Lucy Sullivan wird heiraten - Marian Keyes - E-Book

Lucy Sullivan wird heiraten E-Book

Marian Keyes

4,5
7,99 €

Beschreibung

Mit absoluter Zielsicherheit gerät Lucy immer wieder an den Falschen. Auch der neue Lover scheint wieder ein absoluter Fehlgriff zu sein, obwohl doch eine Wahrsagerin ihr eine baldige Heirat prophezeit hat. Sollte sie sich geirrt haben? Aber manchmal liegt das Glück zum Greifen nah ...
«Ein herrlich unterhaltender, lockerer und frecher Frauenroman. Über 600 Seiten spannender Lesespaß.»
FÜR SIE

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 866

Bewertungen
4,5 (40 Bewertungen)
27
5
8
0
0



Das Buch

Es gibt nichts Langweiligeres, als jeden Tag in sein Büro zu gehen und dort die Zeit totzuschlagen, sich abends über lästige Mitbewohnerinnen zu ärgern und auf den richtigen Mann zu warten. Das finden jedenfalls Megan, Meredia, Helen und Lucy aus London. Deshalb beschließen sie kurzerhand, sich von einer Wahrsagerin in die Zukunft blicken zu lassen – eine rosige, versteht sich. Doch was als Spaß beginnt, wird plötzlich ernst, als sich die Voraussagen nach und nach tatsächlich bewahrheiten. Nur Lucy kann nicht daran glauben, daß sie binnen eines Jahres heiraten wird. Um so beeindruckter ist sie, als ihr Gus begegnet, ein arbeitsloser Musiker, der zwar an chronischem Geldmangel leidet und dem Alkohol mehr als zugetan ist, in den sich Lucy dennoch Hals über Kopf verliebt. Aber dann stellt sie fest, daß Gus sich von »seiner geliebten Guinness-Göttin« zwar lieb und gern aushalten läßt, ansonsten aber eher durch Unzuverlässigkeit und Bindungsunfähigkeit »glänzt«. Sollte sich das Schiksal doch geirrt haben? Allen gutgemeinten Ratschläge zum Trotz hält Lucy an der Beziehung fest, bis Gus von heute auf morgen von der Bildfläche verschwindet. Erst dann bemerkt sie, daß ihr wirkliches Glück ganz in ihrer Nähe schlummert...

Ein frecher, junger Frauenroman voller Sprachwitz und Selbstironie über das unfreiwillige Single-Leben einer jungen Frau, die erst nach einigem Stolpern ihr Glück findet.

Die Autorin

Marian Keyes wurde 1963 als ältestes von fünf Kindern in Cork (Irland) geboren. Sie studierte Jura, stellte aber rasch fest, daß ihr die Juristerei wenig Spaß machte. 1986 siedelte sie nach London über, wo sie sich mit Gelegenheitsjobs durchschlug und nebenbei einen Abschluß in Buchprüfung machte. Bereits ihr erster Roman »Wassermelone« wurde zum Bestseller. Marian Keyes lebt heute in Dublin.

Inhaltsverzeichnis

Das BuchDie AutorinWidmungKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Kapitel 25Kapitel 26Kapitel 27Kapitel 28Kapitel 29Kapitel 30Kapitel 31Kapitel 32Kapitel 33Kapitel 34Kapitel 35Kapitel 36Kapitel 37Kapitel 38Kapitel 39Kapitel 40Kapitel 41Kapitel 42Kapitel 43Kapitel 44Kapitel 45Kapitel 46Kapitel 47Kapitel 48Kapitel 49Kapitel 50Kapitel 51Kapitel 52Kapitel 53Kapitel 54Kapitel 55Kapitel 56Kapitel 57Kapitel 58Kapitel 59Kapitel 60Kapitel 61Kapitel 62Kapitel 63Kapitel 64Kapitel 65Kapitel 66Kapitel 67Kapitel 68Kapitel 69Kapitel 70Kapitel 71Kapitel 72Kapitel 73Kapitel 74Kapitel 75Kapitel 76Kapitel 77Kapitel 78Kapitel 79Kapitel 80Kapitel 81Kapitel 82Kapitel 83Kapitel 84Kapitel 85EpilogDanksagungCopyright

Für Liam

1

Als mich Meredia daran erinnerte, daß wir vier aus dem Büro am kommenden Montag zur Wahrsagerin wollten, schlug mir der Schreck heftig auf den Magen.

»Du hast es also vergessen«, sagte sie vorwurfsvoll, wobei ihre Fettbäckchen wabbelten. Das stimmte.

Sie schlug mit der flachen Hand auf ihren Schreibtisch und sagte mit Nachdruck: »Sag jetzt bloß nicht, daß du nicht mitfährst.«

»Unsinn«, flüsterte ich. Genau das hatte ich gerade vorgehabt. Allerdings nicht etwa, weil ich mir nicht wahrsagen lassen wollte – im Gegenteil, das war ja meist ganz lustig. Vor allem wenn man mir vorhersagte, daß an der nächsten Ecke mein Traummann auf mich wartete, war das jedesmal umwerfend komisch. Manchmal lachte sogar ich darüber.

Aber ich war pleite. Trotz des Monatsersten sah es auf meinem Konto wüst und leer aus, denn kaum war mein Gehalt überwiesen, hatte ich ein Vermögen für Aromatherapie-Öle ausgegeben, die mich angeblich verjüngen, vitalisieren und beleben würden.

Und mich in den Bankrott treiben würden, nur stand das nicht auf der Packung. Vermutlich wäre ich dann ja so verjüngt, vitalisiert und belebt, daß mir das nichts weiter ausmachen würde.

Ich begriff recht schnell, daß ich zwei Wochen auf mein Mittagessen würde verzichten müssen, als mich Meredia an meine freiwillig eingegangene Verpflichtung erinnerte, einer Frau dreißig Pfund dafür zu zahlen, daß diese mir dann sagen konnte, ich würde eine Reise über das Wasser antreten und sei selbst durchaus übersinnlich begabt.

»Ich weiß nicht recht, ob ich mir das leisten kann«, gab ich besorgt zu bedenken.

»Du kannst jetzt nicht einfach kneifen!« donnerte Meredia. »Mrs. Nolan gibt uns Rabatt. Wenn du nicht mitkommst, müssen wir anderen mehr zahlen.«

»Wer ist eigentlich diese Mrs. Nolan?« fragte Megan mißtrauisch und hob den Blick vom Bildschirm ihres Computers, auf dem gerade Solitär lief. Eigentlich hatte sie die Aufgabe festzustellen, welche Kunden schon über einen Monat mit der Zahlung im Rückstand waren.

»Sie liest aus Tarot-Karten«, sagte Meredia.

»Wie kann sie da bloß Mrs. Nolan heißen?« fragte Megan.

»Sie ist Irin«, gab Meredia zurück.

»Das meine ich nicht!« Ärgerlich warf Megan ihr schimmerndes Blondhaar zurück. »Ich meine, wie kann sich eine Zukunftsdeuterin ›Mrs. Nolan‹ nennen? Madame Zora oder irgendwas in der Art wäre viel besser. ›Mrs. Nolan‹ ist doch lachhaft. Wie sollen wir ihr da auch nur ein Wort glauben?«

»Aber so heißt sie nun mal«, sagte Meredia gekränkt.

»Und warum hat sie ihren Namen nicht geändert?« hakte Megan nach. »Soweit ich weiß, sind Namensänderungen hierzulande ganz einfach. Stimmt doch, Meredia, oder wie auch immer?«

Eine vielsagende Pause trat ein. »Oder sollte ich ›Coral‹ sagen?« fuhr Megan triumphierend fort.

»Nein, sollst du nicht«, sagte Meredia. »Ich heiße Meredia.«

»Klar«, sagte Megan mit unüberhörbarem Sarkasmus.

»Wirklich!« brauste Meredia auf.

»Dann zeig uns doch mal deine Geburtsurkunde«, forderte Megan sie heraus.

Es gab nicht viel, worin Megan und Meredia einer Meinung waren. Ganz besonders galt das für Meredias Vornamen. Megan war eine nüchterne Australierin, der niemand so schnell etwas vormachte. Seit sie vor drei Monaten als Aushilfe zu uns gekommen war, behauptete sie immer wieder, Meredia heiße in Wahrheit nicht Meredia. Vermutlich hatte sie recht. Zwar konnte ich Meredia gut leiden, aber der Name hörte sich auch für mich irgendwie behelfsmäßig und wackelig an, so, als hätte man ihn aus einem alten Eierkarton zusammengeschustert. Aber im Unterschied zu Megan konnte ich gut damit leben.

»›Coral‹ heißt du also bestimmt nicht?« Megan entnahm ihrer großen Umhängetasche ein Notizbüchlein und strich etwas durch.

»Nein«, sagte Meredia bockig.

»Schön. Damit wäre der Buchstabe C abgehakt. Kommen wir also zum D. Daphne? Deirdre? Dolores? Denise? Diana? Dinah?«

»Halt den Rand!« fauchte Meredia. Sie schien den Tränen nahe.

Mit den Worten »Schluß jetzt« legte Hetty Megan freundlich eine Hand auf den Arm, wie das so ihre Art war. Zwar wirkte sie damenhaft, ganz höhere Tochter, aber sie war umgänglich und konnte hochgehende Wogen glätten. Weswegen man mit ihr natürlich nie richtig Spaß hatte, aber bekanntlich ist niemand vollkommen.

Daß Hetty eine höhere Tochter war, merkte man gleich. Nicht nur, weil sie aussah wie ein Pferd, sondern auch weil sie sich grauenhaft kleidete. Obwohl sie erst um die Fünfunddreißig war, trug sie entsetzliche Tweedröcke und geblümte Kleider, die verdächtig nach Familienerbstück aussahen. Nie kaufte sie sich etwas Neues zum Anziehen – leider, da es zu den wichtigsten Gemeinschaftserlebnissen der Büroangestellten gehörte, zur Schau zu stellen, was sie nach dem Zahltag beim Sturm auf Principles, einen von Londons besseren Klamottenläden, erbeutet hatten.

