Lügen schützt vor Liebe nicht - Caitlin Daray - E-Book
Beschreibung

Als Mitläufer lässt sich Kian von Geldsorgen geplagt immer wieder von seiner Clique zu Einbrüchen überreden. Schnell rein, schnell raus, ohne dass jemand zu Schaden kommt – bis Wachmann Eric verletzt wird und Kians schlechtes Gewissen ihn dazu nötigt, Eric als scheinbar unbeteiligter Passant zu Hilfe zu kommen. Als Kian seiner Einbrecherbande den Rücken kehren will und dafür zusammengeschlagen wird, ist es ausgerechnet Eric, der ihn aufliest und kurzerhand bei sich aufnimmt. Doch als die beiden sich näherkommen, steht nicht nur ihre Beziehung durch Kians Lügen auf dem Spiel, auch Erics Leben gerät in Gefahr. Denn Kians ehemaliger Bandenchef wittert nun eine Chance auf den ganz großen Coup...

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EPUB

Seitenzahl:486


Deutsche Erstauflage (ePub) März 2016

© 2016 by Caitlin Daray

Verlagsrechte © 2016 by Cursed Verlag

Inh. Julia Schwenk, Fürstenfeldbruck

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung,

des öffentlichen Vortrags, sowie der Übertragung

durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile,

Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit

Genehmigung des Verlages.

Bildrechte Umschlagillustration

vermittelt durch Shutterstock LLC; iStock

Satz & Layout: Cursed Verlag

Covergestaltung: Hannelore Nistor

ISBN ePub: 978-3-95823-578-6

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Klappentext:

Als Mitläufer lässt sich Kian von Geldsorgen geplagt immer wieder von seiner Clique zu Einbrüchen überreden. Schnell rein, schnell raus, ohne dass jemand zu Schaden kommt – bis Wachmann Eric verletzt wird und Kians schlechtes Gewissen ihn dazu nötigt, Eric als scheinbar unbeteiligter Passant zu Hilfe zu kommen.

Als Kian seiner Einbrecherbande den Rücken kehren will und dafür zusammengeschlagen wird, ist es ausgerechnet Eric, der ihn aufliest und kurzerhand bei sich aufnimmt. Doch als die beiden sich näherkommen, steht nicht nur ihre Beziehung durch Kians Lügen auf dem Spiel, auch Erics Leben gerät in Gefahr. Denn Kians ehemaliger Bandenchef wittert nun eine Chance auf den ganz großen Coup...

Widmung

Für Malin.

Weil du für mich da warst, ohne dass du es musstest.

Prolog

»Und? Was war es diesmal?«

Ich hing am Boden zerstört im Sessel und hatte die Finger in mein braunes Haar vergraben. Am liebsten hätte ich sie mir alle einzeln ausgerissen. »Kannst du mal den vorwurfsvollen Ton abstellen? Es war verdammt noch mal nicht meine Schuld!«, gab ich gereizt zurück und richtete mich auf.

Natürlich war es meine Schuld. Es war immer meine Schuld.

Bastians Mundwinkel zuckten belustigt. »So wie die letzten fünfzehn Male davor?« Er glaubte mir kein Wort und das aus gutem Grund. Sein halbes Lächeln verschwand hinter der überdimensionalen Tasse Cappuccino.

Hinter uns schredderten die riesigen Espressomaschinen ohrenbetäubend laut die Kaffeebohnen, gefolgt vom Kreischen der Düsen, die die Milch aufschäumten. Ich musste lauter sprechen, um gegen den Krach im Coffeeshop anzukommen.

Waren Freunde nicht eigentlich dazu da, um einen aufzumuntern? Wenn man zum Beispiel von der neuen Affäre verlassen wurde, wenn es beschissen im Job lief... was weiß ich!

Bastian schien noch nichts von den Verhaltensregeln, die man einem deprimierten Kumpel gegenüber an den Tag legte, gehört zu haben.

Und so einer sollte mein bester Freund aus Kindertagen sein? Wobei, wenn ich es recht bedachte, hatte er schon immer die selten dämliche Angewohnheit besessen, auf mir herumzutrampeln, sobald ich am Boden lag. Also eigentlich nichts Neues.

Nur konnte er sich die spitzen Bemerkungen gerade zwischen die Arschbacken schieben.

»Ich will dich mal sehen, wenn dich eine Zeitarbeitsfirma von einem Job zum nächsten jagt«, verteidigte ich mich.

»Unmöglich. Im Gegensatz zu dir hab ich was Anständiges gelernt.«

Jetzt ging das schon wieder los.

»Kaum hab ich mich an eine Arbeit gewöhnt...«, versuchte ich, ihn zu ignorieren.

»Um dich an einen Job zu gewöhnen, musst du schon länger als zwei Wochen dort arbeiten«, unterbrach er mich und machte es mir schwer, mich auf meine Worte zu konzentrieren.

»... werde ich schon zur nächsten Firma geschickt.«

Er stellte seine Tasse mit einem Klirren auf dem Unterteller ab, überschlug die langen, schlanken Beine und nahm das dumme iPad mit der noch dümmeren, rosafarbenen Hülle in die Hand. Die übrigens farblich perfekt zu seiner Hose passte.

»Mein lieber Eric, womöglich stellst du dich ja auch einfach nur dämlich an?«

Die Wut in meinem Bauch begann, sich jetzt nicht mehr auf die Zeitarbeitsfirma zu beschränken, sondern weitete sich auf meinen klugscheißenden Kumpel aus.

»In einer Buchhandlung im Bereich Frauenliteratur zu arbeiten, ist ja auch etwas, worauf man extrem stolz sein kann.« Am liebsten hätte ich ihm das Tablet auf den Kopf geschlagen. Früher hatte sich Bastian nie für Mode interessiert, aber seit er den Fachbereich in der Buchhandlung gewechselt hatte, achtete er penibel auf die Zusammenstellung seiner Klamotten, kombinierte Farben und gönnte sich hier und da eine Markenbrille oder einen Markenschal. Im Grunde wirkte er wie ein schwuler Hipster.

Eigentlich hatten wir uns getroffen, damit ich mich auskotzen konnte. Irgendwas lief hier eindeutig nicht richtig!

Bastian zuckte mit den Schultern und vollführte mit dem Zeigefinger ein paar schwungvolle Bewegungen auf dem Display. Eine kupferfarbene Strähne löste sich aus dem strengen, kleinen Pferdeschwanz und fiel ihm ins Gesicht. Sofort schob er sie wieder zurück. Bloß keine Menschlichkeit an den Tag legen.

»Es macht mir Spaß, ich verdiene gutes Geld und bin ständig von Klatsch und Tratsch umgeben. Was will ich mehr?« Seine ebenso kupferfarbene Augenbraue hob sich fragend, doch ich wusste nicht, ob diese Geste mir galt oder dem Gerät. »Du rennst kopflos durch die Gegend. Was du brauchst, ist ein Ziel, das dir erstrebenswert erscheint.«

Kopflos...? Das stimmte nicht, ich gab mir Mühe und versuchte herauszufinden, wo meine Stärken lagen. Nur leider konnte ich mich nie länger als zehn Tage oder zwei Wochen beweisen. Und leider gehörte ich zu der Sorte Mensch, die etwas länger brauchte, um sich für etwas begeistern zu können.

Gerade wollte ich den Mund öffnen und ihm sagen, was ich von seinem geschwollenen Gelaber hielt, als hinter Bastians braunem Sessel ein strahlendes Grinsen auftauchte.

Der Dritte in unserem Bunde, Julius, betrat den Laden und lief geradewegs auf uns zu, als er uns entdeckte.

»Na ihr?«, rief er fröhlich und zog sich den dicken, weißen Schlauchschal über den Kopf, entledigte sich seines schwarzen Mantels und ließ sich in dem leeren Sessel mir gegenüber nieder.

Endlich! Der kleine Strahlemann war mir definitiv lieber als dieser mürrische Bücherwurm.

»Gott sei Dank bist du da!«, stöhnte ich erleichtert und ignorierte Bastians Blick.

»Was ist denn los?«, wollte Julius lachend wissen. »Habt ihr wieder Kommunikationsprobleme?«

Bastian schnaubte, hielt es ansonsten aber nicht mehr für nötig aufzublicken.

»Wir haben keine Kommunikationsprobleme«, grummelte ich. »Basti ist das Problem, er ist ein unsensibler Arsch!«

»Du kannst einfach nicht mit Kritik umgehen«, gab der Arsch ungerührt zurück.

Prustend tätschelte Julius meine Hand, ehe er sie wieder sinken ließ. »Ach, Unsinn! Du kannst doch auch mit mir reden, wenn etwas ist!«

Himmel, der Kleine war so süß! Nicht zum ersten Mal bewunderte ich sein schönes Lächeln, die Sanftmut in seinen Augen und das kleine Grübchen in der rechten Wange... Wäre er nicht bereits vergeben, hätte ich ihn mir geschnappt.

Mit ehrlichen und – das sollte keineswegs abwertend klingen – simpel gestrickten Menschen konnte ich noch am besten umgehen. Vielleicht, weil ich vom Typ her ähnlich war.

