Love & Bullets - Nick Kolakowski - E-Book
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Love & Bullets E-Book

Nick Kolakowski

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Beschreibung

Bill ist ein smarter Dandy, der vom Stehlen und Betrügen einfach nicht lassen kann. Sein Luxusleben, die schicken Autos, High-End-Uhren und Designerklamotten kosten schließlich auch einen Haufen Kohle. Nur mit Gewalt hat er es nicht so. Fiona hingegen hat mit Gewalt nicht wirklich ein Problem und geht dabei effektiv und ziemlich robust vor. Fiona und Bill sind das ideale Liebespaar.

Als sich Bill von einem New Yorker Gangster-Syndikat ein paar Millionen »borgt«, was er wohl lieber hätte bleiben lassen sollen, müssen die beiden fliehen wie weiland Bonnie & Clyde. Die rasante Jagd führt durch die amerikanischen Provinzen, wo irre Sheriffs lauern, in die Karibik, wo man sich nicht auch nur eine Sekunde lang sicher fühlen darf, und zurück nach New York City, wo schon die richtig harten Jungs vom Mob auf die beiden warten, die sich einmal mehr fragen müssen, wie sie aus dieser Nummer wieder rauskommen ...

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Seitenzahl: 473

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Ähnliche


Nick Kolakowski

Love

&

Bullets

Thriller

Aus dem Amerikanischen von Stefan Lux

Herausgegeben von Thomas Wörtche

Suhrkamp

Erster Akt

Brutale Trottel mit gebrochenem Herzen

1.

Hören Sie zu.

Irgendwann kommt der Punkt, da schaut ein armer Trottel Sie an und sagt: »Das ist der schlimmste Tag meines Lebens.«

Aber solange man noch genug Luft hat, um diese Worte auszusprechen, ist es nicht der schlimmste Tag. Man ist noch nicht am tiefsten Punkt angelangt, geschweige denn, dass man schon zu schaufeln begonnen hätte. Man kann auch aus einem Autowrack noch entkommen, oder wenn beim Röntgen der Lunge ein furchteinflößender Schatten entdeckt wurde oder wenn man die eigene Frau mit dem gut ausgestatteten Quarterback der örtlichen Highschool im Bett erwischt hat. Um Probleme zu lösen, die vermeintlich das Ende der Welt bedeuten, braucht es manchmal nur Zeit und Sorgfalt. Oder etwas Bargeld. Oder eine Schaufel und ein paar Müllsäcke.

Andererseits: Wenn Sie mich kommen sehen, garantiere ich Ihnen, dass es Ihr schlechtester Tag ist. Und nicht zu vergessen Ihr letzter.

Lassen Sie mich Ihnen zeigen, wie schlimm es werden kann. Wie tief das Loch reicht. Und sollte Ihr bescheuerter Freund – wenn Sie gemeinsam zuschauen, wie sein Haus samt den geliebten Tieren und der einzigartigen Pornosammlung abbrennt – mal wieder etwas vom schlimmsten Tag faseln, dann erzählen Sie ihm diese Geschichte. Vielleicht hält er dann die Klappe.

Ich will Ihnen von Bill erzählen, meinem letzten Kunden.

2.

Bill erwachte, wie es halt manchmal so läuft: mit dem Kopf nach unten über einer Grube baumelnd, die Fußgelenke mit schweren Ketten umwickelt, brennende Schweißtropfen in den Augen und ein Kopf, der pochte wie ein absterbender Zahn. Irgendwo in der Nacht hörte er einen Hund bellen, und ein gedämpftes Rauschen, vermutlich die Interstate. Das einzige Licht kam von einer nackten gelben Glühbirne an einem Wellblechschuppen tief unter ihm.

War er jemals in einer gefährlicheren Lage aufgewacht? Bill zerbrach sich den Kopf und erinnerte sich an eine Situation vor rund fünf Jahren, als er die Augen geöffnet und in beide Läufe einer Schrotflinte Kaliber .12 geschaut hatte. Ein gehörnter Ehemann hatte mit zitternden Händen auf ihn angelegt. (Nur Bills unglaubliches Talent zum Schwafeln hatte ihn mit bleifreien Eingeweiden aus der Situation herauskommen lassen.) Und an den Tag, als er hinter dem Steuer eingedöst war und den Wagen in einen Graben gesetzt hatte. Das Knirschen von Metall hatte ihn gerade geweckt, als das Lenkrad ihn gleich wieder bewusstlos schlug. Die Narbe am Kinn hatte er bis heute.

Trotz allem war seine augenblickliche Lage ein Goldmedaillenanwärter für das Beschissenste Aufwachen aller Zeiten. Seine hinter dem Rücken gefesselten Arme kribbelten wegen der schlechten Durchblutung. Die um seine Beine gewickelte Kette hatten die Typen mit einem riesigen Schloss gesichert, das selbst dann schwer zu knacken gewesen wäre, wenn er das entsprechende Werkzeug gehabt und weit genug nach oben hätte greifen können, um es zu erreichen.

Er wandte den Kopf von der Glühbirne ab, damit seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnten. Knapp fünfzehn Meter unter ihm war die Grube prallvoll mit riesigen, scharfkantigen Umrissen; das matte Mondlicht schimmerte silbern auf dem gekrümmten Glas einer Windschutzscheibe. Sollte er dort hineinstürzen, würde irgendein rostiges Maschinenteil ihn in ein Stück rohes Fleisch am Kebabspieß verwandeln.

»Wenigstens habe ich noch meine Klamotten an«, murmelte er in die nächtliche Brise.

»Nicht mehr lange«, erwiderte eine vertraute Stimme und lachte auf. Die Barfrau. Natürlich. Kräftig schüttelte Bill den Kopf wie einen Magic 8 Ball, bis die Erinnerungen an die jüngste Vergangenheit wieder an die Oberfläche trieben.

3.

Was kann man sich mit drei Millionen Dollar kaufen?

Einen Ferrari für jeden Wochentag.

Ein Haus, in dem man ein Megafon braucht, um sich von einer Seite des Wohnzimmers bis zur anderen verständlich zu machen, es sei denn, man lebt in New York City oder San Francisco, wo das Geld vielleicht für einen luxuriösen Einbauschrank in einem Gebäude mit Pförtner reicht.

Lebenslang Erste-Klasse-Flüge, eimerweise Champagner, Steaks von Rindern, die besser massiert und verhätschelt werden als jede Vorzeigegattin.

Mit anderen Worten: Freiheit.

Als Bill dem Rockaway-Mob die Millionen geklaut hatte, glaubte er, sich damit so viel Freiheit kaufen zu können, dass er ein für alle Mal sämtliche Sorgen los wäre. Stattdessen hatte ihn die pure Angst gepackt, und sein T-Shirt war in einem fort von Schweiß durchtränkt.

Das Einzige, was einen grausigen Tod noch verhindern konnte, war sein auf spektakuläre Weise analfixierter Fluchtplan. Jeder Vollstrecker, der die Tür seiner Wohnung eintrat, um Bills Zunge durch ein frisches Loch im Hals zu zerren, würde sich in leeren Räumen wiederfinden. Bills Lexus würde so lange auf der Ocean Avenue geparkt bleiben, bis die Stadtverwaltung ihn abschleppte. Nicht mal seine Freundin hatte den geringsten Schimmer, dass er abhauen wollte.

In einem gebrauchten hellgrünen Kabrio, für das er bar bezahlt hatte, fuhr Bill Richtung Südwesten. In seiner Brieftasche befanden sich mehrere Kreditkarten mit gestohlenen Identitäten und im Kofferraum eine Segeltuchtasche voller Zwanzig-Dollar-Scheine. Das Papiergeld würde seine Ausgaben decken, bis er sich in seinem neuen Zuhause in den Tropen niederließ. Der größere Batzen lag sicher auf einem Onlinekonto.

Während der beiden ersten Tage unterwegs hielt er nur an, um aufzutanken und sich Energydrinks zu kaufen, die nach Roboterpisse schmeckten. Er tauschte seine aus teuren Anzügen und Designerschuhen bestehende Alltagskluft gegen ein unauffälliges Outfit aus verwaschener Jeans und grauem T-Shirt. Allerdings behielt er seine Lieblingsstiefel aus Kalbsleder und Velours mit den farblich abgestimmten Nähten. Mit diesen Tausend-Dollar-Stiefeln hatte er manche Meile zurückgelegt, und wenn es nach ihm ging, durften noch einige dazukommen.

Ebenso hatte er sich geweigert, auf seine geliebte Piaget Altiplano zu verzichten, schließlich ließ die Uhr sich zu Geld machen, falls auf der Reise etwas schiefging. Beim Fahren schimmerte sie an seinem Handgelenk, und jedes Ticken des Sekundenzeigers war ein Segen. Zum ersten Mal in seinem harten Leben bot sich die Chance auf friedliche Stunden, Tage, Jahre.

Jedenfalls dann, wenn er diese kleine Fahrt quer durchs Land überlebte.

Als er am zweiten Abend schließlich ein paar Stunden Schlaf brauchte, nahm er sich ein billiges Motelzimmer, zahlte bar, schob einen Stuhl unter den Türknauf und schlief ein Ründchen in der Badewanne, die Pistole mit dem perlenbesetzten Griff in Reichweite.

