Love at third sight - Sarah Glicker - E-Book

Love at third sight E-Book

Sarah Glicker

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Beschreibung

Ich bin das, was man als einen Frauenheld bezeichnen kann. Doch schon einige Wochen habe ich keine Lust mehr auf oberflächliche Beziehungen, denn es gibt da eine Frau, die es jedes Mal schafft, mich herauszufordern. Allerdings weiß ich, dass eine Beziehung zwischen uns nicht sein darf. Schließlich ist sie die beste Freundin meiner kleinen Schwester. Doch ein Abend verändert schließlich alles.

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Sarah Glicker

Love at third sight

Mike´s Story

Inhaltsverzeichnis

Impressum

1

Nur mit einem Handtuch, welches meinen Körper verdeckt, betrete ich das Zimmer und werfe dabei einen prüfenden Blick auf die Uhr. Noch habe ich eine halbe Stunde Zeit, bis Mike mich abholt. Und auch dann werde ich sicher noch ein paar Minuten haben, denn mein Dad fängt ihn meistens ab, um sich mit ihm zu unterhalten. Und ehrlich gesagt bin ich darüber froh.

Mike und ich sind nicht gerade dafür bekannt, dass wir sonderlich gut miteinander auskommen. Ich bin über jede Sekunde dankbar, die ich nicht mit ihm verbringen muss und ich wette, dass es ihm auch so geht. So ist das schon seit der Junior High und es wird sich wohl auch nicht mehr ändern. Dafür sind wir beide zu unterschiedlich, und zwar in allen Dingen.

Doch heute werden wir mehr als genug Zeit zusammen verbringen müssen, schließlich werden wir nach Flagstaff fahren, um seine Schwester zu besuchen, die auch meine beste Freundin ist.

Seufzend gehe ich barfuß über den dicken Teppich meines Zimmers auf das Bett zu. Darauf liegen bereits der geöffnete und gepackte Koffer und die Klamotten, die ich auf der Fahrt tragen will.

Meine Augen wandern zu dem großen Spiegel, der am Fußende hängt, während ich mir eine Strähne meiner langen braunen Haare aus dem Gesicht streiche. Ich habe mich für so wenig Make-up wie möglich entschieden, weil ich niemanden beeindrucken muss. Da ich aber mit Mike unterwegs bin, konnte ich es mir nicht ganz verkneifen, darauf zu verzichten.

Ich würde nicht sagen, dass er oberflächlich ist. Aber ich kenne ihn und weiß, dass er sich den einen oder anderen Kommentar deswegen nicht verkneifen könnte. Und damit ich erst gar nicht Gefahr laufe, mich mit ihm deswegen zu streiten, sorge ich lieber vor.

Ich bin so in Gedanken vertieft, dass ich nichts mehr von dem mitbekomme, was um mich herum passiert.

„Weib!“, dröhnt die tiefe und laute Stimme von Mike im nächsten Moment durch das Haus.

Erschrocken zucke ich zusammen und lasse dabei das Höschen fallen, das ich mir gerade gegriffen habe. Ich habe gar nicht gehört, wie die Klingel betätigt wurde.

Um mich zu vergewissern, dass ich mich nicht vertan habe, kontrolliere ich nochmal die Uhrzeit. Er ist eindeutig zu früh, was bei ihm sonst nie vorkommt. Normalerweise gehört er zu den Leuten, die immer zu spät irgendwo sind. Da der Sekundenzeiger sich aber bewegt, kann ich aber davon ausgehen, dass sie nicht stehengeblieben ist.

„Oh Mann“, murmle ich leise vor mich hin.

„Bist du fertig?“, höre ich ihn in der nächsten Sekunde rufen.

Seufzend bücke ich mich, um meinen Tanga wieder aufzuheben und hineinzuschlüpfen.

„Danke, Dad“, murmle ich.

Mike ist eine Naturgewalt, die man nur überleben kann, wenn man sich darauf einstellt, dass sie über einen hinwegfegen wird. Und genau das kann ich nun nicht. Dabei hätte ich diese Zeit eigentlich gebraucht.

„Jo“, erklingt erneut die Stimme von Mike und reißt mich aus meinen Gedanken. „Bekomme ich keine Antwort?“

Bei seinen Worten kann ich mir vorstellen, wie er genervt die Augen verdreht.

Mittlerweile kenne ich ihn gut genug, um solche Dinge an seiner Stimme zu hören.

Eine Weile ist es still. Nur die leisen Stimmen von Mike und meinem Dad dringen an meine Ohren. Da er sich nun nicht mehr auf mich konzentriert, greife ich nach dem nächsten Kleidungsstück, welches auf meinem Bett liegt.

Doch noch bevor ich es anziehen kann, höre ich ihn wieder.

„Jo? Bist du überhaupt da? Ich will los!“

„Du bist zu früh!“, rufe ich nun zurück und ziehe dabei meinen BH an.

„Quatsch. Ich bin immer pünktlich. Aber du anscheinend nicht“, ruft er laut aus der unteren Etage zu mir hoch.

Idiot, fährt es mir durch den Kopf.