Julius ließ von mir ab, rieb sich die Hände, um sie wieder aufzuwärmen, und bestellte eine große Tasse Kakao mit Sahne. »Also, was ist los? Du hast dich am Telefon schrecklich angehört.«

»Dreimal darfst du raten.« Bastian konnte es einfach nicht lassen, dieser miese Penner!

Julius machte ein leicht verwirrtes Gesicht, als könnte er sich keinen Reim darauf machen.

»Seine immer wiederkehrenden Altlasten«, half ihm Bastian auf die Sprünge.

Und irgendwann schien es unserem jüngeren Freund zu dämmern. Seine Augenbrauen flogen hoch und ein »Oh...« war zu hören. Er brauchte einen weiteren Moment, bis ihn die frohe Botschaft erreicht hatte und von seinem Oberstübchen übersetzt wurde. »Oh!«, machte er wieder und sah mich mitleidig an, ehe er sich vorbeugte und mitfühlend seine schmale Hand auf mein Knie legte.

Ja... Oh!

»Das tut mir schrecklich leid... Wie ist das passiert?«

Bastian schien die Frage saukomisch zu finden und prustete in seinen Milchschaum.

Vielleicht sollte ich Bastian eins mit meiner Keule überbraten, ihn an den Haaren durch die Gegend ziehen und damit meinem Ruf als Neandertaler gerecht werden.

»Diese Penner haben mich innerhalb dieses Monats schon wieder dreimal von Firma zu Firma geschickt. Ich durfte mehr schuften, hatte eine Schicht mehr auf dem Buckel und bezahlt wurde mir auch zu wenig«, jammerte ich.

»Das haben Zeitarbeitsfirmen so an sich.« Bastian schob die Brille mit dem dicken, schwarzen Rahmen auf seiner Nase zurecht. »Steht übrigens im Vertrag drin, dass du Leiharbeiter bist. Mit deiner Unterschrift bestätigst du, dass du dort eingesetzt wirst, wo gerade Mangel an Mitarbeitern herrscht. Im Gegensatz zu dir habe ich den Wisch nämlich gelesen, bevor du ihn achtlos unter den Tisch geworfen hast.« Er schüttelte den Kopf und widmete sich wieder seinem Tablet, das interessanter zu sein schien als unsere Anwesenheit.

»Und wieso haben sie dich gefeuert?«, wollte Julius wissen. Mittlerweile hatten wir beide gelernt, hin und wieder Bastians Einwürfe zu ignorieren.

»Ich habe einen Aufhebungsvertrag unterschrieben und bin abgehauen, nachdem ich im Büro randaliert hab«, gab ich zu und ließ den Kopf hängen. Das neue Jahr fing echt klasse an.

Zugegeben, das war eine recht heftige Kurzschlussreaktion gewesen, doch einmal in Rage hatte ich mich nicht mehr bremsen können. Kaum war ich zur Besinnung gekommen, hatte ich auch schon die Bürotür hinter mir zugeschlagen. Schöne Scheiße...

Julius rutschte in seinem Sessel nach vorn und nahm meine Hände in seine. »Oh, Eri-Bär. Das tut mir so leid. Aber dann sollte es nicht sein und du findest bestimmt etwas Besseres!«

Ich mochte Julius. Ich mochte ihn wirklich sehr... das konnte ich gar nicht oft genug betonen. Wenn nur, verdammt noch mal, dieses bescheuerte Eri-Bär nicht wäre... Dann hätte ich mich jetzt in seinem Mitleid gesuhlt und mich an seinen lieben, überoptimistischen Worten erfreut. Aber Eri-Bär ging gar nicht. Ich hasste diesen Spitznamen. Nur brachte ich es nie übers Herz, ihm das zu sagen. Besonders nicht, wenn er mich mit seinen großen, unschuldigen Augen ansah.

Aus den Augenwinkeln konnte ich Bastian grinsen sehen. Er wusste genau, was Sache war. Obwohl ich ihm nie etwas über meine heimliche Schwärmerei für Julius erzählt hatte, hatte er mich schnell durchschaut. Keine Ahnung, wie er das jedes Mal schaffte. Für ihn war ich ein offenes Buch. Dessen Seiten er hin und wieder gerne als Klopapier benutzte, nur um mir dann grinsend zu erklären, dass er mit seinen Belehrungen mal wieder recht gehabt hatte.

»Abwarten.«

Ich entschied, meinen Kummer heute im Suff zu ertränken, sonst würde ich spätestens heute Abend frustriert vor dem Klo hocken und mir den Deckel auf den Kopf schlagen. Wäre nicht das erste Mal.

Egal, ich würde auf jeden Fall was trinken gehen. Auch wenn ich jetzt erst einmal auf jeden Cent angewiesen war, musste ich mir dieses Wochenende einfach die Kante geben.

»Soll ich mal Kai fragen?« Julius' Stimme drang nur gedämpft an mein Ohr. In Gedanken war ich schon in etlichen Clubs und überlegte, ob ich mir ein Taxi leisten konnte oder lieber mit der Bahn fahren sollte. Und malte mir aus, wie ich vielleicht den einen oder anderen Typen abschleppte. Eigentlich war ich nicht der Typ für One-Night-Stands, aber meine letzte Beziehung lag schon eine Weile zurück... und mit ihr auch der Sex.

»Was?« Verwirrt blickte ich zu Julius.

»Ich wollte wissen, ob ich Kai mal fragen soll. Ich glaube, sie stellen noch ein…«

Kai?

Mein fragender Blick glitt zu meinem nichtsnutzigen besten Freund rüber. »Sein Boyfriend«, kam prompt die Antwort.

Ach, der...

»Äh...« Wo arbeitete der Kerl noch mal?

»Er ist Schichtleiter bei einem namhaften Hersteller für Automobilteile«, informierte mich Bastian freundlicherweise, bevor er sich erneut ausklinkte.

»Hm...«, machte ich.

Eigentlich war ich nicht der schweigsame Typ, doch im Augenblick beschränkte sich mein Wortschatz auf ein absolutes Minimum.

Julius musterte Bastian überrascht, lachte dann aber. »Na, wenigstens einer, der mir zuhört.«

So ein Blödsinn, ich war doch kein schlechter Zuhörer! Mich interessierte der Kerl, mit dem Julius ins Bett stieg, einfach nicht. Nur konnte ich ihm das leider genauso wenig sagen wie die Sache mit dem Eri-Bär.

»Warte, ich rufe ihn gleich mal an.« Ohne meine Antwort abzuwarten, zückte Julius auch schon sein Handy.

Bastian streckte die Hand aus, packte Julius' Handy, drückte es hinunter und schüttelte den Kopf. »Unser Barbar hier braucht eine Arbeit, die seine Urinstinkte als Neandertaler anspricht.«

Ich hob beide Augenbrauen und starrte ihn entgeistert an.

Julius lachte schallend auf, schlug sich aber sofort die Hand vor den Mund. »Red doch nicht so abfällig, Eric ist kein Neandertaler.«

»Wen nennst du hier einen Neandertaler, du unsozialer Bücherwurm? Was soll der Scheiß überhaupt? Jetzt leg mal das verkackte Ding zur Seite! Warum bist du hergekommen, wenn du dir mein Gejammer nicht mal anhörst?«

Bastian drehte sein iPad herum und hielt es mir vor die Nase. Zu sehen war die Webseite der IHK.

Sachkundeprüfung IHK 34a Bewachungsgewerbe, stand da.

»Was zum Teufel ist das?«

»Ich habe bereits das Anfrageformular für dich ausgefüllt, nachdem mir vorhin ein Freund geschrieben hat, dass seine Firma noch jemanden sucht.«

Das hatte er also die ganze Zeit getrieben? Und ich dachte schon, er hätte sich dem Ding vor lauter Desinteresse zugewandt.

»Was soll das heißen? Was hast du getan?«

Bastian rollte genervt mit den Augen. »Während du uns die Ohren vollgeheult hast, habe ich einen Job gesucht, der auf dich zugeschnitten ist, du minderbemittelter Primat.« Er drückte mir das Tablet in die Hand, damit ich mir die Seite genauer ansehen konnte. Währenddessen nahm er seine Tasse in die Hand und lehnte sich mit einem siegessicheren Lächeln zurück. »Wenn du dich nur halb so idiotisch anstellst wie in den anderen Firmen und die Prüfung schaffst, bekommst du einen Job als Wachmann. Du arbeitest fünf Tage die Woche überwiegend in der Nachtschicht, bekommst einen unbefristeten Vertrag und musst nichts weiter tun, als ein paar Runden zu drehen und das Gelände kontrollieren. Du bekommst Weihnachtsgeld, Urlaubsgeld und die üblichen Feiertags- und Nachtschichtzulagen. Und du bist sportlich genug, um diesen Job zu meistern.«

Julius' Augen wurden groß. »Das klingt doch super!«, rief er begeistert.

»Gelände? Was denn für ein Gelände?« Während ich mit halbem Ohr zuhörte, versuchte ich, mich auf den Informationsschwall auf der Webseite zu konzentrieren.

