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Der schüchterne Cassian macht mehr zufällig die Bekanntschaft von Melanie. Es scheint Liebe auf den ersten Blick zu sein. Als er dann jedoch auf Melanies Geheimnis stößt, wird ihm sein eigenes Handicap erst richtig bewusst. Noch verschweigt er, dass er unter dem Tourette Syndrom leidet. Wie lange kann er seine Tics noch unterdrücken? Wie kommt er damit zurecht, dass Melanie als Prostituierte gearbeitet hat? Cassians Frau Melanie war mit ihrem Freund und seinem nagelneuen Golf nach Ibiza durchgebrannt. Er wollte eigentlich keine neue Beziehung mehr. Dann trifft er Alena. Seine Gefühle sind zwiespältig. Aber auch Alena hat eine Vergangenheit. Ihre Wege kreuzen sich immer wieder. Ob Cassian will oder nicht, er wird sich entscheiden müssen, wie es mit seinen verletzten Gefühlen weitergehen soll. Auch sein Handicap meldet sich wieder stärker. Cassian leidet unter dem Tourette Syndrom. Aiden steckt mitten in seinem Grundwehrdienst und ist ein eher schüchterner junger Mann. Er geht in seiner Freizeit gerne in die Diskothek. Es ist die Zeit der Bee Gees, Village People und Smokie. Dort wird er eines Tages von einer jungen Frau zum Tanzen aufgefordert. Alisha hat pechschwarze, schulterlange Haare und ist Krankenschwester. Zwei sehr verschiedene Charaktere treffen aufeinander. Zwei ganz verschiedene Lebenswege kreuzen sich immer wieder. Es ist die Zeit der Bee Gees, Village People und Smokie. Ich kann nicht mehr, hatte sie gesagt. Du wirst immer anstrengender. Birgers Freundin schmeißt ihn aus der gemeinsamen Wohnung. Das war es. Birgers altes Leben scheint ihm fremd geworden zu sein. Er ist nur noch ein Schatten in einer Welt, die ihn anscheinend nicht mehr haben will. So kommt es ihm jedenfalls vor. Und alles nur wegen dem Tourette, seiner Geisel. Er kann sie nicht ablegen. Wie soll es jetzt weitergehen?
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Seitenzahl: 386
Veröffentlichungsjahr: 2026
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KELVIN WAIDEN
LOVE & ROMANCE
Handicap und Liebe
© 2026 Kelvin Waiden
Sonder-Edition mit freundlicher Genehmigung des Autors
Illustration: S. Verlag JG
Verlag: S. Verlag JG, 35767 Breitscheid,
Alle Rechte vorbehalten
Vertrieb: epubli ein Service der neopubli GmbH, Berlin
ISBN:978-3-565177-66-0
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig und wird sowohl strafrechtlich als auch zivilrechtlich verfolgt. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Inhalt
Bezahlte Liebe
Das Handicap
Verliebt?
Gemeinsamkeit
Meine Liebe zu dir
Vergangene Liebe
Verlassen
Beziehungen
Aidens Wünsche
Sicherungszug
Heimschläfer
Aidens Sehnsucht
Ein überraschendes Wiedersehen
Alisha
Aiden und die Frauen
Aidens Wünsche
Zerstörte Liebe
Nayas Gefühle
Verführung der Sinne
Die Party
Wähle!
Verführung
Zwei Seelen
Der Akkuschrauber rutschte zum wiederholten Mal ab. Der Bit war nicht mehr der Beste. Cassian schwitzte wieder stärker.
„Muuuudfuuuudfiii“, ertönte es im Verkaufsraum. Er zuckte erschrocken zusammen und schaute sich um. Kein Kunde zu sehen. Cassian atmete erleichtert auf.
Das war immer das größte Problem beim Aufbauen von Ausstellungsstücken hier in der Möbelkiste. So hieß die Abteilung des Möbelhauses für Mitnahmemöbel. Mit dem teilweise defekten Werkzeug war das nicht immer so einfach. Und erst recht nicht, wenn die vorbeigehenden Kunden immer wieder stehen blieben und zuschauten. Das konnte Cassian überhaupt nicht vertragen. Und erst recht nicht seine Tics und Zwänge.
Es war schon schwierig, gleichzeitig diese blöden Aufbauanleitungen zu lesen und zu verstehen und die aufkommenden Zwänge zu unterdrücken. Erst recht nicht, wenn man dabei beobachtet wurde. Aber was tat man nicht alles für das liebe Geld. Und bezahlt wurde er hier gut. Es war jetzt schon das zweite Jahr, wo er im Möbelhaus während den Semesterferien jobbte.
Jetzt kamen doch tatsächlich einige Kunden um die Ecke und auf ihn zu. Auch gut, die letzte Schraube war gedreht. Er räumte schnell noch sein Werkzeug zusammen. Dann nichts wie weg von hier, zurück ins Lager.
Hier war er die meiste Zeit sein eigener Herr. Ab und an schaute Klaus, der Azubi mal vorbei.
Hier lagerten alle die Möbel, zerlegt in Kartons, die vorne in der Ausstellung zusammengebaut standen. Cassian gab die gekaufte Ware bei Vorzeigen des Kassenbelegs an die Kunden heraus. Vor der Warenausgabe, ein Schiebetor von 5 Meter Breite, war auf der linken Innenseite ein mit Spanplatten zusammengebautes Bürohäuschen erstellt worden. Keine 2 x 3 Meter. Hier wurden die Zu –und Abgänge gebucht; hier wurden die Rechnungskopien abgelegt.
Cassian saß im Bürohäuschen und blätterte die Lieferscheine durch. Mike war heute auch noch überfällig. Er kam normalerweise jeden Mittwoch kurz vor Mittag mit der Lieferung aus dem Haupthaus zur Bestückung des Lagers.
Cassian kaute nervös an seinem belegten Brot. Es war immer ein Gewaltakt, mit dem kleinen Hubwagen die zerlegten und verpackten Möbel vom LKW ins Lager zu transportieren. Mike, der Fahrer, hatte gerade mal 40 Minuten Zeit. Das war sehr wenig für eine Person zum Entladen. Und Mike konnte mit seinen 73 Jahren nicht wirklich mithelfen.
Cassians Kopf fing schon wieder an, zu zucken. Und Schweiß bildete sich auf seiner Stirn. „Nur nicht daran denken.“
Und wenn dann auch noch Kunden vor dem Tor standen und auf die Ausgabe der Möbel warteten, begannen seine Tics erst recht zu explodieren.
Was sollte er zuerst machen. „Muuuuud, effffff“, seine Tics und die Laute aus seinem Mund nehmen rapide zu. Er versuchte krampfhaft, nicht mehr daran zu denken.
„Nur nicht weiter darüber nachdenken, was sein könnte.“
Sein rechtes Bein zuckte auf und ab. „Man, jetzt reiß dich endlich zusammen.“ Er schlug mit der Faust auf das Bein. Ein kurzer Schmerz und der Tic war überlagert.
„Muuufffhh“, er kämpfte innerlich wie äußerlich in dem kleinen Bürohäuschen gegen sich selbst, gegen das verfluchte Tourette.
„Hallo, ist da niemand?“
Cassian zuckte zusammen. Auf der kleinen Treppe neben der Warenausgaberampe stand eine junge Frau.
Als er auf sie zuging, sah er, dass aus ihrem Kleinwagen ein weiteres Mädchen ausstieg.
„Hallo, was kann ich für Sie tun?“
„Ich möchte das hier mitnehmen“, sie gab ihm einen Kassenbon in die Hand.
Cassian schaute zuerst auf das Papier und dann automatisch zu dem Kleinwagen vor der Rampe. Das Mädchen dort hatte bereits die Heckklappe geöffnet.
Er hegte jetzt schon Zweifel, ob der Beistelltisch und das kleine Sideboard überhaupt dort hineinpassen würden. Noch dazu mit der sperrigen Verpackung. Für einen Kombi kein Problem. Aber für diesen kleinen zweitürigen Wagen könnte es eng werden.
Das Mädchen kam an die Rampe.
„Hallo“, ihre großen, mandelförmigen Augen blitzten ihn an. „Glauben sie, das geht alles in mein Auto?“
„Klar, das schafft er schon“, sagte die junge Frau, die jetzt neben Cassian stand und ihm den Kassenbeleg gegeben hatte. „Nicht war!“ Sie schaute ihn durchdringend an.
