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Wem kannst du vertrauen, wenn nicht deiner eigenen Mutter?
Mit Farbschnitt in limitierter Erstauflage – Lieferung je nach Verfügbarkeit
Studentin Mackenzie Casper hat stets im Schatten ihrer berühmten Mutter Elizabeth gelebt, einer der bekanntesten Thriller-Autorinnen der Welt. Doch jetzt ist Elizabeth tot. Mackenzie ist nicht die Einzige die Zweifel daran hat, dass es ein tragischer Unfall war. Auf der Trauerfeier erhält sie einen mysteriösen Brief mit Seiten aus dem Tagebuch ihrer Mutter. Weitere Briefe folgen. Hatte ihre Mom Geheimnisse, die sie das Leben kosteten? Um das herauszufinden, muss Mackenzie selbst Nachforschungen anstellen. Dabei darf sie niemandem trauen. Vor allem nicht ihrer Familie.
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Seitenzahl: 423
Veröffentlichungsjahr: 2025
Studentin Mackenzie Casper hat stets im Schatten ihrer berühmten Mutter Elizabeth gelebt, die als Autorin von düsteren Thrillern zu Weltruhm gelangte. Doch dann kehrt Elizabeth von einem Spaziergang im Wald nicht mehr zurück. Sie ist tot, und Mackenzie ist nicht die Einzige, die Zweifel daran hat, dass es ein Unfall war. Kurz darauf erhält sie einen mysteriösen Brief mit Seiten aus dem Tagebuch ihrer Mutter. Weitere Briefe folgen. Hatte ihre Mom Geheimnisse, die sie das Leben kosteten? Mackenzie forscht nach, und was sie über ihre Mutter herausfindet, stellt alles in den Schatten, was sie sich je hätte vorstellen können. Aber ihrer Familie sollte sie besser nichts davon erzählen …
Iliana Xander schreibt bereits, seitdem sie ein Teenager war. Geheimnisse, Neid, Liebe und unfassbare Twists – all das findet man in ihren Geschichten. Mit Love, Mom gelang ihr das explosivste Thrillerdebüt des Jahres. Zunächst im Selfpublishing erschienen, gab es so viel Begeisterung für das Buch, dass es in kürzester Zeit weltweit für Furore sorgte und nun in mehr als dreißig Ländern erscheint. Im Januar 2026 folgt ihr zweiter Thriller Man of the Year.
Love, Mom
Iliana Xander
THRILLER
Aus dem Amerikanischen von Karlheinz Dürr, Carmen Ruderer und Heike Schlatterer
WILHELMHEYNEVERLAGMÜNCHEN
Die Originalausgabe Love, Mom erschien erstmals 2024 im Selfpublishing und 2025 bei Poisoned Pen Press, an imprint of Sourcebooks, Naperville, Illinois.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.
Deutsche Erstausgabe 09/2025
Copyright © 2024 by Iliana Xander
© 2025 by Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
(Vorstehende Angaben sind zugleich
Pflichtinformationen nach GPSR)
Redaktion: Antje Steinhäuser
Umschlaggestaltung: www.buerosued.de
unter Verwendung von © www.buerosued.de
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-33920-3V003
www.heyne.de
Ich habe noch nie jemanden geschlagen. Aber jetzt würde ich am liebsten mit der Faust auf das Gesicht einprügeln, das mich von der Titelseite der Zeitung anstarrt. Ein Bild von ihr, mit ihrem typischen roten Lippenstift und den langen, rabenschwarzen Haaren.
Das hübsche Gesicht eines Monsters.
Bestsellerautorin tot aufgefunden
Die Thrillerautorin Elizabeth Casper, 43, besser bekannt unter ihrem Pseudonym E. V. Renge, ist bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommen.
Sie hinterlässt ihren liebenden Ehemann Ben Casper und ihre einundzwanzigjährige Tochter Mackenzie Casper.
Der tragische Verlust einer so talentierten Autorin, die viel zu früh von uns gegangen ist, ist ein großer Schock. Weltweit haben sich Fans versammelt, um zu trauern und das literarische Genie der Kultautorin zu ehren.
Oh, diese Lügen …
Höhnisch lächelt sie mir von der Titelseite entgegen. Meine Hände, die die Zeitung halten, zittern. Ich möchte das Foto herausreißen und zerknüllen, um sie ein für alle Mal aus meinem Gedächtnis zu tilgen.
Sie hat es darauf angelegt.
Sie hat es verdient.
Ich wünschte nur, es wäre schon früher passiert.
So eine Trauerfeier hat man selten – keine einzige Träne wurde vergossen.
Die Trauerfeier für meine Mutter ist das Ereignis des Jahres, vielleicht sogar ihres gesamten Lebens.
Die zahlreichen Fans, die sich vor dem St. John’s Memorial Center drängen, haben keine Ahnung. Sie halten den Andrang für echt. Sie wissen nicht, wie viel Geld in die PR fließt, für Influencer, Klatschkolumnen und Buchblogger.
Seit Moms Tod stehen ihre Bücher wieder an der Spitze der Bestsellerlisten.
Ja, Mom, schau nur! Du bist tot und trotzdem kassieren alle weiter ab.
Die Zeitungen letzte Woche haben sich auf ihren Tod gestürzt und eine verrückte Theorie nach der anderen präsentiert.
E. V. RENGE: TRAGISCHERTODAUFDEMHÖHEPUNKTIHRERKARRIERE. WARESEINUNFALLODER …
Deswegen lungert auch dieser Typ im Hintergrund herum. Mittleres Alter, mit seltsamem Schnauzbart, Anzug und Krawatte.
»Das ist eine private Veranstaltung. Bitte gehen Sie«, zischt Grandma.
Kaum hat sie sich umgedreht, ist ihr gezwungenes Lächeln verschwunden.
Man braucht keinen Röntgenblick, um das Holster unter seinem Jackett zu erkennen – er ist von der Polizei. Vor zwei Tagen ist er bei uns aufgekreuzt. Kaum hatte ich die Tür aufgemacht, fragte er mich über Mom aus, bis Grandma wie eine wildgewordene Henne angerannt kam.
»Mackenzie, lass uns bitte allein«, befahl sie und drängte sich zwischen uns. Sie schnauzte den Polizisten an: »Sie sollten sich schämen – ein Kind auszufragen, das gerade seine Mutter verloren hat.«
Jetzt schickt sie ihn erneut fort.
In den Zeitungen und Blogs wird seit Tagen wie wild über Moms Tod spekuliert. Die Wahrheit ist, wie die Ermittlungen ergaben, viel banaler – Mom stolperte, stürzte und schlug im Fallen mit dem Kopf gegen einen Stein, als sie im Wald hinter unserem Haus ihren üblichen Morgenspaziergang machte.
»Ein Unfall«, hieß es. Zufälligerweise wimmelt es in Moms Büchern von solchen Unfällen.
Damit das niemand falsch versteht: Manche Leute trauern womöglich wirklich.
Laima Roth, diese Bitch, die sich gerade mit Moms Verleger unterhält, als ob wir bei einem ganz normalen Business-Meeting wären? Bestimmt. Sie arbeitet seit über zwanzig Jahren als Moms Agentin. All die Bücher, die die beiden noch geplant hatten, kann sie jetzt vergessen. Aber sie wird bestimmt noch aus den Sonderausgaben Kapital schlagen – Special Editions mit Farbschnitt, Schuber und was nicht alles. Die Quelle wird nie versiegen.
Wir haben Mom vor einigen Tagen in aller Stille beigesetzt, im ganz kleinen Kreis. Aber auch da hat niemand geweint.
Die Trauerfeier heute ist für die Öffentlichkeit – oder für »Freunde«, wie es so schön heißt. Um ihr die letzte Ehre zu erweisen. Respekt und Ehrerbietung standen auf Moms Liste ziemlich weit oben, aber Freunde? Ich bin mir nicht sicher, ob sie überhaupt echte Freunde hatte. Wenn man allerdings die eloquenten Trauerreden hört, die seit zwei Stunden gehalten werden, könnte man meinen, sie sei Shakespeare persönlich gewesen.
