, als die Finger anfingen, sich bestialisch tief in seine zarte Jungenhaut zu bohren. Es fühlte sich beinahe so an, als wollte der große, kräftige Mann die Haut in Streifen von seinem Leib abziehen. Die scharfen Nägel schnitten in sein Fleisch, aber auch hier unterdrückte der Junge seine Schmerzenslaute. Aus irgendeinem Grund wollte er dem Mann nicht die Befriedigung geben und zeigen, wie sehr dieser ihm wehtat. Dass das ein Fehler war, wusste der Junge, denn so gab er seinem Peiniger quasi die Erlaubnis, die Intensität zu erhöhen. Was dieser auch tat. Er zog mit einem heftigen Ruck an seinen Haaren, beförderte seinen Kopf weit in den Nacken, wobei ein knackendes Geräusch ertönte, das den Jungen gedanklich für einen Augenblick in die Vergangenheit beförderte, und stemmte sich mit der anderen Hand hart auf seinen Rücken. In dieser absonderlichen Stellung starrte er an die dreckige Zimmerdecke und wünschte plötzlich, seine Mutter wäre hier. Aber das war sie nicht, das würde sie nie wieder sein. Und er allein trug die Schuld daran. Was jetzt gerade passierte, in diesem Moment, in diesem heruntergekommenen Zimmer, war seine gerechte Strafe.

Er konnte sich später nicht mehr erinnern, wie lange er dem herzlosen Barbaren ausgeliefert war, wahrscheinlich stundenlang, denn der Schwere und der Anzahl seiner Verletzungen nach zu urteilen, war das nicht innerhalb von den Minuten geschehen, an die er denken musste, als er auf dem Boden in seinem eigenen Blut lag. In seinem Mund steckte eine Socke und um seinen Hals war das Kabel der Nachttischlampe gewickelt. Den Rest seines Körpers konnte er nicht spüren, nur den kleinen Finger, der langsam über den Boden und durch die Flüssigkeiten kratzte. Der Junge wagte noch immer nicht, seine Augenlider zu öffnen, denn er hatte Angst davor, etwas zu sehen. Es war besser, blind auf den Tod zu warten, als ihm direkt ins Angesicht blicken zu müssen. Sicher würde es nicht mehr lange dauern. Er hoffte es inständig.

Eins

Wer droht, hat nicht vor, ernst zu machen

Charlotte

Es war das erste Mal, dass ich ihn sprechen hörte.

„Loslassen“, sagte er, mehr nicht, und seine Stimme schwang dabei überraschend sanft durch den Raum. Er hatte leise gesprochen, es fast nur geflüstert, was auch der Grund dafür war, dass Bastian ihn nicht beachtete. Er hatte ihn bei der lauten Musik nicht gehört, aber es war eindeutig, dass er gemeint war, denn der scharfe Blick des Fremden merzte jeden Zweifel aus. Ohne jedoch irgendetwas davon mitbekommen zu haben, presste sich Bastians Hand stärker auf meinen Hintern, um meinen Körper noch dichter an ihn zu drücken. Und damit er seinen Unterleib weiter provozierend an mir reiben konnte. Ich spürte seine Erektion und beinahe gleichzeitig seine nasse Zunge, die unkoordiniert auf mein Kinn traf und dann aufwärts Richtung Mundwinkel steuerte. Das war der Moment, in dem mein Erstaunen über die Einmischung des anderen Mannes dem Verteidigungsreflex wich, und ich erneut versuchte, Bastian von mir wegzuschieben. Energisch stemmte ich meine Hände gegen seine Schultern und drehte mein Gesicht aus der Gefahrenzone, aber bevor ich dazu kam, ihn zum vierten Mal in seine Schranken zu weisen, vernahm ich wieder die milde Stimme des Fremden. „Loslassen.“ Auch diesmal schien Bastian ihn nicht gehört zu haben, denn er knetete unsanft meine Brust und murmelte dabei irgendetwas vor sich hin. Ich wand mich unter seinem Griff, der unangenehmer kaum hätte sein können, und bat ihn lautstark, aufzuhören. Aber auch mich ignorierte er, fast so, als hätte er alles um sich herum ausgeblendet, und konzentrierte sich nur noch auf meinen Körper, von dem er beschlossen hatte, ihn heute Abend zu besitzen. Er hatte mir dies vor wenigen Minuten unverblümt ins Gesicht gesagt, und spätestens da hätte ich gehen sollen, das wusste ich jetzt. Bastian versuchte erneut, mich zu küssen, während ich gegen seine aufdringlichen Hände ankämpfte. Plötzlich und ohne Vorwarnung wurde sein Kopf nach hinten gerissen. Eine Zehntelsekunde lang bekam ich seinen Rachenraum und die erschrocken aufgerissenen Augen zu sehen, bevor sein Gesicht in einem Affentempo neben mir niederging und mit einem lauten Knall auf dem Tresen landete. Vor Schreck stieß ich einen spitzen Schrei aus und sah gerade noch, wie die Hand des Fremden Bastians Haar losließ, damit dieser ganz elegant auf den Boden rutschen und dort heulend zusammenbrechen konnte. Ich blinzelte mehrmals ungläubig und versuchte zu verstehen, woher auf einmal das ganze Blut kam, bevor mein Kopf wieder nach oben schnellte. Der Blick meines Gegenübers traf mich und ließ mich augenblicklich in meiner Bewegung innehalten. Perplex starrte ich ihn an, und trotz der ungewöhnlichen Situation fiel mir auf, dass es heute Abend nicht nur das erste Mal gewesen war, dass ich seine Stimme gehört hatte, sondern auch, dass er mich länger als nur flüchtig ansah. Ich wusste nicht, wie lange wir uns in die Augen blickten, während Bastian zu unseren Füßen jaulend Schmerzensschreie ausstieß und die anderen Gäste der Bar um uns herum in Aufruhr gerieten, aber ich wusste, dass der Abbruch zu früh kam. Er nickte kaum merklich, dann wandte er sich einfach um und schob sich durch die Menschenmassen aus meinem Sichtfeld hinaus. Einen winzigen Augenblick später fragte ich mich bereits, ob er überhaupt da gewesen war, oder ob mir meine Sinne einen Streich gespielt hatten. Mein Herz wummerte schmerzhaft gegen die Rippen, und ich versuchte, wieder zu Atem zu kommen, während aufgeregte Stimmen neben mir fragten, was eigentlich passiert sei. Ich hörte jemanden sagen, dass irgendein Schläger ohne Grund auf den armen Mann am Boden losgegangen sei.

„Haben Sie den Typen gesehen?“, fragte mich einer. „Kannten Sie den?“

Ich schaute in mehrere unbekannte Gesichter und schüttelte langsam den Kopf. Bastian stöhnte, und seine Schluchzer drangen nun ganz in mein Bewusstsein ein. Du meine Güte. Überall Blut. Ich blickte wieder auf den Boden, sah, dass sich Bastian mit beiden Händen das Gesicht hielt, und hörte, wie jemand vorschlug, einen Krankenwagen zu rufen.

„Scheiße!“, vernahm ich eine Stimme neben mir. „Der Kerl hat ihm die Nase gebrochen.“

Erstaunt sah ich den Mann an, der das gesagt hatte. „Was?“

Er nickte und deutete mit einer Hand auf den Tresen. „Und ein paar Zähne ausgeschlagen.“

Angeekelt betrachtete ich die blutigen kleinen Dinger, die dort in der Pfütze meines verschütteten Getränkes lagen, dann wandte ich mich ab und würgte. Ich schlug die Hand vor den Mund, wollte eigentlich nur noch weg, aber ganz unerwartet wurde auf einmal der mysteriöse Schläger in den Kreis der Schaulustigen zurückgestoßen. Ich blieb wie angewurzelt stehen und beobachtete, wie er versuchte, auf den Beinen zu bleiben, während ein Muskelprotz an seinem Hemd riss und ihm gleichzeitig eine Kopfnuss verpasste. Mir drehte sich der Magen erneut um.

