Luc und das Glück - Thomas Sandoz - E-Book
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Luc und das Glück E-Book

Thomas Sandoz

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Beschreibung

"Endlich keine Werbeplakate mehr, die uns einladen, ›das pralle Leben‹ auszukosten. Niemand, der uns freundlich daran erinnert, dass wir nur Müll sind." Je schneller Luc wieder im Heim zurück ist, desto besser. Dann kann er hoffentlich als virtueller Dr. Goodluck seinen Klienten, den Gesundheitsminister, in letzter Minute noch dazu bringen, die absurdeste Sozialreform aller Zeiten zu kippen. Gelingt ihm das nicht, sieht die Zukunft für alle, die als locker verschraubt gelten, düster aus. Und das tun sie alle vier, die von einer bärbeissigen Betreuerin im ausgeleierten Minibus durch die Nacht chauffiert werden; das libidinöse Mondgesicht Bierrot, die spindeldürre, ewig kränkelnde Pauline, der cholerische Muskelprotz Goon mit seinem Faible für André Rieu, und auch der feinsinnige Luc, der aus gutem Grund vorgibt, seine Gehhilfe verloren zu haben. Doch der Transporter schleppt sich durchs Gebirge, dass es zum Verzweifeln ist. Ein Ende der Irrfahrt ist nicht in Sicht. Und inzwischen ist auch die Presse hinter Dr. Goodluck her. Luc und das Glück ist die aberwitzige Heimreise eines hochkarätigen Behinderten-Quartetts, ein beklemmender Spiessrutenlauf durch eine überall lauernde Normalität, die gnadenlose Schilderung eines virtuosen Eiertanzes um allerlei Fettnäpfchen herum. Thomas Sandoz hat eine beissende Satire über den Leistungswahn geschrieben. Und, ein bisschen versteckt die zarte, unmögliche Liebesgeschichte zweier ungleicher Menschen. Das Buch ist im Original unter dem Titel "La balade des perdus" in den Éditions Grasset & Fasquelle 2018 erschienen. Aus dem Französischen übersetzt hat Yves Raeber.

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Thomas Sandoz

Luc und das Glück

verlag die brotsuppe

Thomas Sandoz

Luc unddas Glück

Romanübersetzt von Yves Raeber

verlag die brotsuppe

Inhalt

Luc und das Glück

Der Autor

Der Übersetzer

»Sag mir, was für eine Maske du trägst

und ich sag dir, wie dein Gesicht aussieht.«

Julio Cortàzar, Die Gewinner

Vertrauen ist vergänglicher als jede Seifenblase. Und schon wäre mir fast ein Aphorismus gelungen. Nur ist mir die Lust an Wortspielen inzwischen vergangen.

Beschwingt fahren wir an diesem späten Juninachmittag Richtung Norden. Mein Schalensitz ist am Fussboden des Castel-Minibusses festgezurrt. Julia, unsere Betreuerin, ist voll auf den Verkehr konzentriert. Neben ihr sitzt Pauline und nestelt versunken an ihrem T-Shirt. Auf der Sitzbank vor mir streiten Goon und Bierrot wegen eines zwischen ihnen liegenden Ninja Turtles-Rucksacks. Ab und zu drehen sie sich um und werfen mir vorwurfsvolle Blicke zu. Ich habe meine Prothesen im Heim vergessen und wir mussten deshalb Steevys Geburtstagsparty frühzeitig verlassen. Wir hätten das ganze Wochenende im Ferienhaus seines Schwiegervaters verbringen können, doch sind wir noch vor der Grillparty wieder weg.

Der Verkehr tost. Motorräder schlängeln sich zwischen rappelvollen SUVs und Kleinwagen mit Bikes auf den Dächern hindurch. Zum dritten Mal innerhalb einer halben Stunde spuckt das Radio für all jene, die ihr Wochenende vorwiegend auf den Strassen verbringen werden, die aktuelle Verkehrslage aus.

Pauline zappelt, sie muss aufs Klo.

