Beschreibung

Dave Adams gilt als eiskalt und höchst professionell. Er ist Staatsanwalt mit Leib und Seele und bekommt immer, was er will – bis er Susana begegnet. Sie ist das Tabu, das er nicht brechen darf. Susana hat sich im Auftrag der Mafia als Maulwurf in die New Yorker Staatsanwaltschaft eingeschleust. Sie braucht das zusätzliche Geld, um für sich und ihre kleine Schwester zu sorgen. Dave kommt ihr auf die Schliche und ein gefährliches Katz-und-Maus-Spiel beginnt. Der attraktive Staatsanwalt hat die Rechnung jedoch ohne Susanas Temperament gemacht. Sie ist wie ein Stück Schokolade: Kaum hat er von ihr gekostet, kann er nicht mehr aufhören. Doch der Prozess um den Mafiaboss hängt wie ein Damoklesschwert über ihnen. Susana muss eine Entscheidung treffen: Soll sie ihren Auftrag zu Ende bringen und damit Dave für immer verlieren, oder an ihren Gefühlen festhalten und damit ihrer aller Leben aufs Spiel setzen?   Sexy, mitreißend und romantisch – der neue Liebesroman von Bestsellerautorin Karin Lindberg.   Der Roman ist in sich abgeschlossen und gehört nicht zu einer Serie. Die eBook-Ausgabe entspricht ca. 240 Taschenbuchseiten.

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Seitenzahl: 316

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Lügen, Liebe, lange Beine

Karin Lindberg

Liebesroman

Lektorat: Dorothea Kenneweg

Korrektorat: Martina König

Covergestaltung: Madalina Graphic Design - www.madalina-graphic-design.jimdo.com

Covermotiv: © shutterstock.com

Copyright © Karin Lindberg 2018

Erstausgabe Januar 2018

www.karinlindberg.info

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Alle Rechte vorbehalten.

Jede Verwertung oder Vervielfältigung dieses Buches – auch auszugsweise – sowie die Übersetzung dieses Werkes ist nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin gestattet. Handlungen und Personen im Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Weitere Informationen unter www.karinlindberg.info

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Prolog

Mit klopfendem Herzen schob Susana den Aktenwagen durch die New Yorker Staatsanwaltschaft. Hier und da brannte noch vereinzelt eine Lampe, zu dieser späten Stunde war kaum noch jemand im Büro. Das war gut so, denn sie musste um jeden Preis verhindern, aufzufallen. Tagsüber war das kein Problem, als Praktikantin nahm ohnehin niemand Notiz von ihr – jetzt, mitten in der Nacht, sah das anders aus. Es würde Fragen aufwerfen, wenn jemand sie bei ihrem Vorhaben entdeckte.

Ihre Hände wurden feucht beim Gedanken daran, was alles passieren konnte, wenn sie aufflog. Nein, rief sie sich zur Ruhe. Niemand wird dich sehen, bisher ist immer alles gut gegangen. Und auch dieses Mal würde sie unentdeckt bleiben. Das war ihr letzter, aber auch lukrativster Auftrag, vielleicht lagen Susanas Nerven deshalb dermaßen blank. Verstohlen blickte sie sich um, ehe sie in den Kopierraum abbog, und atmete erleichtert auf, als sie niemanden erspähen konnte.

Ein zischendes Geräusch ließ sie zusammenzucken, Susana schnellte herum.

Mein Gott, stöhnte sie. Nur eine durchgebrannte Neonröhre. Sie schüttelte den Kopf und atmete tief durch, ehe sie weiterging. Hastig schob sie den Aktenwagen in den kleinen Kopierraum. Hier war die Luft zwar abgestanden und stickig, aber in dem Raum ohne Fenster fühlte sie sich komischerweise sicher. Sie fächelte sich Luft zu und nahm sich einen Augenblick, um ihren rasenden Herzschlag zu beruhigen. Alles wird gut, machte sie sich innerlich Mut. Nach diesem Job musste sie sich nie mehr mit den Mafiosi der Stadt herumschlagen. Schuldgefühle, weil sie den Unterweltgrößen half, hatte sie bislang immer verdrängt, denn sie hatte keine Wahl gehabt, es war ums Überleben gegangen. Ihr aktueller Auftraggeber, Antonio Bassanelli, ein schmieriger Kerl in teuren Anzügen, war ihr treuster Kunde. Er würde zwar nicht begeistert sein, dass sie aufhörte, aber ihr auch keine Probleme machen. Sie erinnerte sich noch ganz genau, wie er ihren Laden vor vier Jahren das erste Mal betreten hatte. Susana hatte gleich gewusst, zu welchem Schlag Mensch er gehörte. Er hatte ihr damals eine faire Bezahlung gegen Informationen angeboten und sie hatte zugesagt, obwohl ihr immer klar gewesen war, welchen Gefahren sie sich damit aussetzte. Bislang hatte sie es nie bereut, wenngleich sie doch froh war, wenn in zwei Wochen, mit Prozessbeginn, alles vorbei sein würde. Bis dahin würde sie durchhalten.

Drei der vier Geräte schienen längere Druckaufträge zu haben, was bedeutete, dass sie nur einen Kopierer nutzen konnte. Sie hatte gehofft, so schnell wie möglich fertig zu werden, nun würde sie doch noch Ewigkeiten brauchen, um den gesamten Fall Bassanelli zu duplizieren. Ungünstig, aber nicht zu ändern. Andererseits war die Wahrscheinlichkeit, dass um diese Uhrzeit noch jemand etwas kopieren musste, gering. Dennoch hatte sie sich auch für diesen Fall die passende Ausrede zurechtgelegt. In ihrem Metier war diese Regel die Wichtigste: immer eine Antwort parat haben, egal wie dämlich sie auch klingen mochte. Wenn man es ernsthaft genug rüberbrachte, ließen sich die Leute beinahe alles als Tatsache verkaufen.

