Beschreibung

Martin Luther hat die Reformation vor allem mit seinen mitreißenden und klugen Schriften ausgelöst. Aber was steht da eigentlich drin? Fabian Vogt fasst die wichtigsten reformatorischen Texte zusammen – von den „95 Thesen“ über die „Freiheit eines Christenmenschen“ bis zur Rede auf dem Reichstag zu Worms. Kurz und knackig, informativ und dabei höchst unterhaltsam.

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Fabian Vogt

LUTHER

für

EILIGE

Seine wichtigsten Werke kurz & knackig

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.

3. Auflage 2017

© 2016 by edition chrismon in der Evangelischen Verlagsanstalt GmbH · Leipzig

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Weiterverarbeitung in elektronischen Systemen.

Cover: Anja Haß, Frankfurt am Main

Coverillustration: Oliver Weiss, Berlin

Innengestaltung und Satz: Makena Plangrafik, Leipzig

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2016

ISBN 978-3-96038-031-3

www.eva-leipzig.de

»TRITT FEST AUF,

MACH’S MAUL AUF,

HÖR BALD AUF.«

Martin Luther

VORWORT

Können Worte die Welt verändern? Natürlich! Und wie! Das hat keiner eindrucksvoller bewiesen als Martin Luther, der mutige, unbeugsame und leidenschaftliche Reformator aus dem 16. Jahrhundert, der mit seinen verwegenen Schriften einer der Mitbegründer der Neuzeit wurde.

Luther hat im ausgehenden Mittelalter gezeigt, welch unglaubliche Sprengkraft Worte besitzen. Ja, die Reformationsgeschichte ist ein Beispiel dafür, wie mitreißende Formulierungen unter bestimmten Bedingungen eine Gesellschaft stärker aufrütteln können als neue Gesetze, verblüffende Technologien oder ganze Armeen – und wie leicht ein phantasievoller Mensch mit einem Satz in eine andere, eine bessere Welt springen kann.

So ist es kein Wunder, dass einige von Luthers Schriften von der UNESCO ins Weltdokumentenerbe aufgenommen wurden: Sie erzählen auf faszinierende Weise von einem beherzten Mönch, der sich erfolgreich mit allen Obrigkeiten der damaligen Zeit angelegt hat: mit dem Papst, dem Kaiser, dem Adel und mit allen, die – seiner Meinung nach – einem falschen und lebenshemmenden Denken verhaftet waren.

Dabei kämpfte Luther aber eben nicht mit dem Schwert. Seine Waffe war das Wort, das geschriebene wie das gesprochene, das laute wie das leise, das gelehrte wie das frech polemische, das toternste ebenso wie das spaßige. Wortgewaltig stellte der Querdenker aus Wittenberg das herrschende System solange in Frage, bis sich keiner mehr seinen anstößigen Anstößen entziehen konnte. Es kam zur Reformation, also zu einem großen »Erneuerungsprozess des christlichen Glaubens« – und damit zu weitreichenden Veränderungen in Kirche und Staat, von deren positiven Fernwirkungen wir heute noch zehren. Gott sei Dank!

Martin Luthers Bedeutung kennenlernen und verstehen kann man deshalb am besten, wenn man seine großen Schriften kennenlernt und versteht: Die bahnbrechenden Veröffentlichungen, die im 16. Jahrhundert jahre-, teilweise sogar jahrzehntelang die Bestsellerlisten angeführt haben, auch wenn es diesen Begriff damals noch gar nicht gab.

Das Buch, das Sie gerade in Händen halten, stellt Ihnen die wichtigsten Luthertexte exemplarisch vor: kurz und knackig, verständlich und nachvollziehbar, informativ und höchst unterhaltsam. Es kredenzt Ihnen sozusagen »lutherische« Appetithäppchen, eine Art Wittenberger »Vorspeisenplatte«. Und das natürlich nur mit den besten Zutaten: von den berühmten »95 Thesen« über die »Freiheit eines Christenmenschen« bis zur Rede Luthers auf dem Reichstag zu Worms, bei der endgültig klar wurde, dass dieser gefeierte Volksheld die Weltordnung grundsätzlich in Frage stellte.

Ich hoffe sehr, dass Sie nach der Lektüre nicht nur neu entdeckt haben, worin die besondere Kraft dieses außergewöhnlichen geistlichen Aufbruchs lag – und liegt –, sondern auch auf den Geschmack gekommen sind, die Brisanz mancher revolutionärer Aussagen Luthers zu unserem Alltag im 21. Jahrhundert in Beziehung zu setzen. Diskutieren Sie mit!