»Hoffentlich verpißt sich die blöde australische Kuh bald«, flüsterte Meredia Hetty zu.

»Sicher dauert es nicht mehr lange«, beschwichtigte Hetty sie. Dann sagte sie etwas, was man nur aus dem Munde höherer Töchter hört, nämlich »Kopf hoch«.

»Wann hörst du hier auf?« wandte sich Meredia an Megan.

»Sobald ich wieder bei Kasse bin, meine Dicke«, antwortete diese.

Bei ihrer großen Europa-Tour war ihr das Geld ausgegangen. Sowie sie wieder genug zusammen hatte, wollte sie, wie sie uns immer wieder wissen ließ, weiter nach Skandinavien oder Griechenland reisen – vielleicht aber auch in die Pyrenäen oder in den Westen Irlands.

Bis dahin mußten Hetty und ich die furchterregenden, aber regelmäßigen Streitereien zwischen ihr und Meredia schlichten.

Diese Feindseligkeit hing meiner festen Überzeugung nach weitgehend damit zusammen, daß die hochgewachsene und braungebrannte Megan im Unterschied zur dicken kleinen Meredia blendend aussah. Die eine beneidete die andere um ihre Schönheit, und wurde von dieser wiederum wegen ihrer Körperfülle verachtet. Wenn Meredia keine Klamotten fand, die ihr paßten, knurrte Megan, statt wie wir anderen mitfühlend zu seufzen: »Mach lieber ’ne Abmagerungskur, statt rumzujammern, alter Fettsack!«

Diesen Rat beherzigte Meredia nicht, statt dessen sorgte sie dafür, daß Autofahrer auf der Straße vor Schreck das Steuer herumrissen, wo immer sie auftauchte. Sie dachte nicht daran, über ihren beachtlichen Umfang mit Längsstreifen und gedeckten Tönen hinwegzutäuschen, sondern sie unterstrich ihn auch noch bewußt, indem sie unendlich viele Stoffschichten um sich drapierte. Sie steckte die textilen Hektar, die endlosen Meter Samt mit Nadeln fest, verknotete und schlang sie, verankerte sie mit Broschen, verknüpfte sie mit Tüchern und arrangierte das Ganze nach dem Grundsatz, daß es gar nicht bunt genug sein konnte. So leuchteten an ihr Karmesin- und Zinnoberrot, grelles Orange, Feuerrot und Magenta.

Und erst ihr Haar! Meredia hatte den sonst unter Sozialarbeiterinnen verbreiteten Hang zu Henna.

»Entweder sie oder ich«, knurrte sie jetzt, während sie rachsüchtig zu Megan hinübersah. Aber das waren nur leere Drohungen. Meredia arbeitete schon ziemlich lange in unserem Büro. Wenn man ihren Worten glaubte, war sie schon ewig da, in Wahrheit waren es rund acht Jahre. Während all der Zeit war es ihr nie gelungen, eine andere Anstellung zu finden, und sie war auch nie befördert worden. Letzteres schob sie verbittert auf den ›Schlankheitsfimmel der Unternehmensleitung‹. Dabei war nicht zu übersehen, daß in unserer Firma eine Unzahl dicklicher Männer auf kürzestem Wege alle herausgehobenen Positionen erreichte.

Auf jeden Fall gab ich, Schwächling, der ich war, Meredia ohne große Gegenwehr nach. Ich brachte es sogar fertig, mich davon zu überzeugen, daß es gut für mich sei, kein Geld zu haben – es konnte meinem unaufhörlichen Bemühen abzunehmen nur gut tun, daß ich zwei Wochen lang ohne Mittagessen auskommen mußte.

Außerdem erinnerte mich Meredia an etwas, das ich vergessen hatte.

»Du hast gerade mit Steven Schluß gemacht«, sagte sie. »Du mußt also sowieso zu einer Wahrsagerin.«

Zwar gab ich das nicht gern zu, aber eigentlich hatte sie damit recht. Nachdem ich gemerkt hatte, daß Steven nicht der Mann meiner Träume war, konnte es nur eine Frage der Zeit sein, bis ich auf übersinnlichem Wege zu erkennen versuchte, wer mein Traummann sein könnte. So gingen meine Freundinnen und ich die Sache an, auch wenn wir uns dabei hauptsächlich amüsierten und keine von uns einer Wahrsagerin glaubte. Jedenfalls hätten wir das nie zugegeben.

Armer Steven. Was für eine Enttäuschung er gewesen war, vor allem, wenn man bedenkt, wie verheißungsvoll alles angefangen hatte. Er hatte großartig ausgesehen – jedenfalls in meinen Augen. Er war mir mit seinem eigentlich eher durchschnittlich guten Aussehen, den blonden Locken, der schwarzen Lederhose und der Harley wie ein Adonis vorgekommen. Für mich war er wild, gefährlich und unbekümmert – was sonst? Was ist ein Motorrad und eine schwarze Lederhose, wenn nicht die Uniform eines wilden, gefährlichen und unbekümmerten Mannes?

Natürlich war ich überzeugt gewesen, bei ihm nicht die Spur einer Chance zu haben. Nie im Leben würde sich ein Mann, der aussah wie er und um den sich die Frauen bestimmt rissen, für ein so alltägliches Geschöpf wie mich interessieren.

An mir war wirklich nichts Besonderes. Jedenfalls sah ich ziemlich durchschnittlich aus, hatte ganz gewöhnliche dunkelbraune, gelockte Haare und gab so viel Geld für dubiose Anti-Kraushaar-Mittel aus, daß es wahrscheinlich die Verwaltungskosten ungeheuer vermindert hätte, wenn ich mein Gehalt gleich an die Drogerie in der Nähe meiner Arbeitsstelle hätte überweisen lassen. Ich hatte ganz gewöhnliche braune Augen und als Strafe dafür, daß ich als Kind irischer Eltern zur Welt gekommen war, etwa acht Millionen Sommersprossen  – eine für jeden Iren, der bei der großen Hungersnot im 19. Jahrhundert umgekommen war, wie mein Vater immer sagte, wenn ihn der Alkohol rührselig gemacht hatte und er von der »alten Heimat« anfing.

Doch trotz meiner Durchschnittlichkeit war Steven mit mir ausgegangen und hatte so getan, als gefiele ich ihm. Anfangs hatte ich kaum verstanden, warum so ein knackiger Typ wie er mit mir etwas zu tun haben wollte.

Natürlich hatte ich ihm kein Wort geglaubt. Wenn er sagte, daß ich die Einzige in seinem Leben sei, nahm ich an, daß er log; wenn er behauptete, ich sei hübsch, suchte ich gleich nach dem Haken und überlegte, was er bei mir damit wohl erreichen wollte.

Es machte mir nicht mal was aus, denn ich hielt es für normal, wenn man mit einem Mann wie Steven zusammen war.

Es dauerte eine ganze Weile, bis ich herausgefunden hatte, daß er es tatsächlich ernst meinte und nicht allen Frauen dasselbe sagte.

Also hatte ich mich versuchsweise dazu durchgerungen, mich darüber zu freuen, war aber in Wirklichkeit verwirrt gewesen. Ich war eigentlich sicher, daß er insgeheim ein Doppelleben führte und ich von seinem anderen Leben nichts wissen durfte. Vielleicht fuhr er mitten in der Nacht mit dem Motorrad ans Meer, um am Strand wildfremde Frauen zu vernaschen, und dergleichen. Er sah danach aus. Ich hatte eine kurzlebige Affäre erwartet, bei der es voll Leidenschaft wie auf der Achterbahn auf und ab ging; eine Affäre, in der ich mit zum Reißen angespannten Nerven auf seine Anrufe wartete und vor Begeisterung außer mir sein würde, wenn er tatsächlich anrief.

Aber er hatte immer genau dann angerufen, wenn er es versprochen hatte, und er hatte auch immer gesagt, ich sähe toll aus, ganz gleich, was ich anhatte. Doch statt darüber glücklich zu sein, hatte ich mich unbehaglich gefühlt. Obwohl ich genau das bekam, was ich mir gewünscht hatte, kam es mir sonderbarerweise so vor, als wäre ich zu kurz gekommen.

Er fing an, mich zu sehr zu mögen.

Eines Morgens, als ich aufwachte, sah er, auf die Ellbogen gestützt, auf mich herab. »Du bist wunderschön«, murmelte er. Es hörte sich so falsch an.

Wenn wir miteinander im Bett waren, wiederholte er voll Leidenschaft und wie im Fieber Millionen von Malen: »Lucy, Lucy, o Gott, Lucy.« Ich versuchte mitzumachen und auch wie im Fieber und voll Leidenschaft zu sein, kam mir dabei aber nur blöd vor.

Je mehr er mich zu mögen schien, desto weniger ertrug ich ihn, bis ich schließlich in seiner Gegenwart kaum noch atmen konnte.

Seine Hymnen und seine Bewunderung erstickten und erdrückten mich. Unwillkürlich dachte ich, daß ich so gut nicht aussah, und wenn er das behauptete, konnte das nur bedeuten, daß mit ihm irgend etwas nicht in Ordnung war.

»Warum magst du mich?« hatte ich ihn immer wieder gefragt.

»Du bist schön« oder »Du bist sexy« oder »Du bist eine tolle Frau« waren seine widerlichen Antworten gewesen.

»Bin ich nicht«, hatte ich verzweifelt zurückgegeben. »Wie kannst du so was sagen?«

»Man könnte annehmen, daß du dich mit Gewalt herabsetzen willst«, hatte er mit zärtlichem Lächeln gesagt.

