Loyalist - Felix A. Münter - E-Book
Beschreibung

Carter ist käuflich. Nach seiner eiligen Abreise aus Israel kehrt Carter in seine Wahlheimat nach Denver zurück. Auf der Suche nach Frieden für seine Familienmitglieder gerät er in weitere Fallstricke der hinterhältigen Regierungsbehörde. Was für Carter zuerst als Hoffnung auf ein entspannteres Leben begann, wird schnell nur zu einer Etappe auf einer anhaltenden Flucht vor Korruption, Gewalt und Intrige. Oft sind es die eigenen Reihen, auf die man sich nicht verlassen kann. "Carter ist übrigens nicht mein richtiger Name." Weitere aktuelle Titel von Felix  A.  Münter:    Die Carter-Akten (Thriller-Serie): - Mercenary - Hunter - Hijacker - Bloodhound - Hitman - Lone Wolf - Hardliner - Loyalist Dynastie (Episches Fantasy Drama): - Königsretter - Königsfreund - Königsbote Westrin (High-Fantasy-Saga): - Kaisersturz - Exil - Schicksal - Kaisergardist - Legionär - Phoroi Trümmerwelten (High Fantasy-Epos in Zusammenarbeit mit Ann-Kathrin Karschnick): - Trümmerwelten - Die Abenteuer der Alice Sparrow - Trümmerwelten - Die Odyssee der Alice Sparrow  - Trümmerwelten - Das Schicksal der Alice Sparrow Troubleshooter (Weird Horror Western Serie): - Das Aufgebot - Jäger und Gejagte - Ein Funken Wahrheit Archon (Science Fiction Serie): - Vermächtnis - Höhere Macht - Per Aspera - Eingungskrieg - Ad Astra Einzelbände: Der kleine König - High Fantasy  All about the Money - Thriller Vita - Steampunk-Thriller Prepper - Endzeit-Thriller Nulllinie - Thriller  

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Seitenzahl:213

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Loyalist
Impressum
1: Sweet Child O‘ Mine
2: Passenger
3: Riders of the Storm
4: With a little help from my friends
5: This means war
6: War pigs
7: Somebody get me a doctor
8: Run boy run
9: Shadow on the wall
10: Mad world
Weitere Romane finden Sie unter

Felix A. Münter

Loyalist

Carter Akten 8

Impressum

Copyright © 2019 by Papierverzierer Verlag

1. Auflage, Papierverzierer Verlag, Essen

Herstellung, Satz, Korrektorat, Lektorat: Papierverzierer Verlag

Covergestalung unter Verwendung von Bildmaterial von Shutterstock

Alle Figuren und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

Sämtliche Inhalte, Fotos, Texte und Graphiken sind urheberrechtlich geschützt. Sie dürfen ohne vorherige Genehmigung weder ganz noch auszugsweise kopiert, verändert, vervielfältigt oder veröffentlicht werden.

Loyalist ist auch als Print-Buch erhältlich.

ISBN: 978-3-959626-43-9

www.papierverzierer.de

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

1: Sweet Child O‘ Mine

Was ist richtig und was ist falsch? Für mich ist die Frage längst nicht mehr so einfach zu beantworten wie vor einigen Jahren. Genau genommen war sie es wahrscheinlich nie – ich hatte im allmächtigen Dollar einfach nur ein probates Mittel gefunden, mein Gewissen zu betäuben. Hätte mir jemand vor drei Jahren gesagt, dass sich meine Einstellung zu meiner Arbeit im Allgemeinen und meiner Weltsicht im Speziellen ändern würde, dann hätte ich ihn ausgelacht. Doch eines ist immer gewiss: Das Leben verläuft anders, als wir uns das vorstellen, und formt uns. Wir sind letztlich nichts anderes als die Summe unserer Erfahrungen.

Seit Tagen braute sich etwas zusammen. Die graue, finstere Wolkendecke wurde von starken Winden über den Himmel getrieben, riss unter der Gewalt des sich ankündigen Sturms aber nicht auf. Die Meteorologen hatten Schnee vorhergesagt – und ein Blick aus der Windschutzscheibe bewies, dass sie mit dieser Einschätzung richtig lagen. Von Norden her bewegte sich ein Schneesturm auf Denver zu, und während ich unterwegs zum Flughafen war, hoffte ich, dass der Blizzard nicht noch eher als prognostiziert über uns herfallen würde.