Außerdem kann es ja nicht schaden, wenn Sie fortan bei Stehpartys oder Empfängen Ihre profunden Geschichtskenntnisse einfließen lassen können: »Ach, interessant, dass Sie das sagen. Ähnliches erwähnte übrigens schon Martin Luther im ›Sendbrief vom Dolmetschen‹ sehr weise …« Aber nein … so etwas haben Sie natürlich nicht nötig.

Ich glaube: Die Debatte um Luther und das, was er uns zu sagen hat, tut gut. Denn die klugen Gedanken des Reformators sind nach wie vor äußerst inspirierend und laden auch heute ein, scheinbar starre Strukturen und festgefahrene Gewohnheiten neugierig und kritisch zu betrachten. Oder wie es die späteren Reformatoren in Bezug auf die theologischen Impulse ihrer Bewegung selbst ausdrückten: »Ekklesia semper reformanda!« – Die Kirche muss immer reformiert werden. Sprich: Die Veränderung darf nie aufhören.

Wenn das stimmt, dann war für Luther auch von Anfang an klar, dass jede und jeder berufen ist, an dieser Erneuerung mitzuwirken. Zumindest schreibt er einmal: Die Kirche braucht eine Reformation. Diese Reformation ist aber nicht die Angelegenheit nur des Papstes oder der Kardinäle. Es ist eine Angelegenheit der ganzen Christenheit, oder noch besser, Gottes allein. Nur er weiß die Stunde der Reformation.

Das heißt: Wer sich mit Luther beschäftigt, der wird zugleich aufgefordert, sich in den fortlaufenden Prozess der Reformation hineinnehmen zu lassen. Nun, vielleicht lag ja gerade in dieser suggestiven Einladung, selbst ein »Revolutionär der Liebe« zu werden, die besondere Strahlkraft seines Schreibens.

Bevor ich Ihnen einige ausgewählte Schriften Luthers vorstelle, nehme ich Sie kurz auf einen Exkurs in seine Schreibwerkstatt mit, damit wir uns vor Augen führen, unter welchen Bedingungen diese vielfältigen Texte überhaupt entstanden sind.

Anschließend stelle ich in einem zweiten Einstiegskapitel die wichtigsten Stationen seines Lebens vor, weil es gerade bei dem rührigen Wittenberger Professor sinnvoll ist, die jeweiligen biographischen Hintergründe seiner Texte zu kennen und diese auch in die Geschichte der Reformation einordnen zu können.

Und dann wage ich mich tatsächlich an zwölf von der Forschung als Meilensteine der Reformationsgeschichte eingestufte Werke und Schriften Martin Luthers und präsentiere Ihnen deren wichtigsten Aussagen und Anliegen ganz konzentriert. Eben: kurz und knackig, »kompakt«, wie man heute gerne sagt.

Natürlich ist das ein Wagnis. Dessen bin ich mir sehr wohl bewusst. Vor allem, weil ich mir erlaube, die Texte zusammenzufassen. Und wer zusammenfasst, der muss immer auch weglassen. Er bündelt Informationen, er elementarisiert. Das macht aber nichts. Finde ich. Schließlich war es schon vor 500 Jahren eines der wichtigsten Anliegen Luthers, komplexe Zusammenhänge für jede und jeden verständlich zu machen. Und wenn Sie nachher Lust verspüren, doch noch den gesamten Originaltext zu lesen: Nur zu! Es lohnt sich.

Dieses Buch aber heißt »Luther für Eilige« – aus gutem Grund. Den Original-Luther lesen Sie nämlich nicht so schnell. Glauben Sie mir! Ich habe das ausführlich getestet. Darum sei mir gestattet, dass ich in diesem Buch die theologischen Zusammenhänge gelegentlich ein wenig vereinfache, bildhaft umschreibe oder in anderer Form veranschauliche. Luther selbst hat dieses Vorgehen einmal so erläutert: Wenn man vom Artikel der Rechtfertigung predigt, so schläft das Volk und hustet; wenn man aber anfängt, Geschichten und Beispiele zu bringen, da reckt es beide Ohren auf, ist still und hört fleißig zu. Das klingt doch ermutigend.