»Schon jetzt?«, wettert Julia. »Wir sind noch keine hundert Kilometer gefahren.«

Meine Heimgenossin bricht in Tränen aus, wirkt noch zerknitterter als zuvor. Sie kann nichts dafür, die Krankheit zehrt sie immer mehr aus. Unsere Erzieherin schimpft weiter. Bierrot dreht mir sein Vogelgesichtchen zu.

»Juula Katze im Beehaaa?«

Zwei hintereinanderfahrende Sattelschlepper überholen uns, ihr Sog bringt unseren Minibus fast aus der Spur. Hinter der Leitplanke ziehen Bauernhöfe, ein Kalksteinbruch, eine Sägerei und ein Vergnügungspark mit obligatem Thuja-Labyrinth an uns vorbei. Am Radio erhitzen sich die Journalisten an der neuesten Sensationsmeldung: Der Gesundheitsminister besucht Psychologie-Onlineforen! Julia stellt lauter. Das könnte ja bloss eine Anekdote oder ein Scherz sein. Doch ist es ein paar an einer Pressekonferenz des Politikers hellhörig gewordenen Schlaumeiern gelungen, eine Verbindung zwischen dem merkwürdigen Zeitvertreib dieses Staatsdieners und der abrupten Anwendung eines Massnahmenpakets zur Reduzierung der Gesundheitskosten namens MediCare+ herzustellen. Nationale Politik als Destillat eines virtuellen Biertischgesprächs von hinter Pseudonymen dümpelnden Internetusern – ein eher enttäuschendes Fazit für eine Demokratie. Und so haben es sich die Medien auf die Fahnen geschrieben, bis zur Quelle dieser aus sozialer und wirtschaftlicher Sicht vermutlich verheerenden Entscheidung vorzudringen.

Goon grölt zum Wiener Walzer, der aus seinem Kopfhörer schwappt. Was Julia nur noch mehr nervt.

»Verdammt, kann er nicht zwei Minuten die Schnauze halten?«

Goons Walkman ist auf voller Lautstärke, er hört nur bruchstückhaft, was über ihn gesagt wird. Was angesichts seiner extremen Reizbarkeit ganz gut passt.

Ich schliesse die Augen. Die Geräusche hören sich jetzt alle anders an, vom Knarren der Sitze bis zum Brummen des Motors. Ich atme stossweise. Der Grund unserer überstürzten Rückreise ist vorgeschoben. Es geht auch ohne Prothesen. Ich habe gelogen. Gelogen, weil ich nichts Besseres wusste, und daran hat sich bis jetzt nichts geändert. Ich weiss nur, dass ich vor ihnen im Castel sein muss.

Das Glück ist mit uns. Noch bevor Pauline ihre Shorts und Leggins vollpisst, sehen wir zwischen einer prächtigen Baumschule und einem Tretboot-Wasserbecken eine Autobahnraststätte. Wenig später parkt Julia den Minibus auf einem der Behindertenparkplätze. Bierrot steigt als Erster aus, hüpft herum und grunzt wie ein Ferkel, das zur Schlachtbank geführt wird. Pauline geht zu ihm.

»Alle hiergeblieben«, bellt Julia. »Goon, lös den Rollstuhl, ich fahr gleich die Rampe raus!«

Mit den Krücken durch die Gegend zu staksen, wäre natürlich einfacher, aber mir gehen dabei schnell die Kräfte aus. Goon hievt seine hundert Kilo über den Rücksitz und beginnt die Sicherheitsgurte zu lockern. Da er sich mit der einen Hand die Brille auf die Nase klemmt, ist er nur mässig effizient. Pauline verliert das Gleichgewicht und rempelt unabsichtlich Bierrot an. Dieser landet in seiner kanariengelben Daunenjacke wie ein müder Heissluftballon, der das Landeziel verpasst hat, bäuchlings auf dem Boden.

Julia verwirft die Hände.

»Mein Gott, seid ihr Deppen!«

Ein vorbeischlenderndes Golden Ager-Paar mustert unsere Erzieherin und verzieht missbilligend den Mund. Bierrot steht auf, reibt sich das Gesicht.