Mike schafft es mit den einfachsten Worten immer wieder, in mir den Wunsch zu wecken, ihm eine Bratpfanne über den Kopf zu hauen. Es gibt aber auch Tage, da darf es ruhig etwas Schwereres sein, wie zum Beispiel das Bügeleisen meiner Mutter.

Lindsay hat mir schon ein paarmal gesagt, dass ich endlich ruhiger werden soll. Bis jetzt hat es aber noch nicht so wirklich funktioniert. Schon gar nicht, wenn ihr Bruder in der Nähe ist. Er hat einfach etwas an sich, was es herausfordert, dass man sich mit ihm streitet. Auf jeden Fall finde ich das.

Doch bei dem Klang seiner dunklen Stimme richten sich meine Nackenhaare auf und mein Herz beginnt schneller zu schlagen. Ich muss ein paar Mal tief durchatmen, bis ich wieder in der Lage bin, einen vernünftigen Gedanken zu fassen.

Was …?, frage ich mich, doch ich komme nicht dazu, den Gedanken zu beenden. In diesem Moment bin ich einfach zu verwirrt.

Was für eine seltsame Reaktion auf Mike. Ich weiß nicht, was auf einmal mit mir los ist, aber ich weiß, dass es nicht gut ist, wenn ich mich in seiner Gegenwart so verhalte.

Ich kann nicht verhindern, dass meine Ohren sich neugierig spitzen, als ich die beiden Männer erneut reden höre. Sie sind jedoch so weit entfernt, dass ich nichts verstehen kann.

Es ist kein Geheimnis, dass Mike und mein Dad sich gut verstehen. Es gab eine Zeit, in der habe ich mich mehr als einmal gefragt, wieso das der Fall ist. Meine Mutter hat mir irgendwann erzählt, dass mein Dad genauso war wie Mike, als sie sich kennengelernt haben. Angeblich hat mein Vater sich damals für sie geändert. Allerdings kann ich das nicht so ganz glauben. Ich kann mir meinen Vater nicht als Weiberhelden vorstellen.

Vielleicht ist das aber auch besser so, er ist schließlich mein Dad.

Außerdem ändern Typen wie Mike sich nicht, egal für wen. Und schon gar nicht für eine Frau. Sie lieben ihr Leben viel zu sehr, als dass sie wirklich auf jemand anderen Rücksicht nehmen würden.

Und Mike ist noch mal eine ganz andere Klasse. Er schläft nie nur mit einer einzigen Frau. Nein, dieser Mann braucht gleich zwei, drei oder noch mehr auf einmal in seinem Bett. Wieso das so ist, weiß ich nicht. Mir ist diese Frage zwar oft durch den Kopf gegangen, bis jetzt habe ich es jedoch vermieden, sie ihm zu stellen. Und das vor allem aus dem Grund, weil ich es eigentlich gar nicht so genau wissen will.

Nach wenigen Sekunden lausche ich ein zweites Mal, doch ich kann nun nichts mehr hören. Alles ist ruhig im Haus, so dass ich kurz das Gefühl habe, ich wäre alleine. In mir regt sich die Hoffnung, dass mein Vater und Mike nach draußen gegangen sind oder sich sonst wohin verzogen haben. Doch bevor ich mich darüber freuen kann, wird sie schon wieder zerstört. Auf der Holztreppe ertönen laute Schritte.

Je näher sie kommen, desto lauter werden die schlurfenden Geräusche. Ich brauche nicht darüber nachzudenken, um zu wissen, wer sich mir gerade nähert. Mike ist der einzige, den ich kenne, der schwere Stiefel trägt. Und das bei den Temperaturen, die in Las Vegas herrschen.

Mir ist klar, dass er nur hochkommt, um mich zu ärgern, aber ich beschließe, dass ich nicht darauf eingehen werde. Seelenruhig drehe ich mich wieder meinem Bett zu. Während ich mich weiter anziehe, kann ich hören, wie er langsame Schritte auf den Fliesen macht und näher kommt, bis er schließlich stehenbleibt.

„Wie lange soll ich noch auf dich warten?“, ruft er durch die geschlossene Tür hindurch. Ich erkenne die Ungeduld in seiner Stimme, was mich belustigt grinsen lässt. „Ich wollte heute noch ankommen und nicht erst nächstes Jahr.“

Bei seinen Worten halte ich kurz in der Bewegung inne und starre auf den Durchgang. Am liebsten würde ich hinausstürmen und ihm die Meinung sagen, aber das kann ich mir gerade noch verkneifen. Stattdessen atme ich einmal tief durch und versuche mich dabei wieder etwas zu beruhigen.

„Wenn du zu blöd bist, um die Uhr zu lesen, kann ich das auch nicht ändern. Eigentlich solltest du alt genug sein, um die Zeiten auseinanderhalten zu können“, gebe ich so ruhig wie möglich von mir.

Ich kann mir denken, dass er genau weiß, wie es gerade in mir aussieht, denn sonst würde er das nicht machen. Mike hat eine Art an sich, der ich noch nie ausweichen konnte. Er zwingt mich förmlich dazu, dass ich mich mit ihm streite.

In den letzten Jahren war mir das ziemlich egal. Wir haben uns gestritten und sind danach wieder getrennte Wege gegangen. Doch heute wird das nicht so leicht werden.