Was stand da? Straf- und Verfahrensrecht...? Datenschutzrecht...? Was zum Teufel war denn das, das klang verdammt nach Büffeln! Wenn ich damals in der Schule gut im Lernen gewesen wäre, hätte ich jetzt sicher mehr vorzuweisen als meinen beschissenen Hauptschulabschluss und würde nicht wie eine Hure von einer Firma zur nächsten gereicht werden. Na ja, aber ich verstand nicht, was meine körperliche Verfassung damit zu tun hatte? Wachmann… da stand man doch nur doof in der Gegend rum, oder?

Irgendwie schämte ich mich plötzlich dafür, dass ich ihn so angefahren hatte, aber gleichzeitig wurde die Fassungslosigkeit in mir größer und größer. »Wie kommst du bitte dazu, einfach etwas für mich auszufüllen?«

Bastian nippte an seinem Cappuccino. Sein rechter Mundwinkel zuckte Unheil verkündend und seine dunklen Augen blitzten mich an. »Wenn ich sage, dass dieser Job zu dir passt, dann kannst du mir da blind vertrauen. Also hör einmal in deinem armseligen Leben auf mich und sieh zu, dass du diese Prüfung machst, mein lieber Eri-Bär.«

Kapitel 1

»Erschreck dich nicht.«

Die Warnung kam viel zu spät.

Während wir in der Dunkelheit vor dem Tor standen und mein neuer Arbeitskollege Mark den Schlüssel zückte, hörte ich ein seltsames Geräusch. Es klang wie Krallen, die über den Betonboden wetzend auf uns zugeschossen kamen. Nicht sehr beruhigend…

Einen Moment später leuchteten zwei Augenpaare hinter dem Tor auf und das Nächste, was ich sah, waren weit aufgerissene Mäuler mit fletschenden Zähnen. Wildes Gebell explodierte und ließ mich vor Schreck zusammenzucken.

Ich mochte Hunde nicht besonders. Ich wusste nie, wie ich mich ihnen gegenüber verhalten sollte. Die Viecher flippten jedes Mal aus, wenn ich ihnen zu lange in die Augen sah, keine Ahnung warum.

»Aus!«, donnerte Marks Stimme und kaum hatten die Tiere ihn erkannt, begannen sie, zu winseln und wild mit dem Schwanz zu wedeln. Aufgeregt liefen sie hin und her und kratzten an dem riesigen Tor, für das ich gerade echt dankbar war.

»Keine Panik, die tun nichts.« Er musste meine Angst bemerkt haben, denn er grinste mich breit und dämlich an. Das konnte ich im Licht der Außenbeleuchtung sehen, die ansprang, als er vor mir das Gelände betrat.

»Los, ab!« Er scheuchte die Hunde vor sich her, die noch immer schwanzwedelnd um ihn herum sprangen. Obwohl ich keine Ahnung von Hunden hatte, wusste ich zumindest, dass das ein gutes Zeichen war. Nun ja, sobald sie ihre Zähne in mein Fleisch schlugen, würde ich sicherlich eines Besseren belehrt werden.

»Komm einfach mit rein, beachte sie gar nicht.«

Mark ging vor und ich lief ihm stocksteif nach. Automatisch ballten sich meine Hände zu Fäusten, als ich spürte, wie feuchte, kalte Nasen dagegen drückten und an meinen Beinen schnupperten.

Ich widerstand dem Drang, meine Augen zusammenzukneifen, und betrat mit Mark das Gebäude über drei kleine Stufen. Ich war froh, dass die Hunde draußen blieben, und die Erleichterung wurde größer, nachdem er die Tür hinter uns geschlossen hatte.

Das fing schon mal gut an… Dabei hatte ich versucht, mich so gut wie möglich vorzubereiten, hatte die Firma gegoogelt, mich über die Kaserne schlaugemacht und war sogar beim Friseur gewesen. Meine leicht gewellten Haare trug ich oben etwas länger und hatte sie nach hinten gestylt, die Seiten hingegen waren fast kahl rasiert.

»Du hast doch keine Angst?«, wollte er wissen.

Was fragte der so blöd? Natürlich hatte ich Schiss. Ihm war doch nicht entgangen, dass ich mir gerade fast in die Hose geschissen hätte! »Hunde mögen mich nicht«, verteidigte ich mich.

Wir liefen durch einen Korridor, an dessen Ende zwei Türen zu sehen waren. Eine führte nach rechts in einen Raum, die andere nach links in einen weiteren, längeren Flur.

»Die zwei sind ganz lieb«, versprach er. »Ihr gewöhnt euch schnell aneinander.«

Das wagte ich zu bezweifeln. Niemand mochte mich, weder Tiere noch Kinder. Letztere fingen sogar oft grundlos an zu schreien, wenn sie mich sahen. Zumindest Babys.

Kaum hatte er die Tür geöffnet, wehte uns ein angenehmer Duft nach Kaffee entgegen.

Wir betraten ein Büro. Auf einem großen Schreibtisch stand ein PC, dahinter türmten sich Regale mit zahllosen Ordnern. Auch ein ziemlich hässliches Sofa aus grünem Samt war vorhanden, das mich an meine Kindheit erinnerte. Meine Oma hatte auch so ein ungemütliches Teil besessen. Zumindest damals in den Achtzigern.

Dann noch ein Sessel und an der gegenüberliegenden Wand konnte ich einen Fernseher erkennen, der gerade lief. Zudem gab es einen kleinen Kühlschrank, über dem eine riesige Pinnwand hing. Sie war über und über mit Notizen, Schlüsseln und Speisekarten von diversen Restaurants gespickt.

»Endlich, das wurde auch langsam Zeit!«

Ein älterer Mann saß am Schreibtisch und sprang auf, als wir hereinkamen. Seine Frisur erinnerte mich an die eines Priesters: Oben trug er eine Glatze und drum herum schütteres, graues Haar. Die umgekehrte Variante meiner Frisur.

Die Wangen hingen leicht hinunter und verrieten mir, dass er ungefähr Ende fünfzig sein musste.

»Was ist los, Dewald?« Mark schloss hinter mir die Tür zum Büro. »Hast du es eilig?«

Der alte Mann schüttelte wild den Kopf und packte seine Jacke und die Schlüssel, die auf dem Tisch lagen. »Du weißt genau, dass mein Sohn heute bei mir ist!« Als er sich mir zuwandte, fing er an, freundlich zu lächeln, und reichte mir die Hand. »Du musst der Neue sein? Hubert Dewald.«

Ich streckte ihm die Hand entgegen und spürte den festen, angenehmen Händedruck.

»Eric Lembke, freut mich«, erwiderte ich mit einem Nicken, aber Herr Dewald bekam es kaum mit. Noch bevor ich zu Ende gesprochen hatte, war er schon an der Tür.

»Bis morgen!«, hörten wir ihn noch rufen, dann war er weg.

Mark sah ihm kopfschüttelnd hinterher. »Sein Sohn lebt in England und besucht ihn nicht besonders oft.«

Ich hob eine Augenbraue und folgte seinem Blick. Draußen sah ich noch, wie Dewald zum Tor rannte, die Hunde dicht auf den Fersen. Ziemlich lustiger Anblick.

»Das war ja mal ein Abgang«, bemerkte ich trocken.

»Das ist typisch Dewald. Sonst meckert er immer, dass er zu alt für diesen Job wäre, aber kaum geht es um seinen Sohn, sind die alten, klapprigen Knochen und der Buckel vergessen.« Mark holte zwei Tassen aus dem Regal und schenkte uns Kaffee ein. »Komm, wir trinken einen auf den Schreck und dann legen wir los.«

Hier im Licht konnte ich meinen – hoffentlich – zukünftigen Kollegen das erste Mal richtig betrachten. Sein freundliches Lächeln wirkte jedenfalls ehrlich und er sah ganz nett aus. Okay, das war kein Kriterium, um hier anzufangen, aber wäre doch nicht übel, wenn man was zu gucken hatte.

Er war ein Stückchen größer als ich, breit gebaut und rannte entweder regelmäßig über das Gelände oder ging ins Fitnesscenter. Zumindest war er viel sportlicher als ich. Ein paar Strähnen seiner blonden Haare waren so lang, dass sie fast sein Kinn berührten. Irgendwie erinnerte er mich mit der Frisur ein wenig an Johnny Depp.

Ich ließ meinen Blick weiter durch den Raum wandern, da ich ihn nicht zu lange anstarren wollte. Meine Augen blieben an der Wand mit den vielen Schlüsseln hängen. Zugegeben, allein der Anblick war mir ein Graus, aber immerhin waren alle beschriftet und Mark erklärte mir, welche Schlüssel zu welchem Gebäude gehörten. Ich befürchtete schon, das auswendig lernen zu müssen. Gebäude gab es hier offensichtlich eine ganze Menge. Wobei die offenbar nicht so oft betreten oder kontrolliert wurden wie das Gelände, es sei denn, etwas Auffälliges war von außen zu erkennen. Etwa eine zerbrochene Scheibe oder aufgebrochene Schlösser oder Türen. Erzählte Mark zumindest.