„Wir werden sehen.“
Mit dem Zettel in der Hand ging er nach hinten zu den Regalen. „Warten Sie bitte hier.“
Es waren zwei größere und drei kleine Pakete, die Cassian auf einem Rollbrett mit Seitenhalterung mit nach vorne brachte. Er legte die Packstücke auf die Rampe und sprang hinunter und direkt vor das wartende Mädchen. „Hoppla“, sie wich einen Schritt zurück und lächelte ihn an.
Cassian lächelte zurück und sein Blick schweifte flüchtig über ihren Körper.
Was ihm trotzdem sofort auffiel, waren ihr dunkler Teint und die kastanienfarbene Haare, die glatt geföhnt von ihrem Kopf bis zum Halsansatz fielen. Das hellgelbe, rückenfrei Top ließ viel Haut über dem Bauchnabel erkennen. Und ihre Bluejeans saß auch sehr eng.
„Muuufmmuffu“, Cassian drehte sich schnell zur Seite und nahm erst das größere Paket von der Rampe. Am Wagen angelangt, legte er es vorsichtig in den Kofferraum.
Es ließ sich nicht weit hineinschieben. Zu zweit standen die jungen Frauen an der Seite des Wagens und schauten schräg zu ihm herüber.
„Dachte ich mir. So geht das nicht. Es muss zumindest die Rückbank umgelegt werden.“ Er schaute zu den Damen.
„Ja, Moment, ich versuche es.“
Die Jüngere mit dem Top öffnete die Fahrertür und beugte sich nach hinten. Cassian schaute ihr von der geöffneten Heckklappe aus zu.
„Da müssen Schleifen an der Rückenlehne sein“, versuchte er ihr noch zu helfen.
Dann ein Ruck und die Rückbank war umgelegt. Die junge Dame aber ruderte wie wild mit den Armen. Dann fiel sie nach vorne auf den Bauch und lag schon halb im offenen Kofferraum.
Cassian schaute angenehm berührt zu, streckte dann seinen Arm aus und half ihr durch die Heckklappe nach außen.
Mit dem linken Absatz ihres Stöckelschuhs blieb sie jedoch an der Stoßstange hängen und kippte nach vorne, direkt in die Arme von Cassian. Er spürte die harten Spitzen ihrer Brustwarzen an seiner Brust, als er sie auffing.
Dann stand sie wieder fest auf Ihren Beinen. Ihre beiden Augen schauten ihn erschrocken an und nicht minder verwirrt schaute er zurück.
„Danke“, sie sah verlegen zu Boden.
„Was machst du denn nur für Dinge.“ Die Freundin blickte sie besorgt an. „Alles klar bei dir, Melanie?“
„Ja, ja, ist nichts. Mach nicht so einen Aufstand.“
„Das wird immer noch nicht reichen. Der Platz, meine ich.“ Cassian schaute zu den beiden hin.
„Aber ich habe eine Idee. Wenn wir die großen Teile auspacken, müsste es gerade so gehen.“
Melanie schaute ihn an. „Wenn das geht, bitte gerne.“
Cassian fing an, mit dem Cutter Messer die Pappe aufzuschneiden, die Eckverstärker und Transportsicherungen zu entfernen.
Das Auto stand in der prallen Sonne. Langsam baute sich für ihn wieder Stress auf.
Sein Kopf zuckte ein paar Mal hin und her. Schweiß tränkte sein weißes Hemd.
„Muuutttieiii“, er schaute kurz auf und hob ein Schrankseitenteil an, um es zum Wagen zu tragen.
“Oh, ist doch nicht so leicht, wie ich dachte.“ Er suchte ein Alibi für seine Geräusche und täuschte Überschwere der Teile vor und sein dadurch bedingtes Luftholen.
Die beiden jungen Frauen standen teilnahmslos daneben.
Nach etwa 20 Minuten hatte Cassian es geschafft. Jeder Zoll im Kofferraum war ausgefüllt. Er schloss vorsichtig die Heckklappe.
„So, das war’s. Bitte beim Auspacken vorsichtig sein. Lassen sie jemand Kräftigen daran.“
Von seiner Stirn tropfte der Schweiß. Cassian machte zwei Schritte zur Seite in den Schatten.
„Vielen Dank.“ Melanie war am Wagen und kramte in ihrer Umhängetasche. Sie kam zurück mit einer Art Visitenkarte in der Hand.
„Für ihre liebe Hilfe möchte ich mich gerne revanchieren.“ Sie gab ihm die Karte.
„Ich bin oft hier. Ist eine kleine, hübsche Bar. Ich lade sie zu einem Drink ein.“ Sie lächelte noch mal kurz und stieg dann in den Wagen.
Ihre Freundin schaute über das Wagendach zu Cassian. „Ciao“, sie grinste etwas anzüglich und stieg ebenfalls ein.
Cassian betrachtete jetzt erst richtig die Karte in seiner Hand. ‚Bar Neo Culture’ stand dort in weinroten Lettern.
Und die Öffnungszeiten. Im Kleingedruckten die Adresse.
Danach war die Bar in der Nähe seiner Fakultät. „Das hat sie bestimmt nicht ernst gemeint“, dachte er. Etwas unsicher bückt er sich, um noch das restliche Verpackungsmaterial aufzuheben und zu entsorgen.
Cassian hatte sich entschlossen, an diesem Abend das erste Mal seit Langem wieder auszugehen. Er hatte die Karte von der ‚Neo Culture’ Bar nicht vergessen, und das hübsche, schwarzhaarige Mädchen mit dem kurzen Top. Gegen 20.00 Uhr stand Cassian vor der Bar.
Sein Kopf fing an, leicht zu zucken. Immer, wenn er in eine neue, unbekannte Situation kam, fingen die Tics an. Er versuchte sich zu konzentrieren. Schließlich war es kein Arbeitsstress, sondern Freizeit.
Direkt hinter der Eingangstür befand sich ein Durchgang, behangen mit schwerem Stoff. Der Raum war nur schwach beleuchtet, aber der Tresen war gut zu erkennen. An den beiden Seiten des Raums entlang reihten sich kleine Nischen mit bis zu vier Sitzplätzen. Leise Musik war zu hören.
Cassian ging in Richtung Tresen. In der Mitte des Raums befand sich eine große, freie Fläche. Es waren zwei, nein drei Personen im Raum zu erkennen. Am Ende des Bartresens saß ein älterer Mann und schaute ihm kurz entgegen. Cassian setzte sich auf einen freien Barhocker und schaute sich nachdenklich um.
Die Bar schien nur schlecht besucht zu sein. Nach etwa fünf Minuten erschien hinter dem Tresen eine Frau mit einer weißen, ziemlich offenstehenden Bluse bekleidet.
„Bitte.“ Sie schaute Cassian an.
„Geben sie mir ein kaltes Bier.“
Er war schließlich nicht hier, um sich zu betrinken.
Aus einer Seitentür kamen jetzt zwei weitere Frauen. Die eine ging geradewegs zu dem freien Platz neben ihm. Als sie saß, stellte ihr die Bedienung unaufgefordert ein Glas hin. Sie schaute kurz zu ihm und trank langsam durch einen Strohhalm.
Cassian versuchte sie zu ignorieren. „Ein komischer Schuppen das“, dachte er noch.
Dann kam ein Pärchen durch den Eingang. Der Mann hatte die Frau im Arm. Sie waren anscheinend schon etwas angeheitert. Jedenfalls kicherte sie immerwährend. Beide torkelten in die hinterste Ecke des Raums und ließen sich dort in eine Nische nieder.
Kurz darauf kam seine Bekleidung an den Tresen und bestellte eine Flasche Champagner. Gerade als er noch überlegte, doch vielleicht wieder zu gehen, kamen durch die Eingangstür zwei junge Frauen, Arm in Arm.
Cassian sah sie nur kurz aus den Augenwinkeln heraus.
„So allein, heute“, wurde er da von der anderen Seite angesprochen.
Die Dame neben ihm hatte wieder den Strohhalm im Mund und schaute ihn mit ihren großen Augen an.
„Zwei ‚Safer Sex on the Beach’“, hörte Cassian da links neben sich eine weibliche Stimme sagen.
„Hallo Cora, hallo Melanie. Kommt gleich.“
Cassian zuckte leicht zusammen und drehte sich um. Da standen sie. Die beiden von der Möbelkiste. Melanie, mit ihren Mandelaugen und dem dunklen Teint stach ihm richtig in die Augen. Noch dazu, da sie heute Abend ein weißes Top mit einem kurzen Blouson darüber trug.