„Aber da du das anscheinend nicht kannst, muss ich wohl davon ausgehen, dass du auch bei ein paar anderen Dingen hinterherhinkst.“

Sein heiseres Lachen dringt zu mir durch. Auf diese Weise will er mir zeigen, dass er mir überlegen ist. Er weiß aber, dass das Wunschdenken ist. Dafür habe ich ihm schon zu oft bewiesen, dass ich keine Angst davor habe, ihm die Stirn zu bieten. Schließlich bin ich keine seiner Miezen, die sich ihm an den Hals werfen, um die Nacht mit ihm zu verbringen.

„Warum hast du mir das angetan?“, frage ich leise und meine damit meine Freundin.

Ich weiß nicht, wieso ich mich darauf eingelassen habe, ausgerechnet mit ihm dorthin zu fahren. Eigentlich hätte ich auch meinen eigenen Wagen nehmen können, was für meine Nerven einfacher gewesen wäre. Entspannt hinfahren, ohne sein Gelaber, und entspannt zurückfahren, ebenfalls ohne sein Gelaber. Aber Lindsay hat es hinter meinem Rücken so eingefädelt, und da ich mich nicht mit ihr streiten wollte, habe ich mich meinem Schicksal gefügt. Nun werde ich allerdings die nächsten vier Stunden mit ihrem großen Bruder eingesperrt in einem Auto aushalten müssen.

„Ich bin nicht zu blöd, um eine Uhr zu lesen“, gibt er nun lachend von sich. „Und auch nicht, um andere Dinge zu unterscheiden.“

Manchmal habe ich das Gefühl, als würde er sich mit Absicht so anstellen – um mich auf die Palme zu bringen.

Wenn er sich in Gegenwart seiner Gespielinnen auch so benimmt, frage ich mich, wieso sie sich auf ihn einlassen, schießt es mir durch den Kopf. So verzweifelt können nicht einmal die sein. Oder vielleicht merken sie es auch erst, wenn es bereits zu spät ist.

Doch kaum habe ich den Gedanken beendet, erscheint vor meinem inneren Auge ein Bild seines besten Stücks. Ich habe es noch nie wirklich gesehen, aber in meiner Fantasie nimmt es Gestalt an.

Ich denke, das ist eher der Grund, weshalb sie bei ihm bleiben und nicht sofort abhauen. Denn spätestens, wenn er den Mund aufmacht, machen ihn die Worte, die er von sich gibt, unattraktiv.

„Scheiße“, murmle ich leise vor mich hin und schüttle den Kopf, um das Bild wieder loszuwerden.

Doch so ganz gelingen will es mir nicht. Es verschwindet einfach nicht, wofür ich mir am liebsten in den Hintern treten würde.

Noch nie habe ich auch nur einen einzigen Gedanken daran verschwendet, wie Mike nackt aussieht, und dass es ausgerechnet jetzt passieren muss, hilft mir nicht. Um genau zu sein, hätte mein Gehirn sich keinen schlechteren Zeitpunkt aussuchen können. Obwohl, wenn ich es mir recht überlege, gibt es wahrscheinlich keinen richtigen Moment.

„An deiner Stelle würde ich das auch sagen“, antworte ich nun.

Meine Stimme ist laut genug, dass ich mir sicher sein kann, dass er mich auf jeden Fall hört. Vielleicht hilft es mir ja, wenn ich mich wieder auf unsere Unterhaltung konzentriere. Ich möchte vermeiden, dass er merkt, woran ich gedacht habe, wenn ich nichts sage.

„Wahrscheinlich trägt er auch diese riesige Protzuhr nur, um Frauen klarzumachen. Die meisten Weiber stehen doch darauf, wenn sie denken, dass der Typ Geld hat“, flüstere ich vor mich hin.

Automatisch habe ich wieder sein glückliches Gesicht vor Augen, das er letzte Woche aufgesetzt hat, als er die neue Uhr angeschleppt hat. Alleine die Erinnerung daran reicht aus, dass ich noch immer ungläubig den Kopf schüttle.

„Ich weiß, woran du gerade denkst, und ich weiß, dass du sie eigentlich schön findest. Wie könnte man das auch nicht?“

„Oh Mann“, entfährt es mir laut, wobei ich den genervten Ton in meiner Stimme nicht verbergen kann. Aber das will ich auch nicht. Mike kann ruhig wissen, dass er mir jetzt schon auf die Nerven geht. Wahrscheinlich kann er sich das auch denken.

„Brauchst du noch lange? Ich will endlich los.“

Seine Stimme klingt so ungeduldig, dass ich mir vorstelle, wie er von einem Fuß auf den anderen tritt. Wie ein kleines Kind, das auf die Toilette muss. Dieser Gedanke sorgt dafür, dass sich meine Laune ein wenig hebt und ich sogar grinsen muss.

Damit mir kein verräterischer Ton über die Lippen dringt, räuspere ich mich schnell und versuche, wieder so ernst wie möglich zu werden.

„Du kannst ja alleine fahren. Da ich mein eigenes Auto habe, bin ich nicht darauf angewiesen, dass du mich mitnimmst“, erwidere ich mit fester Stimme.

„Damit ich mir dann das Geheule von meiner Schwester anhören darf? Vergiss es. Du würdest doch alleine den Weg überhaupt nicht finden“, kontert er und lacht dabei leise.