Auf den Straßen draußen drängen sich die Leute, aber in der vollen Andachtshalle ist es gespenstisch still. Selbst das leiseste Flüstern hallt an den Wänden wider.
An der Stirnseite ist ein gigantisches Porträt von Mom als Autorin aufgestellt, in einer Spitzenbluse mit hohem Kragen, im Hintergrund rote Rosen. Darunter steht E.V. Renge. Der schräge Fotograf, den der Verlag angeheuert hat, fotografiert es aus jedem möglichen Winkel. Mit Verleger, mit Agentinnen und mit Dad. Ich sollte auch daneben posieren, aber ich habe abgelehnt.
Ihr könnt mich alle mal.
Auf der anderen Seite ist ein Bild von Mom in ihrem Arbeitszimmer.
Geschminkt und gestylt. Trotzdem wirkt sie irgendwie verträumt, wie sie da vor ihrem Bücherregal sitzt. Unter diesem Porträt steht ihr richtiger Name, Elizabeth Casper. Das ist die Version für andere Quellen wie zum Beispiel die Lokalzeitung, die Kirche, in die Grandma geht, und die Wohltätigkeitsorganisationen, die Mom unterstützt hat.
Ich stehe ganz hinten, weit weg von diesem Spektakel, neben meinem Grandpa, den das alles genauso wenig interessiert wie meine Mutter, als sie noch lebte. Ihm ist auch egal, wie ich aussehe oder was ich anziehe.
Grandma sieht das natürlich anders. Zu Hause hat sie mich noch gebeten, auf meinen üblichen schwarzen Lippenstift und den dunklen Eyeliner zu verzichten.
»Und zieh dir was Passendes an.«
Ich trage fast immer Schwarz. Zufällig genau das Richtige für eine Trauerfeier. Genau wie mein dunkler Eyeliner und der schwarze Lippenstift, auf die ich nicht verzichte.
Grandma trägt natürlich Dior und teuren Schmuck. Und legt großen Wert darauf, mit allen Anwesenden zu sprechen.
Dad hat sich in einen eleganten schwarzen Anzug geworfen und sieht umwerfend aus. Er schmollt ein bisschen, wahrscheinlich fehlt ihm der Alkohol. Seine Eltern leben nur vier Autostunden entfernt, aber nach Moms Tod haben sie sich für ein paar Tage bei uns einquartiert. Grandma hat ein Auge auf Dad, damit er nicht zu früh am Tag mit dem Trinken anfängt. Kaum war Mom weg, hat sie das Zepter an sich gerissen.
Und ich? Ich würde gern weinen, wirklich, aber noch kann ich das nicht. Ich möchte um sie trauern, hatte aber immer das Gefühl, dass Mom sich nie wirklich für mich interessierte. Ich war deswegen zunehmend verbittert. In den letzten Jahren haben wir uns immer weiter voneinander entfernt.
Mein bester Freund EJ sagt, ich würde die Trauer verdrängen. Vielleicht bin ich auch einfach herzlos. Ich habe EJ gebeten, nicht zu kommen, weil ich nicht wollte, dass mein bester Freund sieht, wie verkorkst mein Leben zur Zeit ist – aber eigentlich ist es schon verkorkst, so lange ich denken kann.
Er kommt heute Abend, bei uns zu Hause gibt es einen Empfang für den »engsten Kreis«. »Das Leben feiern« nennt sich das.
Ich schaue mich um und zucke peinlich berührt zusammen, als ich sehe, wie der Rektor meines Colleges Kurs auf Dad nimmt und ihm die Hand gibt. Ich verdrehe die Augen und schaue schnell weg. Mom hat sich immer an ihn rangewanzt. »Für deine Zukunft«, hat sie gesagt. Sie hielt sogar einen Vortrag an meinem College und spendete fleißig Geld. Ich wäre nicht überrascht, wenn sie ihr ein Denkmal errichten würden.
Moms Therapeut ist auch da. Zwei Verlagsleute. Ihre drei Assistentinnen. Der Anwalt der Familie. Die meisten »Freunde« sind einfach Leute, mit denen sie zusammengearbeitet hat.
Ich würde gern weinen, wirklich, aber ich kann nicht. Die ganze letzte Woche, seit ihrem Unfall, seitdem ich wieder zu Hause wohne anstatt in meiner kleinen Wohnung in der Stadt, musste ich ständig an sie denken. An uns, unsere kleine kaputte Familie: Ich war traurig, aber eben nicht so traurig, wie ich es vermutlich sein sollte.
Dad schaut auf sein Handy und geht eilig zur Tür. Dort steht ein Mann mit einer Baseballcap, der sich umdreht und nach draußen geht. Dad folgt ihm.
Das wäre die Gelegenheit, Dad zu sagen, dass ich Kopfweh habe und kurz vor einem Nervenzusammenbruch stehe – lauter Lügen natürlich, aber ich halte es hier echt nicht mehr länger aus. Meine Gefühle wirbeln wild durcheinander, ich kann sie nicht richtig einordnen. Ich will vor allem weg von den vielen Leuten.
Ich trete hinaus in den leeren Vorraum, der in einen kleineren Gang mündet. Am anderen Ende redet Dad mit dem Fremden.
Ich bin schon auf den Weg zu den beiden, als ich ein unterdrücktes Flüstern höre: »Du Dreckskerl.«
What the hell?
Ich trete schnell zurück in die Türöffnung. Von dort kann ich die beiden zwar nicht sehen, aber gut hören.
»Nicht hier«, zischt er. »Dass du dich überhaupt hertraust!«
»Hertrauen? Ich habe ein Recht, hier zu sein.«
»Verpiss dich. Sofort.«
Der Mann lacht leise in sich hinein. »Ahnt sie schon irgendwas?«
»Wer?«
»Mackenzie.«
Bei der Erwähnung meines Namens klopft mein Herz schneller.
»Lass meine Tochter aus dem Spiel.«
»Aha, sie weiß also nichts? Kluger Schachzug, Benny-Boy.«
Benny-Boy? Mein Vater? Wer zum Teufel nennt ihn so?
»Hau ab, hast du nicht gehört?« Dad klingt verzweifelt. »Geh … einfach. Wir reden später.«
Ich mache einen Schritt vor, um einen Blick auf die beiden zu erhaschen. Der Holzboden unter dem Teppich knarzt. Er knarzt verdammt laut.
Shit.
Ich verharre reglos wie ein Reh im Scheinwerferlicht. Schritte nähern sich, dann steht Dad vor mir. Als er mich sieht, wirkt er alarmiert.
»Worum ging es da gerade?«, frage ich und spähe in den Gang, aber der mysteriöse Fremde ist verschwunden.
Dad streicht sich mit beiden Händen übers Gesicht. »Nichts.«
»War das ein Streit?«
»Nein, Kleines, wir haben uns nur unterhalten.« Er greift in die Innentasche seines Jacketts und holt einen Flachmann heraus.
»Kennst du den Mann?«
Dad nimmt einen nervösen Schluck und atmet langsam aus. »Ich habe ihn noch nie gesehen.«
Das ist eindeutig gelogen.
Er steckt den Flachmann zurück in die Tasche und zwinkert mir zu. »Alles in Ordnung mit dir?«
»Ich halte es hier nicht aus. Die Leute …« Ich beende den Satz nicht, sondern verdrehe nur die Augen und deute Richtung Saal.
»Ich weiß, ich weiß.« Er schließt die Augen und fährt sich mit Daumen und Zeigefinger über den Nasenrücken.
»Und bei dir?«
Dad und Mom waren nicht gerade das perfekte Paar. Schon gar nicht in letzter Zeit. Sie stritten noch mehr als sonst, dabei sah ich sie nur am Wochenende, weil ich seit zwei Jahren in einer kleinen Wohnung in der Stadt lebe, in der Nähe vom College.
