Lover to go - Caitlin Daray - E-Book
Beschreibung

Dylan versteht die Welt nicht mehr. Sein Freund beendet von heute auf morgen ihre – zugegeben etwas eingefahrene – Beziehung und verschwindet spurlos. Auch seine Arbeit im Coffeeshop leidet darunter, was seinem Chef Jeremy natürlich nicht verborgen bleibt. Als ihm die Situation schließlich über den Kopf wächst, verliert Dylan vor seinem Chef und den Kollegen die Beherrschung. Anstatt ihn jedoch zu feuern, überrumpelt Jeremy ihn mit einem atemberaubenden Kuss, der Dylans Leben für immer verändern wird… Überarbeitete Neuauflage der Online-Geschichte.

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EPUB

Seitenzahl:708


Deutsche Erstausgabe (ePub) Oktober 2017

© 2017 by Caitlin Daray

Verlagsrechte © 2017 by Cursed Verlag

Inh. Julia Schwenk

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung,

des öffentlichen Vortrags, sowie der Übertragung

durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile,

Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit

Genehmigung des Verlages.

Bildrechte Umschlagillustration

vermittelt durch Shutterstock LLC; iStock

Satz & Layout: Cursed Verlag

Covergestaltung: Hannelore Nistor

ISBN-13: 978-3-95823-661-5

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Klappentext:

Dylan versteht die Welt nicht mehr. Sein Freund beendet von heute auf morgen ihre – zugegeben etwas eingefahrene – Beziehung und verschwindet spurlos. Auch seine Arbeit im Coffeeshop leidet darunter, was seinem Chef Jeremy natürlich nicht verborgen bleibt. Als ihm die Situation schließlich über den Kopf wächst, verliert Dylan vor seinem Chef und den Kollegen die Beherrschung. Anstatt ihn jedoch zu feuern, überrumpelt Jeremy ihn mit einem atemberaubenden Kuss, der Dylans Leben für immer verändern wird …

Dieses Buch widme ich meiner Familie.

Und allen Menschen, die fallen und es schaffen,

wieder aufzustehen.

Gebt die Hoffnung niemals auf.

Kapitel 1

Ein beschissener Tag

Ein perfekter Scheißtag fing meistens seltsam an und endete für gewöhnlich in einer totalen Katastrophe.

»Grande triple soja non-fat almond Latte!«, wiederholte er zum fünften Mal. Der Pappbecher in seiner Hand wurde immer heißer. Er konnte genau spüren, wie die Hitze trotz Sleeve in seine Fingerspitzen strömte und ihn zu verbrennen drohte.

Jedes Mal das Gleiche!

Wie ein Rudel Lemminge standen sie um die Ausgabe herum, starrten ihn ratlos an und verstanden nicht, was er von ihnen wollte. Obwohl es brechend voll war, fühlte sich mal wieder kein einziger Gast angesprochen. Sie starrten auf ihre Kassenbons und runzelten die Stirn, unentschlossen, ob es sich dabei um ihre Bestellung handelte oder nicht.

»Großer Milchkaffee mit fettfreier Sojamilch, Mandelgeschmack und dreifachem Espresso!«

Wieder herrschte ratloses Gemurmel, so langsam wurde Dylan wirklich ungeduldig. Während sich die Gäste vor ihm berieten, stapelten sich an der Bar bereits die nächsten Becher und Bestellungen.

Er wiederholte seine Worte noch einmal, diesmal langsamer und mit Nachdruck. Wenn es nicht schnell voranging, würde er jeden Moment im Pappbecherchaos versinken und bevor das passierte, kümmerte er sich lieber um die nächste Bestellung.

Endlich, eines der dummen Gesichter erhellte sich.

»Oh!«, schrie eine junge Frau, deren Hand in die Höhe schoss. »Hier, ich!«, rief sie aus der hinteren Reihe, quetschte sich nach vorn und hielt ihm den Bon hin.

Immer dasselbe mit den Neulingen, die zum ersten Mal einen Coffeeshop betraten.

Woran man sie erkannte? Nun, während die alten Hasen lässig an der Ausgabe lehnten und die Baristas haargenau dabei beobachteten, ob sie auch ja nicht mit dem Milchschaum oder der Sahne geizten, standen die Frischlinge mit verlorenem Blick vor dem Menüboard. Sobald die Businesstypen dann anfingen, genervt zu schnauben und mit den Augen zu rollen, und zur Eile drängten, waren sie völlig verloren. Für ohnehin nervöse Menschen ein richtiger Stressfaktor.

»Danke!« Dylan stellte den Becher endlich ab, seine Finger dankten es ihm stumm. Die Hitze ließ endlich nach und er widerstand dem Drang, drauf zu pusten.

Schnell widmete er sich den nächsten Bechern, warf einen kurzen Blick auf die kleinen Bestellzettel, die an den Tassen klebten. Was für andere wie ein Bilderrätsel aus lauter Buchstaben und Kürzeln aussehen musste, sprudelte für ihn vor Informationen über.

To go grande vanilla Latte ohne Sahne und to go grande hazelnut soja Cappuccino mit extra heißer Milch.

Er arbeitete schnell und sauber, als er mit flinken Handgriffen die Sojamilch aus dem Kühlschrank holte, der versteckt unter seinem Arbeitsplatz lag, in einen Pitcher umfüllte und unter die Düsen schob. Auf der anderen Seite setzte er die normale Milch auf. Das Kreischen der Düsen verebbte, sobald die Milch zu kochen begann. Nachdem sie aufgeschäumt war, schob er die Tassen unter die Espressomaschine, hatte zuvor den jeweiligen Sirup hinein gegeben und achtete auf die vorgegebenen Mengen von Milch und Schaum.

Obwohl er alles richtig machte, bohrte sich ein Ellbogen in seine Seite.

»Dilly, lächeeeeeln!« Sein Chef, Jeremy, stand neben ihm an der anderen Maschine und lächelte ihn bescheuert an.

Die Fröhlichkeit, mit der er seine Mitarbeiter jeden Tag aufs Neue beglückte, mochte ganz nett sein, aber ausgerechnet heute erschien sie Dylan genauso unerträglich wie die Gäste. Obwohl er dieses Grinsen seit fünf Jahren kannte, hatte es gerade eine ganz besonders abscheuliche Wirkung auf ihn. Allein die Anwesenheit dieses immer fröhlichen Mistkerls war ihm im Moment ein Graus und er hätte lieber alleine gearbeitet. Einfach funktioniert, ohne nachzudenken, ohne sich seiner Gegenwart bewusst zu sein oder der Realität zu stellen.

Er wollte nicht lächeln und lachen schon gar nicht, zudem kotzte es ihn an, wenn er Dilly genannt wurde.

»Wenn du dein grenzdebiles Grinsen abstellst, vielleicht«, murmelte er vor sich hin und arbeitete zügig die Bestellungen weiter ab.

»Hast du was gesagt?«, fragte Jeremy. Dylan spürte deutlich den Blick, der sich von der Seite in ihn hineinbohrte. Mist, hatte er das etwa laut gesagt?

»Zu Befehl, Chef!«, gab er dann etwas lauter von sich. Konnte er nicht einfach die Klappe halten und ihn in Ruhe lassen? Merkte er nicht, dass es Dylan gerade nicht gut ging und er total gereizt war? Vermutlich nicht, denn zu dieser Jahreszeit waren ausnahmslos alle gereizt, um Weihnachten herum wurden die Menschen zu richtigen Kaffeemonstern. Wenn man einmal in den vorweihnachtlichen Kaufrausch verfiel, durfte die geballte Ladung Koffein scheinbar nicht fehlen.

»Du sollst mich doch nicht so nennen.« Da war wieder dieses beknackte Lächeln und zu Dylans Unmut kam Jeremy sogar zurück. Er legte eine Hand auf Dylans Schulter und drückte kurz zu. Sollte das vielleicht aufmunternd sein? Der Druck wurde ein wenig kräftiger. Okay, das war wohl eher eine Drohung, oder was?

Vielleicht wäre es besser, diesen Idioten gar nicht mehr zu beachten, sonst würde er noch etwas sagen, das er möglicherweise bereuen könnte.

Trotz aufeinanderfolgender Anstürme schleppte sich der Rest des Tages nur so dahin. Für gewöhnlich verging die Zeit wie im Flug, wenn sie so gut besucht waren, nur heute klappte es nicht so ganz. Wirklich alles wurde unerträglich, das Weihnachtsgedudel, das er sonst immer mitträllerte, das Geräusch der Düsen, das Eis, das hinter ihm für die Frappés zermalmt wurde. Das Geräusch der Espressomaschinen, die den Kaffee mahlten. Die Gäste, Jeremy, einfach alles.

Und als ob das nicht genug wäre, ließ sich Tom, die neue Aushilfe, ziemlich viel Zeit mit dem Auffüllen ihrer Milchvorräte. Sein Job war es, die griffbereiten Milchreserven unter der Bar konstant zu halten und die Baristas regelmäßig mit allem Nötigen zu versorgen. Ob Gebäck, Milch, Tassen oder Besteck. Er war zudem für den Gästebereich zuständig, musste Tische abräumen und in der Küche Ordnung halten. Geriet er einmal in Verzug, brach das ganze System in sich zusammen.

