Verlag: Oetinger Taschenbuch Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

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E-Book-Beschreibung Lost Boy - Johannes Groschupf

Verloren in den Tunneln des Vergessens: Als Lennart nachts im Hamburger Hauptbahnhof erwacht, weiß er weder wo er ist, noch wer er ist oder warum er hier ist. Nur mit dem Foto eines ihm unbekannten Mädchens in der Tasche macht er sich auf die Suche nach seiner Identität und seiner scheinbar verlorenen Liebe. Seine Reise führt ihn tief in die Clubszene Berlins und bringt ihn seiner Vergangenheit immer näher. Nach und nach findet Lennart heraus, dass er den musikalischen Manipulationen des charismatischen, aber gefährlichen DJs Bulgur verfallen ist. Wird Lennart sich retten können? Der neue Roman vom Autor von "Lost Places".

Meinungen über das E-Book Lost Boy - Johannes Groschupf

E-Book-Leseprobe Lost Boy - Johannes Groschupf

Über dieses Buch

Die Bässe führen mich, locken mich, ängstigen mich. Moe, sage ich in die Dunkelheit hinein. Wo bist du?

 

 

 

 

 

 

How long will I love you?

ELLIE GOLDING

PROLOG

Wir haben uns gestritten, jetzt ist Moe sauer auf mich. Sie hat sich umgedreht und rennt voraus. Warte doch, will ich sagen, doch ich bin selbst viel zu wütend, um sie noch um irgendwas zu bitten. Mein Herz schlägt unglaublich schnell. Das Pochen füllt meinen Brustkorb, es ist wie ein heftiger Galopp, ein schwarzes Pferd in der Nacht.

Ich renne hinter Moe her und sehe noch, wie sie am Ende der Straße in der Luke verschwindet. Zwei Typen, die Köpfe unter Kapuzen verborgen, halten für sie die Eisenklappe am Boden auf. Sie schaut sich nicht um, ob ich hinterherkomme. Einer der Kapuzenmänner blickt auf sein Smartphone und nickt seinem Kollegen zu. Sie schauen sich noch einmal um, ehe sie die Tür schließen. Ich renne die Straße hinunter, ihnen entgegen, ich winke ihnen zu. In meinem Brustkorb prescht das Pferd im gestreckten Galopp über eine endlose Ebene.

Ich erreiche sie, als sie sich schon abwenden, im letzten Moment.

Mach hin, du bist der Letzte, der noch reinkommt, sagt der eine. Wir machen zu, dann kommt keiner mehr rein.

Der andere lacht und sagt: Oder raus.

Ich klettere die Eisenkrampen an der Wand herunter. Es ist ein Notausstieg, der in die U-Bahn-Tunnel mündet. Er führt als breiter Schacht hinunter auf ein Abstellgleis. Mein Herz pocht immer noch heftig, nein, dies ist nicht mein Herz, es sind Bässe, die aus der Dunkelheit unter mir kommen. Ich klettere weiter, ihnen entgegen, ich muss Moe finden, ehe etwas geschieht.

Ein kalter Geruch nach altem Mörtel schlägt mir entgegen. Ich erreiche den Schotter, taste über zwei Schienen, pass bloß auf die Stromschiene auf, erinnere ich mich mechanisch, die beiden Kapuzenjungs über mir sind verschwunden, hier unten ist es absolut und undurchdringlich dunkel.

Ich strecke die Hände aus, meine Finger tasten eine Wand, ich folge ihr. Die Bässe führen mich, locken mich, ängstigen mich.

Wo bist du, sage ich in die Dunkelheit hinein. Niemand hört mich hier. Ich selbst höre kaum meine eigene Stimme. Und trotzdem rufe ich: Moe. Wo bist du?

Endlich zeigt sich ein Lichtschein – rötlich, ein Flackern von Kerzen und Teelichtern, die in einer langen Reihe stehen und den Weg weisen in das hohe Gewölbe eines U-Bahnhofs, von dem niemand etwas weiß als eine Handvoll von Urban Explorern und Musiknerds und Graffitikünstlern.

Wir haben ihn im letzten Jahr entdeckt. Wir gehen nicht oft hierher. Es ist nicht angenehm hier unten.

Aber in dieser Nacht spielt DJ Evil. Dies sind seine Bässe, seine Beats, er ist der Gott der tiefsten und der härtesten Bässe. Wer ihn einmal gehört, eine Tanznacht unter seiner Ägide durchlitten hat, der ist ihm verfallen.

Ich nicht. Ich wollte nicht wiederkommen. Moe wollte. Deshalb haben wir uns gestritten.

Drei Gestalten kommen mir entgegen. Viel zu jung, sechzehn vielleicht, höchstens siebzehn. Sie taumeln.

Geh da nicht hin, sagt einer der Jungen. Da ist es echt schlimm.