1

„Etwas in der Staatsanwaltschaft stinkt gewaltig zum Himmel.“

Der Hinweis eines seiner externen Informanten beschäftigte Dave Adams nun schon seit Tagen, bestätigte letztendlich aber auch nur sein eigenes Bauchgefühl. Bis jetzt hatte er aber nichts aufdecken können. Mehrmals hatte er alle Personen überprüft oder kontrollieren lassen, die etwas mit dem Fall des Jahres zu tun hatten. Allesamt sauber und integer. Es gab keine Ungereimtheiten im E-Mail-Verkehr, keine Fehltage, Fehlstunden, merkwürdige Telefonate oder Ähnliches. Nichts, was er als Ansatzpunkt dafür nehmen könnte, dass jemand brisante Informationen an die Mafia weitergegeben hatte.

Er hatte sein Kernteam mit Sorgfalt gewählt, dennoch, diese Hinweise musste er ernst nehmen, vor allem in Kombination mit seinem eigenen Empfinden, das ihn selten trog.

Dave seufzte leise und rieb sich mit der Hand über das Gesicht. Vielleicht sah er auch einfach nur Gespenster. Es war doch nur logisch, dass er sich Sorgen machte, so kurz vor Prozessbeginn, versuchte er sich selbst zu beruhigen. Leider erfolglos.

Antonio Bassanelli war eine der einflussreichsten Unterweltgrößen New Yorks. Ihm endlich etwas handfestes nachweisen zu können, käme einem Wunder gleich. Und er würde dieses Wunder geschehen lassen, das hatte er sich fest vorgenommen. Eigentlich war bei einem Prozess dieser Wichtigkeit der Bezirksstaatsanwalt Nicholas Delavall persönlich im Gerichtssaal zu finden, es bedeutete also einen immensen Vertrauensbeweis in Daves Fähigkeiten, dass er mit dem Fall betraut worden war.

Dave war seinem Chef unglaublich dankbar, dass er es ihm zutraute, den Fall als leitender Staatsanwalt zu betreuen. Er war als sein Stellvertreter nach Delavall der zweitwichtigste Mann im Haus. Obwohl es Dave nicht vorrangig um Macht ging, war es ein unfassbar gutes Gefühl, das in seinem Alter von dreiunddreißig bereits erreicht zu haben. Ihm ging es darum, die Personen aus dem Verkehr zu ziehen, die der Stadt und den darin lebenden Menschen schadeten, nicht um sein Ego.

Seine Eltern sahen das natürlich ganz anders. Jahrelang hatten sie mit ihm gekämpft, dass er sich in einer eigenen Kanzlei selbstständig machen solle. Das wäre viel lukrativer, als sich für den Staat krumm zu machen. Sie hatten ihm angeboten, ihn in eines der großen Anwaltsbüros einzukaufen, aber Dave war das egal gewesen. Ihm ging es nicht um Geld, sondern darum, ein paar der fiesen Arschlöcher dieser Stadt in den Knast zu bringen, um die Welt ein kleines Stückchen besser zu machen.

„Ich sollte für heute Schluss machen“, murmelte er, während er seine Papiere auf dem Tisch zusammenschob und in seine Aktentasche steckte. Dabei fiel sein Blick auf einige Akten, die er noch hatte fertigstellen wollen, aber bis jetzt vor sich hergeschoben hatte. Er war ein Meister der Prokrastination.

Dave atmete geräuschvoll aus, begann aber doch damit, den mittelgroßen Stapel abzuarbeiten. Irgendwann musste er sich ja schließlich darum kümmern. Nach und nach zeichnete er Belege ab, redigierte die vorliegenden Texte, sodass seine Sekretärin die Schriftsätze am nächsten Morgen neu tippen konnte. Einige Papiere wollte er dupliziert mit nach Hause nehmen, um sie sich dort noch einmal genauer vorzunehmen.

Eilig schritt er durch den leeren Flur zum Kopierraum und verharrte einen Moment im Türrahmen. Er war überrascht, dass außer ihm noch jemand hier war. Ein Blick auf seine Armbanduhr verriet ihm, dass es bereits nach zehn war.

Er hatte die Brünette, die am Kopierer stand, schon ein paarmal gesehen, aber bis jetzt waren ihm ihre üppigen Rundungen nie so ins Auge gesprungen wie heute. Sie trug einen schwarzen Bleistiftrock und eine hellblaue Bluse, die ihre schlanke Taille betonte. Der Kontrast zu ihren glänzenden dunkelbraunen Haaren tat sein Übriges, um sein Herz höherschlagen zu lassen. Er starrte sie an, konnte sich keinen Millimeter rühren und fragte sich, wie es sich wohl anfühlen würde, seine Hände auf diesen prallen Hintern zu legen. Sein Schwanz pulsierte bei der Vorstellung.

Verdammt. Das war wohl das deutlichste Zeichen dafür, dass er völlig überspannt war, wenn schon Mitarbeiterinnen sexuelle Gedanken in ihm erregten. Er kannte nicht mal ihren Namen!

Auch wenn es unangebracht war, es gelang ihm einfach nicht, sich von ihrem Anblick loszureißen. Er musste schleunigst hier raus, sonst würde er sich komplett lächerlich machen.

So dringend benötigte er die Kopien auch wieder nicht, versuchte er, seinen Rückzug innerlich zu rechtfertigen. Dem Aktenberg nach zu urteilen, den sie neben sich stehen hatte, konnte es noch eine ganze Weile dauern, bis der Kopierer frei wurde. Die anderen hatten sicher noch etliche Aufträge in der Warteschlange. Die Schriftsätze für die meisten Fälle wurden grundsätzlich am Ende des Tages ausgedruckt, um tagsüber die Geräte für den normalen Ablauf frei zu halten.

Dave lockerte seine Krawatte, er bekam kaum mehr Luft in diesem stickigen Loch, das sich Kopierraum schimpfte. In diesem Moment warf die Brünette einen Blick über ihre Schulter und zuckte zusammen, als sie ihn erblickte.

Natürlich, er hatte sie erschreckt.

„Entschuldigung“, brummte er, beobachtete sie dennoch fasziniert. Er hoffte inständig, dass ihr nicht auffiel, dass sich seine Erregung vermutlich bereits durch den Stoff der Anzugshose drückte. Er hielt sich seine Papiere vor den Schritt, um zumindest seine akute Unpässlichkeit vor ihr zu verbergen.