Sobald er Texas erreichte, würde er sich mit seinem Kontaktmann in Verbindung setzen, El Rey, der ihn Richtung Süden nach Galveston begleiten und ihn dort auf ein Fischerboot mit Ziel Karibik setzen würde. Dort unten würde ihn, alles schon arrangiert, ein kleiner Trupp Leibwächter für kleines Geld beschützen.

Am Abend des dritten Tages, mit den verblassenden Lichtern von Tulsa im Rückspiegel, ging Bill im Kopf nochmals seine Checkliste durch: in Austin ankommen, die Nummernschilder des Wagens abschrauben und entsorgen, El Rey in einem Barbecue-Schuppen einen Block südlich des Kongresszentrums treffen.

Zumindest war das der Plan. Sein Auto hatte andere Vorstellungen. Als Bill auf siebzig Meilen pro Stunde beschleunigte, begann es zu ruckeln und zu buckeln wie ein kopfscheues Pferd. Die Anzeigen auf dem Armaturenbrett rutschten in den roten Bereich. Fluchend hämmerte Bill mit der Faust aufs Lenkrad und hielt Ausschau nach einer Ausfahrt.

Als hätte seine Panik sie herbeigerufen, tauchte in der Dunkelheit eine Reklametafel auf. »Essen Sie dieses 2-KILO-MONSTER in EINER STUNDE«, stand dort in roten Buchstaben über einem LKW-großen brutzelnden Fleischbrocken, »und SHARTLEY’S gibt es Ihnen GRATIS. Nächste Ausfahrt raus.«

In der Nähe von Schnellstraßenrestaurants gibt es meistens auch Werkstätten, dachte Bill. Wenn alles geschlossen hat, esse ich einfach etwas und hoffe, dass der Motor abkühlt. Der Wagen muss nur noch vierhundert Meilen durchhalten.

Zu seiner Bestürzung lag am Ende der Ausfahrtrampe eine Menge Nichts. Links entdeckte er ein paar Farmhäuser in schlechtem Zustand und einen mit Brettern vernagelten Walmart, rechts in einiger Entfernung das beleuchtete Restaurant. Wenigstens hatten sich die Rodeosprünge des Wagens zu einem metallisch klappernden Zittern abgeschwächt.

Als Bill sich dem Restaurant näherte, klingelte sein Telefon. Das war seltsam. Schließlich war es ein Wegwerfhandy, das er in einem Drugstore in der Nähe des Holland-Tunnels bar bezahlt hatte. Und die einzige Person, die seine Nummer kannte, wusste genau, dass sie frühestens morgen anrufen durfte. Mit einem Kloß im Hals nahm Bill den Anruf an: »Yo.«

»Überrascht?«, fragte eine raue Stimme.

Kurz verlor Bill die Kontrolle über den Wagen und kam beinahe von der Straße ab.

»Bill, Bill, Bill.« Dann ein Lachen wie ein Fleischwolf auf der niedrigsten Stufe. »Du hast wirklich geglaubt, du kommst damit durch, was? Mein lieber Junge, du bist nicht so clever, wie du denkst.«

»Was ist mit Jimmy passiert?« Und dem Geld, das Jimmy für mich gewaschen hat, hätte Bill beinahe gefragt.

»Mann, ich weiß es nicht. Ich schätze, er ist verschwunden. Wer weiß, ob wir noch mal von ihm hören?«

Jimmy hatte immer Witze darüber gemacht, dass er eines Tages mit den Fischen schwimmen würde, aber die bevorzugte Deponie des Rockaway-Mobs war ein unkrautbewachsener Streifen Nichts, den alle bloß The Hole nannten. Wenn die Leichen Glück hatten, wurden sie von den Cops gefunden, bevor die streunenden Hunde sie aufspürten.

»Verraten Sie mir, warum ich nicht auflegen soll«, sagte Bill.

»Pop fühlt sich ziemlich schlecht.« Ein theatralisches Seufzen. »Hast du eine Ahnung, wie weh es ihm tut, dass du so etwas abziehst? Er zwinkert ziemlich böse Dinge. Schließlich hat er großes Vertrauen in dich gesetzt.«

Unmittelbar vor Bill verkündete ein rotes Neonschild an einem hohen Mast: ›SHARTLEY’S‹. Unter den Buchstaben wies ein leuchtender gelber Pfeil auf die Zufahrt. Bill bog ab. »Es tut mir weh, dass es ihm wehtut«, sagte er. »Vielleicht hilft es, wenn er es als Geschenk an mich betrachtet. Für geleistete Dienste.«

Die raue Stimme brach in ein noch raueres Lachen aus. »Du glaubst wohl, dass du das Geld noch hast? Champ, wir haben das Geld. Und wir haben auch Jimmy.«

»Sie lügen.« Bill steuerte die grollende Bestie auf den nächsten freien Parkplatz und stellte den Motor ab. Seine Finger waren so taub, dass er dafür drei Versuche brauchte.

»Nein, das tue ich nicht.« Wieder dieses Lachen. »Es war eine ziemliche Sauerei. Mach dich schon mal bereit.«

»Ihr werdet mich nicht finden«, sagte Bill. Er dachte an die mit Geld und seiner Pistole gefüllte Tasche im Kofferraum.

»Da irrst du dich«, sagte die Stimme und legte auf.

Durch die Windschutzscheibe starrte Bill auf den schmierigen Tempel des Shartley’s, dessen Neondekoration den Straßenbelag blutrot färbte. Durch die beschlagenen Fenster entdeckte er die unverwechselbaren Kennzeichen einer echten Spelunke: Wände, die mit ramponierten Autokennzeichen und Bierreklamen tapeziert waren; Nischen, in denen sich Trucker mit gesenkten Köpfen ihr Essen reinschaufelten. Alles sah nach dem perfekten Ort für ein kaltes Bier aus, und das brauchte er im Augenblick literweise.

»Es tut mir so leid, Jimmy«, sagte Bill in die Nacht hinein und stieg aus dem Wagen. Aus dem Kofferraum nahm er eine Leinenjacke, die er sich schnell anzog. Dann öffnete er den Reißverschluss am Seitenfach seiner Tasche und nahm die Pistole heraus. Nachdem er das Magazin überprüft hatte, schob er sich die Waffe hinten in den Hosenbund, sodass der Griff unter der Jacke verborgen blieb. Wenn sie dich in die Enge treiben, dachte er, reservier die letzte Kugel für dein Gehirn. Auf keinen Fall lässt du dich von ihnen in Stücke reißen.

4.

Ich habe das Wort »Killer« immer gehasst.

Und von »Hitman« fange ich gar nicht erst an.

Ein paar Monate vor unserer Scheidung hat meine jetzige Exfrau mich gefragt, wie ich es mit mir selber aushalten würde. Wie ich eine Kugel abfeuern oder auf einen Knopf drücken oder ein Radio in eine Badewanne werfen und das Leben eines Menschen auslöschen könnte.

Wenn ich es nicht täte, erklärte ich ihr, würde etwas anderes diese Menschen umbringen: ein Herzinfarkt oder Krebs, vielleicht ein netter Autounfall. Ich wäre nur das Gefäß, ein Mittel, um der natürlichen Ordnung der Dinge zum Ausdruck zu verhelfen. »Ich mache mir keine Gedanken, ob ich ein böser Mann bin«, fügte ich hinzu. »So wie sich ein Hurrikan nicht um den Schaden schert, den er anrichtet.«

Ich hätte noch etwas über die letztendliche Bedeutungslosigkeit des Lebens hinzugefügt, wenn ich nicht gemerkt hätte, dass sie längst eingeschlafen war Die Geschichte unserer Ehe, in einem einzigen, unbezahlbaren Dialog.

In diesen blöden Actionfilmen, die in den frühen Morgenstunden im Kabelfernsehen laufen, tragen die Killer schwarze Anzüge und schwere Geigenkoffer mit zerlegten Gewehren. Ich habe es immer vorgezogen, bei der Arbeit so schlampig und durchschnittlich wie möglich auszusehen. Im Klartext: Meine Standarduniform besteht aus einer verschossenen Baggy-Jeans und einem Button-Down-Hemd aus Flanell über einem alten T-Shirt mit einem witzigen, aber niemanden beleidigenden Spruch, dazu eine dicke Brille. Ich lasse mir die Haare wachsen, aber nicht wie ein Rocker, sondern bloß ein paar zottelige Zentimeter, die totale Nachlässigkeit signalisieren.

»Wenn du irgendein Interesse hättest, unsere Ehe zu retten«, sagte meine Frau gegen Ende, »dann würdest du mehr Zeit investieren, um vorzeigbar auszusehen. Und würde es dich umbringen, ein bisschen zu trainieren?«

Die Nacht zuvor hatte ich in The Hole verbracht und mich um einen der Buchhalter meines Arbeitgebers gekümmert. Der Mann hing an seinem Leben, aber ich hatte andere Pläne. Noch als ich ihm vier Kugeln in den Rücken gejagt hatte, kroch er weiter durchs Unkraut, als hätte er eine Chance, die Straße am Rand des Felds zu erreichen. Meine fünfte Kugel entschied das Rennen.

»Hey, ich trainiere doch«, sagte ich.

