Love Locked Down - Beth Reekles - E-Book

Love Locked Down E-Book

Beth Reekles

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Beschreibung

Fünf Paare. Eine Woche. Und Liebe in all ihren Facetten

Imogen will nach einem One-Night-Stand gerade das Haus verlassen, als sie erfährt, dass der komplette Wohnblock abgeriegelt ist: Eine Woche strikter Lockdown mit einem Typ, von dem sie nicht mal den Vornamen weiß! Einen Stock höher können Isla und Danny, frisch verliebt, gar nicht genug Zeit zusammen verbringen. Aber wie lang kann Isla ihre perfekte Fassade aufrechterhalten, wenn Danny rund um die Uhr bei ihr ist? Bei Zach und Serena nebenan kriselt es schon eine Weile und aus einer simplen Pizzabestellung wird ein Riesenstreit. Vlogger Ethan im ersten Stock wiederum hält es ohne Charlotte, die bei ihren Eltern festsitzt, kaum aus. In Apartment 22 dagegen wird Olivias Vorbereitungswochenende für die Hochzeit der besten Freundin zum Albtraum: eine ganze Woche mit Brautzilla plus zwei Brautjungfern in ihrer kleinen Wohnung – und dazu Homeoffice!

Eine zuckersüße Lockdown-Liebesgeschichte von KISSING-BOOTH-Autorin Beth Reekles

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 441

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Aus dem Englischen von Sylvia Bieker und Henriette Zeltner-Shane

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Deutsche Erstausgabe Mai 2022

© 2022 by Beth Reekles

© 2022 für die deutschsprachige Ausgabe

cbj Kinder- und Jugendbuch Verlag

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Love, Locked Down« bei Sphere, einem Imprint der Little, Brown Book Group, London, in der Verlagsgruppe Hachette UK.

Aus dem Englischen von Sylvia Bieker und Henriette Zeltner-Shane

Umschlaggestaltung: Kathrin Schüler, Berlin

Umschlagmotive: © Shutterstock.com (Michal Sanca, Kozyreva Elena, majivecka, Alexey Malkov, Ellegant, pinkeyes)

kk · Herstellung: AW

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-28903-4V002

www.cbj-verlag.de

Für die Cactus-Updates-Crew. Ob Abende mit Powerpoint-Präsentationen zum typischem Kennenlernen in Romcoms oder zu Weihnachtskrimis: Es hat Spaß gemacht, mit euch »nicht« abzuhängen. Danke, dass ihr mir geholfen habt, den Lockdown zu überstehen.

Sonntag

BITTE BEACHTEN SIE DIESE HINWEISE

AN ALLE BEWOHNER*INNEN VON APARTMENTKOMPLEX C, LONDON LANE

Liebe Bewohner*innen,

wie Sie aus unseren vorangegangenen Schreiben zum Thema sicher wissen, hat die Hausverwaltung, da wir uns aufgrund eines hoch ansteckenden Virus gegenwärtig am Rande einer Pandemie befinden, beschlossen, über jeden Apartmentkomplex an der London Lane eine siebentägige Quarantäne zu verhängen, falls jemand aus der Wohnanlage infiziert sein sollte.*

Leider wurde bereits jemand in Block C positiv getestet.

Daher befindet sich Block C nun in einem siebentägigen Lockdown. Bitte bewahren Sie Ruhe, achten Sie auf Ihre Sicherheit und waschen Sie sich regelmäßig die Hände. Wir bitten Sie, die Aufzüge nur im Notfall zu benutzen und Kontakt zu anderen Bewohner*innen zu vermeiden. Vor allem aber bitten wir Sie, in Ihrer Wohnung zu bleiben.

Wir wünschen Ihnen eine gute Woche!

Mit freundlichen Grüßen

Die Hausverwaltung der London Lane

* Bitte beachten: Falls Sie glauben, sich angesteckt zu haben, müssen Sie sofort Ihren Hauswart informieren. Sollten Sie sich nicht an die Vorschriften halten, behält die Hausverwaltung sich das Recht zur Kündigung oder die Verhängung von beträchtlichen Strafen aufgrund von Vertragsverletzung vor. Ihr Hauswart für den Komplex C ist Mr Rowan Harris.

1Apartment Nr. 14 – Imogen

Draußen wird es hell. Die Jalousien sind hellgrau, sodass sie die Sonne kaum abhalten. Das ganze Fenster scheint zu leuchten und schwache Schatten fallen ins Zimmer. Die wohlgeordnete Haarpflege- und Rasierwassersammlung auf der Kommode ist daneben nicht genau zu sehen. Der Hoodie, der vor den Schranktüren hängt, wirkt beinah wie ein Mensch. Ein Knie drückt gegen meinen Oberschenkel. Ich fahre mir mit der Hand übers Gesicht und merke, wie mir die Mascara von gestern Abend die Augen verklebt. Als ich mich langsam aus dem Bett schälen will, hole ich geräuschvoll Luft, weil sein Arm auf meinen Haaren liegt. Stück für Stück ziehe ich sie darunter weg und binde sie zu einem Pferdeschwanz zusammen.

Das Bettgestell knarzt, als ich mich aufsetze, aber … Nigel ? Ich glaube, Nigel – schnarcht im Tiefschlaf weiter und scheint meine Anwesenheit in seinem Bett nicht zu bemerken.

Ich mustere ihn über meine Schulter hinweg.

Noch süßer als auf seinem Profilbild, denke ich. Sogar jetzt, wo ihm ein bisschen Spucke aus dem Mund läuft.

»Das hat Spaß gemacht«, flüstere ich, obwohl er tief und fest schläft. Ich puste noch einen Kuss in seine Richtung, dann schleiche ich durchs Schlafzimmer und schlüpfe geräuschlos in meine Jeans. Erst dann fällt mein Blick auf das T-Shirt, das ich mir zum Schlafen von ihm geborgt habe. Es ist eins von den Ramones und fühlt sich echt vintage an, nicht wie so eine Fünf-Pfund-Imitation von Primark. Es ist sogar verdammt bequem. Und cute, finde ich beim Blick in den Spiegel, der an der gegenüberliegenden Wand lehnt. Oversized, aber nicht so, dass ich aussehe wie ein kleines Kind, das Verkleiden spielt. Ich stecke es vorne in den Hosenbund und bewundere die Wirkung.

Oh ja, echt cute.

Sorry, Neil. (Neil ? Vielleicht war es das.) Das T-Shirt ist jetzt meins.

Mein langes braunes Haar sieht leider definitiv nicht cute aus, sondern zottelig. Die Locken von gestern Abend haben sich ausgehängt, dafür ist es voller Knoten und macht einen ziemlich bemitleidenswerten Eindruck. Ich versuche, es mit den Fingern zu entwirren, gebe aber schnell auf. Hey, immerhin sorgt die Mascara von gestern für Grunge-Eyeliner, was wiederum toll zum Ramones-Shirt passt.

Ich sammle mein eigenes T-Shirt und den BH vom Boden auf und schleiche auf Zehenspitzen ins offene Wohn-Esszimmer. Wo habe ich bloß meine Tasche gelassen? War das nicht … ah, da ist sie! Und meine Jacke auch. Ich stopfe die Klamotten in die Tasche und sehe mich nach meinen Schuhen um.

Komm schon, Imogen, denk nach. Die müssen ja hier irgendwo sein. Ich kann sie schließlich nicht verloren haben. Wo ich gestern Abend noch nicht mal betrunken war!

Wo habe ich meine verdammten Schuhe gelassen?

Oh mein Gott, nein. Jetzt fällt’s mir ein. Er hat mich gezwungen, sie vor der Tür stehen zu lassen, weil er meinte, sie sähen schmutzig aus. Als ob ich was dafür könnte, dass es gestern Abend geschüttet hat und der Weg zum Wohnblock voller Erde aus den Blumenbeeten war. Ich habe noch gescherzt, sie wären von Prada, und wenn jemand sie stehlen würde, dann sollte sich das hier mal besser gelohnt haben. Dabei waren sie nur aus dem Schlussverkauf bei New Look.

Ich gehe ein letztes Mal alles durch, damit ich ja nichts vergesse. Handy, check, Hausschlüssel … yep, in meiner Tasche.

Nach kurzem Zögern laufe ich noch mal zurück zu dem winzigen Esstisch für zwei neben der Wohnzimmertür, um mir ein Stück von der übrig gebliebenen Peperoni-Pizza zu schnappen, die wir uns gestern Nacht noch bestellt hatten.