Der weihnachtliche Wahnsinn hatte sich schon bald nach Thanksgiving über die Stadt gelegt. Dass die Amerikaner Weihnachten mit allem erdenklichen Kitsch auf die Spitze treiben, ist, glaube ich, unbestritten. Dennoch kann ich mich des Gefühls nicht erwehren, dass es von Jahr zu Jahr schlimmer wird. Die Dekorationen werden immer schillernder und abgedrehter, die Beleuchtungen immer greller. In der eigentlich besinnlichen Zeit machen Nachbarn einen Wettstreit daraus, welches Haus in der Straße am hellsten, am megalomanischsten ausgeleuchtet ist. Die gleichen Leute übrigens, die sich bei der nächsten Abrechnung des Elektrizitätswerks über die hohen Kosten aufregen und die darauffolgenden Wochen Geld sparen, wo sie nur können. Weihnachten in den USA war schon immer eine Zeit des Konsums, binnen der letzten drei Jahrzehnte hatte es sich jedoch in seinem Charakter noch mehr verändert. Aus einer besinnlichen Zeit im Kreise der Familie war eine stressige Zeit geworden, in der es um das beste Fest, die beste Erfahrung, das beste Essen, die besten Bilder und die besten Geschenke ging. Symptome der Überflussgesellschaft, die im Grunde mit rasender Geschwindigkeit auf den Abgrund zuraste.

So ungemütlich es auf der Straße also war, die Lichter links und rechts, die Meere aus grün, weiß, gelb, rot und blau, auf die man vom Highway blicken konnte, schafften es, den herannahenden Sturm etwas vergessen zu lassen. In ihrer Fremdartigkeit und absoluten Künstlichkeit versprühten sie tatsächlich auch das Gefühl von Wärme. Dieses Gefühl negierte sich schnell, wenn man seinen Blick wieder auf die Straße lenkte. Denn im vorweihnachtlichen Chaos waren zahlreiche Familien zu den Schlachten aufgebrochen, die geschlagen werden wollten: Zu den Supermärkten und Malls, auf der Jagd nach Geschenken und allem anderen, von dem sie glaubten, es für die Feiertage zu brauchen. Das Verkehrsaufkommen war daher hoch und die Stimmung gereizt. Wie in jedem Jahr konnte man zu dem Eindruck gelangen, dass Weihnachten plötzlich und unerwartet kam, jedenfalls wälzten sich die Massen erst kurz vor den Feiertagen in die Malls.

Die Menschen fluchten übereinander und hupten, sie bedrängten sich gegenseitig. In den letzten Tagen waren die Lokalnachrichten voll von Berichten der sogenannten Road-Rage: Menschen, die im Streit um Parkplätze übereinander herfielen wie Raubtiere, die auf offener Straße aus ihren Autos sprangen, um einander die Schädel einzuschlagen. Vielleicht werde ich älter – aber auch in diesem Zusammenhang habe ich das Gefühl, dass es von Jahr zu Jahr schlimmer wird. Vielleicht, das will ich nicht bestreiten, ist die Abdeckung mit modernen Medien und die Präsenz der Berichterstattenden heutzutage so hoch, dass es sich um ein rein subjektives Gefühl handelt. Vielleicht war es schon immer so schlimm und man hat einfach nicht davon gehört. Spielt aber auch keine Rolle. Wenn man selbst in der sich langsam voranschiebenden Blechlawine steckt, verliert man schnell seine Objektivität.

Das ständige Hupkonzert, das Fahren Stoßstange an Stoßstange und die gereizte Stimmung der anderen Verkehrsteilnehmer sorgten dafür, dass ich mich einige Male dabei ertappte, sehnsüchtig auf den finsteren Abendhimmel zu blicken und mir zu wünschen, dass der Blizzard vielleicht eher käme, als von den Wetterberichten prognostiziert.