Als wir unseren Kaffee ausgetrunken hatten, schnappte sich Mark zwei überdimensionale Taschenlampen, von denen er mir eine reichte, ein paar Schlüssel und ein handliches, schwarzes Gerät, das mich im ersten Augenblick an einen Elektroschocker erinnerte.

»Das ist der Patrol Manager… aber das erkläre ich dir, sobald wir draußen sind. Hier, nimm das.« Er drückte mir ein paar weiche, knochenförmige Kekse in die Hand. Der beißende Geruch stach mir sofort in die Nase.

»Was ist das? Proviant für unterwegs?«, scherzte ich.

Mark lachte herzlich, schlug mir freundschaftlich auf die Schulter und drückte mir dabei fast die Luft aus den Lungen. »Blödsinn! Die sind für die Hunde. Sie freunden sich schneller mit dir an, wenn du ihnen etwas zu fressen gibst. Übrigens hinterlassen wir die Wache immer so, wie wir sie vorgefunden haben. Das heißt, du spülst deine Tasse selbst und wenn du Essen bestellst, musst du auch deinen Müll wieder wegräumen.«

Gedanklich notierte ich mir alles und wunderte mich ein wenig.

Wenn es so einfach war, mit den Hunden Freundschaft zu schließen, würden dann nicht auch andere auf die Idee kommen, sie zu bestechen? Zum Beispiel Leute, die mal eben über den Zaun hüpfen wollten, um irgendwas mitgehen zu lassen? Das sah man doch manchmal in Filmen.

»Wenn die so bestechlich sind, haben Einbrecher aber ein leichtes Spiel.«

»In der Regel wird selten eingebrochen. Zumindest ist das hier noch nie passiert. Es gibt noch andere Kasernen, um die wir uns kümmern. Aber die werden nicht vierundzwanzig Stunden bewacht und sind leichte Beute. Wir halten uns an die vorgeschriebenen Zeiten und machen dort alle paar Stunden Kontrollgänge«, erklärte er mir weiter und trat mit mir nach draußen. »Und die zwei nehmen nicht von jedem etwas an. Bis auf Joey, der ist eine wilde Fressmaschine. Aber erzähl's keinem, er muss seine Ehre als Wachhund bewahren.«

Die beiden Hunde saßen mit gespitzten Ohren vor dem Eingang und sprangen schwanzwedelnd auf, als sie uns sahen.

Im Licht konnte ich sie deutlicher erkennen. Einer war ein Schäferhund, die kannte ich vom Sehen. Oder spätestens seit Kommissar Rex. Der andere war ein bisschen furchteinflößender. Er war ganz braun, hatte hängende Schlappohren, aber stechende Augen. Vom Körperbau her waren sie ziemlich unterschiedlich. Der Schäferhund war schlanker, der andere wirkte wie ein tierischer Bodybuilder, mit breiter Brust und Muckis. Seine Pfoten waren riesig und er stand da, als wäre er bereit, mir jederzeit ins Gesicht zu springen und die Zähne hineinzuschlagen.

Sie schienen die Leckerlis in meiner Hand zu riechen und einen Moment lang war ich drauf und dran, das Zeug wegzuwerfen.

»Halt ihnen deine Hand hin. Keine Angst.«

Ja, super, darauf brannte ich wirklich. Ihnen meine Hände hinzuhalten, damit sie mich in Stücke reißen konnten.

Ich wechselte einen kurzen Blick mit Mark. Wenn dieses Grinsen eine aufmunternde Wirkung haben sollte... weit gefehlt!

Schließlich sprang ich über meinen Schatten und streckte zögernd meine Hand aus. Gedanklich verabschiedete ich mich bereits von meinen Fingern, aber ich hoffte, dass Mark nicht als Schaulustiger danebenstehen würde, wenn was passierte.

»Ich fühl mich gar nicht wohl dabei«, grummelte ich und versteifte mich.

»Ach, Blödsinn, da passiert schon nichts«, ermutigte mich Mark und nahm mir einen der Hundekekse ab. Er brach ihn in zwei Hälften und hielt sie den Hunden entgegen. »Hock dich am besten etwas hin.«

Zu meiner Überraschung nahm ihm der Schäferhund den Keks sehr behutsam ab, während der andere danach schnappte. Aber Mark lobte die beiden und wuschelte ihnen ungeniert über den Kopf.

»Joey ist ein American-Stafford-Dobermann-Mischling. Ein freches Riesenbaby.« Er zeigte auf den braunen Hund, der ihm fast die Finger abgerissen hätte.

Okay… Dobermann kannte ich auch noch… Mir wurde schon wieder flau im Magen.

»Und Kondor ist ein Schäferhund und ein ganz lieber, verspielter Kerl!«

Kondor? Warum gab man einem Hund den Namen eines Riesenraubvogels, wenn er doch so lieb war? Verspielt, das glaubte ich ihm aufs Wort. Bestimmt zerfleischten sie ihre Beute mit unbändiger Freude. Seine Worte milderten mein Unbehagen nicht wirklich.

Selbst wenn ich wollte, konnte ich das Futter jetzt nicht mehr verstecken. Gezielt kamen die Hunde schwanzwedelnd auf mich zu und als ich ihnen todesmutig die Dinger hinhielt, nahm mir Kondor wie bei Mark das Leckerli sanft ab. Joey war etwas wilder, sodass ich das Futter erschrocken fallen ließ.

»Halt ihnen die Faust hin und lass sie schnuppern«, schlug Mark vor.

Auch das noch! Reichte das Futter denn nicht? Mit einem halb zugekniffenen Auge wagte ich, die geballte Faust auszustrecken. Und lustigerweise schienen es die Hunde nicht einmal wirklich zu registrieren. Sie schnupperten nur kurz und wandten sich desinteressiert ab. Ich war ihnen egal.

War das jetzt gut oder sollte ich beleidigt sein?

»Na, das war doch schon super«, bemerkte Mark anerkennend und grinste. »Dann lass uns mal losziehen.«

Es war ziemlich finster auf dem Gelände, das erklärte die großen Taschenlampen. Meine lag schwer in der Hand und war so groß wie ein halber Baseballschläger. Wobei es sicherlich den gleichen Effekt erzielte, wenn man damit jemandem eins über die Birne zog.

Die Hunde liefen immer ein Stück voraus, blieben hin und wieder stehen und warteten darauf, dass wir ihnen folgten. Ich fand das ziemlich beeindruckend. Im Park sah ich immer nur, wie die Tiere, sobald sie von der Leine waren, ihren Herrchen und Frauchen davonrannten. Während diese ihnen schreiend und fluchend hinterher stürmten.

»Also, noch mal«, begann Mark und hob das Ding hoch, das wie ein Elektroschocker aussah. »Das ist der Patrol Manager. Siehst du dieses Metallplättchen?« Mit der Taschenlampe in der anderen Hand beleuchtete er einen Teil des alten Militärgebäudes und tatsächlich hing da ein Plättchen an der Wand, das man sicher selbst am Tag übersehen hätte.

»Du ziehst den Patrol Manager über das Plättchen, etwa so.« Gesagt, getan und während er es tat, ertönte ein kurzes Piepen. »Erst wenn du dieses Geräusch hörst, ist der Scan erfolgreich. Das ist wichtig für jede Runde, die du machst. Denn mit Hilfe dieses Geräts wird später am Computer angezeigt, wann du um welche Uhrzeit an welchem Punkt auf dem Gelände warst.«

Also, das Ding gefiel mir jetzt schon! Auch wenn ich mir dabei wie ein Kassierer vorkommen würde …

Wir gingen weiter und so stockfinster es hier auch war, empfand ich es nicht wirklich als unheimlich. Wenn wir an den Rand des Geländes kamen, erhellten die Straßenlaternen außerhalb der Kaserne unseren Weg.

Hier und da huschte ein Kaninchen aus seinem Versteck und jagte davon. Die Hunde stürmten ihnen zwar hinterher, doch sobald sie Marks Pfiff hörten, schossen sie zu uns zurück. Echt cool! Ob die irgendwann auch so auf mich hören würden?

Fasziniert betrachtete ich die riesigen, leer stehenden Gebäude und blickte zu den dunklen Fenstern hinauf. Das perfekte Szenario für Horrorfilme.

»Die Engländer sind vor knapp zwanzig Jahren hier ausgezogen, seitdem steht die ganze Kaserne leer«, klärte mich Mark auf, als wir den nächsten Kontrollpunkt erreicht hatten. »Hier, versuch du mal.« Er drückte mir das Gerät in die Hand.

»Versuch, es gerade zu halten. An dem Gerät sind zwei kleine Schienen, durch die du das Plättchen ziehen musst.«

»Okay.« Ich versuchte es einmal, aber es ertönte kein Geräusch wie bei ihm vorhin.

»Siehst du, das meinte ich.« Grinsend stellte er sich hinter mich, nahm meine Hand und zeigte mir, wie es richtig ging. Diesmal ertönte das Piepsen.

»Am besten machst du das, damit du ein Gefühl dafür bekommst.« Er klopfte mir wieder auf die Schulter und wir gingen weiter.