„Hierher“, rief der Aufgepumpte, dem die Muskeln unappetitlich unter seinem Shirt hervorquollen. „Ich hab ihn.“

Ich fragte mich, mit wem er redete, aber als sich zwei Security-Schränke zwischen den Menschen durchschoben, war das beantwortet. Der Fremde stand inzwischen aufrecht und blickte auf den blutenden Bastian hinunter, der sich wimmernd vor- und zurückschaukeln ließ. Ich konnte nichts in seinem Gesichtsausdruck lesen, weder Mitleid noch Schadenfreude oder Bedauern.

„Was ist hier passiert?“, fragte Schrank Nummer eins.

„Dieses verfickte Arschloch ist zielgerichtet durch die Menge marschiert“, erklärte der Aufgepumpte. „Hat brutal und ohne Grund den Schädel ihres Freundes“, dabei zeigte er auf mich, „auf die Tresenkante geknallt und ist gegangen, als wäre nichts gewesen. Ich bin ihm sofort hinterher.“ Was für ein starker, aufmerksamer Held, ja wirklich.

„Stimmt das?“, fragte mich Schrank Nummer zwei.

Ich blinzelte in die Runde und spürte alle Blicke auf mir. „Er ist nicht mein Freund“, hörte ich mich sagen.

„Aber der Rest stimmt?“

Ich drehte den Kopf und sah dem Angeklagten direkt in die Augen. Sie waren blau und wunderschön, eingerahmt von langen dunklen Wimpern, aber aus irgendeinem Grund schauten sie niemals freundlich. Nicht ein Mal, an das ich mich erinnern konnte, obwohl er mir schon öfter über den Weg gelaufen war. Ich räusperte mich. „Nicht ganz.“

„Was soll das heißen?“, blubberte Schrank Nummer eins. „Hat er den Kopf deines Freundes nun auf den Tresen gedonnert oder nicht?“

„Er ist nicht mein Freund“, beharrte ich. „Wir haben uns erst heute Abend kennengelernt, und er ist ziemlich aufdringlich geworden.“

„Und?“ Das war der Aufgepumpte.

„Was und?“, blaffte ich.

Schrank Nummer zwei mischte sich ein. „War er es nun oder nicht?“

„War was?“

„Stellen Sie sich nicht dumm!“

Es widerstrebte mir, meinen Retter so offenkundig zu beschuldigen, daher sah ich mich gezwungen, die Geschichte etwas auszuweiten. „Wie ich schon sagte“, betonte ich deshalb und fixierte Nummer eins. „Ich wurde bedrängt, und selbst, als ich zum vierten Mal sagte, er solle mich loslassen, tat er es nicht. Auch nicht, als jemand anderes ihn darum bat. Zweimal. Darum musste man ihn von mir wegziehen, sonst hätte er nie aufgehört, mich zu betatschen. Dabei muss er wohl ausgerutscht sein. Gestolpert.“

„Gestolpert?“ Der Aufgepumpte schnaubte. „Das ist ja lächerlich.“

„Ich sag dir mal, was lächerlich ist“, fauchte ich. „Den ganzen Tag im Fitnessstudio zu verbringen und dann immer noch so scheiße auszusehen.“

„Bitte?“ Seine Augen verengten sich zu Schlitzen.

„Du hast schon ganz richtig verstanden.“ Ich wandte mich an die Security-Schränke. „Ich war in Nöten, und er hat mir geholfen, fertig.“

„Er hat seinen Kopf brutal auf den Tresen gehämmert, ich hab’s doch gesehen!“, brüllte der Aufgepumpte, der die offensichtliche Beleidigung von mir wohl nicht so leicht weggesteckt hatte. Der Arme.

„Komisch, dass du das zu sehen geglaubt hast, aber nicht, wie der Kerl da auf dem Boden mir an den Arsch gegangen ist. Oder hast du es gesehen und es toleriert? Wolltest du vielleicht sogar selbst gern Hand anlegen?“

Dem Aufgepumpten reichte es, er trat einen warnenden Schritt in meine Richtung, aber Nummer eins ging dazwischen, bevor er allzu weit kam. „Nun beruhigen wir uns alle etwas, klar? Und kann nicht mal irgendwer dem Mann da helfen, aufzustehen und nach draußen zu gehen? Der Krankenwagen ist doch bereits unterwegs, habe ich das richtig verstanden?“ Er unterhielt sich kurz mit anderen Anwesenden, aber ich bekam es nicht richtig mit, weil die Pumpe und ich uns zwischenzeitlich feindselig taxierten. Als sich Nummer eins wieder zu uns umwandte, blieb sein Blick an mir hängen.

„Sie sehen also keine Verfehlung in dem Verhalten des Mannes?“

„Hören Sie mir nicht zu? Ich wurde belästigt! Ist das vielleicht neuerdings eine Tugend?“

„Ich rede von ihm“, antwortete er und zeigte auf meinen Retter mit den blauen Augen. „Sie sagten, er habe den Mann lediglich von Ihnen weggezogen und dass dieser dann gestolpert sei. Stimmt das wirklich?“

„Wenn Sie mir nicht glauben, dann fragen Sie doch die anderen“, maulte ich. „Es kann doch nicht sein, dass unsere Luftpumpe hier der Einzige ist, der irgendetwas gesehen hat.“

„Schlampe“, zischte dieser und trat noch einen Schritt dichter an mich heran. Vielleicht hätte er sogar nach mir gegriffen, jedoch schnellte der Arm des Beschuldigten vor und hielt ihn zurück. Alle sahen plötzlich ihn an, weil er noch kein einziges Wort zu seiner Verteidigung gesagt hatte, es jetzt aber vorzuhaben schien. Seine Augen bohrten sich in meine, und ich fragte mich, was er mir sagen wollte, denn sein Mund blieb geschlossen, welch Überraschung. Schrank Nummer eins räusperte sich schließlich.

„Also gut, ich denke, es ist besser, wenn wir die Polizei das klären lassen. Kommen Sie bitte alle mit.“