Ich höre nur die Bässe. Die dumpfen Schläge, die durch das unwahrscheinlich tiefe Gewölbe dieses verlassenen Untergrundbahnhofs wabern. DJ Evils düsterdunkle Beats. Die satten Bässe rollen an wie schwere Wellen und schlagen mit solcher Wucht gegen meinen Bauch, dass mir schlecht wird. Geh da nicht hin.

Wo ist Moe?, frage ich die Jungen. Doch sie hören mich nicht mehr, sie gehen einfach weiter und halten sich die Ohren zu.

Wo ist Moe?

1. KAPITEL

Jemand hatte meinen Namen gerufen: Lennart, Lennart! Ich setzte mich schlaftrunken auf, rieb mir über das Gesicht und versuchte, die Augen zu öffnen. Die Stimme hallte in der Ferne nach: Lenny, Lenny! Eine Mädchenstimme, die ich eigentlich gut kannte, hell und ein bisschen heiser, und sie klang sehnsüchtig, als sie sich immer weiter entfernte. Nur in meinem Kopf.

Über mir ein Gewölbe aus Stahlstreben und Glas, ein paar Tauben flatterten unruhig herum. Von einem entfernten Gleis kam eine Lautsprecherdurchsage, die ich nicht verstand. Ein schriller Pfiff gellte, und der Zug verließ die Bahnhofshalle. Die Uhr über mir zeigte halb fünf morgens. Mir war kalt. Ich fühlte mich elend. Nirgends fühlt man sich einsamer als auf einem fremden Bahnhof nachts um halb fünf.

Ich stand auf und ging ein paar Schritte, um von meinen Kopfschmerzen wegzukommen, doch sie folgten mir mit einem beharrlichen Ticken, als würden kleine Hämmer gegen die Innenseite meines Schädels schlagen. Einige Gleise weiter fegten zwei Männer in orangefarbenen Overalls den Boden, ein anderer leerte die Abfalleimer. Über ihm sah ich das Schild Hamburg Hauptbahnhof. Okay. Ich nickte, als wäre damit irgendwas klarer geworden, aber genauso gut hätte ich den Kopf schütteln können.

Hamburg Hauptbahnhof. Ich hatte keine Ahnung, wie ich hierhergekommen war. Offensichtlich mit dem Zug, aber woher? Weshalb? Wann? Und wer war ich? Alles, was ich wusste, war dieser Name, den eine Mädchenstimme in meinem Kopf rief: Lennart. Lenny …

Ich griff in meine Hosentasche. Da war so gut wie nichts. Nur ein zerknüllter Fünfeuroschein. Ein Taschentuch. Ein paar Cent Kleingeld. Kein Schlüssel. Kein Zugticket. Kein Ausweis. Kein Smartphone mit ein paar Nummern, wo ich hätte anrufen können, um mich zu erkundigen, was eigentlich los war. In der hinteren Hosentasche fand ich einen Streifen Passfotos, zerknittert. Vier schwarz-weiße Bilder untereinander, die man in den Fotoautomaten kriegt. Er zeigte ein Mädchen in Partystimmung. Victory-Finger. Kussmund. Unglaubliche Augen. Das dunkle Haar zum Pferdeschwanz gebunden. Auf dem letzten Bild fielen ihr ein paar Strähnen ins Gesicht, und sie lachte.

Ich kam nicht auf ihren Namen. Ich kam nicht auf meinen eigenen Namen. Ich stöberte noch mal durch alle meine Taschen, aber ich fand sonst nichts. Die Panik wurde schlimmer. Ich musste mit jemandem reden. Einen Kaffee trinken. Einfach wieder in die Spur kommen, dann würde sich auch klären, wie ich hier stranden konnte. Und hoffentlich würde dann das ununterbrochene, feine Hämmern in meinem Schädel aufhören.

Ich ging die Treppe zu den Geschäften hoch. Sie waren alle geschlossen. Hinten am Ausgang, am Tischchen einer Frittenbude, die noch beleuchtet war, standen drei Männer. Zu ihren Füßen lagen mehrere Plastiktüten. Die Männer trugen speckige JPN-Anoraks und Baseballkappen. Sie starrten auf ihre Bierflaschen und rauchten. Irgendwo dudelte ein kleines Radio. Ich ging zu ihnen hin, sie wirkten harmlos. Ich brauchte einen Kaffee.

»Glaub ich nicht, dass die absteigen«, sagte einer der Männer eben. »Der HSV steigt niemals ab. Wir sind der Dino. Die Uhr läuft.«

Dann schwiegen sie und sahen mich an. Ich nickte ihnen zu, weil mir nichts einfiel, womit ich das Gespräch beginnen konnte, deshalb lächelte ich nur. Sie reagierten nicht darauf. Was sollte ich auch fragen? Können Sie mir sagen, wer ich bin? Woher ich komme? Ich sagte nichts, sondern stand nur da.