Mir liegen die Worte auf der Zunge, dass ich durchaus in der Lage bin, ein Navi zu bedienen. Doch bevor sie mir über die Lippen kommen, presse ich sie zusammen. Er macht sich einen Spaß daraus, mich auf die Palme zu bringen. Das ist Ansporn genug für mich, einfach den Mund zu halten.

Also greife ich nach meiner Uhr, meiner Kette und meinen Ohrringen, um sie mir anzulegen, bevor ich in meine Sandalen schlüpfe. In dem Moment, in dem ich meine Hand ausstrecke, um mir das Top anzuziehen, was ich ausgewählt habe, höre ich, wie die Tür geöffnet wird. Ich habe gerade noch Zeit, meinen Kopf zu heben, bevor die Tür offen steht und Mike einen Schritt nach vorne macht.

2

Erschrocken ziehe ich die Luft ein, als mir klar wird, dass ich obenrum nichts trage, außer einen BH. Und auch noch einen, der aus Spitze besteht und teilweise durchsichtig ist. Um genau zu sein: Er zeigt mehr, als er verbirgt.

Es geht alles so schnell, dass ich keine Zeit mehr habe, mir das Oberteil überzustreifen. Den Bruchteil einer Sekunde später entdeckt mich Mike.

Dies ist der Augenblick, in dem ich unfähig bin, mich zu bewegen.

Ich brauche eine Sekunde, bis ich verarbeitet habe, dass Mike vor mir steht. Doch selbst dann erscheint es mir so, als würde diese Situation nicht stattfinden. Ich muss mehrmals tief durchatmen, bis ich in der Lage bin, einen herausfordernden Gesichtsausdruck aufzusetzen, der ihn in seine Schranken weist. Auf diese Weise will ich ihm zu verstehen geben, dass er sich gefälligst umdrehen oder, noch besser, ganz verschwinden soll.

Mike macht aber keine Anstalten, sich abzuwenden, er sieht nicht einmal an mir vorbei. Stattdessen betrachtet er mich mit einem Blick, den ich nicht deuten kann. Ich bin mir aber auch nicht sicher, ob ich es wirklich will.

Auf meiner Haut breitet sich ein merkwürdiges Kribbeln aus, welches es mir erschwert zu denken. Ich rufe mir in Erinnerung, dass Mike ein Idiot ist. Das ändert dennoch nichts daran, dass mir immer heißer wird, je länger er dort steht.

Stumm stehe ich vor ihm, während er mich ansieht, als wolle er sich jeden Zentimeter meines Körpers einprägen. Das ist allerdings ein Punkt, den ich für unwahrscheinlich halte.

Ich weiß, dass er oft Frauen im Bett hat, von denen jede so aussieht, als hätte sie gerade erst einen Modelvertrag unterschrieben. Er kann sich also definitiv nicht über eine Durststrecke beschweren.

Obwohl ich mir so ins Gedächtnis rufe, wieso Mike und ich nicht gerade die besten Freunde sind, ändert es nichts daran, dass ich nervös werde. Ich versuche diese Reaktion ein wenig abzumildern, indem ich mich daran erinnere, dass meine Eltern sich ebenfalls im Haus befinden. Aber nicht einmal dieser Gedanke schafft es, mir eine kalte Dusche zu verpassen. Es scheint fast so, als würde es meinen Körper überhaupt nicht interessieren.

Kurz schließe ich meine Lider, in der Hoffnung, dass er sich von mir abgewandt hat, sobald ich sie wieder öffne. Aber auch das ist nicht der Fall. Seine breite Statur steht noch immer in meiner Zimmertür. Dabei hat er die Hände in den Hosentaschen vergraben. Sein Shirt spannt sich um seine muskulösen Oberarme, was auch dafür sorgt, dass seine Tattoos mehr hervorstechen. Seine dunklen Haare stehen wirr vom Kopf ab und seine Lippen verziehen sich zu einem sexy Grinsen.

Ich komme mir vor, als wäre ich das Wasser in der Wüste und er ein Verirrter. Dabei bin ich mir sicher, dass er auf der gestrigen Party mindestens zwei Frauen klargemacht hat, die nur zu gerne mit ihm ins Bett gesprungen sind. Und genauso sicher bin ich mir, dass diese Geschichte bis heute Morgen gegangen ist. Er ist bestimmt nur kurz zu Hause gewesen, hat geduscht und seine Tasche gepackt.

Der Gedanke daran reicht, damit ich meine Sprache wiederfinde. Und mit ihr kehrt auch meine Bissigkeit zurück.

„Hast du noch nichts von Anklopfen gehört?“, frage ich ihn und ziehe dabei meine Brauen ein Stück nach oben.

Während ich spreche, stemme ich meine Hände in die Hüften, um meinen Ton zu unterstreichen. Ich habe die Hoffnung, dass Mike zumindest ein wenig schuldbewusst reagiert.