„Ach, ich habe Sie gar nicht kommen gehört“, erwiderte sie atemlos. Dabei drehte sie sich langsam und graziös zu ihm. Sie wirkte trotzdem gehetzt, was kein Wunder war, denn er hatte sie tüchtig erschreckt und die Begierde in seinem Blick tat wahrscheinlich ihr Übriges. Ihre braunen Augen schauten ihn unsicher an, als wäre er das Raubtier und sie das Reh. Leider machte ihr Verhalten ihn nur noch mehr an. Das Einzige, woran er noch denken konnte, war, dass die Bluse verdammt straff über ihrem üppigen Busen anlag. So was sollte in einem Büro verboten gehören. Und jetzt öffnete sie auch noch gedankenverloren einen Knopf und fächelte sich Luft zu. Dave musste schlucken, in seiner Hose wurde es immer enger.

„Wollen Sie vielleicht zwischendurch etwas kopieren? Es tut mir leid, dass ich alles blockiere. Es ist schrecklich heiß hier“, schlug sie ihm mit melodischer Stimme vor. Sie befeuchtete sich ihre Lippen und sah ihn weiter an, wandte jedoch eine Sekunde später verlegen den Blick ab. Ihre Wangen waren gerötet und ihr Brustkorb hob und senkte sich schnell. Sie spürte das Vibrieren offenbar auch, was ihn zusätzlich verwirrte. Zwischen ihnen lag definitiv etwas in der Luft. Dave konnte nicht verhindern, sich vorzustellen, wie es sich anfühlen würde, Dinge mit ihr zu tun, die absolut verboten waren.

Stopp, rief er sich innerlich zur Räson.

Es war unfassbar, normalerweise sprang Dave nicht so heftig auf optische Reize an. So was hatte er noch nicht erlebt, schon gar nicht im Büro.

Endlich fand er die Sprache wieder, obwohl der Großteil seines Blutes sicher nicht mehr im Gehirn zu finden war. „Das … wäre … nett“.

Er musste sich verdammt noch mal zusammenreißen, egal wie verführerisch diese Sirene war.

Sie nickte langsam, nahm ihre Unterlagen beiseite und trat einen Schritt vom Drucker weg.

„Dauert auch nicht lange“, fügte er barsch hinzu. Eigentlich sollte er – solange er noch halbwegs denken konnte – aus diesem fensterlosen Kabuff verschwinden, bevor er womöglich noch eine Dummheit beging. Stattdessen bewegte er sich wie ein Roboter auf sie zu, während er versuchte, sie dabei so gut wie möglich zu ignorieren.

Leider erfolglos, denn er war sich mit jeder Zelle seines Körpers ihrer Anwesenheit bewusst. Mit fahrigen Bewegungen legte er seine Papiere auf den Einzug und drückte auf die Kopiertaste. Obwohl sie nicht direkt neben ihm stand, nahm er einen Hauch ihres rosigen Parfums wahr. Wie ein Stromschlag durchzuckte es ihn, als ihm die verschiedensten Bilder durch den Kopf jagten.

Jesus! Wie lange hatte er keinen Sex mehr gehabt? Er musste dringend raus und kalt duschen …

Sie rückte noch etwas weiter von ihm ab und brachte etwas Distanz zwischen sie.

Ja, nimm dich lieber vor mir in Acht, dachte er grimmig.

Ihr hastiger Rückzug wirkte beinahe so, als ob sie sich von ihm bedrängt fühlte.

Kein Wunder, wenn er sie begaffte wie ein Stück Fleisch!

Aber warum, verdammt, bot sie ihm auch so einen verflucht tiefen Einblick in ihr pralles Dekolleté? Hatte sie nicht sogar noch einen zusätzlichen Knopf geöffnet?

Was auch immer, es war ganz und gar nicht seine Art, Frauen bei der Arbeit sexuell zu belästigen, egal wie hübsch und kurvig sie waren.

Im Gegenteil. Man sagte ihm eher nach, dass er eiskalt und arrogant war. Das wusste er, denn er hatte zwei gesunde Ohren und war nicht auf den Kopf gefallen. Einige der Sekretärinnen hatten ihm zu Beginn seiner Laufbahn in der Staatsanwaltschaft eindeutig zweideutige Angebote gemacht, die er allesamt ignoriert hatte. Er trennte Berufliches und Privates grundsätzlich. Da er jedoch die meiste Zeit im Büro verbrachte, blieb für sein Privatleben wenig Zeit. Ein One-Night-Stand hier und da, mehr war bei ihm nicht drin und mehr wollte er auch nicht. Der letzte ordentliche Fick lag leider schon eine ganze Weile zurück. Zu lange, wie er jetzt bemerkte.

Wahrscheinlich war das der Grund dafür, dass er so stark auf ihren runden Hintern und die prallen Brüste reagierte.

Der Drucker verstummte. Endlich hatte er seine zehn Seiten kopiert. Ohne ein weiteres Wort schnappte er sich Originale und Kopien und hastete aus dem stickigen Raum zurück in sein Büro. Dort blieb er konsterniert vor dem Fenster stehen und versuchte schwer atmend, seine Gedanken zu kontrollieren. „Verdammt, Dave Adams, du hast ein ernsthaftes Problem, wenn du dich im Büro nicht mehr im Griff hast!“, fluchte er leise, während er an etwas anderes als die Kurven dieser Frau denken wollte. Er wusste nicht mal ihren Namen! Noch nie hatte sein Schwanz für ihn das Denken übernommen … bis jetzt. Mit ihm stimmte definitiv etwas nicht.

Das war knapp gewesen. Susana beeilte sich, mit den Akten fertig zu werden. Nun war sie so weit gekommen, da würde sie den Auftrag auch abschließen und nicht einfach abhauen, nur weil sie einmal in eine brenzlige Situation geraten war.