Frühstück für Helden.

Als ich durch die Wohnungstür rausschleiche, muss ich über irgendwelche Werbepost steigen. Es kann nicht viel später als sieben Uhr sein – wer zum Teufel trägt so früh am Morgen Reklame aus, frage ich mich. Und für wen denn bitte?

Meine Schuhe stehen genau da, wo ich sie ausgezogen habe.

Und fairerweise muss man sagen, dass sie tatsächlich aussehen, als wäre ich damit über einen Acker gelaufen. Ich kann ihm wirklich keinen Vorwurf dafür machen, dass er sie mich vor der Wohnung hat ausziehen lassen. Sobald ich zu Hause bin, muss ich sie sauber machen.

Ich halte das Pizzastück zwischen meinen Zähnen, während ich reinschlüpfe. Igitt, sie sind innen ganz feucht! Dann ziehe ich noch meine Jacke an.

Okay, fertig zum Aufbruch!

Ich hüpfe die Stufen hinunter, kaue an der Pizza und habe schon die Uber-App geöffnet, um mir einen Wagen nach Hause zu bestellen. Die Schuhe mögen ja süß aussehen, aber für einen Walk of Shame sind sie definitiv nicht gemacht.

»Entschuldigung, Miss?«

Obwohl sonst niemand zu sehen ist, merke ich erst, dass ich gemeint bin, als die Stimme sagt: »Hallo, Sie da, mit dem Ramones-Shirt!«

Als ich mich umdrehe, steht da ein müde und gestresst wirkender Typ mit einer Handvoll Zettel. Mr Werbepost, vermute ich. Er trägt eine blaue Papiermaske und hässliche braune Schlappen.

»Danke, kein Interesse«, erkläre ich ihm und steuere auf die Tür zu.

Doch als ich sie aufdrücken will, passiert … nichts.

Ich packe den großen Metallgriff, ziehe, drücke und rüttle daran, aber die Tür bleibt verschlossen.

What the fuck?

Oh mein Gott, so werde ich sterben. Nach einem One-Night-Stand und durch die Hand eines psychopathischen Serienkillers, der Prospekte austrägt. Bitte, bitte, lass das niemand als Todesursache auf meinen Grabstein schreiben.

»Miss, Sie können hier nicht raus«, erklärt der Mann mir genervt. »Haben Sie das Informationsblatt nicht bekommen?«

»Was für ein Blatt? Wovon reden Sie überhaupt?«

Ich drehe mich zu ihm um, halte dabei aber mein Handy fest umklammert. Soll ich die Polizei anrufen? Meine Mum? Den Uber-Fahrer?

Der Mann seufzt erschöpft und kommt auf mich zu, aber nur ein Stück. Als würde er einen Sicherheitsabstand einhalten. Genau wie ich sieht er ein bisschen derangiert aus – allerdings eher, als ob er heute Morgen eilig das Haus verlassen hätte, nicht wie auf dem Heimweg. An seinem Gürtel hängt ein Bund mit unzähligen Schlüsseln. Als ich die weißen Latexhandschuhe bemerke, die er trägt, bekomme ich ein mulmiges Gefühl.

»Wir haben einen bestätigten Fall unter den Bewohnern. Das ganze Gebäude befindet sich im Lockdown. Diese Tür darf nur für medizinische Notfälle oder Essenslieferungen geöffnet werden.«

Ich starre ihn an und merke ganz deutlich, dass mir vor Staunen der Mund offen steht. Nach einer Weile zuckt er mit den Achseln, als wollte er sagen: Was kann man machen?

Das ist ein Scherz, denke ich.

Das muss ein Scherz sein.

Ich lache verlegen, verziehe den Mund zu einem Lächeln. »Gut. Ja, gut. Der war gut. Hören Sie, ähm, ich verstehe schon, ganz im Ernst, aber können Sie nicht einfach … also, einen von diesen Schlüsseln benutzen und mich hier rauslassen? Hand aufs Herz, ich werde total vorsichtig sein. Hey, wissen Sie was, ich cancele sogar mein Uber und gehe zu Fuß, wie wäre das?«

Der Typ sieht mich stirnrunzelnd an. »Miss, Ihnen ist schon klar, wie ernst das hier ist, oder?«

»Absolut«, versichere ich ihm, aber es klingt leider nicht aufrichtig, sondern gequält und fake. Wenn nicht sogar verächtlich. Shit. Ich versuche es noch mal. »Ich verstehe schon, das tue ich wirklich, aber wissen Sie, die Sache ist die: Ich war hier nur bei jemand zu Besuch. Also sollte ich eigentlich gar nicht hier sein. Und muss deshalb jetzt sozusagen nach Hause.«

Über sein Gesicht huscht so etwas wie Mitleid und ich fange schon an, innerlich zu triumphieren, weil ich ihn überzeugt habe. Doch da kehrt sein Stirnrunzeln zurück und er meint streng: »Sie wissen aber schon, dass Sie unnötige Wege vermeiden sollen, oder?«

Blödmann.

»Tja, ich meine … könnten Sie nicht einfach …?«

Ich blicke sehnsüchtig über meine Schulter zur Haustür. Auf den schlammigen Weg davor mit den verregneten Rosenbüschen und leuchtend bunten Petunien. Freiheit, so nah, dass ich sie beinah schmecken kann, und doch …

Und doch schmecke ich nur Peperoni-Pizza.

Das ist auch nicht mehr so toll wie noch vor zwei Minuten.

Wie stehen die Chancen, dass ich ihm seinen Schlüsselbund vom Gürtel reißen und die Tür aufschließen kann, bevor er mich eingeholt hat? Hm, ungefähr bei null. Oder was, wenn ich mich einfach richtig heftig gegen die Tür werfe? Vielleicht könnte ich das Glas mit einem meiner Absätze einschlagen? Ooh! Könnte ich ihn vielleicht hypnotisieren, damit er mich rauslässt? Das wäre definitiv einen Versuch wert. Immerhin habe ich ein paar Clips von Derren Brown auf YouTube gesehen.

»Sieben Tage Quarantäne«, erklärt mein Gefängniswärter. »Wir müssen alle allgemein zugänglichen Räume gründlich reinigen. Jeder könnte sich infiziert haben. Und wenn Sie mir nicht glaubhaft versichern können, dass Sie gut fünfzig Tests für alle Bewohner in ihrer Tasche dahaben, geht hier erst mal keiner irgendwohin. Glauben Sie mir, für mich ist das auch kein Spaß. Meinen Sie, ich habe Lust, den ganzen Tag Security zu spielen, nur damit die Hausverwaltung mich nicht feuert und ich meine Wohnung nicht verliere?«

Okay, na schön, gut gemacht, denke ich. Glückwunsch, Mr Reklamezettel, ich spendiere eine Runde Mitleid.

»Aber …«

»Hören Sie, ich kann Ihnen nur raten, dass Sie zurück zu Ihrem Freund gehen.« – Ich weiß das zu schätzen, dass er »Freund« sagt, als wäre hier von einem echten Freund die Rede, was ja ganz offensichtlich nicht der Fall ist. »Und dann schauen Sie mal, ob Sie einen Lieferslot bei einem Supermarkt ergattern oder vielleicht von Topshop oder so, damit Sie über die nächste Woche kommen. Denn außer falls Sie ins Krankenhaus müssen, sitzen Sie jetzt erst mal hier fest.«

Grimmig trotte ich langsam die Stufen hinauf. Da meine Schuhe an den Zehen drücken, ziehe ich sie aus und hänge sie an den Riemchen über den Zeigefinger. Mr Reklamezettel bleibt unten und schrubbt die Tür, an der ich eben mit meinen fettigen Fingern zugange war. Fast als würde er mich damit bannen und dafür sorgen, dass ich nicht noch mal versuche, rauszukommen.

Was zum Teufel soll ich jetzt machen?

Grr.

Ich weiß genau, was ich jetzt tun muss.

Trotzdem hoffe ich auf ein winziges bisschen Glück und rüttle am Türgriff von Apartment 14.

Zu.

Na klar.

Ich wäge meine Möglichkeiten ab und setze mich schließlich auf die langweilig braune Fußmatte, lehne mich mit dem Rücken an die Tür und schlage die Hände vors Gesicht.