Er zeigt sich jedoch in keinster Weise beeindruckt. Stattdessen leckt er sich mit der Zunge über die Lippen, was dazu führt, dass mir heißer wird. Obwohl es nicht sein kann, kommt es mir vor, als wäre es ein paar Grad wärmer im Zimmer geworden. Vor allem habe ich das Gefühl, als wäre der Raum plötzlich wesentlich kleiner. Die Wände scheinen in den letzten Sekunden auf mich zugekommen zu sein. Gerade fehlt mir der Platz zum Atmen. Dieses Gefühl hat auch zur Folge, dass es mir so vorkommt, als wäre Mike mir näher gekommen. Und diese Erkenntnis sorgt dafür, dass mein Mund trocken wird. Ich ermahne mich selbst, dass ich ihm den Rücken zudrehen sollte, um mich weiter anzuziehen. Aber ich schaffe es nicht. Aus irgendeinem Grund wollen meine Beine nicht das Gleiche wie mein Kopf.

Um besser atmen zu können, öffnet sich mein Mund ein Stück. Trotzdem kommt es mir vor, als würde kaum Sauerstoff in meinen Lungen ankommen. Um mich herum verschwimmt alles, je länger wir hier so stehen. Nur ihn kann ich noch klar erkennen, was für mich ein Zeichen ist, dass ich in großen Schwierigkeiten stecke.

Verdammt großen Schwierigkeiten!

Er sorgt dafür, dass irgendetwas in mir wach wird, von dem ich nicht einmal angenommen habe, dass es existiert. Ich muss zugeben, dass ich das warme Gefühl mag, was sich in mir ausbreitet, obwohl mir klar ist, dass Mike der Auslöser ist. Und diese Tatsache macht mir Angst.

Wir streiten und vertragen uns, mehr oder weniger. Wobei wir die meiste Zeit des Tages kein vernünftiges Wort miteinander sprechen. Wir sind allerdings häufig dazu gezwungen, Zeit miteinander zu verbringen, weil meine beste Freundin Lindsay Mikes Schwester ist.

Wir vermeiden es jedoch, alleine Zeit zusammen zu verbringen. Vor allem, seitdem Lindsay nicht mehr in Las Vegas wohnt, versuche ich so wenig wie möglich mit ihm zu tun zu haben. Deswegen wäre ich auch nie auf die Idee gekommen, mit ihm alleine nach Flagstaff zu fahren.

Es dauert ein paar Sekunden, bis ich in der Lage bin, wieder einen klaren Gedanken zu fassen.

„Darf ich mich jetzt in Ruhe fertig machen? Nachdem du mich ja nun ausführlich betrachtet hast. Oder soll ich noch eine Runde für dich strippen?“, frage ich ihn herausfordernd.

Bitte, lass ihn nicht bemerkt haben, wie nervös ich auf seine Anwesenheit reagiere, fährt es mir durch den Kopf. Vor allem hoffe ich, dass er nicht auf meinen Scherz eingeht.

Er macht jedoch den Anschein, als würde er tatsächlich darüber nachdenken. Eigentlich war ich mir sicher, dass er nicht darauf eingeht, da ich nicht der Typ Frau bin, auf den er normalerweise steht. In diesem Moment bin ich mir da aber nicht mehr so sicher.

Ein hinterhältiges Grinsen hat sich auf seine Gesichtszüge geschlichen. Da er mich noch nie so betrachtet hat, weiß ich nicht, wie ich darauf reagieren soll.

„Wenn du das unbedingt willst, werde ich dich mit Sicherheit nicht aufhalten. Aber erwarte nicht, dass ich dir Geld dafür zahle. Das habe ich nämlich noch nie getan.“

Autsch, schießt es mir durch den Kopf, während seine Worte langsam bei mir ankommen.

Ich frage mich sogar, ob er das wirklich gesagt hat, oder ich mir vor allem die letzten beiden Sätze nur eingebildet habe. Als ich in seine Augen schaue, die amüsiert funkeln, erkenne ich jedoch, dass er das wirklich gesagt hat.

Wahrscheinlich hat er es nicht einmal darauf angelegt, dennoch hat er mir mit diesen wenigen Sätzen eine kalte Dusche verpasst. Einen Moment bin ich sprachlos. So sehr ich es mir auch wünsche, mir fällt einfach nichts ein, was ich darauf erwidern kann.

Stocksteif stehe ich vor ihm und versuche verzweifelt meine Gedanken zu sortieren.

„Schade“, murmelt er.

Dieses eine Wort reicht aus, dass ich sauer werde.

„Falls du es nicht gemerkt hast, das war ein Scherz“, erkläre ich. Dabei lasse ich keinen Zweifel daran, dass ich seine Worte für unnötig halte.

„Hmmm“, brummt er nur leise vor sich hin.

Seine tiefe Stimme geht mir durch Mark und Bein. Sogar meine Brustwarzen richten sich ein wenig auf, was er durch den dünnen Stoff meines BHs auch bestens erkennen kann.

„Was?“, frage ich ihn.

„Nichts. Ich warte unten auf dich“, erklärt er mir nun, dreht sich aber trotzdem nicht um, um das Zimmer zu verlassen.

Irgendwie gefällt es mir, von ihm so beobachtet zu werden, und das macht die Sache nicht einfacher.

Ich muss all meine Selbstbeherrschung zusammenkratzen, um die nächsten Worte herauszubringen.

„Mike, ich komme gleich.“

Kaum habe ich ausgesprochen, erscheint ein freches Grinsen auf seinem Gesicht.