Kalle’s Futterluke stand über dem Imbiss. Keine Ahnung, ob es Kalle war, der die Geräte abwischte und die letzten Fritten im brodelnden Fett aufschüttelte. Ich wollte nur einen Kaffee. Ich trat an den Tresen und legte meinen Fünfer auf das Schälchen.

»Einen Kaffee.«

Der Frittenkoch drehte sich um, der Mund ein einziger bitterer Strich der Verachtung, und zog wortlos die Scheibe zu. Ich nahm meinen Fünfer zurück.

»Schon schlimm, was Drogen mit den jungen Menschen machen«, sagte einer der Männer halblaut. Dabei musterte er mein Gesicht mit beiläufiger Herablassung.

»Guck einfach nicht hin«, sagte sein Kumpel leise.

Am Beginn der Ladenzeile tauchten zwei Security-Männer auf. Sie schlenderten an den heruntergelassenen Rollläden entlang. Einer hatte einen kurzen Gummiknüppel in der Hand und ließ ihn über die eisernen Falten der Rollläden rasseln. Bei diesem Geräusch richteten sich die Härchen meiner Unterarme auf. Die Security-Männer kamen langsam näher. Auch die Trinker hatten sie jetzt bemerkt.

»Geh mal lieber weiter, Junge«, sagte einer von ihnen in meine Richtung und bückte sich nach seinen Plastiktüten. »Die sind in letzter Zeit ziemlich angespannt. Juckt ihnen dann in den Fingern.«

Ich konnte schon das Quietschen ihrer Gummisohlen hören. Sie hatten uns entdeckt und steuerten auf uns zu.

Das Scheppern des Knüppels wurde immer hässlicher, je näher es kam. Ich ging in den nächsten Gang hinein, nur weg von ihnen, den Blick auf den Boden gerichtet. Ich sah Kaugummireste. Schnipsel von Tickets. Ketchupverschmierte Frittenschälchen. Kronkorken. Hinter mir hörte das Geräusch des Gummiknüppels abrupt auf. Die Security-Leute standen jetzt vermutlich bei den Trinkern und schauten in meine Richtung. Auf keinen Fall umdrehen. Würde mich nur verdächtig aussehen lassen.

In diesem Moment sah ich die Tür einer öffentlichen Toilette halb offen stehen und schlüpfte hinein. Im Vorraum saß eine ältere Frau an einem Tisch. Auf der Plastikdecke stand eine Untertasse. Drei Zehncentstücke lagen darin, wahrscheinlich als Ermahnung für neue Kunden, das Bezahlen nicht zu vergessen. Die Frau hatte die Hände über dem Bauch gefaltet. Sie trug einen Kittel, der vielleicht einmal weiß gewesen war, jetzt war er gelblich und voller Flecken. Ihr Kopf war nach vorn gesunken. Sie schnarchte leise.

Ich ging an ihr vorbei in die Männertoilette. Hier stank es ekelhaft nach Urin, kaltem Zigarettenrauch, Reinigungsmitteln und abgestandenem Schweiß. In der vorletzten Kabine hockte ich mich auf die Klobrille, ohne die Hosen herunterzulassen, zog die Knie an und wartete. Die Kabinentür ließ ich angelehnt. Vielleicht würde das die Security-Männer täuschen. Um mich abzulenken, faltete ich meinen Fünfeuroschein längs und strich ihn sorgfältig glatt. Lange musste ich nicht warten. »Er ist weitergegangen«, sagte eine Stimme im Vorraum. Die Sohlen quietschten auf den Bodenfliesen.

»Nur mal kurz checken«, sagte der andere. Seine Stimme klang schon näher.

»Keiner da.« Jetzt waren sie in der Männertoilette.

»Jemand hier?«, rief der erste und lachte wie ein kleiner Junge.

»Ich muss eh mal«, sagte der zweite Mann. Er grunzte leicht, kurz darauf hörte ich es plätschern.

»Der Junge geht uns durch die Lappen«, sagte sein Kollege. Er klopfte mit seinem Gummiknüppel ungeduldig gegen eine Kabinentür.

»Mit dem war eh nichts, der hatte einfach nur seinen Zug verpasst.«

Wasserrauschen am Waschbecken. Papierrascheln. Einer der beiden hustete, es klang genervt.

»Doch, mit dem Jungen war was. Mit dem stimmte was nicht. Der ist vor uns weggelaufen. Irgendwas war mit dem.«

»Wir finden den noch, der wird hier irgendwo herumlungern.«

Ich blieb, wo ich war, ließ meinen Blick über den Fußboden der Kabine wandern und wartete. Mit jeder Sekunde, in der sie sich von mir entfernten, wurde ich etwas ruhiger.

Dann hörte ich, wie eine Frauenstimme zu keifen begann. Die Toilettenwärterin war aufgewacht, und offensichtlich hatten die beiden Security-Jungs vergessen zu zahlen. Sie schimpfte in ziemlich unverständlichen Satzfetzen, gespickt mit polnischen Flüchen.