Dave Adams würde sie sicherlich nicht noch einmal im Kopierraum begegnen, machte sie sich selbst Mut. Normalerweise schickte er seine Sekretärin, die zu der Stunde aber wahrscheinlich längst im Feierabend war. Als sie ihn eben im Türrahmen entdeckt hatte, war ihr das Herz in die Hose gerutscht. Sie hatte sich gerade noch beherrschen können, nicht vor Schreck aufzuschreien. Leider hatte sie sich wie eine Anfängerin aufgeführt und sich überhaupt nicht im Griff gehabt. Wenn er nicht bemerkt hatte, dass mit ihr was nicht stimmte, dann war der stellvertretende Bezirksstaatsanwalt blind oder dämlich. Beides schloss sie aus.

Sie verzog das Gesicht zu einer Grimasse. Die einzige Möglichkeit, irgendwie unbeschadet aus der Situation zu kommen, hatte sie darin gesehen, ihre Reize gezielt einzusetzen, obwohl sie wusste, dass Dave Adams so was wie ein asexuelles wandelndes Gesetzbuch war.

Sie hatte zwar noch nie direkt etwas mit ihm zu tun gehabt, aber sein Ruf eilte ihm voraus. Die Damen des Büros ließen sich so gut wie täglich in der Kaffeeküche darüber aus, wie heiß er war, und sie musste zugeben – sie übertrieben kein bisschen. Dave Adams war groß, über eins fünfundachtzig, und äußerst maskulin. Er hatte breite Schultern und schmale Hüften, die durch seine maßgeschneiderten Anzüge perfekt betont wurden. Sein markantes Gesicht war beinahe makellos, lediglich seine Nase war nicht ganz gerade. Aber genau das verlieh seinem Aussehen etwas sehr Männliches und Einzigartiges. Er hatte sie so intensiv gemustert, dass ihr Puls weit über die gesunde Grenze in die Höhe geschnellt war. Als zwischen seinen ausdrucksstarken braunen Augen auch noch zwei steile Falten aufgetaucht waren, hatte sie endgültig die Nerven verloren und sich ihm – ohne es verbal auszudrücken – angeboten. Immerhin, es schien irgendwie gewirkt zu haben, nur vielleicht nicht ganz so, wie sie es geplant hatte.

Himmel, es war so peinlich. Hoffentlich musste sie ihn nie wiedersehen. Allein der Gedanke war albern, natürlich würden sie sich in den kommenden zwei Wochen in der Staatsanwaltschaft irgendwann über den Weg laufen. Sie konnte ihm hier auf der Etage schlecht aus dem Weg gehen, sie würde es jedoch versuchen.

Bei der Erinnerung daran, dass sie auch noch die Dreistigkeit besessen hatte, einen Knopf ihrer ohnehin schon viel zu engen Bluse aufzumachen, brannte ihr Gesicht noch heißer. Es war die stumpfsinnige Bemühung gewesen, die Aufmerksamkeit von den Akten auf sich selbst zu lenken. Was das anging, war sie erfolgreich gewesen. Dave Adams war quasi vor ihrer Aufdringlichkeit geflüchtet.

Wie unangenehm. Eigentlich sollte sie sich freuen, dass es funktioniert hatte, aber ihr sonst wenig ausgeprägtes Ego fühlte sich von seiner offensichtlichen Ablehnung verletzt.

Egal, rief sie sich zur Ordnung. Sie war nun mit ihrer Arbeit fertig und konnte endlich nach Hause gehen. Für heute hatte sie definitiv genug Nervenkitzel gehabt.

Susana schob sich eine braune Haarsträhne aus der erhitzten Stirn. Zum Glück war das alles bald Geschichte.

Susana zuckte zusammen, als etwas hinter ihr knackte. Sie durfte jetzt nicht die Nerven verlieren. Susana drehte sich um und atmete erleichtert aus, als sie nichts Außergewöhnliches entdecken konnte.

„Porca miseria!“, stieß sie in der Muttersprache ihrer Eltern aus und straffte sich, bevor sie die Akten ordentlich auf das Wägelchen lud und sich beeilte, sie an Ort und Stelle zurückzubringen.

Susana schlug drei Kreuze, als sie das Gebäude fünfzehn Minuten später verließ und sich auf den Weg zur Subway machte.

2

„Enttäuschen Sie mich nicht, Adams. Ich halte große Stücke auf Sie.“

Nicholas Delavall klopfte Dave mit seiner fleischigen Hand auf die Schulter und setzte sich dann schwerfällig. Der dunkle Ledersessel knarzte unter seinem Gewicht. Für Dave bedeutete diese Geste, dass die Unterredung damit beendet war. Delavall drehte sich in seinem Stuhl und blickte durch die verglaste Front auf Manhattans Midtown.

„Natürlich, Sir“, erwiderte Dave knapp und verließ das großzügige Eckbüro. Sein Chef hatte Daves Bedenken zum Fall Bassanelli mit einer abfälligen Handbewegung abgetan und ihm gesagt, dass er sich nicht lächerlich machen solle. Die Mafia hätte weitreichende Verbindungen, aber ganz sicher nicht bis hinauf in die Staatsanwaltschaft. Seine Argumente, dass er von seinem Informanten gehört habe, dass ein Maulwurf in ihren Reihen eingeschleust worden sei, hatte er mit einem schallenden Lachen abgewürgt und ihn kurz darauf quasi aus seinem Büro geworfen. Er solle sich mal nicht ins Hemd machen und sich entspannen.

Dave war nicht wütend, dass sein Chef ihn nicht ernst nahm, aber besorgt. Sein Gefühl hatte ihn bisher noch nie getrogen, aber er hatte einfach keinen Ansatzpunkt, um seine Bedenken zu untermauern. Dass Delavall seine Einschätzungen nicht teilte, war nicht gerade hilfreich für weitere Maßnahmen, die ihm einen Tipp zu einer Leckage geben konnten.

Gedankenverloren ging er über den Flur zurück in Richtung seines Büros. Er wollte alle Sachverhalte und Unterlagen noch einmal sorgfältig durchgehen, um sicher zu sein, dass er nichts übersehen hatte. Irgendwo musste es einen Hinweis geben, der ihm bisher entgangen war.