Der Aufgepumpte grinste, aber ich zeigte ihm lediglich den Stinkefinger, was ihn wohl dazu veranlasste, blitzschnell nach meinem ausgestreckten Arm zu greifen und so kräftig meine Finger zusammenzudrücken, dass die Knochen knackten. Ich stieß einen kleinen Schrei aus und ging halb in die Knie, um dem Schmerz in meiner Hand auszuweichen, aber es war nichts zu machen. Sofort schossen mir Tränen in die Augen und ich sah nur noch verschwommen, was dann passierte. Der Schweigsame ließ seine Faust vorschnellen und traf meinen muskelbepackten Angreifer direkt auf das linke Ohr. Wahrscheinlicher allerdings, aber das überlegte ich mir erst später, traf er wohl die Schläfe, denn fast augenblicklich wurde der übermäßig trainierte und extrem massige Körper schlaff und glitt unsanft zu Boden. Knock-out. Mit einem einzigen Schlag, wer hätte das gedacht? Die Schränke reagierten und stürzten sich auf den Boxer ohne Gnade, aber der hob bereits ergeben die Hände und ließ sich bereitwillig überwältigen. Sein Blick allerdings ruhte auf mir, auch noch, als sie ihn zu Boden drückten und ihm seine Arme auf den Rücken drehten. Meine Entscheidung traf ich ungefähr in den nächsten zwei Sekunden. Vielleicht waren es seine Augen, die niemals lächelten, mich jedoch so intensiv betrachteten, als würden sie mir all das erzählen wollen, was niemals über seine Lippen kam, vielleicht auch einfach nur die Tatsache, dass er mich nun bereits ein zweites Mal innerhalb kürzester Zeit aus einer überaus unangenehmen Situation gerettet hatte, die böse für mich hätte enden können. Jedenfalls fasste ich den Beschluss, diesem Mann zu helfen, koste es, was es wolle. Denn es war klar, dass er sich für seine Taten verantworten musste. Er hatte einem Kerl die Nase gebrochen und um einige Zähne erleichtert, obwohl er sicherlich auch weniger gewaltsam hätte vorgehen können, und dann hatte er einen anderen einfach k. o. geschlagen. Ich meine, neben ihm standen zwei Männer der Security, er hätte einfach nur die Füße stillhalten müssen, sie hätten mich ganz bestimmt auch auf zivilisierte Weise aus den Fängen des Aufgepumpten befreien können. Aber nun war es passiert, und meine Entscheidung war ebenfalls gefallen. Ich bemerkte, wie Mister Muskel nach seinem Sturz zu sich kam und verdattert zu begreifen versuchte, was passiert war. Ohne länger darüber nachzudenken, stürzte ich mich auf ihn und war wirklich dankbar, dass ich mich heute Abend für eine Hose entschieden hatte, anstatt für den kurzen Rock, der kurzzeitig zur Auswahl gestanden hatte, denn als ich so auf ihm hockte und ihn lautstark beschimpfte und mit meinen Händen seinen Körper traktierte, wäre es mir doch sehr unangenehm gewesen, allen Schaulustigen die Farbe meines Höschens zu verraten. Erst recht, als mich der Aufgepumpte einfach nahm, auf den Rücken warf und den Spieß umdrehte. Ich schaute in sein wutverzerrtes gerötetes Gesicht und wünschte beinahe, dass jemand mich k. o. geschlagen hätte, damit ich mir das nicht länger ansehen musste. Und damit ich nicht zu spüren bekommen würde, was nun unweigerlich folgen musste. Bevor es jedoch dazu kam, schloss ich eine Millisekunde meine Augen, sammelte Kraft und Mut, und brüllte danach, was das Zeug hielt, während sich meine Finger in die Augenhöhlen der Luftpumpe zu bohren versuchten. Er griff nach meinen Händen, bekam die rechte zu fassen, drückte zu und brach mir diesmal wirklich einen Finger. Oder zwei. Ich spürte es ganz deutlich, denn der Schmerz war stechend und so intensiv, wie ich ihn noch nie zuvor gefühlt hatte. Mir war nicht völlig klar, was danach passierte, denn anscheinend stand ich kurz vor einer Ohnmacht, so unscharf, wie die Umgebung plötzlich wurde, aber was ich mit Sicherheit sagen konnte, war, dass sich das Gewicht auf mir reduzierte. Irgendwer hatte den Muskelprotz von mir hinuntergezogen, und während ich zu erkennen versuchte, wer das gewesen war, schoben sich zwei blaue Augen in mein Sichtfeld und fragten stumm nach meinem Befinden. Ich blinzelte, dann wurde mir klar, dass sich die Schränke wohl um den Knochenbrecher kümmerten, während sich der Angeklagte nun völlig frei bewegen konnte. Nun fiel mir auch wieder ein, warum ich das Ganze veranstaltet hatte, denn mir einen oder zwei Finger brechen zu lassen, war wirklich nicht mein Ziel gewesen.

„Lauf“, wisperte ich und hoffte inständig, er würde es verstehen. Seine Augen verengten sich ein winziges Stück, dann schüttelte er leicht den Kopf. Ich stöhnte innerlich. „Okay, dann hilf mir hoch, damit ich verschwinden kann“, hauchte ich und deutete kopfnickend Richtung Ausgang. Er musterte mich ausgiebig, scannte mein Gesicht, meine Augen, meinen Mund und schaute dann prüfend über seine Schulter zurück. Ich folgte seinem Blick, sah, dass dort eine wilde Rangelei im Gange war, fragte mich gleichzeitig, woher plötzlich die vielen Menschen kamen und warum sie wie die Tiere aufeinander losgingen, da spürte ich schon, wie mich der Fremde an meinem Arm mit der unverletzten Hand hochzog. Überrascht rappelte ich mich auf die Beine und unterdrückte nur mit Mühe einige Schmerzensschreie. Meine Hand pochte stark, und ich hatte das Gefühl, sie würde mir jeden Moment abfallen.

„Geht es dir gut?“, fragte mich irgendeine Frau, die mir bis jetzt noch gar nicht aufgefallen war.

Ich nickte verkniffen und warf noch einmal einen Blick auf den Tumult um uns herum. Die Security war beschäftigt, ebenso etwa ein halbes Dutzend anderer Leute. Der Mann neben mir hatte es ebenfalls bemerkt und blickte mir nun wieder direkt in die Augen. Ohne ein Wort zu sagen, setzten wir uns beide gleichzeitig in Bewegung. Niemand hielt uns auf, als wir uns durch die Menge schoben und auf den Ausgang zuhielten. Draußen angekommen sah ich als Erstes den Krankenwagen und wäre am liebsten direkt darauf zugesteuert, aber mein Retter in der Not lotste mich mit einer Hand in meinem Rücken die Straße hinunter und bog in die nächste Querstraße ab. Ich ließ mich bereitwillig führen, denn die irrsinnigen Schmerzen in meiner rechten Hand machten es beinahe unmöglich, einen klaren Gedanken zu fassen. Erst einige Minuten später blieben wir stehen und schauten den Weg zurück, den wir gekommen waren.

„Sieht so aus, als wäre uns niemand gefolgt“, brabbelte ich. „Ich würde sagen, wir sind mit einem blauen Auge davongekommen.“

Er sah mir ins Gesicht und danach auf meine Hand. „Wohl kaum.“

Wahnsinn, er konnte ja doch sprechen, freute ich mich und grinste. Zwischendurch hatte ich mich gefragt, ob er überhaupt unsere Sprache beherrschte. Vielleicht war das Wort loslassen das einzige, was er konnte, darum hatte er diesem dann auch gleich Taten folgen lassen, anstatt einfach noch mal zu bitten. Nun, wahrscheinlicher war jedoch, dass etwas mehr dahintersteckte.

„Ich bin Lotte“, sagte ich schließlich und streckte ihm meine unverletzte Linke entgegen. „Schön, dich endlich einmal kennenzulernen.“

Er musterte mich abschätzend, machte jedoch keinerlei Anstalten, meine Hand zu schütteln. „Laut deinem Briefkasten ist dein Name Charlotte.“

Ich grinste noch breiter. „Laut deinem heißt du H Punkt. Oder F Punkt, wenn man dem gequetschten Buchstaben am Ende Beachtung schenken möchte.“

„Du solltest achtgeben, mit welchen Männern du dich abgibst. Oder anlegst.“

Ich blinzelte, und mein Lächeln fiel in sich zusammen. Mit einer Maßregelung hatte ich nun am allerwenigsten gerechnet, vielmehr mit einem Dank, dass ich ihn vor einer Anzeige bewahrt hatte. Oder mit einem Lob, weil ich so selbstverständlich sein Wohl über mein eigenes gestellt hatte.

„Danke für den Tipp, H Punkt, ich werde es mir merken.“

„Du hast ihm falsche Signale gesendet.“

„Was? Wem?“

„Dem Kerl mit der gebrochenen Nase.“

„Ich habe Nein gesagt“, meinte ich entrüstet.