Sie verdrehte die Augen. »Ja, klar. Du stemmst Wodkaflaschen, das ist dein Training.«

Eine Woche später verließ sie mich. Einer meiner Kollegen machte einen Witz darüber, sie kaltzumachen (»Wie lassen Hitmen sich scheiden?«, fragte er und schlug mir auf den Rücken. »Mit einer Metallsäge!«), aber mir lag nichts daran, ihrer Existenz auf diesem erbärmlichen Steinbrocken ein Ende zu setzen. Wozu? Falls sie in die Welt hinausposaunte, womit ich meinen Lebensunterhalt verdiente, würde sie auch erklären müssen, wie sie so lange mit mir hatte leben können, ohne zur Polizei zu laufen. Und das würde für den Rest ihres Lebens jedes Thanksgiving zu einer sehr, sehr heiklen Angelegenheit machen.

Dass sie mich verließ, nahm mich heftig mit. An einem Morgen vor nicht allzu langer Zeit, als ich in der Garage meine Waffen reinigte, schob ich mir meine gerade zusammengebaute .44er Pistole in den Mund, geladen, nur um zu sehen, wie der Lauf schmeckte, wenn er über meinen Gaumen strich. Das Metall schwer auf der Zunge, spürte ich ein ängstliches Kribbeln in den Eingeweiden, und das war gut. Es bedeutete, dass ich lieber leben wollte, als jeden Morgen nach dem Frühstück russisches Roulette zu spielen.

Als ich die Pistole aus dem Mund nahm, klingelte mein Telefon. Ich legte die Waffe auf die Werkbank neben mir und ging ran. »Ja?«

Die Stimme klang steinig wie zehn Meilen Schotterstraße.

»Haben Sie Zeit für eine Steuererklärung?«

»Nicht in den beiden nächsten Monaten«, erwiderte ich.

»Tut mir leid, ich hab mich verwählt.« Klick.

Ich packte mein Reinigungsset zusammen und fuhr rüber nach Long Island City, hinunter zum Ufer, wo die Industriegelände und die schäbigen irischen Bars meiner Jugend durch glitzernde Eigentumswohnungen mit Glasfassaden und überteuerte Gastroläden ersetzt worden waren. Ich ging ins Pot O’Gold, das letzte wahre Stück Dreck an dieser speziellen Toilettenschüssel, und nahm dem Dean gegenüber Platz, der wie üblich einen schicken dreiteiligen Anzug trug. Auf dem Tisch stand eine große Platte mit geöffneten Austern, von denen die Hälfte schon gegessen war. Ich musste es dem Mann lassen: Warum sich die Mühe machen und seinen Mut bei einer Schießerei beweisen, wenn man auch Meeresfrüchte in einem Etablissement bestellen kann, dessen Kakerlaken so groß sind, dass sie die Defensive Line eines NFL-Teams bilden könnten?

»Wie läuft’s?« Der Dean klang immer, als würde er jeden Morgen ein Knäuel Sandpapier schlucken, rau und doch samtig.

»Oh, wissen Sie, ich bin geschieden, trinke zu viel, schlafe schlecht. Das Übliche.«

Dem Dean war nicht nach Scherzen zumute. »Wirst du zum Problem?«

»Nur für mich«, erwiderte ich. »Also was steht an? Jimmy ist erledigt.«

Er zog die Augenbrauen hoch. »Ähm, als ich zuletzt nachgefragt habe, hat Bill noch geatmet.«

»Mir wäre lieber, wenn Sie jemand anderen dafür nehmen«, sagte ich und meinte es so. Ich hatte immer bewundert, wie wenig Bill sich um Unauffälligkeit scherte. Man brauchte schon stählerne Eier, um jeden Morgen aus dem Haus zu gehen und Leute abzuzocken, wenn man sich wie ein Illustriertenmodel kleidete.

Der Dean zuckte die Achseln. »Hat Jimmy gesagt, was sie gemacht haben?«

»Alles, was Jimmy gesagt hat, war ›Nein‹ und ›Ich will nicht sterben‹. Als hätte er eine Wahl. Aus dem, was Sie mir schon erzählt hatten, hab ich rausgehört, dass sie Geld genommen haben.«

»Oh, sie haben noch mehr gemacht.« Das Gesicht des Deans lief rot an. »Als ich den lieben Bill das letzte Mal gesehen habe, besaß er die phänomenale Frechheit, mir in die Tasche zu langen wie irgendeinem Trottel auf der Straße. Genauer gesagt, er hat meine Black-Titanium-Kreditkarte mitgehen lassen, die mit dem unbegrenzten Kreditrahmen. Und wissen Sie, was er mit dieser Karte gemacht hat, ehe er uns um Millionen erleichtert hat?«

»Die Kohle für Nutten rausgeblasen, die Plastikgeld akzeptieren?«

Der Dean hielt inne, um eine Auster zu schlürfen. Seine Augen funkelten vor Wut. »Schlimmer. Er hat online hunderttausend Dollar für eine Organisation gespendet, die Kindern mit Krebs hilft. Er weiß, wie sehr ich moralische Zwangslagen hasse, trotz meiner Berufswahl. Eine solche Summe kann man nicht einfach zurückfordern, jedenfalls nicht, ohne wie ein absoluter Drecksack dazustehen.«

»Was haben Sie gemacht?«

»Was glaubst du denn? Ich hab das Geld zurückgefordert. Der Organisation einen freundlichen Brief geschickt und alles auf meinen Buchhalter geschoben, was ja in gewisser Weise auch stimmt.« Die nächste Auster verschwand in der Luke. »Aber unser Freund Bill war noch nicht fertig, o nein. Nachdem er gespendet hatte, um Krebs bei Kindern noch zu unseren Lebzeiten zu besiegen, missbrauchte er meine arme, leidende Kreditkarte noch dazu, Jimmy zum Essen in den Caviar Room in Midtown einzuladen, wo sie zu ihrem Sechshundert-Dollar-Essen einen Château Margaux 2009 Balthazar zum klitzekleinen Preis von fünfzigtausend Dollar bestellt haben.«

»Das waren eine Menge französischer Wörter, die ich nicht verstanden hab.«

»Château Margaux ist ein sehr teurer Rotwein, Idiot. Versuch, ein bisschen auf dem Laufenden zu bleiben.«

Auch wenn ich mir auf der Straße praktisch von niemandem etwas bieten lasse, habe ich bei meinem Arbeitgeber – in Anbetracht der enormen Geldsumme, die er mir alle paar Wochen zahlt – immer eine Ausnahme gemacht. Wobei das Geld mich nicht davon abgehalten hat, mir ein paar wunderbare Momente lang einen Alligator vorzustellen, der dem Dean die Glieder samt maßgeschneiderter Hülle einzeln ausreißt.

Ich drehte den Kopf und winkte den einzigen Kellner des Ladens heran, einen traurigen Fleischklops mittleren Alters namens Ivan. Ich brauchte ganz dringend meinen morgendlichen Alkohol. »Also hat er Ihre Karte gestohlen, und dann …«

»Als sie ihr höchst zufriedenstellendes Mahl hinter sich hatten, betraten sie gleich auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine unserer Banken und versuchten, uns endgültig abzuzocken.« Der Dean seufzte. »Jimmy hatte Zugriff auf zu viele Konten. Hätte der Banker mich nicht gleich angerufen, nachdem sie durch die Tür waren, würde das Geld jetzt auf Nimmerwiedersehen auf einer Tour rund um die ganze Welt gewaschen. Pop ist so sauer, dass wir ihm eine Spritze geben mussten, damit er sich beruhigt.«

»Wo wir gerade von Beruhigungsmitteln sprechen, ich brauche ein Bier«, sagte ich zu dem Kellner, der in unsere Umlaufbahn eingeschwenkt war.

»Welche Sorte?«, fragte Ivan.

»Guinness, falls ihr das Fass noch nicht zu stark verwässert habt.« Sobald er davonschlurfte, konzentrierte ich mich wieder auf den Dean und bemerkte das Offensichtliche: »Wahrscheinlich hat Bill inzwischen das Land verlassen. Er ist zu klug, um hierzubleiben.«

»Er war dumm genug, auf Jimmys sogenannte Intelligenz zu vertrauen. Wir haben schon zwei Leute auf seine Fährte gesetzt, von denen ich aber seit zwei Tagen nichts gehört habe.« Er zuckte die Achseln, als wäre der Verlust zweier ausgebildeter Mörder eine alltägliche Sache. Vielleicht war es so, in seiner Welt. »Also schicke ich jetzt dich. Du bist meine Reserve. Und ich erwarte, dass du Bill dazu bringst, dass er seine Taten bedauert.«

»Wenn es um einen Job außerhalb der Stadt geht, brauche ich mehr Geld.«

Der Dean lächelte breit und zeigte seine perfekten Zähne, ehe er zum entscheidenden Schlag ausholte. »Natürlich. Du brauchst einen richtig guten Scheidungsanwalt, was?«

Einen Tag später fand ich mich auf der Straße wieder, irgendwo zwischen Wer Weiß und Wen Kümmert’s. Ich hörte die Cat-Power-Alben meiner Exfrau und versuchte, nicht zu weinen, wenn ich an unsere besten Momente dachte – zum Beispiel, als sie mir trotz ihres empfindlichen Magens half, einen Mob-Informanten in einer Badewanne voller Säure aufzulösen. Nur zu, nennen Sie mich einen Waschlappen. Ich kenne dreizehn verschiedene Methoden, Sie mit einem Taschenmesser zu töten.

5.