„Hallo“, sagte er etwas leise in ihre Richtung. „Da bin ich.“
Sie blickte erst zu ihrer Freundin, dann etwas irritiert zu ihm. „Ja?“
Das war wohl mehr eine Frage als eine Begrüßung.
„Sie haben mich zu einem Drink eingeladen. Ich habe ihr Auto beladen. In der Möbelkiste. Sie erinnern sich?“
Es dauert einen kurzen Augenblick, dann erinnerten sich die beiden wieder. Melanie ging um ihn herum und setzte sich auf den Barhocker neben ihm.
„Rutsch mal weiter, er gehört zu mir!“ Die Frau mit dem Strohhalm murrte etwas, machte aber Platz.
„Was möchten Sie trinken?“
Er sah sie etwas merkwürdig an.
„Ich begleiche meine Schulden immer.“ Auffordernd blickte Melanie zurück.
„Ich habe mein Bier noch nicht getrunken“, versuchte er auszuweichen.
Die Bardame stellte die beiden Gläser ‚Safer Sex on the Beach’ auf den Tresen.
„Nun sag schon.“ Melanie nahm einen tiefen Schluck.
„Sieht gut aus.“ Cassian deutete auf das Getränk. „Ich nehme das Gleiche.“
„Ist aber ohne Alkohol.“
„Ja genau, das passt.“ Cassian schaute sie prüfend an.
Melanie bestellte das Getränk.
Der Laden fing an, sich zu füllen.
„Ich habe da jemanden im Visier.“ Cora nickte Melanie zu und war verschwunden.
Melanie nahm den Cocktail aus der Hand der Bardame und reichte ihn Cassian. Dann hakte sie sich bei ihm unter.
„Kommen sie, ich kenne einen gemütlicheren Platz für uns. Gemeinsam überquerten sie den freien Platz in der Mitte des Raums und setzten sich in ein kleines Séparée.
„Zum Wohle und nochmals vielen Dank.“ Melanie trank das halbe Glas leer.
„Das ist mein Lieblingsgetränk.“ Sie schaute Cassian an. „Was machen Sie denn so, wenn sie nicht gerade als Möbelpacker arbeiten?“ Sie lächelte ihn an.
Natürlich war es nicht so gemeint. Er lächelte nun auch.
„Ich studiere. Meine Fakultät ist ganz in der Nähe.“
Sie schaute erstaunt auf.
„Sie heißen Melanie! Ihre Freundin hat sie so genannt.“
Sie nickte.
„Ich bin Cassian.“
Sie hob das Glas: „Na dann, Cassian, auf gute Nachbarschaft.“
Sie umgriff, mit dem Glas in der Hand, seinen Ellenbogen und zog ihn zu sich über den Tisch. „Brüderschaft“, sie lächelte wieder und ihre Mandelaugen blitzten dabei.
Bevor er noch ausgetrunken hatte, kam sie mit ihrem Gesicht nahe an das seine. Kurz berühren sich ihre Lippen.
„So, und was machen wir jetzt mit dem angefangenen Abend?“
Er blickte sie leicht irritiert an. Wie meinte sie das denn jetzt? Aus irgendwelchen Lautsprechern kam leise Discomusik.
„Wir können noch etwas trinken. Und ich lade dich zur Abwechslung ein.“
„Ja, Sekt wäre toll.“
„Ach und ich nehme mal an, der ist nicht gerade billig in dieser Bude.“ Cassian wurde nervös. Was sollte das mit dem Sekt.
„Ja, du hast recht. Komm, lass uns tanzen.“
Sie war bereits aufgestanden und blickte ihn erwartungsvoll an. In der Mitte des Raums bewegten sich bereits zwei Paare. Sie gesellten sich dazu.
Melanie bewegte aufreizend ihre Hüften. Die enge Jeans und der nackte Bauch gaben eine erotische Komponente. Als die Musik langsamer wurde, legte sie beide Arme auf seine Schultern und blickte, wie es Cassian schien, auffordernd in seine Augen. Er umfasste sanft ihre Hüften.
Aus den Augenwinkeln erkannte er neben sich einen Mann, der seiner Partnerin ungeniert von hinten unter den Minirock griff. Anstatt sich von ihm zu trennen, quietschte sie nur mal kurz auf und er fummelte weiter.
„Hallo, hier bin ich.“ Melanie drückte mit der rechten Hand seinen Kopf in ihre Richtung.
„Ja, was ist?“ Er schaute verdutzt.
„Komm, ich bestelle uns was und wir setzen uns wieder.“
Sie ging zum Tresen während Cassian an ihren Platz zurückkehrte. Nach ein paar Minuten kam sie ebenfalls wieder zurück, in beiden Händen einen weiteren Cocktail.
„Versuch mal.“
Sie setzte sich auf seinen Schoss und hielt ihm das Glas entgegen. Es schmeckte süß aber gleichzeitig auch bitter. Und danach merkte man den starken Alkoholgehalt. Cassian musste zweimal tief Luft holen.
„Wow, der hat es aber in sich.“
Melanie leckte sich die Lippen. „Mir gefällt das Süße daran.“
Sie sah ihn unschuldig an. „Ich glaube, du hast etwas daneben geschüttet.“
Sie nahm das Glas und stellte es auf den Tisch zurück.
Dann nahm sie seine Hand in ihre Hände und begann erst den einen, dann den zweiten Mittelfinger langsam mit ihrer Zunge abzulecken.
Zuletzt steckte sie Cassians Zeigefinger ganz in den Mund.
„Moment Mal, was geht hier ab?“
Verärgert zog er seinen Finger aus ihrem Mund.
„Ich wollte dir nur helfen, das Klebrige loszuwerden.“ Sie zog jetzt einen Schmollmund.
Ihre Augen und ihr Mund waren ganz nah an seinem Gesicht. Er roch ihr Parfum.
Und noch einen anderen, ganz persönlichen Duft. Ihre Wärme und ihre Nähe verwirrten ihn.
„Warum bist du wirklich hierhergekommen?“ Ihre Frage verwirrte ihn noch mehr.
„Aber du hattest mich doch eingeladen. Schon vergessen.“
„Glaubst du das wirklich?“ Ihre Hand spielte mit dem obersten Knopf seines Hemdes.
„Wieso, du hast es doch gesagt“, Cassian zweifelte langsam an sich selbst.
„Dummkopf, Melanies Hände wühlten durch seine Haare. „Wann hast du das letzte Mal mit einer Frau geschlafen?“
Diese Frage kam für ihn absolut unvorbereitet. Man könnte sagen, Volltreffer und versenkt.
„Ich habe was?“
„Du hast schon richtig verstanden.“ Ihre Hand bewegte sich an seiner Brust nach unten.
Bevor sie jedoch zwischen seinen Beinen ankommen konnte, hatte er ihr Handgelenk ergriffen und ihren Arm nach oben gezogen.
„Willst du mit mir schlafen?“ Cassian stellte die Gegenfrage.
„Für 150 Mäuse kannst du mich haben.“
Er glaubte sich verhört zu haben. „Bitte?“
„Na ja, weil du so ein hübscher Junge bist, mach ich’s für 120.“
Cassian schob sie von seinem Schoss und stand ruckartig auf.
„Tut mir leid. Tut mir wirklich leid, das Ganze.“
Sie schaute ihn trotzig an. „Was hast du denn gedacht, was das hier ist?“
„An ein Bordell habe ich am allerwenigsten gedacht“, gab er verärgert zurück.
„Und dass du dich prostituierst, kann ich jetzt noch nicht glauben.“
Sie standen sich gegenüber und beide hatten die Hände geballt.
„Tu doch nicht so. Ihr Männer seid doch alle gleich. Du wärst doch auch gerne mit mir in die Kiste gesprungen. Gib es zu. Warum dafür nicht auch was bezahlen? Werde erst mal ein richtiger Mann.“
Cassian schüttelte nur seinen Kopf.
„Dabei bist du so ein süßes Mädchen, Melanie. Warum nur?“
„Warum was?“
Cassian senkte traurig den Kopf. „Ist schon gut.“ Er ließ sie einfach stehen und ging in Richtung Bar.
„Was bin ich schuldig?“
Er bezahlte und war bereits auf dem Weg zum Ausgang, als er von hinten festgehalten wurde.