Vermutlich hatte mir diese Zärtlichkeit den Rest gegeben. Sein zärtliches Lächeln, seine zärtlichen Blicke, seine zärtlichen Küsse und Liebkosungen, all diese Zärtlichkeit waren der reinste Alptraum.

Und immer fummelte er an mir herum – es war zum Verrücktwerden.

Wo wir gingen und standen, hielt er mit mir Händchen, stellte stolz zur Schau, daß ich »seine« Freundin war. Im Auto legte er mir die Hand auf den Schenkel, und beim Fernsehen lag er fast auf mir. Immer machte er sich an mir zu schaffen, streichelte meinen Arm, liebkoste mein Haar oder fuhr mir über den Rücken, bis ich es nicht mehr aushielt und ihn fortstieß.

Schließlich nannte ich ihn nur noch die Klette, und ganz zum Schluß sagte ich es ihm sogar ins Gesicht.

Es war so weit gekommen, daß ich mir am liebsten die Haut abgezogen hätte, sobald er mich anfaßte, und der Gedanke, mit ihm ins Bett zu gehen, hatte mir Übelkeit verursacht.

Eines Tages hatte er gesagt, er würde gern einen riesengroßen Garten und einen Haufen Kinder haben. Das hatte das Faß zum Überlaufen gebracht, und ich hatte auf der Stelle Schluß mit ihm gemacht.

Mir war völlig unverständlich, wieso ich ihn anfangs so anziehend gefunden hatte, denn inzwischen konnte ich mir auf der ganzen Welt keinen abstoßenderen Mann vorstellen als ihn. Er hatte immer noch das blonde Haar, die Lederhose und das Motorrad, aber darauf fiel ich nicht mehr herein.

Ich verachtete ihn, weil er mich so sehr mochte und fragte mich, wie er sich mit so wenig zufriedengeben konnte.

Keine meiner Freundinnen verstand, warum ich mit ihm Schluß gemacht hatte. »Er war doch so nett«, sagte die eine. »Er war doch so gut zu dir«, erklärte eine andere. »Er war doch ein wirklich guter Fang«, empörten sie sich. Darauf gab ich zur Antwort: »War er nicht. Einen guten Fang macht man nicht so einfach.« Er hatte mich enttäuscht.

Wo ich Respektlosigkeit erwartet hatte, stieß ich auf Ergebenheit. Wo ich Untreue vermutet hatte, war er voll Bindungswillen, und wo ich mit einem Aufruhr der Gefühle gerechnet hatte, stieß ich auf Voraussagbarkeit. Vor allem aber (und das enttäuschte mich am meisten) hatte ich mit einem Wolf gerechnet, und bekommen hatte ich ein Lamm.

Es nimmt eine Frau ziemlich mit, wenn sich der nette Bursche, den sie wirklich mag, als verlogener Mistkerl entpuppt, der sie nach Strich und Faden betrügt. Aber fast ebenso schlimm ist es, wenn sich der Bursche, den sie für einen unbeständigen Frauenhelden gehalten hat, als unkompliziert und nett erweist.

Einige Tage lang hatte ich über die Frage nachgegrübelt, wieso ich ausgerechnet die Kerle mochte, die nicht nett zu mir waren. Warum konnte ich nicht die Netten mögen?

Würde ich jeden Mann verachten, der mich je gut behandelte? War es mein Schicksal, nur solche zu wollen, die mich nicht wollten?

Ich war mitten in der Nacht aufgewacht und hatte mir Gedanken über meine Selbstachtung gemacht. Warum ging es mir nur gut, wenn man mich schlecht behandelte?

Dann wurde mir klar, daß der Grundsatz »Wenn du zum Weibe gehst, vergiß die Peitsche nicht« schon ziemlich lang Bestand hatte. Ich ergab mich drein – schließlich stellte nicht ich die Regeln auf.

Wenn nun mein idealer Mann selbstsüchtig, zuverlässig, untreu, anhänglich, liebevoll und unbeständig war, mich auf Händen trug, nie anrief, wenn er es versprochen hatte, mir das Gefühl verschaffte, die wunderbarste Frau im Universum zu sein und zugleich bei all meinen Freundinnen zu landen versuchte? War es meine Schuld, daß ich einen Mann wollte, der mehrere, sich komplett widersprechende Eigenschaften vereinte?

2

Zwischen dem Ruf einer Wahrsagerin und der Erreichbarkeit ihres Hauses schien eine direkte Beziehung zu bestehen. Allgemein galt die Regel: je abgelegener und abweisender das Anwesen, desto zuverlässiger die Voraussagen.

Das konnte nur bedeuten, daß Mrs. Nolan einfach erstklassig sein mußte, denn sie wohnte in einem scheußlichen Vorort weit außerhalb Londons. Er war so schlecht zu erreichen, daß wir mit Hettys Wagen hinfuhren.

»Warum können wir nicht den Bus nehmen?« fragte Megan, als Hetty erklärte, wir müßten uns die Benzinkosten teilen.

»Da draußen fahren keine Busse mehr«, sagte Meredia unbestimmt.

»Warum nicht?« wollte Megan wissen.

»Einfach so«, sagte Meredia.

»Warum?« Ich war beunruhigt.

»Es hat ’nen... Zwischenfall... gegeben«, murmelte Meredia. Mehr war aus ihr nicht herauszubekommen.

Am Montagnachmittag um Punkt fünf standen Megan, Meredia und ich auf der Treppe vor dem Bürogebäude und warteten auf Hetty. Sie holte ihren Wagen, den sie ein paar Kilometer weiter geparkt hatte, weil das mitten in London nicht anders geht, und wir stiegen ein.

»Laßt uns diesen verwunschenen Ort verlassen«, sagte eine von uns. Ich weiß nicht mehr wer, denn wir sagten das jeden Tag zum Feierabend. Wahrscheinlich war es nicht Hetty.

Die Fahrt war ein Alptraum. Stundenlang standen wir im Stau oder fuhren durch gesichtslose Vororte, bis wir eine Autobahn erreichten. Nachdem wir noch einmal ewig lange gefahren waren, gelangten wir schließlich über eine Ausfahrt in eine Siedlung mit Sozialwohnungen – und was für eine!

Da ich mit meinen beiden Brüdern (Christopher Patrick Sullivan und Peter Joseph Mary Plunkett Sullivan, wie meine glühend katholische Mutter sie genannt hatte) in einer Sozialwohnung aufgewachsen war, kann ich es mir erlauben, sozialen Wohnungsbau und seine Unmenschlichkeit zu kritisieren, ohne daß mir jemand eine scheißliberale Haltung vorwerfen dürfte. Bei uns hatte es nicht annähernd so nach Weltuntergang ausgesehen wie dort, wo Mrs. Nolan lebte. Zwei gewaltige graue Wohnblocks erhoben sich wie Wachttürme über Hunderten von Häuschen, die wie elende graue Schuhkartons aussahen. Ein paar herrenlose Hunde streunten umher – auf der halbherzigen Suche nach jemandem, den sie beißen konnten.

Es gab keinerlei Grün, weder Bäume noch Büsche, noch Gras.

Ein Stück weiter lag eine kleine Ladenzeile aus Betonbauten. Außer bei einem Fisch-Imbiß, einem Wettbüro und einem Schnapsladen waren alle Fenster mit Brettern vernagelt. Wahrscheinlich hat mir meine überschäumende Phantasie in der Abenddämmerung einen Streich gespielt, aber ich hätte schwören können, daß ich vor dem Fisch-Imbiß vier Gestalten auf Pferden herumlungern sah. So weit, so gut. Offenbar war Mrs. Nolan noch besser, als ich inzwischen zuzugeben bereit war.

»Großer Gott«, sagte Megan und verzog voll Abscheu das Gesicht. »Was für eine Müllkippe!«

»Nicht wahr?« gab Meredia mit stolzem Lächeln zurück.

Inmitten all des Graus lag ein kleines Fleckchen Erde, das die Stadtplaner vermutlich als üppig begrünte Oase vorgesehen hatten, in der lachende Familien im Sonnenschein spielen würden. Allerdings sah es ganz so aus, als wüchse dort schon lange kein Gras mehr.

Im Zwielicht konnten wir eine Gruppe von etwa fünfzehn Kindern erkennen, die sich dort zusammengerottet hatten. Sie drängten sich um etwas, das verdächtig nach einem ausgebrannten Auto aussah.

Trotz der bitteren Kälte des Märzabends trug keins von ihnen einen Mantel (nicht einmal die üblichen Parkas). Kaum hatten sie unser Auto erspäht, unterbrachen sie ihr vermutlich ungesetzliches Treiben und kamen laut brüllend auf uns zugerannt.

»Mein Gott!« rief Hetty. »Verriegelt bloß die Türen!«

Alle vier Schließknöpfe rasteten ein, während sich die Kinder um den Wagen drängten und uns mit ihren alten und wissenden Augen durchdringend anstarrten.

Das Furchterregende ihres Anblicks wurde noch dadurch gesteigert, daß ihre Gesichter ganz schwarz verschmiert waren. Auch wenn es wahrscheinlich nur Öl oder Ruß von dem ausgebrannten Autowrack war, sah es aus wie eine Kriegsbemalung.

Sie redeten durcheinander.

»Was wollen sie?« fragte Hetty völlig verängstigt.

»Ich nehme an, sie fragen, ob wir zu Mrs. Nolan wollen«, sagte ich zweifelnd.

Ich kurbelte das Fenster einige Millimeter herunter und hörte aus dem Gewirr der Kinderstimmen heraus, daß tatsächlich genau das ihre Frage war.

»Puh! Die Eingeborenen sind also nicht feindselig!« sagte Hetty mit erleichtertem Lächeln, wischte sich mit theatralischer Geste imaginären Schweiß von der Stirn und atmete tief auf.

»Red du mit ihnen, Lucy.« Unsicher öffnete ich das Fenster noch ein Stück weiter.