Viel zu spät bemerkte Dave, dass er nicht allein auf dem Gang war. Und dann passierte es auch schon. Er prallte mit einer Frau zusammen, die einen Stapel brauner Kartonhefter in den Armen balancierte. Seine Unfallgegnerin stieß einen spitzen Schrei aus und im selben Moment segelten Hunderte Papiere durch die Luft, bis der Großteil der Akten mit einem lauten Knall auf dem glatten Boden der Staatsanwaltschaft aufschlug.

„Merda!“, hörte er eine melodische Stimme unterdrückt fluchen. Sofort begann die Frau damit, die verstreuten Zettel hektisch zusammenzusammeln.

Dave fiel erst jetzt auf, dass es sich um die Brünette handelte, die er gestern Abend beim Kopierer getroffen hatte. Sie hatte ihm gerade noch gefehlt. Er stand wie angewurzelt da, bis er realisierte, dass er schuld an der Misere war.

„Verzeihung“, brummte er und ging in die Hocke, um ihr zu helfen.

Sie schaute zu ihm auf und was dann geschah, konnte er bestenfalls als Einbildung abtun. Es war, als läge ein Band zwischen ihnen, das es ihm nicht ermöglichte, wegzusehen. Dabei schienen sich kleine elektrisch aufgeladene Teilchen hin und her zu bewegen, die ihn bis ins Mark erschütterten.

Endlich gelang es Dave, seinen Blick von ihr loszureißen, aber nur, um an ihrem einladenden Dekolleté hängen zu bleiben. Unter der weißen Bluse blitzte ein cremefarbener Spitzen-BH hervor, der den Ansatz ihrer Brüste äußerst vorteilhaft betonte. Obwohl all das nur wenige Sekunden dauerte, war danach nichts mehr wie zuvor.

„Gehen Sie nur“, sagte sie schroff. „Ich mache das schon.“

Schon wieder! Er hatte sie schon wieder angegafft wie ein notgeiler Perversling.

Dave glotzte sie fassungslos an. „Wie? Nein. Es ist absolut mein Fehler. Ich habe nicht aufgepasst.“

„Ach was.“ Ihre Stimme klang mit einem Mal unterkühlt und ein Ruck ging durch ihren Körper. Sie straffte ihren Rücken und funkelte ihn an. „Das ist ganz sicher nicht Ihre Aufgabe, Mr. Adams.“

Aha. Sie wusste also, wer er war. Etwas, das er nicht über sie behaupten konnte.

Dave begann entgegen ihrer Aufforderung, ihr beim Beseitigen des Desasters zu helfen. Noch ehe er richtig loslegen konnte, riss sie ihm jedoch die ersten Blätter aus der Hand.

„Haben Sie mich nicht gehört? Sie haben sicher Wichtigeres zu tun. Das hier ist nicht Ihre Aufgabe!“ Ihre Stimme klang schrill. Ihr musste die Sache wirklich unangenehm sein.

„Aber ich bitte Sie, äh, Miss …?“, begann er und griff erneut nach umliegenden Papieren.

„Pierce. Ich bin die Praktikantin. Hören Sie, es tut mir schrecklich leid, dass ich Sie umgerannt habe. Bitte tun Sie mir den Gefallen und gehen Sie. Wenn mein Boss mitbekommt, dass ich hier alle Unterlagen verteilt habe, bin ich gefeuert. Dass ich Ihnen auch noch Umstände bereite, ist nicht gerade hilfreich …“

Er hatte Mühe, sich auf das, was sie sagte, zu konzentrieren. Er sah zwar, dass sich ihre sinnlichen Lippen bewegten, aber was sie ihm mitteilte, drang nicht bis zu ihm vor. Dave hielt in seiner Bewegung inne, als er realisierte, dass er im Begriff war, zu sabbern. Er musste sich endlich wieder professionell benehmen.

Sie war eine Praktikantin und er würde den Teufel tun und sie belästigen, egal wie scharf er sie fand.

Sie wollte keinen Ärger mit ihrem Boss, hatte sie gesagt. Wer war eigentlich ihr Boss?

Ach ja, der fette Logan Burkle hatte die Praktikantinnen unter sich. Er konnte verstehen, dass sie kein Theater mit ihm haben wollte. Wenn der Kerl schlechte Laune hatte, verspeiste er unschuldige Mädchen zum Frühstück.

„Na schön. Miss Pierce“, lenkte Dave schließlich ein. „Wie Sie wünschen. Es … tut mir leid.“ Dann stand er auf und stürzte davon, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Zurück in seinem Büro, versuchte Dave, einen klaren Kopf zu bekommen, was alles andere als einfach war. Zum einen schwirrte immer noch das Bild von Miss Pierce in seinem Kopf herum, und dann war da noch der Fall, der weitaus wichtiger war als seine sexuellen Bedürfnisse.

Er hatte keinerlei Beweise für seine Vermutungen bezüglich der Informationslücke finden können. Was ihn gleichzeitig stutzig machte und beunruhigte, war zudem die Tatsache, dass es in den letzten Tagen um Antonio Bassanelli verdammt ruhig geworden war. Üblicherweise gab es so kurz vor wichtigen Prozessen immer wieder störende Ereignisse im Umfeld, die vom eigentlichen Thema ablenken sollten. Ein Untergrundkampf hier und da, das brennende Auto eines Staatsdieners oder ungeklärte Einbrüche und Verwüstungen bei Menschen, die am Verfahren beteiligt waren. Nicht aber in diesem Fall.

Bassanelli musste sich enorm sicher sein, dass er die besseren Karten hatte, wenn er nicht mal die üblichen Ablenkungsmanöver durchzog. Und das gab Dave schwer zu denken.

Was seinen Verstand zusätzlich trübte, hatte glänzende braune Haare und zwei verdammt wohlgeformte Argumente … Immer wieder schweiften seine Gedanken in ihre Richtung. Faszinierend. Es war so faszinierend wie ärgerlich. Seit Ewigkeiten hatte ihn keine Frau mehr auf diese Weise interessiert. Vielleicht noch nie.

Dave hatte immer geglaubt, dass er gegen sexuelle Reize im Büro immun wäre – bis er sie getroffen hatte. Er war sich nicht sicher, ob er einer Annäherung ihrerseits widerstehen könnte, wenn sie jemals eine wagen sollte.