Zwei Pints billiges Bier und einen nach Motorreiniger schmeckenden Whiskey später, und Bill fühlte sich ein wenig beruhigt. Sicher hatte die Barfrau mit seiner wiedergefundenen Munterkeit zu tun. Sie hatte rabenschwarze Haare und dunkle Augen, ihre enge Jeans und das ärmellose T-Shirt garantierten reichlich Trinkgeld. Im Umgang mit den lausigen Betrunkenen, die sich um die Bar drängten, konnte sie ebenso gut austeilen wie einstecken. Es war ein Vergnügen, ihr bei der Arbeit zuzuschauen.

Bill vermutete, dass die Barfrau wesentlich mehr Geduld besaß als er selbst. Wenn die Arbeit hier bedeutete, dass man dieselben nervigen Pop-Country-Songs wieder und wieder und wieder über sich ergehen lassen musste, hätte er den Laden wahrscheinlich längst abgefackelt.

»Ihr seid hier echte Patrioten«, sagte Bill, nachdem die Barfrau einem sturzbetrunkenen Gast dabei geholfen hatte, auf dem klebrigen Fußboden sein Gebiss zu finden. Er deutete auf die roten, weißen und blauen Papierwimpel, die jedes Fenster zierten, während George Washington als riesiger Pappmachékopf streng von seinem Platz über dem Flaschenregal herabschaute.

»Bald ist der Vierte, da machen wir immer eine Riesenparty«, sagte sie. »Als ob die Leute einen Anlass bräuchten, um sich zu besaufen. Sehen Sie Gareth da drüben, den Typen, dem ich gerade geholfen hab? Er ist eine Milliarde Jahre alt und weigert sich, Zähne zu kaufen, die wirklich in seinen Mund passen. Aber er haut jeden einzelnen Sozialleistungsscheck für das Dreckszeug im unteren Regal raus.«

»Wo wir gerade vom Betrinken und dem Dreckszeug im unteren Regal reden«, sagte er und tippte an sein leeres Pintglas. »Habt ihr etwas Besseres als Bud?«

»Wer will schon etwas anderes trinken als Bud?« Ihr unschuldiger Blick hätte einen Prediger zu schmutzigen Gedanken verleitet. »Gibt es überhaupt etwas Besseres?«

»Sie verwechseln es mit so ziemlich allem anderen.« Eine vernünftige Ecke seines Hirns riet ihm, sich einen Teller Pommes oder das berüchtigte Steak zu bestellen, um einen Teil des Alkohols zu absorbieren. Aber Bill ignorierte den Rat. Nach dem Telefonat mit seinem ehemaligen Boss wurde ihm schon beim Gedanken an Essen übel.

»Ich schau mal im Kühlschrank nach, was wir haben.« Sie grinste und streckte ihm die Hand entgegen. »Ich heiße übrigens Casey.«

»Rick.« Sie schüttelten die Hände. Er bemerkte, wie ihr Blick an seiner Uhr hängenblieb.

»Hübsches Ding«, sagte sie und zwinkerte auf eine Art und Weise, die demonstrieren sollte, dass sie sich nicht von oberflächlichem Glanz beeindrucken ließ. Er tippte an einen imaginären Hut, und sie schlenderte davon.

Während er auf sein Bier wartete, startete Bill die Rechenmaschine in seinem Kopf. In der Tasche waren fünfzigtausend in Zwanzigern und Fünfzigern. Weitere zweiundachtzig Dollar steckten in seiner Brieftasche. Für einen neuen Start an einem neuen Ort reichte das aus, oder? Es gab Inseln, auf denen man für dreißig Mäuse am Tag wie ein König leben konnte.

Casey tauchte mit einem frischen Pint auf. »Miller Genuine Draft«, sagte sie. »Kein Volltreffer, vermute ich, aber trinken musst du es trotzdem.«

Er nahm einen Schluck. »Ich schätze, ich werd’s überleben.«

»Also, Rick, bist du länger in der Gegend oder auf der Durchreise?«

Er zuckte die Achseln. »Durchreise.« Vorausgesetzt, der Wagen springt an, dachte er. Frag jetzt nicht nach einer Werkstatt. Erwähn den Motorschaden nur, wenn es nicht anders geht.

»Auf dem Weg nach Westen?«

Wieder zuckte er die Achseln.

Sie zog einen leichten Schmollmund. »Du bist ein Mann mit Geheimnissen.«

»In meinem Beruf sind Geheimnisse ein Plus.«

»Und welcher Beruf ist das?«

»Darum geht es ja: Ich darf es dir nicht sagen.«

»Sonst musst du mich umbringen?«

»Die Strafe wäre zu hoch. Ich dachte eher an einen guten Dutch Rub oder was in der Art.«

Ihr Kopf schnellte nach hinten. »Bist du etwa ein Perverser?«

Er blinzelte. »Was?«

Sie erhob die Stimme. »Was zum Teufel ist ein Dutch Rub?«

»Wie alt bist du?«

Entsetzt wich sie einen Schritt zurück. »Willst du jetzt rauskriegen, ob ich volljährig bin?«

»Nein, ein Dutch Rub ist, also … Du nimmst deine Handknöchel und reibst sie einem anderen über den Kopf.« Er machte die entsprechende Handbewegung. »Der Begriff ist schon älter. Vielleicht nicht mehr so gängig.«

Sie schaute ihm in die Augen und lächelte, wobei ihre Lippen sich leicht öffneten. »Ich weiß, was ein Dutch Rub ist. Ich nehm dich nur ein bisschen auf den Arm.«

Er trank noch einen Schluck. »Das kannst du wirklich gut. Aber trotzdem sag ich nicht, was ich beruflich mache. Warum ein schönes Geheimnis ruinieren?«

Ihr Lächeln wurde breiter. »Ich kenne alle Cops hier in der Gegend. Ich sollte sie mal deinen Namen überprüfen lassen. Um zu sehen, ob irgendwelche Haftbefehle gegen dich vorliegen.«

Bill verfügte über ein erstklassiges Pokerface. »Alles, was du wissen musst, ist, dass ich mich bemühe, das Richtige zu tun. Und ich habe nie etwas Schlechtes ohne wirklich guten Grund gemacht. Ich bin ein braver Junge.«

»Na, das kann nicht viel Spaß machen. Egal, was ich eigentlich sagen wollte: Wenn du längere Zeit bleiben willst, kann ich dir das feine Hotel unserer wunderbaren kleinen Stadt empfehlen.«

»Wie fein?« Bill schaute am Tresen entlang und bemerkte, dass ein paar Einheimische ihn anstarrten. Wahrscheinlich fragten sie sich, warum er in einer Bar, deren Dresscode verschlissene Jeans und Baseballkappen zu verlangen schien, eine anständige Leinenjacke trug.

»Du musst dich mit dem Ungeziefer nicht ums Bett prügeln.«

Er lachte. »Das klingt gut genug.«

»Es gibt auch diese alten Vibrationsdinger, du weißt schon, man wirft einen Quarter ein, und das Bett fängt an zu rütteln.«

»Magic Fingers.«

»Hey, ja.« Sie zwinkerte ihm zu. »Damit scheinst du dich auszukennen.«

»Ich bin in einem Motel aufgewachsen.«

»Ohne Scheiß?«

»Ja. Meine Mom hat die Zimmer saubergemacht.« Wenn Sie ein Kind möglichst schnell mit den Schattenseiten des Lebens vertraut machen wollen, schicken Sie es in ein Zwanzig-Zimmer-Motel an der Grenze von Texas und Louisiana. Jede Nacht ein neuer Film über menschliche Abgründe, mit freundlicher Mitwirkung einer reisenden Truppe von Verlierern und Irren. Bills entscheidende Lektion aus der Kindheit: Sei niemals arm, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt.

»Klingt hart.«

»Ja.« Er wollte noch mehr sagen. Sich mit einem echten menschlichen Wesen zu unterhalten, egal wohin es führte, gab ihm nach Tagen voll brutaler Anspannung ein warmes, kribbelndes Gefühl. Nur dass in dem Augenblick, in dem er den Mund öffnete, um einen Witz über ein lausiges Hotel zu reißen, am anderen Ende des Tresens ein Glas zerbrach. Als sie die Köpfe wandten, sahen sie, dass der alte Gareth seine falschen Zähne in den Nacken eines anderen Betrunkenen schlug.

Casey drehte auf dem Absatz um und winkte dabei Richtung Tür, wo ein Koloss in einem schwarzen Kapuzen-Sweatshirt auf einem winzigen Hocker saß, der unter seinem Gewicht zusammenzubrechen drohte. Mit einem Schrei, dessen Lautstärke die Bodendielen erzittern ließ, erhob sich der Koloss und marschierte Richtung Tresen. Die Menge drängte sich zusammen, um eine Gasse freizumachen.

Der Rausschmeißer packte Gareths Schultern, woraufhin der alte Knacker versuchte, ihm in die schaufelgroße Hand zu beißen. Die Faust des Rausschmeißers schnellte nach vorn und traf Gareths Nase mit einer Wucht, die den alten Trinker buchstäblich aus den nicht gebundenen Schuhen holte, die für den Rest des Abends an der Bar stehen bleiben sollten. Gareths Zähne flogen durch den Raum und verfehlten nur knapp den Kopf George Washingtons, der einigermaßen verblüfft wirkte.