Dad zieht hörbar die Luft ein und atmet mit spitzen Lippen aus, dann schafft er ein unechtes Lächeln. »Na klar, Kleines.« Er tätschelt meine Schulter. »Alles wird gut. Geh ruhig, wenn du willst.«
»Wir sehen uns im Haus«, sage ich und wende mich Richtung Hinterausgang.
Das große Spektakel kommt erst noch, wenn die Trauergäste das Bestattungsinstitut verlassen. Die Fans aus allen Teilen des Landes sind diejenigen, die wirklich trauern. Der Verlag hat extra PR-Leute geschickt, die das »Event« managen. Sie sagen tatsächlich Event. Eine eigens angeheuerte Schauspieltruppe soll ein bisschen Krawall machen, wüste Beschimpfungen schreien und mit der Behauptung, E. V. Renge sei der Teufel, ein Porträt von ihr besudeln. Ganz nach dem Motto, es gibt keine schlechte Publicity. Ich weiß das, weil ich vorab informiert wurde. Direkt nachdem ich eine Vertraulichkeitsvereinbarung unterschrieben hatte. Der von der PR-Firma arrangierte Zwischenfall soll die Verkaufszahlen für Moms Bücher in schwindelerregende Höhen treiben.
Ich will definitiv nicht vorne raus, wo ich direkt in eine Horde Paparazzi und verrückte Fans laufe.
Ich nehme den Hinterausgang. Der Parkplatz hinter dem Gebäude ist menschenleer. Mit einem erleichterten Seufzer mache ich mich auf den Weg zu meinem Auto.
Mein Handy klingelt.
»Bin ich froh, dass ich da raus bin«, plappere ich gleich los.
»Hey, Snarky, du hast es fast überstanden.« EJs beruhigende Stimme ist Balsam für meine Seele.
»Du kommst doch nachher?«
»Bin schon fast auf dem Weg. Womöglich bin ich sogar vor dir da.«
»Vor dem Tor könnten Paparazzi stehen.« Ich schließe mein Auto auf. »Da wird bestimmt … Moment.«
Auf dem Fahrersitz liegt ein Umschlag. Stirnrunzelnd greife ich danach.
»EJ, wart mal kurz.« Ich stelle ihn auf laut, steige ein und betrachte den Umschlag. »Was zum Teufel …«
»Alles in Ordnung?«
»Ich weiß nicht.« Mein Herz klopft schneller, als ich die Worte auf dem Umschlag lese.
Von Fan Nr. 1. XOXO
Selbst in der Welt der Bücher ist Ruhm nicht nur mit Lob und Fanpost, sondern auch mit Stalkern verbunden, gelegentlich auch mit einem Fläschchen Urin oder blutverschmierter Unterwäsche. Ja, es gibt viele Verrückte da draußen. Über die morbideren Sachen will ich gar nicht erst reden. Davon gibt es nämlich auch jede Menge.
Nervös spähe ich durch die Scheibe. Auf dem Parkplatz stehen viele Autos, aber weit und breit kein Mensch.
»Kenz, was ist los?«, fragt EJ angespannt über Lautsprecher.
»Fanpost«, antworte ich und richte meine Aufmerksamkeit wieder auf den Umschlag.
»Was Verrücktes?«
»Das Verrückte daran ist, dass sie in meinem Auto war.«
»Hast du vergessen abzuschließen?«
»Ts, wofür hältst du mich? Hoffentlich ist es kein Rizin oder so was. Ich sollte den Umschlag einfach wegwerfen.«
»Mach ihn auf! Vielleicht ist es ja ganz lustig.«
»Okay, okay!« Ich reiße den Umschlag auf.
Ganz vorsichtig ziehe ich das Kuvert mit meinen schwarz lackierten Fingernägeln auseinander und spähe hinein. Bei Fans kann man nicht vorsichtig genug sein. Da sind schon sehr seltsame Dinge passiert. Die Leute schicken meiner Mutter alles Mögliche. Liebesbriefe, Drohungen, eigene Manuskripte, Spielzeug, Kekse, Haarlocken. Das Fläschchen mit Urin war echt eklig. Ein Typ schickte ihr ein mit Photoshop bearbeitetes Bild von sich und Mom, bespritzt mit seinem Sperma.
»Komm schon, spuck’s aus. Was ist es?«, fragt EJ ungeduldig.
»Da ist ein Brief drin. Wahrscheinlich die tränenreichen Abschiedsworte eines Fans.«
»Lies vor.«
EJ liebt dieses gruselige Zeug. Er hat vor einem Jahr seinen Abschluss an meinem College gemacht und arbeitet jetzt als Freelancer im IT-Bereich. Mittlerweile ist er ein brillanter Programmierer, der mit dreiundzwanzig einen Haufen Geld verdient, aber als ich ihn vor ein paar Jahren kennenlernte, war er ein Nerd. Er hat mir mal erzählt, dass er ein Jahr an der Junior High wiederholen musste, weil er die Schule schwänzte und die ganze Zeit zu Hause am Computer hockte. Er ist immer noch ein Nerd, er hat nur Leute gefunden, die genauso ticken wie er. Manchmal macht das den entscheidenden Unterschied im Leben.
Ich ziehe die Blätter aus dem Umschlag und falte sie auf.
Der Brief besteht aus drei handgeschriebenen Seiten. Die Blätter sind am Rand ausgefranst, als ob sie aus einem Notizbuch gerissen worden wären.
»Mach schon!« EJ wird immer ungeduldiger.
»Jetzt warte doch! Mein Gott. Geduld ist eine Tugend, hat dir das noch nie jemand gesagt?«
Auf der ersten Seite stehen nur ein paar Zeilen, die ich laut vorlese:
Soll ich dir ein Geheimnis verraten?
Love, Mom
»Was zum Teufel?«, entfährt es mir, bevor ich auf die zweite Seite schaue. Ich spüre, wie sich mir die Nackenhaare aufstellen.
Die Namen im Brief sind mir vertraut, in der oberen linken Ecke steht ein zweiundzwanzig Jahre altes Datum. Der Ort: Old Bow,Nebraska.
Falls sich jemand einen schlechten Scherz erlaubt hat, hat er zumindest gründlich recherchiert, denn ich kenne den Ort. Meine Eltern sind dort aufs College gegangen, vor über zwanzig Jahren.
»Snarky, bist du noch da?«, fragt EJ.
»Hör mal, ich ruf dich zurück.«
»Alles okay?«
»Ja. Ich melde mich.«
»Unbedingt.«
Geschlagene fünf Minuten bleibe ich reglos sitzen. Ich lese die drei Seiten und spüre, wie sich in mir alles zusammenzieht. Ich schaue mir auch die Rückseiten an, um ja nichts zu übersehen.
Ich weiß nicht viel über die Vergangenheit meiner Eltern, aber ich weiß, wo sie herkommen. Die Geschichte auf den Seiten wirkt persönlich, intim. Mom hat sich nie die Mühe gemacht, mir viel von sich zu erzählen. Warum sollte sie es jetzt tun?
»Kompliziert«, sagte sie nur.
Da ich ihre Bücher kenne, würde ich sagen, dass sie eine ziemlich verkorkste Vergangenheit hatte. Kritiken nannten ihre Fantasie gern »brillant«. Ich persönlich würde eher von völlig durchgeknallt sprechen, und die Gründe dafür liegen eindeutig in ihrer Vergangenheit. Und welche Eltern würden ihrem Kind von ihrer verkorksten Vergangenheit erzählen?
Ich überlege, den Brief einfach in die riesige Truhe zu stopfen, in der Mom das Zeug aufbewahrt, das ihr Fans in den vergangenen zwanzig Jahren geschickt haben. Die Truhe steht zu Hause in ihrem Arbeitszimmer. Ein uraltes Monstrum, im neogotischen Stil und groß wie ein Sarg, voll mit Fanpost.
Aber ich bin neugierig. Was, wenn diese Briefe wirklich von Mom sind?
Nun, das lässt sich überprüfen.
Ich starte den Wagen und fahre zum Haus meiner Eltern.