„Ich bin gut, doch ich habe nicht gewusst, dass ich so gut bin.“

Schlagartig wird mir klar, was ich gerade gesagt habe. Ich spüre, wie mir das Blut ins Gesicht schießt. Mein Herz setzt ein paar Schläge aus, so dass sich mein Mund ein Stück öffnet, damit ich besser Luft bekomme. Allerdings bringt das nichts. Ich muss mich förmlich dazu zwingen, weiterzuatmen.

Um meine Reaktion zu überspielen, zeige ich ihm, dass ich sauer bin. Als sein Lachen noch etwas lauter wird, greife ich nach dem erstbesten Kissen und schleudere es in seine Richtung. Leider verfehle ich ihn, da er sich rechtzeitig aus dem Staub gemacht hat.

Mein Herz rast noch immer, als die Tür hinter ihm ins Schloss fällt.

Ich wende mich wieder meinem Bett zu.

Er ist so ein Idiot, schießt es mir durch den Kopf, während ich mir das Oberteil über den Kopf ziehe und es glattstreiche.

Ein Idiot, der mich leider etwas zu gut kennt. Diesen Punkt muss ich zugeben, auch wenn er mir nicht gefällt.

Ich brauche noch kurz, um auch die restlichen Gefühle wieder in den Griff zu bekommen. Am liebsten würde ich leugnen, was er geschafft hat. Ich weiß jedoch, dass es mir nichts bringen würde.

Ein letztes Mal atme ich tief durch, ehe ich meinen Koffer vom Bett nehme und mein Zimmer verlasse. Als ich den oberen Flur entlanggehe, höre ich von unten keine Stimmen. Da ich weiß, dass dies nichts zu bedeuten hat, verdränge ich meine Freude darüber, dass ich noch ein paar Sekunden habe, ehe Mike mir wieder auf die Nerven geht. Allerdings bin ich mir sicher, dass dies auch keinen Unterschied mehr machen.

Nachdem ich die Treppen hinuntergegangen bin, bleibe ich auf der letzten Stufe stehen und lausche noch einmal. Aber auch hier kann ich weder meine Eltern noch Mike hören.

„Mom? Dad?“, rufe ich in das stille Haus hinein. „Ich fahre jetzt!“

„Warte“, höre ich kurz darauf die Stimme meiner Mutter.

Eilig kommt sie aus der Küche und verschwindet im Abstellraum, der auf der anderen Seite des Flures liegt. Es dauert ein paar Sekunden, aber schließlich erscheint sie mit ein paar Tüten in den Händen wieder auf der Bildfläche.

„Was ist das?“, frage ich sie und zeige dabei auf die vollgestopften Taschen.

„Das ist alles für Millie. Ich kann einfach nicht anders. Wenn ich etwas süß finde, muss ich es ihr einfach kaufen.“

„Mom“, stöhne ich. „Ich glaube, Lindsay und Sean haben mittlerweile genug Sachen für die nächsten Jahre. Das macht aber nicht den Eindruck, als wärst du durch Zufall daran vorbeigelaufen.“

Während ich spreche deute ich auf die Taschen, die so voll mit Kindersachen sind, dass meine Mutter sie kaum in den Händen halten kann.

„Man kann nie genug haben“, wirft sie mit energischer Stimme ein. „Außerdem freue ich mich einfach so sehr, vor allem für Lindsay. Ich weiß, wie schwer sie es hatte, nachdem sie die Diagnose damals bekommen hat. Sie hatte sich so sehr ein Kind gewünscht und dann, als sie dachte, dass es nicht mehr passieren wird, hat sich alles zum Guten gewendet.“

Obwohl sich ein paar Meter zwischen meiner Mutter und mir befinden, kann ich erkennen, dass sie Tränen in den Augen hat. Lindsays Stiefmutter, meine Mutter und mich hat die Nachricht damals genauso sehr mitgenommen wie Lindsay selbst. Zu erfahren, dass die beste Freundin wahrscheinlich niemals Kinder bekommen wird, ist nicht einfach.

Die Erinnerung an die Wochen und Monate sorgt dafür, dass ich sofort ein schlechtes Gewissen bekomme.

„Okay“, murmle ich deswegen nur und nehme ihr die Taschen ab.

Meine Mom lächelt mich an.

„Und bestell ihr schöne Grüße von uns“, ertönt nun die Stimme meines Vaters hinter mir. „Wir werden in drei Wochen mal vorbeischauen, sobald wir in den Urlaub fahren. Wir fahren ja eh dort vorbei, dann können wir auch einen Abstecher machen.“

„Das werde ich machen.“

„Ich wünsche dir viel Spaß“, verabschiedet sich meine Mutter von mir, und mein Vater, der sich neben sie gestellt hat, lächelt mich an.

Ich kann nicht anders, als meine Mutter ein wenig irritiert zu betrachten. Das letzte Mal hat sie sich so von mir verabschiedet, als ich ein kleines Kind war. Doch sie geht nicht näher darauf ein, so dass ich mich umdrehe und durch die Haustür an die frische Luft trete.