Das habe ich jetzt davon, alle Ratschläge in den Wind zu schlagen.

Nicht so sehr die »Bleib zu Hause«-Tipps (die auch), sondern eher so was wie »Du bist nicht mehr an der Uni, Immy, also hör auf, so zu tun, als ob« – von meinen Eltern, meinen Freunden, meiner Direktorin, verdammt, sogar von meinen kleinen Brüdern.

Aber wie sage ich immer so schön? Warum soll man erwachsen werden, wenn man auch Spaß haben kann?

Wobei das hier definitiv kein Spaß ist.

Meine einzige Option besteht darin, genau das zu tun, was ich auch damals an der Uni getan habe – meine beste Freundin anrufen.

Obwohl es noch so früh ist, meldet Lucy sich leise, aber harsch: »Was hast du jetzt wieder angestellt?«

»Heeeeey, Luce …«

»Wie viel brauchst du, Immy?«

»Wie kommst du drauf, dass ich Geld brauche? Und was bringt dich überhaupt auf den Gedanken, dass ich was angestellt habe?«, frage ich gespielt gekränkt und presse dabei theatralisch eine Hand aufs Herz, obwohl sie mich gar nicht sehen kann. Auch wenn ich sie nicht sehe, weiß ich mit absoluter Sicherheit, dass sie jetzt die Augen verdreht, während sie einen langen, tiefen Seufzer ausstößt. »Obwohl, na gut, ich … ich stecke in klitzekleinen Schwierigkeiten.«

»Hast du vergessen, ein Probeabo rechtzeitig zu kündigen?«

Lucy kennt mich inzwischen gut genug, um zu wissen, wie melodramatisch ich wegen so einer Sache werden kann. Melodramatisch genug, um einen frühmorgendlichen Anruf wie diesen zu rechtfertigen.

Aber, ach je …

Ich mache den Mund auf und will ihr gerade erzählen, dass ich bei Honeypot Guy gestrandet bin. Bei dem Typen, mit dem ich seit ungefähr einer Woche schreibe und den zu treffen sie mir explizit verboten hat, weil wir uns schließlich in einer Pandemie befinden. Und jetzt sitze ich in Quarantäne in seinem Apartmenthaus fest und habe nur diese eine Unterhose, nicht mal eine Zahnbürste und …

Und ich hasse das, zugeben zu müssen, wie recht Lucy immer hat.

Dabei ist das genau genommen sogar alles ihre Schuld. Denn sie war ja mit irgendeiner blöden Hochzeitsvorbereitungs-Party gestern Abend zu beschäftigt, um ans Telefon zu gehen und mir auszureden, den Typen überhaupt zu treffen. Sie hatte mir zwar schon gesagt, ich sollte es nicht tun, aber ich wollte es so gern. Also beschloss ich, ihr nichts davon zu sagen, bis ich wohlbehalten wieder zu Hause wäre. Und wenn es nur war, um ihr zu beweisen, dass sie immer aus einer Mücke einen Elefanten und sich zu viele Sorgen machte.

»Oh, Scheiße, du hast ihn getroffen, stimmt’s? Honeypot?«

Ich kann ihr einfach nicht die Wahrheit sagen.

Oder zumindest jetzt noch nicht.

»Nein! Nein, nein, natürlich nicht«, platzt es aus mir heraus, obwohl ich fest damit rechne, dass sie mich sofort durchschaut. »Ich, ähm, ich bin nur … also, schau, es ist so …«

Ich belüge meine beste Freundin nicht gern – tatsächlich überhaupt niemanden, wenn es sich vermeiden lässt. Ich bin ein totaler Oversharer – aber jetzt entscheide ich, dass es so besser ist.

Ich meine, im Ernst, ich tue ihr damit doch einen Gefallen, oder? Erspare ihr eine Woche Stress und Sorgen um mich. Ich weiß genau, wie Lucy ist, und wenn sie Bescheid weiß, macht sie sich bestimmt Sorgen um mich.

Mit einem Seufzer unterbricht sie mich und scheint schon zu verstehen, dass ich, was auch immer ich angestellt habe, ein bisschen tiefer als üblich in der Klemme sitze. »Du hast es diesmal also richtig verkackt, was?«

»Danke, Luce.«

Anstatt weiter nach Antworten zu bohren, akzeptiert sie, dass ich es irgendwie vermasselt habe. »Wie sieht’s mit deinem Überziehungsrahmen aus?«

»Nicht so toll.«

»Hast du dein Kreditkartenlimit diesen Monat wieder überzogen?«

»Ein bisschen.«

Wir wissen beide, dass das »fast bis zum Anschlag« heißt.

»Wird ein Hunderter reichen, Immy?«

»Ich liebe dich.«

»Ich setze es auf die Liste«, erklärt sie und ich weiß, dass sie jetzt lächelt. »Und du bist bestimmt okay?«

»Ach, du kennst mich doch!«, sage ich lachend und bin seltsam erleichtert, dass die bevorstehende Quarantäne mit einem One-Night-Stand noch nicht mal das Verrückteste ist, was mir seit ungefähr einem Monat passiert ist. (Definitiv nicht so schlimm wie der Abend, als ich im Club auf die Bühne kletterte, um die dort auftretende Dragqueen zu einem Duell im Lip-Sync-Singen rauszufordern, oder?) »Das kriege ich schon hin. Ich muss nur … ja. Danke noch mal, Luce. Ich erzähl dir alles, wenn wir uns das nächste Mal sehen.«

»Machst du das nicht immer?«

Lucy hat eine seltsame Art, Gespräche zu beenden, ohne dass sie sich verabschieden muss. – Ich kenne sie gut genug, um zu merken, dass das jetzt einer dieser Momente ist. Also verabschiede ich mich, sage noch mal Danke für das Geld, das sie mir überweisen wird, wie sie es immer tut. Ich werde es in Liebe und Zuneigung und Memes zurückzahlen, bis ich eines Tages in ferner Zukunft mein Leben wundersamerweise so weit im Griff haben werde, dass ich mein überzogenes Konto ausgleichen kann und genug Geld habe, um meinen ständig wachsenden Kredit bei der Bank of Lucy zurückzuzahlen.

Nachdem ich mich nun ein klein wenig besser fühle, stehe ich auf, wische mir den Staub vom Hintern und klopfe an der Wohnungstür.

Es dauert ein paar Minuten, bis die Tür sich öffnet.

Er wirkt verdutzt und groggy und trägt nur seine Boxershorts. Das sorgsam frisierte blonde Haar, das ich auf seinen Profilbildern bewundert hatte, ist jetzt platt gedrückt und steht in alle Richtungen.

Ich schenke ihm mein breitestes, schönstes Grinsen, lege den Kopf schräg und wickle mir eine Haarsträhne um den Zeigefinger.

»Hey, Niall. Ähm …«

Er gähnt laut und hebt einen Finger, um mich zu unterbrechen, bevor er sich die Hand vor den Mund hält. Kopfschüttelnd blinzelt er ein paarmal, sieht mich dann irritiert und wenig beeindruckt an.

»Ich falle dir wirklich ungern zur Last, aber dein Wohnblock steht sozusagen unter … Quarantäne.«

»Unter was?«

Ich schaue nach dem Blatt Papier, an dem ich vorhin einfach vorbeigelaufen bin, und bücke mich, um es aufzuheben. Es ist die schriftliche Mitteilung, dass die Bewohner der Anlage sieben Tage in ihrer Wohnung zu bleiben haben. Ich halte ihm den Zettel hin, schweige und wiege mich nur mit verschränkten Händen leicht hin und her, während er liest und sich dabei die Augen reibt. Er muss blinzeln und hält das Papier dicht vor sein Gesicht.

»Oh, Shit.«

»Da unten ist ein Kerl, der mich nicht rauslassen will«, sage ich. »Es tut mir echt leid, aber … falls du es nicht mit ihm aufnehmen willst …«

Ich betrete die Wohnung und lasse meine Schuhe wieder draußen vor der Tür. Er sagt kein Wort, als ich meine Tasche drinnen ablege.

»Ich muss mal eben dein Bad benutzen. Du weißt schon, mir die Hände waschen.« Ich wedle mit den Fingern, wie um ihm zu beweisen, was für eine verantwortungsbewusste Erwachsene ich bin.

Als ich zurückkomme, steht er immer noch an der Tür und hält den Zettel in der Hand.