Nebenbei: Seit Jahrhunderten versuchen Wissenschaftler zu beschreiben, wie es Martin Luther zu seiner Zeit wohl gelungen ist, so viele Menschen in Bewegung zu bringen. Worin lag sein Geheimnis? Nun, abgesehen davon, dass man inzwischen natürlich weiß, dass der große Erneuerer auch manche Schattenseite hatte und letztlich nur ein Stein im großen Puzzle der Reformation war – allerdings ein ziemlich großer Brocken und vor allem der, der die Sache ins Rollen brachte –, hat wohl seine Persönlichkeit viel zu seinem Lebenswerk beigetragen.

Anders ausgedrückt: Hinter fast allem, was Luther veröffentlicht hat, steckt eine persönliche Lebenserfahrung. Vor allem die Erfahrung, dass er, als von der Angst vor der Hölle Getriebener, auf einmal die Freiheit des Himmels kennenlernte – ja, dass er als Gottessucher den Sprung von der Urangst zum Urvertrauen wie eine persönliche Neugeburt erlebte.

Und weil ihm die damalige Kirche bei der verzweifelten Auseinandersetzung mit seinen Ängsten letztlich nicht hatte helfen können (im Gegenteil), fing Luther an, diese Institution zu erneuern. Damit stellte er uralte Machtverhältnisse infrage, die letztlich auch die weltlichen Herrschaftsstrukturen betrafen.

Entscheidend ist daher, dass hinter all den gesellschaftlichen Umwälzungen eine kraftvolle Sehnsucht des »bekehrten« Reformators stand: die »Gute Nachricht« von der Liebe und der Gnade Gottes möglichst vielen Suchenden neu erfahrbar zu machen. Oder wie er selbst es ausdrückte: Einen traurigen, verzagten Menschen fröhlich zu machen, ist mehr, als ein Königreich zu erobern. Womit Luther sich natürlich ganz an sein Vorbild Jesus Christus hielt, der ja ebenfalls die Geschichte dadurch veränderte, dass er die Herzen der Menschen veränderte.

Daher lautet die lutherische Antwort auf meine Einstiegsfrage »Können Worte die Welt verändern?« eigentlich: »Ja, weil sie die Herzen der Menschen verändern können.« Nun, wenn Texten eine derartige Macht innewohnt, dann ist es ein Vergnügen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Eine anregende Lektüre wünscht

Fabian Vogt

INHALT

Cover

Titel

Impressum

Zitat

Vorwort

Luther und seine Schriften

Luther und die Reformation

Die zwölf wichtigsten Werke

95 Thesen (1517)

Von der Freiheit eines Christenmenschen (1520)

Von der Babylonischen Gefangenschaft der Kirche (1520)

An den christlichen Adel deutscher Nation: Von der Reform der Christenheit (1520)

Von der weltlichen Obrigkeit: Wie weit man ihr Gehorsam schuldet (1523)

Sendbrief vom Dolmetschen (1530)

Deutsche Messe oder die Ordnung des Gottesdienstes (1526)

Von den guten Werken (1520)

Vom ehelichen Leben (1522)

An die Ratsherren aller Städte im deutschen Land, dass sie christliche Schulen errichten und unterhalten sollen (1524)

Ordnung einer Gemeindekasse, Ratschlag, wie die geistlichen Güter zu behandeln sind (1523)

Rede auf dem Reichstag zu Worms (1521)

Ausblick

Register

Quellen

Weiterführende Literatur

Fußnote

LUTHER UND SEINE SCHRIFTEN

Welche Bedeutung das Schreiben für Martin Luther hatte, veranschaulicht eine hübsche Legende, die bis heute gerne über ihn erzählt wird:

Als der Reformator sich im Sommer 1521 auf der Wartburg verstecken musste, weil er von der Kirche exkommuniziert und wenig später zudem vom Kaiser durch das »Wormser Edikt« geächtet worden war und fortan als vogelfrei galt, hätte er immer wieder den Eindruck gehabt, von Dämonen und bösen Geistern verfolgt zu werden.

Eines Tages nun saß er wie gewohnt am Schreibtisch und arbeitete, als plötzlich der Teufel persönlich in seiner kleinen Kammer erschien und den ohnehin verzagten Flüchtling auf ungehörige Weise ärgerte und in Versuchung führte. In seiner Angst und Panik ergriff Luther daraufhin angeblich sein Tintenfass – das vermutlich am Nächsten liegende Wurfgeschoss – und schleuderte es erbost nach dem satanischen »Durcheinanderbringer«. Womit er ihn offensichtlich erfolgreich vertreiben konnte.