Ich wartete noch eine Weile. Dann drückte ich möglichst leise die Klospülung und verließ die Kabine. Die Toilettenfrau saß wie vorher auf ihrem Stuhl, das Kinn auf die Brust gesenkt, sie atmete tief und regelmäßig. Die Hände hatte sie vor dem Bauch gefaltet.

Auf ihrem Tellerchen lagen noch immer nur die drei Münzen von vorhin. Ich legte meinen Fünfeuroschein dazu. Die Toilettenfrau öffnete ihre Augen einen winzigen Moment lang, nickte kaum sichtbar und hob ihre linke Hand ein wenig an, als wollte sie mir zuwinken. Dann nahm sie den kleinen Schein vom Teller und schob ihn in die Tasche ihres Kittels.

2. KAPITEL

Draußen war es noch dunkel. Von den Security-Leuten war nichts mehr zu sehen, trotzdem bewegte ich mich möglichst gelassen, um niemanden auf mich aufmerksam zu machen.

Ich ging eine breite Geschäftsstraße hinunter, hier war ein Modegeschäft neben dem anderen, außerdem Juweliere und Uhrengeschäfte. Im Eingang von C&A lagen zwei dick vermummte Männer auf Isomatten und schliefen in Embryostellung. Die Leuchtanzeigen der Bushaltestelle blinkten trostlos in die Nacht.

»Mönckebergstraße« stand irgendwo, und ich erinnerte mich plötzlich an einen Schulausflug, nein, an einen Besuch mit meinen Eltern. Nur ganz schemenhaft, aber immerhin die erste Erinnerung, die auftauchte seit meinem Aufwachen auf dem Bahnsteig. Ich konnte die Gesichter meiner Eltern nicht festhalten, und trotzdem war ich mir ganz sicher, dass sie es waren, und ich war so erleichtert, dass ich Eltern hatte, dass mir beinahe Tränen in die Augen traten.

Auf dem großen leeren Rathausplatz kam ich mir total verloren vor. Das Rathaus war riesig, die tausend Fenster alle dunkel. Vor der Brücke über einen schmalen Kanal stand eine steinerne Statue mit der Mahnung Vierzigtausend Söhne der Stadt ließen ihr Leben für Euch.

Ich hielt mich nah an den Hauswänden. Einige Schritte weiter tauchte ein amtliches Schild auf: Polizeikommissariat 14. Drei Beamte saßen vor Überwachungsbildschirmen. Ein Polizist telefonierte. Ich überlegte kurz, einfach hineinzugehen und ihnen mein Problem zu schildern: Ich weiß nicht, was hier los ist, wer ich bin, woher ich komme, wie ich heiße, bitte helft mir mal. Dann stellte ich mir ihre Gesichter vor, ihre Nachfragen, was für Drogen ich genommen hätte und überhaupt, Können Sie sich denn ausweisen?, und machte mich lieber schmal. Ich bog in die Caffamacherreihe ein.

Von Weitem hörte ich einen tiefen, lang gezogenen Ton, zweimal, dreimal, und ich ahnte etwas von einem Hafen, zumindest Wasser. Die Gegend wurde etwas schmuddeliger. Ein Tätowierladen Burning Needles, zwei Kneipen, dann große Kästen von Wohnhäusern, in denen alle Bewohner schliefen. Die Straßen waren menschenleer. Keine Taxis unterwegs, keine Nachtbusse, überhaupt kein Verkehr.

Als ich endlich das Wasser sah, war ich froh. Die Elbe lag schimmernd in der beginnenden Morgendämmerung, auf der gegenüberliegenden Seite ragten vier oder fünf Hafenkräne in den Himmel. Die Lichter spiegelten sich auf dem Wasser. Ein gedrungener Schlepper tuckerte in der Mitte des Stromes und stieß immer wieder ein lang gezogenes Tuten aus. Ich stand einige Minuten ganz still. Der Schlepper dampfte vorbei, das Tuten verlor sich in der grauen Leere des Himmels.

Mal langsam, dachte ich, und schaute auf die Elbe hinaus, immer der Reihe nach. Erinnere dich. Woher kommst du? Der Hamburger Hauptbahnhof fiel mir ein, die Bank, auf der ich geschlafen hatte. Also war ich wahrscheinlich mit einem Zug gekommen. Aber woher? Ich hätte die Ankunftszeiten der letzten Züge checken müssen. Kam ich aus einer großen Stadt oder aus einem Dorf?

Das Rufen der Möwen riss mich aus dem Grübeln. Es klang hoch und höhnisch, sie schwangen sich mit kräftigen Flügelschlägen in den Wind und segelten dann weit hinaus aufs Wasser.

Der Junge, der vielleicht Lennart hieß, ging an der Elbe entlang.