»Äh... wir wollen zu Mrs. Nolan«, sagte ich. Ein wildes Durcheinander schriller Stimmen ertönte.

»Da wohnt sie.«

»Das da hinten ist ihr Haus.«

»Sie können den Wagen hierlassen.«

»Da steht ihr Haus.«

»Da drüben.«

»Ich zeig es Ihnen.«

»Nein, ich.«

»Nein, ich zeig es.«

»Nein, ich zeig es.«

»Aber ich hab sie zuerst gesehen.«

»Du hattest die letzten.«

»Leck mich, Cherise Tiller.«

»Leck du mich, Claudine Hall.«

Während vier oder fünf der kleinen Mädchen haßerfüllt miteinander stritten, saßen wir im Wagen und warteten darauf, daß sie aufhörten.

»Laß uns aussteigen.« Megans Stimme klang gelangweilt. Wer ihr Angst machen wollte, mußte mehr aufbieten als einen Haufen halbwilder Kinder, die sich auf dem Bürgersteig balgten. Sie öffnete die Tür und stieg über einige von ihnen hinweg. Hetty und ich folgten ihr.

Kaum hatte Hetty den Wagen verlassen, als ein dürres, drahtiges Mädchen mit dem Gesicht einer fünfunddreißigjährigen Falschspielerin sie am Mantel zupfte. »He, ich und meine Freundin passen auf euer Auto auf«, versprach sie.

Ihre Freundin, noch dürrer und kleiner als sie, nickte stumm. Sie sah aus wie ein mißgestimmter Affe.

»Danke«, sagte Hetty und versuchte sie abzuschütteln. Auf ihrem Gesicht stand das blanke Entsetzen.

»Wir passen auf, daß ihm nichts passiert«, sagte die verhutzelte Kleine, ohne Hettys Mantel loszulassen. Diesmal klang es eine Spur drohender.

»Gib ihnen ’n bißchen Geld«, sagte Megan ungeduldig. »Darauf wollen sie hinaus.«

»Ich bitte dich«, sagte Hetty empört. »Ich denke nicht daran. Das ist glatte Erpressung.«

»Willst du, daß dein Wagen noch Räder hat, wenn du zurückkommst?« wollte Megan wissen.

Die Kleine und ihr Affe warteten mit verschränkten Armen geduldig auf das Ende des Palavers. Da jetzt eine vernünftige und allem Anschein nach mit den Gesetzen der Straße vertraute Frau wie Megan die Sache in die Hand genommen hatte, würde das Ergebnis zu ihrer Zufriedenheit ausfallen.

»Da«, sagte ich und gab der fünfunddreißigjährigen Kleinen ein Pfund. Finster nickend nahm sie es.

»Können wir jetzt endlich gehen, um uns die Zukunft voraussagen zu lassen?« fragte Megan ungeduldig. Während der Verhandlung mit den Kindern hatte die dicke Meredia feige im Auto gehockt. Erst als sie langsam verschwanden, arbeitete sie sich heraus.

Kaum sahen die kleinen Satansbraten sie, kamen sie zurückgerannt. In dieser Umgebung tauchte wohl nicht oft eine rothaarige Frau von hundertfünfzehn Kilo auf, die von Kopf bis Fuß in zur Haarfarbe passenden leuchtendroten Pannesamt gehüllt war. Eine solche Gelegenheit verstanden die Kinder zu nützen, bot sie doch für einen Abend kostenlose Unterhaltung und Gelegenheit zu Spott und Hohn.

Das kreischende Gelächter aus dem Mund dieser Kinderfratzen ließ einem das Blut in den Adern gefrieren. Ihre Kommentare reichten von »Geil! Hast du schon mal so’n fettes Weib gesehen?«, »Geil! Die läuft ja mit Mamis Vorhängen rum!« über »Leck mich! Das ist ja widerlich!« bis hin zu »Saugeil! Wo bleiben die Boote von Greenpeace?«

Mit blutrotem Gesicht schleppte sich die arme Meredia über die kurze Strecke zu Mrs. Nolans Haustür, während ein ganzer Schwarm hämisch lachender und Beleidigungen ausstoßender Kinder sie teils umtanzte, teils hinter ihr herlief – ganz, als wäre sie der Rattenfänger von Hameln. Es war für sie wohl so etwas wie Karneval oder wie wenn der Zirkus kommt. Hetty, Megan und ich bildeten um Meredia einen schützenden Ring und versuchten halbherzig, die Kinder zu verscheuchen.

Dann sahen wir Mrs. Nolans Haus. Man konnte es nicht verfehlen.

Es hatte eine Klinkerfassade, Doppelfenster und vor der Haustür einen kleinen verglasten Windfang. An allen Fenstern hingen mit Spitzen verzierte Stores und kunstvoll geraffte bunte Vorhänge. Auf den Fensterbänken drängte sich allerlei Nippes: Porzellanpferde, gläserne Hunde, Messingkrüge und kleine pelzige Gestalten auf winzigen hölzernen Schaukelstühlchen. Diese Zeichen offenkundigen Wohlstands hoben das Haus von allen anderen in der Nachbarschaft ab. In der Kartenlegerinnen-Zunft schien Mrs. Nolan eine Art Superstar zu sein.

»Klingel schon«, forderte Hetty Meredia auf.

»Klingel du«, sagte Meredia.

»Aber du warst zuerst da«, sagte Hetty.

»Ich mach’s schon«, seufzte ich und drückte auf den Knopf.

Als in der Diele die ersten Takte von Greensleaves ertönten, begannen Megan und ich zu kichern. Meredia drehte sich mit wütendem Blick um.

»Reißt euch gefälligst zusammen!« zischte sie uns zu. »Mrs. Nolan ist Spitze! Sie ist die beste von allen.«

»Sie kommt, o Gott, sie kommt«, flüsterte Hetty aufgeregt, als hinter der Milchglasscheibe des Windfangs eine schattenhafte Gestalt sichtbar wurde. Hetty kam nicht viel unter Leute.

»Gott im Himmel, laß dir mal ’n bißchen den Wind der großen Welt um die Nase wehen!« sagte Megan verächtlich.

Die Tür öffnete sich, und statt einer geheimnisvoll-exotischen, düsteren Frau, der man die übersinnlichen Kräfte schon von weitem ansah, stand da ein mißmutig dreinblickender junger Mann.

Ein kleines Kind mit schmutzigem Gesicht spähte zwischen seinen Beinen hervor.

»Ja?« sagte er und musterte uns. Seine Augen weiteten sich leicht entsetzt, als er Meredias Erscheinung mit all ihrem schrillen Rot in sich aufgenommen hatte.

Keine sagte ein Wort. Mit einem Mal waren wir alle von Mittelschicht-Gehemmtheit befallen – sogar ich. Dabei war ich ein Arbeiterkind.

Hetty stieß sacht Meredia an, diese stupste Megan mit dem Ellbogen, und Megan stupste mich.

»Sag was«, flüsterte Hetty.

»Nein, du«, knurrte Meredia.

»Nun?« fragte der gereizt wirkende Mann erneut. Es klang nicht besonders einladend.

»Ist Mrs. Nolan zu Hause?« fragte ich.

Er warf mir einen argwöhnischen Blick zu und beschloß dann, daß man mir trauen könne.

»Sie hat zu tun«, knurrte er.

»Was?« fragte Megan ungeduldig.

»Sie nimmt ihren Tee«, sagte er.

»Könnten wir nicht drinnen warten?« fragte ich.

»Wir sind angemeldet«, unterstützte mich Meredia.

»Wir hatten einen weiten Weg«, erklärte Hetty.

»Ein Stern aus dem Osten ist uns vorangezogen«, kicherte Megan von hinten. Alle drei drehten wir uns mit mißbilligendem Blick zu ihr um.

»’tschuldigung«, murmelte sie.

Der junge Mann wirkte angesichts der Mißachtung, die man seiner Mutter, Großmutter oder was auch immer Mrs. Nolan für ihn sein mochte, entgegenbrachte, tödlich beleidigt und machte Anstalten, die Tür zu schließen.

»Bitte nicht«, bat Hetty. »Es tut ihr leid.«

»Ja, tut es«, sagte Megan munter. Es klang nicht die Spur so, als ob sie es ernst meinte.

»Na schön«, sagte er widerwillig und ließ uns in die winzige Diele eintreten. Sie bot kaum Platz für uns vier.

»Warten Sie hier«, sagte er und ging nach nebenan. Dem Rauch, dem Klirren von Teetassen und dem Geruch von Bratfett nach zu urteilen, der uns umwehte, als er die Tür öffnete, war es die Küche.

So dicht waren die Wände der Diele mit Bildern, Barometern, Wandbehängen und Hufeisen bestückt, daß kaum ein Fleckchen frei blieb. Als sich Meredia kaum merklich umdrehte, fiel das Photo einer sehr großen Familie von der Wand. Sie bückte sich, um es aufzuheben und fegte dabei mit ihrem Hintern zehn weitere Bilder zu Boden.

Wir mußten ewig lange warten, ohne daß sich jemand um uns kümmerte, während Gesprächsfetzen und Gelächter durch die geschlossene Tür zu uns drangen.

»Ich komm um vor Hunger«, sagte Megan.

»Ich auch«, erklärte ich. »Was die wohl essen?«

»Das ist doch blöd«, sagte Megan. »Kommt, laßt uns gehen.«

»Wartet bitte noch einen Augenblick«, sagte Meredia. »Sie ist ausgezeichnet, wirklich.«

Schließlich beendete Mrs. Nolan ihren Nachmittagstee und gesellte sich zu uns. Bei ihrem Anblick überkam mich Enttäuschung  – weder ein rotes Kopftuch noch ein goldener Ohrring war zu sehen.