„Sorry! Wir sollten das Ganze vergessen. Solltest du es dir aber trotzdem anders überlegen, hier nimm.“
Sie hatte ihre Telefonnummer und Anschrift auf die Rückseite der Clubkarte geschrieben. Sie schaute ihn nochmals kurz in die Augen, drehte sich um und ging zum Tresen zurück.
Cassian verließ die Bar. Im Auto überkamen ihn Gewissensbisse.
Hatte er sich falsch verhalten? War er für sie nur ein Geschäft. Wahrscheinlich.
„Muuudgguffuu“. Seine Tics setzten unvermittelt wieder ein. Der Tag fing heute schlecht an. Und er hörte noch schlechter auf. Das verdammte, hübsche Gesicht von Melanie wollte einfach nicht mehr aus seinen Gedanken verschwinden.
„Hier sehen mich keine zehn Pferde mehr“, schwor er sich. Er wollte gerade noch die Karte zerreißen besann sich dann doch eines Besseren und steckte sie in die Hosentasche.
Mit einem Kopfnicken und Ferse Auftreten fuhr er los, nach Hause. Leicht ruckend bewegte sich sein Wagen stadtauswärts.
Es dauerte etwas, bis Cassian die Ferse seines rechten Fußes so weit im Griff hatte, dass er nicht immer wieder auf das Gaspedal drücken musste.
Einige Kunden schauten in seine Richtung. Cassians Tics hatten ihn überfallartig übernommen. Die Luft in den Verkaufsräumen stand. Er war stark erhitzt und der Aufbau des Schrankes machte ihm mehr zu schaffen, als er sich eingestehen wollte.
„Muuuuddff“, kam es wieder aus ihm heraus. Dabei zuckte sein Kopf nach rechts und links.
Es blieb nichts anders übrig, als wieder mal zu flüchten. Durch einen Seitengang in den kleinen Aufenthaltsraum, dann die zweite Tür rechts und er befand sich in der Belegschaftstoilette.
„Fuuugggmmuud“, die Tür war noch nicht richtig geschlossen, da platzte es bereits wieder aus ihm heraus. Er musste trotzdem vorsichtig sein, die Wände waren nur dünne Holzständerwände. Man konnte laute Schreie schon auch außerhalb hören.
Für heute reichte es ihm jedoch. Er machte Feierabend.
Unterwegs hielt ihn jedoch noch Klaus, der Azubi, auf.
„Sag mal, was machst du eigentlich immer für komische Geräusche?“
Cassian zuckte zusammen. „Was für komische Geräusche? Ich habe keine Zeit mehr.“ Und schon flüchtete er weiter durch den Ausgang.
Am Parkplatz, vor seinem Auto, holte er erst einmal tief Luft. Er versuchte ruhig ein- und auszuatmen. In angespannter Haltung fuhr er dann nach Hause.
Der Tag heute war ein einziger Kampf gewesen. Seine Tics und Zwänge hatten ihn ständig verfolgt. Er versuchte zwar, den Menschen aus dem Weg zu gehen, aber das hatte nicht in allen Fällen so funktioniert, wie er es sich gedacht hatte.
Sein Verhalten fiel immer mehr auf.
In seiner Wohnung versuchte Cassian sich erst einmal weiter zu entspannen. Einfach abschalten.
Seine Gedanken schweiften ab. Ein Gesicht und eine Stimme tauchen immer wieder darin auf. Mandelförmige Augen, brauner Teint und kastanienfarbene, glatte Haare. Eine weiche, hintergründige Stimme.
Der Name: „Melanie.“
Er sah sie wieder vor sich, an dem Abend, als sie sich ihm angeboten hatte. Sie, eine Prostituierte. Und seine Enttäuschung. Er hatte doch tatsächlich gedacht, sie wollte ihn wiedersehen, als sie ihm die Karte gegeben hatte. Wahrscheinlich war es nur Werbung. Sie wollte, musste sich ja verkaufen.
Und wieder spürte er ihre zarten Berührungen auf der Haut. Roch ihr Parfüm.
Frauen waren bisher für ihn mehr Tabu als ein Objekt der Begierde und der Liebe gewesen.
Durch sein Tourette hatte er immer Abstand gehalten. Nur keinem Mädchen zu nahekommen.
Aber war das hier nicht etwas anders. Sie hatte ihm doch ein Angebot gemacht. Obwohl, sie kannte ihn doch gar nicht. Aber das war wohl wieder nur das Geschäft. Aber einfach mit ihr in so eine Absteige gehen und dann kurzen Sex? Nein, Cassian schüttelte sich. Das war nicht sein Ding.
Aber sein Verlangen sie wieder zu sehen, war schon groß. Sollte er sich mit ihr in der Bar verabreden? Nein, er entschied sich spontan dagegen.
Der Ort war ihm irgendwie zu billig, zu schäbig. Was für ein Vergleich. Normalerweise sind solche Etablissements immer billig. Melanie war schließlich eine Prostituierte. Mit ihren knapp 20 Jahren war sie gerade einmal zwei Jahre älter als Cassian.
Er kramte die Karte aus seiner Hosentasche. Ja, sie hatte ihm ihre Telefonnummer auf die Rückseite geschrieben. Und sogar ihre Privatadresse. War das üblich in diesem Geschäft? Wohl kaum. Er entschied sich, anzurufen.
Sein Kopf ruckte am Hörer kurz auf und ab. Der Ruf ging durch. Nach zehn Sekunden wollte er gerade enttäuscht auflegen, als am anderen Ende eine Stimme sagte: „Ja?“
Nur das eine Wort, sonst nichts. Für Cassian war es jedoch der Beginn einer neuen Weltordnung.
„Hallo, Melanie, ich bin es, Cassian.“ Es entstand eine kurze Pause.
„Ja, Hallo Cassian. Schön dich zu hören.“
Diese Stimme verursachte eine Gänsehaut.
„Du, ich wollte mich mal erkundigen. Was machst du heute Abend?“
Er versuchte verzweifelt, ein unverfängliches Thema anzusprechen. Aber das war nicht möglich, bei ihrem einschlägigen Geschäft.
„Schlag was vor.“ Ihre Schlagfertigkeit war schon bewunderungswürdig.
Er entschied sich aufs Ganze zu gehen.
„Ich möchte mit Dir zusammen sein.“
Ihm kam ein Gedanke. „Die ganze Nacht“, ergänzte er, und jetzt noch die entscheidende Frage hinterher geschoben: „Wie viel?“
Es war ruhig am Hörer.
„Die ganze Nacht?“ Ihre Stimme hatte auf einmal einen dunklen Unterton.
„Ja, die ganze Nacht. Am besten bei dir.“ Cassian kam sich etwas merkwürdig vor. „Ich könnte jemanden fürs Zuhören gebrauchen.“
Wieder Stille.
„O. K., ich erwarte dich um 20.00 Uhr bei mir. Die Adresse hast du ja.“
Eine Pause entstand.
„Bring 600 Mäuse mit!“
Bevor er noch was sagen konnte, hatte sie bereits aufgelegt. Ging das immer so, fragte sich Cassian. Oder war das Gespräch jetzt anders verlaufen als üblich.
Als er vor Melanies Wohnung stand und klingelte, hatte er etwas weiche Knie. Als sie öffnete, kam es ihm vor, als wäre die Zeit stehen geblieben.
Sie stand vor ihm, wie am ersten Tag. Bekleidet mit dem hellgelben, rückenfreien Top, das fast den ganzen Bauchbereich freiließ. Und ihre Bluejeans saß auch wieder sehr eng.
Sie lächelte. „Hallo, komm rein.“
Sie führte ihn in den Wohnbereich. „Mach es dir gemütlich. Ich bin gerade auch erst angekommen.“
Sie schaute ihn kurz an. „Wenn du etwas trinken möchtest, bediene dich bitte.“ Sie zeigte auf den Beistelltisch. Er war gefüllt mit den verschiedensten alkoholischen Getränken.
„Wenn du mich suchst, ich bin erst einmal unter der Dusche.“ Und schon war sie verschwunden.
Cassian hatte die ganze Zeit geschwiegen. Er fühlte sich irgendwie nicht wohl in seiner Haut. Sollte er zur Auflockerung erst einmal einen Drink zu sich nehmen?
Ohne weiter zu überlegen, nahm er sich ein leeres Glas und goss sich etwas aus der Flasche mit dem hellblauen Inhalt ein.
Normalerweise mied er Alkohol. Seine Tics und Zwänge explodierten, wenn er Alkohol trank oder Schokolade aß.
Auf der Flasche sah er jetzt den Schriftzug: ‚Aha Toro Blanko’.
„Na, dann runder damit.“ Nach dem zweiten Glas fing sein Kopf an leicht zu zucken. Aber er kam nicht mehr dazu, sich darüber Gedanken zu machen.
Es ertönte leise Musik und in der Tür stand eine Göttin. Ihr Haar strahlte in den verschiedensten Brauntönen. Es war noch nass und eine Strähne hing verspielt über ihrem linken Auge. Melanie hatte ein noch kleineres Top an, das am Rücken gebunden war. Die hellbeige Farbe harmonierte mit dem sandfarbenen Shorts.
Sie war barfuß und legte gerade die Fernbedienung der Stereoanlage zur Seite.
Sie kam langsam auf ihn zu. Ihre Hüften bogen sich verführerisch im Schritt ihrer Beine.
Cassian konnte sich nicht von ihr abwenden. Selbst das Zwinkern seiner Augen vergaß er für einen Moment.
Sie setzte sich auf seinen Schoß und nahm ihm das halb volle Glas aus der Hand.
„Was trinkst du denn da?“ Sie nippte leicht daran. „Oh, Tequila! Schmeckt dir so was?“
Cassians Hand legte sich wie von selbst um ihre nackte Hüfte.
„Die blaue Flasche hat mit gefallen.“
Sie lachte hell und klar und stellte das Glas auf den Tisch zurück.
Cassian schaute in ihre Mantelaugen. Sie öffnete die oberen Knöpfe seines Hemdes. „Mach es dir bequem.“
Er streichelte ihr verträumt mit der einen Hand über den Rücken, während seine andere Hand sich auf ihren Oberschenkel zubewegte.
„Du hast noch was vergessen“, sie hauchte es ihm ins Ohr. Die nassen Haare vielen ihm über das Gesicht. Es roch nach frischem Schampon.
„Oh, entschuldige.“ Hastig holte er die Scheine aus seiner Hosentasche und gab sie ihr. Sie löste sich von ihm und verschwand kurz im angrenzenden Schlafzimmer.
„Möchtest du noch was trinken?“, sie kam aus dem Schlafzimmer zurück und ging auf den Tisch mit Spirituosen zu. „Ja, kann ich ein Cola haben?“
Sie stutzte. „Warum nicht.“ Als sie mit dem Cola aus der kleinen Küche kam, stand Cassian vor ihr. „Du, ich gehe unter die Dusche.“ Er wollte noch mehr sagen, aber irgendwie verwirrten ihn die blitzenden Augen und die Gelassenheit und Abgeklärtheit, die sie zur Schau stellte. Gar nicht so, wie eine 20-Jährige.
Als er aus dem Bad zurückkam, in Boxershorts, erblickte er sie erst auf den zweiten Blick. Sie hatte ihr Top und die Shorts ausgezogen und saß auf dem Boden, vor dem Sessel, indem er vorhin noch gesessen hatte.
„Komm, setzt dich zu mir.“ Sie deutete auf den Sessel.
Als Cassian saß, sah sie ihn von unten herauf mit großen Augen an. Ihre Hände bewegten sich nun an seinen Beinen nach oben. Sie schnickte eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht.
Er nahm ihre Arme in beide Hände und zog sie zu sich herauf. Als sie sich wieder auf seinen Schoß setzte, wurde es Cassian kalt und warm gleichzeitig. Er streichelte vorsichtig über ihre kleinen Brüste.
„Wir haben die ganze Nacht.“
Er lächelte sie an und sie gab das Lächeln zurück. „Ja, du sagst es.“
Sie beugte sich zu ihm hinunter und gab ihm einen Kuss. Als er mit der Hand an ihren Hinterkopf packt und sie festhalten wollte, um den Kuss zu vertiefen, zog sie ihren Kopf weg.
„Nicht mehr. Komm, unsere Spielwiese ist dort hinten.“
Sie zog ihn mit der linken Hand vom Sessel hoch und hinter sich her. Cassian erlebte alles wie im Traum.
„Kann es sein, dass du etwas schüchtern bist? Du musst mich nicht verführen. Du hast dafür bezahlt.“
„Fuuumm“, da waren die vokalen Tics wieder.
Cassian sah Melanie erschrocken an. „Vielleicht“ brachte er gerade noch so heraus.
Dann zog er sie aufs Bett. Mit flinken Fingern streifte sie ihm die Shorts über die Beine.
Die weiteren Berührungen gingen sehr schnell über in einen Rhythmus von Begierde, Sehnsucht und Verlangen nach Liebe. Aber die Nacht war noch lang.
Es war gegen Mitternacht, als Cassian aufwachte. Er spürte die zarte Haut von Melanie an seinen Lenden. Sie schlief tief und fest neben ihm. Er zog die Decke von ihrer Schulter und berührte in Nacken leicht mit den Fingern, zog eine Linie über ihren Halswirbel abwärts. Als seine Hand ihren Po erreichte, hörte er sie leise brummen.
Bevor sie sich ihm zuwenden konnte, hatte Cassian bereits seine Arme um sie gelegt.
„Machen wir da weiter, wo wir aufgehört haben.“
Und sein Verlangen brach diesmal mehr fordernd als schüchtern durch.
Seit einer Woche hatte er Melanie nicht mehr gesehen noch gesprochen. Auch im ‚Neo Culture’ war sie nicht anzutreffen gewesen. Irgendwie vermisste er sie. Die Nacht mit ihr ging auch nicht mehr aus seinen Gedanken. Wie konnte ein solches Mädchen in die Prostitution abrutschen? Und sie war ja erst zwanzig. Sie hatte das ganze Leben noch vor sich.
Cassians Tics kamen schleichend näher. Er hatte dafür ein Gespür. Der Druck in seinem Kopf, einfach loszubrüllen, verstärkte sich.
Er hatte sonst schon keine richtigen Freunde. Und erst recht keine Freundin. Mit den Tourette Symptomen hatte er sich nie getraut, ein Mädchen anzusprechen oder näheren Kontakt aufzubauen. Und jetzt diese Nacht. Diese gekaufte Nacht.
Obwohl in seinem Innern die Bezahlung überhaupt keinen Stellenwert gehabt hatte. Aber für Melanie war es wahrscheinlich nur ein weiteres Geschäft. Ein Geschäft von vielen.
Warum das Ganze nicht nochmals wiederholen? Er benötigte das Geld zwar zur Finanzierung seines Studiums. Aber noch eine Nacht mit ihr wäre es wert. Wenn er nur wüsste, wo sie war.
Kurz entschlossen stieg Cassian in seinen schwarzen, ein Jahr alten Audi A4. Er hatte ihn erst seit einem halben Jahr. Geerbt von seinem Vater, der mit 54 an einem Herzinfarkt gestorben war.
Je näher Cassian sich der Wohnung von Melanie näherte, umso nervöser wurde er. Sein Kopf zuckte wieder und er bekam einen starken Zwang, seine rechte Ferse zum wiederholten Mal auf den Boden aufzuschlagen. Der Wagen ruckte etwas, als er kurz vom Gas ging und dann wieder Gas gab.
Auf sein Klingeln wurde nicht reagiert. Blieb nur noch als Alternative das ‚Neo Culture’. Obwohl dort um diese Uhrzeit bestimmt noch alles geschlossen war. Er beschloss, trotzdem hinzufahren.
Es gab dort einen Nebeneingang. Dieser führte in ein sogenanntes Stundenhotel. Melanie hatte zu ihm darüber gesprochen.
Er parkte direkt gegenüber der Bar. Sie war verschlossen. Der Seiteneingang daneben war aber offen.
Ein keiner, dunkler Flur führte in einen weiteren Raum. Links stand ein alter, vergammelter Empfangstisch. Rechts davon und ihm genau gegenüber, konnte man eine alte, dunkle Holztreppe hinaufgehen. Es war keine Menschenseele anwesend. Cassian überlegt.
Die Räumlichkeiten wurden von den Damen hauptsächlich abendlich und geschäftlich genutzt. Wie konnte er jetzt dort überhaupt nach Melanie suchen? Ein Gefühl sagte ihm aber, dass er hier richtig war.
„Muuuddffuu, fuugghhs“, seine Tics wurden stärker. Langsam bewegte sich Cassian zur Treppe.
Als er die ersten Stufen betrat, gab es einen lauten Knall. Und je weiter er treppauf ging, umso mehr knirschte und knackte es.
Schweißüberströmt kam er oben an. Bevor er noch überlegen konnte, wie es jetzt weiterging, hörte Cassian aus einem Raum am Ende des Flurs leises Wimmern und dann ein kurzes, lautes Brüllen. Er ging langsam weiter.
Das Wimmern ging in Weinen über. Leise Sprachfetzen drangen zu ihm durch. Cassian ging die letzten Schritte jetzt zügiger. Als er an der Tür angekommen war, blieb er kurz stehen und horchte.
Was war da los? Er hörte eine weinende Frauenstimme. Dann zum wiederholten Mal zwei dumpfe Geräusche. Ohne weiter nachzudenken, riss Cassian die Tür auf.
Sein erster Blick ruhte auf dem Mädchen, das vor dem Fußteil des Bettes am Boden kniete. Mit dem linken Arm versuchte sie sich an dem Bettgestell festzuhalten. Ihre rechte Kopfseite war blutig.
Dann schweifte sein Blick langsam ab und blieb auf den vor ihr stehenden Mann hängen. Dieser hatte gerade zu einem weiteren Schlag auf ihren Kopf angesetzt. Überrascht senkte er den Arm und schaute in Cassians Richtung. „Raus“ brüllte er drohend.
Das Mädchen am Boden vor ihm schaute erschrocken zur Tür. Cassian sah in die weit aufgerissenen und verweinten Augen von Melanie.
Selbst erschrocken über die Szene, wollte er zuerst auf sie zueilen und helfen.
„Was ist denn hier los?“
Die Frage stand noch nicht lange im Raum, als der Schläger bereits reagierte: „Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten. Und nun verschwinde.“
Cassian rührte sich nicht. Der Typ hatte Arme wie andere Oberschenkel. Die Haare waren sehr kurz geschnitten und auf der Stirn war ein Tattoo zu sehen.
Melanie versuchte endlich aufzustehen. Sie erhielt einen harten Schlag ins Gesicht und stürzte aufschreiend aufs Bett.
„Habe ich dir erlaubt aufzustehen?“
Er hatte sich umgedreht und holte mit der Rechten zum nächsten Schlag aus.
Cassians Augen fingen an zu flattern, während er sich im Raum umsah. Er musste ihr helfen, koste es, was es wolle.
Er rannte nach vorne. „Schluss jetzt!“ Zu mehr kam er nicht mehr, da hatte er bereits einen Dritt gegen den linken Oberschenkel bekommen und fiel seitlich auf etwas Hartes. Es schepperte.
Der Muskelprotz grinste nur und drehte sich wieder zu Melanie.
„Hier kannst du noch was lernen.“
Mit der linken schnappte er nach ihrem Hals und drückte zu. Gleichzeitig holte er mit der rechten Hand aus.
Cassian versuchte gerade aufzustehen, als er die Pistole sah. Sie lag direkt zwischen seinen Beinen am Boden. Sie musste von dem kleinen Beistelltisch gefallen sein, als er dagegen geflogen war. Er hörte Melanie würgende Geräusche von sich geben.
Ohne nachzudenken ergriff Cassian die Pistole, richtete sie auf den Arm des Angreifers und drückte ab. Er wusste noch nicht einmal, ob sie geladen war.
Der darauffolgende Schmerzensschrei bestätigte ihm jedoch, dass sie es war.
„Du Mistkerl. Ich murks dich ab.“
Der Typ wandte sich blitzschnell um und wollte sich auf Cassian stürzen. Cassian war schneller. Ohne Skrupel drückte er wieder ab. Dieses Mal hatte er die Pistole jedoch nicht nach oben gerichtet, sondern waagrecht gehalten.
Wieder ein Schrei, noch lauter als vor einer Minute. Blut spritzte. Der Typ knickt ein und fiel keine zwei Meter vor Cassian auf den Boden. Sein Oberschenkel blutete stark und ebenfalls schoss Blut aus der Oberarmwunde. Er lallte etwas und fing seinerseits an zu stöhnen. Der Schock belastete seinen Kreislauf. Er konnte sich nicht mehr bewegen.
Als Cassian das viele Blut sah, wurde er auf merkwürdiger Art ruhig. Er steckte die Pistole in die Hose und ging zu Melanie. Sie saß noch immer weinend auf dem Bett. Apathisch, als hätte sie von alle dem nichts mitbekommen. Sie sah durch ihn hindurch.
Cassian griff automatisch zum Telefonhörer und wählt 112. Mit kurzen Worten beschrieb er den Ort und die Verletzung, gab aber sonst keine Angaben zur Person. Hastig legte er danach wieder auf, sah sich noch kurz im Raum um und riss dann das Bettlagen in mehrere länglichen Teile. So gut es ging band er dann den Oberarm und den Oberschenkel über der Schusswunde ab. Er musste schon feste zuziehen, damit die Blutung sich wenigstens etwas reduzierte.
„Hoffentlich reißt das Laken nicht.“ Der Mann war bereits ohnmächtig.
„Melanie, erkennst du mich?“
Er stand vor ihr und schaute ihr in die von Schminke verschmierten Augen. Verkrustetes Blut hatte sich mit dem schwarzen Augen Make-up vermischt. Ihre Bluse war zerrissen und oberhalb ihrer rechten Brust bildete sich bereits ein dunkler Fleck.
Er nahm vorsichtig ihren Kopf in seine Hand. Sie zuckte etwas ängstlich. Aber ihre Augen erkannten ihn jetzt wieder.
„Cassian, was machst du hier?“, war die erste Frage.
Sie versuchte zu lächeln, was natürlich nicht gelang.
„Kannst du aufstehen?“ Er schob seinen Arm um ihre Taille.
Als sie stand, war ihr Blick wie gebannt auf den am Boden Liegenden gerichtet. „Was ist mit Mike?“
Cassian sieht sie erstaunt an. „Das erzähle ich dir nachher. Wir müssen erst einmal von hier verschwinden. Der Krankenwagen ist bereits verständigt.“
Sie sah ihn an und diesmal gelang ihr ein Lächeln. „Ich vertraue dir.“
Ihr linkes Bein knickte kurz ein und Cassian zog sie mit umfasstem Arm mit sich. Gerade waren sie im Begriff, das Haus durch die Eingangstür zu verlassen, als eine Sirene zu hören war. Schnell liefen sie über die Straße auf die gegenüberliegende Seite, wo Cassians Wagen parkte.
Melanie war eben eingestiegen, als ein Notarztwagen mit quietschenden Reifen gegen die Fahrbahnrichtung angeschossen kam und stark bremste. Aus der anderen Richtung kam ein Polizeiwagen. Als die Sanitäter durch den Nebeneingang ins Haus stürmten, gab Cassian Gas.
„Muudddfuug“, leise kamen ein Paar Tics durch. Er versuchte tief durchzuatmen. Verstohlen blickte er rechts neben sich. Melanie hatte einen starren Gesichtsausdruck.
Sein Fuß zuckte leicht. „Fuuuudddduu.“ Schweiß bildete sich wieder auf seiner Stirn. Er versuchte an nichts zu denken. Nur erst einmal weg von hier. Am besten zu ihm nach Hause.
Auf der ganzen Fahrt saßen sie schweigend nebeneinander.
Beim Aussteigen musste sich Melanie übergeben. Sie krümmte sich regelrecht und hielt sich ihren Bauch.
„Was hast du?“ Cassian war besorgt.
„Ich habe einen Schlag in den Bauch bekommen.“
Und plötzlich knickte sie wieder weg. Cassian konnte sie gerade noch auffangen. „Komm, der Eingang ist gleich da vorne.“
Er schleppte sie zur Tür.
Vor der Wohnungstür erschlaffte ihr Körper ganz und rutschte ihm durch die Arme auf den Boden. Sie wurde ohnmächtig.
Kurzerhand nahm er sie hoch, trug sie auf beiden Armen in die Wohnung und legte sie vorsichtig im Wohnzimmer auf die Couch.
Was nun? Hoffentlich hatte sie keine größeren, inneren Verletzungen davongetragen.