„Nicht mit deinem Körper.“

„Was? Mit meinem Körper? Sollte ich ihm das Wort etwa vortanzen?“

„Du kriegst wohl nie genug.“

„Hä? Was soll das denn heißen?“

„Soll heißen, dass du dein Hirn einschalten solltest, bevor du auf die Menschheit losgehst.“

Ungläubig starrte ich ihn an, dann spuckte ich ihm folgende Worte entgegen: „Ach, du meinst so wie du, Mister Ich-schlage-hart-und-spreche-niemals? So vielleicht?“

„Ich wollte nur helfen.“

„Vielen Dank auch“, schnaubte ich mit sarkastischem Unterton. „Es hat mir sehr geholfen. Anstatt dem Grapscher einfach einen Tritt in die Eier zu verpassen, muss ich mich nun mit einer gebrochenen Hand auseinandersetzen. Das wirklich kleinere Übel, du hast recht.“

Er schüttelte den Kopf und wandte sich dann einfach um. Ungläubig sah ich, wie er davonging, als wäre unser Gespräch bereits beendet.

„Undankbarer Arsch“, rief ich ihm hinterher, und erst als er stehen blieb, sich langsam umdrehte und mit großen Schritten zu mir zurückkam, überlegte ich mir, dass es vielleicht nicht so clever war, diesen Mann zu reizen. Mit flatterndem Magen sah ich meinem Schicksal entgegen und hatte Angst, meine Beine könnten unter mir nachgeben, bevor er bei mir angekommen war.

„Das ist genau, was ich meinte“, sagte er in überraschend sanftem Ton. „Du kannst nicht jedem sagen, was du über ihn denkst. Was ist, wenn du an den Falschen gerätst und der dir nicht nur die Seele aus dem Leib prügelt, sondern zudem bereit ist, dein Herz zum Stillstand zu bringen?“

Perplex über diese Aussage blinzelte ich mehrere Male hektisch, bevor ich antwortete. „Ich denke, ich kann die Menschen in meiner Umgebung ganz gut einschätzen.“

„Ach wirklich? Nun, ich glaube das kein bisschen, ansonsten wüsstest du, dass es besser ist, in meiner Nähe stumm zu bleiben.“

Schwer atmend und mit wild klopfendem Herzen sah ich in seine verschlossene Miene, die mir nichts über seinen Gemütszustand verriet, rein gar nichts. Ich hatte lediglich seine Worte, an die ich mich halten konnte.

„Drohst du mir?“, fragte ich leise. Ich konnte nicht verhindern, dass eine absolut unangenehme Gänsehaut über meinen Körper kroch.

„Ich drohe niemals“, antwortete er. „Drohungen werden nur von den Menschen ausgesprochen, die nicht bereit sind, diese auch wahr zu machen. Bei allen anderen ist es bereits zu spät. Denk darüber nach.“

Zwei

Zum Leben erwacht

Hendrik

Die Frau war anders.

Sie wich ab von den üblichen Parametern, vielleicht erschuf sie sogar ihre eigenen, gut möglich. Ihre Gegenwart war risikoreich, denn sie hatte etwas an sich, das mich ansprach. Und das durfte nicht sein. Eventuell waren es ihre grünen Augen, die mich jedes Mal neugierig musterten, vielleicht auch ihr leuchtend rotes Haar, das ihr bis fast auf die etwas zu breiten Hüften reichte. Wahrscheinlicher jedoch war, dass dieses ständige Lächeln auf ihren Lippen der Grund dafür war, warum sie mir nicht aus dem Kopf ging. Ich fragte mich, was sie dazu veranlasste, dem Tag so positiv entgegenzutreten, konnte es jedoch nicht herausfinden. Wenn sich unsere Blicke begegneten, fühlte ich etwas. Ich wusste nicht genau, was es war, denn es war neu, und ich spürte es bis tief in den Bauch hinein, aber ich ahnte, dass es mich verändern konnte, wenn ich nicht aufpasste.

Sie war vor einigen Wochen in die Wohnung neben meiner eingezogen, und zwar nur mit einer einzigen Tasche im Gepäck. Anfangs hatte ich mich gefragt, ob sie auf dem Boden schlief, womit sie ihr Essen zubereitete, oder wie sie gedachte, den Tag zu verbringen, aber nachdem sie alle paar Stunden mit vollbepackten Armen die Treppe hinaufgestampft war, hatte ich meine Antworten. Wie es aussah, liebte sie Flohmärkte und diesen ganzen alten Scheiß, den vor ihr schon unzählige andere Menschen benutzt hatten. Sogar eine zwar saubere, jedoch eindeutig gebrauchte Matratze hatte sie eines Tages die Stufen hochgewuchtet. Ich erinnerte mich genau. Es war das erste Mal gewesen, dass wir uns berührt hatten. Selbst jetzt spürte ich noch dieses Kribbeln, das von unserem Zusammenstoß zurückgeblieben war. Verborgen hinter der sperrigen Matratze hatte sie versucht, sich an mir vorbeizuschieben, als ich ihr auf der Treppe entgegengekommen war. Jedoch war ihr das Ding aus der Hand geglitten, mit der Breitseite auf die Stufen geknallt, war munter der Schwerkraft gefolgt und hatte somit sie und mich von den Beinen geholt. Ich hatte unwillkürlich aufgekeucht, als ihr spitzer Ellenbogen beim Sturz meine Rippen getroffen hatte, allerdings war das das kleinere Problem gewesen. Als wir nämlich nach unserer Rutschpartie endlich zur Ruhe gekommen waren, hatte sie sich ächzend auf meine Brust gestützt und mich frech von oben herab angelächelt. Nicht ein Wort war über meine Lippen gekommen, ich war viel zu sehr gefangen von ihr und der plötzlichen Nähe. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit war sie von mir weggekrochen, hatte sich wortreich entschuldigt und versucht, die Matratze wieder auf ihre Arme zu laden, während ich nur damit beschäftigt gewesen war, den Sturm in meinem Innern unter Kontrolle zu bekommen. Es hatte nicht funktioniert, darum war ich einfach aufgestanden und hatte meinen Weg fortgesetzt, ohne ihr zu helfen, und erst recht, ohne ihr noch einmal in die Augen zu sehen. Aber diese Aktion hatte Spuren hinterlassen, und damit war nicht der schmerzende Arm gemeint, den ich mir verdreht hatte, weil ich am Geländer hängen geblieben war, sondern die kleinen Erinnerungsfetzen, die mich sogar überfluteten, wenn sie nicht vor meiner Linse herumtanzte. Sie hielt mich wach, beschäftigte meinen Geist und erweckte sogar meinen Körper zum Leben. Sie war gefährlich für mich, vielleicht sogar mehr als das, aber es hatte mich dennoch nicht davon abgehalten, ihr in dieser Bar zu helfen. Ich wusste, wozu einige Menschen fähig waren, ich kannte den Schmerz und das Leid, die Angst davor, die Augen zu schließen, und die Furcht, ein Opfer der Wut zu werden. Ich hatte in die dunkelsten Abgründe geschaut und in den tiefsten Löchern gesessen, ich konnte sehr wohl die widerlich kranken Bastarde unter ihnen herauskristallisieren. Nicht zuletzt deswegen, weil ich selbst einer war.

Nun ärgerte ich mich darüber, ihr geholfen zu haben, weil ich ihr dadurch die Erlaubnis gegeben habe, mich wahrzunehmen. Mit mir zu sprechen. Mich möglicherweise sogar anzusehen. Aber was noch viel schlimmer war, und dessen war ich mir ebenso sicher:

Ich würde es verdammt noch mal jederzeit wieder tun.