»Also, Nico, hör zu –«

»Nate.«

»Was?«

»Mein Name!« Er zieht die Augenbrauen in die Höhe und sieht jetzt eher angepisst als müde aus. »Nate. Nathan, aber … Nate.«

Ich beiße mir auf die Lippe, verziehe das Gesicht. Irgendwie hatte ich gehofft, wenn ich genügend Namen durchprobiere, würde ich irgendwann den richtigen treffen. Ich hatte auch gehofft, wenn ich die Namen schnell genug sagte, würde er es gar nicht merken.

»Sorry. Du bist … du bist bei den Kontakten in meinem Telefon als Honigtopf-Emoji gespeichert. Weißt du, weil … du meintest doch, wenn du eine literarische Figur wärst, dann Pu der Bär, und als du dann noch erzählt hast, deine Mum hätte Bienen. Und dein Lieblingsschokoriegel ist Crunchie, wo ja auch Honigwaben drin sind. Das fand ich süß und witzig, aber dann merkte ich, dass ich deinen Namen vergessen hatte, aber du hattest dein Profil bei der Dating-App gelöscht, also konnte ich da nicht nachschauen, und …«

Nates Gesichtsausdruck wird immerhin ein bisschen sanfter.

Doch als ich meine Jacke ausziehe, merkt er, was ich anhabe, und bricht in lautes, staunendes Gelächter aus. »Du bist mir ja vielleicht eine Marke! Bequatschst mich, dass du mit zu mir kommst, obwohl alle auf Social Distancing achten sollen –«

»Also beschwert hast du dich darüber gestern nicht«, murmele ich halblaut.

»Verschwindest, ohne dich auch nur zu verabschieden, und willst dann auch noch mein Lieblingsshirt mitgehen lassen. Wow.«

»Vielleicht sollte es einfach nur ein guter Grund sein, dich wiederzusehen.«

Lachend rollt er mit den Augen. »Imogen, glaub mir, so jemand wie du ist mir noch nie begegnet.«

Ich mache einen Knicks, obwohl das aus seinem Mund eher nach einer Beleidigung klingt. »Danke schön.«

Wenigstens bringt es ihn zum Lachen. Nate-Nathan-Nate fährt sich mit einer Hand durch die Haare, was nur wenig bringt. Dann meint er zu mir: »Im Badschrank sind frische Handtücher, falls du duschen möchtest. Ich sehe mal nach, ob ich online einen Slot für eine Essenslieferung kriegen kann. Dann müssen wir wohl … keine Ahnung. Sehen, wie wir das hinkriegen.«

Ich bin mir nicht ganz sicher, was es da groß hinzukriegen gibt, außer vielleicht ein paar Portionen Tiefkühl-Lasagne und einige Unterhosen bestellen, aber ich nicke trotzdem. »Stimmt. Absolut. Da hast du recht, Nate.«

So viel zu meinem schnellen Abgang heute Morgen.

2Apartment Nr. 6 – Ethan

Das läuft quasi automatisch ab, wenn ich noch gar nicht richtig wach bin: Ich rolle mich auf den Rücken und strecke den Arm aus, um sie näher an mich zu ziehen. Einen Moment lang erschreckt mich der leere Platz neben mir, dann bin ich wach genug, um mich zu erinnern, wo sie ist. Ich drehe mich zurück in Richtung Nachttisch, reibe mir mit einer Hand den Schlaf aus den Augen und greife mit der anderen nach meinem Handy. Mit einem Ruck zerre ich das Ladekabel ab.

Auf dem Display wartet eine Nachricht von Charlotte von vor einer Stunde.

Mache mich jetzt gleich auf den Weg – wir sehen uns in ein paar Stunden! xxxxx

Sie sagt immer zu mir, dass sie kein Morgenmensch ist, aber ganz ehrlich, das ist sie so was von. Sie ist der Typ Mensch, der einen ruhigen Morgen mag. Sie stellt sich den Wecker eine Stunde früher als nötig, bloß damit sie sich unter der Decke noch mal zusammenrollen und lesen oder etwas in ihr hellblaues Notizbuch schreiben kann, das sie überallhin mitnimmt.

Heute muss es allerdings einen besonderen Anlass geben, dass sie tatsächlich schon so früh auf ist. Entweder das, oder sie ist völlig durch nach drei Tagen daheim bei ihren Eltern, wo sie gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester das ehemalige Kinderzimmer ausgeräumt und den Dachboden entrümpelt hat, um den Hausverkauf ihrer Eltern vorzubereiten, weil die sich verkleinern möchten. Vermutlich kann sie es kaum erwarten, wieder nach Hause zu kommen.

Ja, ich glaube, das wird es wohl definitiv sein. Sie hat dieses Wochenende so lange wie möglich vor sich hergeschoben und verdrängt, dass ihre Eltern das Haus verkaufen, seit sie das vor ein paar Monaten angekündigt haben, und ich kann sie gut verstehen. Als ich zehn Jahre alt war, haben sich meine Eltern scheiden lassen, und danach sind beide ein paarmal umgezogen. Wenn ich mich wie Charlotte von einem Haus verabschieden müsste, in dem ich mein ganzes Leben verbracht habe, wäre ich auch ziemlich aufgelöst.

Ich kann mir vorstellen, wie anstrengend dieses Wochenende für sie war. Da ist es nur logisch, dass sie schon vor acht Uhr morgens unterwegs ist.

Total unlogisch aber ist, wie sehr ich sie in den vergangenen Tagen vermisst habe. Man könnte Mitleid mit mir bekommen. Ich weiß, meine Freunde sagen bestimmt: »Ethan, hör auf, so ein Weichei zu sein, jeder Kerl würde seinen rechten Arm dafür geben, die Wohnung ein ganzes Wochenende für sich, die Freundin aus dem Weg und eine Pause von ihr zu haben!«

Am Freitagabend habe ich zwar ein paar Kumpels getroffen, aber das war für einen Fortnite-Livestream auf meinem Twitch-Kanal. Und »treffen« ist da etwas übertrieben ausgedrückt – wir saßen alle bequem zu Hause vor dem Bildschirm. Richtig verrücktes, dummes Zeug unter Jungs, selbstverständlich. Wenn die Katze aus dem Haus ist …

Aber ich habe sie vermisst.

Es ist nicht so, dass ich ohne sie nicht zurechtkomme, als wäre ich irgendein Muttersöhnchen, das nie gelernt hat, abzuspülen oder das Bett zu machen oder Wäsche zu waschen oder so. Nein, ganz und gar nicht. Wenn überhaupt, dann bin sowieso ich derjenige, der größtenteils das Saubermachen übernimmt und immer hinter ihr herräumt.

Ich freu mich einfach darauf, sie wieder hier bei mir zu haben.

Ich bleibe noch eine Weile im Bett und checke die anderen Nachrichten – YouTube, Twitter, WhatsApp. Ich lösche E-Mails, in denen steht, dass ich neue Unterstützer auf Patreon habe, was mich wie immer in helle Aufregung versetzt, und schließlich hieve ich meinen faulen Hintern hoch, schleppe mich in die Dusche, bevor Charlotte zurückkommt.

Heute Nachmittag können wir vielleicht The Mandalorian weiterschauen, falls sie keine Lust hat, die Zeit mit Schreiben zu verbringen. Oder wir könnten uns einen Film ansehen. Ich frage mich, ob sie einen Haufen Sachen aus ihrem Kinderzimmer mitbringt, für die wir Platz finden müssen – alte Aufgabenhefte und Schulprojekte, die wir in einem Karton unterm Bett verstauen müssen, oder Beanie-Baby-Kuscheltiere.

Vielleicht darf ich die Beanie Babys bei eBay einstellen, falls sie was wert sind.

Wenn sie sie behalten will, darf ich nicht allzu sehr meckern. Es ist ja schließlich nicht so, dass ich nicht auch Actionfiguren und anderes gesammeltes Zeugs in der Wohnung habe. Und das riesige Pokemon-Plüschtier …

Mir graut schon vor dem Tag, an dem meine Eltern auf die gleiche Idee kommen. Ich hoffe, bis dahin wohne ich wenigstens irgendwo, wo genug Platz ist, die ganze Sammlung von Neil-Gaiman-Büchern, meine alte PlayStation und die Platten aus meiner Vinyl-Phase unterzubringen, von denen ich mich einfach nicht trennen kann.