Die Menge applaudierte, als der Rausschmeißer den zahn- und schuhlosen Gareth durch die Eingangstür hinaustrug. Wenn sich der alte Mann auf dem Weg nach draußen den Kopf am Türrahmen stieß, nun ja, das war halt der Preis, den er fürs Anzetteln einer Schlägerei in diesem Laden zu zahlen hatte.

Casey warf dem Betrunkenen mit dem blutenden Nacken ein Geschirrtuch zu und kehrte zu Bill zurück, der sein Pint inzwischen ausgetrunken hatte. »Riesiger Kerl«, stellte er fest.

»Das ist Rex«, sagte sie. »Mein Halbbruder. Wir haben verschiedene Mütter.«

»Gut, wenn man jemanden wie ihn in der Hinterhand hat.«

»Ja, so hält man die Fliegen fern.« Sie knallte ein frisches Bier vor ihn hin. »Woher kommst du?«

»Philadelphia.«

»Wo willst du hin?«

Er zuckte die Achseln, diesmal grinsend.

»Reist du in Begleitung?«

Er schüttelte den Kopf. »Bisher nicht. Morgen Abend hole ich in Austin einen Freund ab.«

An den Rändern seines Blickfelds erschien ihm alles ein wenig verschwommen. Vielleicht forderte das tagelange Autofahren jetzt seinen Tribut. Oder der Alkohol setzte ihm stärker zu als üblich. An einem normalen Abend konnte Bill genug Bier und harte Drinks runterkippen, um einen ausgewachsenen Bullen zu betäuben. Wie merkwürdig, dass er nach ein paar Pints Probleme mit dem Sehen hatte.

»Alles klar, Champ?«, fragte sie mit einem süßen Lächeln.

Sein Unterkiefer fühlte sich mehrere Tonnen zu schwer an und zog seinen Kopf hinunter auf die Bar. Casey wandte die funkelnden Augen nicht von ihm ab. Er wollte etwas sagen, wollte erklären, dass er jetzt doch etwas zu essen bestellen und sich an das gigantische Steak wagen würde. Aber ehe er die Kraft aufbrachte, die Worte auszusprechen, fiel die Dunkelheit wie ein Vorhang herab.

6.

Diese Trottel brachten mir nicht den geringsten Respekt entgegen.

Wenn die Reklametafel zwei Kilo Steak umsonst versprach – vorausgesetzt, man verzehrte alles in weniger als einer Stunde –, dann wollte ich meine zwei Kilo Steak auch umsonst, denn ich hatte meinen Teller in achtundfünfzig Minuten und dreißig Sekunden leer gegessen.

»Nein, Mann, Sie haben über eine Stunde gebraucht«, sagte der picklige Kellner mit dem SHARTLEY’S-T-Shirt. Etwas in seiner Stimme erinnerte mich an den schmierigen kleinen Zwerg, der mir die Scheidungspapiere vorgelegt hatte, und ich brauchte jedes Gramm Selbstkontrolle, um den eisernen Griff um meine Gabel zu lockern, die (Profitipp!) auf kurze Distanz notfalls als erstklassige Waffe dienen kann.

»Achtundfünfzig Minuten«, gab ich zurück, den Mund immer noch halb voll mit Brocken aus dem Schlachthaus. Haben Sie jemals vier Pfund Fleisch in so kurzer Zeit verzehrt? Die Familie in der Nachbarnische starrte mich mit aufkeimendem Schrecken an, verängstigt durch die Geräusche meines Genusses, für die ich mich nicht entschuldigte. Meine Mission bestand in der Aufnahme von Kalorien, und Scheitern ist niemals eine Option.

»Tut mir leid, Sir«, sagte er und versuchte, meinen leeren Teller abzuräumen.

Ich legte eine Hand auf seinen Arm und drückte zu – sanft, aber so, dass er es spürte. »Heißt es nicht, dass der Gast immer recht hat?«

»Nicht in dieser Stadt.« Er versuchte es mit einem jämmerlichen Achselzucken.

Ich schaute hinüber zur anderen Seite des Etablissements. Seit Bill es sich gemütlich gemacht hatte, hatte er nur ein paar Gläser Bier getrunken, trotzdem hing sein Kinn wenige Zentimeter über dem Tresen, und seine Augen fixierten mit lasergleicher Präzision die Brust der Barfrau. Leichtgewicht. Der Barfrau schien diese benebelte Aufmerksamkeit, die ich ein wenig abartig fand, nichts auszumachen. Vielleicht herrschen im Mittleren Westen etwas andere Sitten.

Der Kellner versuchte mir zu entwischen, also drückte ich seine Hand fester und spürte, wie seine Knochen knirschten. »Achtundfünfzig Minuten«, wiederholte ich. »Abgesehen davon war es beschissen. Hat geschmeckt wie Schuhsohle.«

»Was haben Sie erwartet?«, jammerte der Junge. Ihn zu verprügeln hätte möglicherweise die anderen Gäste gestört, also ließ ich ihn los. Abgesehen davon wurde es langsam Zeit für die Arbeit. Sobald er in der Küche verschwunden war, stand ich auf, kramte in meiner Brieftasche nach fünf Dollar – dem exakten Preis meines Drinks inklusive Steuern und ohne Trinkgeld – und warf es auf den Tisch. Dann machte ich mich auf den Weg zur Bar.

Bill kannte mein Gesicht, aber weil sein Hirn hart am Rande des Systemabsturzes balancierte, würde er wahrscheinlich keine Schlägerei anfangen, wenn ich ihn aus dem Gebäude brachte. Bis zum nächsten Morgen würde ich seine Birne in einem mit Trockeneis gefüllten Behälter auf dem Rücksitz verstaut haben.

Aus zehn Metern Entfernung sah ich zu, wie Bill die Wange langsam auf den klebrigen Tresen sacken ließ. Flatternd schlossen sich seine Augen. Perfekt. Zur Abwechslung lief einmal alles reibungslos.

Der Rausschmeißer machte alles kaputt.

Eine schwielige Hand von der Größe einer Servierplatte donnerte gegen meine Brust, fest genug, um einen Bluterguss zu hinterlassen. Ich schaute zu einem Berg von Mann auf. »Wir haben ein Problem«, erklärte er mit überraschend hoher Stimme.

»Achtundfünfzig Minuten«, erklärte ich. »Und ich sollte einen Orden bekommen, weil ich diesen Mist runtergewürgt hab. Das war existenzieller Horror.«

»Der Kellner sagt was anderes«, stellte der Rausschmeißer fest und deutete mit dem Kopf auf den Jungen, der neben der Küchentür stand und so angezählt zu uns herüberschaute, als wäre er drauf und dran, sich die Unterwäsche zu versauen.

»Der Dreckskerl lügt«, sagte ich, inzwischen etwas lauter. »Oder ist das die Masche, die ihr hier abzieht? So zu tun, als ob keiner das Fleisch runterkriegt?«

Der Rausschmeißer wirkte einen Moment lang verwirrt, und ich nutzte die Chance, seine Hand wegzuschieben und nach draußen zu gehen. Es war sinnlos, sich Bill jetzt zu schnappen. Zu viele Zeugen hatten sich erwartungsvoll zu uns umgedreht, um sich die bevorstehende Schlägerei nicht entgehen zu lassen. Der Rausschmeißer ließ mich ziehen, wahrscheinlich in der Annahme, draußen leichteres Spiel mit mir zu haben. Großer Fehler, wie die jungen Leute sagen.

Ich war auf dem Parkplatz gerade drei Meter weit gekommen, da packte der Typ mich an der Schulter. Als ich mich umdrehte und nach seinem Handgelenk griff, fiel mir ein, wie meine Exfrau gesagt hatte, ich sollte mehr trainieren, ich würde außer Form geraten. Das glaube ich nicht, dachte ich, drehte das Handgelenk des Rausschmeißers um und zog ihm den absurd muskulösen Arm auf den Rücken.

Der Kerl wimmerte und sank auf ein Knie. Ich trat ein wenig zurück, für den Fall, dass er seinen Ellbogen riskieren wollte, indem er versuchte, mir die Füße wegzutreten. Aber er hielt still und keuchte vor Schmerzen. Das klang gut in meinen Ohren. In Zeiten wie diesen konnte ich jeden Triumph gebrauchen, und sei er noch so klein.

Ich wandte mich dem Kellner zu, der zusammen mit dem Türsteher nach draußen gekommen war, wahrscheinlich voller Vorfreude auf die Prügel, die ich beziehen würde. »Achtundfünfzig Minuten«, sagte ich. »Was bin ich, ein Papagei?«

»Was?«, entgegnete der Kellner.

»Weil du mich immer dasselbe wiederholen lässt.«

»Achtundfünfzig Minuten«, sagte er.

»Also, wo liegt das Problem?«, fragte ich.