Sie trug einen beigefarbenen Pullover, eine Trainingshose und als Krönung Hausschuhe. Und sie war geradezu zwergenhaft! Ich bin wahrhaftig nicht besonders groß, aber sie reichte mir kaum bis zur Hüfte.

»Wer macht den Anfang?« fragte sie munter und geschäftsmäßig mit Dubliner Zungenschlag.

Meredia ging als erste mit ihr hinein. Ihr folgte Hetty, und dann ich. Megan wollte bis zum Schluß warten, um zu sehen, ob wir anderen der Ansicht waren, daß sich die Ausgabe lohnte.

3

Dann war ich an der Reihe. Ich kam kaum weiter als bis zur Tür des Zimmers, das den Nolans als ›gute Stube‹ zu dienen schien, so voll war es mit Möbeln und allerlei Einrichtungsgegenständen. Neben einer riesigen Mahagoni-Anrichte, die sich unter der Last weiterer Nippessachen förmlich bog, stand ein reich verziertes Kamin-Schutzgitter. Wohin das Auge fiel, überall standen Fußbänkchen und Beistelltischchen. Dann fiel mein Blick auf eine mit braunem Samt bezogene dreiteilige Sitzgarnitur, von der noch nicht einmal die durchsichtigen Plastiküberzüge abgenommen waren.

In einem dieser Sessel saß Mrs. Nolan und bedeutete mir, mich ihr gegenüberzusetzen.

Während ich mich zu dem mir angebotenen Sessel vorarbeitete, merkte ich, daß ich nervös und aufgeregt wurde. Zwar sah Mrs. Nolan eher wie eine Frau aus, die sich am wohlsten fühlte, wenn sie Hettys Küchenfußboden schrubbte, doch sie mußte sich ihren großartigen Ruf als Wahrsagerin ja irgendwie erworben haben. Was kommt da auf mich zu? überlegte ich. Was sie mir wohl sagen wird?

»Nehmen Sie Platz, meine Liebe«, sagte sie. Ich setzte mich ganz vorn auf den Rand des plastiküberzogenen Sessels.

Sie sah mich an. Abschätzend? Voll Weisheit?

Dann sprach sie. Prophetische Worte? Unheilschwangere Botschaften?

»Sie haben einen langen Weg hinter sich, meine Liebe«, sagte sie.

Ich fuhr ein wenig zusammen. Ich hatte nicht damit gerechnet, daß sie ohne Umschweife zur Sache kommen würde. Außerdem hatte sie ins Schwarze getroffen! Tatsächlich war es von meiner Kindheit in der Sozialwohnung in Uxbridge zu meinem gegenwärtigen Leben ein langer Weg gewesen. »Ja«, stimmte ich zögernd zu. Ihre Klarsichtigkeit beeindruckte mich.

»War der Verkehr schlimm, meine Liebe?«

»Der was? Äh... ach... der Verkehr? Nein, eigentlich nicht«, brachte ich heraus.

Ach so. Sie hatte nur geplaudert und noch gar nicht mit dem Kartenlesen angefangen. Wie enttäuschend. Na ja. »Tja, meine Liebe«, seufzte sie. »Wenn die je mit der verdammten Umgehungsstraße fertig werden, wäre das wirklich ein Wunder. Zur Zeit sind die Staus so lang, daß man nachts nicht schlafen kann.«

»Äh, ja«, sagte ich.

Irgendwie schien mir eine Unterhaltung über Straßenverkehr und Staus nicht angemessen.

Dann aber kam sie zur Sache. »Kugel oder Karten?« fragte sie mich.

»W... wie bitte?«

»Kugel oder Karten? Die Kristallkugel oder die Tarotkarten?«

»Ach so! Mal sehen. Was ist der Unterschied?«

»’n Fünfer.«

»Nein, ich meinte... Schon gut. Bitte die Karten.«

»Wie Sie wünschen«, sagte Mrs. Nolan und begann, den Packen mit der Fingerfertigkeit eines Pokerspielers auf einem Mississippidampfer zu mischen.

»Jetzt Sie, meine Liebe«, sagte sie und gab mir die Karten. »Achten Sie aber darauf, daß sie nicht zu Boden fallen.«

Wahrscheinlich bedeutet das Unglück, dachte ich fachkundig.

»Ich hab’s nämlich im Kreuz«, erklärte sie. »Und der Arzt hat mir das Bücken verboten.« Dann forderte sie mich auf: »Stellen Sie sich selbst eine Frage, meine Liebe. Die Karten werden sie Ihnen beantworten. Stellen Sie sie nicht mir, meine Liebe. Ich brauch das nicht zu wissen«, – eine kleine Pause, bedeutungsschwerer Blickkontakt – »meine Liebe.«

Ich hätte alle möglichen Fragen stellen können, wie beispielsweise, ob man je etwas Entscheidendes gegen den Hunger auf der Welt unternehmen oder ein Mittel gegen Aids finden würde, ob es auf der Welt Frieden geben oder ob man imstande sein würde, das Ozonloch zu reparieren. Aber erstaunlicherweise beschloß ich zu fragen, ob ich irgendwann einen netten Mann kennenlernen würde. Merkwürdig, oder?

»Haben Sie sich für eine Frage entschieden, meine Liebe?« fragte sie und nahm mir die Karten wieder ab.

Ich nickte. Mit flinken Fingern verteilte sie Karten aus dem Stapel auf den Tisch. Ich kannte keins der Bilder, fand aber nicht, daß sie besonders vielversprechend aussahen. Viele der abgebildeten Gestalten schienen Schwerter zu tragen, was bestimmt nichts Gutes bedeuten konnte. »Ihre Frage betrifft einen Mann, meine Liebe?« fragte sie. Nicht einmal mich beeindruckte das.

Immerhin war ich eine junge Frau und hatte nur wenige Sorgen. Na ja, eigentlich waren es ziemlich viele. Aber gewöhnlich geht die durchschnittliche junge Frau ausschließlich aus zwei Gründen zur Wahrsagerin – sie will etwas über ihre Aussichten im Beruf oder über ihr Liebesleben erfahren. Was die Aussichten im Beruf angeht, würde sie die Sache wahrscheinlich selbst in die Hand nehmen – zum Beispiel mit ihrem Chef ins Bett gehen. Also blieb nur noch das Liebesleben. »Ja«, antwortete ich lustlos. »Es betrifft einen Mann.«

»Sie hatten Unglück in der Liebe, meine Liebe«, sagte sie mitfühlend. Auch davon ließ ich mich nicht beeindrucken.

Ja, ich hatte Pech in der Liebe gehabt. Aber man zeige mir eine Frau, für die das nicht zutrifft.

»In Ihrer Vergangenheit gibt es einen blonden Mann, meine Liebe«, sagte sie.

Vermutlich meinte sie damit Steven. Andererseits, in der Vergangenheit welcher Frau gibt es keinen blonden Mann? »Er war nicht der Richtige für Sie, meine Liebe«, fuhr sie fort.

»Danke«, sagte ich eine Spur verärgert. Das hatte ich selbst schon gemerkt.

»Verschwenden Sie keine Tränen an ihn, meine Liebe«, riet sie.

»Keine Sorge.«

»Denn es gibt einen anderen, meine Liebe«, fuhr sie fort und schenkte mir ein breites Lächeln.

»Tatsächlich?« fragte ich entzückt und beugte mich näher zu ihr. Dabei quietschte der Plastiküberzug unter meinen Oberschenkeln. »Jetzt wird es interessant.«

»Ja«, sagte sie und betrachtete aufmerksam die Karten. »Ich sehe eine Hochzeit.«

»Wirklich?« fragte ich. »Wann?«

»Bevor das Laub zum zweiten Mal gefallen ist, meine Liebe.«

»Wie bitte?«

»Bevor die vier Jahreszeiten eineinhalbmal um sind«, sagte sie.

»Entschuldigung, ich versteh immer noch nicht ganz, was Sie meinen«, erklärte ich.

»In gut einem Jahr«, sagte sie kurz angebunden. Es klang ein wenig mürrisch. Ich war etwas enttäuscht. In gut einem Jahr würde es Winter sein, und ich hatte immer davon geträumt, im Frühling zu heiraten, jedenfalls bei den wenigen Gelegenheiten, da ich mir überhaupt vorstellte, daß ich heiraten würde. »Ein bißchen später ginge es nicht?« fragte ich.

»Meine Liebe«, sagte sie scharf. »Auf diese Dinge habe ich keinen Einfluß. Ich bin nur Übermittlerin der Botschaft.«

»Verzeihung«, murmelte ich.

»Sagen wir sicherheitshalber bis zu achtzehn Monaten«, räumte sie ein, ein wenig freundlicher.

»Danke«, sagte ich. Das fand ich ausgesprochen entgegenkommend. Ich würde also heiraten. Großartig. Vor allem, wo ich schon zufrieden gewesen wäre, einen Freund zu haben.

»Ich frage mich, wer das sein könnte.«

»Sie müssen vorsichtig sein, meine Liebe«, teilte sie mir mit. »Möglicherweise erkennen Sie ihn nicht gleich als den, der er ist.«

»Heißt das, daß ich ihm beim Maskenball begegne?«

»Nein«, sagte sie bedeutungsvoll. »Möglicherweise scheint er Ihnen am Anfang nicht der zu sein, der er ist.«

»Ach so, Sie meinen, daß er mir was vormacht«, sagte ich. Ich hatte begriffen. »Das ist schon in Ordnung. Warum sollte er anders sein als die anderen?« Ich lachte.

Mrs. Nolan schaute mich verdrießlich an. »Nein, meine Liebe«, sagte sie gereizt. »Ich will damit sagen, daß Sie darauf achten müssen, Cupido seine Aufgabe nicht zu erschweren, indem Sie mit Scheuklappen durchs Leben gehen. Vielleicht erkennen Sie selbst, wer dieser Mann ist. Dann müssen Sie ihn mit klarem und furchtlosem Blick ansehen. Es ist möglich, daß er kein Geld hat, aber deshalb dürfen Sie ihn nicht demütigen. Es ist möglich, daß er nicht besonders gut aussieht, dann dürfen Sie ihn deshalb nicht herabsetzen.«

Großartig, dachte ich. Ich hätte es mir denken können! Ein mißgestalteter Sozialhilfeempfänger.