Jetzt fällt mir ein, wenn Charlotte überlegt, dass wir eines Tages in eine größere Wohnung ziehen, denkt sie in Richtung Gästezimmer oder möglicherweise ein zukünftiges Kinderzimmer. Oder eine Bibliothek. Ja, mit einer Bibliothek könnte ich mich durchaus anfreunden.

Mit meinem Frühstück sitze ich auf dem Sofa und schaue mir alte Folgen von Parks and Recreation an und träume gerade von dem Studio, das ich vielleicht eines Tages habe und das nicht nur ein paar Quadratmeter im Wohnzimmer einnimmt, da läutet mein Handy. Es ist Charlotte, was seltsam ist, und ich gehe mit einem schlechten Gefühl im Bauch ran. Womöglich ist ihr Auto auf der Autobahn liegen geblieben oder …

Los, Ethan, einatmen und rangehen.

Ich wische mit dem Daumen über den Bildschirm, um das Gespräch anzunehmen, und schaffe es, nicht sofort mit »Was ist los?« zu beginnen, sondern mit: »Hey, was gibt’s? Hast du deinen Schlüssel vergessen?«

»Ethan«, sagt sie. Ihre Stimme wackelt. Für eine Sekunde fährt der katastrophisierende Teil meines Gehirns hoch und glaubt, recht zu haben, dass ihr Auto liegen geblieben ist, irgendetwas fürchterlich falsch läuft … Sie klingt verärgert, aber nicht nur das – sie regt sich auf, ist richtig wütend. »Ethan, du musst herkommen. Er sagt, ich darf das Gebäude nicht betreten.«

»Was? Wer?«

»Mr Harris«, antwortet sie und meint damit den Hauswart, der auch im Gebäude wohnt. »Er ist – Ethan, kannst du bitte einfach herkommen und mit ihm reden? Und setz eine Maske auf.«

Völlig verwirrt halte ich das Telefon immer noch an mein Ohr, obwohl Charlotte längst aufgelegt hat, dann setze ich mich in Bewegung. Ich stelle den Teller mit dem halb gegessenen Bagel auf dem Sofa ab und durchstöbere die Schubladen im Flur. Sie fand es lächerlich, als ich vor ein paar Wochen online einen Haufen blauer OP-Masken bestellt habe, noch bevor das Wort »Pandemie« überhaupt in den Nachrichten auftauchte. Jetzt kann ich nicht anders, als ein wenig Selbstzufriedenheit zu empfinden. Angst gegen Charlotte: eins zu null.

Ich wasche mir die Hände und setze die Maske auf, dann schnappe ich mir die Schlüssel und verlasse die Wohnung. Beim Hinausgehen sehe ich auf dem Boden ein Blatt Papier liegen, das jemand unter der Tür hindurchgeschoben hat, aber das kann ich mir später anschauen.

Auf Socken renne ich die paar Stufen hinunter und stolpere in der Eile fast über die eigenen Füße.

Mr Harris steht mit verschränkten Armen neben dem Haupteingang des Gebäudes, er trägt weiße Latexhandschuhe und eine Maske wie ich. Auf der anderen Seite der Tür steht Charlotte mit ihren auf dem Boden abgestellten Taschen, die zu Fäusten geballten Hände in die Hüften gestemmt. Meine Brille beschlägt von der Maske, also schiebe ich sie auf den Kopf in meine braunen Haare mit Highlights und sehe stattdessen mit zusammengekniffenen Augen Mr Harris an. Charlottes Kopf wird zu einem verschwommenen orangefarbenen Fleck, weil ihre Haare in alle Richtungen abstehen.

»Was ist hier los?«

»Ethan, sag es ihm!«, schreit Charlotte, aber die Tür dämpft ihre Stimme. Sie hämmert mit der Hand gegen die Scheibe und hinterlässt dort Spuren. »Er hat mich ausgesperrt! Das darf er nicht!«

Der Hauswart seufzt. Es ist ein leidgeprüfter Seufzer, als hätte er dieses Gespräch schon tausendmal geführt. Er dreht sich zu mir um und runzelt die Stirn. Ich kann geradezu hören, wie er hinter der Maske mit den Zähnen knirscht.

»Ethan, mein Freund, bitte sagen Sie Ihrer Freundin, dass sie das Gebäude nicht betreten darf. Sie haben doch das Infoblatt bekommen, richtig?«

»Welches Infoblatt?«

»Verdammt noch mal, wozu hab ich denn …?« Mit einem scharfen Seufzer bricht er ab und reibt sich mit dem Unterarm über die Stirn. »Das ganze Gebäude ist im Lockdown. Erinnern Sie sich noch an den Aushang, den ich gemacht habe, als das alles anfing, in dem stand, dass wir das Gebäude zur Sicherheit aller abriegeln müssen, wenn hier jemand krank wird, wenn wir einen bestätigten Fall haben? Niemand darf rein oder raus.«

»Ja, und …?«

»Seit gestern Abend haben wir einen bestätigten Fall. Jemand, ich nenne keine Namen, hat’s von ihrem Scheidungsanwalt, ist das zu fassen, und sie hat einen Test machen lassen und der war positiv. Also sind wir im Lockdown. Niemand kommt rein oder raus. Auch nicht Ihre Freundin.«

Oh, Shit.

Um Charlottes Gesicht zu sehen, das noch immer wütend wirkt mit den zum kleinen Schmollmund verzogenen Lippen, schiebe ich die Brille zurück auf die Nase. Die Gläser beschlagen wieder, während Charlotte mir einen Blick zuwirft, der sagt: Ethan, ich schwöre bei Gott, wenn du diese Tür nicht augenblicklich öffnest, breche ich sie auf.

Für jemanden, der so klein ist … wie lautet noch mal dieses Shakespeare-Zitat?

Charlotte hat es auf einen Einkaufsbeutel drucken lassen. Momentan passt es sehr gut.

»Ach, kommen Sie, Mr Harris«, sage ich nervös lachend. Ich hebe die Hand, als wolle ich auf ihn zugehen und ihm freundschaftlich den Arm tätscheln, bis ich mich an die Anderthalb-Meter-Regel erinnere und es lasse. »Wir sind’s, Sie wissen doch, dass alles okay ist. Charlotte wohnt hier. Wo soll sie denn sonst hin?«

»Wo war sie denn?«

»Bei ihren Eltern, aber …«

»Tja, dann muss sie wieder dorthin zurück.«

»Aber …«

Ich würde nicht sagen, dass ich mit unserem Hauswart befreundet bin, aber wir verstehen uns an sich gut. Seine Wohnung liegt direkt unter unserer, und offenbar ist er froh, dass wir hier leben, denn die Vormieter »hätten genauso gut Stepptanzstunden geben können bei dem Lärm, den sie immer gemacht haben«. Mr Harris schaut sich auch meine YouTube-Videos an, hat er mir vor einiger Zeit erzählt. Er meinte, es gefalle ihm, »einen Promi« im Haus zu haben, und wir bleiben immer kurz stehen und unterhalten uns ein bisschen, wenn wir ihm begegnen.

Keine Ahnung, warum ich glaube, ihn davon überzeugen zu können, Charlotte reinzulassen, obwohl er so entschlossen wirkt, aber für einen Moment glaube ich wirklich, dass ich das schaffe. Wir haben nie irgendwelchen Ärger gemacht. Wir sind gute Nachbarn, gute Menschen, er kennt uns sogar beim Namen.

Wie könnte er da Nein sagen?

Charlotte wohnt hier, es ist ihr Zuhause. Natürlich muss er sie reinlassen.

»Ich kann sie nicht reinlassen«, sagt er sehr streng zu mir. »Niemand kommt rein, niemand kommt raus, keine Ausnahmen. Naja. Ausnahmen gibt’s im Notfall, aber das hier ist keiner.«

»Was ist mit Essen?«

»Lassen Sie sich was liefern. Ich richte eine Desinfektionsstation ein, um sicherzustellen, dass alles sauber ist, bevor es bei Ihnen landet.«

Für einen Moment stelle ich mir vor, dass das auch für Charlotte gilt, und wie Mr Harris sie mit einem riesigen Schlauch Desinfektionsspray besprüht, bevor er sie ins Haus lässt.