Sein Kiefer zuckte. »Was?«

Ich verdrehte den Arm des Rausschmeißers, sodass nur noch ein Millimeter fehlte, bis er brach wie ein Hühnerknochen. »Warum machst du mir Schwierigkeiten?«

»Einfach so«, sagte er. »Sie sind nicht besonders nett.«

»Hast du dir jemals Gedanken über die Ausdehnung des Universums gemacht, Junge?«, fragte ich. »Begriffe wie ›nett‹ oder ›böse‹ oder ›gut‹ bedeuten im großen Ganzen nicht das Geringste. Letztlich gibt es nur Moleküle.« Als ich diese philosophische Lektion losgeworden war, beugte ich mich zu ihm runter. »Wenn ich dich jetzt loslasse, bekommen wir dann ein Problem?«

Der Schweiß lief ihm über die Vorderglatze, die Adern an seinem Hals pochten, aber er knurrte: »Ich bring dich um.«

Mit meiner freien Hand griff ich mir an den Knöchel, zog die kleine Pistole hervor, die ich dort immer in einem Holster trug, und drückte ihm den Lauf an die Schädeldecke. »Versuch’s noch mal«, schlug ich vor. »Répétez, s’il vous plaît.«

Der Rausschmeißer gab keinen Ton von sich.

»Genau«, sagte ich, ließ seinen Arm los und trat mit ausgestreckter Pistole drei Schritte zurück, für den Fall, dass seine Eier sein Hirn zu einer Dummheit überredeten.

Aber der Mann befand sich jetzt eindeutig im Überlebensmodus. Er richtete sich auf, streckte seinen malträtierten Arm und trat, nachdem er mir einen düster-zornigen Blick zugeworfen hatte, den Rückzug ins Restaurant an. Der Kellner folgte ihm wie ein Schoßhündchen, dem man einen Tritt verpasst hatte.

Ich musste abhauen, ehe jemand die Bullen rief oder der Türsteher seinen Mut zusammennahm und mit einer Kanone hier draußen auftauchte. Auf dem Weg zum Wagen warf ich noch einen Blick durchs Fenster des Restaurants und sah, dass Bill von der Bar verschwunden war. Ich fragte mich, ob ihn jemand in der Erwartung, sein Magen würde jeden Moment die Eject-Taste drücken, zur Toilette gezerrt hatte. Oder ob man ihn einfach zur Hintertür hinausgeworfen hatte.

Ich ließ den Wagen an und fuhr zur Rückseite des Restaurants, wo meine Scheinwerfer zwei Müllcontainer und einen genervten Küchenhelfer erfassten, der versuchte, in Ruhe eine Zigarette zu rauchen. Statt zurück auf die Hauptstraße zu fahren, nahm ich die Zufahrt zum Parkplatz eines leerstehenden Warenhauses gleich nebenan, wendete dort, sodass ich das Restaurant im Blick hatte, und stellte den Motor ab. Früher oder später musste Bill auftauchen, und wir würden uns an die Arbeit machen. Notfalls hatte ich die ganze Nacht Zeit.

7.

Als Bill damals in das Spiel eingestiegen war, war er von der Voraussetzung ausgegangen, dass ihn sowieso niemand verstehen würde. Weshalb hätte er sich also die Mühe machen sollen, sich zu erklären? Als junger Abzocker hatte er die meiste Zeit mit Zuhören verbracht, denn die Leute liebten es, zu erzählen. Wenn man lange genug zuhört, begreift man, wie jemand tickt, und das Leben dieses Menschen liegt vor einem wie ein offenes Buch mit riesigen Buchstaben.

An einem Montag vor langer Zeit musterte Bill die Gäste einer komplett neonbeleuchteten Sportbar und suchte sich sein Opfer: einen Typen in hellgrünem Poloshirt, dessen Augen an einem Footballspiel auf einem der vielen Großbildfernseher des Lokals klebten. Bei dem Mann stimmten sämtliche Details: die vom häufigen Waschen abgenutzten Spitzen seines Hemdkragens, die passable Imitation einer teuren Armbanduhr an seinem Handgelenk, die weichen, nachlässig rasierten Wangen. Wie Bill nur zu gut wusste, ist niemand auf diesem Planeten verletzlicher als ein mittelloser Mann, den es zum Luxus drängt.

Bills eigene Ambitionen zielten auf glattpolierte schwarze Limousinen und japanischen Whiskey, Sitzplätze in der ersten Klasse und hochklassiges Gras. Was bedeutete, dass sich bei Bill, wie bei jedem aufstrebenden jungen Raubtier, glorreiche fette Zeiten mit demütigenden Flauten abwechselten. Er sagte sich gern, dass dieses Muster ihm Einsicht in die Hoffnungen und Ängste der Menschen ermöglichte.

»Vor ein paar Monaten wurde ich jedenfalls entlassen«, sagte Bill, der vor einer Weile ein Gespräch mit George, dem Opfer, begonnen hatte, indem er sich lautstark über das unfaire Spiel auf dem Bildschirm beschwert hatte. Dies war immer ein sicherer Eröffnungszug. Es war, als käme die Wirtschaft jeden zweiten Monat an eine Art Bremsschwelle, und falls das Opfer nicht selbst seinen Job verloren hatte, kannte er oder sie mit Sicherheit jemanden, dem es so ergangen war.

»So ein Mist«, erwiderte George, weniger überschwänglich, als Bill beim Anblick seines welpenhaften Gesichts vermutet hätte.

»Wem sagst du das? Und das wirklich Gemeine ist: keine Abfindung.« Bill schnaubte angesichts der Ungerechtigkeit des Ganzen. »Irgendwas im Kleingedruckten meines Vertrags, das mich in dem Moment am Arsch kriegt, wo ich es am wenigsten gebrauchen kann. Wenn ich es mal so ausdrücken darf.«

»Schon in Ordnung.« Mister Einfühlsam zuckte die Achseln und trank einen Schluck. Seine Aufmerksamkeit driftete schon ab. Bill musste die Angelegenheit forcieren.

»Wirklich? Gut. Denn du kommst mir vor wie ein Mann, der die Dinge beim Namen nennt.« Bill beugte sich vertraulich vor. »Jedenfalls war es ein bisschen hart, für eine Weile.«

Wie erwartet, schien George langsam misstrauisch zu werden, in welche Richtung das Gespräch sich entwickelte. Er neigte sich ein wenig zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und musterte Bill auf eine Art und Weise, die keinen Zweifel an seinen Gedanken ließ: Will dieser Penner mich jetzt wegen Geld angehen?

Und Bill schlug die nächste Seite des Drehbuchs auf: »Dann stolpere ich plötzlich über diese Sache – nein, das ist gelogen: Ein Freund hat mich drauf gebracht –, und seitdem hab ich keine Geldsorgen mehr, toi, toi, toi.« Er klopfte auf den Tresen. »Sag mal, hast du eigentlich eine Wette auf das Spiel laufen?« Mit der Bierflasche deutete er auf den Bildschirm, wo ein paar überdimensionierte Monster in neonfarbenem Lycra damit beschäftigt waren, dem Quarterback im Kampf um den kleinen braunen Ball die Rippen zu brechen. »Ich glaube nicht, dass New York es schafft.«

Das war der Auslöser: Plötzlich redete George längere Zeit am Stück. Offenbar gehörte er zu der Art Sportfans, die sich endlos über Passquoten und Punkte auslassen können und darüber, ob eine gerissene Sehne einer Mannschaft die Titelchancen versaut. Er konterte Bills Einschätzung mit einer derart ausführlichen Zusammenfassung der Geschichte der Giants, dass Bill spürte, wie ihm die Lider schwer wurden.

Nach zwanzig Minuten Gefasel über Mannschaftsaufstellungen und Verletzungen wechselte George gnädig das Thema: »Wie bist du wieder auf die Beine gekommen?«

»Hol mal dein Handy raus«, sagte Bill. So verzweifelt und abgebrannt die Leute auch sein mochten, von ihrer kleinen Kachel aus berührungsempfindlichem Glas trennten sie sich nie. Mit einer gewissen Erleichterung registrierte er, dass Georges Gerät das passende Fabrikat und Modell hatte.

Bill forderte George auf, den Webbrowser des Handys zu öffnen und eine bestimmte Adresse einzugeben, die zur Website einer kleinen Destillerie im Great State of Kentucky führte. Dann ließ er ihn auf einen kleinen Link im unteren Teil der Seite klicken, der den Browser auf eine Liste von Lokalen quer durch die Vereinigten Staaten führte, in denen der hochklassige Whiskey der Destillerie ausgeschenkt wurde. »Ich überzeuge Bars davon, die Spirituosen dieser Firma ins Sortiment zu nehmen«, erklärte Bill. »Das ist so einfach. Es gibt genügend Nachfrage nach hochwertigen, in kleinen Mengen erzeugten Produkten, und ich bekomme einen hübschen Anteil.«

Als George den Link anklickte, aktivierte er eine Verbindung zwischen seinem Handy und einem zweitausend Meilen entfernt stehenden Laptop. Der wurde von einem aknegeplagten Sozialkrüppel namens Brian Kennedy überwacht, der in diesem Moment sein virtuelles Kriegsspiel lange genug unterbrach, um ein paar Tasten zu drücken und dafür zu sorgen, das jedes einzelne Byte von Georges persönlichen Daten auf einen speziellen Server gesaugt wurde.

Völlig nichtsahnend ließ George sich von Bill durch die einzelnen Schritte des Programms führen, von den Kommissionen zu den Typen von Bars, die besonders empfänglich für Kentuckys feinsten Exportartikel waren. Weil es Bill darum ging, den Webbrowser so lange wie möglich aktiv zu halten, ließ er George einen Link nach dem anderen öffnen. Zwar schien George ihm das ganze Konzept der Whiskeykommissionen nicht recht abzukaufen, aber das war in Ordnung: Sie hatten die Farce beinahe hinter sich gebracht.