»Ich verstehe«, sagte ich. »Er ist also arm und häßlich.«

»Nein, meine Liebe«, sagte Mrs. Nolan und gab in ihrer Verzweiflung die geheimnisvolle Sprechweise auf. »Ich will damit lediglich sagen, daß er möglicherweise nicht Ihren bisherigen Vorstellungen entspricht.«

»Ach so«, sagte ich. Das hätte sie doch gleich sagen können statt ihrem »mit klarem und furchtlosem Blick ansehen«.

»Wenn mich also Jason mit seinen siebzehn Jahren, all seinen Pickeln und der schrecklich weiten Hose am Fotokopierer anquatscht«, fuhr ich fort, »und mich zu einer Drogenparty einlädt, darf ich ihm also nicht ins Gesicht lachen und ihm sagen, er soll sich zum Teufel scheren.«

»So ungefähr, meine Liebe«, sagte Mrs. Nolan. Es klang zufrieden. »Die Blume der Liebe kann an den unerwartetsten Orten aufblühen, und Sie müssen bereit sein, sie zu pflücken.«

»Ich verstehe«, nickte ich.

Trotzdem müßte es mir schon ziemlich schlecht gehen, ehe Jason bei mir auch nur die kleinste Chance hätte. Das aber brauchte Mrs. Nolan nicht zu wissen.

Sofern sie ihr Geld wert war, wußte sie es ohnehin bereits. Rasch wies sie auf verschiedene Karten und stieß abgehackte Sätze hervor – ein Hinweis darauf, daß sich die Séance ihrem Ende näherte. »Sie werden drei Kinder bekommen, zwei Mädchen und einen Jungen, meine Liebe« und »Sie werden nie Geld haben, aber glücklich sein, meine Liebe«, und »Sie haben eine Feindin am Arbeitsplatz. Sie neidet Ihnen Ihren Erfolg.« Darüber mußte ich – ein wenig bitter – lachen. Auch sie hätte gelacht, wenn sie gewußt hätte, wie unbedeutend und schrecklich meine Arbeit war.

Dann ließ sie eine Pause eintreten. Erneut sah sie auf die Karten, dann wieder auf mich. Ihr Gesicht nahm einen besorgten Ausdruck an.

»Sie haben unter einer Wolke gelebt, meine Liebe«, sagte sie gedehnt. »Es war etwas Düsteres und Trauriges.«

Mit einem Mal hatte ich zu meinem Entsetzen einen Kloß im Hals. Meine gelegentlichen depressiven Anfälle stellte ich mir in der Tat immer als dunkle Wolke vor. Es war nicht die übliche Art von depressiven Anflügen, bei denen es darum ging, daß ich gern den Wildlederrock hätte, den ich gesehen hatte – obwohl ich auch an ihnen litt. Doch seit meinem siebzehnten Lebensjahr hatte ich richtige Depressionen.

Ich nickte, da ich kaum ein Wort herausbrachte. »Ja«, flüsterte ich schließlich.

»Sie tragen das schon seit vielen Jahren mit sich herum«, sagte sie gelassen und sah mich verständnisvoll und teilnahmsvoll an.

»Ja«, flüsterte ich erneut und spürte, wie mir die Tränen in die Augen stiegen.

»Sie haben das fast ganz allein mit sich herumgetragen«, sagte sie sanft.

»Ja.« Während ich nickte, merkte ich, wie mir langsam eine Träne über die Wange lief. Großer Gott! Es war entsetzlich! Eigentlich waren wir gekommen, um uns zu amüsieren, und jetzt hatte diese mir völlig fremde Frau in die tiefsten Winkel meiner Seele geblickt und mich an einer Stelle getroffen, die nur wenige Menschen je erreicht hatten.

»’tschuldigung«, schniefte ich und fuhr mir mit der Hand über das Gesicht.

»Schon gut, meine Liebe«, sagte sie und gab mir aus einer Schachtel, die erkennbar zu diesem Zweck auf dem Tisch stand, ein Papiertaschentuch. »Das passiert immer wieder.«

Sie wartete einige Augenblicke, während ich mich faßte, und begann dann erneut zu sprechen.

»Alles in Ordnung?«

»Ja.« Schnief. »Danke.«

»Das kann besser werden, meine Liebe. Aber Sie dürfen sich nicht vor Menschen verstecken, die Ihnen ihre Hilfe anbieten. Wie könnten die Ihnen helfen, wenn Sie ihnen keine Möglichkeit dazu geben?«

»Ich weiß nicht, was Sie meinen«, murmelte ich.

»Möglich«, stimmte sie mir freundlich zu. »Aber ich hoffe, Sie werden es erkennen.«

»Danke«, schniefte ich. »Sie waren sehr freundlich. Danke auch für die Sache mit dem Heiraten und so weiter. Das hat mir gutgetan.«

»Keine Ursache, meine Liebe«, sagte sie aufgeräumt. »Das macht dreißig Pfund.«

Ich bezahlte und erhob mich von dem quietschenden Plastiküberzug.

»Alles Gute, meine Liebe. Würden Sie die nächste junge Dame hereinschicken?«

»Wer ist dran?« fragte ich mich laut. »Ach so, Megan, nicht wahr?«

»Megan!« rief Mrs. Nolan aus. »Ein wunderschöner Name. Bestimmt kommt sie aus Wales.«

»Nein, aus Australien«, lächelte ich. »Noch mal vielen Dank. Auf Wiedersehen.«

»Wiederseh’n, meine Liebe«, sagte sie mit einem Lächeln und nickte. Ich trat wieder in die winzige Diele, wo mich die drei anderen mit Fragen bestürmten. »Und?«, »Was hat sie gesagt?« und »War es das Geld wert?« (Das war Megan.)

»Ach doch«, sagte ich zu Megan. »Du solltest wirklich reingehen.«

»Aber nur, wenn ihr alle versprecht, erst zu erzählen, wenn ich wieder da bin«, forderte sie uns auf. »Ich will nichts verpassen.«

»Wenn es sein muß«, seufzte ich.

»Alte Egoistin«, knurrte Meredia.

»Reiß dich zusammen, Specki«, zischte Megan.

4

Als Megan etwa zwanzig Minuten später lächelnd herauskam, war es Zeit, in die Kälte und die Dunkelheit zurückzukehren, um zu sehen, was die kleinen Teufel mit Hettys Wagen angestellt hatten.

»Es wird ja wohl alles in Ordnung sein?« sorgte sich die Ärmste und strebte im Laufschritt ihrem Auto entgegen.

»Das will ich hoffen«, bekräftigte ich, während ich mit ihr Schritt zu halten versuchte. Das meinte ich durchaus ernst, waren doch die Möglichkeiten, auf andere Weise zurückzukehren, äußerst dürftig.

»Wir hätten nie herkommen sollen«, sagte sie. Es klang niedergeschlagen.

»Doch, unbedingt«, sagte Megan munter. »Ich fand es klasse.«

»Ich auch«, sagte Meredia, die sich im Abstand von etwa fünfzehn Metern hinter uns herwälzte.

So unglaublich es klingt, dem Wagen fehlte nichts.

Kaum waren wir um die Ecke gebogen, als das kleine Mädchen, das auf ihn aufpassen sollte, wie aus dem Nichts auftauchte. Ich weiß nicht, welche Art drohenden Blick sie Hetty zuwarf, doch griff diese sofort in die Handtasche und fischte noch ein paar Pfundmünzen heraus, die sie ihr gab.

Wir sahen keins der anderen Kinder. Wohl aber hörten wir sie ganz in der Nähe heulen und kreischen. Glas splitterte.

Als wir aus der Siedlung hinausfuhren, kamen wir an einer Gruppe von ihnen vorüber. Sie machten sich an einem Wohnmobil zu schaffen. Vermutlich zerlegten sie es in seine Bestandteile.

»Müssen die eigentlich nie ins Bett?« fragte Hetty besorgt, von ihrer ersten Begegnung mit einem Ghetto sichtlich entsetzt. »Ich meine, wo sind ihre Eltern? Was tun die? Man muß doch was dagegen unternehmen können?«

Unser Anblick begeisterte die Kinder sichtlich. Als sich ihnen unser Auto näherte, begannen sie zu lachen, zu rufen, zu gestikulieren und herumzublödeln. Es war deutlich zu sehen, daß ihre besondere Aufmerksamkeit nach wie vor Meredia galt. Drei oder vier der Jungen brachten es fertig, eine ganze Weile neben dem Wagen herzulaufen, wobei sie lachten und Grimassen schnitten, bis wir sie schließlich abhängen konnten.

Als wir zu guter Letzt den Straßengören entkommen waren, entspannten wir uns zusehends. Es wurde Zeit für die Nachbesprechung unseres Besuchs bei Mrs. Nolan. Wir alle vier waren ein wenig gereizt. Jede wollte wissen, was die anderen ›gekriegt‹ hatten – wie kleine Mädchen, die vergleichen, was sie in ihrer Wundertüte gefunden haben. »Was hast du? Zeig es mir! Sieh mal, was ich hab!«

Meredia und Megan wetteiferten darin, ihre Geschichte zu erzählen. Der Lärm im Wagen war ohrenbetäubend.

»Sie hat gewußt, daß ich aus Australien komme, ohne daß ich es ihr sagen mußte«, meldete sich Megan aufgeregt. »Und sie hat gesagt, daß bei mir was auseinandergeht, daraus aber Gutes entsteht und ich glänzend damit zurechtkomme, wie mit allem.« Die letzten Worte klangen ein wenig selbstgefällig.