Von der Stadt braucht man eine Stunde bis zu ihnen. Als ich anfing zu studieren, wollte ich auf keinen Fall zu Hause wohnen bleiben, wusste aber auch, dass Mom mich nicht in einen anderen Bundesstaat ziehen lassen würde. Damit ich wenigstens ein bisschen mehr Freiheit hatte, zog ich in die Stadt.
Ich besuche meine Eltern oft, jedes zweite Wochenende. Nach Moms Tod bin ich zu Hause geblieben. Das war natürlich Grandmas Idee, damit »wir im gemeinsamen Trauern zusammenfinden«. Genau das waren ihre Worte. Allerdings bin ich mir ziemlich sicher, dass keiner von uns trauert.
Eine Stunde später biege ich auf den Privatweg ein, der zum Haus meiner Eltern führt. Ein riesiger Kasten mit 650 Quadratmetern Wohnfläche auf einem zwei Hektar großen Grundstück, dazu kommt noch ein Gästehaus, ein Pool und ein Naturteich neben einem See, umgeben von Wäldern.
Ein Security-Mann nickt mir zu. Die PR-Firma hat ihn angeheuert. Ich hätte mir denken können, dass er hier nicht allein ist, denn zweihundert Meter weiter lauern sie schon – aus dem dichten Buschwerk treten Männer mit Kameras und fotografieren mich auf dem Weg zum Tor.
»Mackenzie, halten Sie den Tod Ihrer Mutter für einen Unfall?«
»Mackenzie, werden Sie den Roman zu Ende schreiben, an dem sie gerade arbeitete?«
»Miss Casper!«
»Das ist Privatbesitz!«, schreie ich durch die Scheibe. Das wissen sie auch, aber es ist ihnen egal. Wenigstens rennen sie mir nicht hinterher, als sich das Metalltor langsam öffnet und ich durchfahre.
Eine Minute später betrete ich das Haus.
Ein überwältigend süßlicher Duft schlägt mir entgegen – Freunde, Kollegen und Fans haben Unmengen Blumen geschickt. Im Haus wuseln überall Angestellte des Catering-Service herum und bereiten den Empfang am Abend vor.
Ich gehe schnurstracks zu Moms Arbeitszimmer, den Umschlag in der Hand.
Die Tür ist abgeschlossen. Nur Mom hatte einen Schlüssel, zumindest dachte sie das. Wir konnten nur rein, wenn sie da war. Aber ich weiß, wo Dad den Ersatzschlüssel versteckt. Vor ein paar Monaten habe ich beobachtet, wie er heimlich reinging. Mom hat es nie erfahren. Dass so etwas überhaupt vorkam, zeigt, wie kaputt die Beziehung meiner Eltern war.
Jetzt bin ich diejenige, die in ihr Reich eindringt.
Ich gehe zu der kleinen Folkloremaske neben dem Gästebad und versenke meine Hand in ihrem dichten Kunsthaar. In dem weichen, gummiartigen Schädel steckt der Schlüssel.
»Bingo«, murmle ich. Dad bewahrt ihn also immer noch hier auf. Ich husche zum Ende des Flurs und schließe Moms Arbeitszimmer auf, gehe hinein und schließe sofort wieder ab.
Ich war hier noch nie allein, immer nur mit ihr. Neugierig war ich eigentlich nur, weil sie immer abschloss.
»Mein kreativer Rückzugsort«, sagte sie immer. Jetzt nicht mehr.
Ich warte, dass mich Trauer überkommt, sich an mich ranschleicht und mich überwältigt. Wenn nicht hier, wo dann? Doch da ist nichts. Nicht eine Träne. Nicht einmal Wehmut, nur Verbitterung.
Mom und ich standen uns nie nah. Mir wurde gesagt, dass für mich ein kleiner Treuhandfonds eingerichtet wurde, für mein Studium, aber mehr nicht. Keine Extras. Keine Erbschaft. Das geht alles an meinen Dad. Ich würde gern scheinheilig behaupten, dass man seine Eltern schließlich nicht wegen ihres Geldes liebt, aber Mom hat Millionen gescheffelt und mir abgesehen von dem Treuhandfonds fürs Studium keinen Cent hinterlassen. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass mich das nicht kratzt. Gut, ich war nicht gerade ein Fan von Mom. Wollte sie mir eine Lektion erteilen? Sie kann mich mal.
Ich komme auch allein zurecht.
Aber jetzt will ich erst mal wissen, was es mit diesem anonymen Brief auf sich hat. Vielleicht kommt die Lektion ja erst noch. Wenn sich dieser schlechte Scherz nicht als Scherz, sondern als echter Abschiedsbrief von Mom entpuppt, kann ich immer noch genauer nachforschen.
Für meine kleine Echtheitsüberprüfung brauche ich nur den Bilderrahmen auf Moms riesigem Mahagonischreibtisch. Darin steckt – Moment, Trommelwirbel bitte – Moms Erinnerung daran, was sie erreicht hat. Genau. Typisches Eigenlob. Eingerahmt und hinter Glas befindet sich die erste Seite des Originalmanuskripts von Lies, Lies, and Revenge, Lügen, Lügen und dann Rache, Moms erstem Roman, der international einschlug wie eine Bombe und sich millionenfach verkaufte. Damit war E. V. Renge auf einen Schlag berühmt.
Für diese erste Seite würde ich jetzt wahrscheinlich Tausende Dollar kriegen. Mom hat sie von Hand geschrieben, auf eine Seite ihres Tagebuchs, das sie als Teenager führte. Ja, die Seite ist alt, fast dreißig Jahre oder so. Mom hat mit sechzehn angefangen, an ihrem Bestseller zu schreiben. Ein echtes kleines Genie eben.
Ich brauche dieses kostbare kleine Andenken, um es mit den Seiten zu vergleichen, die ich von dem anonymen Fan bekommen habe.
Ich setze mich mitten auf den Schreibtisch – Mom hätte einen Herzanfall bekommen –, lege die gerahmte Seite neben mich, streiche die Seiten aus dem Umschlag glatt und betrachte sie eingehend.
Ich bin natürlich keine Grafologin oder Forensikerin, doch ich sehe mir jeden einzelnen Buchstaben genau an. Wie die Is oben einen kleinen Schlenker machen. Wie das B in Ben, dem Namen meines Vaters, unten geschwungen ist. Die Kommas, die Anführungszeichen, wie ein Wort im Brief zweimal unterstrichen ist, genau wie auf der gerahmten ersten Seite, direkt unter dem Wort Prolog.
Fünf Minuten später schmerzt mein gebeugter Nacken, meine Augen brennen, und ich muss andauernd blinzeln. In meinem Magen macht sich ein unbehagliches Kribbeln breit. Die Handschriften sind identisch.
»Hmm«, sage ich nachdenklich zu mir selbst.
Das heißt aber noch nicht, dass der Brief von Mom kommt.
Meine Neugier ist geweckt.
Was aber vor allem am letzten Satz des Briefes liegt:
Jetzt gehört das Geheimnis dir.
BRIEF NR. 1
Wenn man jung ist, verliebt man sich nicht in die netten Jungs. Man verliebt sich in den Falschen.
Die erste Liebe kann alles ruinieren. Trotzdem entscheidet man sich manchmal dafür und bleibt dabei. So ging es mir mit Ben Casper.
Warum habe ich mich überhaupt in ihn verliebt? Tja, gute Frage. Die Gegenwart ist oft das Ergebnis unserer früheren Taten. Ich würde meine Vergangenheit nicht direkt als Fehler bezeichnen. Eher als Kette abscheulicher Ereignisse. Aber dazu komme ich noch.
Wichtiger ist, dass alle Menschen in meiner Vergangenheit immer nur etwas von mir wollten. Ben? Ben hatte die Gabe, den Leuten in seinem Umfeld das Gefühl zu geben, sie wären etwas Besonderes. Er war der erste Junge, der mir seine Aufmerksamkeit schenkte, auf eine Weise, die jedes Mädchen dahinschmelzen ließ.
Also schmolz ich dahin.