»Solange sie mir keinen negativen Test vorweisen kann«, sagt er zögerlich, als würde er seinen Job riskieren, wenn er uns das erlaubt, »kommt sie nicht rein. Die Quarantäne dauert eine Woche. Das werden Sie ja wohl überleben, so lange getrennt zu sein, was?«

Er zuckt mit den Schultern, und sein finsterer Blick verschwindet gerade mal so lange, dass ich ganz kurz erkenne, das ganze Chaos tut ihm echt leid. Ich weiß, er hat in dieser Angelegenheit nicht viel zu sagen, das ist Chefsache der mysteriösen, gesichtslosen Hausverwaltung, die wir noch nie gesehen haben, die uns aber gelegentlich Drohbriefe schickt, um uns daran zu erinnern, dass im Gebäude keine Haustiere erlaubt sind, dass keine Renovierungsarbeiten durchgeführt werden dürfen, ohne vorher mit der Hausverwaltung abgesprochen zu sein, und dass sie, wenn niemand zugibt, wer das Fenster im dritten Stock beschädigt hat, jedem Bewohner den gleichen Anteil an den (absolut wucherischen) Reparaturkosten in Rechnung stellen wird.

Ich stelle mir die Leute von der Hausverwaltung immer so vor wie die Stationsleitung aus dem Podcast Welcome to Night Vale – eine geheimnisvolle, dunkle, sich windende, vielköpfige Masse von Richtenden. Charlotte meint, sie seien eher wie Mr Rochesters tollwütige Ehefrau auf dem Dachboden aus Jane Eyre. Wie auch immer, ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Petition an die Hausverwaltung momentan auch nur das Geringste bewirken würde.

Mr Harris tritt etwas zur Seite, aber er geht nicht weg. Er muss wohl aufpassen, dass ich nicht versuche, Charlotte ins Haus zu schmuggeln.

Ich tue das Einzige, was ich kann: Ich drehe mich zu ihr um, zucke hilflos mit den Achseln und verziehe das Gesicht, obwohl sie das nicht wirklich sehen kann, weil ich ja die Maske trage. Wegen meiner beschlagenen Brillengläser kann ich ihren Gesichtsausdruck nicht deutlich erkennen, aber ich kann erahnen, wie enttäuscht sie ist.

Sie gestikuliert jedoch so überdeutlich, dass ich es doch erkennen kann, und ich verstehe die Botschaft. Ich bedanke mich bei Mr Harris, auch wenn es ein Danke für nichts ist, und gehe wieder nach oben. Drinnen wasche ich mir noch mal die Hände, nehme die Maske ab und setze die Brille wieder auf, damit ich die Welt wieder in ihrer ganzen HD-Pracht sehen kann. Mein Handy liegt auf dem Sofa und klingelt bereits, ich nehme das Gespräch an, während ich raus auf den Balkon gehe und mich über das Geländer beuge, um Charlotte unten stehen zu sehen.

Sie fährt sich mit der Hand durch ihr kurzes rotblondes Haar, schüttelt es kurz und sieht mich traurig und verzweifelt an. Durchs Telefon sagt sie: »Ich dachte, er würde auf dich hören.«

»Weil ich ein Mann bin?« Ich spanne den nicht vorhandenen Bizeps an und küsse ihn.

»Weil er deine YouTube-Videos mag, du Trottel.« Sie lacht, aber das Lachen vergeht wieder schnell. »Ich muss wieder zu meinen Eltern. Nur gut, dass sie mein altes Bett noch nicht losgeworden sind, was?«

»Brauchst du was von deinen Sachen? Ich könnte dir eine Tasche vom Balkon hinunterwerfen. Klamotten oder …?«

Sie schüttelt den Kopf. »Danke, Sweetie, aber ist schon okay. Ich hab ja ein paar Sachen und meinen Laptop und so. Ich kann mir was von Maisies Klamotten leihen. Sie hat zwar einen schrecklichen Geschmack, aber sie ist schließlich meine eineiige Zwillingsschwester. Plus/minus ein paar Pfunde.« Charlotte fasst sich an ihre Hüften und grinst.

»Habt ihr nicht Weihnachten beide das gleiche Kleid gekauft?«

»Pst. Hör zu, ich werde … Ich fahre einfach wieder zu meinen Eltern. Wir sehen uns dann wohl nächste Woche.«

»Vorausgesetzt, das Ganze ist bis dahin vorbei.« Und nicht noch jemand im Haus steckt sich mit dem Virus an, und dann noch jemand, und wir sind für die nächsten Monate streng abgeriegelt und Charlotte darf nie wieder in unsere Wohnung und … Meine Brust zieht sich zusammen, und plötzlich ist der Blick auf die menschenleeren Grünflächen vor dem Gebäude wie der Blick in einer Szene aus einem apokalyptischen Katastrophenfilm. Und ich bin auf mich allein gestellt. Ich bin im Grunde Will Smith in I Am Legend, nur ohne den Hund und nicht halb so cool und …

»Ich komme nächste Woche wieder, wenn dieser blödsinnige Lockdown vorbei ist. Versprochen. Wenn’s sein muss, klettre ich die Wände hoch, okay? Keine Panik.«

»Ich bin nicht panisch.«

Sie zieht die Augenbrauen hoch, blinzelt mich an und kauft mir das nicht ab. Obwohl sie die nächsten Tage von zu Hause ausgesperrt ist, ist sie irgendwie diejenige, die mich tröstet.

»Wird schon gut gehen. Eigentlich keine große Sache, oder? Wenn man’s im Großen und Ganzen betrachtet. Wir können facetimen und uns schreiben, und du kannst in aller Ruhe ein paar Videos drehen und arbeiten, ohne dass ich im Hintergrund durchs Bild latsche und du danach alles bearbeiten musst. Ist schon in Ordnung. Ist ja nur eine Woche.«

Wir unterhalten uns noch eine Weile, bis Mr Harris die Haustür öffnet, um Charlotte zu sagen, dass sie bitte ihre Taschen nehmen und gehen soll, und ich winke ihr vom Balkon aus zum Abschied zu. Auf dem Weg zu ihrem Auto wirft mir Charlotte eine Kusshand zu, die ich auffange.

Nur eine Woche.

Die Zeit wird wie im Flug vergehen.

3Apartment Nr. 17 – Serena

»Serena«, ruft Zack aus dem Badezimmer, »bringst du mir bitte eine neue Rolle Toilettenpapier?«

Vier Jahre liebevoller, fürsorglicher Beziehung, und das kommt dabei raus.

Immerhin schließt er noch die Tür. Romantik ist für uns nicht völlig gestorben. Noch nicht.

Ich halte den Film an, den ich gerade schaue, und lasse das Handy sinken, um ein paar Rollen Toilettenpapier aus dem Jumbo-Pack zu holen, den wir oben in unseren Kleiderschrank gestopft haben, und bringe sie zum Bad. Ich öffne die Tür und reiche Zach die Rollen, eine nach der anderen.

»Ich bin davon ausgegangen, dass du das Toilettenpapier auffüllst, als du neulich das Bad geputzt hast.«

»Hab’s vergessen«, erklärt er.

»Wie kannst du das vergessen? Du siehst doch, dass das Regal leer ist und wir Nachschub brauchen.«

»Na ja, ich bin wohl abgelenkt worden«, antwortet er mit zusammengebissenen Zähnen. Er schnappt sich die letzte Rolle aus meiner Hand und ich schließe wieder die Tür.

Vier Jahre liebevoller, fürsorglicher Beziehung, denke ich, und es kann nicht immer eitel Sonnenschein herrschen oder der Himmel voller Regenbogen sein oder funkelnder Sterne oder so. Denn es bleibt einem nichts anderes übrig, als wegen irgendwas genervt voneinander zu sein, wie zum Beispiel, wenn einer vergessen hat, das Klopapier im Bad aufzufüllen oder …

»Wollen wir immer noch einkaufen gehen?«, fragt Zach, als er wieder ins Wohnzimmer kommt, wo ich weiter den Film schaue. Wieder halte ich ihn an. Kurz bevor es nachher Zeit zum Schlafen ist, werde ich ihn vielleicht zu Ende gesehen haben und erst dann wissen, ob Stephanie in The Big City ihren Verlobten, den Anwalt, abschießt, um weiterhin mit dem attraktiven Jared aus ihrem Heimatstädtchen zusammenzubleiben, der ihr geholfen hat, die alte Farm ihrer Eltern wieder herzurichten.

»Können wir«, sage ich in einem Tonfall, der klarmacht, dass ich dazu echt keine Lust habe.