Drei

Denk nicht nach, erspar dir die Enttäuschung

Charlotte

In den folgenden Wochen beobachtete ich ihn. Zwei meiner Finger der rechten Hand waren tatsächlich gebrochen, sodass ich krankgeschrieben war, nicht arbeiten konnte und daher jede Menge Zeit hatte, mir Gedanken um meinen Nachbarn zu machen. Das kam mir sehr gelegen, denn so brauchte ich nicht darüber nachzugrübeln, warum ich eigentlich hier war. In Berlin. Seit zwei Monaten. Denn mein neuer Job in der kleinen privaten Tierarztpraxis war sicher nicht der Grund, warum ich meinem Zuhause von einem auf den anderen Tag den Rücken gekehrt hatte. Seit ich nun also die schicke, kleine Altbauwohnung neben diesem rätselhaften Mann mit den blauen Augen bewohnte, hatte ich jedes Mal, wenn wir uns über den Weg gelaufen waren, freundlich gegrüßt und versucht, Small Talk zu halten. Aber nach unserem unerwarteten Aufeinandertreffen in der Bar hatte ich diese Nettigkeiten eingestellt. Er hatte ja sowieso nie geantwortet, und es gab keinerlei Grund für mich anzunehmen, dass sich das in Zukunft ändern würde. Er strahlte etwas Geheimnisvolles aus, eine mögliche Gefahr, aber es gab mehrere Gründe, warum ich ihn nach intensiven Beobachtungen als relativ harmlos einschätzte. Er hatte einen Sohn, er hatte einen Job, er hatte langweilige Alltagsaktivitäten, er hatte ökologisch erzeugte Vollmilch und frisches Gemüse in seinem Einkaufsbeutel, und etwa einmal die Woche hatte er sogar weiblichen Besuch. So schlimm konnte er also nicht sein. Dass er einen Sohn hatte, bestätigte mich am meisten, denn das hieß im Klartext, dass er Verantwortung übernahm und sich dieser auch bewusst war. Nichts war bodenständiger, als ein Kind zu haben und sich zu kümmern. Allerdings stand sein Job eher auf der Kontraseite, denn egal, was er nun beruflich machte, er tat es nachts. Das war nicht sehr vertrauenerweckend, wie ich zugeben musste. Was seine Hobbys anging, war er aber wieder eher der Durchschnittsmann. Er spielte Fußball, denn ich sah ihn einige Male mit einer Sporttasche sowie mit einem Ball aus der Wohnung treten, und wenn mich nicht alles täuschte, ging er auch schwimmen. Ganz sicher, dass neben mir kein schlechter Mensch hauste, wurde ich mir, als ich das erste Mal einen Blick auf seine Einkäufe warf. Welcher Massenmörder achtete bitte auf seine Gesundheit? Und auf die seines Sohnes? Ja, klar, es war kein Beweis, aber für mich kam es so einem schon ziemlich nah. Und nicht zuletzt überzeugte mich die junge Frau, die jeden Dienstag bei ihm war. Für exakt eineinhalb Stunden. Ich konnte mir denken, warum sie da war, aber als ich eines Tages nichts ahnend von einem Arztbesuch nach Hause kam, geriet ich ins Wanken, was das anging. Ganz eindeutig hatte ich das Dienstagvormittag-Date als eine Verabredung zum Sex interpretiert, aber wie es aussah, stand er diesbezüglich auf ganz andere Kaliber. Ich kam gerade die Treppe hinaufmarschiert und suchte in meiner Tasche nach dem Wohnungsschlüssel, als seine Tür plötzlich aufgerissen wurde und eine hochgewachsene Frau in Slip, Spitzenstrümpfen und High Heels auf den Flur gestolpert kam. Ihre Brüste waren entblößt, ihr Make-up dick aufgetragen und ihre Haare zu einem hohen Turm toupiert, der bereits mächtig schief hing. Die Dame spielte in einer ganz anderen Liga als das süße Mädchen von dienstags, das ich so ins Herz geschlossen hatte. Nicht zuletzt deswegen, weil ich dachte, mein Nachbar wäre zu einer Art Liebesbeziehung fähig, zu der ja auch immer noch eine gewisse Portion Konversation gehörte, wenn mich nicht alles täuschte. Erstaunt und auch enttäuscht, was meine zurechtgelegten und soeben zerstörten Vorstellungen anging, beobachtete ich die Szene, die sich vor meinen Augen abspielte.

„Mieses Schwein“, zischte sie und drehte sich wutentbrannt zu ihm um, als sie wieder Halt auf ihren hohen Absätzen gefunden hatte. „Das wird dir noch leidtun, du kranker Wichser!“

Er stand nur in Jeans gekleidet in der Tür und warf ihr ihre Klamotten hinterher, die lustig durch die Luft segelten, bevor sie den Boden zwischen unseren Türen bedeckten. Er sagte nicht ein Wort, während die halb nackte Dame zeternd ihre Sachen vom Boden sammelte, aber sein Brustkorb hob und senkte sich merklich. Ich überlegte, warum er so außer Atem war, vergaß die Frage allerdings, als mich sein Blick traf. Ich wollte gerade ein paar Worte des Grußes vom Stapel lassen, da verstummte das Püppchen, schleuderte zu mir herum und musterte mich abschätzig. Anscheinend war nun auch ihr aufgefallen, dass sie nicht allein im Hausflur waren. Und dass sie noch immer barbusig durch die Gegend lief, schien sie nicht im Geringsten zu stören.

„Lass mich raten“, sagte ich zu ihr. „Er hat dich beim Sex auch Mutti genannt?“

Sie starrte mich an, als wäre ich nicht ganz dicht, also fuhr ich mit einer Erklärung fort.

„Das darfst du ihm nicht übel nehmen, er hat da so einen Komplex. Darum spricht er auch nicht. Aber ansonsten ist er ein ganz Netter. Nur verärgern solltest du ihn nicht, ich sag dir, der macht keine Gefangenen.“ Da sie nicht reagierte, schaute ich an ihr vorbei zur Tür. Er stand noch immer dort, hatte den Kopf etwas schief gelegt und verschränkte nun abwartend die Arme vor der nackten Brust. Mein Blick ging zurück zu der Frau. „Sieh dir an, was er getan hat.“ Ich hielt ihr meine geschiente Hand vor die Nase. „Dabei hatte ich nicht mal was gegen diese Mutti-Sache, wenn er kommt. Meinetwegen kann er mich auch die Heilige Jungfrau Maria nennen oder loströten wie Benjamin Blümchen. Törööö! Alles, was ich wollte, waren ein paar liebe Worte des Abschieds. Aber nein, er konnte mich gar nicht schnell genug aus seiner Wohnung bekommen.“ Ich zeigte auf den Kleiderhaufen in ihren Händen und hob dann resigniert die Schultern. „Aber wem erzähle ich das.“

Die Dame schnaubte missbilligend, warf meinem Nachbarn noch ein „Elender Bastard“ an den Kopf und stiefelte dann auf ihren Absätzen umständlich die Stufen hinunter. Ich sah ihr grinsend hinterher und erst als ich die Haustür einige Stockwerke tiefer hinter ihr ins Schloss fallen hörte, schaute ich auf. Was mich allerdings dann aus den Socken haute, war der Umstand, dass auf seinen Lippen ebenfalls ein winzig kleines Lächeln weilte. Oder zumindest so etwas Ähnliches. Mir stockte der Atem, denn es verlieh seinem ohnehin nicht unattraktiven Äußeren einen weichen Zug, der direkt in mich hineinrollte. Seine Augen leuchteten hellblau in dem Licht des Flures und sein Haar schimmerte in verschiedenen Blondtönen. Ich schluckte langsam, besah mir sein kantiges Kinn, welches schon seit einigen Tagen nicht mehr rasiert worden war, und erlaubte mir dann selbst weitere Erkundungsgänge aus der Ferne. Mein Blick glitt an seinem Hals hinab und landete auf den noch immer vor der Brust verschränkten Armen, auf denen vereinzelt Tattoos zu sehen waren. Seine Haut war gebräunt, und ich erblickte einige Haare auf seinem Oberkörper, die perfekt platziert waren, aber was mir besonders zusagte, war sein geschmeidiger Körperbau. Wenn man ihn so ohne Shirt betrachtete, machte er nicht den Eindruck, als könnte er einen Bodybuildertyp mit nur einem einzigen Schlag umhauen, aber er hatte es getan. Er war schlank, feingliedrig, jedoch absolut nicht schmächtig. Die Figur eines Schwimmers eben. Seine Jeans saß locker auf der Hüfte, schmiegte sich unverschämt gut an seine Schenkel und landete schließlich mit dem leicht ausgefransten Saum auf seinen nackten Füßen. Die waren ebenfalls gebräunt und sahen aus, als fühlten sie sich nur an der Luft richtig wohl.