Die Mädchenstimme in meinem Kopf war verhallt, ich hätte sie gern noch einmal gehört. Hatte sie überhaupt mich gemeint, als sie Lennart rief? Oder jemand anderen? Und gehörte ihre Stimme zu dem Mädchengesicht auf den vier Automatenfotos? Konnte dieses Mädchen eine solche sehnsüchtige Stimme haben?

Ich ging. Neben mir die Elbe und vor mir der beginnende Morgen. Und hinter mir ein Leben, von dem ich nichts wusste.

 

Ein Autofahrer hupte genervt, weil er mit seinem Wagen nicht an mir vorbeikam, ich war in Gedanken vor einer Zufahrt stehen geblieben. Dahinter befand sich ein großer Platz. Kopfsteinpflaster bis hinunter ans Wasser. Nicht weit entfernt eine Anlegestelle. Der Platz füllte sich gerade mit Lieferwagen und Anhängern, Ware wurde ausgepackt, die Händler bestückten ihre Marktstände, einige Arbeiter wuselten im Hintergrund herum, schleppten Kisten und traten leere Kartons flach. Alles wirkte unausgeschlafen, gereizt, aber zugleich auch erwartungsvoll.

Eine Männerstimme rief: »Du da, komm mal her hier!«

Ich ging zur Seite, um nicht im Weg zu stehen.

»Langer, komm her hier!«

Der Mann stand rechter Hand an einem Stand und winkte in meine Richtung. Er war ein bulliger Typ, Fischhändler, dreckige Schürze, darunter ein blau-weiß gestreiftes Hemd, Schiffermütze auf dem Kopf, hellblaue muntere Augen, und seine Stimme faszinierte mich sofort, ein unfassbar tiefer Bass. Also ging ich hin.

Er zeigte auf seinen Stand: Welse-Werner stand da in geschwungener Schrift. »Du kannst mir helfen, statt hier rumzustehen. Mein Gehilfe hat eben abgesagt, ich steh allein hier. Du kriegst einen Zehner die Stunde. Okay?«

Ich nickte.

Er streckte mir seine Hand hin: »Werner.«

»Lennart«, sagte ich.

»Lennart«, sagte er. »Da drüben steht der Lieferwagen, hier ist unser Stand. Ich bin der Verkäufer. Du bist der Runner, du schaffst mir die Kisten mit dem Fisch ran. Ich verkaufe, du holst den Nachschub. Wenn genug Ware am Start ist, dann stehst du neben mir, hältst die Tüten auf, machst die Kasse, wechselst das Geld. Den Verkauf mache ich. Du hältst schön den Mund. Zehner die Stunde und Fischbrötchen satt. Zeit läuft!«

In den nächsten drei, vier, fünf Stunden schleppte ich Kisten, Kartons, Bottiche und Wannen zum Verkaufsstand. Fisch in allen Formen und Sorten. Schollen, Zander, Aale. Schillerlocken, Heilbutt, Rollmops.

Der Markt erwachte langsam zum Leben. Ein Geflügelhändler hatte einen Hahn dabei, der alle zwei Minuten krähte. Werners Stimme tönte weit über den Platz hin. Seine Kollegen hoben die Hand, wenn sie ihn hörten, und er grüßte mit erhobener Faust zurück. Ich war froh, dass ich einfach nur Kisten schleppen musste. Dadurch hatte ich keine Zeit, mir weiter Gedanken darüber zu machen, woher ich kam, wer ich war und was passiert war.

Nach einer halben Stunde kamen die ersten Kunden, die meisten waren Partyvolk, die hier einen Absacker tranken oder einen Morgenespresso und die Lust auf ein Fischbrötchen hatten. Und weil sie schon mal da waren, kauften sie gleich noch Fisch ein. Vor allem hatten sie alle ihren Spaß an der Show der Fischverkäufer.

Werner war großartig. »Wenn ihr guten Fisch sucht, richtig guten Fisch, dann kommt zu mir. Kommt her hier! Bisschen näher ran, dass ich meine Stimme schonen kann! Gönnt euch was Gutes! Hier der Butterfisch, der ist ein Gedicht. Hör mal, dazu geb ich dir einen Rollmops, lecker Fisch, alles für zwanzig, brauchst du noch mehr? Ich geb dir noch den Räucheraal, alles für zwanzig!«

Die Leute lachten und kamen näher. Damit hatte Werner sie an der Angel und ließ sie nicht mehr vom Haken.