Ich nickte eifrig und begann zu grinsen. Die Aufregung, die ich empfunden hatte, bevor ich hergekommen war, wurde wieder größer. Das sollte mein neuer Job sein? Runden in einer alten, verlassenen Kaserne drehen und Kaffee trinken? Konnte mich mal jemand kneifen?

»Du hast gesagt, dass in die anderen Kasernen eingebrochen wird, aber hier gibt es doch nichts mehr zu holen, oder?«

Was sollte man hier schon Wertvolles mitgehen lassen? Das Kreuz aus der alten Kapelle, die da hinten stand? Die Pflastersteine vom Boden?

»Heizungen«, erwiderte er knapp. »Kabel, Kupfer, Metalle aller Art. Alles, was sich zu Geld machen lässt.«

Okay, das kam mir so abwegig vor, dass ich ihn einen Moment lang anstarrte.

»Ein Schrotthändler zahlt für das Kilo Kupfer über vier Euro. Für Hartmetall bekommst du mehr als das Doppelte. Und wenn du dann noch weißt, wo der Mist zu holen ist, hast du ruckzuck gutes Geld gemacht.« Er zuckte mit den Schultern. »Aber dass du mir jetzt ja nicht auf dumme Gedanken kommst!«

»Quatsch! Ich brauche einen festen Job und keine schnelle Kohle!«

Das ließ Mark grinsen. Er nickte zufrieden. »Na dann, komm. Weiter geht's!«

Die Runde, die wir liefen, kostete uns fast eine ganze Stunde. Ich war froh, als wir in die Wache zurückkehrten und uns mit einem Kaffee aufwärmen konnten.

Allerdings machte mir irgendwann die Müdigkeit zu schaffen, doch ich hatte mir in weiser Voraussicht ein paar Energydrinks mitgebracht, die ich in dem kleinen Kühlschrank verstauen durfte.

»Bei uns geht es locker zu, aber vergiss bitte nicht: Das hier ist dein Arbeitsplatz«, sagte Mark, als wir gegen Morgengrauen die letzte Runde drehten. Wären wir nicht alle zwei Stunden über das Gelände gelaufen, wäre ich vermutlich irgendwann eingepennt.

»Wie meinst du das?«

Mark zuckte mit den Schultern und verfolgte mit dem Licht seiner Taschenlampe eine Gruppe aufgeschreckter Kaninchen, die ins nächste Gebüsch jagten. Zum Glück waren die Hunde gerade in die andere Richtung verschwunden. Dann blieb mir eine weitere Hetzjagd erspart. Vorhin hätten sie fast eins erwischt.

»Wir hatten schon Leute hier, die haben sich mal eben die Freundin oder eine Nutte in die Wache geholt, wenn ihnen langweilig war.« Er schnaubte abfällig.

Ich hätte ihm gerne gesagt, dass er, was Freundinnen und Prostituierte anging, bei mir keine Bedenken haben musste. Aber ich ließ es bleiben, ging ihn schließlich nichts an, nicht wahr?

»Ich sehe schon, ich muss aufpassen, dass mich dieser Laden nicht verdirbt. Erst die Anregungen mit dem schnellen Geld und dann so was…«

Mark schulterte prustend die Taschenlampe. So langsam zogen sich heller werdende, blaue Streifen durch den dunklen Nachthimmel.

»Ich pass schon auf, dass wir deine Unschuld bewahren, keine Sorge.«

So sehr wir auch darüber lachten, irgendwas in diesem Satz ließ mich aufhorchen.

Plötzlich brach einer der Hunde direkt neben meinem Bein aus dem Gebüsch und bescherte mir fast einen Herzinfarkt, als er einem großen, seltsam kreischenden, flatternden Tier hinterherjagte.

»Großer Gott!« Mit einer Hand fasste ich mir ans Herz, während ich mich mit der anderen an Marks Arm festhielt. »Sind wir hier im Jurassic Park, oder was?!«

»Das war ein Fasan.«

»Mich würde es nicht wundern, wenn gleich ein Raptor aus dem Gebüsch springt!«

»Du bist ein bisschen schreckhaft, was?«

Was sollte das denn wieder heißen? »Ich glaube, jeder andere an meiner Stelle wäre genauso zusammengezuckt! Ist doch klar, bin das einfach noch nicht gewohnt.« Irgendwann bemerkte ich, dass ich noch immer an seinem Arm hing. Mark machte keine Anstalten, mich abzuschütteln. Was mich noch mehr verwirrte.

Schnell ließ ich die Hand sinken und räusperte mich. »Wollte dich nur festhalten, damit du keine Angst bekommst«, murmelte ich in meinem Stolz leicht angeschlagen. Vielleicht war ich wirklich ein elender Feigling?

»Das war sehr zuvorkommend von dir, vielen Dank.« Egal, wie viel Ernst und Freundlichkeit in seiner Stimme lagen, ich konnte sein verdammtes Grinsen raushören.

»Gern geschehen!« Den Teufel würde ich tun und mir die Blöße geben!

Den Rest des Weges liefen wir stumm weiter, wobei ich den Patrol Manager bediente und die kleinen Metallplättchen scannte. Auch wenn ich das Ding manchmal drei- oder viermal scannen musste, bis es piepste, gewöhnte ich mich recht schnell daran.

»Und, wie mache ich mich bis jetzt?«, wollte ich wissen.

An der Wache angekommen, war es bereits hell. Mark hielt die Schlüssel in der Hand, um die Tür zur Wache aufzuschließen, hielt jedoch inne und musterte mich mit gehobener Augenbraue.

»Du möchtest eine erste Beurteilung?«

Irgendwie machte es mich nervös, wie er das sagte und mich dabei ansah. Hatte ich mich zu doof angestellt? Mensch, dabei hatte ich monatelang den Scheiß für das Seminar gebüffelt und mich für die IHK-Prüfung ins Zeug gelegt! Selbst die ganzen Gesetzestexte konnte ich locker runterrasseln, obwohl Auswendiglernen noch nie zu meinen Stärken gehört hatte. Und jetzt sollte alles für die Katz gewesen sein?

»Wäre nicht schlecht, ja…«, gab ich vorsichtig zurück.

»Nun, ich sag mal so«, begann er, lehnte sich an eine Säule und spielte mit dem runden Schlüsselbund. »Du bist schreckhaft, hast Angst vor den Hunden, zuckst bei Kleinigkeiten zusammen und hältst den Patrol Manager auch beim zehnten Mal noch falsch.«

Was war denn das für eine beschissene Beurteilung? Das waren doch alles Dinge, an denen man arbeiten konnte!

Panik schoss in mir hoch. Dabei hatte es gerade angefangen, mir zu gefallen. Und das hatte ich noch nie von einem meiner Jobs behaupten können. Besonders nicht nach einem Tag Probearbeiten.

»Ich schlage vor, du kochst uns beiden jetzt erst mal einen Kaffee. Und wenn der auch nur halb so gut ist wie die Sprüche, die du loslässt, dann steht einer Festanstellung sicher nichts im Weg.«

Kapitel 2

»Überraschung!« Julius stand mit einer großen Tüte Brötchen vor meiner Tür. Hinter ihm konnte ich Bastian erkennen, der mich amüsiert musterte.

Völlig verpennt war ich aus dem Bett gestolpert, als die beiden im Sturm geklingelt hatten.

»Wie spät ist es?«, murrte ich und strich mir das zottelige Haar aus dem Gesicht.

»Halb zehn«, flötete Julius und quetschte sich an mir vorbei. Bastian folgte ihm mit einer Flasche Baileys, die er mir in die Hand drückte.

Halb zehn? Dabei war ich erst um sieben ins Bett gekrochen, na super! Und dass ich nur in Shorts dastand, schien auch keinen zu stören.

»Der aufgedrehte, kleine Strahlemann wollte dir einen Sekt mitbringen, aber ich konnte ihn umstimmen. Immerhin macht der sich nicht besonders gut im Kaffee, nicht wahr?« Bastian musterte mich und sein Blick glitt zu meinem Bauch, in den er mit dem Daumen stach.

»Danke…« Ich schloss die Tür und folgte den beiden in meine kleine Küche. Ein Klapptisch von IKEA und die dazu passenden Klappstühle hatten dort immerhin noch Platz gefunden.

Julius fühlte sich wie zu Hause, setzte uns ungefragt einen Kaffee auf und begann, uns Frühstück zu machen.

Heimlich folgte ihm mein Blick, aber Bastian fing ihn ab.

»Du hast dich seit deinem ersten Tag nicht mehr gemeldet. Wie läuft's denn?«, wollte er wissen, doch der Ausdruck in seinen Augen sagte was anderes.

Er ist vergeben.

Das weiß ich, knurrte ich wortlos zurück.

»Ganz gut, glaube ich.« Müde ließ ich mich auf den Stuhl sinken und verfolgte mit halbem Ohr das Klappern, während Julius Teller, Tassen und Besteck rausholte.