»Autsch die Nase, Juula. Tut voll weh.«

»Das reicht. Was soll der Quatsch? Und du, Goon, streng dich ein bisschen an!«

An Kraft fehlt es Goon nicht, ganz im Gegenteil. Er sieht zwar aus wie ein Knirps, kann es aber mit jedem Sumoringer aufnehmen. Weil aber just eine seiner Lieblingspolkas beginnt, verknäuelt er die Sitzgurte und verdrückt sich. Ich verzichte auf einen Kommentar. Der Tag ist noch lang, man lässt ihn besser in Ruhe.

Unser Trüppchen bewegt sich zum Hauptgebäude mit Läden, Bistro, Crêperie und Toiletten. Julia stösst meinen Rollstuhl, knapp vor uns trippelt Pauline, wenig fehlt, dass meine Fusshalter ihr in die Achillessehnen schneiden. Wir spurten uns, weil Bierrot einem LKW-Fahrer, der neben seinem Vierzigtonner auf einem Campingstuhl sitzt und in aller Ruhe seinen Aluteller auslöffelt, die Zunge herausgestreckt hat.

Bald stehen wir vor dem Eingang der Raststätte. Wegen mir müssen wir durch eine Schleuse, die sich nur per Knopfdruck öffnen lässt. Allein würde ich es nicht schaffen. Bierrot geht lieber durch den Haupteingang. Mit Schwung bringt er die Drehtür zum Kreisen. Dass er dabei Kunden an die Wand klatschen oder sogar enthaupten könnte, fällt ihm nicht ein. Julia findet es nicht lustig:

»Hör auf mit dem Scheiss! Und komm her, verdammt nochmal. Habe ich nicht gesagt, dass wir zusammenbleiben? Sonst muss ich dich noch im Wagen einsperren!«

Um ihre Drohung zu verstärken, holt sie mit der flachen Hand wie zu einer Ohrfeige aus. Schlechtes Timing, weil die Golden Ager von vorhin wieder im Anmarsch sind. Diesmal wird Julia peinlich genau gescannt, Haarspange, Jeansjacke, Ledergürtel, bestickte Hose, Converse. Das Fahndungsbild, das sie von ihr machen werden, wird perfekt. »Los jetzt«, mahnt unsere Erzieherin mürrisch und gibt dem Rollstuhl einen Ruck.

Auf den stilvollen Riesenbildschirmen in der betonstarrenden Haupthalle flackern Wettervorhersagen, Verkehrsinformationen und Werbespots für Croque-Monsieurs. Die in Schleife laufenden Info-Flashs berichten mehrheitlich über MediCare+. Wie vorauszusehen war, werden die Kernfragen in allen Variationen x-mal durchdiskutiert. Wer ist die neue graue Eminenz des Ministers? Warum plötzlich so überhastet? Was kann man von der bestehenden Verordnung über die gesetzliche Sozialversicherung noch retten?

Julia geht etwas langsamer und ich nutze die Gelegenheit:

»Findest du das interessant?«

»Natürlich. Stell dir den Schlamassel vor! Das bringt uns schwer in die Bredouille und zuallererst alle Leistungsempfänger. Wirst schon sehen, die coolen Zeiten sind vorbei. Sogar im Castel geht es bald nur noch um Nützlichkeit und Sofortmassnahmen. Die sehen nicht über den eigenen Tellerrand. Also ich würde schon gern mehr darüber wissen. Du nicht?«

Zum jetzigen Zeitpunkt muss ich vor allem an meine Korrespondenten denken, an ihre Gefühle, wenn sie hören, dass Dr. Goodluck etwas mit dieser Geschichte zu tun hat. Und was sie empfinden, falls sie je herausfinden, wie ich aussehe.

Bierrot lümmelt in der Kinderecke auf einem von allen anderen Kindern fluchtartig verlassenen Kissenberg und zieht sich vor einem Fernseher mit riesigen Mäuseohren gebannt Tom und Jerry Filme rein.

Inzwischen stösst mich Julia in die Damentoilette. Pauline sperrt sich in eine Kabine ein. Ich kralle mich an meinem Rollstuhl fest, versuche, meine Krämpfe unter Kontrolle zu halten. Ich habe hier nichts zu suchen.