Einige hundert Meter voraus waren zwei SUV auf dem mittleren Fahrstreifen ineinander verkeilt, der Rest des Verkehrs bahnte sich lautstark hupend seinen Weg um den Unfall, während die beiden Fahrer samt ihrer Familien einander beharkten. Unwillkürlich schnalzte ich mit der Zunge und schüttelte den Kopf. Die Streithähne waren in ihrer eigenen Welt gefangen, es war ihnen völlig egal, was um sie herum passierte. Das lärmende Hupen und die Beschimpfungen der anderen Verkehrsteilnehmer interessierte die Streithähne nicht.

Ich bugsierte den Wagen auf die linke Spur – was dafür sorgte, dass der Kerl in der Familienkutsche hinter mir es für nötig hielt, die Lichthupe sprechen zu lassen – und rollte mit dem restlichen Verkehrsstrom an der Unfallstelle vorbei. Nur um ganz auf der sicheren Seite zu sein, nutzte ich die Gelegenheit und sah auf das Smartphone, rief die Angaben der Fluglinie auf. Es gab keinen Grund zur Beunruhigung: Der Flug war weiterhin als pünktlich gelistet und es schien keine Beeinträchtigung durch das Wetter zu geben. Selbst wenn ich noch eine weitere Stunde auf der Straße aufgehalten werden sollte, hätte eigentlich alles reibungslos klappen müssen.

Ich konnte mich der Komik der Situation nur schwer entziehen. Eigentlich war ich in den letzten Jahren immer einer ganz bestimmten Prämisse gefolgt, mit den Feiertagen umzugehen: Entweder bunkerte ich mich für ein paar Tage in meinem Haus ein, holte das Fernsehgucken all der Filme nach, die ich das Jahr über nicht gesehen hatte, oder ich war wegen eines Kontraktes gar nicht im Land. Bisher war ich dem Wahnsinn also auf meine Weise entkommen, doch diesmal sollte es anders sein – und das auch noch aus freien Stücken. Denn ich war nicht etwa auf dem Weg zum Flughafen, um eine Maschine zu bekommen, in diesem Jahr würde ich mich unter den Wartenden einreihen, die in Scharen ihre Besucher vom International Airport abholten. In dem Flieger, dessen Kurs ich auf dem Smartphone verfolgte, saß nämlich niemand anderes als meine Mutter. Dieser Umstand war es, der mich unwillkürlich zum Lachen brachte.

Wir zählten uns beide, zumindest auf dem Papier, zum jüdischen Glauben, und insofern spielte Weihnachten keine Rolle. Oder besser: die christliche Idee. Aber wenn ich mich umsah, schien das auch für die meisten anderen Menschen in diesem Land zu gelten. Nachdem wir zuvor viele Jahre keinen Kontakt gehabt hatten, oder dann bestenfalls sporadisch, hatten wir beschlossen, jetzt die Gelegenheit zu nutzen und ein paar Tage gemeinsam zu verbringen. Immerhin trennte uns nicht mehr der Atlantik, sondern nur noch ein halber Kontinent.

Die Ereignisse vor einigen Monaten hatten sie dazu bewogen, ihre Heimat hinter sich zu lassen – und auch wenn sie immer wieder betonte, dass es nur ein Abschied auf Zeit war, wussten wir beide, dass die Dinge anders lagen. Nach dem Staub, den ich in Israel aufgewirbelt hatte, war es nicht ratsam gewesen dortzubleiben. Man hätte annehmen können, dass es für meine Mutter nur schwer zu verkraften gewesen wäre, immerhin hatte sie doch den Großteil ihres Lebens dort verbracht. Doch diese Vermutung war falsch: Seit dem Tod meines Vaters hatten Reisen einen großen Teil ihres Lebens ausgemacht, und dadurch war sie zu einer Art Weltbürgerin geworden, die sich fast überall heimisch fühlen konnte, obwohl sie in Tel Aviv lebte. Insofern verpackte sie den Tapetenwechsel besser, als ich vermutet hatte. Der Umstand, dass sie Freunde und Bekannte an der Ostküste hatte, trug wohl maßgeblich dazu bei. Schneller als ich es für möglich gehalten hatte, hatte sie sich ein Apartment in Manhattan gesucht und lebte sich ein. Nach allem, was ich wusste, nach allem, was sie berichtete, schien es ihr an der Ostküste gut zu gehen – sie klagte jedenfalls nicht. Mehr noch: Keine sechs Wochen, nachdem wir in den USA angekommen waren, hatte sie ihre nächste Reise schon geplant und gebucht. Diesmal mit einem Kreuzfahrtschiff durch die Karibik.