»Du glaubst?« Bastian ließ sich mir gegenüber nieder und überschlug die Beine. »Hör mal, ich hab dir den einfachsten Job der Welt besorgt, den wirst du doch nicht auch noch vergeigen.«

Mit einer Hand klammerte ich mich an die Baileys-Flasche, mit der anderen musste ich meinen Kopf abstützen, damit er nicht auf den Tisch knallte.

»Es. Läuft. Gut!«, korrigierte ich meine Antwort gereizt. »Ich muss mich zwar noch an meinen veränderten Tag-Nacht-Rhythmus gewöhnen, aber es gefällt mir ganz gut.« Seit zwei Wochen arbeitete ich für den Wachdienst. Eine weitere würde ich bestimmt brauchen, um mich an den neuen Rhythmus zu gewöhnen. Hey, aber immerhin hatte ich in dieser Firma bereits zwei Wochen hinter mich gebracht. Wenn ich heute noch durchhielt, war das ein neuer Rekord.

Das Geklapper hörte auf.

»Wirklich?« Julius wirbelte herum und seine Augen wurden größer. Auch Bastian starrte mich verblüfft an.

»Was?« Waren die verrückt geworden?

»Das hab ich ja noch nie von dir gehört!« Julius lächelte breit und klammerte sich mit beiden Händen hoffnungsvoll an den Teller meiner Mutter. Es war der hässliche aus meiner Kindheit… der mit dem blöden Hahn in der Tellermitte, den ich als Kind immer vor dem Ersaufen in der Brühe retten musste.

»Und?« Bastian schien mir nicht zu trauen und durchbohrte mich wieder mit seinem Blick.

»Nichts und! Ich hab den Arbeitsvertrag unterschrieben.«

»Wo ist er?«

»Auf dem Tisch im Wohnzimmer.« Genervt begann ich, auf dem Deckel der Flasche herumzukauen, und versuchte, sie mit den Zähnen zu öffnen.

Bastian erhob sich und lief aus der Küche. Dass er sich jedes Mal meine Verträge ansehen musste, war nichts Neues mehr. Sollte er doch, wenn er scharf drauf war. Er regte sich auch jedes Mal darüber auf, dass ich unterschrieb, bevor ich ihn einen Blick drauf werfen ließ, und warf mir vor, deswegen nie einen gescheiten Job zu finden.

Womöglich hatte er recht, aber diesmal war mir die Stelle sicher. Ich stellte mich gut an und lernte schnell, weil mir die Arbeit Spaß machte. Zudem gewöhnte ich mich langsam an die Hunde. Kondor hörte sogar schon auf meine Kommandos. Zwar nicht auf alle… aber ich wollte nicht kleinlich sein.

Kaum saß ich mit Julius alleine in der Küche, zog er mal wieder meine ganze Aufmerksamkeit auf sich. Wie er da stand, mit dem dummen Teller in der Hand und dem sanftmütigen Lächeln, das er mir schenkte. Am liebsten hätte ich ihn auf meinen Schoß gezogen, um ihn hemmungslos zu küssen. Das schien Bastian wiederum gerochen zu haben, denn nur einen Augenblick später kehrte er in die Küche zurück.

Die Nase tief im Vertrag vergraben, blätterte er darin herum.

Die Stille in der Küche wurde unerträglich, bis Bastian anfing zu grinsen.

»Wow!«, kam es anerkennend. Er hob den Blick und grinste noch breiter. »Und? Wo ist mein Dankeschön?«

Julius nahm mir die Flache mit dem angenagten Deckel ab und öffnete sie.

»Bekommst du mit meinem ersten Lohn«, antwortete ich und nahm dankbar den Kaffee entgegen, der mit einem Schuss von diesem wundervollen Likör aufgepeppt war. »Aber schau mal in den Kühlschrank.«

Bastian war es nicht gewohnt, mir zu vertrauen, und es kränkte mich ein wenig, dass er zögerte.

»Du Idiot!«, rief er und griff nach einer teuer aussehenden Schachtel. Korrigiere, sie sah nicht nur teuer aus, sie war es auch. Inklusive Inhalt hatte ich fast fünfzehn Euro für ein paar Pralinen hingeblättert. Aber ich wusste, dass er die Dinger aus der Confiserie neben unserem Lieblingscoffeeshop besonders liebte.

»Die lagert man doch nicht im Kühlschrank!«

Dem konnte man auch gar nichts recht machen… Warum waren wir noch mal Freunde?

»Gern geschehen.«

Kaum hatte Bastian den Kühlschrank geschlossen und sich mir gegenüber niedergelassen, konnte ich deutlich die kindliche Freude in seinen Augen sehen. Seine hellen, blauen Augen strahlten hinter den Gläsern seiner Nerd-Brille.

Ach ja… darum.

Bastian konnte zwar ein arroganter Vollpfosten und ein Riesenarsch sein, aber unter dem undurchdringlichen Panzer schlummerte immer noch dieser kleine Junge. Den nur ich hin und wieder zu sehen bekam.

Julius blickte zwischen uns hin und her und setzte sich ebenfalls. »Also… ihr streitet euch zwar wie ein altes Ehepaar, aber im Grunde könnt ihr auch nicht ohne einander, oder?«

Bastians Blick traf meinen und wir fingen beide gleichzeitig an zu grinsen, drehten uns jedoch ebenso synchron voneinander weg.

Das zwischen uns war schon etwas Besonderes. Er gab mir die nötigen Arschtritte, ohne die ich zu einem verzogenen Gör mutieren würde. Und ich? Ich gab ihm das Gefühl, der große, überlegene Bruder zu sein. Wir waren wohl beide ein bisschen gestört.

Amüsiert schüttelte Julius den Kopf. »Und der Job macht dir wirklich Spaß?«

»Klar«, erwiderte ich schulterzuckend. »Die Kollegen sind alle locker und an die Hunde gewöhne ich mich auch.« Und ich erschrak nicht mehr ganz so schlimm, wenn ein Kaninchen oder ein Fasan vor mir aus dem Busch sprang. »Ab nächster Woche bin ich dann alleine in der Nachtschicht.«

»Es gibt Hunde?« Julius' Augen strahlten.

»Ja, zwei Wachhunde.«

»Darf ich irgendwann mal mitkommen?«

Warum musste ich gerade an Marks Worte denken? Das mit der Freundin und den Nutten? Julius gehörte weder zu der einen noch zu der anderen Fraktion. Und eigentlich könnte ich diese Regel damit umgehen, oder?

Ich öffnete gerade den Mund, als der Bücherwurm mir das Wort abschnitt.

»Nein! Er hat gerade erst angefangen, da zu arbeiten. Wie sieht das aus, wenn er irgendwelche Freunde anschleppt?«

Mir wäre lieber, wenn er öfter mal den kleinen Jungen rauslassen würde, statt des Arschlochs. Stand ihm viel besser.

»Und du! Zieh es nicht einmal in Erwägung!«, mahnte er mich, als hätte er mich schon wieder durchschaut. »Du hast endlich eine Arbeit gefunden, an der du Freude hast. Das willst du dir doch nicht dank deiner Idiotie kaputt machen, oder?«

»Ist ja gut, reg dich ab«, brummte ich genervt und nahm mir noch eine Tasse Kaffee. Meine war irgendwie schon wieder leer. Musste am Baileys liegen.

Julius sah schuldbewusst drein und schürzte die Lippen. »Daran habe ich nicht gedacht, du hast völlig recht.« Einen Augenblick später hellte sich sein Gesicht schon wieder auf. »Wie wär's, gehen wir dieses Wochenende mal wieder zusammen feiern?«

»Passe«, grummelte ich. »Die Woche hat mich geschlaucht.«

Auch wenn das hieß, dass ich darauf verzichten musste, Julius beim Tanzen zuzusehen und mir dabei versaute Fantasien auszumalen. Der einzige Haken dabei? Bastian würde mich die ganze Zeit über anstarren und die Anstandsdame mimen. Nein danke, ich wollte nur noch schlafen.

Noch ein Schuss Baileys und die Welt ging mir dezent am Arsch vorbei.

»Ach… das ist echt schade…« Julius verzog wieder den Mund.

Oh, wie gerne würde ich jetzt diesen süßen Schmollmund küssen!

Wieder traf ich auf Bastians Blick und ich hätte schwören können, dass Bastian genau wusste, was ich dachte.

Reicht es nicht, dass du mir alles aus dem Gesicht liest, musst du jetzt auch noch in meinen Gedanken lesen?, dachte ich wütend.

Bastian prostete mir mit dem Kaffee zu.

***

»Wie ich sehe, hast du deine Angst überwunden?«, fragte Mark mich, als ich auf der anderen Seite vor dem Tor hockte und die beiden Hunde kraulte. Kaum hatten sie mich gesehen, waren sie sofort schwanzwedelnd herbeigestürmt, um mich zu begrüßen. »Ich glaube, wir gewöhnen uns langsam aneinander.« Ich erhob mich, um ihn mit einem Handschlag zu begrüßen.

Irrte ich mich oder wurde der Druck von Mal zu Mal fester?

»Am ersten Tag dachte ich, du läufst uns wegen den beiden davon.« Er zwinkerte, als er mir aufschloss.