»Julia, kann ich draussen warten?«

»Zu gefährlich«, antwortet die Rudelführerin, die im Wandspiegel nach unsichtbaren Mitessern in ihrem Gesicht sucht.

Ich grinse. Wer würde mich schon entführen wollen? Höchstens die Freundin eines Katzenfleischdealers, vorausgesetzt, sie fände mich fett genug. Bis Pauline ihr Geschäft erledigt hat, werde ich mich wohl per Geisteskraft in meine private Empathiewolke hüllen müssen. Wer mich sieht, denkt an eine runzlige, in kochendes Wasser getauchte rosa Puppe, ein aufgedunsenes, zitterndes Ding. Ich bin die lebende Werbung für 1-Euro-Kondome aus dem Automaten über meinen Kopf an der Wand.

Der einzige Weg zum Raststätten-Klo führt durch eine 24/6-Backstube sowie durch einen Lebensmittel- und Souvenirshop. In der letzten Kurve dieses verramschten Labyrinths greift sich Pauline einen grossen, kuscheligen Plüschbernhardiner mit farbigem Fässchen am Hals. Im Schneidersitz beginnt sie, den Hund zu streicheln. Julia hält ihr eine Standpauke, erinnert sie daran, dass sie dreizehn sei, droht und schmeichelt bunt durcheinander. Sie bückt sich zu ihr und versucht sogar, ihr das Plüschtier zu entreissen. Die Verkäuferin beobachtet uns mit steinerner Miene, die Arme auf den Rand des Kassenbands gestützt. Ich werde ungeduldig wie auch Goon, der die CD-Auslage fertig studiert hat. Pauline gibt endlich auf und stellt den Bernhardiner in die Auslage zurück.

Inzwischen hat Julia zwei stille Wasser aus einem Kühlschrank genommen – sie wird sie nicht teilen müssen. Wir mögen alle nur Sprudel.

Als wir gerade aus der Verkaufszone gehen wollen, schrillt ein Alarm. Pauline hat uns voll reingelegt. Aus dem Nichts tauchen zwei Wachmänner auf. In Vollmontur und mit Knüppeln, wie aus einem Katastrophenfilm. Nicht ganz einfach, sich mit ihnen zu unterhalten, ihre Schrumpfhirne machen im Vergleich zu ihren Muckis keine gute Figur. Ich kenne ein paar Wasserköpfe, die sie beim Domino glatt an die Wand spielen würden. Julia hat schon einiges gesehen, aber jetzt gerade kann sie nicht mehr. Sie entschuldigt sich in Schleife und da es mir weh tut, sie so hilflos zu sehen, fange ich an zu knurren und lasse die Zunge heraushängen, als wäre ich voll belämmert. Die beiden Typen verziehen keine Miene, bis Julia der Kragen platzt und sie anfängt, verbal auf sie einzudreschen. Die Situation eskaliert, auch die Verkäuferin mischt sich ein, Goon stampft mit den Füssen. Schliesslich lenkt Julia ein, zahlt den Plüschhund und auch noch eine Busse für Ladendiebstahl.

Bierrot ist nicht mehr in der Kinderecke.

»O Gott!«, schreit Julia, »wo hat er sich jetzt wieder versteckt? Jemand eine Ahnung?«

Wir stürzen zum Minibus. Keiner da. Wir machen rechtsumkehrt, nehmen die Abkürzung über den Spielplatz, schreien uns die Kehlen aus dem Leib. Die hinter der Fensterfront der Raststätte posierenden Security-Typen lassen uns nicht aus den Augen. Ihre Haltung lässt keinen Zweifel daran, dass sie uns nicht helfen werden. Wir passieren die Blumenanlagen, durchqueren in Gegenrichtung die Rutschbahnanlage, steigen die Allee mit den Parkplätzen hoch.

Plötzlich brüllt Goon wie Tarzan und zeigt uns einen zweistöckigen Reisebus mit deutscher Kennnummer und farbigen Palmen auf der Karosserie, der Richtung Autobahn beschleunigt. Hinten sitzt jemand, den wir nur allzu gut kennen.