»Hey, das ist cool. Hast du eine Karte?«, fragte George mit ausdrucksloser Stimme.

Natürlich hatte Bill Karten, komplett mit dem Logo der Destillerie in einer Ecke. »Bitte schön«, sagte er und zog eine aus seiner Hemdtasche.

»Ich schau mir das Ganze mal an«, sagte George, was bedeutete, dass er niemals eine der Nummern wählen würde, die unter dem Logo aufgelistet waren und zu einer Mailbox gehörten, die niemals abgehört wurde. Natürlich existierte die Destillerie nur im Web.

»Klar doch.« Wie es sich für einen guten Hai gehört, konzentrierte Bill sich bereits auf reichhaltigere Fischgründe: auf die schöne Lady, die am anderen Ende der Bar bedächtig einen Wodka-Irgendwas trank. Sie war vor einer Stunde zusammen mit einem rundlichen Gentleman mit Sweatshirt und Baseballkappe gekommen. Die Körpersprache der beiden hatte signalisiert, dass ihr erstes Date in rasantem Tempo auf ein Desaster zusteuerte. Nach dem ersten Drink hatte der Typ sein Handy gecheckt, sich aus dem Staub gemacht und sie allein gelassen.

Bill musterte den Kringel eines blauen Tattoos, das unter dem Ärmel ihres T-Shirts hervorschaute, die protzigen Stiefel mit hohen Absätzen und dachte: Boheme, brillant und beinahe zu Tode gelangweilt, wenn jemand im Gespräch nicht mithalten konnte. Zum Glück betrachtete Bill sich als Spezialisten für intellektuelle Typen.

»Ich kenne die Dame dahinten an der Bar. Würdest du mich einen Moment entschuldigen?«, fragte er. George antwortete mit einem abgelenkten Brummen, weil er sich längst wieder auf den Fernseher konzentrierte.

Bill klopfte ihm auf die Schulter, nahm seine Umhängetasche und näherte sich zuversichtlich seinem neuen Opfer. Sie hielt den Kopf von ihm abgewandt und konzentrierte sich aufs Display ihres Handys, das von grünen und blauen Textnachrichten überzuquellen schien. Vermutlich lästerte sie mit ihren Freundinnen gerade über die rauchenden Trümmer ihres Dates. Dass sie abgelenkt war, kam Bill entgegen, der in seine Tasche griff und ein eselsohriges Taschenbuch hervorzog, dessen Rücken vom häufigen Lesen schon rissig war: Haruki Murakamis »Mister Aufziehvogel«.

Er ließ das Buch neben ihren Hocker fallen. Das Geräusch des Aufpralls ging im Lärm des voll aufgedrehten Footballspiels unter. Dann tippte er ihr auf die Schulter. Als sie sich umdrehte – ihre Augen so blau wie das Tattoo und elektrisiert –, deutete er lächelnd zu Boden.

»Entschuldigung«, begann er. »Haben Sie das möglicherweise verloren?«

Sie lachte. »Funktioniert die Masche oft?«

Bill trat einen Schritt zurück. »Ich weiß nicht, wovon Sie reden«, sagte er, kurzfristig aus dem Konzept gebracht. »Wollen Sie damit sagen, dass das Buch nicht Ihnen gehört?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nette Nummer übrigens, die du mit dem Kerl da drüben abgezogen hast.«

Beinahe hätte er die Bar verlassen. Schließlich hätte sie ein Cop sein können, oder eine White-Hat-Hackerin, die es auf ihn abgesehen hatte. Zu sehen, wie sein cleverer Trick durch einen einzigen Satz in der Luft zerrissen wurde, ließ ihn gelähmt schweigen.

»Schon gut«, sagte die Frau, die scheinbar seine Gedanken gelesen hatte. »Ich weiß, was du denkst: ›Polizei‹. Aber ich bin nicht von der Polizei. Natürlich musst du mir das nicht glauben.« Sie griff in die Tasche ihrer engen Designerjeans und zog eine Karte hervor, die sie ihm über den vom Bier klebrigen Tisch hinweg reichte. »Auf der Karte steht eine Nummer. Ruf an, falls du geschäftlich eine Nummer größer durchstarten willst. Und vertrau mir. Diese Mailbox wird tatsächlich abgehört.«

»Wie heißen Sie?«, fragte er.

»Fiona«, antwortete sie lächelnd und zeigte ihre Zähne. »Durch mich kannst du so viel Geld verdienen, dass es schon lachhaft ist. Du wirst nie wieder einen alternden Studententypen abziehen müssen.«

8.

Hoch in der Luft baumelnd atmete Bill in langsamen Zügen. Er strich mit den Fingern über seine Handgelenke und spürte Plastik. Plastikfesseln, nicht die ausbruchsicheren Modelle, die von den Cops bevorzugt wurden. Wenigstens diesen Vorteil hatte er. Die Arschlöcher, die ihn hier aufgehängt hatten, hatten ihm Uhr und Brieftasche abgenommen, was unter normalen Umständen für einen Wutanfall ausgereicht hätte. Nur dass Wut ihm nicht helfen würde, sich zu befreien, oder?

Stattdessen konzentrierte er sich darauf, pro Minute sechsmal tief zu atmen und seine nächsten Schritte zu überdenken.

Schon als Kind war Bill von Entfesselungskünstlern geradezu besessen gewesen. Während die anderen Kinder in seiner Schule ihre Freizeit mit Videospielen vergeudeten, brachte Bill sich bei, ein Paar pelzgefütterte Handschellen zu knacken, die seine Mom in einem ihrer Hotelzimmer entdeckt hatte. Binnen weniger Wochen war Bill so weit, dass er nur drei Sekunden brauchte, um die Handschellen mit einer verbogenen Büroklammer zu öffnen. Als dieses Ziel erreicht war, ging er dazu über, Autotüren mit einem Kleiderbügel zu bearbeiten, was ihm eine Welt voller Spaß und Profit eröffnete.

Als Erwachsener hatte er, aus rein professionellen Gründen, nie das Interesse an cleveren Fluchtmethoden verloren. Daher wusste er, dass Plastikhandschellen einen eklatanten Schwachpunkt hatten.

Bill drehte seine Unterarme, bis die Fesseln zwischen seinen Handgelenken straff gespannt waren. Hoffentlich befand sich der Schließmechanismus im korrekten Winkel. Sie hatten ihm einen Gefallen getan, indem sie ihm die Jacke ausgezogen hatten, denn der Stoff hätte sicher einen Teil der Wucht abgedämpft, die er aufbringen musste. Er zog die Arme möglichst weit vom Körper weg, spannte jeden einzelnen Muskel der Schulterpartie an und schlug die Handgelenke dann mit aller Kraft auf sein Steißbein.

Kein Glück.

Er versuchte es noch einmal.

Nichts. Verdammt.

»Was machst du da oben?«, fragte Casey. »Holst du dir einen runter?«

»Das hättest du wohl gern.«

Ein Klicken, kurz darauf gefolgt vom Strahl einer Taschenlampe in seinem Gesicht. Er kniff die Augen zusammen. »Ich würde dir raten, mich loszumachen«, sagte er in das grelle Licht hinein, denn Betteln war nie sein Stil gewesen.

Am verschwommenen Rand des Lichtkegels sah er, wie Casey neugierig den Kopf zur Seite legte. »Warum?«

»Ähm, weil ich dir sonst in den Arsch trete?«

Sie lachte. »Wenn du nach ›Wagemut‹ suchst, es steht im Wörterbuch gleich vor ›Wahnsinn‹.« Die Taschenlampe erlosch. Offenbar war Casey zufrieden mit dem Zustand seiner Fesseln.

Bill zählte im Kopf drei Minuten runter, ehe er die straff gespannten Handgelenke erneut auf sein Steißbein krachen ließ. Diesmal funktionierte es. Unter dem Einfluss des richtigen Maßes an Seitenkraft und Geschwindigkeit zerbrach das Plastik. Seine Arme fielen nach unten.

Nachdem das erledigt war, ließ er eine weitere Minute verstreichen und lauschte auf jede Bewegung Caseys. Hatte sie das Knacken der Plastikfesseln gehört? Dem Knirschen des Schotters nach zu urteilen lauerte sie direkt unter ihm. Er hörte ein leises Knarzen, das möglicherweise daher stammte, dass ihr Hintern sich auf einen Stuhl senkte. Dann beschloss er, dass es Zeit war, sich langsam (ganz leise, alter Junge, ganz leise) der zweiten Etappe seines großartigen Fluchtplans zu widmen.

Für diesen nächsten Schritt würde er mehr körperliche Kraft aufwenden müssen. Bill spannte die Bauchmuskeln an und krümmte sich, bis sein Kopf sich auf Höhe des Oberkörpers befand. Nach wenigen Sekunden aber zitterten seine Muskeln wie Gelatine, er sackte zurück nach unten. Sein Schädel pochte. Was immer sie ihm in den Drink gekippt hatten, verursachte mehr als einen handelsüblichen Kater.