Jahrhundertelang hat man auf der Wartburg sorgsam den aus diesem Wurf resultierenden Tintenfleck, sagen wir lieber: einen Tintenfleck, an der Wand für die Touristen gehegt und gepflegt – einfach, weil sich die Anekdote so charmant erzählen lässt.

Luther selbst hat jedoch nie behauptet, das Tintenfass geworfen zu haben. Seine Formulierung, die andere später zu dieser anschaulichen Geschichte inspirierte, lautet vielmehr: Ich habe den Teufel mit der Tinte vertrieben. Toller Satz, oder? Ich habe den Teufel mit der Tinte vertrieben. Damit meinte der Reformator natürlich seine Schriften. All das, was er mit Feder und Tinte zu Papier gebracht hatte: seine Briefe, Sendschreiben, Vorlesungen, Predigten, Streitschriften und Übersetzungen.

Um es modern und ein wenig psychologisch auszudrücken: Luther gelingt es durch das Schreiben, das zu kanalisieren, was ihn zutiefst beschäftigt, bedrückt und bedrängt. Sprich: Seine Texte waren unter anderem eine erfolgreiche Maßnahme gegen die Verzweiflung, eine heilsame Selbsttherapie. Und es ist ja kein schlechter Weg, wenn ein Mensch sich mit seinen »Anfechtungen« – wie Luther solche dunklen Momente bisweilen nannte – dadurch auseinandersetzt, dass er die vielen bedrohlich erscheinenden Gedanken sortiert und daraus kluge Veröffentlichungen macht.

Nun will ich Luthers Satz von der Tinte und dem Teufel nicht überinterpretieren, aber natürlich zeichnet es seine Schriften aus, dass man ihnen – wie schon erwähnt – von der ersten bis zur letzten Zeile seine persönliche Verbundenheit mit den behandelten Themen abspürt, das eigene Ringen und die existenzielle Auseinandersetzung mit Fragen, die den ungewollten »Aufrührer« selbst betrafen.

Wenn man sieht, wieviel Luther publiziert hat, dann ahnt man ein wenig, wieviel »Teuflisches« ihn all die Jahre umgetrieben haben muss: Rund 350 Druckschriften, Hunderte von Predigten, 2.500 Briefe und fast 7.000 Tischreden sind dokumentiert. Und wir können uns vermutlich kaum vorstellen, welche Rolle vor allem die Druckschriften des Reformators damals in Deutschland spielten.

Wirklich! Fachleute schätzen, dass in den Zwanziger und Dreißiger Jahren des 16. Jahrhunderts die Werke Luthers die absolute Mehrheit aller verkauften Bücher ausmachten. Der Traum jedes Autors. Das heißt: Eine Riesenauflage nach der anderen wurde gedruckt – Massen an heiß begehrter Literatur, von der zudem ständig ungenehmigte Nachdrucke erschienen.

Und mehr noch: Der geistige »Erneuerer« darf nach mittelalterlichen Maßstäben wahrhaft als medialer Superstar bezeichnet werden. Vermutlich war Luther tatsächlich der erste Promi der Geschichte, von dem ein Porträt gedruckt und flächendeckend im ganzen Reich verteilt wurde. Das heißt: Ob an der Nordsee oder am Bodensee – jede Frau und jeder Mann wusste, wie der bekannte, aufrührerische Theologe aus dem überschaubaren Wittenberg aussah. Das hatte es so noch nie gegeben.

Insofern ist es natürlich richtig, dass Luther seinen Durchbruch unter anderem der noch relativ jungen Erfindung des Buchdrucks verdankt. Weil Johannes Gutenberg um 1450 in Mainz die Grundlagen für den modernen Buchdruck geschaffen und die Druckerpresse erfunden hatte, war es möglich geworden, Texte in hoher Auflage zu vervielfältigen und unter die Leute zu bringen. Vorher hatte man jedes Buch in mühsamer, monatelanger Arbeit einzeln von Hand kopieren müssen.