Die beiden Hunde sprangen um uns herum und begrüßten mich winselnd und übereuphorisch.

Seit ein paar Tagen hatte ich mir angewöhnt, den beiden immer mal etwas mitzubringen. Und so seltsam es auch klang, mittlerweile machte ich es gerne. Hey, immerhin hatte ich nie etwas mit so großen Tieren zu tun gehabt. Zuerst war es mir nicht leichtgefallen, aber je mehr Zeit ich mit ihnen verbrachte, umso mehr begann ich, die zwei Jungs zu mögen.

»Ach, sag mal, wäre es okay, wenn ich dich heute schon für ein paar Stunden alleine lasse?«

»Klar, kein Problem!«, antwortete ich, wie aus der Pistole geschossen. Ich wollte, dass sie merkten, dass man mir ruhig vertrauen konnte. Ich wollte hier nicht weg, ich wollte diesen Job behalten. Und diesmal würde ich mich besser anstellen.

Er nickte lächelnd, als wir die Wache betraten. »Ich muss heute die anderen beiden Kasernen kontrollieren, das kann eine Weile dauern. Aber ich bin mir sicher, dass du das auch ohne mich packst.«

Natürlich würde ich das packen! War doch nichts dabei, immerhin war das hier der lässigste Job der Welt! Das war die perfekte Chance. Und Marks Worte gingen runter wie Öl. Also hatte ich mir schon ein wenig Vertrauen erarbeitet, sonst würde er mich nicht mal für eine halbe Stunde alleine lassen. Zumindest würde ich jemandem wie mir nicht zu schnell zu viel Verantwortung übertragen.

Zum Glück war Mark nicht ich. Und seine Meinung schien dem Chef ganz besonders wichtig zu sein.

Nachdem Mark gegangen war, schloss ich das Tor hinter ihm ab und atmete tief ein.

Zugegeben, es war schon ein komisches Gefühl, ganz allein auf dem riesigen Gelände zu sein. Mit Mark hatte ich mich unterhalten können, aber der Fernseher war auch kein schlechter Zeitgenosse. Ich nahm mir einen Kaffee und ließ mich in dem Sessel nieder, begann durch das Nachtprogramm zu zappen und schaute mir eine Folge South Park an.

Als mir meine erste Runde bevorstand, wurde ich unruhig und hoffte, dass ich mich nicht idiotisch anstellte. Auch wenn der Job verdammt einfach war. Die Luft war kühl und ich musste den Kragen meiner schwarzen Dienstjacke hochschlagen, um mich vor dem kalten Wind zu schützen, der mir um die Ohren pfiff.

Die Hunde liefen wieder vor. In einer Hand hielt ich die klobige Taschenlampe, mit der ich hier und da in diverse Ecken leuchtete, so wie Mark es mir gezeigt hatte. In der anderen Hand hatte ich den Patrol Manager, mit dem ich die kleinen Metallplättchen scannte. Okay, jetzt fühlte ich mich wirklich wie ein richtiger Wachmann. Da reichte nicht nur die Uniform und das ganze Drumherum. Gut, bei dem Ausweis, den ich letzte Woche bekommen hatte, war ich vor Freude fast ausgeflippt. Das Gefühl der Zugehörigkeit hatte sich schlagartig vergrößert. Dass mich mal ein Stück Plastik so glücklich machen würde…

Plötzlich begann einer der Hunde, laut und kräftig zu bellen, sodass ich erschrocken zusammenzuckte. Ich hastete den beiden hinterher, die vor der alten Turnhalle stehen geblieben waren. Die Tür stand sperrangelweit offen und die beiden Hunde hockten davor und starrten in die Dunkelheit.

Vor Aufregung rutschte mir das Herz in die Hose, Adrenalin jagte durch meinen Körper. Die Anspannung der Hunde machte mich noch nervöser, aber ich zückte sofort meine Taschenlampe und hielt sie auf die Tür gerichtet.

Je näher ich kam, umso deutlicher konnte ich das Knurren des Schäferhundes spüren, fast so, als würde er Vibrationen durch die Luft schicken.

Seltsam. Hatte die Tür hier schon immer aufgestanden? War die nicht eigentlich verschlossen gewesen? Himmel, ich konnte mich nicht mehr erinnern! Was sollte ich jetzt tun? Einfach mal reingehen und nachsehen? Und wenn da jemand drin war?

Wenn ihr ehrlich war, war mir bei dem Gedanken verdammt unwohl zumute. Und bevor ich mich Hals über Kopf in ein Abenteuer warf, wollte ich lieber Mark kurz anrufen.

Kondor begann, lauter zu knurren, aber Joeys Verhalten machte mir noch mehr Angst. Er hatte den Kopf gesenkt und starrte gebannt in die Finsternis. Der blöde Köter war die Ruhe selbst und schien etwas anvisiert zu haben.

Warum musste ich gerade an den Film I am Legend mit Will Smith denken? Als der Hund diesem Reh in ein dunkles Gebäude gefolgt war, in dem die Zombies lauerten?

Kaum hatte ich mein Handy gezückt, um Marks Nummer zu wählen, machte Joey auch schon einen Satz nach vorne.

»Hey!« Ich wollte ihn am Halsband packen, aber es rutschte mir aus der Hand.

Kondor verstummte und hatte offenbar genauso wenig Lust, einem Zombie zu begegnen, wie ich… Also standen wir da und starrten dem lebensmüden Joey hinterher. Und zuckten beide zusammen, als mein Handy klingelte. Mark!

»Hör mal«, plapperte ich sofort los, »die Tür der Turnhalle, stand die eigentlich die ganze Zeit schon offen?«

Mark lachte und irgendwie erleichterte mich das. Ich konnte deutlich spüren, wie ich ruhiger wurde.

»Hab vergessen, dir das zu sagen, Dewald meinte, er hätte vergessen, die Tür zu schließen. Oder hast du etwas Auffälliges entdeckt?«

Dieser blöde Dewald, wegen dem hätte ich mir hier fast ins Hemd gemacht!

»Nein, alles gut… Hab mich nur gewundert«, murmelte ich und versuchte, so cool wie möglich zu klingen.

»Gut, ich bin unterwegs und in einer halben Stunde zurück. Ich bringe uns Pizza mit.«

Pizza! Die konnte ich gerade echt gut gebrauchen! Nichts beruhigte meine aufgewühlten Nerven mehr als knuspriger, runder Teig, der vor lauter Käse überquoll. Und kaum dachte ich ans Essen, knurrte mein Magen laut und protestierend.

»Okay, dann bis gleich.«

Unbekümmert und schwanzwedelnd kam Joey zu uns zurückgelaufen und verschwand in dem nächsten Gestrüpp.

Ein bisschen musste ich ja schon über mich lachen. Was war ich bitte für ein erbärmlicher Wachmann? Wenigstens war ich damit nicht alleine. Ich hatte einen genauso erbärmlichen Wachhund bei mir, der sich gerade eng an mein Bein schmiegte und beruhigend hinter dem Ohr gekrault werden wollte.

»Schön, dass ihr noch lebt.« Mark stellte die beiden Pizzaschachteln auf dem Tisch ab und betrachtete mich amüsiert. Er nickte meine Uniform anerkennend ab, bevor er weitersprach. »War irgendwas? Du hast am Telefon so seltsam geklungen.«

Mist, erwischt!

Hatte der eigentlich nichts anderes zu tun, als peinlich genau auf meine Emotionen und Ängste zu achten?

»Quatsch!«, brummte ich und wollte ihm das Geld für die Pizza zurückgeben, doch er hob die Hand.

»Lass stecken.« Er zwinkerte mir zu und ließ sich mir gegenüber an den Tisch sinken.

Seit meinem ersten Tag hier glaubte ich, etwas bei Mark zu spüren. Und das lag nicht an seiner Freundlichkeit mir gegenüber. Die Art, wie er mich ansah oder manchmal doppeldeutige Andeutungen von sich gab. Oder ich irrte mich und der Typ war einfach nur übertrieben freundlich, mehr nicht. Einer wie der war doch nicht schwul. Einer wie der grölte auf Partys am lautesten, zog durch Kneipen, spielte Darts und riss beim Lachen den Mund so weit auf, dass man Frühstück, Mittagessen und Abendbrot problemlos identifizieren konnte.

Na ja, okay, den meisten stand es nicht auf die Stirn geschrieben. Aber von so einem wie Mark erwartete man das einfach nicht.

»Ich war sogar noch drin, in der Turnhalle. Vielleicht war mein Empfang ein bisschen schlecht, musste etwas lauter sprechen«, redete ich mich raus, bedankte mich aber artig und behielt im Hinterkopf, mich bald für die Pizza zu revanchieren. Auch wenn ich es nicht kannte, dass mir ein Arbeitskollege einfach mal so was ausgab. In den anderen Firmen hatte es so etwas nicht gegeben. Da hieß es, jeder für sich und jeder gegen jeden.

»Wirklich?«

Der Ton in seiner Stimme ließ mich aufblicken. Er grinste schon wieder so unverschämt breit und verbrannte sich gerade an dem noch flüssigen Käse.