Ich war in meinem letzten Jahr am College, wo ich Kreatives Schreiben belegt hatte. Ich wohnte in einer kleinen Universitätsstadt, in Old Bow, Nebraska. Die Stadt war nicht viel mehr als eine Ansammlung von Häusern entlang der Main Street, umgeben von dichten Wäldern. Ein bisschen abgelegen. Das kam mir sehr entgegen. An einem Ort wie diesem würde mich meine Vergangenheit nicht einholen. Zumindest dachte ich das.
Ich sah Ben zum ersten Mal in der Cafeteria auf dem Campus. Ich stand neben dem Kaffeeautomaten, und unsere Blicke trafen sich.
»Cooler Lippenstift«, sagte er mit einem Nicken. »Erdbeerrot.«
Nicht blutrot, wie alle anderen sagten, sondern erdbeerrot. Kann man von einem Mann mehr Romantik erwarten?
Er hatte dieses jungenhafte Lächeln, das sich anfühlte wie eine frische Brise in einem muffigen Arbeitszimmer. Es versprach unbeschwertes Lachen, Händchenhalten und Liebeskummer. Aber man denkt nicht an Liebeskummer oder daran, dass der Angebetete in einer anderen Liga spielt oder dass seine Freunde drüben am Tisch kichern und dich abschätzig mustern. Das kümmert dich nicht, denn als der Junge zurück zu seinem Tisch schlendert, schaut er sich noch einmal um, grinst dich an und zwinkert, und in dem Moment ist es um dich geschehen, dein Herz klopft wie verrückt, in deinem Magen flattern tausend Schmetterlinge, und deine Gedanken drehen sich im Kreis, so schnell, dass dir schwindlig wird, während du dir ausmalst, was passiert wäre, wenn er sich nur Zeit genommen hätte, dich näher kennenzulernen.
Und dann lernten wir uns tatsächlich näher kennen.
Eine Woche später sah ich Ben im Hörsaal, dieses Mal allein, ohne seine Freunde, die ihn ablenkten.
»Oh, hallo Erdbeer-Mädchen!«
Ich bekam weiche Knie. Als er näher kam, meldeten sich wieder die verräterischen Schmetterlinge in meinem Bauch.
»Du hast den ersten Preis im Kurzgeschichtenwettbewerb gewonnen?«
Ich wollte nicht rot werden, aber natürlich lief ich rot an. »Ja.«
»Glückwunsch!«
»Danke.«
»Du wirst die nächste Sylvia Plath.«
Mein Herz machte einen aufgeregten Sprung – er mochte Literatur. Mal abgesehen davon, dass gerade Sylvia-Plath-Woche war; das Plakat hing direkt neben uns am Schwarzen Brett, auf dem auch die Preisträger standen.
»Nur weiter so, Miss Elizabeth Dunn.«
Mein Name! So cool wie aus seinem Mund hatte er noch nie geklungen! Mein Herz wäre am liebsten aus meiner Brust gesprungen und hätte sich ihm zu Füßen geworfen – er kannte meinen Namen! Er stand natürlich neben uns auf der Tafel, mit einem Foto von mir, aber was machte das schon.
»Lizzy«, murmelte ich.
»Lizzy?«
»Lizzy«, echote ich.
»Lizzy.« Er grinste. »Ich bin Ben.«
Ich weiß. »Hi, Ben.«
»Hi, Lizzy. Hast du noch andere coole Geschichten geschrieben?«
»Liest du denn gern?«
»Na klar! Ich liebe gute Geschichten.«
Ben las so gut wie gar nicht und wäre im ersten Jahr fast in Englisch II durchgefallen. Aber das sollte ich erst später erfahren. Wie noch so vieles. Dass er die meisten Prüfungen nur mit Ach und Krach bestand. Dass seine arroganten Eltern Geld lockermachten, damit er überhaupt seinen Abschluss bekam. Dass er bereits ein Alkoholproblem hatte. Dass ihn niemand für ein Praktikum nehmen wollte. Dass seine Freunde, allesamt überaus beliebt, sich über mich lustig machten. Dass er unsere Beziehung monatelang geheim hielt, bis alles in unserem Leben außer Kontrolle geriet und in einer Katastrophe mündete.
Nein, das kam erst später.
An jenem Tag, als er so vor mir stand, bettelte mein hungriges Herz nur darum, dass er sich einfach noch ein bisschen länger mit mir unterhielt.
Ben hatte etwas an sich, das anderen ein gutes Gefühl gab. Sie sahen ihn gerne an. Sein Lachen war für mich das schönste Geräusch der Welt. Beim Anblick seiner verschmitzten Grübchen wurden mir die Knie weich. Und als er ganz beiläufig nach der Nummer meines Pagers fragte – »würde gern mehr von deinen Geschichten hören« –, suchte ich verlegen nach Worten und lief knallrot an. Ich hatte keinen Pager, nur ein Festnetztelefon.
Später würde ich darüber schreiben, über unser erstes Mal, und auch über das zweite und dritte Mal, über die glücklichen Tage und schlaflosen Nächte, über schüchternes Lächeln und bittere Tränen, fröhliche Verabredungen und fiesen Verrat.
An jenem Tag führte er mich abends in sein Lieblingsrestaurant aus und anschließend ins Kino. Dann besorgten wir uns Wein und kleine Wodkafläschchen und gingen zu mir, in meine schäbige kleine Wohnung über einem Lebensmittelladen. Die winzige Wohnung schien Ben nicht abzuschrecken. Ich wollte, dass er sah, wie ich wohnte; für mich war das okay, weil ich davon ausging, dass es eine einmalige Sache sein würde. Über diese Nacht würde ich noch monatelang schreiben, dachte ich.
Wir tranken und lachten, dann zog er mich an sich.
»Schmecken sie auch nach Erdbeer?«, murmelte er dicht vor meinen erdbeerfarbenen Lippen und küsste mich. Er flüsterte: »Wir werden nichts machen, was du nicht willst.«
Eine Stunde später waren wir nackt, und er machte alles, was ich ihn tun lassen wollte.
Spät in der Nacht lag er ausgestreckt in meinem Bett, während ich neben ihm saß und ihm aus dem Roman vorlas, an dem ich seit Jahren schrieb. Er sah mich mit diesen strahlend blauen Augen voller Bewunderung an, und ich fühlte mich wie im siebten Himmel.
Ich bin in einem Heim aufgewachsen, als Einzelgängerin, und wurde mit nicht viel mehr als meinen Kleidern am Leib und ein bisschen Wohngeld in die große weite Welt hinausgestoßen. Aber ich war nicht auf den Kopf gefallen. Ich hatte drei Jobs. Ich bekam eine Zusage fürs College samt Stipendium. Ich war fest entschlossen, mein bisheriges Leben hinter mir zu lassen.
Ich wollte Ben in jener Nacht unbedingt beeindrucken, deshalb erzählte ich ihm von der einzigen Sache, die mich träumen ließ. »Eine Literaturagentin hat Interesse an meinem Roman.«
Er war sofort Feuer und Flamme. »Echt? Cool! Dann wird er veröffentlicht?«
Ich zuckte schüchtern mit den Schultern. »Ich hoffe es. Die Agentin stellt ihn mehreren Verlagen vor. Sie findet ihn brillant.«
Er zog mich an sich und küsste mich, küsste mich überall. Ich kicherte und dachte überglücklich, endlich, endlich, fühlte sich das Leben nach den furchtbaren Vorfällen im Heim lebenswert an.
»Du bist …« Er rückte ein Stückchen von mir weg und schaute mich an, als wäre ich die größte Kostbarkeit auf Erden – »… ganz erstaunlich, Lizzy Dunn.«
Er sah mich lange an, mit diesem Blick, den ich damals noch nicht deuten konnte, später aber schon.
Zu meiner Überraschung kam Ben in der nächsten Woche wieder und von da an jede Woche. Normalerweise spätabends. Leicht beschwipst, immer gut gelaunt, mit diesem verträumten Lächeln und einem zärtlichen »Hey, Lizzy, Baby«. Wir hatten Sex, und anschließend bat er mich, ihm etwas vorzulesen, während er bewundernd zuhörte. Bewunderung funktioniert bei Frauen immer.