„Bist du fertig, Charlotte?“

Ertappt ruckte mein Kopf in die Höhe, aber bevor ich peinlich berührt meine Gesichtsfarbe wechseln konnte, sagte ich: „Noch nicht ganz, nein. Ich war gerade dabei, deine Fußnägel in Augenschein zu nehmen, aber wie es aussieht, bestehen sie den üblichen Pflegestandard. Ich gratuliere.“

Er antwortete nicht, sondern machte Anstalten, die Tür zu schließen. Schnell sprudelten die Wörter aus mir heraus, aus Angst, dass er verschwinden könnte, bevor ich fertig war.

„Weißt du, es wäre viel einfacher, wenn ich deinen Namen wüsste, dann müsste ich mir nämlich nicht die Nächte mit Spekulationen um die Ohren schlagen. Ich schreibe schon lange Listen, weil sich H Punkt echt scheiße anhört.“

„Hör auf, dir Gedanken um mich zu machen“, sagte er. Seine Stimme war so sanft wie an dem Abend unseres ersten Gespräches und bescherte mir auch jetzt einen wohligen Schauer. „Erspar dir die Enttäuschung.“ Dann drückte er die Tür ins Schloss, ließ mich allein auf dem Flur zurück und ahnte nicht, wie viel interessanter ihn seine Abschiedsworte für mich gemacht hatten.

Drei Tage später traf ich seinen Sohn im Treppenhaus. Es regnete schon den ganzen Tag in Strömen, und der Junge war bis auf die Haut durchnässt, das sah ich bereits von Weitem. Ich wühlte meinen Wohnungsschlüssel hervor und ging die letzten Stufen zu meiner Tür hinauf.

„Hast du deinen Schlüssel vergessen?“, fragte ich. Er saß an der Wand vor der Wohnung und hatte die Knie angezogen. Als er aufsah, erkannte ich, dass er geweint hatte, und wusste im ersten Moment nicht, wie ich reagieren sollte. Langsam ging ich neben ihm in die Hocke. „Was ist passiert? Kann ich dir helfen?“

Er schüttelte den Kopf, antwortete aber nicht. Na toll, dachte ich, wie der Vater so der Sohn, na herrlich.

„Ich bin Lotte“, stellte ich mich vor. „Wir sind uns neulich schon unten auf der Straße begegnet, erinnerst du dich? Ich wohne gleich hier gegenüber.“

„Ja, hallo“, sagte er und wandte dann das Gesicht ab. Ganz offensichtlich hatte er keine Lust, mit mir zu reden.

„Und wie heißt du?“

Er zuckte die Achseln.

„Okay, du hast also keinen Namen, verstanden. Das scheint wohl in der Familie zu liegen. Kein Problem.“ Ich richtete mich wieder auf und schob den Schlüssel in das Schloss meiner eigenen Wohnungstür. „Aber nichtsdestotrotz bist du willkommen, wenn du keine Lust mehr hast, auf dem harten Boden zu frieren. Du kannst gerne bei mir warten.“

„Nein“, nuschelte er und vergrub sein Gesicht zwischen seinen aufgestellten Knien. „Danke.“

„Sicher?“

Er nickte, ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen.

„Wenn du deine Meinung änderst, dann klopfe einfach, in Ordnung?“

Dieses Mal reagierte er gar nicht mehr, also schloss ich leise die Tür. Zehn Minuten lief ich ruhelos in der Wohnung umher und sah immer wieder durch den Spion an meiner Tür. Der Junge bewegte sich nicht fort, nicht ein winziges bisschen. Nicht mal seine Stellung wechselte er, er hatte noch immer den Kopf auf seinen Knien liegen und die Arme um die Beine geschlungen. Ich fragte mich, ob mein Nachbar schon zur Arbeit gegangen war, denn es war bereits halb acht am Abend. Hatte der Junge denn kein Telefon, mit dem er seinen Vater anrufen konnte? Wenn er wirklich seinen Schlüssel vergessen hatte, dann würde er unter Umständen die ganze Nacht auf dem Flur verbringen. Ich seufzte und machte dem Jungen eine heiße Schokolade mit Sahne, das würde ihm die Wartezeit etwas versüßen und gab mir Gelegenheit, mehr zu erfahren. Als ich mit der dampfenden Tasse und einem sauberen Handtuch auf den Flur hinaustrat, zitterte der Junge so dermaßen, dass es mir das Herz verkrampfte. Ich stellte die Tasse auf den Boden und legte ihm das Handtuch um die Schultern. Er zuckte erschrocken zusammen und gleich darauf schnellte sein Arm nach oben. Das Handtuch segelte zu Boden, und in meiner Hand breitete sich ein unbeschreiblicher Schmerz aus, denn er hatte sie genau mit seinem Unterarm getroffen. Zischend sog ich die Luft durch die Zähne und sah ihn verständnislos an, aber als ich seinen verängstigten Gesichtsausdruck bemerkte, verpuffte mein Ärger über seine Reaktion.

„Schon gut“, sagte ich. „Ich wollte dir nur ein Handtuch geben. Du bist klitschnass und frierst. Willst du nicht doch hereinkommen? Ich mache dir etwas zu essen.“

Er presste die Lippen fest aufeinander, und in seinen Augen sammelten sich neue Tränen. Erst jetzt bemerkte ich die dunkelrote Haut unter seinem rechten Auge und brauchte einen Moment, um zu verstehen, was genau das war. Ich ging in die Hocke und suchte seinen Blick.

„Hast du dich geprügelt?“

Er wandte sein Gesicht ab, damit ich die Stelle nicht länger ansehen konnte, antwortete jedoch nicht.

„Okay, Schluss jetzt“, beschloss ich. „Komm mit rein, wir müssen das kühlen, ansonsten wirst du morgen mit einem riesigen Veilchen in die Schule gehen. Die Mädels finden das bestimmt cool, aber was wird wohl der Typ sagen, der es dir verpasst hat? Die Freude gönnen wir ihm nicht, in Ordnung? Ich habe eine Art Wundersalbe, die kannst du benutzen, dann sieht man morgen nichts mehr, ich verspreche es.“

Er blieb erst stumm, und ich dachte schon, er hätte mich gar nicht verstanden, aber dann sagte er: „Ich warte lieber hier.“

„Warten kannst du auch bei mir. Ich wollte Nudeln kochen, du kannst mir gerne helfen, wenn du magst. Oder du packst dir einfach gefrorene Erbsen aufs Gesicht, das geht auch. Ganz wie du willst.“ Ich richtete mich wieder auf, aber er machte keinerlei Anstalten, aufzustehen. „Ich lasse die Wohnungstür auf, komm einfach herein, wenn du es dir anders überlegst. Und trink die Schokolade, bevor sie kalt wird.“ Ich ließ ihn auf dem Flur zurück und begann tatsächlich Pasta zu machen. Ich hatte gar nicht vorgehabt, so spät noch groß zu essen, aber wenn Kinder Aufmunterung brauchten, waren Nudeln mit Tomatensoße die einfachste Lösung, das wusste ich aus eigener Erfahrung. Meine Mutter hatte mir früher auch zu jeder Gelegenheit Nudeln vorgesetzt, und ich war immer glücklich darüber gewesen.