Geschah ihm ganz recht!

Aber auch ich fing an zu grinsen und als ihm der halbe Belag seiner Pizza in den Schoß klatschte, brüllte ich vor Lachen und wäre beinahe umgekippt.

Das hier war eindeutig der beste Job der Welt.

Kapitel 3

Kian

»Hier!« Sammy drückte mir drei grüne Scheine in die Hand. Und es fühlte sich verdammt geil an! Dreihundert Euro, mal eben schnell verdient.

Wir standen zu viert auf dem großen Schrottplatz und zählten unser Geld.

Tim schnaubte. »Da ackern wir uns kaputt und bekommen nicht mehr als zwölf raus? Und ich hab hundert Mal gesagt, lasst uns die andere nehmen!« Er strich sich über die Glatze und verstaute das Geld kopfschüttelnd in der Innentasche seiner Jacke.

Wir dachten wohl alle das Gleiche. Spätestens in zwei Tagen war die Kohle ohnehin verprasst, dann würden wir wieder irgendwo einbrechen müssen.

»Die Kaserne am Stadtrand nehmen wir uns als Nächstes vor!«, verkündete Sammy eifrig. Mit seinen dreißig Jahren war er nicht nur der Älteste unserer Gruppe, er war auch so was wie mein Freund.

»Du meinst die Kaserne, die durchgehend bewacht wird?« Leah starrte Sammy ungläubig an. »Hast du den Verstand verloren, ey?«, fuhr sie ihn an und verschränkte die Arme vor der Brust. »Da sind doch Hunde! Hab sie letztens noch gesehen, als ich an dem Tor vorbeigelaufen bin.«

Sammy lachte unbeeindruckt. »Das sind Tiere, dämliche Viecher. Wir schmeißen denen irgendwas hin, Schinken oder so was, und dann haben wir unsere Ruhe.«

»Ich mache da nicht mit«, warf ich ein.

Sofort richteten sich sämtliche Blicke auf mich und ich widerstand dem Drang, den Kopf einzuziehen. »Mir reicht die Kohle erst mal.« Ich spürte Sammys Blick, der sich tief in mich hineinbohrte. Sofort wurde mir unwohl zumute.

Sammy verärgerte man lieber nicht, denn wenn er einmal in Rage geriet, erkannte er nicht einmal seine Mutter wieder. »Außerdem hab ich tierisch Schiss vor Hunden«, fügte ich schnell hinzu. »Als Kind hat mich einer ins Gesicht gebissen.« Ich zeigte auf eine feine Narbe, die unter den wenigen Sommersprossen zu sehen war. Alle starrten genauer hin, aber schließlich war es Leah, die mitfühlend nickte und mir eine Hand auf die Schulter legte. »Kein Wunder, dass du da Schiss hast.«

Die mussten nicht wissen, dass es kein Hund, sondern eine Katze gewesen war, die mir damals in unserem Hinterhof die Krallen ins Gesicht geschlagen hatte.

Im Gegensatz zu den anderen brauchte ich das Geld weder für Alkohol noch für Drogen. Ich brauchte es einfach zum Leben. Dreihundert Euro waren gutes Geld. Ich hatte genug, um einen anständigen Großeinkauf zu machen und mir Kippen zu kaufen.

Nachdem sich die anderen von uns verabschiedet hatten, blieben Sammy und ich alleine zurück. Stumm liefen wir zu zweit die Straße zur Bushaltestelle entlang.

»Was sollte das eben?«, knurrte Sammy mich von der Seite an. Er hatte die Hände in seine Taschen geschoben und lief mit schlurfenden Schritten neben mir her.

Ich wagte kaum, den Kopf zu heben. Mir war klar, dass er eine Scheißwut auf mich hatte.

»Was denn?«

»Na, die Sache mit dem großen Ding!«, explodierte er und ließ mich zusammenzucken. »Was soll der Scheiß, du bist immer dabei! Du bist der Kleinste von uns, du kommst am besten überall durch!«

Wieder zuckte ich leicht zusammen und biss mir auf die Unterlippe. Mit meinen 1,72 Metern war ich nicht der Kleinste, aber ein wenig schlanker als die anderen.

Sammy war nur ein wenig größer als ich, hatte eine recht kräftige und maskuline Statur, wohingegen man Tim schon als füllig bezeichnen konnte. Sammy nannte ihn liebevoll seinen Panzer. Leah war auch nur dabei, weil sie Tims Freundin war.

Trotzdem brauchte er mich nicht, damit ich überall durchpasste, so wie er behauptete. Denn so schmal war ich nun auch wieder nicht. Er brauchte mich als Sündenbock. Für den Fall, dass etwas passierte, wurde ich vorgeschoben. Außerdem konnte ich ganz gut Schlösser knacken.

»Ich hab wirklich Schiss…« Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Eine falsche Bewegung und seine Faust würde in meinem Gesicht oder in meinem Magen landen. Mir war nicht danach, ihn zu provozieren. Zu groß war die Angst, dass er mich alleine zurücklassen könnte. Angedroht hatte er es mir schon. Aber ich wollte nicht von ihm weg, konnte es nicht. Ich brauchte Sammy zum Überleben, so wie er mich brauchte. Mitten auf der Straße blieben wir stehen. Sammy drängte mich gegen den Zaun und beugte sich tief zu mir herunter. Mit einer Hand stützte er sich am Zaun ab, die andere packte mich am Kragen. Das Blut rauschte mir in den Ohren, machte mich bewegungsunfähig.

»Brauchst du nicht.« Seine braunen Augen blitzten mich an und durchbohrten mich noch immer, auch wenn er jetzt lächelte und seine Stimme gesenkt hatte. »Ich versprech dir, dass nichts passiert, okay?«

Einen Augenblick lang war ich mir nicht sicher, ob sein Verhalten eine tröstende oder angsteinflößende Wirkung auf mich haben sollte.

Auch wenn es so klang, das hier war keine Bitte, ihn und die anderen zu begleiten. Sammy bat nicht. Er nahm sich einfach, was er wollte.

Ich schluckte schwer und versuchte, seinem Blick auszuweichen, da packte er mich am Kinn und zwang mich, zu ihm aufzusehen.

»Wann hab ich dich je im Stich gelassen, Kian?«, fragte er ruhig.

»Noch nie«, gab ich leise zurück. Ich mochte es nicht, ihm in die Augen zu sehen. Er konnte alles aus mir herausholen… jede noch so kleine Lüge…

»Und warum lässt du mich jetzt hängen?«

Seine Worte stachen mir mitten ins Herz. »Das tue ich doch gar nicht!«, entfuhr es mir. Man durfte mir alles an den Kopf werfen, aber nicht, dass ich einen Freund im Stich ließ. Meinen Freund schon gar nicht! Auch wenn das zwischen uns wohl eher eine Art Hassliebe war und er mich noch nie als seinen Partner geoutet hatte. Wenn wir das denn waren.

Sammys Blick wurde weicher, auch sein Griff lockerte sich. Ein Lächeln breitete sich auf seinen schmalen Lippen aus, bis er mich küsste.

»Braver Junge«, wisperte er.

***

Zögernd schloss ich die Tür zu unserer Wohnung auf und schob eine der drei Tüten mit dem Fuß hinein. Die anderen beiden schleppte ich gerade noch durch die Tür, ehe ich keuchend über ihnen zusammenbrach. In dem Moment, als ich die Wohnung betrat, wehte mir sofort der fürchterliche Gestank nach Bier und Zigaretten entgegen. Ein Geruch, den ich zutiefst verabscheute, an den ich mich aber gewöhnte, je länger ich mich zu Hause aufhielt. Tat ich immer.

»Kian?«, hörte ich meinen Vater aus dem Wohnzimmer rufen.

»Ich bin's!«, rief ich zurück und brachte die Einkäufe in die Küche. Das dreckige Geschirr stapelte sich mal wieder in der Spüle, und die Aschenbecher waren so voll, dass mein Vater aus den unzähligen Stummeln bereits kleine Türme gebaut hatte.

Genervt begann ich erst einmal, die Küche aufzuräumen, und stopfte alles in den Geschirrspüler, was noch hineinpasste, auch wenn ich wusste, dass es spätestens heute Abend wieder so aussehen würde. Erst, als sie einigermaßen passabel aussah, begann ich, meine Einkäufe auszupacken. Ich mochte es nicht, in einer unaufgeräumten Küche zu hantieren. Und wenn es hier schon so aussah, wollte ich gar nicht erst das Wohnzimmer betreten. Das war ohnehin das einzig wahre Domizil meines Vaters. Er schlief, aß und lebte dort sein Einsiedlerdasein.

»Haste mir was mitgebracht?«, lallte er zu mir rüber, während ich alles übersichtlich auf dem Küchentisch ausbreitete. Der Großteil bestand aus einem Haufen Toastbrot, das ich einfrieren würde, Nudeln und einigen Fertiggerichten. Ich hatte sogar ein bisschen Fleisch eingekauft.

Mein Vater nahm eine Fertigpizza in die Hand, begutachtete sie und warf sie mit einem abfälligen Schnauben wieder auf den Tisch.