Die Kaffeejunkies verstanden in dieser Hinsicht absolut keinen Spaß. Sie standen zwar eine halbe Stunde lang in der Schlange an, um an ihren Kaffee zu kommen, oder setzten sich an Tische, bevor diese abgeräumt oder sauber gewischt worden waren, aber zwei Minuten Wartezeit, bis jemand neue Milch aus dem Kühlraum besorgt hatte, war ihnen einfach zu viel.

Es war schon vorgekommen, dass Leute laut fluchend aus dem Laden gestürmt waren, weil die Milch nicht schnell genug aufschäumte.

Dylan stieß die Schwingtür zur Küche auf. »Die Milch ist alle!«, brüllte er. Tom, der gerade dreckiges Geschirr aus einer Wanne in die Spülmaschine räumte, zuckte so heftig zusammen, dass ihm die Plastikwanne fast aus den Händen gefallen wäre. Der Junge brach in Panik aus, eine Tasse rutschte ihm aus der Hand und zerschellte auf den Küchenfliesen.

»Scheiße! Entschuldigung! Entschuldigung! So... sofort! Ich komm sof...«

Dylan riss den Kopf zurück und arbeitete weiter, wobei er irgendwas krachen und noch einmal scheppern hörte, was ihm eine seltsame Art der Schadenfreude bereitete. So leid es ihm für Tom auch tat, er konnte gegen diesen fiesen Lacher nicht ankommen.

Damals, als er im Coffeeshop angefangen hatte, war es ihm sehr schwergefallen, sich einzuarbeiten und an das System zu gewöhnen. Er wusste genau, wie sich der Bursche fühlte, kannte dieses Gefühl der Überforderung und Panik viel zu gut. Sein erstes Weihnachten in diesem Store hatte ihn fast dazu getrieben, sofort wieder aufzuhören. Nur war der Ruf des Geldes verlockender gewesen als schmerzende Beine und ein paar leichte Schnittwunden.

Anschiss würde Tom nicht bekommen. Den Patzer würde Jeremy dem Jungen genauso wenig übel nehmen wie die gereizte Stimmung unter seinen Mitarbeitern.

Die Bestellungen rissen kaum ab, sodass er keine Luft holen und sich nicht selbst um die Milch kümmern konnte. Collin und Layla besetzten die Kasse und arbeiteten zwei Lines ab, er musste also zusehen, wie er schnell vorankam. Dieser Penner Jeremy könnte ihm ruhig mal zur Hand gehen, wo trieb sich der Hund überhaupt rum? Eben war er doch noch da gewesen und plötzlich stand er nicht mehr neben Dylan. Wann war er gegangen?

»Hey, ich wollte meinen Kaffee hier trinken!«, beschwerte sich ein Typ im Anzug und schob den weißen Pappbecher wieder zurück.

»Wir schließen in einer halben Stunde, Sir, darum geben wir keine Tassen mehr raus«, gab Dylan zurück und bemühte sich um einen ruhigen Ton.

Okay, eigentlich war es noch eine Stunde bis dahin, aber das Herausgeben von Bechern bedeutete weniger Arbeit beim Closing. Auch wenn das vom Management nicht so gerne gesehen wurde, machte selbst Jeremy hin und wieder eine Ausnahme, damit sie mal zeitig hier rauskamen.

»So eine Unverschämtheit!« Der Mann umfasste den Pappbecher erneut und schlug ihn so hart auf die Ausgabe, dass er umkippte und sich der Inhalt quer über die Ausgabe ergoss. Ein heißer Wasserfall aus Milch, Espresso und Haselnusssirup plätscherte über die Theke und legte Dylans Arbeitsplatz für ein paar Minuten völlig lahm.

»Ey, was soll der Scheiß?«, brüllte Collin dem Kerl hinterher, der ohne weiteren Kommentar den Laden verließ.

Dylan drohte zu explodieren. Am liebsten wäre er diesem Scheißkerl hinterhergerannt und hätte seinen Kopf in die French Press gesteckt oder ihn mit Tassen und Tumblern beworfen!

Die Menge tuschelte aufgebracht und schenkte dem Barista mitleidige Blicke, die Dylan jetzt genauso wenig gebrauchen konnte wie diese verschissene Sauerei!

»Dyl, ist alles okay?« Layla sah ihn besorgt an.

Fast wäre er in die Luft gegangen und hätte den ganzen verdammten Laden auseinandergenommen. Nein, nichts war okay!

Er zwang sich zur Ruhe und beschloss, ihr nicht zu antworten. Stattdessen schnappte er sich das Küchenpapier und versuchte, Ordnung zu schaffen.

»Einen Moment bitte!«, entschuldigte sich Layla bei den Gästen vor der Kasse und eilte zur zweiten Maschine, an der Jeremy eigentlich hätte stehen müssen. Sie schnappte sich Tassen und Becher, schäumte Milch auf, schenkte Dylan ein kurzes Lächeln und arbeitete für ihn die Bestellungen ab. Sie war mindestens so flink wie er, wenn nicht sogar noch schneller und vor allen Dingen organisierter.

»Ist schon okay, hetzen Sie nicht«, hörte Dylan eine Frau sagen.

»Manchen Leuten kann man es eben nie recht machen«, meinte eine andere Dame.

»Dieses Arschloch hat einfach nur einen Grund gesucht, um seinem Ärger Luft zu machen.« Der junge Mann, der das sagte, erntete zustimmendes Gemurmel aus der Menge.

»Was ist denn hier los?« Jeremy erschien wie aufs Stichwort aus der Schwingtür und brachte die Milch nach vorne, um die Tom sich eigentlich hätte kümmern müssen. Er verstaute alles im Kühlschrank. Dylan beachtete ihn nicht, genauso wenig wie die Menschen, die ihn aufmuntern wollten. Dass seine Laune so im Keller war, war natürlich nicht ihre Schuld, aber der Anzugträger hatte seinen letzten Wall zerstört. Was war das für ein beschissener Tag? Wie hatte alles nur so weit kommen können?

Und Jeremy, dieser Idiot... wenn er an Dylans Seite geblieben wäre, hätte der Typ bestimmt nicht so mit ihm geredet.

»Du wolltest wohl etwas umdekorieren, was?«

Trotz des lahmen Witzes lachten die meisten Gäste, aber Dylan war zum Heulen zumute. Er biss sich hart auf die Unterlippe und ballte die Hand zur Faust. Der Kaffee, mit dem sich die Tücher vollgesogen hatten, lief ihm über die zitternden Finger.

»Nimm dir ein Getränk, geh nach hinten und mach eine kurze Pause.« Sein Chef beugte sich zu Dylan hinunter und legte ihm sanft eine Hand auf die Schulter. Diesmal war die Berührung fast zärtlich, ohne Druck, ohne Warnung.

Sein Atem streifte Dylans Ohr, als er ihm zuflüsterte: »Und dann erwarte ich, dass sich deine Mundwinkel heben.« Er gab Dylan einen Klaps auf den Rücken und schob ihn zurück, um seinen Platz zu übernehmen.

Ohne ihn zu fragen, bereitete er ihm einen Honeybush-Tee zu, legte zwei kleine Portionsbeutel mit Honig dazu und reichte ihn Dylan. Seltsam, dass Jeremy genau wusste, welchen Tee er am liebsten mochte und wie er ihn gerne trank. Aber noch seltsamer war dieses für Jeremy Coleman untypisch warmherzige Lächeln. Ein kurzes Zwinkern in Dylans Richtung, dann wandte er sich ab und beseitigte schnell die letzten Kaffeereste. Natürlich ging das nicht, ohne hier und da noch einen Witz zu reißen und die Leute zu unterhalten, womit er sie ganz professionell von ihrer verlängerten Wartezeit ablenkte.

Dylan starrte auf die Tasse hinunter, ein dicker Kloß in seinem Hals erschwerte ihm das Schlucken. Seine Emotionen drohten, ihn zu überwältigen. Er musste sie verbergen, trat durch die Schwingtür und nahm die erste Tür links, die zum Büro führte, das gleichzeitig zu einer Art Pausenraum umfunktioniert worden war. Hier hingen auch die Jacken und Schürzen der Mitarbeiter, wobei die wertvollen Sachen in der kleinen Kammer nebenan eingeschlossen wurden. Der Laden war nicht besonders groß und Platz gehörte zur Mangelware.

Erschöpft ließ er sich auf den gepolsterten Bürostuhl sinken, stellte die Tasse mit einem Seufzen auf den Tisch, legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Er vergrub die Hände in seinem Haar und versuchte, das Chaos in seinem Kopf zu bändigen. Ein paar tiefe Atemzüge später beruhigte er sich allmählich, als sich die Wut in seinem Bauch in eine Art Erleichterung verwandelte. Er war Jeremy unendlich dankbar dafür, dass er ihn rechtzeitig von der Bar weggeholt hatte, sonst hätte er bestimmt noch angefangen, alles klein zu hauen und seine Schürze wegzuwerfen. Er konnte sich nicht mehr ablenken, konnte nicht mehr ausblenden, was passiert war. Daniel hatte ihn verlassen, nach all den Jahren und einfach so...

Klar hatte er schon beschissene Tage erlebt, aber heute war es besonders schlimm. Jede noch so kleine Tätigkeit überforderte ihn, jedes erzwungene Lächeln wurde ihm zur Last, bis er es einfach ließ. Wie sollte er auch lachen, wenn man ihm gerade das Herz zertrümmert hatte?

Er war schwach... hatte sich von Daniel abhängig gemacht... Oh großer Gott, dabei war ihre Beziehung ohnehin nicht mehr besonders gut gelaufen, aber war das ein Grund, ohne ein Wort zu verschwinden? Auf und davon, ohne sich ein einziges Mal zu ihm umzudrehen. Wie Jeremy wohl damit umgegangen wäre? Bestimmt hätte er gelacht, mit den Schultern gezuckt und das Beste daraus gemacht. Bestimmt hätte jemand wie er alles viel besser weggesteckt... mit seiner coolen, lockeren Art, mit seinen bescheuerten Witzen...

Ein paar Minuten später kam der große Häuptling auch schon durch die Tür.

»In der Vorweihnachtszeit drehen scheinbar alle durch«, sagte er. »Nimm dir das mit diesem Idioten bloß nicht zu Herzen.«

»Das sagt sich so leicht... Schließlich wurdest du als Super-Barista geboren, im Gegensatz zu unsereins«, murmelte Dylan, ohne die Augen zu öffnen.

»Blödsinn, ich hab auch klein angefangen.« Jeremys Schritte kamen näher, trotzdem öffnete Dylan seine Augen nicht.

»Von wegen klein angefangen«, brummte er. Der Arsch hatte sich direkt als Storemanager beworben, kaum Zeit mit dem Barista-Dasein verschwendet und nach einer kurzen Anlernphase einen ganzen Store hinterhergeworfen bekommen. Was er davor gemacht hatte, wusste niemand so genau und wenn das Thema mal angeschnitten wurde, wechselte Jeremy es mit einem Wortschwall der Superlative. Er schaffte es, die Leute völlig aus dem Konzept zu bringen, und ließ sie sogar ihre Fragen vergessen.

Dylan und die anderen hatten es schon bald aufgegeben, ihn auszufragen. Bestimmt war er irgendwo eine Führungsperson gewesen, wie sonst wäre er so schnell an diesen Job gekommen?

Und das Schlimmste an der ganzen Sache war, dass der Typ mit seinen gerade mal siebenundzwanzig Jahren einen Laden führte. Sich in dem jungen Alter als Storemanager zu präsentieren, zeugte von absoluter Coolness. Nicht so cool hingegen war das Wissen, dass der Altersunterschied zwischen Dylan und Jeremy Coleman nicht mehr als drei Jahre betrug. Ob man wollte oder nicht, entweder fing man an, sich selbst mit ihm zu vergleichen, oder andere taten es.

Okay, Dylan hatte schon den Posten als Shift Supervisor angeboten bekommen, aber mehr Verantwortung und Arbeit für fast das gleiche Geld? Never!

Ganz langsam öffnete er seine grünen Augen. Das Erste, was er sah, war Jeremys Gesicht. Er stand dicht hinter Dylan, hatte sich über ihn gebeugt und sah wieder mit diesem seltsamen, sanften Blick zu ihm hinunter.

Die Sache mit dem Job war erst der Anfang, natürlich waren Menschen wie Jeremy unerreichbare Superhelden. Denn wie es der Zufall wollte, war er nicht nur mit einem gut bezahlten Job gesegnet, er sah auch unverschämt gut aus. Ein charismatisches, leicht markantes Gesicht, der Körper eines jungen Gottes und dazu passende braune Augen. Die waren Dylan schon aufgefallen, als er in diesem Laden angefangen hatte, nur spielte Jeremy in einer ganz anderen Liga und war somit unerreichbar.

Aber, verdammt, gehörte so was nicht verboten? Durfte man wirklich alles haben? Gutes Aussehen, eine nette Art und Kohle… der Mann war viel zu perfekt! Und sicherlich der Traum einer jeden Schwiegermutter. Verstieß das nicht gegen irgendwelche Naturgesetze?

»Geht's wieder?«, wollte er wissen und strich Dylan sanft über den Kopf.

»Denke schon«, gab Dylan zurück und hätte fast die Hand weggeschoben, wenn sie sich nicht so wahnsinnig gut anfühlen würde.

Jeremy strich ihm weiter sanft über den Kopf, verharrte dann jedoch. Lange sahen sie einander in die Augen, sein Blick hatte nichts Bohrendes, nichts Unangenehmes. Er betrachtete Dylan einfach nur sanft und neugierig, bis sich die romantische Stimmung schlagartig veränderte.

»Na, dann trink den Tee und schwing deinen Arsch wieder nach draußen!« Das Streicheln wurde zu einem kräftigen Wuscheln, als Jeremy ihm das Haar zerzauste, bevor er sich abwandte.

»Damit du deinen Arsch wieder auf diesen Stuhl schwingen kannst?«, fragte Dylan und fand sein Lächeln wieder. Nur ein kurzer Moment mit Jeremy und die furchtbaren Dinge waren fürs Erste so gut wie vergessen. Die Ruhe, die sein Chef ausstrahlte, war genau das, was ihm und dem Rest des Teams den nötigen Halt gab.

»Ich hab gerade deinen Job gemacht, also werd ja nicht frech. In fünf Minuten bist du draußen.« Jeremy verschwand wieder durch die Tür und ließ Dylan mit seinem Tee zurück, in den er langsam den Honig kippte und umrührte.

Ob es nun an dem wundervollen Tee oder an Jeremy lag, er beruhigte und entspannte sich immer mehr und mit einem Mal fühlte sich alles nicht mehr ganz so schwarz an.

Dylan trank aus und eilte wieder nach draußen, um seinen Kollegen unter die Arme zu greifen und sich wieder dem Chaos zu stellen, das ihn dort erwartete.

***

Seine gute Laune hielt allerdings nicht lange an. Sobald Dylan den Store verließ, holte ihn der Gedanke an Daniel mit der Geschwindigkeit eines Schnellzugs wieder ein. Mit jedem Schritt, mit dem er sich vom Coffeeshop entfernte, fühlten sich seine Füße an, als wären sie aus Blei. Ganz zu schweigen von dem beklemmenden Gefühl in seiner Brust, das zu einem richtigen Stechen wurde, als er sich ihrer Wohnung näherte.

Alles war so schnell gegangen und es wurde zu einer Qual, immer und immer wieder zurück nach Hause zu fahren, wo niemand mehr auf ihn wartete. Ein Ort voller Erinnerungen, dessen Wände sich immer enger um ihn zogen, bis ihm die Luft ausging.

Die Tür zum Schlafzimmer hielt er verschlossen, wenn er etwas Schlaf fand, dann nur auf der Couch. Aber selbst hier roch es nach Daniel, er war überall... und egal wie sehr er sich bemühte, Dylan konnte ihn nicht aus der Wohnung vertreiben. Fast so, als würden die Wände seinen Namen flüstern.

Selbst wenn es zwischen ihnen in letzter Zeit nicht mehr gut gelaufen war, hatte er das verdient? Nach zwei langen Jahren einfach sitzen gelassen zu werden?

Jedes Mal, wenn er einnickte, sah er Daniel vor sich, wie er seinen Rucksack nahm, nach seiner Jacke griff und die Tür hinter sich zuzog.

Dylan wälzte sich unruhig hin und her und spürte die Tränen auf seinem Gesicht, wenn er wach wurde. Und doch schleppte er sich jeden Morgen völlig ausgelaugt zur Arbeit. Der Gedanke daran, sich bei Jeremy für ein paar Tage krankzumelden, war ihm bereits gekommen, aber das würde bedeuten, dass er noch mehr Zeit alleine in der Wohnung verbringen musste.

»Dyl! Das ist das falsche Getränk!«, flüsterte Susanne, mit der er ein paar Tage darauf Spätdienst hatte. Sie nahm einen neuen Pappbecher, beschriftete ihn mit dem schwarzen Edding und gab den Karamellsirup hinein, bevor sie ihm den Becher zuschob. »Jeremy ist hinten, bitte ihn doch um Hilfe? Du siehst wirklich müde aus.«

Stand es bereits so schlimm um ihn? Er war einer der besten Baristas hier und die Schlange vor der Bar war nicht besonders lang. In den letzten Jahren hatte er in der Weihnachtszeit schon größere Schlangen alleine abgearbeitet. Für gewöhnlich war er schneller... aber er war so müde, so unheimlich erschöpft.

»Collin kommt gleich aus dem Lager zurück«, murmelte er und nahm den Becher, den Susanne ihm hingestellt hatte, um den Karamell-Latte zuzubereiten.

Er hatte keine Lust mit Häuptling Fröhlich-Summender-Jeremy an der Bar zu stehen. Tom wäre ihm auch keine Hilfe, der hatte noch nicht an der Bar gearbeitet und Dylan würde keine Zeit haben, ihn zu unterweisen.

»Ich sehe, hier gibt's Probleme?« Jeremy kam mit seiner Jacke unter dem Arm aus dem Büro. Ganz offensichtlich wollte er sich aus dem Staub machen.

»Vielleicht gehst du uns mal zur Hand?« Eben hatte sich Dylan noch davor gesträubt, mit ihm an der Bar zu arbeiten, aber der Gedanke, dass Jeremy sich vermutlich wieder ins Fitnessstudio verzog, während er sich hier abrackerte, gefiel ihm gar nicht.

»Wenn du mich so lieb bittest, kann ich doch nicht nein sagen.« Jeremy grinste, legte seine Sachen ab und angelte nach einer schwarzen Schürze, die neben der Tür am Haken hing.

Ohne dass Dylan es kontrollieren konnte, zuckten seine Mundwinkel.

Die Maschine dröhnte laut, als die Kaffeebohnen zermalmt und pulverisiert wurden, bevor sie aromatisch duftend aus den Düsen jagten. Wie immer saß bei Jeremy jeder Handgriff perfekt, besonders als er blitzschnell die Milch umfüllte, um sie aufzuschäumen. »Ist schon lange her, dass du mich mal um Hilfe gebeten hast.«

»Ich bin ja auch mittlerweile so gut, dass ich keine Hilfe brauche. Meistens zumindest«, erwiderte Dylan schmunzelnd. Seltsam, wie Jeremy es jedes Mal schaffte, ihm ein Lächeln zu entlocken, selbst wenn ihm gar nicht danach war.

Mit Jeremy kehrte sein Wall zurück, er begann, sich anzupassen und schneller zu arbeiten, bis sie perfekt miteinander harmonierten.

Während Dylan weitestgehend stumm arbeitete, pfiff Jeremy vor sich hin, summte Jingle Bells Rock mit, hielt Small Talk mit den Gästen und ließ sich durch nichts aus der Ruhe bringen. War ja auch nicht anderes vom Storemanager zu erwarten.

Die Zeit raste nur so dahin, unzählige Tassen und To-go-Becher flitzten über die Ausgabe, bis Dylan nichts anderes mehr wahrnahm. Und dann war er da, der verhasste Feierabend.

Die Espressomaschinen wurden zum Teil auseinandergenommen und gründlich gereinigt, die schmutzigen Trays, die Tabletts, auf denen das Gebäck und die Sandwiches lagen, durch neue ersetzt. Nachdem dann auch die Pastry geleert, gesäubert und der Inhalt in den Kühlraum verfrachtet worden war, konnten sie sich an die Abrechnung der Kasse machen.

Dylans Körper sackte erschöpft in sich zusammen, als er sich im Büro neben Susanne auf den freien Stuhl sinken ließ.

Die junge, blonde Frau war gerade mit dem Kassensturz fertig geworden und packte das Geld in den Safe »Du siehst ziemlich fertig aus«, bemerkte sie milde lächelnd.

Er zuckte nur schwach mit den Schultern. »Ist einfach nicht mein Tag heute.« Genau wie gestern und vorgestern… und morgen bestimmt genauso wenig.

»Das wird schon wieder, lass den Kopf nicht hängen, okay?«

Leichter gesagt als getan, aber er konnte und wollte ihr nichts erzählen, dafür war ihr Verhältnis zu unpersönlich. Sie war eine nette Arbeitskollegin, mehr aber auch nicht. Was sollte er auch großartig sagen? Er wusste selbst, dass seine Reaktion auf Daniels Flucht übertrieben war, schließlich hatten sie in letzter Zeit nur noch gestritten. Es war schon unangenehm gewesen, nach Hause zu kommen, denn Daniel war immerzu gereizt gewesen. Und diese Gereiztheit hatte sich oft auf Dylan übertragen, sodass jedes Mal eine angespannte Stimmung geherrscht hatte und Ärger bereits vorprogrammiert gewesen war. Alles, was er getan oder gesagt hatte, schien Daniel tierisch auf die Nerven gegangen zu sein, so wie er andauernd ohne Grund ausgerastet war. Zugegeben war Dylan damit oft überfordert gewesen und hatte sich zurückgezogen. Aber sobald Daniel wieder auf ihn zugekommen war und so getan hatte, als wäre nichts gewesen, hatte Dylan sich wieder weichkochen lassen. Verdammt, jede Beziehung hatte ihre Höhen und Tiefen! Davonlaufen war doch keine Lösung, sie hätten wenigstens miteinander reden können. Bestimmt hätten sie einen Ausweg gefunden.

Andererseits konnte er sich nicht daran erinnern, wann sie zum letzten Mal ein Gespräch geführt hatten. Also ein richtiges und nicht eines, bei dem er Fragen stellte und undefinierbare Grunzlaute als Antwort erhielt. Je mehr er über Daniel nachdachte, desto mehr Dinge fielen ihm ein, die er mit dem Beziehungsaus verdrängt hatte. Zum Beispiel die leeren Versprechungen. Daniel war sonst nie vergesslich, aber er hatte immer häufiger ihre Verabredungen versäumt, war einfach nicht aufgetaucht oder hatte plötzlich etwas Besseres zu tun gehabt.

Waren das nicht die Vorboten einer herannahenden Trennung, die Dylan ignoriert hatte? Und hatten sie nicht beide irgendwie darauf gewartet, dass der andere Schluss machte? War da nicht auch eine klitzekleine Erleichterung, wenn er den Schock außer Acht ließ?

»Okay, das war's!« Susanne lächelte. »Wenn du es noch aus dem Stuhl hoch schaffst und mit Collin den Müll in die Container wirfst, können wir abschließen.«

Er war kurz davor, sie darum zu bitten, selber abschließen zu dürfen, dann hätte er die Nacht hier auf dem Boden verbracht. Das war ihm lieber, als in die verdammte Bahn zu steigen und heimzufahren.

Ach, Moment, die Sicherheitskameras liefen ja rund um die Uhr...

Müde hievte er sich mit letzter Kraft auf die Füße und schleppte den Müll nach hinten auf den Hof, um ihn dort in den großen Müllcontainern zu entsorgen.

Collin war eifriger dabei und schien es furchtbar eilig zu haben. »Komm, Dyl, wir gehen noch etwas essen!«

Dylan verzog die Lippen. »Keine Lust.« Bestimmt würde Collin ihn löchern, was mit ihm los war...

»Komm schon, Dyl!« Collin schlang den Arm um Dylans Schulter und ignorierte seine Worte. »Oder hast du etwas Besseres vor?« Langsam schlenderten sie zurück nach vorne, die anderen standen bereits vor der Tür und warteten auf sie.

»Ich würde lieber schlafen«, murmelte er. Jedes Mal nach Ladenschluss schien der einzige Grund, weshalb er morgens pünktlich aufstand, einmal mehr zu verschwinden. Bis zum nächsten Morgen.

»Schlafen? Was ist denn los, ziehst du bald in ein Seniorenheim? Wo ist dein Elan?«

»Vielleicht will er zu seiner Freundin, lass ihn in Ruhe!«, warf Layla ein.

Freundin... wenn du wüsstest..., dachte Dylan, schwieg aber. Mit wem er ins Bett stieg, ging schließlich niemanden etwas an, oder?

Auch Susanne war mit dabei und noch jemand, den er erst mal nicht beachtete. Tom, der neben Susanne stand, wünschte ihnen einen schönen Abend, bevor er sich schnell verabschiedete und ging.

»Du hast eine Freundin und erzählst mir nichts?« Collins Arm schlang sich enger um Dylans Hals und drückte kräftiger zu. »Wo und wann hast du dir die denn angelacht? Du bist ein Kaffeestreber, der sich die ganze Zeit im Store verkriecht! Oder ist sie einer der Gäste?«

»Ich hab keine Freundin!«, keuchte Dylan und befreite sich mühevoll aus der Umklammerung.

»Na also! Dann spricht ja nichts dagegen!« Collin grinste frech und ließ ihn endlich los.

So müde und kaputt er auch war, er wollte noch nicht zurück... Er hätte sich am liebsten betrunken und die ganze, blöde Welt um sich herum vergessen. Sollte er?

»Ich weiß nicht...«, setzte er an, aber Collin überhörte es erfolgreich und schmiedete bereits Pläne.

»Auf der Union Street gibt es einen Laden, der fantastische Burger macht, lasst uns da hingehen«, schlug Collin vor.

»Meinst du das Tap Trailhouse?« Dylan sah schräg zu seinem Kollegen auf. Sie waren schon ein paar Mal dort gewesen und eigentlich wäre es ja ganz nett...

»Das kenne ich auch, der Laden ist fantastisch.« Verwirrt stellte Dylan fest, dass es Jeremy war, der da sprach. Er stand neben Susanne und lächelte.

Moment, würde er sie etwa begleiten? Aber warum? Jeremy war in den letzten fünf Jahren noch nie mitgegangen.

Verfluchter Dreck, wenn Jeremy mitging, konnte er sich nicht betrinken. Sich vor seinem Boss die Kante zu geben, egal wie gut sie sich verstanden, zählte für Dylan zu einem absoluten No-Go. Was, wenn er etwas Peinliches sagte oder sich danebenbenahm? Oder noch schlimmer, was, wenn er sich im Suff vor allen outete?

»Das ist mir, ehrlich gesagt, zu weit. Ich habe keine Lust, mitten in der Nacht herumzufahren. Geht ohne mich hin und erzählt mir, wie es war.«

»Springst du jetzt meinetwegen ab?« Jeremy hob eine Augenbraue, aber Dylan wich seinem Blick aus und schluckte schwer. Sollte er ruhig glauben, dass Dylan seinetwegen nicht mitfuhr, das konnte ihm egal sein. »Nein, ist mir nur zu weit.«

»Tu nicht so, als ob du besonders weit fahren musst, schließlich wohnst du doch in Longwood, oder?«, sagte Jeremy mit einem Lächeln.

Dylan spürte die Blicke der anderen auf sich und wünschte Jeremy innerlich zum Teufel.

Collin musterte Dylan überrascht. »Das ist doch nicht weit. Von dort fährst du eine halbe Stunde mit der Green Line.«

Jeremys Blick wurde herausfordernd, genau wie sein Lächeln. »Ich fahre dich nach Hause, kein Problem.«

Er musterte Dylan viel intensiver als sonst, fast so, als wollte er ihn durchbohren, und doch wurde der Ausdruck darin von einem Moment auf den nächsten unheimlich weich. War das Mitleid...?

Wenn jemand wie Dylan, der jahrelang effizient und gewissenhaft arbeitete, schlagartig zum Zombie mutierte, blieb das vor allem dem Chef kaum verborgen. Aber war das ein Grund, ihn so deprimierend anzusehen?

»Na siehst du, ein Taxi haben wir auch schon für dich!« Collin packte Dylan wieder, bevor dieser es sich anders überlegen konnte, und zog ihn mit sich. »Jetzt ist aber Schluss mit den Ausreden!«

Mal im Ernst, eigentlich verdiente er seine eigene Show und die musste dann ungefähr so heißen: Dylan's Daily Fails - how to get fucked by life.

»Geht schon mal vor, ich hole meinen Wagen und komme nach«, sagte Jeremy und nickte Susanne zu, die sich mit Layla bereits in Bewegung gesetzt hatte. Seine Proteste wurden ohnehin nicht beachtet, also ergab sich Dylan stöhnend seinem Schicksal, was Layla und Susanne ein Lachen entlockte.

»Schön, wie du unsere Gesellschaft schätzt«, sagte Layla und tätschelte seinen Arm.

»Ob er sie schätzt oder nicht, ist sein Problem. Mitgehangen, mitgefangen!«, flötete Collin fröhlich. Unglaublich, wie er trotz eines so anstrengenden Tages noch immer so viel Energie zum Plappern fand, aber das war Dylan lieber, als selbst reden zu müssen. Er wollte in Ruhe gelassen werden und die anderen akzeptierten es, nachdem Susanne sie dazu aufgefordert hatte.

Nach einem Fußmarsch von knapp zehn Minuten erreichten sie den Laden, von dem Collin gesprochen hatte. Es war brechend voll und ein wundervoller Duft nach Essen und Bier umwehte die hungrigen Baristas.

Das Tap Trailhouse war vielleicht nicht besonders groß, aber dafür sehr behaglich. Die wenigen Spots in der Decke spendeten ein angenehmes, spärliches Licht, das von den Leuchtern an den Wänden unterstrichen wurde. Die Wandverkleidungen aus dunklem Holz und die rote Bar, an deren Wand drei Fernseher in einer Reihe hingen, verliehen dem Pub einen zusätzlichen Charme.

»Vertraut mir, wenn ich euch gutes Essen empfehle!«, sagte Collin mit vor Stolz geschwellter Brust.

»Ziemlich voll hier«, bemerkte Susanne und sah sich neugierig um. Tatsächlich war die Bar von einer Traube Menschen umringt, das angenehme Stimmengemurmel wurde zwischendurch von einem Lacher durchbrochen, aber es war für Dylan auf jeden Fall erträglich. Besonders als ihm der Duft nach Bier und Essen in die Nase stieg.

Es dauerte eine Weile, bis endlich ein Tisch frei wurde, aber Collin versicherte, dass sich das Warten auf jeden Fall lohnte, und Dylan nickte stumm.

»Ihr müsst unbedingt die Austern Tacos probieren oder den Hummer! Oh, und der Colonial Burger ist auch einsame Spitze! Leider hab ich mich noch nicht durch die ganze Karte gegessen, aber die Blue Crab Nachos sind heute fällig!« Collin strahlte über das ganze Gesicht, was Dylan schmunzeln ließ. Wenn es ums Essen ging, war Collin die beste Anlaufstelle und der leidenschaftlichste Esser, den er kannte.

»Collin, unser Gourmet.« Layla schnaubte belustigt.

»Hey, ich hab den Laden noch vor Adam Poorman entdeckt!«, sagte Collin, als sie auf einen kreisrunden Tisch zusteuerten, der abseits der Bar hinter einer Trennwand lag.

Susanne lachte und zog ihre Jacke aus, die sie über den Stuhl hing. Die anderen taten es ihr gleich. »Wer?«

»Das ist so ein verfressener Kerl aus dem Fernsehen, der die besten Restaurants sämtlicher Staaten herauspickt und empfiehlt. Diesen Laden hier hat er auch empfohlen, oder?«, fragte Layla und hob winkend die Hand, als sie Jeremy in der Tür stehen sah.

Dylan konnte nicht mitreden, er kannte weder diesen Adam noch wollte er etwas von dieser Show wissen. Er wollte nur was essen und seine Sorgen im Suff ertränken.

»Sag mal, weißt du eigentlich, wie schwer es ist, um diese Uhrzeit hier einen Tisch zu bekommen?« Jeremy warf seine Lederjacke über den Stuhl und nahm zu Dylans Entrüstung direkt neben ihm Platz. »Nachdem Adam Poorman den Laden empfohlen hat, ist das fast unmöglich.«

Collin lachte glücklich und klatschte in die Hände. »Siehst du! Sogar Jeremy kennt Adam und weiß meine Mühe zu schätzen! Vielen Dank! Natürlich hab ich vorher schon angerufen und reserviert.« Er verbeugte sich und bestellte die erste Runde Bier, die auf einem langen, schmalen Tablett serviert wurde, das wie ein Cricketschläger aussah, während Jeremy etwas Alkoholfreies bestellte.

Dylan betrachtete Jeremy unauffällig. Schon seltsam, dass sich dieser Kerl solche Shows ansah. Das passte gar nicht zu ihm. Aber, wenn er so darüber nachdachte, was genau passte denn zu diesem undurchsichtigen Kerl? Im Grunde wusste er nichts von Jeremy und kannte ihn nur als seinen Boss. Es war das erste Mal, dass Dylan außerhalb des Stores mit ihm an einem Tisch saß.

»Auf uns Milchschaumschläger und das durchgeknallte Weihnachtsfest!«, rief Collin und prostete seinen Kollegen zu.

Dylan klinkte sich nur hin und wieder in die Unterhaltung ein und war froh, dass er nicht mehr reden musste, nachdem das Essen serviert wurde.

»Du musst unbedingt noch den Burger probieren, Dyl!« Collins Augen strahlten vor Begeisterung, was Dylan mit einem schwachen Lächeln hinnahm. Er war unendlich froh, als Layla Collin ins Gespräch verwickelte, und Dylan in Ruhe essen durfte, ohne so zu tun, als wäre er super drauf.

»Und was sagst du zu deinem Burger, Boss?« Eigentlich mochte Jeremy es nicht, wenn sie ihn Chef oder Boss nannten, das trichterte er ihnen seit Jahren ein, aber Collin ließ er es durchgehen. Bei ihm klang es nicht nach einer ehrerbietenden Anrede, sondern einfach nur bescheuert und lässig.

»Ist ganz okay.«

»Ganz okay? Sieh dir Dylan an, der schlingt wie ein ausgehungerter Dachs und der Ärmste hat nur Fish und Chips bestellt!«

Dylan sah auf und hob eine Augenbraue. »Hä?«

»Wenn ich auch kurz vorm Verhungern wäre, würde ich genauso alles runter schlingen.« Jeremy lachte und zwinkerte Dylan zu.

Diese harmlose Geste verursachte ein kleines, flaues Gefühl in Dylans Magen. Schnell starrte er wieder auf seinen Teller runter. »Ich bin nicht kurz vorm Verhungern und ich schlinge auch nicht«, brummte er. Im Normalfall wäre er darauf eingegangen, hätte vielleicht noch einen Witz gerissen, aber ihm war einfach nicht danach und so wechselte die Gruppe zum Glück schnell wieder das Thema.

Nach dem Essen wurden weitere Drinks serviert, alles in allem war die Stimmung angenehm und Dylan bereute es nicht, mitgegangen zu sein. Eigentlich war er gerne mit seinen Kollegen unterwegs, nur dämpfte Jeremy seine Stimmung, wie er bereits befürchtet hatte. Die anderen hatten deutlich weniger Probleme mit ihm und behandelten Jeremy wie einen alten Freund, der schon immer zur Gruppe gehört hatte. Das Unheimliche an der ganzen Sache war die Erkenntnis, dass Jeremy Coleman auch nur ein einfacher Mensch war. Dass er wie alle anderen lachen und Witze reißen konnte und dabei sogar menschlich wirkte. Also menschlicher als im Coffeeshop, in dem er den Storemanager mimte und hin und wieder mit einem Stock im Arsch herumlief.

Klar, im Store gingen sie zwar recht locker miteinander um und es herrschte keine typische Hierarchie oder Konkurrenzverhalten unter den Mitarbeitern, aber, verdammt noch mal, der Kerl wirkte gerade wie ausgewechselt!

Von den Gesprächen bekam Dylan nach einer Weile nur noch Bruchstücke mit, besonders nachdem er drei Gläser seines Allagash White Ale hinunter gekippt hatte.

Ein wahnsinnig angenehmes Leck-mich-am-Arsch-Gefühl breitete sich langsam in seinem Körper aus. Alles um ihn herum wurde uninteressant. Besonders Daniel. Und Jeremys Anwesenheit. Himmel, er fühlte nichts, nur diese dumpfe, betäubende Trunkenheit, die ihn glauben ließ, knapp über seinem Stuhl zu schweben.

Irgendwann verwickelte Collin ihn wieder in ein unsinniges Gespräch und endlich konnte er darüber lachen, trotz des dichten Nebels in seinem Kopf. Das wunderbare Bier ließ ihn die tiefen Einschnitte in seiner Seele vergessen, genau wie die Gläser, die er irgendwann nicht mehr mitzählte.

»Ich glaube, du solltest ein bisschen langsamer machen.« Lächelnd wollte Susanne ihm das halb volle Glas aus der Hand nehmen.

Dylan runzelte die Stirn und eroberte es zurück. »Blödsinn, mir geht's richtig gut!« Er und Collin tauschten einen Blick aus und prusteten wieder los.

Collin war ein toller Kerl, mit dem man gut lachen und sich unterhalten konnte. Daniel hätte sich ruhig eine Scheibe von ihm abschneiden können.

Ach Mist, da war er ja schon wieder... Daniel... Scheiße, seine Augen wurden wässrig und der beknackte Kloß in seinem Hals kehrte zurück.

Dylan begann, heftig zu blinzeln, und versuchte, sich abzulenken. Vielleicht half es, an andere Daniels zu denken? Genau, diesen Daniel meinte er gar nicht, es gab unzählige andere!

Daniel Radcliffe... Daniel Wellington... du Bastard, ich hab dir eine Uhr von Daniel Wellington geschenkt. Weißt du eigentlich, wie teuer die war? Fast hätte er die Worte laut ausgesprochen, schaffte es aber gerade noch, den Mund zu halten. Daniel Boone... Kentucky... Fried Chicken wäre jetzt auch nicht schlecht.

Ob er Collin sagen sollte, wie sehr er ihn mochte? Irgendwie brannte es ihm auf der Zunge. Dylan wollte ihn drücken, ihn umarmen und ihm sagen, was für ein guter Kumpel er war, was rein gar nichts mit seinem leicht alkoholisierten Zustand zu tun hatte. Schließlich war er nicht betrunken. Nur ein bisschen.

Dylan hob sein Glas, um daraus zu trinken, als Jeremy es umfasste. Langsam, aber nachdrücklich drückte er das Glas zurück auf den Tisch.

»Nur weil ich angeboten habe, dich nach Hause zu fahren, musst du dich nicht ins Koma saufen.«

Dylan wusste nicht, was ihn mehr überraschte. Dass Jeremy nach seinem Glas grapschte oder ihm vorschrieb, wie viel er trinken durfte. »Ich bin alt genug, um für mich selbst zu entscheiden, danke!« Ein kleines Lallen in seiner Stimme verdeutlichte, dass er mit dem letzten Bier bereits seine Grenzen erreicht hatte. Aber er würde Jeremy diese Genugtuung auf keinen Fall geben.

Leider schien Jeremy unbeeindruckt und mindestens so stur wie Dylan zu sein. »Du kotzt mir nachher das Auto voll, also hör jetzt lieber auf, solange du noch in der Lage bist, mich so böse anzustarren!« Ein fieses Grinsen huschte über die Lippen seines Chefs, aber er ließ einfach nicht los.

Dylan runzelte die Stirn und betrachtete Jeremy genauer. Hatte dieser Mann womöglich mehrere Gesichter? Das war doch nicht das typische Lächeln, das der Hund sonst immer aufsetzte. Das hier war anders… Es wirkte herausfordernd und sogar ein bisschen verführerisch. Oder war er schon so blau, dass er sich seinen Chef schöngetrunken hatte?

»Finger weg!«, drohte Dylan leise.

Jeremys Grinsen wurde zu einem smarten Lächeln, besonders als Dylan ihm so intensiv in die Augen starrte.

»Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich dich weitertrinken lasse?«

»Dyl, ich finde, Jeremy hat recht.« Susanne versuchte, sich ganz sachte an Dylan heranzutasten, und berührte ihn sanft am Arm. »Lass es doch für heute gut sein. Und am Wochenende machen wir zusammen einen drauf, was sagst du?«

Dylan dachte nicht im Traum daran, das dumme Glas loszulassen, und hatte Jeremy noch immer scharf im Visier. »Pfoten weg, hab ich gesagt!«, knurrte er.

Erst jetzt wurde er sich der Gegenwart dieses Mannes so richtig bewusst und nahm ihn völlig anders wahr. Jeremy schien plötzlich eine Hitze auszustrahlen, die sich allmählich auf Dylan übertrug. War das Wut? Das Gefühl verstärkte sich noch, als sich der Oberschenkel seines Chefs gegen seinen eigenen presste. Ein herber Duft nach Leder und einem angenehmen, nicht stechenden Parfüm umwehte Dylan und reizte seine Sinne auf irritierende Weise.

Dann sah er wieder etwas in diesen braunen Augen aufblitzen. Genau da! Was war das, verdammt noch mal? Dylan konnte es sich nicht erklären, aber da schimmerte dieser komische Glanz in Jeremys Augen, wenn er ihn ansah. Oder war er schon so besoffen, dass er sich Dinge einbildete?

»Ich brauche keinen Babysitter, kapiert? Ich bin alt genug!«

Jeremy schnaubte. »Das sehe ich ganz anders. Meiner Meinung nach brauchst du sogar ganz dringend jemanden, der dir mal gewaltig den Arsch versohlt. Und wenn du nicht langsam wieder von deinem Egotrip runterkommst, übernehme ich das und leg ich dich hier und jetzt übers Knie.«

Dylans Mund klappte auf.

Die anderen starrten Jeremy überrascht an, Collin und Layla prusteten sogar los.

Was war denn das jetzt für ein Spruch? Den Arsch versohlen? Übers Knie legen?

»Jetzt beruhige dich wieder, schließlich sind wir hier, um ein bisschen Spaß zu haben.« Jeremy schenkte ihm ein mildes Lächeln, als er zu ihm sprach wie zu einem verletzten Tier. So wie er es seit ein paar Tagen während der Arbeit machte.

»Du kannst mich mal!« Dylan fuhr hoch, stellte das Glas hart auf den Tisch und störte sich nicht daran, als es überschwappte. Er packte seine Jacke und steuerte taumelnd die Kellnerin an.

»Dyl!« Collin sprang ebenfalls auf und eilte ihm nach. »Dyl, er meint es doch nicht böse! Komm, wir gehen zu mir und…« Aber Dylan stieß Collins Hand beiseite.

»Lass mich, okay? Ich hab keinen Bock auf so eine Scheiße, ich hätte von Anfang an nicht mitkommen sollen! Diesen Dreck muss ich mir nicht geben und ihr müsst mich nicht immer angucken, als wäre ich ein Invalide, verstanden? Ich brauch das nicht! Ich brauche euch nicht, ich will nicht getröstet werden! Behaltet euer beschissenes Mitleid für euch!«

Das hatte er doch alles gar nicht sagen wollen... Und wäre Jeremy nicht dabei gewesen, dieses verdammte Arschloch, dann hätte er den Abend genießen können...

Das schwarze Loch, das Daniel in ihm aufgerissen und das er bis eben für eine Weile verdrängt hatte, war wieder da. Und es wurde größer und größer.

»Dyl! Dylan!«

Wütend stampfte er aus dem Lokal.

Jeremy, dieser Bastard, was bildete der sich eigentlich ein? Er hatte seinen Chef nie darum gebeten, ihn nach Hause zu fahren!

Draußen peitschte ihm der Wind so hart ins Gesicht, dass seine Zähne klappernd aufeinander schlugen.

Umständlich versuchte er, in seine Jacke zu schlüpfen, und als es nicht auf Anhieb gelang, wurde er zusehends wütender, begann, um sich zu schlagen, und versuchte, die Arme richtig in die Jacke zu bekommen.

»Verdammte Scheiße, leck mich am Arsch!«, brüllte er und versuchte, sie wieder auszuziehen, aber das war gar nicht so einfach.

Hinter ihm schwang die Tür auf. Jemand trat auf die Straße, packte ihn grob am Arm und half ihm, seine Jacke anzuziehen. Es war Jeremy.

»Fass mich nicht an!«, blaffte Dylan und versuchte, sich aus dem Griff zu befreien, der immer unnachgiebiger wurde. »Verschwinde!«

Jeremy seufzte genervt und zog ihn mit sich. »Komm!«

»Lass los, Mann! Du sollst mich loslassen, hab ich gesagt! Was bildest du dir eigentlich ein, du Schmalzlocke?« Etwas Besseres fiel ihm gerade nicht ein.

Jeremy ließ kurz locker, nur um seinen Griff noch weiter zu verstärken, und riss ihn mit einem Ruck so dicht an sich heran, dass sich ihre Nasenspitzen fast berührten.

»Reiß dich verdammt noch mal zusammen und ich warne dich nur dieses eine Mal: Wenn du nicht vorsichtig bist, versohle ich dir wirklich den Arsch!« Jeremys angenehmer, weicher Atem umwehte ihn und roch verführerisch nach Kokosnuss. »Jetzt beweg dich!« Ohne eine Antwort abzuwarten, zog Jeremy ihn weiter.

Wieder wollte Dylan sich losreißen.

Miese Idee, ganz miese Idee. Kleine Sterne tanzten fröhlich vor seinen Augen und ließen ihn taumeln. Bestimmt wäre er sogar umgefallen, wenn Jeremy ihn nicht festgehalten hätte.

Dylan spielte mit dem Gedanken, ihm in den Arm zu beißen, aber vermutlich hätte er nicht mehr als zähes Leder geschmeckt. Diese Scheißmuskeln konnte bestimmt nicht einmal ein Krokodil durchbohren.

»Ich fahre mit einem Taxi nach Hause, danke für das unfreundliche Angebot!« Egal wie sehr er sich auch wehrte, seine Füße schleiften über den Boden, Jeremy war zu stark für ihn. Und dann blieben sie auf einmal stehen.

Die Straßenlaterne schien direkt auf den knallroten Lack hinunter, fast, als hätte jemand die Karre absichtlich dort in Szene setzen wollen. Nicht, dass sie es nötig gehabt hätte.

Dylan hob die Augenbrauen und fing an zu lachen. »Scheiße, was ist das?«

»Normalerweise reagieren die Leute anders auf meinen Wagen.«

»Das kann ich mir nicht vorstellen«, rief Dylan lachend und deutete auf das Auto. Das war doch nicht sein Ernst?

»Ein nagelneuer Mustang Coupé.« Jeremy holte seinen Schlüssel hervor und ließ die Türschlösser mit einem Klicken aufspringen.

»Das ist ein Wagen für Zuhälter!« Dylan schaffte es endlich, seinen Arm zu befreien. »Da steig ich niemals ein! Gute Nacht!« Er machte auf dem Absatz kehrt, kam aber nicht weit. Jeremy packte ihn diesmal an der Jacke und zerrte ihn zurück. Sein Blick brannte sich gefährlich in Dylan, durchbohrte ihn wie eine Lanze.

»Sehe ich vielleicht aus wie ein Zuhälter?«, fragte er mit einem herausfordernden Unterton in der Stimme.

Dylan biss sich auf die Unterlippe, kleine Sterne tanzten vor seinen Augen. »Ins Klischee passt du jedenfalls nicht, aber man weiß ja nie. Wie finanzierst du sonst so ein Monster? Nimmst mich jetzt mit und schickst mich auf den Strich?«, fragte er und begann wieder zu lachen. Er stellte sich Jeremy gerade mit fetter Sonnenbrille und weit aufgeknöpftem Hemd vor und wie die Haare auf seiner Brust um eine dicke Goldkette sprossen, ganz zuhältermäßig.

»Vielleicht hast du ja Lust, meine Nutte zu spielen?«

Dylan verschluckte sich fast an seiner Spucke und riss die Augen weit auf. Bestimmt war er einfach nur stockbesoffen. Das hatte Jeremy gerade nicht wirklich gesagt...?

»Weißt du was? Schieb dir deine Karre sonst wohin, du Arschloch!« Kaum hatte er den Satz zu Ende gesprochen, stieß Jeremy ihn grob zurück. Mit einer erschreckenden Kraft wirbelte er Dylan herum und warf ihn rücklings auf die Motorhaube.

Dylan keuchte erschrocken auf, als Jeremy ihn unter seinem Gewicht begrub, japste noch nach Luft und kniff schnell die Augen zu. Er wollte die Arme hochreißen, um sein Gesicht vor Schlägen zu schützen, aber Jeremy bekam sie zu fassen und drückte sie runter.

Gott, warum hatte er nicht einfach die Fresse gehalten? Verdammt, er musste sich sofort entschuldigen, er musste...

Etwas streifte seine Lippen. War Jeremys Faust etwa abgerutscht? Der war sogar zu blöd, um in nüchternem Zustand ein Ziel zu treffen, das so dicht vor ihm stand! Oder lag...

Dylan brauchte ein paar Sekunden, bis er realisierte, dass das, was ihn an den Lippen berührte, gar keine Faust war.

Das waren Lippen! Heiße Lippen mit einer leckeren Kokosnussnote, die ihn leidenschaftlich küssten.

Dylan verkrampfte sich, sein Hirn kam nicht mehr hinterher. Erschrocken öffnete er den Mund und spürte sofort die schlüpfrige Zunge, die ihn heiß und sinnlich lockte.

Dylan keuchte und wollte Jeremy zurückstoßen, nur war sein Chef leider viel durchtrainierter und stärker.

Doch so sehr ihn der plötzliche Angriff überrumpelt hatte, so schnell begannen sich alle negativen Gefühle in Luft aufzulösen, als er den Kuss scheu erwiderte.

Auch wenn ihm sein Verstand riet, sich weiter dagegen zu wehren, ergab sich sein Körper. Dylan seufzte angetan und schloss die Augen. Er spürte, wie Jeremys Griff lockerer wurde, bis seine Fingerspitzen über Dylans Unterarme strichen.

Dylans Hände zitterten heftiger. Ob das am Alkohol oder an seinem emotionalen Ausbruch lag, wusste er nicht. Alles, was er spürte, war dieses brennende Verlangen, das schlagartig in ihm erwachte, zusammen mit einer Erregung, wie er sie schon lange nicht mehr gespürt hatte.

Er löste die Hände aus Jeremys Griff und hob sie an, um sie in die Haare seines Chefs zu krallen und ihn fester auf sich zu ziehen. Ein wildes Inferno ungezügelter Leidenschaft explodierte in seinem Körper, ohne dass er sich dagegen wehren konnte.

Moment! Was, wenn das hier gar nicht echt war? Sondern reine Wunschvorstellung? Vielleicht saß er ja noch stockbesoffen im Laden, kippte sein Bier runter und das Ganze war nichts weiter als das Produkt seiner perversen Fantasie?

Eine große, warme Hand schob sich unter sein Shirt und ließ ihn zusammenzucken.

In seinem Bauch braute sich ein kräftiger Sturm zusammen, Blitze schlugen ihm in die Fingerspitzen, in den Nacken, die Hände. Und auch in die Lenden.

Nein, definitiv kein Traum.

War das nicht verboten? Stand nicht irgendwo im Gesetzbuch geschrieben, dass man seinen Chef nicht so küssen durfte? Oder im Mitarbeiterhandbuch? Was sagte überhaupt die Gewerkschaft dazu?

Alles um ihn herum verschwamm, selbst die Straße und die Laterne, die wie ein Spotlight auf sie gerichtet war.

Alles, wonach er sich sehnte, war wilden, hemmungslosen Sex mit diesem Mann zu haben. Bestimmt würde er sich morgen für all das hier schämen, aber im Augenblick war es ihm egal. Vielleicht war er betrunken genug, um sich an nichts mehr erinnern zu können? Nun, aber Jeremy würde sich bestimmt haargenau erinnern.

Seine Beine schlangen sich fest um Jeremys Hüften, sein Gewicht drückte ihn fester auf die Motorhaube und presste ihn hart auf den Rücken.

Auch Dylan konnte seine eigene Erregung nicht mehr verbergen. Seine schmerzhafte Beule drückte sich gegen seine Jeans und verlangte voller freudiger Erwartung nach Befreiung.

Doch so schnell und überraschend dieser Überfall gekommen war, so abrupt stoppte er wieder.

Die beiden Männer atmeten schwer, als sie sich voneinander lösten. Und plötzlich war dieser Kerl nicht mehr sein Chef, Jeremy… sondern ein heißer, durchtrainierter Kerl, der offensichtlich ziemlich scharf auf ihn war.

Nach Luft ringend blickte Dylan in die verführerischen Augen, deren Blick ihn durchbohrte. Verdammt, er wollte nicht schon aufhören! Sollte er Jeremy wieder am Nacken packen? Ihn zu sich runterziehen und diesen geilen Kuss von Neuem aufnehmen? Oder wäre es besser, hier zu stoppen, solange sie dazu noch in der Lage waren? Was Jeremy wohl wollte? Durch das Licht, das von oben auf sie herabfiel, konnte Dylan sein Gesicht nicht richtig erkennen. Mehr als seinen schweren Atem vernahm er nicht.

»Komm, ich fahr dich heim.«

Eine fiese Eisspitze bohrte sich in Dylans Bauch, als Jeremy von ihm abließ und ihm half, sich aufzurichten. Mit schwachem Druck schob ihn sein Chef zur Beifahrertür, öffnete diese und drückte ihn in den Ledersitz. Nachdem er die Tür geschlossen hatte, lief er gemächlich um das Auto herum und schwang sich mit einer fast schon lächerlichen Ruhe in den Fahrersitz.

Nein!

Verdammt, was war denn das jetzt für eine bescheuerte Situation? Eben noch waren sie wild übereinander hergefallen und jetzt hockten sie mit ihren ausgebeulten Jeans nebeneinander und schwiegen sich an!

In seinem Kopf begann sich alles zu drehen und egal wie sehr Dylan versuchte, sich zu beruhigen, es ging nicht. Aber sollte er nicht eigentlich froh sein?

»Schnall dich an«, grollte Jeremy. War seine Stimme schon immer so tief und sexy gewesen?

Jeremy warf den Motor an und fuhr mit quietschenden Reifen aus der Parklücke.

Dylans Hände begannen wieder zu zittern, sodass er es kaum schaffte, sich anzuschnallen. Warum hatte er auch so viel trinken müssen? Warum war er das Ganze nicht langsamer angegangen? Dann wüsste er jetzt wenigstens, was hier eigentlich los war! Sein Verstand kam nicht mehr hinterher.

Jeremy fuhr so rasend schnell, dass Dylan schlecht wurde. Okay, die Straßen waren weitestgehend leer, aber trotzdem blieb so ein rotes Monster sicher nicht ungesehen! Müsste nicht die Polizei gleich angerauscht kommen, wenn man mit Lichtgeschwindigkeit durch die Straßen jagte?

Irgendwann, es kam ihm vor, als wären lediglich ein paar Sekunden verstrichen, hatten sie ihr Ziel erreicht.

Sollte er Jeremy eine gute Nacht wünschen? Oder fluchtartig und ohne ein Wort aus dem Wagen springen?

Er blickte aus dem Fenster und hob beide Augenbrauen. Okay, die Frage hatte sich erübrigt. Das war weder seine Gegend noch sein Apartment.

Sie waren gar nicht in Longwood!

Kapitel 2

Ehrlichkeit währt am längsten

Manchmal hatte man doch diese Träume, in denen man am Rande des Geschehens stand und sich selbst bei dummen Aktionen beobachtete. Genau so fühlte es sich im Augenblick für Dylan an. Nur dass das hier ganz offensichtlich kein Traum war.

Die ganze Fahrt über hatten sie kein Wort gewechselt, nun hielt der Wagen vor diesem fremden Haus, Jeremy stellte den Motor ab und öffnete seinen Sicherheitsgurt.

»Steigst du aus oder willst du nach Hause?«, fragte er.

Dylan wusste nicht, was er antworten sollte. Sein Verstand riet ihm weiterhin von diesem Abenteuer ab, aber sein Körper sprang darauf an, verlangte nach mehr. Es war klar, was Jeremy von ihm wollte. Man fuhr nicht mit jemandem zu sich nach Hause, um sich über diverse Kaffeesorten aus dem Sortiment zu unterhalten, besonders nicht nach so einem Kuss.

Aber dass ausgerechnet ein Mann wie Jeremy Interesse an ihm hatte, verwirrte ihn mindestens so sehr wie sein Pokerface. Vorhin im Pub hatte er wenigstens gelächelt oder seine Blicke sprechen lassen, jetzt war da nichts, nur dieses kühle, undurchsichtige Etwas. Was würde ihn erwarten?

Großer Gott, das passiert nicht wirklich, oder? Er durfte nicht hier sein... sollte nicht hier sein... und doch stieg er aus dem Wagen, schloss die Tür und folgte Jeremy.

Nach fünf oder sechs Stufen erreichten sie die Haustür, dann ging es noch einmal ein paar Stufen nach oben.

Während sie die Treppen hochliefen, wobei Dylan eher taumelte, nestelte Jeremy an seinem Schlüsselbund herum, bis er den richtigen Schlüssel gefunden hatte. Er schloss die Tür auf, ließ sie lautlos nach innen schwingen und trat ein. Offensichtlich fiel ihm auf, dass Dylan ihm nicht mehr folgte. Dieser stand zwei Schritte vor der Wohnungstür, sah sich nervös um und rieb sich unsicher über den Arm.

»Das... das ist...«, stammelte Dylan, wusste aber nicht genau, was er sagen wollte. Als sich wieder ihre Blicke begegneten, war diesmal alles anders als sonst. Intensiver.

Bestimmt erkannte Jeremy gerade, wie absurd diese Situation war. Aber wäre es dann nicht besser, wenn sich Dylan jetzt umdrehte und die Treppen wieder hinunterrannte? Wobei Rennen im Augenblick nicht zu seinen Stärken gehören dürfte, schon gar nicht bergab.

»Was denn?«

Jeremy berührte seine Hand und zog ihn langsam zu sich. Dylan ließ es geschehen, obwohl er sich besser dagegen wehren sollte.

»Ich glaube... das ist nicht okay...« Dylans Herz machte einen weiteren, kräftigen Sprung, dann noch einen und ehe er sich versah, begann das blöde Ding schon wieder so wildgeworden gegen seine Brust zu schlagen. Die Berührung reichte aus, um heftige Stromstöße durch seine Fingerspitzen zu jagen und ihn fantasieren zu lassen. Er stellte sich vor, wie es wäre, sich darauf einzulassen, sich gehen zu lassen und auf jeden Zweifel zu scheißen.

»Lass uns nicht im Flur stehen und reden, komm rein.«

Er meinte das ernst. So wirklich, richtig, tierisch ernst.

In Dylans Kopf drehte sich alles, seine ganze Welt begann, aus ihren Fugen zu gleiten. Das hier passte überhaupt nicht zu Jeremy, der Mann war nicht er selbst! Der richtige Jeremy würde ihn weder küssen noch mit zu sich nach Hause nehmen. Sie kannten sich zwar schon länger, aber in all den Jahren hatte er nicht einmal die Wohnung seines Chefs von innen gesehen. Warum auch?

»Ich tue dir schon nichts, also guck nicht so«, wisperte Jeremy ihm zu und verpasste ihm damit eine Gänsehaut.

Genau das wollte er doch in Wahrheit. Dass Jeremy mit ihm Sachen anstellte, ihn berührte und noch einmal so heiß küsste wie vorhin auf der Motorhaube. Aber verflucht, das würde bestimmt ihr Arbeitsverhältnis zerstören! Außerdem war er gerade verlassen worden, er hatte jahrelang nur mit Daniel Sex gehabt, wie sollte er sich da sofort auf jemand anderen einlassen? Er würde sich bis auf die Knochen blamieren und überhaupt, der Mann hier war immer noch Jeremy Coleman, sein Storemanager!

Mist, er war noch nie in so einer Situation gewesen, er wusste einfach nicht mehr, was richtig und was falsch war. Der Alkohol in seinem Blut machte es nicht besser. Unsicherheit und dieses benebelte Gefühl in seinem Kopf machten es ihm unheimlich schwer, eine Entscheidung zu treffen.

»Ich… ich ruf mir jetzt lieber ein Taxi…«, versuchte Dylan es wieder, drehte sich zu Jeremy und der Tür um und streckte die Hand nach der Türklinke aus. »Ich fahre einfach nach Hause... und das vorhin... das ist nie passiert, okay?«

»Wenn du das möchtest.« Jeremy stemmte seinen Arm gegen den Türrahmen und versperrte ihm den Weg. »Aber eins noch, bevor du gehst.«

Oh Gott, bestimmt feuert er mich jetzt, weil ich in der Bar so vorlaut war und...

Bevor Dylans betrunkenes Hirn weitere unerfreuliche Szenarien spinnen konnte, beugte sich Jeremy zu ihm runter. Wieder schmeckte er warme, weiche Lippen auf seinen eigenen, diesmal sanfter und fast schon schmerzhaft süß.

Ein wildes Ziehen in Bauch und Unterleib sorgte für ein unbeschreibliches Inferno, das sich rasend schnell in seinem Körper ausbreitete.

Wieder schaffte er es nicht, dagegen anzukämpfen oder sich zu kontrollieren, und schloss langsam die Augen, während er den Kuss vorsichtig erwiderte.

Scheiß auf die Arbeit... scheiß auf Daniel...

Jeremy drängte ihn mit Leichtigkeit gegen die Wand, nahm Dylans Hände in seine und hob sie über dessen Kopf.

Hatten seine Küsse eben noch zurückhaltend begonnen, verlangten sie jetzt mit sanfter Gewalt nach mehr.

Da war sie wieder, die sinnliche Zunge an seinem Mund. Dylan gab ihr sofort nach und öffnete leise stöhnend seine Lippen. Seine Knie wurden butterweich, alles um ihn herum begann, sich zu drehen. Er bemerkte erst, dass Jeremy ihn durchs Zimmer dirigierte, als er fast über seine eigenen Füße stolperte. Plötzlich ging ein kräftiger Ruck durch seinen Körper, er verlor den Boden unter seinen Füßen und schlang instinktiv Arme und Beine um Jeremy.

»Willst du dir noch immer ein Taxi rufen?«, flüsterte ihm Jeremy grinsend gegen die Lippen.

Dylan krallte sich an ihm fest, seufzte leise in den Kuss hinein und schüttelte leicht den Kopf.

Scheiße, das war das erste Mal, dass sich jemand so an ihn ranmachte oder ihn trug... dass jemand so forsch mit ihm sprach... Was er sonst als plumpes Machogehabe abgetan hätte, heizte ihm nur weiter ein und er war angetrunken genug, um darauf einzugehen.

Ohne den Kuss zu unterbrechen, setzte sich Jeremy schwankend mit ihm in Bewegung und betrat einen dunklen Raum, in dem er Dylan sanft auf ein Bett legte. Die Matratze gab unter seinem Gewicht nach, sie lösten ihre Lippen voneinander und atmeten erregt und schwer.

Jeremy lachte leise dicht an seinem Ohr und schickte damit einen heißen Schauer über Dylans Rücken.

»Du kannst mich ruhig loslassen, sonst kann ich mich nicht ausziehen. Und dich auch nicht«, hauchte er und drückte Dylans Beine, die ihn noch fest umklammert hielten, sachte auseinander. Als Jeremy frei war, erhob er sich und schaltete die kleine Nachttischlampe an.

Verlegen setzte sich Dylan auf und beobachtete, wie sich Jeremy auf betörende Weise entkleidete, bis er nackt war.

Auch wenn Dylan ihn im Sommer schon in engen Shirts gesehen hatte, hätte er diesen Anblick irgendwie nicht erwartet und sein Atem stockte. Die nackte, definierte Brust, seine Schultern, alles an ihm war einfach nur göttlich!