Ich weiß nicht, ob ihn die Gerüche aus meiner Küche schließlich anlockten, aber nach einer halben Stunde stand er zitternd in der Tür und hielt mir die leere Tasse entgegen. „Danke. Das war lecker.“

Ich lächelte und deutete auf die dampfenden Töpfe. „Das Essen ist gleich fertig.“

Artig zog er sich seine nassen Schuhe aus und kam zögernd in den Raum. Ich deutete auf einen Stuhl, füllte zwei Teller und stellte einen davon vor seine Nase. „Möchtest du Saft trinken oder lieber Wasser?“

„Ähm, Saft.“

Als ich auch das erledigt hatte, setzte ich mich ihm gegenüber und begann zu essen. Er starrte auf seinen Teller, rührte sich jedoch nicht. „Wie heißt du?“, fragte ich einen Moment später.

„Falko.“

„Und wie alt bist du, Falko?“

„Vierzehn.“

„Dann gehst du in die achte Klasse?“

Er antwortete nicht, sondern schaute noch immer starr auf die Nudeln vor ihm.

„Hast du keinen Hunger? Oder möchtest du etwas anderes?“

Er schüttelte den Kopf.

„Hast du Schmerzen?“ Ich stand auf, holte eine Tüte Erbsen aus dem Gefrierfach, wickelte sie in ein dünnes Handtuch und reichte sie ihm. „Hier, halt das gegen die Schwellung, dann geht sie zurück.“

Er nahm mir das kalte Paket ab, legte es sachte an seine Wange und begann dann nach weiteren Minuten des Schweigens langsam zu essen. Als ich mit meiner Portion fertig war, lehnte ich mich auf meinem Stuhl zurück und beobachtete ihn. Er wirkte verloren und schaute nicht einmal auf.

„Was ist passiert? Hast du dich mit jemandem gestritten?“

Er antwortete nicht.

„In der Schule? Hast du dich in der Schule geprügelt?“

Er schüttelte ganz leicht den Kopf, fast hätte man es übersehen können. Ich betrachtete ihn genau.

„Dann danach? Gehst du zum Sport? Hast du einen Ball abbekommen?“

„Nein.“

„Was ist dann passiert?“

„Nichts.“

„Das sieht aber nicht nach Nichts aus“, merkte ich an. „Wenn du Pech hast, wird es noch eine Weile zu sehen sein. Es ist bereits blau. Hast du starke Schmerzen? Sollen wir zum Arzt gehen?“

Jetzt sah er zum ersten Mal auf, seit er meine Wohnung betreten hatte, und aus seinen Augen sprach pure Angst. „Nein!“

Ich runzelte die Stirn. „Ich werde nichts tun, was du nicht willst, ich verspreche es. Wenn wir mit dem Essen fertig sind, hole ich dir eine Salbe, dann werden wir sehen, was wir tun können, okay?“

Er nickte, dann aß er wieder.

„Sag mir, was passiert ist“, forderte ich leise, und als er nicht antwortete: „Es war kein Ball, stimmt’s?“

„Nein.“

„Dann hat dich jemand geschlagen?“

Er nickte.

„Wer?“

Wieder keine Antwort.

„Wer hat dich geschlagen, Falko?“

Er hob die Schultern.

„Ein Klassenkamerad?“

Schweigen.

„Ein Freund? Ein Fremder? Wer?“

Er ließ die Gabel sinken, dann zuckten seine Schultern. Er weinte erneut.

„Du musst es sagen, okay? Wenn dir jemand wehgetan hat, dann musst du das sagen.“

Er schüttelte den Kopf und schniefte.

„Wer war es? Falko, wer war es?“

Es war nur ein heiseres Flüstern, aber ich verstand es genau. „Mein Vater.“

Vier

Nur ein Wort kann das klären

Ich schlief die ganze Nacht nicht, und als mein Wecker sechs Uhr zeigte, trat ich endlich auf den Flur hinaus und wartete auf die Ankunft meines Nachbarn. In den vergangenen Wochen war er immer zwischen 6:15 und 6:30 Uhr nach Hause gekommen, es lag also nahe, dass er bald auftauchen würde. Ich schloss meine Wohnung ab, verstaute den Schlüssel in meiner Hosentasche und setzte mich auf die oberste Treppenstufe. Stundenlang hatte ich überlegt, wie ich mit der Information umgehen sollte, und war mehrere Male kurz davor gewesen, die Polizei zu informieren. Aber dann hatte ich mich dagegen entschieden, denn im Prinzip hatte ich nichts als die Aussage eines verängstigten Jungen, den ich noch nicht einmal kannte. Ich konnte rein gar nichts bezeugen, und wenn die Beamten diese Sache mit einem Lächeln beiseiteschieben würden, dann hatte ich dem Jungen möglicherweise noch mehr Ärger eingebrockt. Als ich die Haustür im Erdgeschoss hörte, erhob ich mich und wappnete mich innerlich für die kommende Konfrontation. Ich atmete tief und spürte, wie meine Knie weich wurden. Ganz ruhig, Lotte, du schaffst das. Als sein blonder Haarschopf die Treppe heraufkam, sein Gesicht sah ich nicht, denn er schaute nach unten, fackelte ich nicht lange, stellte mich in seinen Weg und stieß ihn mit ganzer Kraft mit beiden Händen vor die Brust. Er hatte mich zu spät gesehen, daher konnte er nicht mehr rechtzeitig reagieren und taumelte nach hinten, bis er schließlich der Länge nach auf die Stufen knallte und einige davon hinabrutschte. Er gab nur ein Ächzen von sich und hielt sich schützend den Kopf. Ich ging ein paar Stufen hinab, bis ich direkt über ihm stand, und spuckte ihm einen fetten, schaumigen Klumpen auf die Jacke.

„Du schmieriger, schleimiger Wicht!“, zischte ich. „Das hier ist nur der Anfang, damit du es weißt! Ich werde dich zerquetschen, so wie du es verdient hast, du fette Made des Abschaums.“

Er lag ganz still und sah zu mir herauf. Für eine Millisekunde hatte ich Angst, ihm mit dem Stoß die Treppe hinunter das Rückgrat gebrochen zu haben, aber dann fiel mir ein, dass ein Mann, der sein Kind schlug, gar kein Rückgrat besaß. Ich spuckte ein zweites Mal.

„Wenn dir dein Leben lieb ist, dann lauf, Charlotte“, raunte er leise.