Er liebte meine langen schwarzen Haare mit dem geraden Pony. Und meinen erdbeerroten Lippenstift. »Wie Kat Von D.« Er liebte meine Geschichten und die düsteren Wendungen, mit denen ich ihn zu beeindrucken versuchte.
Ben und ich kamen aus ganz unterschiedlichen Welten. Abgesehen von John, der in einem Café in der Stadt arbeitete, hatte ich keine Freunde.
Ben dagegen war fröhlich und unbekümmert, ein Partymensch. Ich wusste, dass ich nie zu seinem Freundeskreis passen würde. Ich ging ein paarmal zusammen mit ihnen weg, bis eins der Mädchen mir in betrunkenem Zustand sagte: »Der einzige Grund, warum Ben dir nicht den Laufpass gibt, ist dein Talent. Sonst hätte er dich keines Blickes gewürdigt.«
Aber das wusste ich. Manche sehen gut aus. Andere haben Talent. Bens Freunde interessierten mich nicht. Ich wollte nur Ben, ganz für mich allein. Und ich wollte auch gar keine Aufmerksamkeit. Ich wusste, was das für Folgen haben konnte. Das war mir schon mal passiert. Ich war ganz zufrieden mit meinem Schattendasein.
Ich erzählte nie jemandem von den drei Jungen im Heim in Brimmville und was sie mir angetan hatten. Meine Vergangenheit ging niemanden etwas an. Vor allem nicht Ben.
Aber du sollst es wissen.
Wie immer greife ich vor, mein Schatz.
Weißt du, das Problem bei Ben war, dass er aus einer Familie mit Geld kam, aber selbst nie etwas geleistet hatte. Sein einziges Talent war sein Lächeln – umwerfend, charmant, verschmitzt oder entschuldigend, ganz nach Bedarf. Die Leute drehten sich nach ihm um. Es war seine Gabe. So ziemlich die einzige Gabe, die er hatte. Also umgab er sich mit Leuten, die beliebt waren, und hin und wieder auch mit jemandem, der Talent hatte, weil es ihm selbst an Persönlichkeit mangelte.
Aber das wurde mir erst später klar. Zu einem Zeitpunkt, als ich herausfand, was er hinter meinem Rücken tat. Darauf folgte natürlich der erste große Liebeskummer, doch ich war fest entschlossen, darüber hinwegzukommen.
Alles war gut, bis sie in unser Leben trat, ihre scharfen Klauen in sein Herz bohrte, bis er an nichts anderes mehr denken konnte, und meine Vergangenheit ans Licht zerrte.
Ihretwegen tat ich Dinge, die ich sonst nie getan hätte. Sie brachte das Schlimmste in mir zum Vorschein. Sie zerrte meine alten Sünden ans Tageslicht.
Andererseits schrieb ich ihretwegen meine besten Geschichten.
Womit wir beim Thema wären.
Ich werde dir ein Geheimnis anvertrauen.
Man wird dich anlügen. Man wird dir furchtbare Dinge über meine Vergangenheit erzählen. Aber das hier – dieses Tagebuch – enthält die Wahrheit.
»Und du meinst, das ist echt?«, fragt EJ und gibt mir den Brief zurück. Er holt einen Joint aus der Tasche und zündet ihn an.
Wir sitzen im Pavillon beim Teich, der versteckt im Wald liegt, nur einen kurzen Spaziergang vom Haus meiner Eltern entfernt. Wir sind genau eine Stunde beim Empfang im Haus geblieben, und das war schon eine Stunde zu lang. Niemand beachtete uns, als wir uns davonschlichen.
»Die Handschrift passt, das habe ich dir ja gesagt.«
EJ nimmt einen Zug und reicht mir den Joint.
»Außerdem klingt es total nach meinen Eltern«, füge ich hinzu. »Das ist so typisch.«
Es ist schon spät. Die Solarlampen in den Ecken des Pavillons werfen ein schummriges Licht auf EJs markante Wangenknochen und seine gespitzten Lippen, als er den Rauch ausatmet. Er lehnt sich auf der Bank zurück, die Hände hinterm Kopf verschränkt. Er hat ein schönes Profil. Von dem unbeholfenen Nerd, mit dem ich mich vor einigen Jahren anfreundete, ist irgendwie nicht mehr viel zu erkennen. Er trägt Chucks, Jeans und einen schwarzen Hoodie, die gleiche Art Hoodie, die früher wie ein Kartoffelsack an ihm hing und jetzt auf einmal sexy wirkt. Dabei sollte ich mir ein solches Wort im Zusammenhang mit meinem besten Freund wohl besser verkneifen.
»Das ist wirklich schräg«, sagt er nachdenklich. »Am besten lässt du die Sache auf sich beruhen. Wahrscheinlich steckt eh nichts dahinter.«
»Und wenn es eine Art Hinweis ist?«
EJ dreht sich zu mir. »Hinweis worauf? Die Liebesgeschichte deiner Eltern begann mit einem One-Night-Stand, Snarky. Nicht gerade die Geschichte des Jahrhunderts.«
»Mein Gott.« Ich krümme mich vor Verlegenheit. »Das ist alles, was du da rausliest? Ich rede von der Frau.«
»Welcher Frau?« EJ zuckt mit den Schultern. »Da steht kein Name dabei. Was sollst du damit anfangen? Frag deinen Dad.«
Stimmt, ich könnte Dad ein paar Geschichten entlocken, jetzt, wo Mom nicht mehr da ist. Ich hatte das Gefühl, dass Mom ihn mit Argusaugen beobachtete und er nur sagen durfte, was sie wollte, selbst wenn er zu viel getrunken hatte.
»Aber was soll ich ihn fragen?«, überlege ich laut.
»Genau das meine ich. Der Brief ist total vage. Das ist wie so eine Art Vorwort …«
»Wofür?«
»Keine Ahnung.«
Ich habe so viele Fragen. Wann hat sie das geschrieben? Vor Monaten? Kurz vor ihrem Tod?
»Warum habe ich nur das bekommen?« Ich wedle mit den Seiten. »Wo ist der Rest?«
»Vielleicht gibt es keinen Rest.«
»Sie redet von Jungen, die ihr etwas antaten.«
»Vielleicht hat sie angefangen, das zu schreiben, und dann … du weißt schon …«
Er spricht es nicht aus, aber ich weiß, dass er den Unfall meint. Bei so was sind die Leute immer betont rücksichtsvoll. Was aber nichts an der Tatsache ändert, dass sie tot ist.
Mir wird eng in der Brust. Ich versuche, mich auf den verdächtigen Brief zu konzentrieren, um die düsteren Gedanken zu vertreiben.
Ich spüre EJs Blick und drehe mich zu ihm. Er sieht mich gedankenvoll an.
»Was?«
Sein Blick wird weich. »Kenz, ich glaube, du verdrängst deine Trauer und stürzt dich deswegen auf diesen komischen Fanbrief und das Geheimnis, das er angeblich enthält. Aber vielleicht treibt da auch nur jemand sein Spiel mit dir.«
Niedergeschlagen ziehe ich die Kapuze über den Kopf, lege mich auf die Bank und ziehe am Joint.
Ich mag diese Momente mit EJ. Ich mag es, wenn er mich Kenzie oder Kenz nennt. Dann weiß ich, dass er es ernst meint oder sich Sorgen um mich macht. Snarky nannte er mich, als wir uns anfreundeten. Der Spitzname blieb hängen. Ich verstehe das. Es ist nicht gerade einfach, mit mir auszukommen. Dad meint, das hätte ich von Mom.
»Wie fühlt sich das an?«, fragt EJ nach einer Weile.
»Wie fühlt sich was an?«
»Dass sie jetzt nicht mehr da ist.«
Ich zucke mit den Schultern. Er weiß, dass Mom und ich uns nie sonderlich nah standen. Wir waren keine glückliche Familie, und das lag an Mom.