Voll beladen gehe ich auf den Geländewagen von Mike zu, der in der Hofeinfahrt steht. Sein Besitzer hat sich lässig daran angelehnt. Ich muss zugeben, dass er wirklich heiß ist. Aber ich würde nie auf die Idee kommen, ihm das zu sagen. Das würde sein eh schon zu großes Ego weiter in die Luft katapultieren.

Er scheint gar nicht zu merken, dass ich näher komme, denn er tippt auf dem Smartphone herum, das er in der Hand hält.

„Hier“, erkläre ich und reiche ihm dabei die Tüten.

Kurz sieht Mike sie an, bevor er wieder seinen Kopf hebt.

„Du weißt schon, dass wir nur für ein paar Tage fahren und nicht für ein Jahr, oder?“, fragt er mich mit einem belustigten Ton in der Stimme.

„Die Sachen sind nicht für mich“, murmle ich ihm und gehe auf den Kofferraum zu.

„Und für wen dann?“

„Meine Mom war der Meinung, dass du dich endlich mal deinem Alter entsprechend kleiden sollst.“

Während ich spreche, beobachte ich ihn genau, um seine Reaktion nicht zu verpassen. Ein paar Sekunden schaut er mich an, doch schließlich senkt sich sein Kopf und er betrachtet die Klamotten in den Taschen.

Ich kann nicht anders, ich muss einfach lachen.

„Die Sachen sind für Millie“, kläre ich ihn auf.

„Etwa alles?“

„Ich weiß, was dir gerade durch den Kopf geht, doch ich kann dir sagen, dass ich damit nichts zu tun habe.«

„Dafür wird Lindsay damit viel zu tun haben“, flüstert er und schüttelt den Kopf.

„Wieso?“

Mike sagt nichts, sondern betrachtet mich einfach. Nach wenigen Sekunden stößt er sich vom Auto ab und dreht sich herum, um den Kofferraum zu öffnen. Was ich darin entdecke, verschlägt mir die Sprache. Im Auto liegen noch mehr Tüten und Kartons, die voll bis oben sind.

„Was soll ich sagen? Deine Mom ist nicht die Einzige, die einen Narren an Millie gefressen hat.“

Mit diesen Worten stellt er die Taschen meiner Mutter dazu und wirft den Koffer auf seinen.

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, gehe ich auf die Beifahrerseite und steige ein.

„Willst du die ganze Fahrt über schweigen, oder werde ich zwischendurch etwas von dir zu hören bekommen? Nicht, dass es mich stört, ich will mich nur darauf vorbereiten.“

Ich bin seit unserer Abfahrt so sehr in meine Unterlagen für die Abschlussprüfungen in Erziehungswissenschaften versunken, dass ich zusammenzucke, als die Stimme von Mike an meine Ohren dringt. Schnell hebe ich meinen Kopf und drehe mich in seine Richtung.

Mike hingegen beachtet mich überhaupt nicht, so dass ich mich kurz frage, ob ich nur geträumt habe. Er hat die rechte Hand an das Lenkrad gelegt, während die linke aus dem geöffneten Fenster hängt.

Konzentriert starrt er auf die Straße und macht dabei keine Anstalten, in meine Richtung zu schauen.

Ich muss zugeben, dass ich seinen Anblick in mir aufsauge. Er lässt meinen Mund trocken werden. Seine Arme sind angespannt, so dass man unter seinem engen Shirt die Muskeln erkennen kann, die er sich in den letzten Jahren antrainiert hat. Aber von einem ehemaligen Sportstudenten erwartet man auch nichts anderes.

Schnell rufe ich mir in Erinnerung, dass es Mike ist, und ich deswegen nicht so empfinden dürfte. Immer wieder sage ich mir im Kopf, dass er ein Spinner ist. Doch es bringt nichts. Dabei bin ich immer jemand gewesen, der sich im Griff hat.

Irgendetwas ist jedoch vorhin in meinem Zimmer passiert, was ich nicht genau benennen kann. Es ist fast so, als hätten wir eine unsichtbare Grenze überschritten. Aber wirklich sicher bin ich mir nicht.

Um mich auf andere Gedanken zu bringen, atme ich tief durch und konzentriere mich auf die Worte, die gerade aus seinem Mund gekommen sind.

„Ich würde mich ja mit dir unterhalten. Nur kommt aus deinem Mund nichts Gescheites heraus. Außerdem kann man bei diesem Krach kein Gespräch führen“, kontere ich schließlich.

Als Mike sich kurz in meine Richtung dreht, ziehe ich meine Stirn ein wenig kraus, um meine Worte zu unterstreichen. Doch bevor er sich von mir abwenden kann, drehe ich mich wieder nach vorne und betrachte ebenfalls die Straße.

Seit einer Stunde sind wir nun schon unterwegs. Und in dieser Zeit hat er jedes Lied, was mit einer ohrenbetäubenden Lautstärke aus seinen Boxen kam, ebenso laut mitgesungen. Falls man das überhaupt singen kann. Denn eigentlich ist es nur irgendein Sprechgesang beziehungsweise Geschrei.

Es dauert ein paar Sekunden, doch schließlich bemerke ich, wie Mike das Lenkrad mit der anderen Hand festhält und die Anlage leiser dreht. Sofort hören meine Ohren auf zu klingeln und die Kopfschmerzen, die sich gemeldet hatten, verschwinden wieder.