Ich konnte nicht verhindern, dass mich diese Worte in einen Zustand echter, wahrer Angst versetzten. Mein Herz überschlug sich, und der Schweiß brach mir aus jeder Pore meines Körpers. Binnen Zehntelsekunden war ich von oben bis unten durchnässt und zitterte am ganzen Leib. Schnell ging ich die Treppe wieder bis nach ganz oben, damit er das heftige Flattern nicht bemerkte oder womöglich sogar meine Furcht riechen konnte. Als er sich langsam von den Stufen schälte und auf die Beine rappelte, fragte ich mich, wie ich so blöd hatte sein können, mir einzubilden, die Sache allein mit ihm klären zu können. Seine Worte tauchten erneut in meinem Bewusstsein auf, und ich überlegte panisch, wo ich meinen Wohnungsschlüssel hatte. Aber ich hätte es sowieso nicht mehr unbeschadet hinter eine verschlossene Tür geschafft, denn er stand bereits aufrecht und kam die restlichen Stufen herauf. Oh Gott. Was sollte ich tun? Mit dem Kerl war nicht zu spaßen, der konnte mir die Zähne ausschlagen, mich k. o. setzen, oder er konnte mich vielleicht sogar töten, gleich hier, daran zweifelte ich keine Sekunde. Es würde ihm nicht mal besonders große Mühe machen. Oder vielleicht ja doch. Vielleicht war das meine Chance. Wenn ich mich schon umbringen ließ, dann ganz bestimmt nicht kampflos. Ich setzte erneut an, wollte ihn ein zweites Mal die Treppe hinunterstoßen, aber er hatte damit gerechnet. Er duckte sich, sprang mich an und holte mich wie ein professioneller Footballspieler von den Beinen. Noch im Fliegen fragte ich mich, wie er es geschafft hatte, so geschickt meinen Angriff ausweichen zu können und seinen Arm so präzise um meine Taille zu platzieren, dass mein Körper praktisch parallel zum Boden in der Luft hing. Er musste eine irrsinnige Kraft in diesen Sprung hineingelegt haben, anders konnte ich mir das nicht erklären. Mit einem lauten Rums landete ich schließlich auf dem Rücken. Der Sturz selbst und sein Gewicht auf mir pressten sämtliche Luft aus meinen Lungen, ich keuchte und schrie, aber er hielt mir umgehend den Mund zu. Verdammt, wie konnte er nur so schnell sein? Ich begann mich zu wehren, wollte ihn abschmeißen, aber er drückte mich schmerzhaft nieder, hielt mit dem Arm, dessen Hand auf meinem Gesicht lag, meinen rechten Arm gefangen und griff mit seiner freien Hand meine Linke, damit ich ihm damit keinen Schaden zufügen konnte. Seine Beine und Füße hatte er so geschickt mit meinen verknotet, dass ich schon glaubte, er hätte zwischendurch geschafft, sie mit einem Strick zu fesseln. Mit seinem Körpergewicht hielt er mich gefangen, verdonnerte mich somit zur vollkommenen Bewegungslosigkeit, und seine Augen waren dabei nur wenige Zentimeter von meinen entfernt. Ich blinzelte erstaunt, ruckte meinen Kopf hin und her, aber als ich merkte, dass ich keinerlei Chance hatte, erschlaffte mein Körper und somit auch mein Überlebensinstinkt. Na das war ja mal schnell gegangen, einfach wunderbar.

„Nur ein Wort, Charlotte“, zischte er wütend. „Nur ein einziges Wort.“

Ich wusste nicht genau, was er meinte. Wollte er mir sagen, dass ich starb, wenn ich auch nur einen einzigen Mucks von mir gab, oder wollte er eine Ein-Wort-Erklärung für meinen frühmorgendlichen Angriff auf ihn? Oder wollte er mir lediglich die Chance einräumen, mir mein letztes Wort auf Erden aussuchen zu können, damit es später auf meinem Grabstein stehen würde? Ich sah es schon vor mir: Und ihr letztes Wort war: Zwiebelkuchen.

Sein Atem traf mich warm im Gesicht, und seine Hand presste sich noch immer unerbittlich gegen meinen Mund. Ich hielt seinem lodernden Blick stand, dann nickte ich zögernd. Mehrere Augenblicke passierte gar nichts, dann spürte ich, wie sich seine Finger langsam lockerten, sanft über meine Lippen strichen und meinen Mund schließlich freigaben. Ich atmete dankbar ein und aus, bevor ich versuchte, wieder etwas Speichel in meiner ausgedörrten Mundhöhle zu verteilen. Er beobachtete das Spiel, dann blickte er mir erneut in die Augen.

„Falko“, wisperte ich spröde, denn ich hatte mich für die zweite aller Möglichkeiten entschieden. Ich denke, es war wohl am wahrscheinlichsten, dass er eine Erklärung von mir wollte.

Sein Körper spannte sich an, obwohl ich gedacht hatte, noch mehr ging eigentlich nicht. Schon jetzt spürte ich die blauen Flecken, die seine harten Muskeln garantiert hinterließen, weil sie sich unerbittlich in mein weiches Fleisch bohrten. „Okay“, sagte er. „Weiter.“

„Das wird dann aber mehr als ein Wort“, gab ich zu bedenken.

Er ließ sich nicht beirren. „Was ist mit Falko?“

Ich überlegte kurz, es zu umschreiben, aber der direkte Weg war schon immer der meine gewesen. „Er hat ein Veilchen“, antwortete ich und beobachtete genau seine Reaktion. Seine Pupillen weiteten sich.

„Fuck“, fluchte er und ließ mich augenblicklich los.

Ich war so perplex über die Wendung der Geschichte, dass ich einfach liegen blieb, auch als er schon längst von mir heruntergeklettert war. Wie jetzt? Wollte er mich nun doch nicht mehr töten? Ich blinzelte zu ihm hinauf, aber er beachtete mich nicht, sondern schloss bereits seine Wohnungstür auf, hinter der er dann auch sofort verschwand. Verwirrt versuchte ich, mich aufzurichten, und spürte dabei jeden einzelnen Knochen in meinem Körper. Missbilligend schaute ich zu seiner Wohnung. Feigling, dachte ich. Erst sein Kind verprügeln und sich dann, als er damit konfrontiert wird, einfach verkriechen. Arschloch. Megagroßes Riesenarschloch. Seine Tür wurde wieder aufgerissen, und ich erschrak beinahe zu Tode. Sofort purzelte ich auf den Hintern zurück und legte die Hand auf mein rasendes Herz.

„Er hat ein Veilchen, sagst du?“ Er ging vor mir in die Hocke, damit wir auf gleicher Augenhöhe waren. „Wo?“

Ich schüttelte bedauernd den Kopf. „Weißt du nicht mehr, wohin du deinen Sohn schlägst?“

„Was?“ Verständnislos schoben sich seine Augenbrauen zusammen.

Ich seufzte. „Machst du das öfter?“

„Wann war er hier? Hast du ihn gesprochen?“

Eindringlich forderten seine Augen eine Antwort, aber was meine Wut auf ihn schließlich verpuffen ließ, war die Art und Weise, wie er das fragte. Seine sanfte Stimmlage kannte ich ja nun schon, aber der besorgte und um Informationen flehende Unterton war neu. Ich betrachtete seine leicht geöffneten Lippen, bevor ich ihm wieder in die Augen sah und leise antwortete. „Er saß gestern Abend hier im Hausflur, komplett durchnässt und mit Tränen in den Augen.“

„Er saß im Hausflur?“

„Ja.“

Er räusperte sich. „Wann ist er wieder gegangen? Hast du das auch gesehen?“

Ich schloss für einen kurzen Moment die Augen und versuchte dann, endgültig vom Boden aufzustehen, aber er war schneller, richtete sich auf und hielt mir seine Hand entgegen. Überrascht betrachtete ich diese und sah dann misstrauisch zu ihm auf. „Was soll das werden?“

Er ließ die Hand sinken. „Hast du mit ihm gesprochen?“

Ich stand auf und klopfte meine Klamotten sauber. „Du solltest froh sein, dass ich nicht sofort die Polizei gerufen habe“, mahnte ich. „Der Junge ist vierzehn!“

„Ich weiß, wie alt er ist.“ Er fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare und atmete tief. „Vielleicht hättest du das tun sollen.“