Ich trage meinen Einhorn-Onesie. Es ist Sonntagnachmittag. Ich möchte einfach nur auf dem Sofa rumhängen.

»Ich dachte, wir gehen vor meiner Schicht.«

»Kann ich auch später erledigen.«

»Aber es ist Sonntag, die Läden machen zu.«

»Ach, verdammt noch mal, na gut, dann also sofort.«

»Sonst kannst du auch morgen auf dem Heimweg einkaufen.«

In Beziehungen geht’s immer um Kompromisse. Auf welcher Seite des Bettes man schläft, ob man ein neues Auto braucht oder noch einen netten Urlaub, in die Nähe welcher von beiden Familien man zieht. Offenbar haben wir nun auch so eine Art Kompromiss gefunden: Zach überlässt es gnädigerweise mir, auf dem Weg vom Büro alleine die Lebensmittel einzukaufen.

Wie schön für mich.

Eigentlich wollte ich das nicht laut aussprechen, aber ich muss es wohl getan haben, weil Zach seufzt und dann meint: »Okay, dann machen wir das eben jetzt. Ich werde das erledigen. Du kannst dir den Film zu Ende ansehen.«

»Schon in Ordnung. Ich kann mitkommen.«

»Serena«, sagt er humorlos und blickt für den dramatischen Effekt über den Rand seiner Brille – was mich eigentlich nerven sollte, ich aber tatsächlich irgendwie liebenswert finde –, »ich bin neunundzwanzig Jahre alt. Ich glaube, ich krieg es hin, dir im Supermarkt eine neue Packung Tampons zu kaufen und den richtigen Käse.«

»Vergiss nicht den Halloumi«, entgegne ich, greife nach der Fernbedienung und kuschle mich wieder ins Sofa, um für die nächste Stunde mit den Polstern zu verschmelzen. »Oder bring Hühnchenbrust für Fajitas mit. Am besten schon geschnetzeltes Huhn.«

»Wo ist da der Unterschied?«

Ich habe keine Lust, ihm zu erklären, dass er die Hühnerbrüste, wenn er sie im Ganzen kauft, schneiden muss, und mir die Vorstellung nicht gefällt, dass er das gleiche Schneidebrett fürs Gemüse benutzt wie fürs Fleisch, auch wenn er oder ich es natürlich vorher sauber machen werden, bereits geschnittenes Huhn ist einfacher für uns beide und erspart uns vielleicht die »Fleisch ist Mord/du bist eine überempfindliche Vegetarierin«-Gefechte, die wir uns immer liefern.

Stattdessen winke ich bloß ab und schaue nicht mal zu ihm auf. »Hol einfach irgendwas, Zach, ist schon okay.«

Daraufhin werkelt Zack in unserer kleinen Zweizimmerwohnung herum, macht sich fertig zum Einkaufen, holt die Einkaufsliste von dem Block am Kühlschrank, schaut noch mal nach den Vorräten, ob wir irgendetwas vergessen haben aufzuschreiben, was er mitbringen sollte. Ich bin mit meinen Gedanken schon ganz woanders und verliere mich in meinem schnulzig romantischen Film.

Gerade als sich Stephanie und der attraktive Handwerker Jared in einem Gewittersturm küssen, die Musik dramatisch anschwillt, stoppt das Bild auf dem Fernseher.

»Hey!«

Abrupt richte ich mich auf, glotze Zach an und will mir sofort die Fernbedienung aus seiner Hand schnappen.

Doch alles an ihm lässt mich in meiner Bewegung innehalten. Er hat tiefe Runzeln auf der Stirn und seufzt schwer durch die Nase, sein Mund ist zu einer schmalen Linie zusammengepresst. Die Hand mit der Fernbedienung hängt herunter und in der anderen Faust hält er ein Blatt Papier. Seine Schultern sind gerade und starr.

Ich höre auf, nur zu glotzen, und erhebe mich vom Sofa. Nervosität macht sich in mir breit, auch wenn mir vom Verstand her klar ist, dass ein Papierfetzen nicht so schlimm sein kann. Worum wird es schon gehen? Also, ehrlich. Ein Nachbar, der uns bittet, leiser zu sein? Irgendeine Werbung?

Aber dann bleibt immer noch die Frage, warum Zach dermaßen beunruhigt wirkt.

»Zach?«

»Wir haben ein Problem.«

Die Küche versinkt im absoluten Chaos, als Zach wieder nach oben kommt. Ich lasse die Sammlung von Dosentomaten und Fertigsoße stehen und stürme in unseren kleinen Flur. Ich packe Zach an den Schultern, bevor er auch nur die Gelegenheit hat, die Schlüssel abzulegen, noch bevor er die Tür hinter sich zuziehen kann.

»Was hat er gesagt? Zach, was hat er gesagt?«

Er versucht, mich geduldig anzulächeln, aber es gelingt ihm nicht wirklich. Allerdings legt er die Hände auf meine Hüfte, was mich ein bisschen beruhigt. Die Vorstellung, in diesem Gebäude eingeschlossen zu sein, ist ziemlich beängstigend, doch immerhin muss ich das nicht allein durchstehen.

Zach schüttelt den Kopf. »Kein Glück gehabt. Ich muss auf der Arbeit anrufen und sagen, dass ich nicht kommen kann. Ich meine, ich käme sowieso nicht rein, im Krankenhaus herrschen ziemlich strenge Quarantäneregeln, wenn man annimmt, mit dem Virus in Kontakt gekommen zu sein, aber …«

»Zach.«

»Okay, also, wir können nicht zur Arbeit gehen. Mr Harris meinte, wir dürfen nicht mal zum Einkaufen raus. Er sagte, wir können was bestellen, aber er will sichergehen, dass alles ordnungsgemäß desinfiziert ist, bevor etwas ins Haus kommt.«

»Was? Will er etwa vor dem Gebäude stehen und Sagrotan auf unser Müsli und unser Brot sprühen, bevor wir es bekommen?«

»Keine Ahnung, Rena.«

»Hast du ihn nicht danach gefragt ?«

»Ich war damit beschäftigt, das alles irgendwie zu begreifen. Bis nächsten Sonntag befinden wir uns in einem totalen Lockdown, meint Mr Harris. Du musst morgen früh im Büro anrufen. Soll ich schon mal mit Essenbestellen anfangen? Wo ist dein iPad?«

Er folgt mir in die Küche, bleibt stehen und starrt mit großen Augen all die Lebensmittel an, die ich aus den Schränken geräumt habe, während er unten war. »Was machst du da?«

»Ich schau nach, ob wir genug Essen für die kommende Woche haben.«

Zach lacht und kommt so nah her, dass er von hinten die Arme um mich legen kann, und gibt mir einen lauten Schmatz auf die Wange. Automatisch greife ich mit einer Hand nach oben, um seinen Arm festzuhalten, mein Daumen streicht hin und her. »Ich such schon mal die Lebensmittelkarten für die Essensmarken, ja?«

»Ach komm, hör auf. Vielleicht müssen wir drei Tage am Stück Nudeln und Pesto essen, aber ich glaube, wir werden’s überleben. Allerdings brauchen wir definitiv mehr Klopapier. Und wir haben so gut wie nichts zum Frühstück – morgen geht uns das Brot aus, und das Müsli reicht nur noch für eine Schüssel.«

Zach verzieht das Gesicht zu einem eigentümlichen Stirnrunzeln, löst sich von mir und greift über meinen Kopf hinweg in den Wandschrank. »Ich dachte, wir hätten vor ein paar Wochen jede Menge Cheerios gekauft, als die im Angebot waren?«

»Ja, und ich sage dir, wir haben fast keine mehr.«

»Nein, nein, ich bin sicher, wir haben noch mehr gekauft.«

»Ich hab doch gerade erst nachgesehen, Zach. So ist das eben, wenn du zu jeder Tages- und Nachtzeit von der Arbeit kommst und erst mal eine Schüssel Cereals isst, bevor du irgendetwas anderes tust. Wir haben bald nichts mehr und wir brauchen Nachschub.«

Er hört auf zu suchen und gibt sich, kurz knurrend, geschlagen.

»Dann fangen wir mal besser gleich mit der Online-Bestellung an«, sagt er und klatscht in die Hände. Er begibt sich auf die Suche nach meinem iPad, um loszulegen, während ich wieder Ordnung in die Küche bringe. Auf der Arbeitsfläche liegt der Zettel, den der Hauswart unter unserer Tür durchgeschoben hat, und bei dem Anblick schlägt mir das Herz bis zum Hals.