In der Hausapotheke fand er eine Flasche Jod. Vorsichtig strich er über die Gesichtswunden. Vorsichtig zog er Ihre Bluse aus, versorgte den Riss über ihrer Brust. Die enge Jeans wehrte sich etwas, doch Cassian ging auch hier behutsam vor. Er tastete ihr leicht über den Bauch und über den unteren Rippenbogen. Die Haut färbte sich bereits Gelb und Blau. Aber gebrochen schien nichts zu sein.
Cassian deckte sie danach mit einer Decke zu und ließ ein Bad ein. Ein leises Stöhnen und tiefes Atmen riefen ihn zurück ins Wohnzimmer. Ihre Augenlieder flimmerten etwas. Er beugte sich über sie und gab ihr einen Kuss auf die Lippen.
„Alles wird gut.“
Als die Wanne vollgelaufen war, nahm er sie wieder auf die Arme und trug sie ins Bad. Unbekleidet, bis auf den Slip, ließ er sie langsam in die Wanne gleiten.
Als seine Hände den Wannenboden berührten und sie fast vollständig in dem warmen, duftenden Wasser lag, öffnete sie die Augen. Er zog behutsam die Hände von ihr und lächelte.
„Du warst kurz weggetreten.“
Sie schaute etwas benommen. „Oh.“
Dann blickte sie kurz an sich herunter, zog mit einer fließenden Bewegung ihren Slip aus und ließ ihn am Wannenrand heruntergleiten. „Kann ich dich allein lassen?“ Sie lächelte ihn an. „Wie du willst.“
Im Flurspiegel stellte Cassian fest, dass seine Kleidung überall mit Blutflecken verschmiert war. Die Hose und das Hemd konnte er vergessen.
Im Schlafzimmer wechselte er die Kleidung. Als er dabei war, seine Shorts anzuziehen, meinte er seinen Namen zu hören.
Als er das Bad, dessen Tür nur leicht angelehnt war, erreichte, sah er Melanies Kopf unter Wasser. Mit einem Hechtsprung war er bei ihr und zog ihren Oberkörper hoch.
Als sie lachend die Augen öffnete, fiel ihm ein Stein vom Herzen.
„Ich dachte schon, du wärst eingeschlafen und abgesoffen.“
Da legte sie ihm ihre Arme um den Hals, zog ihn etwas weiter zu sich heran und ihre Lippen fanden die seinen. Ihre Zunge bewegte sich in seinem Mund einmal kurz auf und ab und ihre Hand streichelte seine Wange.
Er hob sie mit den Armen aus der Wanne und ließ sie behutsam vor sich auf den Boden gleiten. Das Wasser lief über ihre Haut und verteilte sich auf dem Boden.
Seine Blicke glitten jetzt über ihren sonst so makellosen Körper.
Über ihre harten, dunklen Brustwarzen an ihren kleinen, festen Brüsten hinunter zu dem Bauchnabel. Weiter konnte er leider nichts mehr erkennen. Sie stand zu nahe vor ihm.
Ohne den Blick von ihr zu lassen, nahm er seinen weißen Bademantel von der Wandhalterung und hielt ihn ihr entgegen. Sie schlüpfte hinein, und bevor sie den Mantel noch schließen konnte, hatte Cassian sie bereits wieder auf die Arme genommen.
Er trug sie ins Schlafzimmer und legte sie behutsam auf das Futon Bett. Als Letztes zog er noch die Decke hoch.
„Erhol dich erst einmal. Wir sprechen morgen!“
„Danke. Du bist so lieb“, und schon kuschelte sie sich in die Kissen.
Cassian zog sich noch schnell ein Oberteil an und verließ dann das Zimmer. Die Tür blieb jedoch geklappt.
In der Nacht erwachte Cassian von einem bösen Traum gepeinigt. Ein Traum voll von Blut und Schändung. Und mitten darin Melanie. Seine Melanie.
Es war nicht ganz dunkel. Die eine Straßenlaterne vor dem Haus brannte noch. Hatte er nicht die ganze Woche versucht nach ihr zu suchen und hatte er sie nicht gefunden.
Dann geschah zweierlei. Zuerst spürte er eine Hand an seinen Oberschenkel, die sich langsam, aber stetig weiter nach oben bewegte.
Und zweitens, die Erinnerung des letzten Tages setzte schlagartig wieder ein. Sein Kopf ticte kurz auf und ab. Bevor noch seine weiteren vokalen Tics auszubrechen versuchten, war die Hand über seine Shorts weiter nach oben gewandert und erreichte seine nackte Brust.
Er spürte weiche, feste Haut, als er neben sich griff. Seine rechte Hand fühlte eine runde Form. Sie glitt abwärts und ein Kichern erklang. „Das kitzelt.“
Er öffnete seine Augen und erkannte Melanie neben sich. Ohne den Bademantel. Seine Hand lag auf ihren Pobacken und war dann weiter nach unten gewandert.
Da zog sie ihn mit einem Ruck ihrer Arme zu sich und auf sich.
„Küss mich, schnell.“
Sie umfasste seinen Kopf und wühlte in seinen Haaren, während sie ihn zu sich herunterzog.
Ihre beiden Hände lagen jetzt auf Cassians nackten Po. Sie schnurrte leicht und ihre Körperhärchen stellten sich auf, als sie seinen Druck auf ihren Lenden spürte.
Und er roch den einzigartigen Geruch ihres Körpers nach dem Bad. Ohne Deo, ohne Chemie.
Ihre Lippen wollten sich nicht mehr voneinander lösen. In Cassians Ohren fing es an zu rauschen. Keine Zwänge, keine Tics. Nur ein Körper mit, wie es schien, zwei Seelen.
In dieser Nacht wurde er wirklich zum Mann.
Cassian saß am Frühstückstisch gegenüber von Melanie. Er sah sinnend auf sein Brötchen, welches er in der rechten Hand hielt. Sein Blick ging langsam über den Tisch zu ihr hinüber, über das weiße T-Shirt aufwärts zu ihrem Gesicht.
Die Blessuren des letzten Monats waren nicht mehr zu erkennen. Sie lächelte ihn an, als sie seinen Blick bemerkte. „Was denkst du gerade?“
Sie stellte die Tasse Kaffee zurück auf den Tisch und sah ihn fragend an. Seine Hand griff über den Tisch in ihre Richtung. Sie legte die ihre hinein. „Es ist schön, dass du hier bist.“ Cassian zog sie an ihrer Hand über den Tisch zu sich.
„Vorsicht, der Kaffee.“ Sie versuchte auszuweichen und erreichte gerade dadurch, dass die Tasse umkippte und sich der Inhalt über ihr T-Shirt verteilte.
„Man oh“, Melanie schubste Cassian von sich und stand vom Tisch auf. Als sie in Richtung Bad ging, hörte sie im Hintergrund einen Laut: „Muuug.“ Sie blickte sich kurz um und sah Cassians erschrockenes Gesicht.
Cassian unterdrückte gerade noch weitere vokale Tics. Er zuckte kurz mit dem Kopf und folgte ihr ins Bad.
Sie stand mit nacktem Oberkörper vor dem Waschbecken und versuchte mit den Händen das T-Shirt auszuwaschen. „Sorry, tut mir leid.“
Cassian stand direkt hinter ihr. Er legte seine Arme um ihre Taille und küsste sie auf den Hals.
„Schon in Ordnung.“ Sie lächelte kurz in den Spiegel. Cassian sah ihr zu, wie sie mit den Händen am T-Shirt rubbelte.
Sein Blick schweifte ab und fixierte sich auf ihre nackte Brust. Seine Hände bewegten sich langsam an ihrem Körper aufwärts. „Wie geht es jetzt eigentlich mit deiner Ausbildungsstelle im Klinikum weiter?“
„Habe ich dir doch erzählt.“ Melanie zog einen leichten Schmollmund. „Meine frühere Ausbildungszeit wird noch anerkannt. Ich muss noch eine praktische Prüfung nachholen. Übermorgen habe ich Nachtwache bei einem suizidgefährdeten Patienten. Dazu gehört auch eine schriftliche Ausarbeitung.“ Sie lächelte ihn jetzt über den Spiegel an. „Wenn ich das geschafft habe, habe ich nur noch ein halbes Jahr als Schwesternschülerin. Dann darf ich mich zur Prüfung anmelden.“
Melanie drehte sich zu Cassian um, mit dem nassen T-Shirt vor der Brust.