»Jetzt mal ehrlich: Wir verkaufen hier nichts, Leute, echt nicht, dies ist eine Wohltätigkeitsveranstaltung. Wir wollen nur den Wagen leer machen. Kommt ran hier, alles für zwanzig, hier die schöne Forelle, und den Aal gibt’s dazu, dann hat die liebe Seele Ruh’. Wir räumen die Lager von der Schwiegermutter und dem Schwager! Hier, ich leg noch einen drauf, muss alles wech!«

Die Leute blieben stehen. Werner hatte sie da, wo er sie haben wollte. Er packte zwei, drei, vier Räucherfische auf ein offenes Papier, immer zum Publikum gewendet – wie ein Magier, der ganz deutlich zeigt, dass kein Trick dabei ist, und wenn, dass niemand ihn entdecken kann. »Nun kommt doch mal ran hier, Leute, ihr steht ja mit dem Arsch am Hauptbahnhof, hier hast du einen Butterfisch, und ich leg noch einen Rollmops dazu, und hier die Räucherforelle, allein dafür zahlst du im Laden schon fünfundzwanzig Euro, und ich gebe dir das alles für zwanzig. Für zwanzig! Wahnsinn!«

Die Leute lachten und konnten nicht anders, sie zogen ihr Portemonnaie heraus und reichten mir den Zwanziger hoch, ich gab ihnen die Tüte mit dem Fisch, während Werner schon die nächste Kollektion zusammenstellte. »Räucherlachs und Räucheraal, bei Werner nur die erste Wahl. Hier, die Forelle und den Lachs, hast du so einen Lachs schon mal gesehen? Für dreißig! Kommt ran hier, Ausverkauf, alles muss raus!«

Nach sechs Stunden war ich erledigt, der Lieferwagen leer. Werner hatte alles verkauft bis auf ein paar Reste, die er jetzt auf das Kopfsteinpflaster am Rand des Marktes schüttete. Fischköpfe mit starren Augen, offenen Mündern, Flossen, Schuppen und Gräten.

Die Hafenkatzen warteten schon darauf. Sie sahen mager und ausgezehrt aus. Ihr Fell war stumpf und fleckig. Das harte Leben hier unten am Hafen hatte sie bitter und feindselig gemacht, auch untereinander, sie gönnten sich keinen Bissen. Die meisten hatten heftige Schrammen und Narben. Manche waren auf einem Auge blind.

Werner reichte mir ein Bier und setzte sich neben mich. Er drückte mir ein paar Geldscheine in die Hand, siebzig Euro.

»Danke«, sagte ich.

»Da nich für«, sagte er. »Ich habe heute gut verdient, und du hast einen super Job gemacht. Könnte dich auch am nächsten Sonntag brauchen. Du hast doch Sommerferien, oder?«

Ich trank das Bier, die Sonne stand jetzt gleißend hell über der Elbe. Mitte Juli. Sommerferien, genau. Die Welt der Schule war mir unendlich fern. Aber irgendwann, Ende August vermutlich, würde ich wieder in der Schule sitzen, um das letzte Jahr zu machen. Und irgendwo warteten meine Eltern auf mich. Ich musste nur darauf kommen, wo sie warteten und wer ich war.

Drüben auf der anderen Seite ragten die Ladekräne hoch in den Himmel, ganze Heerscharen von ihnen, starr und stumm, als warteten sie auf einen Befehl, um vorzurücken. Sie erinnerten mich an die Kampfläufer aus Star Wars. Doch sie rührten sich nicht vom Fleck.

Das Wasser der Elbe glitzerte. Zwei Frachtkähne schoben sich stromaufwärts, hoch beladen mit Containern für China oder Südamerika, eine Barkasse mit Ausflüglern schaukelte dazwischen. Möwen schwirrten mit spitzen Schreien auf, einzeln oder zu dritt, zu viert, umflatterten die Abfälle und die verstreuten Fischreste.

»Viel redest du ja nicht«, sagte Werner, nahm einen langen Zug aus der Bierflasche und rülpste mit Genuss. »Wo kommst du her? Was machst du hier? Was hattest du vor, als du heute Morgen da am Tor standest?«

»Keine Ahnung«, sagte ich.

Werner lachte. »Keine Ahnung. Na denn.«

Er nahm einen weiteren Schluck aus der Flasche und schwieg nun auch. Wir sahen beide hinaus aufs Wasser. Das dumpfe, lang gezogene Tuten der Frachter und Schlepper kam über die Elbe. Aus der ehemaligen Auktionshalle wehte eine Wolke Gitarrenriffs. Plötzlich fühlte ich mich unsagbar müde. Es waren nicht nur die sechs Stunden des Kistenschleppens und Verkaufens, sondern auch die Stunden davor, das Aufwachen in der Bahnhofshalle und die Stunden, die hinter einem undurchdringlichen Schleier lagen.

»Ich brauche einen Platz zum Schlafen«, sagte ich. »Irgendwas, wo ich mich verkriechen kann. Und ich brauche einen Job. Ich hab keine Ahnung, was mit mir los ist. Wo ich herkomme. Wie ich heiße. Außer Lennart, wahrscheinlich.«

Ich war mir ziemlich sicher, dass Werner mich auslachen würde. Oder einfach aufstehen und weggehen, wie man von einem Penner aufsteht und weggeht.