Meine Mom war erstens »ein Biest«, wie Dads Seite der Familie sagen würde. Zweitens »kompliziert«, wie Dad es formuliert. Drittens »ein Genie«, wie die Literaturwelt sagen würde. Viertens »eine Göttin«, wie ihre Fans glauben. Sie verbrachte jeden Tag Stunden in den sozialen Medien. Sie spendete signierte Bücher an Hilfsorganisationen auf der ganzen Welt. Sie war netter zu ihren Fans als zu mir. Und definitiv großzügiger in Sachen moralische Unterstützung.
Noch bin ich keine gute Autorin, aber ich versuche es. Ich schreibe total gern. Als ich beschloss, einen Text beim Literaturwettbewerb meines Colleges einzureichen, war Mom die Erste, die ihn zu lesen bekam.
Sie zuckte mit den Schultern. »Du hast noch einen langen Weg vor dir, mein Schatz.« Immer dieses »Schatz«. Ich hasste es. Von ihr bekam ich keine Hilfe, keine Tipps. Sie gab mir meinen Text einfach wieder zurück, als ob es unter ihrer Würde wäre, mir bei der Arbeit daran zu helfen.
Ich wurde Erste, vielen Dank auch, und betrank mich zur Feier des Tages zusammen mit EJ. Professor Salma, die Kreatives Schreiben unterrichtet, sagte, ich hätte Talent.
Mom schenkte mir nur ein herablassendes Lächeln und ein kühles »Gratuliere«, dann postete sie in ihren Social Media Accounts, sie sei stolz auf mich und hoffe, dass ich ihr eines Tages nachfolgen würde. Betonung auf »nachfolgen«. Damit ich weiß, wo mein Platz ist.
Was soll’s.
Also, meine Mom: Ja, sie ist kompliziert, ein echtes Biest und literarisches Genie, das in der Öffentlichkeit viel netter rüberkommt als in Wirklichkeit. Rüberkam. Ich hätte einen rührenden Nachruf schreiben sollen, um die Literaturwelt zu beeindrucken, aber nachdem man ihren leblosen Körper gefunden hatte, fehlten mir die Worte. Ich kann immer noch nicht darüber reden. Ich weiß nicht, wie ich das verarbeiten soll, ich vermisse sie tatsächlich. Und ich weiß nicht, wie ich mit der plötzlichen Leere in meinem Leben umgehen soll. Trotzdem trauere ich nicht. Glaube ich zumindest. Und es gibt niemanden außer EJ, dem ich sagen kann, dass ich sie vermisse, aber nicht um sie trauere. Denn das gehört sich nicht. Solche Gefühle sollte man nicht gegenüber seiner Mutter haben.
»Mein Dad hatte heute bei der Trauerfeier eine Auseinandersetzung mit irgendeinem Typen.« Ich gebe EJ den Joint zurück.
»So richtig handgreiflich?«
»Nein. Eher ein Gespräch, das aus dem Ruder läuft. Dad nannte ihn Dreckskerl. Und der Typ nannte ihn Benny-Boy.«
EJ lacht. »Benny-Boy?Deinen Dad?«
»Eben. Irgendwie war das seltsam.«
»Deine ganze Familie ist seltsam, Snarky. Nicht böse gemeint.«
Er hat recht.
Irgendwie habe ich das blöde Gefühl, dass das Schlimmste erst noch kommt. Und dass es etwas mit dem Brief zu tun hat.
Lautes Lachen und ein Fluch hinter dem Pavillon. Ich setze mich abrupt auf.
»Hi, sorry! Sorry! Hey!« Ein betrunkenes Pärchen stolpert auf uns zu.
Der Typ hebt die Hände, als wolle er sich ergeben. Seine Begleitung ist eine heiße Brünette in einem Minikleid, mit einem Anzugjackett um die Schultern.
Er schnüffelt. »Riecht nach richtig gutem Stoff.«
Die Brünette kichert und schwankt ein bisschen auf ihren hohen Absätzen, die sich in den weichen Boden gebohrt haben.
Der Joint ist weg, und ich gebe EJ mit einem Blick zu verstehen, dass wir uns besser verdrücken.
»Wir räumen das Feld«, sage ich und gehe die Stufen hinunter, EJ dicht hinter mir.
»Geteilte Freude ist doppelte Freude!«, ruft uns der Typ noch hinterher und lacht dann in schönster Eintracht mit der Brünetten. »Na kommt schon, ihr habt den guten Stoff.«
»Ich bin mir ziemlich sicher, dass die sich schon genug guten Stoff durch die Nase gezogen haben«, murmelt EJ leise kichernd.
»Die Leute hier schwimmen alle im Geld«, sage ich verbittert auf dem Weg zurück zum Haus, »und versuchen trotzdem zu schnorren, wo immer es geht.«
»Da hast du recht. Hör mal, euer Haus ist der Hammer, aber nicht mit dem ganzen Zirkus hier«, sagt EJ entschuldigend. »Ich mach mich auf den Heimweg.«
»Klar.«
»Klar«, ahmt er mich nach. »Hey, Snarky.«
Ich sehe ihn nicht an, spüre aber, wie sich seine Finger meinem Gesicht nähern, um mich in die Nase zu kneifen.
Das macht er gern, aber mich irritiert es jedes Mal. Ich reagiere rechtzeitig und schlage seine Hand weg, komme dadurch aber ins Stolpern.
Er grinst mich an. »Kommst du zurecht?«
»Ich brauche keinen Babysitter, EJ, falls du das meinst.«
»Okay. Komm bald zurück in die Stadt, ja? Dann können wir zusammen abhängen, Pizza bestellen, ein bisschen am Computer zocken und reden.«
»Das machen wir.«
Er ist noch gar nicht weg, und ich bin trotzdem schon traurig. EJ ist mein bester Freund. Ich habe sonst keine Freunde, aber das ist mir egal. Er sagt, ich sei wie meine Mom – eine Eremitin, Einzelgängerin, ein bisschen sonderbar.
Aber wie immer trägt er ein bisschen zu dick auf.
EJ ist nur ein paar Jahre älter als ich. Wir lernten uns in meinem ersten Jahr am College auf einer öden Party kennen. Damals versuchte ich noch dazuzugehören. Er war ein Nerd. Ich war eine Rebellin.
Egal wie man es betrachtete, keiner von uns beiden gehörte zu den besonders coolen oder beliebten Studierenden. Das mit uns passte auf Anhieb. Er half mir, meine Onlineplattform fürs Schreiben einzurichten, und schon nach kurzer Zeit waren wir beste Freunde.
Er hatte damals schon eine eigene Wohnung in der Stadt, viel größer als meine. Dort trafen wir uns, bis ich mein eigenes kleines Apartment hatte.
EJs Eltern sind Wissenschaftler und zogen vor ein paar Jahren zurück an die Westküste. EJ besucht sie oft, aber seit wir uns kennen, ist EJ an Festtagen auch gelegentlich bei uns zum Essen. Das sind dann aber keine Essen im Kreis der Familie, sondern richtig große Runden mit Dutzenden Gästen. Normalerweise gehört Moms aktueller Schützling dazu, außerdem ein paar Leute aus der Verlagsbranche und natürlich ihre Agentin Laima Roth, die ich nicht ausstehen kann.
EJ und ich schätzen beide unseren persönlichen Freiraum, doch er ist mittlerweile Teil einer Online-Community von IT-Spezialisten, die alle Arten von Jobs im Bereich Cybersicherheit und Programmierung machen. Während ich immer noch auf Onlineplattformen schreibe, die mir höchstens ein paar Cent einbringen, nimmt er an Konferenzen und Tagungen im ganzen Land teil und verdient richtig Geld.
Er hätte mich fallenlassen können. Aber so etwas würde er nie tun. Trends kommen und gehen, aber Freundschaften bleiben. EJ ist einfach ein herzensguter Mensch.