Julia packt ihr gesamtes Krisenvokabular aus und stösst mich brutal zum Minibus.

»Wir müssen ihn aufholen, Tempo, Tempo!«

Diesmal wird keine Zeit mit meinen Gurten verschwendet. Goon wirft sich auf die Sitzbank, Pauline hält sich verkrampft am Handschuhfach fest, Julia schaltet vom ersten direkt in den dritten Gang. Und wir nehmen die Verfolgung auf. Unsere Erzieherin bemüht sich, Goons begeistertes Glucksen zu übertönen.

»Ruhe! Das nervt.«

Schnell haben wir die vorgesehene Maximalleistung eines VW-Minibusses mit 145.000 Tachokilometern weit übertroffen. Es ist fast wie in Fast and Furious, aber das immer lauter werdende Martinshorn ist echt und im Gegensatz zur Clique um Dom Toretto sind wir nicht wirklich fotogen. Ich zapple auf meinem Sitz. Hinter uns nähert sich ein Streifenwagen mit Blaulicht. Auf dem Dach blinkt eine in allen Sprachen unmissverständliche Botschaft.

»Auch das noch …«, stottert Julia.

Das Bullenauto schneidet uns unverfroren den Weg ab und bringt uns auf dem Pannenstreifen zum Stehen. Zwei Beamte steigen aus, die Hände am Hosengürtel. Sie wirken noch furchteinflössender als die Wachmänner bei der Raststätte. Um sich gegen die gefährlich nahe an ihnen vorbeibrausenden Fahrzeuge zu behaupten, gehen sie wie Cowboys mit gespreizten Beinen. Der Erste steuert auf uns zu, während der andere einen Kontrollgang um den Transporter macht.

Julia wird es ungemütlich. Sie kann ihre Fahrweise unmöglich rechtfertigen. Und riskiert, zusammen mit dem Fahrausweis auch ihre Zulassung als Heimerzieherin zu verlieren. Sie entscheidet sich für die Strategie der Kopflosigkeit, mit der man weder etwas zu erklären noch zu begründen braucht. Ohne auszusteigen, bläst sie in einen blitzblanken Alkoholtester und unterschreibt den Dokumentenstapel, der ihr durchs Fenster gereicht wird.

Ich beobachte, wie ruhig und methodisch die Polizisten vorgehen. Sie haben schon an Brückenmauern zerfetzte Motorradfahrer gesehen, wissen von der Ausbildung her, wie man abkratzende Drogenabhängige aus versifften Kellern holt, haben die eigenen Emotionen im Griff, wenn sie übergriffige Väter abführen. Doch wie lange würden sie es im Castel aushalten, wo Ordnung und Reglemente gegen unsere fröhliche Anarchie meistens keine Chance haben?

Nach einem väterlichen Rat an Julia, den unleserlichen Aufkleber »Behindertentransport« am Heck zu ersetzen, lassen uns die Bullen endlich frei. Unsere Fahrerin umklammert das Steuerrad so fest, dass ihre Knöchel ganz weiss werden. Ich kann es von meinem Platz aus sehen und ich teile ihren Frust. Wir haben wertvolle Zeit verloren. Aber damit nicht genug. Da unsere Zukunft den moralinsauren Hütern des Gesetzes so sehr am Herzen liegt, eskortieren sie uns noch kilometerlang, und Julia muss, ob sie will oder nicht, den Motor schonen.

Endlich ist unsere Reisegeschwindigkeit wieder akzeptabel. Wir fahren jetzt in einem hohen Schneegebirge durch in den Felsen gehauene Galerien. Die zuckende fahle Neonbeleuchtung erinnert an einen in Filmen schon tausendmal gesehenen Effekt: Auf einen in der Notaufnahme liegenden Patienten fällt ein Lichtstreif. Mein in der Fensterscheibe gespiegeltes Gesicht ist nicht wirklich der Brüller.