Er wiegte seinen Fischhändlerkopf. »Das mit dem Job, das ist kein Ding. Kannst am Sonntag wiederkommen, hab ich doch schon gesagt. Und mit dem Schlafplatz, das sollte auch kein Problem darstellen. Ich hab einen alten Wohnwagen an der Süderelbe stehen, drüben bei Harburg, auf einem Campingplatz neben dem Containergebiet.«

Er wies mit einem gewissen Besitzerstolz in Richtung der großen Brücke, die sich weithin über den Hamburger Morgen spannte.

»Aber mit dem anderen Kram kann ich dir eher nicht helfen. Lennart Wahrscheinlich ist doch kein Name. So heißt doch niemand.«

»Lennart, wahrscheinlich«, sagte ich. »Wahrscheinlich Lennart.«

Werner zuckte die Schultern. »Kenn ich, kenn ich gut. Ich hab früher mal geboxt, Amateur, kleiner Verein, so Vorstadtmeisterschaften haben wir geboxt. Wenn wir angeschlagen waren, zu Boden gingen, dann hat der Ringrichter immer nach unseren Namen gefragt. Wie heißt du? Ich war fein raus. Werner Reder. Kann man sich leicht merken. Du kriegst voll einen auf die Zwölf, einen Hammerschlag. Und sackst erst mal ab. Dein Körper schaltet auf Notbetrieb. Dann langsames Hochfahren, und was du durch eine Wolke von Schmerz und Wut hörst: Wie heißt du? Werner Reder, hab ich gesagt. Ich wusste immer, wie ich heiße. Weißt du, warum? Ich wollte es meinem Gegner richtig heimzahlen. Ich hab nicht ein einziges Mal meinen Namen vergessen.«

»Ich hab nicht geboxt«, sagte ich. »Ich bin am Hauptbahnhof aufgewacht. Kann mich an nichts erinnern. Und ich hatte nichts in der Tasche außer einem Taschentuch und einem Fünfer.«

»Kein Ausweis oder so? Bankkarte, Monatskarte, Schülerausweis, Gesundheitskarte? Zumindest ein Schlüsselbund?«

Werner forschte nach, ich schüttelte den Kopf.

»Handy?«, fragte er. »Habt ihr jungen Leute doch alle.«

Ich zuckte mit den Schultern. »Kein Handy.«

Er schob die Unterlippe nach vorn. »Vielleicht bist du aus einer Anstalt entflohen. Oder aus dem Jugendknast. Ein Mörder ohne Gedächtnis!« Werner lachte und stieß mich in die Seite. »Komm, war ein Scherz. Muss auch mal sein. Ich glaube, ich bring dich jetzt zum Campingplatz, du schläfst dich am besten mal aus. Der Rest findet sich.«

Mir war nicht so sehr nach Scherzen zumute, aber Werner konnte es einfach nicht lassen. Als wir in seinem Lieferwagen saßen, nervte er mich endlos mit gefakten Lautsprecherdurchsagen: »Der kleine Lennart hat seine Eltern verloren und möchte im Bällchenbad abgeholt werden. Der kleine Lennart Wahrscheinlich vermisst seine Mami!«

Wir fuhren über die Köhlbrandbrücke, und für einen kurzen Moment genoss ich den Panoramablick über Hamburg, über den Stadtrand hinaus, die Elbe hinunter, ich ahnte schon fast die Nordseeküste und das offene Meer.

3. KAPITEL

Ein paar Minuten später bog Werner in ein weitläufiges Hafengebiet ab und brachte mich zu einem Campingplatz, der offenbar nicht mehr betrieben wurde. Das Gatter quietschte, als Werner es aufstieß. Auf dem Gelände standen acht oder neun vereinzelte Wohnwagen. Werner führte mich zu einem Trailer ganz am Rand, unter den Ästen einer riesigen Eiche.

Der Wohnwagen stand aufgebockt auf alten Planken und Bohlen; die Reifen waren platt. Werner holte den Schlüssel aus dem Versteck unter der linken Radkappe.

Er wuchtete seinen schweren Körper ächzend die kleine Stufe hoch, und ich ging hinterher. Im Wohnwagen roch es nach Staub, feuchtem Gras und zu lange getragenen Männersocken, aber nicht allzu schlimm. Es gab eine Sitzgelegenheit mit Esstisch, hinten eine Fläche zum Schlafen, die Polster waren in orangebraunen Tönen gehalten. »Meinst du, du kannst es hier aushalten?«, fragte Werner.

»Mir gefällt’s«, sagte ich. »Wirklich.«

Er legte den Schlüssel in meine Hand. »Wenn irgendwas ist, dann versteckst du den Schlüssel einfach wieder in der Radkappe. Wenn du weißt, wer du bist und wohin du gehörst. Aber meinetwegen kannst du so lange hierbleiben, wie du möchtest.«

»Danke«, sagte ich.