Danach sah es allerdings ganz und gar nicht aus. Ihre schroffe Abfuhr sagte ihm klar und deutlich, dass sie kein Interesse hatte, obwohl er diese spezielle Anziehung zwischen ihnen gespürt hatte. Vielleicht war es doch einseitig. Ganz sicher sogar.

Es war nahezu absurd, in welche Richtung sich seine Gedanken bewegten. Er musste sich das alles eingebildet haben: die flirrende Luft, die zu langen Blicke, ihr Atem, der zu schnell ging, wenn sie ihn so lange mit ihren hübschen Augen fixierte …

Nein, da war sicher nichts dran und sie hatte wahrscheinlich wirklich nur Angst gehabt, dass Burkle sie feuern würde, weil sie die Papiere durcheinandergebracht hatte. Sein kleiner Freund sah das alles leider ganz anders, denn in seiner Hose war schon wieder mehr Leben, als ihm lieb war. Dave hatte sich immer eingebildet, und bisher hatte er es auch so gelebt, dass er der korrekte Typ wäre. Dass man Arbeit und Privatleben trennen konnte. Er hatte sich oft halb totgelacht über die Kerle, die ihre Sekretärinnen flachlegten und sich dann wunderten, dass sie Probleme im Büro bekamen.

Und dann lief ihm eine Miss Pierce über den Weg und er hatte sexuelle Fantasien über ein feuriges Intermezzo, in dem sein Schreibtisch die Hauptrolle spielte – mit ihr darauf. Sein Interesse galt allein ihrem verführerischen Körper. Er kannte nicht mal ihren Vornamen und wenn er ganz ehrlich war, interessierte es ihn auch nicht, wie sie hieß. Er stellte sich vielmehr vor, wie sie leise seinen Namen schrie …

Dave lachte humorlos und schlug sich gegen die Stirn. Er musste einen Dachschaden haben. Absolut.

Jetzt war definitiv nicht die richtige Zeit für eine Büroaffäre. Aber wenn der Prozess vorbei war, würde er für sexuelle Zerstreuung sorgen. Allerdings nicht mit Miss Pierce! Jedenfalls nicht, solange sie hier arbeitete. So viel war sicher.

Dave rieb sich über das glatt rasierte Kinn und versuchte damit, die sexuellen Gedanken aus seinem Kopf zu vertreiben. Er musste sich noch für ein paar Tage am Riemen reißen und die undichte Stelle in der Staatsanwaltschaft finden, sonst würde ihn am Eröffnungstag des Prozesses eine unliebsame Überraschung erwarten. Die Angst, sich im Gerichtssaal lächerlich zu machen, brachte ihn so weit auf den Boden der Tatsachen zurück, dass er sich endlich wieder auf die Schriftsätze auf seinem Tisch konzentrieren konnte.

Er war wieder bei der Sache. Akribisch arbeitete er sich von Akte zu Akte, von Absatz zu Absatz durch. Er saß die ganze Nacht am Schreibtisch, bis er eins und eins zusammenzählen konnte. Das erklärte vielleicht auch seine verrückte Reaktion gestern. Er musste gespürt haben, dass etwas nicht gepasst hatte, und es mit sexueller Anziehung verwechselt haben. Er war beinahe erleichtert darüber, dass er nicht komplett durchgeknallt war.

Dave stieß einen leisen Pfiff aus. Noch war es nur eine Vermutung, aber wenn sich diese verdichtete, würde er sich Gedanken machen, wie er diese Informationen gezielt einsetzen würde.

Zeit für eine Stunde Schlaf, sagte er sich, als er gegen sechs Uhr morgens das Büro verließ und in sein Apartment an der Upper Eastside fuhr.

Erschöpft warf er die Schlüssel in eine Chromschale auf der Anrichte im Flur seiner Wohnung. Obwohl er hundemüde war, schwirrte ihm so viel durch den Kopf, dass er, anstatt direkt ins Bett zu gehen, erst in die Küche schlurfte und sich ein Rührei briet. Essen würde ihm helfen, sich zu entspannen.

Erst als er die Eier in die Pfanne schlug, fiel ihm auf, dass er nicht einmal ein Abendessen zu sich genommen hatte. Das war allerdings zweitrangig. Viel wichtiger war, dass er womöglich den Schlüssel zur undichten Stelle gefunden hatte. Ob er recht hatte, würde er bald herausfinden. Er freute sich ein bisschen darauf, diese Befragung durchzuführen.

Zufrieden rührte er erschöpft, gleichzeitig seltsam energiegeladen in der gelblichen Masse vor sich.

An Schlaf war leider auch nach dem Frühstück nicht zu denken, er war viel zu aufgedreht. Aber zumindest eine heiße Dusche und ein frisches Hemd waren nötig, bevor er sich wieder auf den Weg ins Büro machte. Er ließ sich absichtlich mehr Zeit als sonst, denn es würde ein langer Tag werden.

Susana goss sich Kaffee in ihren Thermobecher, dabei unterdrückte sie ein Gähnen. Sie hatte letzte Nacht kaum ein Auge zugetan und stand nun erschöpft in der kleinen Pantryküche ihres Blumenladens und genoss den vertrauten Geruch, den die verschiedenen Blüten im ganzen Laden verströmten. Sie nutzte die kleine Ecke hinter dem Verkaufsraum sonst, um Blumensträuße zu binden, da sie hier eine vernünftige Arbeitsfläche hatte, wo sie Schere und Materialien ablegen konnte, die sie zum Binden benötigte.

„Hey, guten Morgen“, grüßte sie ihre Nachbarin, als diese den kleinen Raum betrat. Tracey war momentan ihre größte Hilfe. Ohne sie hätte sie den Laden längst dichtmachen müssen. „Möchtest du auch einen Kaffee?“

„Nein danke, mein Magen, du weißt ja.“

Sie war nicht mehr die Jüngste und obwohl sie längst das Rentenalter überschritten hatte, konnte sie jeden zusätzlichen Penny gut gebrauchen. Susana war durchaus klar, dass sie es nicht vorrangig wegen der Aufbesserung ihrer mageren Rente, sondern vielmehr aus Nächstenliebe – und Langeweile – tat. Trotzdem, Susana nahm sich vor, ihr am Ende einen Extrabonus zukommen zu lassen. Sie war gleich viel besser gelaunt und lächelte.