Als ich gezeugt wurde, war meine Mama noch keine zwanzig. Sie hatte meinen Vater, Gast im elterlichen Hotel, erst gerade kennengelernt. Auf Bildern sehen die beiden unsterblich verliebt aus, ihr Glück muss so vollkommen gewesen sein, dass sie die süssesten aller Zukunftspläne schmiedeten.

Wer bei der irgendwo auf einer Landstrasse verpassten Kurve am Lenker sass, hat mir nie jemand gesagt. Die beiden waren auf der Rückfahrt von der Konfirmation einer entfernten Cousine. Der Wagen überschlug sich zweimal und krachte gegen die Leitplanke. Mama war im achten Monat, der Schock leitete die Wehen ein. Papa holte sofort Hilfe, ohne sich um seinen Arm zu kümmern, den er sich an der zersplitterten Fensterscheibe aufgeschlitzt hatte. Als der Krankenwagen kam, lag mein blutiger Körper teils im Matsch, teils noch im warmen Bauch meiner Mutter. Und die Nabelschnur schnürte mir den Hals zu.

Mamas Versuche, mich liebzuhaben, fielen bald einer verhängnisvollen Erschöpfung zum Opfer. Ich wurde zum allgegenwärtigen, deprimierenden, unlösbaren Problem. Zudem hatte Papa eine Stelle am anderen Ende der Welt angenommen. Ab meinem siebten Geburtstag ging es ihr wieder besser. Ich war alt genug fürs Internat. Noch während wir auf das Taxi warteten, das mich ins Castel bringen sollte, kratzte sie mit dem Fingernagel meinen Namen vom Briefkasten. Und noch in der gleichen Woche schenkte sie alle meine Spielsachen der Ludothek und strich die Wohnung neu.

Wir nähern uns einem Rastplatz. Julia murmelt, dass wir ihn uns kurz mal anschauen sollten. Sie bremst scharf ab, fährt über den Verzweigungsspickel und steuert auf eine Parkzone zu mit Kinderschaukel zur Linken und Latrinen zur Rechten, für die sich nur Mikrobiologen begeistern könnten.

Bingo! Bierrot sitzt auf einem umgekippten Abfalleimer. Er zählt seine Finger, der Gestank und der Müll, in dem seine Füsse stecken, scheinen ihn nicht zu stören.

Julia springt aus dem Transporter. Durch die Autoscheibe sehen wir sie den Ausreisser kurz umarmen, dann heftig schütteln. Goon zieht sich den Kopfhörer vom Ohr und lauscht mit.

»Im Car viele liebe Papis und Mamis«, sagt Bierrot kleinlaut.

»Bierrot«, mahnt Julia, »sowas tut man nicht!«

»Glotze drin. Habi gern.«

Julia schimpft weiter auf ihn ein, ohne sich um die Blicke etwaiger Zeugen zu kümmern.

Wir fahren weiter. Goon wählt eine neue Playlist aus und eine Weile lang hört man ausser dem brummenden Motor nur, wie Julia vor sich hin schimpft. Bierrot nestelt beschämt an den Bändern seines Trainingsanzugs. Pauline versucht herauszufinden, wie sie ihren Hund am besten unter dem Sicherheitsgurt halten kann. Draussen wieder nichts als Landwirtschaftsbetriebe und Fabriken, dahinter von der Strasse abgeschirmte Einfamilienhäuser. Mein Blick wird trüb. Die jüngsten Ereignisse bringen mich durcheinander. Wir sind knapp an einer Katastrophe vorbeigeschrammt. Ich versuche, mir den Unterschied zwischen Verantwortung und Schuld in Erinnerung zu rufen.

Hinter massiven, lichtdurchlässigen Lärmschutzwänden rauschen die Konturen eines Campingplatzes vorbei. Ich stelle mir vor, wie Leute um gedeckte Tische, rauchende Grills und brennende Laternen sitzen.

Ich muss kurz an die Jungs denken, die nicht bei Steevy eingeladen waren und die wir in ein paar Stunden im Castel wiedersehen. Sie feilschen wohl gerade aufgeregt mit Nonno – er hat an diesem Wochenende ebenfalls Dienst – um das Programm des TV-Abends: Das Leben im Zoo oder Fort Boyard.