»Das könnte heißen, daß es Zeit ist, weiterzureisen«, fuhr sie fort. »Auf jeden Fall sieht es ganz so aus, als brauchte ich es nicht mehr lange bei euch trüben Tassen auszuhalten.«

»Mir hat sie gesagt, daß ich zu Geld komme«, sagte Meredia glückstrahlend.

»Gut«, sagte Hetty. Ihre Stimme klang sonderbar verdrießlich. »Dann kannst du mir ja die zwanzig Pfund zurückgeben, die du mir schuldest.«

Mir fiel auf, daß Hetty stiller war als sonst. Sie beteiligte sich nicht an der allgemeinen Heiterkeit und Aufgekratztheit und steuerte konzentriert ihren Wagen.

Saß der höheren Tochter die hautnahe Berührung mit Unterschichtkindern noch in den Knochen? Oder war es etwas anderes?

»Was hat sie dir gesagt, Hetty?« fragte ich ein wenig besorgt. »Ist es womöglich was Schlimmes?«

»Ja«, sagte sie leise. Es klang, als sei sie den Tränen nahe.

»Was denn? Was hat sie gesagt?« fragten wir durcheinander und näherten unsere Gesichter dem ihren, begierig, die Prophezeiung furchtbarer Ereignisse zu hören: Unglück, Krankheit, Tod, finanzieller Ruin, explodierende Gasboiler im Badezimmer, fällige Hypotheken, die nicht zurückgezahlt werden konnten – was auch immer.

»Sie hat gesagt, ich würde schon bald meiner großen Liebe begegnen«, sagte Hetty mit tränenerstickter Stimme.

Mit einem Mal schwiegen wir alle. O Gott, das war in der Tat schlimm. Die arme Hetty!

Es ist für eine verheiratete Frau mit zwei Kindern mehr als beunruhigend, zu erfahren, daß ihr die große Liebe begegnen wird.

»Sie sagt, ich würde mich richtig in ihn verknallen«, erklärte uns Hetty schluchzend. »Ist das nicht entsetzlich? In unserer Familie hat es noch nie eine Scheidung gegeben. Und was ist mit Marcus und Montague? (Möglicherweise hat sie auch »Troilus und Tristan« oder »Cecil und Sebastian« gesagt.) »Sie leiden auch so schon unter dem Leben im Internat, da können sie gut auf die Blamage verzichten, daß ihre Mutter dem Vater durchbrennt.«

»Ach je«, sagte ich voll Mitgefühl. »Aber das war doch sicher nicht ernst gemeint. Bestimmt kommt es gar nicht so weit.«

Darauf flossen Hettys Tränen nur um so heftiger. »Aber warum soll ich meiner großen Liebe nicht begegnen? Ich möchte ihn ja kennenlernen.«

Megan, Meredia und ich tauschten entsetzte Blick. Grundgütiger Gott! Das war ja höchst außergewöhnlich. Sollte die sonst so vernünftige und ruhige Hetty – ich würde sogar so weit gehen, sie phantasielos zu nennen –, eine Art Nervenzusammenbruch erlitten haben?

»Warum kann ich nicht auch mal Spaß haben? Warum soll ich es mein Leben lang bei meinem langweiligen Dick aushalten?« wollte sie wissen.

Bei jedem »Ich«, das sie sagte, schlug sie mit der Faust auf das Lenkrad, so daß der Wagen auf die andere Fahrbahn geriet. Rings um uns wurde gehupt, aber Hetty schien nichts davon zu merken.

Ich war verblüfft. Schon seit zwei Jahren arbeiteten wir zusammen, und ich meinte sie recht gut zu kennen, auch wenn wir nicht unbedingt Busenfreundinnen waren.

Im Wagen trat verblüfftes Schweigen ein. Meredia, Megan und ich schluckten eine Weile und überlegten, womit wir Hetty trösten könnten. Es fiel uns aber nichts ein.

Hetty selbst rettete die Situation. Nicht umsonst war eine um vierzehn Ecken mit ihr verwandte Cousine dritten Grades Hofdame bei der Königin. Außerdem hatte sie ein immens teures Mädchenpensionat besucht und dabei gelernt, wie man heikle Situationen in der Öffentlichkeit überspielt. »Tut mir leid«, sagte sie. Mit einem Schlag schien sie wieder die alte Hetty zu sein. Die Fassade höflicher, vornehmer, gefaßter Distanz war wieder an Ort und Stelle. »Tut mir leid, Kinder«, sagte sie noch einmal. »Entschuldigt bitte.«

Sie räusperte sich und setzte sich aufrecht hin, ein Hinweis darauf, daß die Sache für sie erledigt war. Das Thema ›Dick der Langweiler‹ eignete sich nicht dazu, vor aller Welt durchgehechelt zu werden.

Eigentlich schade. Schon immer hatte ich Genaueres über ihn wissen wollen. Ehrlich gesagt, schien er über alle Maßen langweilig zu sein. Das allerdings galt, und ich meine das auf die denkbar wohlwollendste Weise, auch für Hetty selbst.

Munter fragte sie mich nun: »Und was hat Mrs. Nolan dir vorhergesagt?« Auf diese Weise lenkte sie die letzten verbleibenden Reste von Aufmerksamkeit von sich ab.

»Mir?« fragte ich gedehnt. »Sie hat gesagt, daß ich heirate.«

Wieder trat Schweigen ein. Wieder waren alle wie vor den Kopf geschlagen.

Megans, Meredias und Hettys Ungläubigkeit ließ sich beinahe mit Händen greifen. Es war so, als befände sich eine fünfte Person im Wagen. Wenn sie nicht aufpaßte, würde sie sich noch an den Benzinkosten beteiligen müssen.

»Tatsächlich?« fragte Hetty. Aus ihrem Munde klang das Wort so, als hätte es sechzehn Silben.

»Du sollst heiraten?« rief Megan aus. »Das hat sie gesagt?«

»Ja«, sagte ich trotzig. »Was ist daran so erstaunlich?«

»Eigentlich nichts«, meinte Meredia freundlich, »abgesehen davon, daß du bei Männern bisher nicht gerade großes Glück hattest.«

»Was natürlich nicht deine Schuld war«, beeilte sich Hetty taktvoll hinzuzufügen. In Taktfragen machte ihr so schnell niemand etwas vor.

»Jedenfalls hat sie das gesagt«, entgegnete ich mürrisch.

So recht fiel ihnen nichts darauf ein, und die Unterhaltung kam erst wieder in Gang, als wir erneut zivilisierte Gefilde erreichten. Ich stieg als erste aus, weil ich nahe dem Hyde Park wohnte, in Ladbroke Grove. Bevor die Tür des Wagens ins Schloß fiel, hörte ich noch, daß Meredia den anderen erklärte, Mrs. Nolan habe gesagt, ihr stehe eine Reise über das Wasser bevor und sie sei selbst übersinnlich begabt.

5

Ich teilte mir die Wohnung mit zwei anderen jungen Frauen. Karen war achtundzwanzig, Charlotte dreiundzwanzig, und ich sechsundzwanzig. Wir alle waren einander ein schlechtes Vorbild und brachten viel Zeit damit zu, angebrochene Weinflaschen auszutrinken und das Bad nicht gründlich zu putzen.

Als ich hereinkam, schliefen die beiden schon. Gewöhnlich gingen wir montagabends früh ins Bett, um uns von den Exzessen des Wochenendes zu erholen.

Karen hatte für mich einen Zettel auf den Küchentisch gelegt, auf dem stand, daß Daniel angerufen hatte. Daniel war ein guter Freund, doch ich hätte mich auch dann nicht näher mit ihm eingelassen, wenn der Fortbestand der Menschheit davon abhängig gewesen wäre. Das vermittelt einen ungefähren Eindruck von der Rolle, die Männer in meinem Leben spielten.

Sie kamen darin nur in kleinen Dosen vor, sozusagen als Männer light.

Daniel war wirklich großartig. In meinem Leben kamen und gingen Männer (und wie sie gingen), aber ich konnte mich stets darauf verlassen, daß Daniel da war und mir mit Macho-Sprüchen von der Art auf die Nerven ging, daß ihm ein kürzerer und engerer Rock lieber wäre.

Er sah auch gar nicht schlecht aus. Jedenfalls hörte ich das von den anderen, eigentlich von all meinen Freundinnen. Sogar mein Freund Dennis, der schwul war, sagte, er würde Daniel nicht einmal dann aus dem Bett werfen, wenn er dort Kartoffelchips futtern würde. Wenn Karen ans Telefon ging und er am Apparat war, machte sie immer ein Gesicht, als hätte sie einen Orgasmus. Manchmal kam Daniel zu uns in die Wohnung. Dann legten sich, sobald er gegangen war, Karen und Charlotte an die Stelle des Sofas, auf der er gesessen hatte, wälzten sich hin und her und gaben ekstatische Laute von sich.

Ich verstand nicht, was das ganze Getue sollte. Weil Daniel und mein Bruder Chris Freunde waren, kannten wir uns sozusagen aus dem Sandkasten. Ich kannte ihn einfach viel zu gut, als daß ich etwas hätte mit ihm anfangen wollen. Das galt auch umgekehrt, ganz nebenbei.

Schon möglich, daß es früher einmal eine Zeit gegeben hatte, in der Daniel und ich uns bei einer Platte von Duran Duran verlegen angelächelt und erwogen hatten, miteinander zu knutschen. Das mußte aber ein paar tausend Lichtjahre her sein. Es war aber auch möglich, daß es nicht so war. Jedenfalls konnte ich mich nicht erinnern, je etwas in dieser Richtung für ihn empfunden zu haben. Ich habe das nur vermutet, weil mir in der Gefühlsverwirrung, aus der die Jahre meines Heranwachsens bestanden hatten, fast jeder gefallen hatte.