Da es ständig neue Nachrichten über die Pandemie gibt und das Krankenhaus, in dem Zach arbeitet, sich auf das Schlimmste vorzubereiten versucht, bin ich nicht davon ausgegangen, dass wir völlig ungeschoren davonkommen würden, aber … Ich habe wohl einfach nicht damit gerechnet, dass wir eine ganze Woche lang unter Hausarrest in unserer Wohnung stehen, nicht so schnell. Und ich hatte noch nicht mal einen Klopapiervorrat angelegt!

Aber, rufe ich mir ins Gedächtnis, ich muss den Lockdown wenigstens nicht allein durchstehen. Immerhin habe ich Zach an meiner Seite.

4Apartment Nr. 15 – Isla

»Bleib doch hier«, sage ich und beuge mich vor für einen weiteren Kuss.

Ich klammere mich an Dannys Jacke, als könnte ich ihn so tatsächlich hier festhalten. Als wäre er nicht viel größer als ich und breitschultrig und als müsste ich meine Klamotten nicht andauernd in der Kinderabteilung kaufen. Ich, das Girl, das die obersten Regale im Küchenschrank nicht benutzt, weil sie nicht drankommt, und er, der Typ, der früher an der Uni Rugby gespielt hat.

Aber er bleibt, lacht dieses tiefe, satte Lachen, das bei mir Schmetterlinge im Bauch auslöst, lässt seine Tasche auf den Boden sinken und schlingt wieder die Arme um mich. Er küsst mich auf die Nase, die Wangen, die Stirn, die Lippen, und ich seufze in ihn hinein.

Ist es schlimm, wie sehr ich will, dass er nicht geht?

Ist es schlimm, wie schnell ich mich in ihn verliebe?

Danny und ich sind erst seit ein paar Wochen zusammen – letzten Mittwoch war es ein Monat, um genau zu sein. Allerdings war ich am Mittwoch bei einer Freundin, die ihren Geburtstag gefeiert hat, also ist er am Freitag nach der Arbeit vorbeigekommen, um mit mir das Wochenende zu verbringen. Wir hatten vor, auszugehen und Party zu machen, aber …

Na ja.

Es waren ja keine festen Pläne – also wir hatten keine Karten für irgendwas oder irgendwo reserviert, darum …

Außerdem, warum sollten wir überhaupt schick essen gehen müssen, wenn Danny solch ein guter Koch ist? Und warum sollte ich auch nur im Sinn haben, aus dem Bett zu kriechen, um irgendwohin zu gehen, wenn mein sehr süßer, sehr sexy, sehr wunderbarer Freund neben mir liegt?

Und schließlich hatte ich nicht umsonst all das Geld für Dessous ausgegeben. Es war unser einmonatiges Jubiläum. Da musste ich mir wenigstens ein bisschen Mühe geben. (Obwohl ich rückblickend denke, vielleicht ein bisschen zu viel Mühe, wenn man bedenkt, dass wir nicht eine Minute aus dem Apartment rausgekommen sind. Aber mit »zu viel« meine ich natürlich »das perfekte Maß«.)

Ich weiß, Danny muss nach Hause, und er kann nicht länger bleiben, weil er noch einkaufen muss, bevor alles schließt, aber …

»Nur noch ein paar Minuten«, versuche ich ihn zu überreden. Ich ziehe eine Schnute, was bestimmt bescheuert aussieht, aber ich kann nicht anders. »Ich weiß nicht, wann ich dich wiedersehen kann, falls das alles schlimmer wird.«

»Das alles« bezieht sich natürlich auf das superansteckende Virus, das augenblicklich nicht nur das wichtigste, sondern auch das einzige Thema in den Nachrichten ist. Dagegen sind selbst die Tage, an denen es schneit, nichts. Mittlerweile schaltet man den Fernseher an und sogar der Mann vom Wetterbericht sagt: »Heute ist ein guter Tag, um zu Hause zu bleiben!«

Ich hoffe wirklich, wirklich, das entwickelt sich nicht noch übler und dass alles zumindest einigermaßen normal bleibt, aber allein in der vergangenen Woche konnte man nicht anders, als zu bemerken, wie der Tonfall in den Nachrichten von »gut« zu »eher bedrohlich« überging. Es ist ganz schön schwer, weiterhin darauf zu hoffen, dass alles normal weitergeht, wenn die Stimmung in den Nachrichten derart schnell umschlägt.

Ein vernünftiger Mensch würde sich jetzt vielleicht Gedanken über Vorräte an Konserven und Handdesinfektionsmittel machen, und ob genug Teebeutel im Haus sind, um eine Quarantäne zu überstehen.

Es ist zwar nicht so, dass ich unvernünftig wäre, aber ich befinde mich eben im rosigen Glanz einer neuen Beziehung, und ehrlich gesagt ist meine größte Sorge, wenn ich die Nachrichten sehe: Sollten wir gezwungen sein, zu Hause zu bleiben, wer weiß, wann ich Danny dann das nächste Mal sehe? Was, wenn wir uns eine ganze Woche – oder länger! – nicht treffen? Ich glaube nicht, dass ich das verkraften könnte.

Klar, ich bin verliebt. Wie auch nicht? Er ist so verdammt perfekt. Er ist alles, was ich mir je bei einem Boyfriend gewünscht habe. Und so, wie er mich manchmal ansieht, obwohl wir noch nicht sehr lange zusammen sind, empfindet er sicher genauso.

Aber, na ja, was, wenn nicht? Was, wenn das nur das Strahlen von Neue-Beziehung-mit-viel-Sex-und-spontanen-romantischen-Momenten ist? Und was, wenn das alles mit der Pandemie tatsächlich schlimmer wird und wir uns eine Weile nicht sehen können und er mich vergisst? Was, wenn es unbeschwerte Gespräche und süße Dates nicht schaffen, in Drinks auf Zoom und Handynachrichten überzugehen? Seit wir zusammen sind, haben wir jede Woche mindestens ein paar Abende miteinander verbracht. Was ist, wenn all das plötzlich wegfällt?

Alles könnte sich einfach so ändern.

Innerhalb nur eines Augenblicks konnten wir von diesem warmen, wohlig kuscheligen Strahlen, nicht aufhören können, aneinander zu denken, zu völlig Fremden werden, die sich schlicht … auseinanderleben.

Von dem Gedanken, was passieren könnte, was sehr wohl passieren könnte, wird mir ganz eng ums Herz. Und zwar nicht auf die gute »Danny, ich mag dich so sehr, dass mir die Luft wegbleibt«-Art.

Echt jetzt, ist es wirklich so schlimm, dass ich möchte, dass er noch ein paar Minuten bleibt?

Stöhnend entzieht er sich einem weiteren »letzten« Kuss.

»Isla, ich muss wirklich los.«

»Okay. Okay!« Ich sage das eher, um mich selbst aufzumuntern, weil ich befürchte, es könnte aussehen, als würde ich ihn zu sehr brauchen, wenn ich auf noch einem »letzten« Kuss bestehen würde. Unsere Beziehung ist noch zu jung, sodass ich Angst habe, bei zu viel Engagement oder Anhänglichkeit löst sich Danny einfach in Luft auf.

Sei unnahbar, versuche ich mir zu sagen. Jungs mögen das, richtig ? Nicht schwer rumzukriegen, sondern nur unnahbar. Und, um Himmels willen, Isla, nein, küss ihn nicht noch mal.

Aber ich küsse seine Wange, weil ich nicht anders kann, und mache dann einen großen Schritt rückwärts und lächle ihn an.

Danny nimmt seine Tasche, wirft sie sich über die Schulter und mit einer Hand auf der Türklinke hält er noch einmal kurz inne. »Ich ruf dich an, wenn ich zu Hause bin?«

Ja, bitte.

Bleib cool, Isla, komm schon.

Ich streiche mir eine Strähne meines blonden Haares hinters Ohr, wende den Blick von ihm und zucke mit den Schultern. »Klar. Ich meine, wenn du willst. Das wäre schön.«

»Großartig!« Er räuspert sich hastig, und seine Stimme wird deutlich tiefer, als er wiederholt: »Großartig. Yeah, na ja, äh … Ich ruf dich später an.«

Diesmal beugt er sich vor, legt den Arm um meine Taille und küsst mich wirklich