Wieder so ein Umstand, der mich zum Schmunzeln brachte: Gerade einmal zwei Tage, bevor sie sich auf dem JFK in New York in die Maschine nach Denver gesetzt hatte, war von dieser Reise zurückgekehrt. Sie hatte Aruba, die Bahamas und auch Kuba besucht, und in meinem Postfach (ein wenig bedauerte ich es, ihr meine Adresse gegeben zu haben) stapelten sich die Mails voller Urlaubseindrücke. Jedenfalls wechselte sie vom tropischen Klima der Karibik binnen kürzester Zeit in das kalte New York und war in diesen Stunden auf dem Weg nach Denver. Während die Sommermonate in Colorado durchaus angenehm sind, ist der Winter hier so eine Sache: kalt und meterhohe Schneeberge sind noch die schönsten Umschreibungen. Denver liegt eine knappe Meile über dem Meeresspiegel (daher auch der Beiname »Mile High City«) und im Winter gibt es wirklich bessere Orte. Ich hatte ihr angeboten, stattdessen zu ihr nach New York zu kommen, doch sie hatte abgelehnt und auf einen Besuch bestanden. Wir sprachen nicht wirklich über den Grund, doch ich war mir fast sicher, dass ihr Scharfsinn ihr sagte, dass es nicht sonderlich klug war, wenn ich mit dem Flugzeug flog und dabei Sicherheitskontrollen passieren musste. Es war zwar nicht so, dass mein Konterfei auf irgendeinem Steckbrief prangte, doch die alte Dame war sicher nicht auf den Kopf gefallen und verstand, dass es besser für mich war – zumindest im Augenblick – nicht aufzufallen.

Je näher ich dem Flughafen kam, umso mehr schrumpfte der Verkehr zusammen. Im Vergleich zu dem, was an einem normalen Tag über die Straßen fuhr, waren die Straßen immer noch voll, dennoch kam der Verkehr besser und schneller voran. Im Licht der Scheinwerfer tauchten die ersten, spärlichen Schneeflocken auf und veranlassten mich dazu, erneut auf das Smartphone zu schauen. Diesmal nicht nur auf die Flugdaten – der Flieger sollte immer noch pünktlich landen – sondern auch auf eine Wetterkarte. Das Zentrum des Blizzards war näher an Denver herangerückt, die ersten Ausläufer tobten sich knapp vor der Stadtgrenze aus. Ich hoffte, dass es so bleiben würde und die Maschine mit meiner Mutter an Bord noch landen konnte.

Seit Israel hatten sich meine täglichen Routinen geändert. Ich war bei dem Plan, abzutauchen und den Kopf unten zu halten, geblieben, wenngleich dies in den USA und damit in direkter Reichweite der Behörden, denen ich eigentlich aus dem Weg gehen wollte, viel schwerer war als in Israel. Nachdem ich meine Mutter also in New York untergebracht wusste, war ich mit Mordechai zunächst nach Denver gereist. In einem Anflug gesunder Paranoia hatte ich mein Haus verkauft und war umgezogen. Tatsächlich hätte ich auch gleich in einen anderen Staat ziehen können, aber irgendwie hatte ich mich in den vergangenen Jahren an Denver gewöhnt. Ich kannte die Stadt und ihre Umgebung und wollte die Vorzüge, die sich daraus ergaben, nicht aufgeben. Dass ich damit wissentlich ein Risiko einging – denn in Langley wusste man sehr genau, dass ich von Denver aus operierte – war mir von Anfang an klar. Andererseits: Die CIA war seit der Sache in der Schweiz am Anfang des Jahres ruhig geblieben und hatte keinen Versuch unternommen, meiner habhaft zu werden oder auch nur Kontakt aufzunehmen. Mit jedem Tag, der ereignislos verstrich, musste ich annehmen, dass man das Interesse an mir verloren hatte.