Fast schon ein wenig überrascht, da ich damit nicht gerechnet habe, schaue ich ihn an, als ich meinen Kopf wieder ein Stück zu ihm drehe.

„Du kennst diesen Knopf also doch“, kommt es mir über die Lippen, ehe ich es verhindern kann.

„Und du kannst offensichtlich doch deinen Mund aufmachen. Ich dachte schon, du würdest dir vorstellen, wie es wohl wäre, wenn du für mich strippst“, gibt er zurück und grinst mich dabei frech an.

Diese wenigen Worte reichen aus, um die positive Wirkung, die er noch vor wenigen Sekunden auf mich hatte, verschwinden zu lassen. Anstatt mir vorzustellen, wie es wäre, mich an ihn zu lehnen, wünsche ich ihm die Pest an den Hals.

„Wahrscheinlich stellst du dir das selbst vor. Denn wir wissen ja beide, mein Lieber, neben mir würden deine reizenden Freundinnen verblassen“, gebe ich in einem spitzen Ton von mir.

Mir ist klar, dass ich mich wahrscheinlich etwas großspurig anhöre, aber das ist mir egal. Genauso wie es mir egal ist, dass ich ihm noch mehr Zündstoff gebe.

Mike versteht leider nur diese eine Sprache. Und mal wieder bin ich darüber froh, dass ich in Anwesenheit eines unverschämt gutaussehenden Mannes nicht schüchtern bin.

An seinem Ausdruck merke ich, dass meine Worte bei ihm angekommen sind. Sie haben ihre Wirkung eindeutig nicht verfehlt. Normalerweise vermeide ich es, direkt über diese Mädels zu sprechen. Dass ich es nun doch gemacht habe, wirft ihn anscheinend aus der Bahn. Auch, wenn es nur für einige Sekunden ist, denn es dauert nicht lange, bis ich sehen kann, wie er tief Luft holt.

„Meine sogenannten ‚Freundinnen’ sind reizend. Vor allem sind sie zu jeder Schandtat bereit.“ Seine Stimme hat einen Ton angenommen, bei dem ich ganz genau weiß, was ihm gerade durch den Kopf geht.

„Wenn sie mit dir schlafen, müssen sie nicht normal im Kopf sein. Was auch erklärt, wieso sie den ganzen anderen Mist mitmachen.“

Eine Weile ist es ruhig zwischen uns. Mike gibt keinen Kommentar dazu ab, so dass ich hoffe, dass er es sein lässt. Als ich mir schon sicher bin, dass er nichts mehr sagen wird, öffnet er den Mund.

„Wenigstens habe ich Frauen.“

„Meinst du, dass ich darauf stehe?“, frage ich ihn.

„Ich spiele bei dir eher auf die Männer an.“

Kaum hat er ausgesprochen, verschwindet meine gute Laune. Mein gesamter Körper spannt sich an. Ich habe Mike schon immer Vorhaltungen gemacht, wegen seines Sexlebens. Bis zu diesem Zeitpunkt hat er jedoch noch nie etwas Derartiges zu mir gesagt. Und ehrlich gesagt war ich immer froh darüber.

Ich brauche einen kurzen Moment, bis ich mich gefangen habe.

„Woher willst du wissen, dass ich keine Beziehungen habe?“, erkundige ich mich. Dabei hoffe ich, dass er meine Reaktion nicht mitbekommen hat.

Für den Bruchteil einer Sekunde schaut er in meine Richtung, ehe er sich wieder auf die Straße konzentriert.

„Ich kann mich nicht daran erinnern, wann du das letzte Mal mit einem Mann auf einer Party warst.“

„Falls es dir noch nicht aufgefallen ist, aber ich gehe in der letzten Zeit nur selten feiern“, werfe ich ein.

„Auch das ist mir nicht entgangen. Um genau zu sein, seitdem du dich von dieser Flachpfeife getrennt hast, mit der du kurz zusammen warst.“

Mir wird schwindelig von all den Worten, die in meinem Kopf herumschwirren. Ich überlege sogar, ob ich mich auf irgendeine Art und Weise rechtfertigen soll. Aber dann müsste ich über diese Beziehung sprechen und das geht ihn nichts an. Je schneller wir uns von diesem Thema entfernen, desto besser.

„Ich habe irgendwie das Gefühl, dass du auch gar keine Lust auf Männer hast. Das Naheliegendste wäre also, dass du das Ufer gewechselt hast. Und das wäre heiß.“

Irritiert über seine Worte schaue ich ihn an.

„Vielleicht würde es dir dabei helfen, deine Fantasie im Rahmen zu halten, wenn du ein wenig auf Sex verzichten würdest. Du könntest dich auf andere Dinge konzentrieren“, erwidere ich.

Er betrachtet mich, als würde er mich für bescheuert erklären wollen. Allerdings meine ich das ernst.

„Und nur, weil ich es nicht an die große Glocke hänge, heißt das nicht, dass ich keine Beziehungen habe. Ich bin ja nicht du.“

Meine Stimme klingt zwar fest und lässt keinen Zweifel daran, dass ich meine Worte genau so meine, aber in meinem Inneren sieht es anders aus.

---ENDE DER LESEPROBE---