Deprimiert sehe ich zu, wie die Rücklichter seines Dodge Charger in der Dunkelheit verschwinden. Eigentlich bin ich gern allein. Doch mit EJ ist das etwas anderes. Allerdings verbringen wir neuerdings weniger Zeit miteinander. Er geht ab und zu mit einem Mädchen aus, während mein Dating-Leben sehr zu wünschen übrig lässt.
Ich gehe zurück ins Haus, in dem es ruhig geworden ist. Oder ruhiger, um genau zu sein. Die meisten Gäste sind inzwischen draußen auf der Terrasse beim Pool. Im Billardzimmer höre ich ein paar Freunde von Dad.
Laima ist im Wohnzimmer, ziemlich angeschickert, und unterhält sich mit einem aufsteigenden Stern am Literaturhimmel, wahrscheinlich einem von Moms Schützlingen, wie so viele andere vor ihm. Gut möglich, dass er Talent hat, aber das ist nicht der Grund, warum Laima ihm die Hand auf den Oberschenkel gelegt hat. Der Wein in ihrem Glas droht jeden Moment auf seine Hose zu schwappen, weil sie so damit beschäftigt ist, sich mit ihrer üppigen Oberweite (so was wie Doppel- oder Triple-D, ich bin da keine Expertin) an ihn zu drängen. Er wirkt nicht allzu begeistert – immerhin ist er kaum älter als ich, während Laima alt genug ist, um meine Großmutter zu sein.
Ich gehe in die Küche und betrachte die ordentlich aufgereihten Flaschen, die der Catering-Service hinterlassen hat. Wenn EJ länger geblieben wäre, hätten wir uns ein paar Shots gönnen können. Ich trinke nicht viel und allein schon gar nicht – ich will ja nicht in Dads Fußstapfen treten. Wenn es stimmt, was in dem Brief stand, hat Dad in meinem Alter mit dem Trinken angefangen. Nein, danke.
Ich entdecke eine kleine Platte mit italienischem Gebäck. Eindeutig die bessere Wahl. Grandma nervt mich ständig, ich wäre viel zu dünn. Ich sage ihr immer wieder, dass ich fast ausschließlich Schwarz trage und Schwarz einfach schlank macht. Ich bin 1,64 Meter groß und wiege fünfundvierzig Kilo. Das nennt man zierlich. Aber sie ist überzeugt, ich sei magersüchtig.
»Wie deine Mutter früher«, sagt sie oft.
Ich hoffe mal, dass die Vergleiche mit meiner Mutter nun ein Ende haben.
Mit dem Gebäckteller in der Hand gehe ich Richtung Treppe.
Da höre ich ein Rascheln im Gang. Ich gehe in die Richtung, aus der es kommt, und wie sich herausstellt, ist es gar kein Rascheln. Es sind Stimmen aus Moms Arbeitszimmer.
Sieh an: Kaum ist Mom tot, tummeln sich dort Hinz und Kunz.
Ich lege mein Ohr an die geschlossene Tür und erkenne Dads Stimme.
»Was erwartest du von mir, Mom? Sie war diejenige, die sich darum kümmerte. Er war ihr Problem.«
»Er war das Problem von uns allen, Ben. Sie hat nur gewusst, wie sie das am besten für sich nutzt. Direkt vor deiner Nase.«
»Jetzt hör aber auf!«
»Wahrscheinlich hat sie behauptet, sie brauche das zum Stressabbauen.«
Ich höre Grandma leise lachen. Grandma weiß, wie man andere zur Weißglut bringt. Vor allem meinen Dad.
Ein seltsames Gespräch, ähnlich wie das, das Dad mit dem mysteriösen Mann bei der Trauerfeier führte.
»Wir müssen das klären«, sagt sie nun.
»Was klären? Ich dachte, das wäre schon vor langer Zeit geklärt worden.«
»Wirkt das so auf dich? Elizabeth sähe das bestimmt anders.«
»Sie ist tot.«
»Genau das meine ich, Ben. Bist du wirklich so dumm, oder tust du nur so?«
»Wovon redest du?« Dad schreit jetzt fast.
»Scht. Die Gäste müssen das nun wirklich nicht mitkriegen«, zischt Grandma. »Weißt du, wer mich heute noch mal angesprochen hat? Direkt nach der Trauerfeier? Dieser Detective.«
»Weswegen?«
»Er sagte, sie hätten immer noch Grund zu der Annahme, dass es kein Unfall war.«
Mir klappt der Kiefer herunter. Von meiner Familie höre ich das zum ersten Mal.
»Das überrascht mich nicht«, sagt Dad, gefolgt von einem Geräusch, das ich nicht so recht einordnen kann.
»Reiß dich zusammen, Ben«, zischt Grandma.
Mir läuft es eiskalt den Rücken runter. Das Geräusch ist Dads betrunkenes Kichern, ein hässliches, kleines Lachen, das binnen Sekunden immer lauter und gehässiger wird. Dann bricht es abrupt ab, und er erklärt mit schneidender Stimme: »Sie hat es nicht anders verdient.«
VIRAL, steht groß und unterstrichen auf dem Whiteboard des Hörsaals. Ich sitze hinten und scrolle durch die sozialen Medien, begleitet von Professor Robertsons einschläferndem Vortrag.
Seit Tagen organisieren die Fans von E. V. Renge weltweit Versammlungen und Veranstaltungen. Tarotkartenlegen, Cosplay-Partys und so weiter, und natürlich wird alles live gestreamt, mit dem Hashtag #ForeverRVNG, der wie verrückt trendet. Ihr Pseudonym war schließlich ein Anagramm für »Revenge«.
Ich muss dauernd an den Brief denken.
Gestern Abend habe ich Moms ersten Bestseller Lies, Lies, and Revenge aus dem Regal genommen und darin herumgelesen. Der irre Plot hat plötzlich eine ganz neue Bedeutung, aber vielleicht übertreibe ich da auch ein bisschen. Die brutalen Details, mit denen geschildert wird, was der Heldin angetan wird, und vor allem, wie sie grausame Rache an ihren Peinigern nimmt, setzen mir immer noch zu.
Die laute Stimme des Professors reißt mich aus meinen Gedanken.
»Ich lade die aktuellen Aufgaben für Sie hoch. Wir sehen uns nächste Woche.«
Über fünfzig Studierende im Hörsaal packen hektisch ihre Bücher und Laptops zusammen. Erst da wird mir klar, dass ich praktisch die gesamte Vorlesung verschlafen habe.
»Kriegst du mit, was da gerade im Netz passiert?«, fragt Sarah. »Mit deiner Mom und so, du weißt schon.«
Sarah hängt wie eine Klette an mir, seit die Bücher von E. V. Renge Thema in der Vorlesung waren.
»Mir egal«, sage ich möglichst kurz angebunden.
Ich nehme meine Umhängetasche und gehe die Stufen des Hörsaals hinunter. Als ich am Pult vorbeikomme, ruft mich der Professor zu sich.
»Miss Casper? Hätten Sie einen Moment?«
Seufz.
Professoren ist anscheinend nicht klar, wie peinlich es ist, wenn sie einen vor allen anderen zu sich rufen. Ich trotte zu seinem Pult, wo er mich mit mitfühlendem Blick erwartet –, ich kann mir schon denken, worum es geht.
Professor Robertson unterrichtet Sozialwissenschaften. Gütiger Blick, Kaschmirpullover und randlose Brille. Er spricht leise, aber unterhaltsam und ist vermutlich der beliebteste Professor der Uni.
Da wir uns mit Sozialwissenschaft beschäftigen, so seine Worte, seien wir auch alle Teil eines sozialen Experiments. Er lässt uns daher so weit wie möglich »frei entscheiden«.
In dem Zusammenhang fand er dann auch heraus, dass die berühmte E. V. Renge meine Mutter ist. Tja, er und alle anderen, die es noch nicht wussten. Damit war die Katze aus dem Sack.
Thema war, wie Kleinigkeiten den Gang von Ereignissen verändern können.
»Sie haben alle Tipping Point von Malcolm Gladwell gelesen«, sagte er an jenem Tag, während er mit verschränkten Armen an seinem Pult lehnte und uns musterte. »Zumindest war das die