Es war für alle Beteiligten unbedingt das beste, daß Daniel und ich nichts voneinander wollten, denn andernfalls hätte sich Chris die Mühe machen müssen, Daniel zu verprügeln, um die Ehre seiner Schwester zu retten. Ich aber wollte niemanden in Schwierigkeiten bringen.

Karen und Charlotte beneideten mich – völlig grundlos – um meine Beziehung zu Daniel.

Immer wieder schüttelten sie verwundert den Kopf und sagten: »Du Glückspilz! Wie bringst du es bloß fertig, so locker mit ihm umzugehen? Wie schaffst du es, lustig zu sein und ihn zum Lachen zu bringen? Mir fällt bei ihm nie was ein.«

Aber das war leicht, weil ich nichts für ihn empfand. Wenn ich jemanden richtig gern hatte, geriet ich in Panik, stieß Sachen um und begann Gespräche mit Aussagen wie »Hast du dich je gefragt, wie es ist, ein Heizkörper zu sein?«

Ich sah auf den Zettel, den Karen für mich hingelegt hatte – es war sogar ein kleiner Fleck darauf, an den sie »Sabber« geschrieben hatte – und überlegte, ob ich Daniel anrufen sollte oder nicht. Besser nicht. Vielleicht war er schon im Bett. Ich meine, nicht allein.

Der Teufel mochte Daniel und sein aktives Geschlechtsleben holen. Ich wollte mit ihm reden.

Mrs. Nolans Worte hatten mich nachdenklich gemacht. Es ging nicht um das, was sie über mich und das Heiraten gesagt hatte – so blöd war ich nicht, daß ich das ernst nehmen würde. Aber ihre Äußerung darüber, daß ich unter einer dunklen Wolke lebte, hatte mich an meine Depressionen erinnert und daran, wie entsetzlich sie gewesen waren. Natürlich hätte ich Karen und Charlotte wecken können, aber das ließ ich lieber bleiben. Ganz abgesehen davon, daß sie sauer reagieren würden, wenn ich sie für etwas anderes als eine improvisierte Party aus dem Schlummer riß, wußten sie auch nichts von meinen Depressionen.

Natürlich wußten sie, daß ich manchmal sagte, ich wäre deprimiert. Dann fragten sie: »Aber warum nur?«, und ich erzählte ihnen etwas von einem untreuen Freund oder einem schlechten Tag im Büro oder daß mir der Rock vom letzten Sommer nicht mehr paßte, und sie quollen über vor Mitgefühl.

Aber sie wußten nicht, daß ich manchmal richtige Depressionen bekam. Daniel hingegen war das als einem der ganz wenigen Menschen außerhalb meiner Familie bekannt.

Deswegen schämte ich mich ja auch so. Die einen hielten Depressionen für eine Geisteskrankheit und folglich mich für verrückt. Sie nahmen an, man müsse ganz langsam mit mir sprechen und mir am besten aus dem Wege gehen. Andere, und das war die Mehrzahl, vermuteten, Depressionen gebe es in Wahrheit gar nicht, es handele sich dabei um eine Art neurotischer Einbildung, eine neuzeitliche Version des altväterlichen »Nervenleidens«. Sie übersetzten sich das als »sie tut sich ohne jeden Grund leid«, nahmen an, ich würde wie eine Heranwachsende ständig zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt hin und her schwanken und es sei höchste Zeit, daß sich das änderte. Dazu mußte ich mich lediglich »zusammenreißen«, »mich nicht so wichtig nehmen« und »Sport treiben«.

Diese Haltung konnte ich sogar verstehen, denn irgendwann ist jeder mal deprimiert. Das gehört zum Leben, zum alltäglichen Auf und Ab.

Manche Menschen litten wegen Geldsachen an Depressionen (weil sie nicht genug Geld hatten, nicht etwa, weil das Geld schlecht in der Schule war oder in letzter Zeit ziemlich hohlwangig aussah). Schwerwiegendes geschah – Beziehungen gingen in die Brüche, Arbeitsplätze wurden gestrichen, Fernsehgeräte gaben ihren Geist auf, wenn die Garantie zwei Tage abgelaufen war, und so weiter und so weiter – und die Leute fühlten sich deswegen elend.

All das wußte ich. Aber die Depression, die ich hatte, war nicht eine gelegentliche Niedergeschlagenheit von der Art oder eine der Phasen, die Holly Golightly in Frühstück bei Tiffany durchmachte – obwohl ich die auch hatte, und das zu allem Überfluß ziemlich regelmäßig. Das allerdings ging vielen Leuten so, vor allem, wenn sie gerade eine Woche lang ziemlich getrunken und kaum geschlafen hatten. Aber diese Niedergeschlagenheit und diese düsteren Phasen waren ein Kinderspiel verglichen mit den unerbittlichen schwarzen Dämonen, die mich von Zeit zu Zeit heimsuchten, um in meinem Kopf Kreuzigung zu spielen.

Meine Depression war nichts Gewöhnliches. 0 nein, es handelte sich um die Super-Luxus-Ausführung, das Spitzenmodell mit allen Schikanen, bei dem aber auch nichts fehlte.

Allerdings merkte man das nicht gleich, wenn man mich kennenlernte. Mir ging es nicht immer elend. Im Gegenteil, oft war ich munter, umgänglich und amüsant. Selbst wenn ich mich entsetzlich fühlte, gab ich mir große Mühe, mir das nicht anmerken zu lassen. Erst wenn es so schlimm wurde, daß ich es nicht mehr vor den anderen verheimlichen konnte, verzog ich mich für ein paar Tage oder eine ganze Woche ins Bett und wartete, daß es aufhörte. Das tat es auch jedesmal, früher oder später.

Am allerschlimmsten war übrigens meine erste Depression gewesen, in dem Sommer, als ich die Schule verlassen hatte. Damals war ich siebzehn und hatte mich aus irgendeinem Grund – von all den auf der Hand liegenden Gründen einmal abgesehen – auf die Vorstellung versteift, daß die Welt ein Jammertal ist, in dem man sich einsam fühlt und man so ungerecht behandelt wird, daß es einem das Herz bricht.

Mich deprimierte, was Menschen in den entlegensten Winkeln der Erde widerfuhr, Menschen, die ich weder kannte noch vermutlich je kennenlernen würde. Meist fühlte ich mich ihretwegen deprimiert, weil sie an Hunger oder einer Seuche starben, oder weil ihnen während eines Erdbebens das Haus über dem Kopf zusammenfiel.

Bei jeder Radio- oder Fernsehnachricht heulte ich – ob es um Autounfälle ging, um Hungersnöte, Kriege, Sendungen über Aids-Opfer, Geschichten von Müttern, die starben und kleine Kinder hinterließen, Berichte über mißhandelte Ehefrauen, Interviews mit Männern, die zu Tausenden ihren Arbeitsplatz im Bergbau verloren hatten und wußten, daß sie nie wieder Arbeit finden würden, obwohl sie erst vierzig waren, Zeitungsartikel über sechsköpfige Familien, die von lachhaften fünfzig Pfund pro Woche leben mußten, oder um Bilder von vernachlässigten Eseln. Sogar die lustigen Einsprengsel am Ende von Nachrichtensendungen von der Art, daß ein Hund Rad fährt oder »Würstchen« sagt, ließen mich voll Schmerz zusammenzucken, denn mir war klar, daß es nur eine Frage der Zeit war, bis der Hund sterben würde.

Eines Tages hatte ich auf dem Gehweg in der Nähe unseres Hauses einen blau-weißen Kinderfäustling gefunden, und der Kummer, den er in mir auslöste, war nahezu unerträglich. Die Vorstellung, daß eine winzige halberfrorene Hand oder der andere Fäustling so ganz allein ohne sein Gegenstück sein mußte, war in mir so lebendig gewesen, daß ich jedesmal, wenn ich den Handschuh sah, heiße Tränen vergoß und an meinem Schluchzen fast erstickt wäre.

Nach einer Weile ging ich nicht mehr aus dem Haus, und bald darauf verließ ich auch das Bett nicht mehr. Es war grauenvoll. Ich hatte den Eindruck, persönlich in Berührung mit jedem bißchen Kummer auf der Welt zu stehen. Es kam mir vor, als hätte ich ein Sorgen-Internet im Kopf, und jedes Trauer-Atom, das je existiert hatte, würde durch mich hindurchgeleitet, bevor man es verpackte und in die Außenbezirke transportierte. Ich sah mich als eine Art zentraler Lagerstätte für Elend.

Meine Mutter nahm die Sache in die Hand und verhängte mit der Tüchtigkeit eines vom Staatsstreich bedrohten Despoten eine vollständige Nachrichtensperre über mich. Ich durfte nicht mehr fernsehen, was zum Glück zeitlich damit zusammenfiel, daß wir gerade wieder einmal pleite waren – wahrscheinlich ging es um versäumte Ratenzahlungen – und der Gerichtsvollzieher verschiedene Einrichtungsgegenstände mitgenommen hatte – darunter den Fernseher. Ich hätte also ohnehin nicht fernsehen können.

Wenn meine Brüder abends nach Hause kamen, hatte meine Mutter sie an der Haustür gefilzt, bevor sie hineindurften und ihnen jede Zeitung abgenommen, die sie womöglich hineinschmuggeln wollten.

Allerdings bedeutete für mich der von ihr verhängte Ausschluß von den Medien keinen Unterschied. Ich besaß die bewundernswerte Gabe, in wirklich allem und jedem eine Tragödie zu sehen – wie unbedeutend es auch immer sein mochte. So brachte ich es fertig loszuheulen, wenn ich in der Gartenzeitschrift, die mir als einziger Lesestoff noch erlaubt war, einen Artikel über kleine Blumenzwiebeln entdeckte, die bei einem Februarfrost eingegangen waren.