„Na, dann wünsche ich dir alles Gute für übermorgen.“ Seine Hände lagen immer noch an ihren Hüften, als er sie weiter an sich zog. Das T-Shirt fiel auf den Boden, als Melanie seinen Kuss erwiderte und sich beide Körper berührten.
Cassian genoss ihre Nähe. Seit er mit ihr zusammen war, hatten sich seine Tics stark reduziert. Natürlich riss er sich auch stark zusammen. Bisher wusste sie nichts von seinem Tourette. Und wenn es nach ihm ging, sollte es vorerst auch dabeibleiben. Cassian hatte eine Heidenangst davor, sollte Melanie von seiner Krankheit erfahren, dass sie sich von ihm zurückziehen würde.
Cassians neues Studiensemester begann in drei Wochen.
Als er im Esszimmer den Tisch abräumte, kamen ihm die Ereignisse des letzten Monats wieder in Erinnerung. Wie er Melanie kennengelernt hatte. Und die Sache mit ihrem Zuhälter.
In der Zeitung stand ein kurzer Artikel darüber. Und dass die Polizei bisher keine Anhaltspunkte hatte. Anscheinend hatte auch dieser Mike keine Angaben gemacht. Er war, trotz großen Blutverlusts, auf dem Weg der Genesung. Gut, dass Cassian ihn geistesgegenwärtig noch verbunden hatte.
Melanie wohnte seitdem bei ihm. Sie hatten vor, beide Wohnungen aufzugeben und gemeinsam ein neues Zuhause zu suchen. Aber im Vordergrund stand zuerst Melanies berufliches Weiterkommen.
In der Nacht vor der praktischen Prüfung hatte Melanie einen Albtraum. Sie erwachte mit einem kurzen Schrei. Cassian neben ihr erschrak ebenfalls und bekam noch einen Schlag mit der Hand ab.
Melanie wirbelte wild mit den Armen um sich, bevor sie ganz aufwachte.
Schweißüberströmt saß sie jetzt kerzengerade im Bett und atmete mit kurzen, lauten Zügen. „Ganz ruhig. Alles ist gut. Es war nur ein Traum.“ Cassian versuchte sie zu beruhigen, während er sich die rechte Seite rieb. Sie sah ihn an.
„Ich hatte wieder so einen Albtraum. So lebensecht. Dieser Mike wollte mich umbringen.“
Sie schaute sich etwas verwirrt im dämmrigen Zimmer um. Cassian nahm sie in den Arm.
„War nur ein Traum. Dein Unterbewusstsein versucht nur, das alles zu verarbeiten. Wirst sehen, in ein paar Wochen ist alles vorbei.“ Er streichelte über ihre Wangen.
„Was war eigentlich damals geschehen? Als ich dich in diesem Zimmer gefunden habe?“
Melanie hatte ihm bisher keine näheren Einzelheiten mitgeteilt. Auch jetzt sah sie ihn mit großen Augen an und schwieg. „Sei mir nicht böse. Vielleicht ein anderes Mal. Ich muss jetzt schlafen. Morgen habe ich doch die praktische Prüfung.“
Sie kuschelte sich wieder in ihr Kopfkissen. „Da bin ich fast zwanzig Stunden auf den Beinen.“ Sie gähnte nochmals kurz und machte die Augen zu.
Cassian saß noch einen kurzen Augenblick im Bett und sah sie etwas nachdenklich an. Was war dort eigentlich wirklich geschehen?
Dann legte er sich auf den Rücken und versuchte sich ebenfalls zu entspannen und wieder einzuschlafen. Seine Gedanken kreisten aber immer wieder um Melanie und um diesen Mike. Dann sah er sich in Melanies Bett liegen; das erste Mal bei ihr. In seinen Gedanken wiederholte er den damaligen Abend und war bereits in seinem Traum so gefesselt, dass er einschlief.
Cassian setzte Melanie gegen 15.00 Uhr am Krankenhaus ab. Sie hatte noch einen Teil Tagesdienst und dann begann die Nachtwache. Cassian sollte sie wieder am nächsten Tag um 6.00 Uhr morgens abholen.
Beide waren etwas nervös. Cassians Fuß zuckte zweimal unkontrolliert beim Anfahren und der Wagen ruckte.
Er fuhr zur Möbelkiste. Cassian wollte noch bis Feierabend einige Möbelstücke im Schauraum aufbauen. Es war immer angenehmer für ihn, in den Abendstunden bis zur Schließung der Abteilung zu arbeiten, da hier die wenigsten Kunden in den Verkaufsräumen noch unterwegs waren. Er konnte sich besser konzentrieren und seine Tics traten reduzierter auf, als wenn er dauernd beobachtete wurde.
Es war gegen 19.00 Uhr, als er sein Werkzeug wieder zusammenpackte, kurz an der Warenausgabe vorbeischaute und sich dann auf den Heimweg machte.
Seine Gedanken waren bei Melanie. Als Cassian die Wohnungstür öffnete, klingelte bereits das Telefon.
„Muuuddffuu“, kam es überfallartig aus seinem Mund.
„Hallo!“ Cassians Hand mit dem Hörer krampfte etwas.
„Ich bin es Melanie. Ich musste dich einfach anrufen. Mir ist doch Mike fast über den Weg gelaufen.“
Kurze Pause an beiden Seiten
„Hat er dich gesehen?“ Cassian wurde jetzt noch nervöser.
„Nein, natürlich nicht. Ich habe ihn zuerst gesehen und bin dann einen anderen Weg gegangen. Ich glaube, er ist heute entlassen worden.“
„Das fehlte gerade noch, dass er dich erkannt hätte. Der wird bestimmt nach dir suchen. Oder nach mir!“
„Ja, wir brauchen unbedingt eine neue Wohnung außerhalb der Stadt.“ Melanie schwieg kurz.
„Ich muss jetzt in die Abteilung zur Nachtwache. Hab dich lieb!“
„Ich dich auch.“
Melanie legte auf. Cassian stand noch einen kurzen Augenblick am Telefon. Hoffentlich ging das mit diesem Mike gut aus.
Er darf sie nicht finden. Absolut nicht. Vielleicht sollten sie, wenn Melanies Ausbildung abgeschlossen war, ganz vor hier wegziehen. In eine andere Stadt, nicht nur in ein anderes Dorf in der Nähe. Er musste das mit Melanie einmal durchsprechen. Auch inwieweit er an einer anderen Universität zu Ende studieren konnte.
Je mehr sich Cassian auf die aktuelle Situation konzentrierte, umso mehr kamen seine Tics und Zwänge zum Vorschein. Und jetzt ging es ja nicht nur um ihn, sondern auch um eine zweite Person, für die er Verantwortung übernommen hatte.
Er genoss die Zweisamkeit mit Melanie sehr. Er wollte sie nicht mehr verlieren. Auf gar keinen Fall. Selbst sein Tourette hatte sich etwas beruhigt.
An diesem Abend konnte er nur sehr schwer einschlafen. Er wälzte sich von einer Seite auf die andere. Seine Halswirbel schmerzten auch wieder. Er konnte sich überhaupt nicht entspannen.
Gegen kurz nach fünf weckte ihn das Radio. Sofort saß Cassian kerzengerade im Bett. Schnell war er angezogen. Den Frühstückstisch hatte er bereits gestern Abend gedeckt. Sollte Melanie noch was essen wollen, bevor sie sich hinlegte, war das kein Problem.
Um halb sechs fuhr er los. Zehn Minuten vor sechs stand er bereits am Hintereingang des Krankenhauses. Sie hatten vereinbart, dass er hier, direkt bei den Ärzteparkplätzen, auf sie warten sollte.
Etwa gegen zehn Minuten nach sechs sah er sie über den Parkplatz auf sich zukommen. Sie hatte noch den weißen Schwesternkittel an.
„Hallo, alles gut gegangen?“ Cassian war ausgestiegen und ihr ein Stück entgegengelaufen.
„Ja, soweit ist alles gut verlaufen. Ich bin jetzt aber ganz schön müde. Habe mir noch einige Notizen für das Protokoll gemacht. Deshalb bin ich auch etwas später.“ Sie lächelte müde.
Cassian gab ihr einen Kuss. „Macht doch nichts. Hauptsache es ist alles in Ordnung.“
Und als sie in den Wagen eingestiegen waren, fragte Cassian: „Die Begegnung mit diesem Mike hat mich doch etwas beunruhigt.“