Nun jedenfalls hatte ich mir ein abgelegenes Haus am Stadtrand gesucht. Weit genug draußen, um völlig ungestört zu sein, und nah genug an allen Annehmlichkeiten, die eine Großstadt nun einmal mit sich brachte. Der nächste Nachbar wohnte eine halbe Meile entfernt. Genau die Art von Privatsphäre, die ich berufsbedingt zu schätzen gelernt hatte. Was Mordechai anging, so war auch er versorgt. Nachdem er einige Wochen zusammen mit mir in Denver verbracht und sich eingelebt hatte, reaktivierte ich ein paar Kontakte, forderte Gefallen ein und verschob ein bisschen Geld. Es war recht einfach, einem Mann wie Mordechai mit seinem Lebenslauf eine Stelle bei einem der großen Sicherheitskonzerne zu beschaffen. Nicht unbedingt das, was ich mir für mich selbst vorstellen konnte, doch er schien ganz zufrieden damit zu sein. Mordechai arbeitete nun also als Anwerber für eine der ganz großen Nummern der Branche, sammelte jene Männer direkt von den Stützpunkten, die eine beachtliche Zeit bei den Streitkräften verbracht haben und aus den unterschiedlichsten Gründen nach einer Alternative schauten. Ich schätze, Seelenfänger ist eine ganz gute Umschreibung für das, was er nun tat, doch letztlich ist ihm kein Vorwurf daraus zu machen. Wir müssen alle irgendwie über die Runden kommen, und es ist ja nicht so, als dass er versucht hätte, Ahnungslosen etwas aufzuschwatzen, das sie eigentlich nicht wollten. Die Männer, mit denen er tagtäglich zu tun hatte, wussten ganz genau, was auf sie zukam, und trafen ihre Entscheidung aus freien Stücken.

Das großformatige Straßenschild im Licht meiner Scheinwerfer versuchte über die Parkplätze und Zufahrten des Flughafens zu informieren, doch ich ignorierte es. Zu oft war ich schon von Denver aus geflogen und bei diesen Gelegenheiten hatte ich genug Zeit gehabt, den Flughafen in- und auswendig kennenzulernen. Ich brauchte daher weder Schilder noch Anzeigetafeln, fädelte mich auf der richtigen Abfahrt ein und folgte dem Strom aus Fahrzeugen.

Etwa in dem Moment, als das Parkhaus in Sichtweite kam, fiel der Schnee noch dichter herab: Aus den wenigen Flocken wurde ein Treiben, und eine erste dünne Schicht legte sich ab, wurde vom Wind wieder aufgewirbelt.

Ich fuhr in das Parkhaus und erlebte es erwartungsgemäß voller als sonst, kurvte über die Decks, bis ich einen Parkplatz fand, und stellte den Motor ab. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass ich noch eine knappe Stunde hatte, bis der Flieger landen sollte. Nicht viel weniger als das Zeitfenster, mit dem ich eigentlich geplant hatte – die vollen Straßen hatten mich weniger aus dem Zeitplan geworfen als vermutet. Wahrscheinlich waren es einfach die jahrelange Erfahrung und intuitive Planung, die mir zugutekamen.

Im Rückspiegel musterte ich meine Erscheinung, strich mir über das stoppelbehaftete Kinn. Wahrscheinlich hätte mir eine Rasur ganz gutgetan und wäre angemessen gewesen. Andererseits sah ich auch nicht aus wie ein Hinterwäldler. Ich strich mir über die Stoppeln und mein Blick fokussiert automatisch das Grau darin. Einem selbst fallen diese Veränderungen immer besonders stark auf, und ich lächelte schief. Es war nicht so, dass ich mich alt fühlte – ich war es, zumindest gemessen an der Branche, in der ich mich seit Jahr und Tag bewegte. Eigentlich war es ein Wunder, dass ich überhaupt hier sitzen und mich selbst betrachten konnte. Eine Weile starrte ich in mein Spiegelbild und hing meinen Gedanken nach. Es waren jene, die ich schon über den Sommer in Israel gehegt hatte: War meine Zeit vielleicht gekommen? War dies vielleicht genau der Moment, um der Branche endlich Lebewohl zu sagen?

Ich brummte und massierte mir die Schläfen. Diese Fragen bewegten mich seit meiner Rückkehr – und das Schlimmste war eigentlich, dass ich keine Antwort darauf fand. Vom finanziellen Standpunkt aus war es einfach: Die Jahre, die ich damit verbracht hatte, meinen Arsch in die Schusslinie zu halten und für andere die Drecksarbeit zu erliegen, hatten mir genug Geld eingebracht, um eigentlich nicht mehr arbeiten zu müssen. Ein Teil meines Geldes war recht gut angelegt (zumindest nach meinem begrenzten Verständnis), und auch wenn ich mir kein Leben im Jetset leisten konnte (und wollte), so würde es mir wahrscheinlich nicht schlecht gehen, wenn ich mich dafür entscheid, die Branche zu verlassen. Aber so einfach war das nicht. Diese Entscheidung war mehr als eine rein finanzielle. Wenn ich ehrlich zu mir war, hatte ich meine besten Jahre längst hinter mir, besaß aber immer noch genug Biss. Und hätte ich nicht gefallen an dem gefunden, was ich eben tat, dann hätte ich wohl etwas anderes getan. Es war also eher das Gefühl der Nutzlosigkeit, das mich davon abhielt, eine solche Entscheidung zu treffen. Denn was sollte ich denn mit meinem Leben anstellen, wenn ich mich dazu entschied, die Branche zu verlassen? Ich hatte Jahrzehnte mit der Waffe in der Hand gearbeitet, die Arbeit als solche war mir also in Fleisch und Blut übergegangen. Der Gedanke, dies alles hinter mir zu lassen und Freizeit zu haben, behagte mir nicht – so irrsinnig das auch klang. Und zuletzt, das wusste ich, gleichwohl ich nicht gut darin war, es mir einzugestehen, war da noch meine Eitelkeit. Einerseits wollte ich mir selbst beweisen, dass ich es noch draufhatte, dass ich eben noch nicht zum alten Eisen gehörte, andererseits wusste ich nur zu gut, was passiert, wenn ich meinen Job an den Nagel hängte: Ich würde aus der Form geraten, wenn nicht fett, dann zumindest deutlich träger werden.

Was trug ich hier also aus? Eine Art Midlife-Crisis? Eigentlich war ich dafür etwas zu alt, aber wahrscheinlich war es die beste Umschreibung. Mir entfuhr ein Schnauben. Andere Männer leisteten sich schnelle Autos, um sich selbst das Gefühl zu geben, noch jung zu sein. Ich hingegen war bereit, weiterhin mein Leben aufs Spiel zu setzen. Alles in allem nicht sonderlich klug – aber nur weil mir die Hintergründe klar waren, bedeutete das ja nicht, dass ich auch danach handelte. So einfach war es ja nie.

Ich räusperte mich und kam zu dem Schluss, dass es vielleicht doch die bessere Idee war, sich die Beine zu vertreten. Kurzerhand verstaute ich meine Pistole im Handschuhfach – es war nie eine gute Idee, in den USA einen Flughafen mit einer Waffe betreten zu wollen, wenngleich dies nicht schlichtweg illegal war – griff mir das Basecap vom Beifahrersitz und stieg aus. Ganz automatisch prüfte ich noch einmal meine Erscheinung, bevor ich mich auf den Weg zum Aufzug machte. Mein Bestreben war, unauffällig zu wirken, und der nahende Blizzard machte mir dieses Unterfangen einfacher. Ich trug Sneakers, Jeans und Kurzmantel, dazu einen Schal und eben die Basecap. Eben genau das, was auch viele andere bei der Witterung trugen. Ganz automatisch änderten sich meine Bewegungen. Ich hielt den Kopf die meiste Zeit gesenkt, denn ich wusste nur zu gut, dass es auf Flughäfen an allen Ecken und Enden von Kameras wimmelte. Schal und Basecap schirmten mein Gesicht dabei gut genug ab. Mein Verhalten war ein Automatismus, den ich in den fast zwei Jahrzehnten des Geschäfts verinnerlicht hatte. Die Wahrheit war nämlich, dass die Dichte der Überwachungskameras in den vergangenen Jahren exponentiell zugenommen und die Qualität der Aufzeichnungen sich verbessert hatte, die meisten Systeme hinkten ihrer Zeit jedoch hinterher, wenn sie nicht gerade in hochsensiblen Sicherheitsbereichen eingesetzt wurden. Will sagen: Die Mehrzahl der Aufnahmen waren eher körnig und verwaschen, und solange man sich Mühe gab, nicht genau in die Kameras zu blicken, verfuhr man damit eigentlich ganz gut.

Zusammen mit einigen anderen Besuchern fuhr ich mit dem Fahrstuhl zum Glastunnel und betrat die Flughalle. Trotz des Blizzards waren noch genug Menschen auf den Beinen, sie alle überkam wohl die Hoffnung, in letzter Minute ihren Flieger zu bekommen oder – so wie ich auch – dass der Flieger mit ihren Verwandten und Freunden noch landen konnte, bevor der Schneesturm den Betrieb lahmlegte. Ich tauchte in der Masse unter und schwamm mit ihr durch die übermäßig dekorierten Hallen: Weihnachtsbäume und Girlanden, Lichterketten und blinkende Lichter. Das Gewirr der Stimmen war gewaltig, wurde vom Gedudel weihnachtlicher Musik begleitet.

Ich versuchte, mich nicht von den Eindrücken ablenken oder verwirren zu lassen, hielt meine Augen nach Mitgliedern der Flughafensicherheit offen und mied sie, wenn ich konnte. Eigentlich gab es keinen konkreten Grund dafür, sondern nur meine Paranoia, die mir wiederum mehr als einmal das Leben gerettet hatte. Warum sie also diesmal in den Wind schlagen?

Bei einem Coffeeshop legte ich einen kurzen Stopp ein und genehmigte mir einen großen, schwarzen Kaffee. Die Verkäuferin war mehr als irritiert darüber, dass ich kein Interesse an Toppings, Zusätzen oder laktosefreier Milch hatte. War es denn mittlerweile wirklich so schwer, einen schlichten Kaffee zu bekommen? Jedenfalls spürte ich ihre Blicke in meinem Rücken, als ich den Laden verließ. Gemessen jedenfalls an dem, was man mir für den Kaffee abgeknöpft hatte (Flughafenpreise hin oder her) überlegte ich die ersten paar Schritte wirklich, wieder auf dem Absatz kehrt zu machen und mich zu beschweren. Das, was man mir serviert hatte, war kein Kaffee, es war eine Zumutung. Wahrscheinlich speziell darauf ausgelegt, sich erst mit den jeweiligen Zutaten – die natürlich alle extra bezahlt werden mussten – in etwas zu verwandeln, das auch nur annähernd Geschmack hatte. Doch die Vernunft siegte, und ich beschloss, dass die paar Dollar es nicht wert waren, sich wieder in die Schlange einzureihen. Widerwillig nahm ich also noch zwei Schlucke, bevor ich den großen Becher in einen Mülleimer warf, mir bei der nächstbesten Gelegenheit ein einfaches Wasser kaufte und meinen Weg fortsetze.

Etwa eine halbe Stunde vor der veranschlagten Landung erreichte ich den Wartebereich. Die meisten Plätze waren besetzt, weswegen ich mich dazu entschied, mir weiterhin die Beine zu vertreten. Ich schlenderte also zwischen den Läden und Restaurants hin und her. Tatsächlich hatte ich Hunger, doch auf der anderen Seite hatte ich auch einen Tisch für zwei Personen im Buckhorn Exchange, dem ältesten Restaurant der Stadt, gebucht. Die Steaks, die man dort bekam, waren ordentlich, trotzdem war ich mir sicher, mir nicht den Appetit zu verderben, wenn ich die Wartezeit mit einer Kleinigkeit überbrückte. Also reihte ich mich, statt stumpf auf die Landung zu warten, wieder in eine Schlange und orderte mir einen Bagel. Kaum hielt ich meine Bestellung in der Hand und schlenderte zu einem der Tische des kleinen Restaurants, tönte eine Lautsprecherdurchsage, welche die Besucher des Flughafens darüber informierte, dass der Schneesturm immer stärker wurde. Von einer echten Warnung oder der Einstellung des Flugbetriebs war noch nicht die Rede – und so war es auch kein Wunder, dass die Durchsage auf die meisten Wartenden nur geringen Einfluss hatte. Wahrscheinlich gab es rechtliche Gründe, warum der Flughafen verpflichtet war, auf den Sturm hinzuweisen. Ich konnte mir jedenfalls gut vorstellen, dass irgendwo in diesem Land irgendwer einmal auf den Gedanken gekommen war, einen Flughafenbetreiber zu verklagen, weil er nicht rechtzeitig über irgendetwas informiert worden war.

Ich ließ mich nieder, zückte das Smartphone und biss genüsslich in den Bagel. Für den Flughafen war er sicher nicht schlecht. Es galt, noch eine halbe Stunde zu überbrücken.

2: Passenger

Zehn Minuten bevor der Flieger landen sollte, verließ ich meinen Platz und ging zu den Gepäckbändern. Mit ein bisschen Glück bekam ich den Koffer meiner Mutter in die Hand, bevor sie den Sicherheitsbereich verlassen hatte.

Draußen war das Schneetreiben stärker geworden, im Licht der grellen Scheinwerfer tanzten die Schneeflocken im Wind. Ich kniff die Augen zusammen und blickte hinaus auf das Rollfeld. An vielen Stellen hatte sich trotz des pfeifenden Windes mittlerweile eine Schneeschicht gebildet. Doch der Flughafen Denver war diese Wetterlagen gewohnt, noch war es nichts, was die Flugkontrolle aus der Ruhe brachte, gleichwohl in der Wartezeit zwei weitere Hinweise zur Wetterlage über die Lautsprecher gekommen waren. Der Flugbetrieb ging also in gewohnter Form weiter, Maschinen rollten zu ihren Positionen, starteten und landeten. Das Bodenpersonal kümmerte sich derweil um die Abfertigung, doch wenn ich ehrlich zu mir war, wollte ich nicht mit ihnen tauschen. Ich konnte mir Besseres vorstellen, als in einem aufkommenden Blizzard auf dem Rollfeld zu arbeiten. Wahrscheinlich lauschten sie alle gebannt in ihre Funkgeräte und warteten nur auf die erlösende Meldung, dass der Betrieb endlich eingestellt wurde und sie nach Hause konnten.

Ich löste mich von dem Sichtfenster und sah ganz automatisch wieder zur Anzeige. Mittlerweile hatten einige der Flüge ein paar Minuten Verspätung, aber immer noch nichts, was nicht normal gewesen wäre. Zufrieden stellte ich fest, dass der Flieger meiner Mutter weiterhin pünktlich landen sollte, doch nur um ganz sicher zu gehen, prüfte ich die Angaben auch noch einmal mit dem Smartphone. Die Maschine befand sich längst im Landeanflug auf Denver. Ein Gefühl der Erleichterung überkam mich, denn wenn jetzt nicht gerade der Himmel auf die Erde stürzte, dann gab es im Grunde nichts, was die Ankunft meiner Mutter noch aufhalten konnte.

Keine zwei Minuten später gab es ein Raunen unter den Wartenden und ich ob den Kopf, sah vom Bildschirm des Smartphones auf und entdeckte sofort, was Auslöser des Unmuts war: Auf der großen Anzeigetafel waren einige Flüge gestrichen worden, nach und nach füllte sich die Tafel mit hinweisen. Kurz darauf meldete sich die Flugleitung über die Lautsprecher und verkündete, dass alle Starts und Landungen ab 20 Uhr gestrichen worden seien. Maschinen, die sich auf dem Weg nach Denver befanden, wurden umgeleitet. Während die Menschen um mich herum in Bewegung gerieten und zu den Informationsterminals rannten, um zu erfahren, wo ihre Angehörigen nun landen sollten, blieb ich in aller Ruhe stehen, denn die Maschine meiner Mutter schien eine der letzten zu sein, die noch abgefertigt werden sollte.