„Okay, aber heute machst du dann etwas früher zu, ja?“

„Was sollen die Kunden denken?“

„Die werden es verschmerzen. Ich bin dir so dankbar, dass du für mich einspringst, während ich die, äh, Fortbildung mache.“

Es tat ihr so leid, dass sie Tracey anlügen musste, aber die alte Dame würde sicher einen Herzinfarkt erleiden, wenn sie wüsste, dass sie für die Mafiagrößen der Stadt als Informantin unterwegs war.

Wie der Herr, so’s Gescherr, dachte Susana sarkastisch, ohne dass ihr je jemand hundertprozentig bestätigt hätte, dass ihr Vater tatsächlich krumme Dinger mit der Mafia gedreht hatte. Egal was es gewesen war, eines Tages war er einfach verschwunden gewesen. Entweder war er abgehauen oder mit zwei Zementblöcken im Hudson River versenkt worden. Beide Versionen waren so grauenhaft, dass sie noch nie ausführlich mit Sofia, ihrer kleinen Schwester, darüber geredet hatte. Das Thema wurde totgeschwiegen.

Ungefähr so hatten sie es auch mit der Krankheit ihrer Mutter gehandhabt. Sie hatte sich vor als auch nach dem Verschwinden ihres Mannes nicht wirklich für ihre Kinder interessiert. Sie hatte ein Leben zwischen Depressionen, Drogen und Alkohol geführt, sodass Susana schon sehr früh Verantwortung für sich und Sofia hatte übernehmen müssen. Vor drei Jahren war die Mutter an Leberversagen gestorben. Das jämmerliche Ende eines verkorksten Daseins.

Die Schwestern waren schon immer füreinander da gewesen, sie hatten ja niemand anderen gehabt, der sich um sie gekümmert hätte, und das hatte sich bis heute nicht geändert. Die Großeltern waren in Italien geblieben. Dort lebte mittlerweile nur noch eine Nonna, zu der sie nur zu Weihnachten und zum Geburtstag Kontakt hatten. Susana vermutete, dass ihr Vater schon in der Heimat nicht ganz gesetzeskonform gelebt hatte und seine eigene Mutter deshalb nach dem Abschied die Verbindung absichtlich hatte abreißen lassen.

So waren die zwei Mädchen mehr oder weniger allein für sich verantwortlich gewesen. Schon als Teenager hatte Susana im Blumenladen gejobbt und da die ehemalige Eigentümerin keine Erben gehabt hatte, hatte sie ihr den Laden schließlich vermacht und Susanas Nebenjob war damit zu ihrem eigenen Geschäft geworden. Susana hatte nach ihrem ersten Mafia-Auftrag im zarten Alter von fünfzehn Jahren ihre Ohren einfach noch ein wenig mehr gespitzt und war immer öfter konsultiert worden. Ihre Tätigkeit als Informantin hatte sich zu dem Zeitpunkt schon herumgesprochen und nach und nach war der Laden zum inoffiziellen Treffpunkt geworden. Es gab ihr einen zusätzlichen Bonus, dass sie bereit gewesen war, die Informationen direkt von der Quelle zu beschaffen. Susana hatte schon immer gut rechnen können und mit dieser ersten echten Aufgabe als Maulwurf hatte sie mehr verdient als mit all ihren kleinen Gefälligkeiten zuvor.

So war schließlich eins zum anderen gekommen, sodass sie mittlerweile eine Art inoffizielle Informationsagentur führte. Der Preis wurde vorher verhandelt, bei neuen Kunden ließ sie sich im Voraus bezahlen. Meist waren es jedoch dieselben Gesellen, mit denen sie Geschäfte machte, und für die arbeitete sie auf Erfolgsbasis. Nach diesem Prinzip bekam sie am Ende mehr, da ihre Erfolgsquote bei nahezu hundert Prozent lag. Ein weiterer Grund, warum ihr kleines Extra-Business so gut lief. Erfolg braucht keine zusätzliche Werbung. Der Blumenladen war die beste Tarnung für ein Gespräch ohne unliebsame Zuhörer. Nach den meist kurzen und knappen Anweisungen bekamen die Kunden einen hübsch gebundenen Strauß, sodass nie auch nur ein Bulle auf die Idee gekommen wäre, dass hier im Laden noch ganz andere Dinge über die Theke gingen als Rosen oder Hyazinthen.

Sie war heilfroh, dass ihre kleine Schwester davon bisher nichts mitbekommen hatte. Ihre zeitweise Abwesenheit hatte sie immer mit Fortbildungen oder Kursen für dies oder jenes erklären können. Nicht jeder Job verlangte zudem ihre permanente Anwesenheit, so wie der aktuelle in der Staatsanwaltschaft. Susana war jeden Abend nach Hause gekommen, und mittlerweile lebte Sofia in Boston, wo sie an der Boston University studierte, und bekam sowieso nicht mehr viel mit. Sie freute sich auf die Zeit ohne Mafia und Schnüffelei, ihre Arbeit im Laden fehlte ihr gerade sehr. Die Ruhe, der Umgang mit den Kunden und das Gefühl, die Blumen in ihren Händen zu halten und daraus etwas ganz Besonderes zu machen. Die unglaubliche Farbvielfalt und verschiedenen Düfte, die jede Blüte unverwechselbar machten, waren ihre Welt. Stattdessen hatte sie es mit muffigen Akten, trockener Büroluft und Menschen in Anzügen zu tun. Nicht ihre Welt, es war alles viel zu steril und unpersönlich. Menschliche Schicksale wurden zu Fällen gemacht, in einer Kanzlei war kein Platz für Emotionen oder Mitgefühl. Sie hasste es und sehnte den Tag herbei, an dem sie endlich Schluss damit machen konnte.

„Susana?“, hörte sie Tracey fragen.