Er stieg aus dem Wohnwagen, winkte mir zu und ging. Obwohl es Mittag war, war es angenehm kühl. Der Wohnwagen wurde vom dichten Blattwerk der Eiche beschattet. Ich zog die Tür zu, verriegelte sie von innen, legte mich auf das Polster und schlief sofort ein.

Als ich aufwachte, war es dunkel. Draußen schrie ein Käuzchen. Ich nahm an, dass es mitten in der Nacht war. Eine Uhr hatte ich nicht. Ich lag lange wach und versuchte, mich an meine Träume zu erinnern, doch es gelang mir nicht. Ich versuchte, mich an die Mädchenstimme zu erinnern, an diesen Klang, der am frühen Morgen im Bahnhof in mir nachhallte. Aber ich kam nicht auf ihren Namen.

Ich schloss die Augen und sah nur Sprotten, Heringe, Aale, Kisten und Wannen voller Eisstücke, Welse und Schollen. Das war meine Vergangenheit: ein Vormittag auf dem Fischmarkt, ein früher Morgen im Hauptbahnhof, ein Blick über die Elbe.

Ich schlief wieder ein, träumte unruhig, stieg durch eine Luke am Ende einer Straße, begleitet vom Lachen zweier Kapuzenjungs und erwartet vom unablässigen Knallen der Bässe. Nz nz nz nz nz nz nz nz nz nz dudumm dudumm dudumm, babamm babamm. Rhythmuswechsel von leichtem Trab in schweren Galopp. Die donnernden Hufe hallten in meinem Brustkorb nach, als ich am Morgen erwachte.

Ich hatte wieder Kopfschmerzen. Vielleicht hatte ich zu lange geschlafen, vielleicht war es die schlechte Luft im Wohnwagen. Ich ließ Tür und Fenster offen, als ich mich auf den Weg machte, um einen Bäcker oder Supermarkt zu finden. Das Gatter vor dem Campingplatz quietschte, als ich es hinter mir zuzog.

Die Straße hinunter fand ich einen Imbiss, an dem zwei Bauarbeiter ihren Frühstückskaffee tranken. Ich bestellte ein Brötchen mit Rührei und einen großen Becher Kaffee.

»Kommt«, sagte die Frau im Imbiss.

Ich fragte sie nach dem nächsten Supermarkt.

»Gleich da runter«, sagte sie.

Niemand wunderte sich, dass ich hier war. Ich bekam meinen Kaffee, aß das Brötchen mit dem Rührei und fand es so lecker, dass ich gleich noch eines bestellte.

Zum ersten Mal fühlte ich mich unbeschwert. Erst mal einkaufen, den Wohnwagen herrichten, zur Ruhe kommen. Werner hatte bestimmt recht: Die Erinnerungen würden irgendwann wiederkommen. Ganz sicher.

Ich kehrte mit drei Tüten voller Einkäufe auf den Campingplatz zurück. Spaghetti, Tomaten, Eier, Öl, Zucker, Salz, Brot, Schinken, Butter, Nutella, Kekse, Bier, Tee, eine Zeitung. Es gab einen kleinen Gaskocher mit zwei Flammen. Ich musste nur das Ventil zur Gasflasche wieder aufdrehen.

Es war wie im Urlaub. Ich kochte mir Spaghetti mit Tomatensoße, raspelte Parmesankäse darüber, trank einen Becher Tee dazu und las Zeitung. Im Schatten der Eiche war es schön kühl. Irgendwo in der Nähe quakten Frösche, offenbar war dort hinten ein Teich. Ich hörte auch das Rauschen des Verkehrs auf der Schnellstraße, doch das ging mich hier nichts mehr an.

Nach dem Essen erforschte ich den Campingplatz. Das Gelände war verwildert, die anderen Wohnwagen schienen seit Langem verlassen, die meisten Vorhänge waren zugezogen. Nur bei einem konnte ich hineinschauen. Dort standen noch Müslischalen auf dem Tisch, daneben lag ein Stapel Spielkarten. Am Rand lag ein Fußball aus Plastik, platt, zerbissen, die Spuren der Hundezähne waren deutlich zu sehen.

Neben dem Gatter befand sich das Häuschen, in dem der damalige Betreiber des Platzes seinen Schreibtisch gehabt hatte. Die Tür hing in den Angeln, ich zwängte mich durch den Spalt, blies den Staub von den Ordnern und blätterte die Seiten durch. Reservierungen von Campern aus Dortmund, Herne, Bochum, Siegen, Erkelenz. Die Briefe waren alt, manche handschriftlich mit Kugelschreiber, andere stammten von einem uralten Nadeldrucker. Auf dem Schreibtisch stand auch ein Telefon, ich nahm den Hörer ab, doch die Leitung war tot.

An der Wand dahinter hingen leicht gewellte Postkarten von Capri, Mallorca und auch aus Thailand.