Während er dort hing und langsam wieder zu Atem kam, passten seine Augen sich etwas besser an die Dunkelheit an. Er konnte jetzt erkennen, dass er an einem Bockkran hing, einem hohen stählernen Rahmen, der konstruiert war, um sehr schwere Gegenstände wie Schiffscontainer zu heben. Die Fesseln um seine Fußgelenke waren an einer noch dickeren Kette befestigt, die wiederum an einem großen Flaschenzug hing, der am Querträger des Krans angebracht war. Als er den Blick nach unten gleiten ließ, entdeckte er den dunklen Schatten Caseys in einem Klappstuhl neben dem rechten Stützpfeiler. Gleich an ihrem Kopf glomm die matte Glut einer Zigarette. Diese winzige Lichtquelle würde ausreichen, um ihre Nachtsicht einzuschränken, womit Bill kein Problem hatte. Sie hatte keine Ahnung, dass er die Handschellen …

»Das ist ein hübscher Trick«, rief sie zu ihm hoch.

»Was?«

»Die Handschellen zu zerbrechen.«

»Wie wäre es, wenn du mich runterlässt, damit du mir ein neues Paar anlegen kannst?«

»Wie wäre es, wenn ich mit deiner Pistole ein paar Schießübungen mache?« Ein silbernes Aufblitzen, als sie die Pistole über den Kopf reckte.

»Nicht sehr sportlich«, bemerkte er mit gekünsteltem britischem Akzent. Er ließ die Arme ein Stück vor und zurück schwingen, wodurch sein Körper wie ein Pendel schaukelte und die Kette leise knirschte. Falls sie für ein paar Minuten verschwand, könnte er fester schwingen und möglicherweise einen der Pfeiler erreichen, und …

Und was?

Er hatte weder einen Schlüssel für das Schloss an seinen Fußgelenken noch das Werkzeug, um es zu knacken. Und wenn du die Kette erst mal los bist, dachte er, hast du immer noch deine Lieblingsbarfrau am Hals, die von unten auf dich schießt, während du zentimeterweise an einem Kran hinunterkletterst, der nicht zum Klettern gedacht ist. Ich bin dermaßen am Arsch.

»Was wollt ihr?«, brüllte er nach unten.

»Wir haben schon das Geld aus deinem Kofferraum«, sagte sie. »Und wir wetten, dass es da, wo du herkommst, noch mehr davon gibt. Wenn du es uns gibst, kannst du abhauen.«

Klar doch. Casey und ihre Komplizen, wer auch immer sie sein mochten, würden ihn auf der Stelle töten, falls er ihnen irgendetwas gab. Nicht dass er noch etwas zu geben hatte. »Woher weiß ich, dass ihr mich gehen lasst?«

Sie klang beleidigt. »Nennst du mich eine Lügnerin? Jemand, der mit so viel Bargeld durch die Gegend fährt wie du, dürfte kein Interesse daran haben, dass die Cops davon erfahren. Wir wissen, dass du nichts sagen würdest. Warum sollten wir dich nicht gehen lassen?«

»Lass mich ein Gegenangebot machen«, sagte Bill und kratzte sämtliche Reste von Härte zusammen, die er noch aufbringen konnte. »Ihr lasst mich gehen, mit meinem Geld. Vielleicht werden euch die Leute, für die ich arbeite, dann nicht lebendig ihren Hunden zum Fraß vorwerfen.«

»Für wen arbeitest du?«

»Für ein paar sehr böse Leute, die das Geld vermissen werden.«

»Ja? Wenn das stimmt, warum hattest du dann keinen Beschützer dabei?«

»Schon mal das Wort Unauffälligkeit gehört? So arbeiten Kuriere.«

»Ich glaub dir nicht.« Sie klang eine Spur verunsichert.

»Egal«, sagte er. »Eure Augen waren größer als eure Mägen. Aber diese Hunde werden nichts von euch übriglassen.« Er schwenkte die Knie hin und her, sodass sein Körper um die Kette herum rotierte und er die Nacht jenseits des Schrottplatzes in Augenschein nehmen konnte. Tief in der Dunkelheit sah er etwas Weißes aufblitzen, das im Verlauf der nächsten Sekunden zu einem Paar Scheinwerfer anwuchs, die zwischen den schwarzen Umrissen der Bäume die Nacht durchschnitten. »Da kommt jemand«, verkündete er.

»Was?« Casey erhob sich und trat an den Maschendrahtzaun, der das Gelände umgab.

»Vielleicht sind das die Cops«, sagte Bill.

»Oh, das sind nicht die Cops.«

Die Scheinwerfer verschlangen Meter um Meter und rasten direkt auf sie zu. »Vielleicht sind es Freunde von mir«, sagte Bill, um Casey ein bisschen Angst zu machen – bloß, dass er höchstwahrscheinlich recht hatte. Bei diesem Gedanken wurden seine Eingeweide zu einem eisigen Klumpen.

9.

Die rund zwei Kilo rotes Fleisch in meinem Magen drückten jedes Mal, wenn ich das Gaspedal durchtrat, wie eine Bowlingkugel gegen mein Rückgrat. Aber ich will mich nicht beklagen. Es war ein gutes Gefühl, einen Riesenbatzen Fett und Salz zu vertilgen, selbst wenn es bedeutete, dass mein Dickdarm in einigen Stunden eine echte Ardennenoffensive zu überstehen hatte.

Statt mich umzubringen, indem ich mir eine Pistole in den Mund rammte und die Zimmerdecke mit meinem Gehirn dekorierte, würde ich das vielleicht in etwas gemessenerem Tempo erledigen, indem ich mich zu Tode fraß.

Von meinem Beobachtungsposten neben dem geschlossenen Laden sah ich, wie der Transporter der Barfrau hinter dem Restaurant hielt. Die Küchentür öffnete sich, und vor der antiseptischen Beleuchtung zeichnete sich unverkennbar die Silhouette meines Freundes, des Türstehers, ab. Die Barfrau sprang aus dem Transporter und half ihm, etwas Schweres auf den Rücksitz zu wuchten. Der Rausschmeißer verschwand wieder im Gebäude, und sie fuhr los. Mit ausgeschalteten Scheinwerfern machte ich mich an die Verfolgung.

Die zweispurige Straße führte parallel zur Interstate ins dunkle Hinterland, vorbei an verlassenen Häuschen und vereinzelten Tankstellen. Weil niemand sonst auf der Straße unterwegs war, ließ ich ihr eine Viertelmeile Vorsprung. Wir waren fünf Meilen gefahren, als mein Handy in der Halterung auf dem Armaturenbrett sich mit einer fröhlichen kleinen Melodie meldete.

Ich wischte über das Display und drückte die Lautsprechertaste. »Ja?«

»Status?«, wollte die unverkennbare Stimme des Deans wissen.

»Sie würden es mir sowieso nicht glauben.«

An einer unbeschilderten Abzweigung bog der Transporter links ab in eine schmale, unebene Straße, die in ein Waldstück führte. Ich verlangsamte meine Fahrt, ehe ich ihm folgte.

»Red schon«, verlangte der Dean.

»Ihr Junge ist von Dritten entführt worden.«

Fassungsloses Schweigen. »Was soll das heißen?«

»Ihr Junge hat in einer Spelunke etwas getrunken, und die Einheimischen haben ihn sich geschnappt. Er befindet sich im Transporter einer Barfrau und wird wahrscheinlich in irgendeine Kettensägen-Kannibalen-Höhle verfrachtet. Ich hoffe, die haben den Anstand, ihn zu töten, bevor sie ihn verspeisen, falls Sie verstehen, was ich meine?«

Ich grinste, als ich mir ausmalte, welche Bestürzung am anderen Ende der Leitung herrschen musste. Was immer Sie über Gangster denken mögen, im tiefsten Inneren sind sie Geschäftsleute und unterscheiden sich kaum von denen, die jeden Morgen in einen Anzug schlüpfen, ehe sie ins Büro gehen. Klar, vielleicht klären sie Meinungsverschiedenheiten bevorzugt mit ein paar Kugeln und einem Benzinkanister statt mit passiv-aggressiven E-Mails. Aber sie erwarten trotz allem, dass ihr Geschäft in vorhersehbaren Bahnen läuft.

»Was auch passiert – mir egal«, sagte die Stimme. »Solange du dich an die Grundzüge unserer Vereinbarung hältst. Ist das klar?«

»Sicher«, sagte ich. »Wer würde es nicht genießen, den abgetrennten Kopf eines Feindes unter dem Weihnachtsbaum liegen zu haben? Mir ist schon klar, dass Sie diesen Peckinpah-Film wirklich lieben, aber glauben Sie mir: Mit dem Eis bleibt Ihnen ungefähr ein Tag, bis der Gestank unerträglich wird.«

»Dein Mundwerk wird dich eines Tages in Schwierigkeiten bringen«, stellte er fest. »Irgendeine Spur von meinen anderen Verfolgern?«

»Nichts. Wenn es darum geht, Bill um die Ecke zu bringen, müssen Sie ganz mir und den Stimmen in meinem Kopf vertrauen. Ist das keine gute Nachricht?«

»Falls du doch noch auf sie triffst und sie ihren Job erledigen«, zischte er, »dann misch dich nicht ein, klar?«

»Okay, Mom«, gab ich zurück. »Ich muss jetzt.« Ich beendete das Gespräch. Die Bäume, die den Straßenrand gesäumt hatten, wichen jetzt zurück und gaben den Blick auf eine hügelige, im Mondlicht graue Graslandschaft frei. Ich tippte auf die Bremse, um den Abstand zum Transporter zu vergrößern, der gerade sein Tempo drosselte und sich einer Art Industriegebiet näherte. Seine Scheinwerfer erfassten einen Maschendrahtzaun.