Das Castel ist ein am Stadtrand gelegenes herrschaftliches Haus mitten in einem Park, in dem um die dreissig Kinder und Jugendliche untergebracht sind. Tagsüber verteilen wir uns nach Schulniveau auf verschiedene Klassenzimmer in einem Anbau neueren Datums. Der Zugang dazu führt über einen Flur zwischen dem Sekretariat und dem Büro der Heimleiterin, einer alterslosen, mit eiserner Hand regierenden Frau.

Die übrige Tageszeit verbringen wir in gemischten Gruppen, die je nach »individuellen Erziehungsbedürfnissen« aus sechs oder sieben schwer erziehbaren sowie disziplinierteren Insassen zusammengesetzt sind. Die Koalas und Geparde schlafen im zweiten, die Schmetterlinge, zu denen ich zähle, im ersten Stock.

Mittags essen wir zusammen mit externen Schülern im Refektorium, einem fast intakten Relikt aus der bürgerlichen Vergangenheit des Etablissements, oder auf der Terrasse. Die Stimmung ist da immer gut, es wird auch ordentlich gelärmt und gekleckert. Meistens übernehmen Praktikanten den Dienst, damit die noch jungen Betreuer nach Hause gehen und sich um ihre eigenen Kinder kümmern können. Die Älteren legen sich im Besprechungszimmer zu einem Powernap hin.

Das Castel ist ein wahrer Bienenstock, es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Manche bleiben nur kurz, andere richten sich hier dauerhaft ein. Die Älteren unter uns machen in spezialisierten Ausbildungsstätten eine Anlehre. Wer besonders gute Noten hat, wagt sich an eine Berufslehre – das Tor zu einem besseren Leben. Die Lehrlinge kommen jeden Abend ins Heim zurück und hoffen, dass ihnen die finanzielle Unabhängigkeit eines Tages neue Horizonte eröffnet. Wer bei der Gartenarbeit versagt, sich beim Kartoffelschälen systematisch verletzt oder verdächtigt wird, Diebesgut aus der Werkstatt weiterzuverkaufen, wird in die geschützte Wohnstätte der Trampolin-Stiftung verlegt, wo monatelang geübt wird, eine Werbebroschüre in einen Umschlag zu stecken, und die Leute eine Sucht nach Zwei Bullen am Strand oder Deine Traumhochzeit entwickeln.

Im Castel gibt es wirklich viele Wechsel. Neue, teils junge, teils ältere Gesichter tauchen auf und verschwinden so schnell, wie sie gekommen sind. Man wird hier ständig auf Trab gehalten. Unser Tagesablauf gleicht übrigens ganz dem der Wirtschaftsbosse: Mit Ergo- oder Physiotherapie, Logopädie, Stretching, Vor- und Nachgesprächen bleibt uns wenig Zeit für innere Einkehr.

Das Castel ist vielleicht nicht der optimale Ort, um sich zu verwirklichen, aber das Essen stimmt, es gibt HD-TV und allerlei Menschen, die einem ans Herz wachsen. Ich möchte das alles wegen eines Missverständnisses nicht verlieren.

»Scheisse, Scheisse, Scheisse!«

Julia geht vom Gas, wir werden langsamer.

»Problem?«

»Wir sind zu weit.«

»Was, zu weit?«

»Wir sind zu lange hinter dem Car hergefahren. Wir hätten vorher abbiegen müssen, bin ganz sicher.«

»Bierrot Hunger.«

Julia zerrt eine Landkarte von der Sonnenblende und gibt sie Pauline.

»Schau mal, wo wir sind.«

Sie erwähnt ein paar Ortsnamen, um ihr zu helfen, aber Pauline findet sie nicht. Dicke Tränen kullern auf die Karte, die sich sofort verfärbt. Ich verrenke mich, möchte über den Vordersitz sehen, bin aber nicht nah genug, um etwas entziffern zu können. Was uns beiden einen Rüffel beschert, gefolgt von einer lahmen Entschuldigung.

»Ich sag’s euch, wir fahren direkt auf das Autobahnkreuz zu. Wenn wir Pech haben, fängt der Stau schon vorher an. Wir müssen über die Landstrasse zurück.«

Schon bei der nächsten Gelegenheit steuert Julia entschlossen nach rechts, auf die Ausfahrt zu. Wir sind immer noch ziemlich schnell unterwegs und in der Kurve werden wir hinten im Wagen nach links gedrängt. Bierrot wird von Goons Körpermasse gegen die Wagentür gedrückt und quietscht: »He, du grosser Mops!«, was Goon nicht als Kompliment versteht. Seine Faust landet mitten auf Bierrots Nase, dessen Hände in den Taschen seiner Trainerhose stecken. Sein Kopf prallt gegen die Fensterscheibe. Wenn Julia sich jetzt reflexartig umdreht, ist es mit uns vorbei. Dann macht der VW-Bus eine Todesschwalbe und wir enden als Hackfleisch mit Sosse.

Aber im Gegensatz zu ihren Nerven funktionieren die Reflexe unserer Erzieherin tadellos. Sie begnügt sich mit Gebrüll, das Goon für einen Sekundenbruchteil ablenkt. Bierrot kann sich etwas aufrichten und der zweite Schlag seines Gegners trifft die mit Kieseln gefüllte Brusttasche der Daunenjacke. Der Grimasse Goons nach zu urteilen, wird der dritte Schlag vertagt.

Nach der Autobahnausfahrt halten wir wegen Rot an einer Verkehrsampel. Julia schliesst die Augen, bis hinter uns ein Hupkonzert losgeht. Sie drückt das Gaspedal durch und zeigt den Stinkefinger. Wir fahren fünf Kilometer weiter und halten an einer Tankstelle. Bierrot löst den Sicherheitsgurt und will aussteigen. Julia schüttelt den Kopf.

»Nach den letzten Vorfällen wartet ihr Jungs im Wagen. Kein Wank, verstanden?«

Julia und Pauline verschwinden im Tankstellenshop. Goon klettert über die Sitzlehne nach hinten und plumpst auf die Reisetaschen neben mir. Rabiat stülpt er mir seinen Kopfhörer über die Ohren. Die Musik ist so laut, dass ich vor Schmerz fast aufschreie.

Goon sagt irgendetwas, aber ich kann ihn nicht hören. Ich versuche, ihn mit einem ziellosen Daumenhoch zufriedenzustellen. Bierrot verlässt trotz Ausstiegsverbot den Bus und kommt mir damit unwillkürlich zu Hilfe. Goon nimmt den Kopfhörer sofort zurück und ist wieder sanft wie ein Lamm.

Bierrot kommt nicht weit. Er hat neben einer Zapfsäule einen Eimer mit einer schäumenden Flüssigkeit entdeckt. Er nimmt die darin schwimmende Bürste heraus und beginnt, die Kühlerhaube des Busses zu schrubben. Goon kommt dazu und zeigt auf eine Stelle der Frontscheibe voller zerdrückter Insekten. Mir brummen die Ohren immer noch und die jetzt ausgetauschten Nettigkeiten entgehen mir. Bierrot macht sich gehorsam an die Arbeit, schrubbt immer leidenschaftlicher. Die Bürste verhakt sich in einem Scheibenwischer, der sogleich zur Retro-Fernsehantenne mutiert. Ganz der Handwerker biegt Goon den verrenkten Wischer wieder halbwegs zurecht. Hinter ihm steht Bierrot mit dem vollen Eimer, bereit für den finalen Waschgang. Goon spürt die Gefahr, bückt sich und entgeht der Schaumdusche knapp. Ich sehe Goon schon auf Bierrot eindreschen, doch – wer hätt’s gedacht! – dieser schafft es, Goon abzulenken. Jetzt fährt nämlich ein Mini Cooper mit schottisch gemusterter Karosserie an uns vorbei und Bierrot brüllt einfach: »Auto!« und »Schööön! Find ich gut!«

Inzwischen kehren Julia und Pauline im Eilschritt zurück.