„Was? Entschuldige bitte, ich habe gar nicht zugehört.“

„Ja.“ Tracey lachte. „Das habe ich gemerkt. Schon gut, es war nicht wichtig.“

„Doch, sag schon.“

„Es ging um die Lieferung der Duftrosen. Weißt du zufällig, ob es bei Samstag bleibt?“

„Einen Moment.“ Susana gab das Passwort in den uralten PC des Ladens ein und checkte die E-Mails. Ein Wunder, dass das vorsintflutliche Ding noch lief. „Ja, Samstag um neun. Aber dann werde ich hier sein. Mach dir mal keinen Kopf. Irgendwann musst du dich mal ausruhen. Oh, ich liebe Duftrosen …“

„Du arbeitest zu viel. Diese Fortbildung muss ja wirklich anspruchsvoll sein. Du bist ganz blass um die Nasenspitze. Wird Zeit, dass du mal einen Spaziergang an der frischen Luft unternimmst und nicht immer nur arbeitest. Oder buche gleich einen Wochenendtrip raus aus dem Mief hier.“

„Haha. Urlaub? Ist momentan nicht drin. Und was ist mit dir? Deinen Enkeln?“

„Ach, ich vermisse sie. Aber Chicago ist weit weg.“ Sie atmete tief durch. „Geh doch mal in den Central Park, Tauben füttern, Eis essen. Irgendwas, um den Kopf mal frei zu bekommen.“

„Ja, das ist eine gute Idee. Gleich am Sonntag werde ich das in Angriff nehmen, ich war ewig nicht mehr dort. Willst du deine Familie nicht bald mal besuchen? In den Ferien vielleicht, dann hast du ganz viel von deinen Enkeln?“

Tracey verdrehte die Augen, lächelte aber milde. „Du bist echt gut darin, von dir abzulenken, Susana. Aber ja, ich werde sie bald besuchen.“

Susana umarmte die alte Dame und atmete den dezenten Lavendelduft ihrer größten und verlässlichsten Hilfe ein. Ein beruhigender Geruch, der sie für einen Moment vergessen ließ, welchem Stress sie derzeit ausgesetzt war.

„Ach Tracey“, seufzte sie, als sie sich langsam von ihr löste. „Ich bin wirklich ein bisschen urlaubsreif, aber am Sonntag ruhe ich mich aus. Versprochen!“

„Natürlich, Kleine. Um den Laden musst du dir keine Sorgen machen, den habe ich im Griff.“

„Das weiß ich doch, und ich glaube, du kannst dir gar nicht vorstellen, wie dankbar ich dir dafür bin.“

„Ach, so ein Unsinn. Ich bin froh, dass ich auf meine alten Tage nicht ständig allein in meiner Wohnung hänge, und wie du weißt, liebe ich Blumenduft und die Arbeit mit Menschen. Sonst würde ich eingehen. Nein, es tut mir gut, hier zu sein.“

Susana sah ihn Traceys faltiges Gesicht, nickte lächelnd und schnappte sich dann ihren Thermobecher. „Gut, okay. Es freut mich, dass du das so siehst. Vielen Dank noch mal, du rettest mich. Das weißt du ja! Also dann, ich muss los. Habe schon viel zu lange getrödelt! Ciao!“

„Schönen Tag“, rief Tracey ihr noch hinterher.

Susana begann, so schnell es ihr mit dem Kaffee möglich war, zu traben, um die Neun-Uhr-Bahn noch zu erreichen.

Tracey blickte Susana nachdenklich hinterher. Als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, bereitete sie sich einen Tee zu. Dabei stürzte ihr die lose Schranktür, wie immer, beinahe entgegen. Hier musste unbedingt mal ein Handwerker ran.

Während sie darauf wartete, dass das Wasser kochte, schaute sie sich im Laden um. Der alte Linoleumboden war so durchgetreten, dass an einigen Stellen der blanke Beton hervorlugte. Die Blumenkübel hätten bereits vor zehn Jahren erneuert werden müssen und über die Wände wollte sie gar nicht erst nachdenken.

Einst waren sie weiß gewesen, mittlerweile konnte man die Farbe bestenfalls als Gelb bezeichnen. Ein schmutziges, schmierig wirkendes Gelb, das neue Kunden das erste Mal oft so abschreckte, dass sie den Laden direkt wieder verließen, ohne etwas zu kaufen. Susanas Blumenoase war genau das Gegenteil von dem, was der Name versprach. Der Laden glich vielmehr einem Schlachtfeld nach Kriegsende. Hier kaufte nur, wer die Qualität der Ware zu schätzen wusste oder einen ganz speziellen Grund für den Besuch hatte.

Natürlich war Tracey nicht entgangen, dass Susana gelegentlich „Sonderaufträge“ ausführte. Wie jetzt zum Beispiel. Sie konnte sogar verstehen, weshalb sie die Mata Hari für die schmierigen Mafiosi mimte, denn Susana und Sofia hatten es als Kinder nicht leicht gehabt. Susana war tough und klug, sie kam sicher klar. Das bedeutete aber nicht, dass Tracey sich keine Sorgen um sie machte. Bisher war alles gut gegangen und sie wusste auch, dass das Mädchen nicht gerade Mordaufträge ausführte, sondern immer nur als Schnüfflerin unterwegs war. Dennoch, gutheißen konnte sie es nicht und sehr bald würde sie mit der jungen Dame mal ein Wörtchen darüber reden müssen. Was, wenn sie einmal aufflog? Mit ihren „Geschäftspartnern“ war nicht zu spaßen. Die Kerle würden sie sicher nicht aus dem Knast raushauen. Im Gegenteil, wenn sie einen Schuldigen gefunden hatten, würden sie keinen Finger rühren, um die Aufmerksamkeit am Ende auf sich zu lenken.

Nein. Tracey schüttelte den Kopf. Das musste aufhören.

Das Piepen des Wasserkochers erschreckte sie, sie schrie spitz auf. „Guter Gott, meine Nerven!“, brabbelte sie, während sie den Tee aufgoss.

Wenn sie schon nur der Gedanke an die Mafia so schockte, dass sie sich beinahe in die Hosen machte, wie musste es Susana dann erst gehen?

„Muss am italienischen Blut liegen, die haben keine Angst vor gar nichts, diese Frauen!“, schimpfte sie leise, aber ein Lächeln schlich sich in ihr Gesicht.