Trotzdem war damit nur die technische Grundlage für die Verbreitung geschaffen worden. Als nicht minder entscheidend für die große Resonanz von Luthers Schriften erwies sich, dass er als Geisteswissenschaftler, Theologe und Prediger in der Lage war, sich klar, lebensnah und vergnüglich auszudrücken. Was er veröffentlichte, war deutlich, mutig, herausfordernd und dabei höchst wortgewandt. Ja, Luthers Formulierungskunst war so überwältigend, dass sie die deutsche Sprache entscheidend mitgeprägt hat. Man kann getrost sagen: Luther gehört zu den wichtigsten Initiatoren des Neuhochdeutschen.

Den meisten Menschen ist zum Beispiel gar nicht bewusst, wie viele bis heute gültige Redewendungen auf Martin Luther zurückgehen: »Hochmut kommt vor dem Fall«, »Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein«, »Perlen vor die Säue werfen«, »Im Dunkeln tappen«, »Die Haare zu Berge stehen haben«, »Ein Buch mit sieben Siegeln« oder »Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert«. Ja, ohne den kreativen Sprach-Reformator müssten wir auf so herrliche Wörter wie »Bluthund«, »Feuertaufe«, »Machtwort«, »Lockvogel« und viele andere verzichten. Und wenn es ihn überkam, dann wurde er gerne auch mal ein wenig derb. Etwa in seinem berühmten Ausspruch: Aus einem traurigen Arsch fährt kein fröhlicher Furz. Na, wenn das nicht anschaulich ist.

Luther besaß ein außergewöhnliches Sprachgefühl, was vielleicht damit zusammenhing, dass er selbst Sänger war, Laute und Flöte spielte und als Poet im Lauf der Jahre 36 bis heute bekannte Lieder schrieb. Lieder, deren kämpferische Texte auch wesentlich zur Verbreitung der Reformation beitrugen, weil sie quasi die »Flugschriften« für Analphabeten waren.

Darüber hinaus entwickelte der Wortkünstler ein erstaunliches Gespür für bildhafte Beschreibungen. Der Schriftsteller Bertolt Brecht erklärte einmal, er liebe Luthers Texte vor allem, weil dieser eine besonders »gestische Sprache« verwende. Sprich: Bei vielen Formulierungen des Wittenberger Professors hat man das Gefühl, man sehe die dazugehörige Geste gleich mit. Etwa dort, wo Luther in seiner Bibelübersetzung schreibt: Wenn dein Auge dich ärgert, dann reiß es aus und wirf es weg.

Eine der größten Stärken von Luthers Texten besteht zudem darin, dass sie bei aller Gelehrtheit und Korrektheit immer verständlich sein wollten. Denn was hätte es gebracht, hochintellektuelle Fachschriften zu publizieren, die nur eine Minderheit überhaupt kapiert? Deshalb gilt auch für einige der theologischen Werke, was der Reformator einmal sehr pointiert von seinen Predigten sagte: Wenn ich auf die Kanzel komme, so beabsichtige ich, nur den Knechten und Mägden zu predigen. Um Doktor Jonas’ oder Melanchthons1willen würde ich nicht ein einziges Mal auftreten. Die können’s ja in der Schrift selbst lesen.

Kurz gesagt: Weil der gewitzte Autor von Anfang an ein großes Zielpublikum vor Augen hatte, gelang es ihm auch, mit seiner Sprache viele zu erreichen.

Schon früh wurde Luther bedrängt, er möge doch bitte eine Gesamtausgabe seiner Texte veröffentlichen. Das tat er – eher widerwillig – dann auch: erst die Texte, die er auf Deutsch (1539), später dann auch die, die er auf Latein (1545) verfasst hatte. Wobei er selbst einmal erklärte: Ich danke Gott dafür, dass ich meinen Gott in der deutschen Sprache gehört und gefunden habe.

In den jeweiligen Vorworten, die er zu diesen Ausgaben schrieb, wird deutlich, dass der sprachgewandte Theologe seinen eigenen Texten nicht ganz unkritisch gegenüberstand. So verkündet er launig: Meine Schriften sind ein ungestaltetes, ungegliedertes Chaos, das nicht einmal für mich leicht zu ordnen ist. Luther entschuldigt sich sogar für die unterschiedliche Qualität seiner Arbeiten: Lieber Leser, wenn du jetzt meine Werklein lesen wirst, dann denke daran, dass ich einer von denen war, die im Schreiben Fortschritte gemacht haben, nicht von denjenigen, die aus dem Nichts plötzlich die größten werden.

Ist Luther ein Tiefstapler? Fast könnte es so scheinen, denn er sagt ganz offen: