Machos und Macheten - Joe R. Lansdale - E-Book

Machos und Macheten E-Book

Joe R. Lansdale

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Beschreibung

Einmal im Leben wollen Hap und Leonard sich einen richtigen Urlaub gönnen, doch schon an der Küste Mexikos wird's kompliziert. Kaum eingetroffen, verstrickt eine schöne Fischerstochter die beiden in ihre dubiosen Machenschaften mit einem gewissen Juan Miguel, seines Zeichens Mafioso und Nudist. Als Hap sich selbst in seiner miefigen Wohnung in East Texas nicht mehr vor Miguel und seinen Handlangern sicher sein kann, muss etwas geschehen. Ein genialer Plan wird geschmiedet, mit allem, was dazugehört: Waffen, Chloroform und einem Treffpunkt auf einer Kreuzung um Mitternacht. "Ich sag's euch, ihr beiden habt echt ein Talent dafür, mit dem Schwanz in den Schraubstock zu geraten, was?" "Hap schon. Und ich hab drunter zu leiden." In seinem neuen Abenteuer legt das Duo infernale Hap Collins und Leonard Pine noch mal eins drauf: Die beiden Haudegen geraten von einer brenzligen Situation in die nächste. Joe R. Lansdale, selbst mehrfach ausgezeichneter Kampfsportler und texanischer Meistererzähler, zeigt seine ganze Könnerschaft!

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Seitenzahl: 445

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Captain Outrageous

Die Originalausgabe ist 2001 bei Mysterious Press erschienen.

Die Übersetzerin dankt dem Übersetzerseminar »Über den Umgang mit Umgangssprache« im Europäischen Übersetzer-Kollegium Straelen, November 2013

© 2001 by Joe R. Lansdale

Mit freundlicher Genehmigung des Autors

© dieser Ausgabe 2014 by Golkonda Verlag GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Robert Schekulin

Redaktion: Hannes Riffel

Korrektur: Gerd Schubert

Gestaltung: s.BENeš [www.benswerk.de]

E-Book-Erstellung: Hardy Kettlitz

Golkonda Verlag

Charlottenstraße 36

12683 Berlin

[email protected]

www.golkonda-verlag.de

ISBN: 978-3-944720-19-7 (Buchausgabe)

ISBN: 978-3-944720-20-3 (E-Book)

Diesmal für Eugene Frizzell und Coy Harry, meine Freunde und Brüder.

This is the worst trip, I ever been on.

»Sloop John B«,

Schifferlied aus Neuengland

Kapitel 1

Ich drehte noch eine letzte Runde und traf im Pausenraum auf Leonard. Er hatte sich die Wachschutzmütze keck in den Nacken geschoben, stand vor dem Getränkeautomaten und zählte sein Kleingeld.

Als ich reinkam, fragte er ohne aufzuschauen: »Hast du ’nen Vierteldollar?«

Ich gab ihm einen.

»Irgendwelche Hühner beim Ausbrechen erwischt?«, fragte ich.

»Nö. Auch nicht beim Einbrechen. Und auf deiner Seite? War irgendwas?« Leonard drückte eine Taste am Getränkeautomaten, und eine Dose Dr. Pepper polterte raus.

»Kein Geflügelstress bei mir. Hinten zwischen den Bäumen hab ich eine verdächtige Buschratte gesehen, aber die wollte sich nicht mit mir anlegen.«

»Tja, kann ich verstehen.«

Ich nahm mir einen Becher vom Tisch und schenkte mir von dem koffeinfreien Gratiskaffee ein, weil ich Leonard gerade meinen letzten Vierteldollar gegeben hatte. Dann schüttete ich reichlich Gratissahne dazu. Der Kaffee in der Geflügelfabrik brauchte eine Menge Sahne, wenn er nicht nach Verwesung schmecken sollte.

Ich rührte mit einem Plastikstäbchen im Styroporbecher rum und trank einen Schluck. Es schmeckte nach Verwesung mit Kaffeesahne. Ich ließ den vollen Becher in den Mülleimer fallen, und wir gingen raus zu Leonards Pick-up.

Seit ungefähr sechs Monaten arbeiteten wir in Deerstone’s Geflügelverarbeitungsfabrik, und eigentlich war es gar nicht so übel. Wir hatten die Schicht von drei bis Mitternacht. Im Großen und Ganzen spazierte man bloß rum und passte auf, dass der Zaun keine Löcher hatte, alles an seinem Platz war und nicht irgendein Mitarbeiter tiefgefrorene Hühnchen in seinen Kofferraum lud.

Es war auf alle Fälle besser als in der anderen Geflügelfabrik, wo ich mich mal beworben hatte. Als Wachschutz wollten die mich nicht, aber sie hätten mich gern draußen auf ihrer Farm eingesetzt. Dort sollte ich den Hähnen einen runterholen, damit die Hennen mit diesem Sperma befruchtet werden konnten. Kein Scherz, das machten sie wirklich. Haben sie zumindest behauptet. Ich versuchte, mir das Ganze vorzustellen, und überlegte, ob sie einem wohl eine Pinzette und Handschuhe gaben, oder ob man es mit nacktem Daumen und Zeigefinger machen musste. Vielleicht wäre das den Hähnchen ja lieber.

Wenn man viel Zeit damit verbrachte, um ein dunkles Gebäude rumzulatschen, oder drinnen, wo ununterbrochen Hühner geschlachtet wurden, dann kam man auf alle möglichen Ideen. Und mitten in der Nacht, wenn es auf die große Zwölf zuging, kam einem so manche dumme Idee ganz vernünftig vor.

An den Wachschutzjob war ich durch einen Bekannten geraten, der gekündigt hatte und meinte, es würden zwei Neue gesucht. Ich musste einen Waffenschein machen, wie das in Texas so geht, und Leonard, der den Schein schon hatte, wurde mit mir zusammen eingestellt. Wir waren nun die letzte Bastion zwischen den Hühnchen in der Geflügelfabrik (die meisten davon bereits tot, geköpft, gerupft und aufgehängt) und der Außenwelt, die nach ihnen gierte.

Ich kann Ihnen versichern, mit diesen Geflügelleuten ist nicht zu spaßen. Die meinen es ernst mit dem Federvieh. Sie kennen lauter verschiedene Verarbeitungsmethoden, die ihnen heilig sind und deren Geheimnisse sie hüten.

Die Fabrik am anderen Ende der Stadt, wo ich Hähnen einen runterholen sollte, hatte Todesangst vor Spionen von Deerstone’s. Sie hatten solchen Schiss, dass Leonard und ich uns gern vorstellten, wie sie ihre eigenen Hühnchen rüberschickten, um Betriebsgeheimnisse auszuspähen. Sie wissen schon – flatternde Viecher im schwarzen Ninja-Aufzug und mit Metallhaken an Flügen und Krallen, erst über den Zaun, dann über die Mauer und durch Lüftungsschächte, allzeit bereit, nach beeindruckenden Nunchaku-Kämpfen gegen die Hühnchen von Deerstone’s in Fahrstühlen oder finsteren Ecken geheime Informationen abzugreifen.

O ja, da schwoll einem die Brust vor Stolz, wenn man nachts nach Hause fuhr, den dunkelgrünen Wachschutzanzug, die Mütze und das Holster mit der Pistole auf einen Stuhl warf, nach Hühnern roch und sich in dem Wissen ins Bett legte, dass man die Welt vor Fleischverarbeitungsdieben schützte. Obendrein bekam man alle zwei Wochen einen anständigen Gehaltsscheck und konnte die weibliche Bevölkerung mit einer sexy Uniform beeindrucken.

Na ja, anständiges Gehalt – kommt drauf an, was man davor so getrieben hat. Als Türsteher verdiente man zwar manchmal mehr, aber da musste man mit einem Haufen Besoffener in einer verrauchten Kaschemme voller nackter Frauen rumhängen, und nach einer Weile gingen einem die nackten Frauen nur noch auf den Senkel. Man wollte, dass sie sich was überzogen. Schwer zu erklären; gehört wohl einfach zu den vielen seltsamen Dingen im Leben. Irgendwann überlegt man sich, dass man eigentlich nie jemanden rausschmeißen oder Besoffene auf den Parkplatz schubsen müsste, wenn’s da drin keinen Alkohol und keine nackten Frauen gäbe, die mit den Titten wackeln und jedem ihren Biberpelz vors Gesicht halten.

Dann geht einem auf, wenn es in der Kneipe nicht genau so zuginge, hätte man keinen Job. Das ist so ähnlich wie bei einem Prediger. Gäbe es keine Sünde, würde er mit dem Zapfhahn in der Hand an der Tankstelle stehen. Was, wenn ich es mir recht überlegte, in beiden Fällen – Türsteher oder Prediger – das ehrenwertere Gewerbe war.

In letzter Zeit hatte ich immer öfter das Gefühl, dass nackte Frauen eins der großen Kümmernisse im Leben waren. Die Frau, mit der ich zusammen war, Brett, hatte ich schon seit geraumer Zeit nicht mehr nackt gesehen. Ehrlich gesagt wusste ich gar nicht genau, ob wir überhaupt noch zusammen waren. Was ich für sie getan hatte, das hatte mein Leben verändert, und seitdem machten unsere fleischlichen Bedürfnisse mich einfach bloß noch unsagbar traurig. Meine Gefühle für sie – die emotionalen wie auch die körperlichen – hatten mich in eine Angelegenheit reingeritten, die mehrere Menschen das Leben gekostet hatte. Von diesen Menschen träumte ich nachts. Sie suchten mich mit dem Lärm von Schüssen heim, mit Pulverqualm und Schreien. Ihre riesigen Gesichter heulten mich mit so weit aufgerissenen Mündern an, dass ich ihre Plomben sehen konnte – und dahinter den Abgrund, der uns alle irgendwann verschlingt.

Bis zu einem gewissen Grad war mein Vorgehen gerechtfertigt gewesen, aber eben nur bis zu einem gewissen Grad. Ich hatte mich schon früher am Rande der Gewalttätigkeit bewegt, hatte auch schon früher in Notwehr gehandelt, aber in diesem Fall war ich in dem vollen Bewusstsein und der Absicht losgezogen, vermutlich mehrere Menschen töten zu müssen, und genau das hatte ich auch getan. Verwundet und blutbesudelt war ich wieder abgezogen.

Weil Leonard mich bei diesem grauenvollen Unterfangen begleitet hatte, fragte ich ihn, ob er sich mit denselben Sorgen rumschlug, mit den gleichen Albträumen. Seine Antwort war einfach. Die Toten waren halt Arschlöcher gewesen.

Und Albträume? Nö.

Nach dieser ganzen Geschichte blieben Brett und ich in Kontakt, schliefen ein paar Mal miteinander, aßen zusammen zu Abend, gingen ins Kino. Aber irgendwas fehlte. Wie ein Hamburger ohne die Beilagen. Zum Teil lag es daran, dass sie versuchte, ihrer Tochter Tillie wieder zu einem normalen Leben zu verhelfen.

Das Dumme war, Tillie arbeitete gerne als Hure, bloß eben nicht gegen ihren Willen. Wahrscheinlich immer noch besser, als Politiker werden zu wollen.

Im Grunde genommen gab Tillie eine verdammte gute Hure ab. In Tyler, wo die Baptisten genauso gern Sex hatten wie der Rest der Welt, machte sie richtig großen Reibach.

Auch ich mochte Sex, aber Brett war dafür nicht mehr zu haben. Nicht so richtig. Bei den letzten paar Malen kam es mir vor, als würde ich verbissen ein Aerobictraining hinter mich bringen. Man macht’s, weil man glaubt, es wär mal wieder nötig und würde einem guttun, aber es macht gar keinen Spaß, und am Ende ist man verschwitzt und sonst nichts.

Eigentlich hätte Brett dabei genauso gut die Lampe einschalten und eine Zeitschrift lesen können – mit einer kleinen Schere neben sich, um Coupons auszuschneiden. Der Sex fühlte sich an, als würde ich mit dem Becken auf etwas eindreschen, was schon längst tot war.

Offen gestanden war das nicht die Art von Liebesakt, bei dem ein Mann hart wie Stahl wurde, oder wenigstens so hart wie antike Bronze.

Stillschweigend strichen wir den Sex aus unserer Beziehung, und schon bald strichen wir die Beziehung ebenfalls raus. Ein paar Mal hatte ich noch mit ihr telefoniert. Einmal kam sie in der Mittagspause mit einer Tüte von Kentucky Fried Chicken zur Fabrik, aber die ganze Begegnung verlief ziemlich lahm. Wenn ich mich recht erinnere, unterhielten wir uns größtenteils über die Milchbrötchen von KFC. Die sind übrigens echt lecker, aber an die von Popeye’s kommen sie nicht ran, und mit einer liebevollen Beziehung können weder die einen noch die anderen mithalten.

Danach sah ich sie noch ein einziges Mal. Seither herrschte vollends Ruhe an dieser Front, und ich fand mich mehr oder weniger damit ab, dass ich wieder Junggeselle war.

Sex und Geflügelverarbeitung. Zwei Rätsel des Lebens.

Leonard fuhr mich um die große Fabrik rum zu meinem Wagen. Das machten wir jede Nacht so. Ich parkte auf der einen Seite, er auf der anderen. Wenn wir aus dem Vordereingang rausgingen, nahm er mich mit zu meinem Auto. Gingen wir hinten raus, brachte ich ihn zu seinem. Natürlich hätten wir einfach nebeneinander parken können, aber wir würzten unser Leben halt gern mit ein bisschen Abenteuer. Und so blieben uns noch ein paar Minuten, um uns über Dinge zu unterhalten, nach denen uns gerade der Sinn stand. Hauptsächlich dummes Zeug über die Hühnerfabrik oder kurze Bestandsaufnahmen unseres derzeitigen Lebens.

Seit ich bei ihm ausgezogen war, sahen wir uns nur noch bei der Arbeit. Am Wochenende vergnügte ich mich mit Sandsackboxen, Seilhüpfen und Selbstmitleid. Das hatte einen positiven Nebeneffekt: Ich hatte an Gewicht verloren. So schlank war ich nicht mehr gewesen, seit ich einen Magen-Darm-Virus und eine ganze Woche lang Brechdurchfall gehabt hatte. Allerdings ging es mir jetzt viel besser, denn ich kriegte nicht hinterher alles wieder auf die Hüften und brauchte auch nicht immer eine Kloschüssel in Reichweite.

Leonard hatte einen Freund, und das hielt ihn auf Trab. Ich hatte den Kerl kennengelernt; er schien echt in Ordnung zu sein. Er war Vorarbeiter in der Aluminiumstuhlfabrik. Lange nicht so ein Macho wie Leonard, aber auch kein Schmetterling, wie Leonard eher weibische Schwule nannte. Er war pechschwarz, hatte eine flache Nase und breite Lippen, lichter werdendes Haar, war fest gebaut und ein bisschen jünger als Leonard. Oder wie Leonard gern scherzte, er ist ganz schön groß und ganz schön schwarz, mag gemächliche Spaziergänge im Park und hat einen Zwanzig-Zentimeter-Schwanz.

Wie immer nahm Leonard kein Blatt vor den Mund.

John war ein ziemlich lässiger Typ, und genau das gefiel Leonard. Das und der Sex. Sie gingen zusammen ins Fitnessstudio und stemmten dreimal die Woche Gewichte, gingen ins Kino und lasen abends im Bett. Unterhielten sich wahrscheinlich hier und da über Hühner und Alugartenmöbel. John gegenüber war Leonard recht freigiebig mit seinen Vanillekeksen. Anscheinend hatte man als bester Freund und Beinahe-Bruder da keine Chance. Bei Leonard musste man dafür schon als Date infrage kommen oder ein Vorarbeiter in der Aluminiumstuhlfabrik mit zwanzig Zentimetern in der Hose sein – und willig.

Wahrscheinlich war John das Beste, das Bruder Leonard je passiert war, aber meinem Leben verpasste das einen mächtigen Dämpfer. Kein Mädchen. Kein Freund. Nur der Sandsack zum Vermöbeln und ein Haufen Billigfraß, direkt aus der Dose gelöffelt.

Ich besaß auch keinen Fernseher, hatte all meine Bücher bereits gelesen und kein Geld für neue. Das bisschen Kohle, was ich hatte, floss in die Miete meiner neuen Behausung und die Reparaturen an meinem schäbigen Pick-up. Den hatte ich im Tausch gegen einen verbeulten Chevy Nova mit festgebackenem Kaugummi unterm Armaturenbrett und einer vermoderten Packung Kondome im Handschuhfach bekommen. Die Kondome und das Kaugummi waren damals Teil der Innenausstattung gewesen, und ich reichte sie nur zu gern weiter. Aber eigentlich stellte der Pick-up gegenüber dem Nova lediglich auf dem Gebiet der Umweltverschmutzung eine Verbesserung dar. Mit dem Chevy Nova hätte man ganze Schädlingskolonien ausräuchern können.

Alles, was mir aus meinem alten Leben noch geblieben war, waren eine museumsreife Stereoanlage und ein paar spielbare Platten, die ich nach einem Tornado aus den Trümmern meines Hauses gerettet hatte. Ich besaß eine CD, die ich mal geschenkt bekommen hatte, aber keinen CD-Player.

Auf der Fahrt zu meinem Auto verstrickten wir uns tief in eine philosophische Unterhaltung. Leonard erzählte mir nämlich von seinem Liebesleben. »Du magst John, weil er einen zwanzig Zentimeter Langen hat?«, fragte ich.

»Jepp.«

»Ist das nicht ziemlich oberflächlich?«

»Jepp.«

»Du verarschst mich doch wieder, oder?«

»Ich sag dir, das ist dasselbe, wie wenn du einen Burrito kaufst. Lieber groß als klein.«

»Die Größe hat überhaupt nichts zu bedeuten.«

»Das sagst du. Aber was weißt du schon? Du stehst nicht auf Schwänze.«

»Nein, aber die Frauen sagen, dass ihnen Größe egal ist.«

»Die Frauen lügen. Hey, magst du Möpse?«

»Was?«

»Möpse?«

»Ja. Und ich weiß schon, worauf du hinauswillst. Ich mag Möpse in allen Größen. Hauptsache, es sind nette Möpse.«

»Aber große Möpse gefallen dir?«

»Klar, aber ich lass mir hier von dir keinen Stuss aufquatschen. Meiner Meinung nach muss ein Mädel keine großen Hupen haben, um eine tolle Frau zu sein.«

»Ja, aber wenn sie ’ne tolle Frau ist und große Hupen hat, das gefällt dir, oder?«

»Na ja, schon, aber das beweist rein gar nichts.«

»Es beweist, dass du große Möpse magst.«

»Aber nicht, dass große Möpse wichtig sind.«

»Ich behaupte nur Folgendes. Ich behaupte, du könntest eventuell, wenigstens eine halbe Stunde lang, eine Frau mögen, die dir eigentlich nicht so richtig gefällt, solange sie große Möpse hat und dich ranlässt. Hab ich recht?«

»Leonard …«

»Hab ich recht?«

»So oberflächlich bin ich echt nicht.«

»Mal angenommen, du bist in der richtigen Stimmung, und sie auch, und sie hat keine sichtbaren Narben oder eiternde Wunden, sieht ziemlich gut aus und hat eben große Möpse. Hier geht’s weder ums Heiraten noch darum, irgendwen auszunutzen. Bloß darum, dass sie willig ist und nicht allzu clever …«

»Holla!«

»Hör einfach zu. Sagen wir mal, sie hat einen IQ von, ach, keine Ahnung. Nicht unbedingt ein Kandidat für die Klapse, aber auch nicht gerade Konkurrenz für Einstein.«

»Das trifft auf die meisten von uns zu.«

»Also gut, da hast du recht. Also angenommen, sie ist nicht schlauer als, na ja, eine Postangestellte. Du weißt schon, die mit halb offenem Mund dasitzen und ein ›Schalter geschlossen‹-Schild hinschieben, sobald man auf sie zugeht.«

»Ich hab’s vor Augen.«

»Nehmen wir also an, sie gehört zu dieser Kategorie. Und sie ist spitz. Und eine Schönheitskönigin ist sie auch nicht. Das soll nicht heißen, dass sie die Nase am Hinterkopf hat. Ihre Visage ist nicht zum Fürchten. Sie hat die richtige Figur und riesige Möpse, und sie möchte, dass du bei ihr ein Rohr verlegst. Und jetzt willst du mir weismachen, selbst wenn sie weder besonders hübsch noch besonders klug ist, aber scharf auf dich, dass du sie nicht vögeln würdest?«

»Also schön, vielleicht.«

»Vielleicht! Dass ich nicht lache. Du würdest dich auf sie stürzen wie ein Kind auf den Eiswagen.«

»Aber das würde ich vielleicht auch, wenn sie keine großen Brüste hätte. Zumindest wenn sie gut genug aussieht.«

»Das heißt also, du würdest alles bumsen?«

»Das habe ich nicht gesagt.«

»Na gut, dann heißt es, dass du große Möpse magst.«

»Du drehst mir das Wort im Munde um.«

Leonard hielt neben meinem Wagen.

»Jedenfalls«, fuhr er fort, »ich mag große Schwänze. Denk mal drüber nach. Große Titten bringen dir eigentlich gar nichts. Da kann man dran nuckeln oder was auch immer ihr Heteros damit macht, damit rumwackeln oder sich dran reiben. Keine Ahnung. Ehrlich gesagt widert mich die Vorstellung an. Da hat doch keiner was davon. Kauft euch doch lieber ’nen Wasserball.«

»So ist das überhaupt nicht, Leonard.«

»Ein Schwanz dagegen, der hat immerhin einen Zweck.«

»Ich gehe jetzt, Leonard.«

Ich machte die Tür auf und stieg aus dem Pick-up. Leonard drückte seine Johnny-Cash-Kassette rein, winkte mir und fuhr zu den Klängen von »Delia« davon.

Ich schloss meine Autotür auf, warf die Mütze auf den Beifahrersitz und wollte gerade einsteigen, da hörte ich aus dem nahe gelegenen Waldstück hinterm Zaun eine dünne Stimme.

»Hilfe!«

Kapitel 2

Den Parkplatz umgab ein hoher Maschendrahtzaun, und von irgendwo dahinter war die Stimme gekommen. Es war kein weiteres Wort mehr zu hören, dafür aber erklang ein Wimmern, als würde ein Welpe unter einem Autoreifen sein Leben aushauchen.

Der Mond schien nicht besonders hell, aber ich kriegte mit, dass sich zwischen den Bäumen etwas bewegte. Was genau da vor sich ging, konnte ich allerdings nicht erkennen. Ich griff ins Wageninnere und schaltete die Scheinwerfer ein, und was ich dann sah, ließ mir die Nackenhaare zu Berge stehen.

Zwischen zwei Bäumen blickte ein junger Mann zu mir her, aufgeschreckt wie ein Reh, das im Scheinwerferlicht erstarrt. In seinen zerzausten Haaren hingen Kiefernadeln und Laub, das Gesicht war verschmiert. Er hielt eine Frau am Handgelenk fest, die nackt auf dem Boden lag, den Kopf leicht zu mir gedreht, das dunkle Haar über den laubbedeckten Waldboden gebreitet wie verschüttete Farbe. Nachdem er mich einen Augenblick lang angestarrt hatte, wandte sich der Typ wieder ihr zu und fing an, auf ihr rumzutrampeln, als wollte er einen Käfer zertreten. Mit einem grässlichen Geräusch krachte sein Stiefel in ihr zartes Gesicht.

Ein Tor hatte der Zaun nicht, und außen rum war es zu weit. Ich überlegte kurz, ob ich die Pistole ziehen sollte, aber das mit der Knarre hatte ich schon mal gebracht und Narben davongetragen, die meinen Kopf jede Nacht mit finsteren Albträumen füllten. So was wollte ich nie wieder tun. Also sprang ich am Zaun hoch, kletterte rüber und ließ mich auf der anderen Seite fallen.

Kaum war ich gelandet, stürmte der Kerl blindwütig auf mich zu. Im Scheinwerferlicht sah er aus wie ein böser Traum. Das Dunkle in seinem Gesicht war Blut mit Erdbrocken drin, und vermutlich stammte das Blut nicht von ihm selbst. Ich erhaschte einen Blick auf die Frau – oder besser gesagt, das Mädchen. Ihre Hand zitterte wie ein Tier in der Falle.

Er ging auf mich los, und ich wich aus und hämmerte ihm beide Hände gegen den Hinterkopf. Er schoss an mir vorbei, krachte in den Zaun, drehte sich um und kam wieder auf mich zu. Ich verpasste ihm einen Seitwärtstritt und stieß ihn weg, aber er ging nicht zu Boden, sondern stürzte sich erneut auf mich. Ich riss den Ellbogen hoch unter sein Kinn, aber das warf ihn lediglich einen Schritt zurück.

Wie eine Spinne sprang er auf mich drauf. Ich wirbelte rum und beugte mich nach vorn, sodass er über meine Schulter flog. Er schlug auf dem Boden auf und kam wieder hoch, als wäre er auf einem Trampolin aufgedotzt. Ich drosch mehrmals auf ihn ein, aber er ließ nicht locker. Der einzige Gegner, der mir je eine solche Hartnäckigkeit und Widerstandsfähigkeit entgegengesetzt hatte, war ein tollwütiges Eichhörnchen gewesen, aber das Vieh damals war um einiges kleiner als dieser Typ, und Leonard hatte mir dabei geholfen, es zu töten.

Ich umklammerte seinen Hinterkopf mit der einen und sein Kinn mit der anderen Hand und presste ihm den Zeigefinger in die weiche Stelle seitlich am Hals. Er wand sich und sank zu Boden, sprang jedoch gleich wieder auf. Wir prügelten aufeinander ein, und ich steckte einen anständigen Hieb über dem Auge ein. Dann stürzte er sich auf mich und rammte mir die Schulter in den Unterleib, und ich hakte den Arm unter seinem Hals ein und ließ mich von seinem Schwung nach hinten schieben. Während wir so durch die Luft sausten, stieß ich ihm einen Fuß in die Eier. Er flog nach oben und landete unsanft auf dem Rücken. Ich rollte ihn auf den Bauch, hielt seinen Hals immer noch fest und versuchte, ihn zu erdrosseln.

Aus den Augenwinkeln sah ich das Mädchen, das im gelblichen Lichtkegel der Scheinwerfer lag. Es war über und über mit Blut besudelt, der Kopf war buchstäblich in der Erde versenkt, und das eine Auge bestand nur noch aus einem dunklen, feuchten Loch.

Ich würgte den Kerl immer noch, aber das schien den Wichser nicht im Mindesten zu stören. Ich kapierte das einfach nicht. Im Vergleich zu mir war er nur eine halbe Portion, sah nicht sonderlich stark aus, und ich wusste verdammt noch mal ziemlich genau, was ich hier tat.

Wieder kam er auf die Beine, wand sich aus meinem Würgegriff und peste auf mich zu. Ich ging dazu über, ihm gegen die Schienbeine, die Innenseiten seiner Oberschenkel und in den Schritt zu treten, aber er setzte sich weiter zur Wehr.

Nach einem letzten Tritt beschloss ich, jetzt doch zur Waffe zu greifen. Und sei es nur, um ihn abzuschrecken. Ich zog sie aus dem Holster, eine Automatik. Doch das hielt ihn nicht auf. Er ging auf mich los, und ich rammte ihm den Lauf der Knarre ins Gesicht. Ich traf ihn mit solcher Kraft, dass der Schlitten nach hinten geschlagen wurde und eine Patrone auswarf, aber der Kerl attackierte mich trotzdem weiter und versuchte, die Pistole zu ergattern. Da hätte ich ihn erschießen sollen, aber ich tat es nicht. Ich wich ihm aus und warf die Knarre über den Zaun.

Er bellte wie ein Höllenhund, kam abermals zielstrebig auf mich zu, und jetzt wünschte ich mir, ich wäre nicht so moralisch gewesen. Hätte ich in diesem Augenblick noch die Pistole gehabt, hätte ich das ganze Magazin auf ihn abgefeuert. Ich hatte solche Angst, dass ich kurz in Erwägung zog, von ihm abzulassen, über den Zaun zu klettern und die Pistole zu holen. Aber dafür war jetzt keine Zeit mehr.

Ich riss meinen Ellbogen an seine Schläfe hoch, rammte ihm einen Hammerschlag in die Eier und wollte ihn in den Polizeigriff nehmen, aber genauso gut hätte ich versuchen können, einen Gummischlauch zu packen. Er ließ sich einfach nicht festhalten. Ich stieß ihm einen Finger ins Auge, und zum ersten Mal bekam ich die richtige Reaktion. Er taumelte einen Schritt zurück und hielt sich die Hände vors Gesicht. In einem Akt der Verzweiflung schwang ich beide Beine seitlich in die Luft und traf ihn mit der Wucht meines ganzen Körpers vor der Brust.

Endlich hatte ich ihn zu Fall gebracht. Verstört stand ich auf. In diesem kostbaren Moment des Luftholens überlegte ich noch mal, ob ich über den Zaun springen und die Pistole holen sollte, aber stattdessen hechtete er zum Zaun, griff in die Maschen und begann zu klettern.

Ich packte den Zaun und kraxelte ebenfalls hoch. Er war ungefähr eine Sekunde schneller als ich. Ich warf mich über den obersten Draht und landete vor meinem Pick-up. Die Automatik war auf der anderen Seite des Transporters gelandet, und darauf hatte er es abgesehen. Ich setzte einen Fuß auf die Stoßstange, sprang auf die Motorhaube, stieß mich ab und rollte übers Dach, landete mit den Füßen zuerst auf der Ladefläche, warf mich vom Lieferwagen auf den Kerl drauf und boxte ihm kräftig in den Rücken, als er gerade die Hand nach der Pistole ausstreckte. Er griff ins Leere, kippte nach vorn und schrammte mit Gesicht und Brust über den Asphalt des Parkplatzes. Während ich noch seinen Hals umklammert hielt, stand er mit mir auf dem Buckel wieder auf und riss mich runter wie ein Hund, der sich das Wasser aus dem Fell schüttelt.

Er drehte sich um, und da wir nicht mehr im Scheinwerferlicht standen und die Parkplatzbeleuchtung nicht sehr berühmt war, konnte ich sein Gesicht nicht gut erkennen, aber von seinen aufgeschürften Wangen hingen Asphaltbröckchen, und seine Lippen schienen fast komplett abgescheuert. Brüllend trommelte er sich auf die Brust wie Tarzan. Dann drehte er sich um, fasste mit beiden Händen die Ladeklappe meines Lieferwagens, schwang sich auf die Ladefläche und von dort aufs Dach, schrie: »Ich hab den Größten!«, sprang mit einem Rückwärtssalto zurück auf den Parkplatz und kam hart auf. Mühelos rappelte er sich wieder hoch und rannte zwischen mir und dem Lieferwagen durch. Ich hob die Automatik auf und setzte mich rasch hinters Steuer. Hoffentlich hatten die Scheinwerfer nicht die Batterie aufgebraucht. Aber der Wagen sprang an. Ich parkte rückwärts aus und folgte dem Wahnsinnigen.

Der preschte gerade schnurstracks auf Ella May zu. Ella May war eine wuchtige schwarze Frau, die an dem Fließband arbeitete, wo den Hühnern der Kopf abgetrennt wurde. Während ihrer Schicht trug sie einen gelben Regenmantel mit Kapuze und hohe schwarze Stiefel, saß auf einem Thron umgeben von einem Meer aus Blut, und es war ihre Aufgabe, den Überlebenden mit einem kleinen gekrümmten Messer die Kehle durchzuschneiden. Ihren gelben Regenmantel und die Stiefel hatte sie jetzt nicht mehr an, aber das Messer war ihr eigenes.

Als der Kerl auf sie zustürmte, machte sie einen schnellen Schritt rückwärts, ließ das Messer vorblitzen und verpasste ihm einen tiefen Schnitt. Im Scheinwerferlicht sah ich, wie das Blut zwischen den beiden hochschoss. Er rannte sie einfach über den Haufen und lief weiter. Er hätte um das Gebäude rum und zum offenen Eingangstor rausrennen können, denn es war gerade Schichtwechsel, aber er lief zum Zaun und wollte rüberklettern. Ich trat das Gaspedal durch und hielt auf ihn zu. Er war schon fast ganz oben. Ich bretterte so schwungvoll in den Zaun, dass es ihn runterschüttelte. Er fiel rückwärts runter und zertrümmerte mir die Windschutzscheibe. Ich sprang aus dem Wagen, riss ihn von der Motorhaube, stieß ihn gegen den Kotflügel und rammte ihm zwei- oder dreimal das Knie in den Schritt.

Er schaffte es trotzdem noch, mir ins Gesicht zu schlagen. Ich drohte das Bewusstsein zu verlieren, brach aber nicht zusammen. Ella May war inzwischen auf der anderen Seite des Lieferwagens angekommen und krabbelte über die Motorhaube. Sie packte ihn am Hals, stach ihm das gebogene Messer in die Wange und zog mit aller Kraft, sodass Blut spritzte und seine Zähne sichtbar wurden.

Der Kerl griff nach der Klinge und schnappte ihr das Messer weg. Rasch entwand ich es ihm wieder, klemmte seinen Arm mit einem Figure-Four-Fesselgriff ein, schwang ihn rum, drückte ihn zu Boden und stieß ihm kräftig die Stirn gegen die Nase.

»Dir werd ich helfen, einfach so auf mich draufzuspringen, du Arschloch«, schrie Ella May. Sie rutschte von der Motorhaube auf seine Beine, dann lief sie um ihn rum und trat ihm mehrfach gegen den Kopf.

Allmählich wurde mir schwindelig. Schwarze Punkte wirbelten mir vor den Augen rum wie Stechmücken im Sumpf. Die zwei Wachmänner, die Leonard und mich abgelöst hatten, tauchten auf, und alle schmissen sich auf den Mistkerl drauf. Es gelang uns, ihn auf den Bauch zu wälzen und ihm Handschellen anzulegen. Einer der Wachmänner, ein schwarzer Kerl, den ich nicht kannte, fragte mich: »Alles okay mit Ihnen?«

»Da liegt noch jemand«, antwortete ich. »Ein Mädchen, hinterm Zaun.« Ich zeigte in die Richtung.

»Ich ruf die Bullen«, sagte der Schwarze.

Ich lehnte mich gegen den Lieferwagen. Ella May verpasste dem Typen immer noch Tritte. Er lag auf der Erde und stöhnte nicht mal bei der Behandlung. »Du Wichser, einfach umrennen, hast du dir so gedacht. Dir tret ich den Pimmel kaputt!«

Einer der Wachmänner packte sie und zog sie zurück, aber sie wehrte sich. Schließlich drückte er sie gegen den Zaun, drehte ihr die Arme nach hinten und legte ihr Handschellen an. Sie hörte nicht auf zu zetern.

»Handschellen? Handschellen! Ich werf deine Eier übern Zaun, du Schwanzlutscher!«

»Ganz ruhig, Ella May«, sagte er.

»Ruhig, nix da ruhig! Das Arschloch hat mich übern Haufen gerannt … Du tust mir weh, verdammt. Ich werd mir deine hässliche Visage merken.«

Allmählich vermischten sich die Scheinwerfer meines Transporters und die Parkplatzlaternen mit den Schatten dazwischen und wirbelten durcheinander, und ich weiß noch, dass mir heiß wurde; ich wollte mich auf den Knien aufstützen, um freier atmen zu können und nicht in Ohnmacht zu fallen, und dann beugte ich mich einfach immer weiter vor …

Kapitel 3

»Autsch«, sagte ich. »Vorsicht.«

Leonard fuhrwerkte mit der Fingerspitze an der tiefen Platzwunde über meinem Auge rum und besah sich die Stiche.

»Der eine sieht zu locker aus«, sagte er.

»Wird schon halten.«

Ich saß auf einer Transportliege in einem kleinen Zimmer gleich neben der Notaufnahme. Ein Assistenzarzt hatte mich gerade zusammengeflickt und war dann verschwunden. Jetzt war ich allein mit Leonard und John.

Ein Polizist, mein Freund Charlie Blank, war kurz vorher da gewesen, um meine Version der Geschichte aufzunehmen. Kurz nachdem Leonard und John auftauchten, ging er wieder.

Die junge Frau, die der Kerl in der Mangel gehabt hatte, lag auf der Intensivstation, und wie es hieß, ging es ihr nicht sonderlich gut. Eins stand jedenfalls fest, sie hatte einige Zähne und ein Auge verloren.

»Tja«, sagte Leonard, »du meintest ja noch, du hättest bei den Bäumen eine Buschratte gesehen.«

»Konnte ja keiner ahnen, was für ein Satansbraten das war.«

»Ja, der hatte nicht so viel Angst vor dir, wie du dachtest.«

»Der Wichser hatte vermutlich vor gar nichts Angst. Ich sag’s dir, Leonard, das war der zäheste Mistkerl, mit dem ich je gekämpft hab. Lieber würde ich es mit drei Typen gleichzeitig aufnehmen als noch ein einziges Mal mit dem, selbst wenn ich ’ne Rohrzange in der Hand hätte. Wobei Ella May ihm anscheinend gern noch mal ans Leder will.«

»Ella May«, warf John ein, »die hat nicht mehr Verstand als ein Salatkopf. Ich kenne sie schon mein ganzes Leben. Bevor sie angefangen hat, Hühnern den Kopf abzuschnibbeln, hat sie mit mir in der Aluminiumstuhlfabrik gearbeitet. Zwei- oder dreimal hat sie sich die verdammte Nietpistole durch die Finger gejagt. Mich wundert’s ja, dass sie sich in der Geflügelfabrik noch nicht die eigene Kehle aufgeschlitzt hat.«

»Ich unterstelle ihr ja nicht gerade Intelligenz«, sagte ich, »sondern nur Streitlust. Wenn ich so drüber nachdenke – die beiden würden ein prima Wrestlingteam abgeben. Sie wären unbesiegbar.«

»Bloß gut, dass sie heute Nacht nicht auf seiner Seite war«, sagte John.

»Ohne Ella May wäre dieses Schwein entkommen«, sagte ich. »Ich frag mich, wie übel es ihn wohl erwischt hat. Mich würde es schon trösten, wenn er mehr abgekriegt hätte als ich.«

»Na ja«, sagte Leonard, »um ein hübsches Gesicht musst du dir ja ohnehin keine Sorgen machen.«

»Mich würde ja mal interessieren«, sagte John, »was in dem Typen eigentlich vorging?«

»Was immer bei dem für ein Film ablief«, antwortete ich, »ein Kindermärchen war das nicht. Eher ’n Horrorfilm, kann ich mir vorstellen.«

»Apropos Horror«, sagte Leonard, »das Hemd, was Charlie da vorhin anhatte – wo zum Teufel hat er das ausgegraben? Das sah aus, als hätte mal jemand damit Farbe aufgewischt.«

»Es war ziemlich bunt«, sagte ich.

»Bunt ist sehr freundlich ausgedrückt«, sagte John.

In diesem Augenblick wurde mir klar, dass sich Leonard, seit er mit John zusammen war, besser kleidete. Nicht unbedingt todschick, aber ein bisschen geschniegelter. John lief auch immer rum, als wäre er gerade auf dem Weg zur Gebetsstunde.

»Eigentlich sah Charlie insgesamt ziemlich beschissen aus«, sagte Leonard.

»Er ist kreuzunglücklich wegen seiner Scheidung. Erst hat er das Rauchen aufgegeben, weil seine Frau ihn nicht mehr ranlassen wollte, wenn er nicht damit aufhört. Dann kam raus, dass sie ihn mit einem Raucher betrogen hat. Das hat ihn echt gefuchst. Schlimmer noch, jetzt weiß er, dass er auf die Kippen tatsächlich verzichten kann. Am meisten nervt ihn – abgesehen von der abgerauschten Ehefrau –, dass er jetzt nach dieser miesen Fernsehserie Kung Fu süchtig ist. Als er irgendwann gemerkt hat, dass er sie tagsüber während der Arbeit aufnimmt und sich abends drauf freut, war ihm klar, dass er’s mit einer handfesten Depression zu tun hat.«

»Ich weiß nicht«, sagte John. »Wenn einem langweilig ist, ist sie gar nicht so schlecht.«

Leonard und ich schauten ihn an.

»Ich meine, manchmal guck ich sie halt«, sagte er. »Was anderes hab ich eben nicht auf Video. Bloß ab und zu.«

Wir schauten ihn immer noch an.

»Meine Güte, Jungs. Ich werd’s in Zukunft lassen. Versprochen. Ehrlich.«

Ich nahm mir ein paar Tage frei und genoss es ungefähr eine Viertelstunde lang, dass ich ein Held war. Ich und Ella May. Ich fragte mich, wie es ihr wohl ging. Wahrscheinlich fluchte sie immer noch wie ein Bierkutscher und wollte sich prügeln.

Am Abend nach der Schlägerei war ich so aufgekratzt, dass ich nicht schlafen konnte, und am nächsten Tag war ich immer noch überdreht, und am Tag drauf auch. Ich war nicht nur überdreht, ich hatte auch Schmerzen. Es fühlte sich an, als wäre ich, in Klebeband eingewickelt, einen felsigen Berghang runtergeschubst worden und dann mit den Eiern zwischen den Zähnen gegen eine Backsteinmauer geknallt.

Am Freitag kam ich ein bisschen runter. Ich schlief richtig fest und lange ohne irgendwelche Albträume, und der Schmerz ließ nach. Am Samstagvormittag schließlich lief ich so gegen elf in T-Shirt und Jogginghose barfuß durch die Wohnung und setzte Kaffee auf.

Mein neues Zuhause lag in der Stadt, ein Zweifamilienhaus. Ich bewohnte die obere Etage mit einer Wohnküche, einem kleinen Schlafzimmer und einem Bad mit einer Toilette, die jedes Mal in den Fußboden einsank, wenn man sich draufsetzte. Ich malte mir aus, wie ich da eines Tages meine morgendliche Sitzung abhielt und plötzlich direkt durch die Decke runter ins Erdgeschoss rasselte, sodass die Feuerwehr meine Leiche unter zerdepperter Keramik und einem Haufen Scheiße rausbuddeln müsste.

Das Ganze hatte auch was Gutes. Die Wohnung war billig. In erster Linie deswegen, weil das Erdgeschoss ausgebrannt war. Bevor ich einzog, hatte dem Vermieter zufolge ein Alki eine Bratpfanne auf dem Herd stehen lassen, und sowohl die Pfanne als auch das Fett mitsamt der Hähnchenkeule, die darin schwamm, fingen Feuer, und die Flammen breiteten sich in der Wohnküche aus wie eine Pilzinfektion. Der Alki hatte währenddessen auf dem Sofa gepennt. Jetzt lag er in irgendeiner Verbrennungsklinik und wünschte sich wahrscheinlich, er hätte einfach eine Schachtel Kräcker aufgemacht und eine Dose Wiener geknackt.

Die Wohnung würde erst mal nicht vermietet werden, bevor sie der Vermieter nicht renovierte, daher ließ er mich ein bisschen Krempel in den einzigen beiden Zimmern lagern, die nicht verkohlt waren — das Schlafzimmer und das Bad. Solange niemand unter mir wohnte, war das Zweifamilienhaus gar nicht so übel, auch wenn hin und wieder der Brandgeruch durch den Fußboden drang und meine Wohnung verpestete, mir die Tränen in die Augen trieb und mich mitten in der Nacht hochschrecken ließ, bis ich aufstand und mich vergewisserte, dass ich nicht selbst was auf dem Herd hatte stehen lassen.

Im Großen und Ganzen war es schon in Ordnung, auch wenn ich eigentlich nicht allzu gern in der Stadt wohnte.

Jedenfalls machte ich mir gerade Kaffee und überlegte, ob ich Toast mit Marmelade dazu frühstücken sollte, als ich ein Auto vorfahren hörte. Ich ging rüber zum Küchenfenster an der Spüle und schaute raus. Es war Charlie Blank. Er stieg gerade auf der Fahrerseite aus einem sauberen weißen Ford. Ein grauhaariger Kerl mittleren Alters mit einem braunen Anzug stieg ebenfalls aus. Er betrachtete das Zweifamilienhaus, als stünde er vor einer prähistorischen Hütte. Interessiert, aber überrascht, dass hier mal Menschen gehaust hatten, und noch überraschter, dass sogar wieder jemand hier siedelte und vielleicht noch das Mark aus einem Mastodonknochen schlürfte.

Charlie trug wie üblich ein buntes Hawaiihemd, eine Stoffhose, Tennisschuhe und ein Sakko in der Farbe von Senf oder, wenn man es richtig genau nahm, von Babyscheiße. Statt seiner Kreissäge aus Filz saß ihm ein Strohhut auf dem Kopf. Vermutlich war der neue Hut Teil seines Frühlingsoutfits. Seine Schuhe hätten zu Frankensteins Monster gepasst: schwarz, dick besohlt und klobig genug, um damit einen Nagel in die Wand zu schlagen. In der Hand hielt er eine fettige braune Tüte.

Ich hörte ihr Getrampel auf der Treppe und machte die Tür auf, bevor sie anklopfen konnten.

»Na, Kumpel?«, sagte Charlie.

»Charlie, wie geht’s dir?«

»Ganz gut. Ich hab wen dabei, der dich sprechen will. Können wir reinkommen?«

»Wie lautet das Passwort?«

»Ich vernichte alle deine Knöllchen.«

»Hab ja gar keine.«

»Na ja, wenn du eben welche hättest.«

»Kommt rein. Tut mir leid wegen der Unordnung, das Dienstmädchen hat heute Ausgang.«

Der Kerl im Anzug hatte nicht ein Mal gelächelt, nicht mal schief gegrinst. Vielleicht hatte er keinen Humor, vielleicht waren Charlie und ich einfach langweilig. Wahrscheinlich Letzteres.

Ich bot ihnen das Sofa zum Sitzen an. Das hatte ich zusammen mit der Wohnung übernommen. An einer Stelle hing es fast bis zum Fußboden durch. Dort hatte ich ein Stück Sperrholz unter das Polster geschoben, sodass man jetzt nicht mehr einsank, dafür war es echt hart unterm Allerwertesten.

»Kaffee?«, fragte ich.

»Ich könnte welchen vertragen«, sagte Charlie, und dann zu dem Mann im Anzug: »Sie auch?«

Der Mann schüttelte den Kopf.

Charlie gab mir die Tüte. Ich stellte sie auf den Tisch und schaute rein. Donuts.

»Wann ziehen sie dir die Fäden?«, fragte Charlie.

»In ein paar Tagen.«

Ich holte zwei meiner zusammengewürfelten Tassen aus dem Schrank und schenkte uns Kaffee ein. Charlie trank seinen auf dem Sofa, ich lehnte an der Spüle. Der andere Mann saß mit den Händen im Schoß neben Charlie und schaute sich um. Er schien jede unnötige Berührung mit dem Sofa vermeiden zu wollen, aus Angst, verseucht oder von einer Ratte aus der Polsterung angegriffen zu werden.

»Ich wohne hier nur, bis meine Eigentumswohnung fertig ist«, sagte ich.

Er drehte sich zu mir um. Diesmal lächelte er tatsächlich. Nichts Weltbewegendes, aber die Zähne blitzten kurz vor.

»Hap, das ist Elmer Bond«, sagte Charlie.

Bei dem Namen klingelte was. So hieß das Mädchen, auf dem der Verrückte rumgesprungen war. Bond. Sarah Bond.

Ich nahm die Tasse in die Linke, ging hin und schüttelte ihm die Hand. »Sie sind bestimmt mit Sarah Bond verwandt.«

»Ich bin ihr Vater«, sagte er.

»Tut mir leid, was passiert ist. Wie geht es ihr?«

»Nicht gut. Aber besser als vorher. Sie wird durchkommen. Ein Auge hat sie verloren, und es müssen umfangreiche plastische Operationen vorgenommen werden. Aber dank Ihnen wird sie überleben, und der Mistkerl, der ihr das angetan hat, sitzt in Untersuchungshaft. Mir wäre am liebsten, dass er sich erhängt, andernfalls kriegt er hoffentlich die Spritze. Sonderlich viel Mitleid habe ich nicht mit ihm.«

»Das kann ich Ihnen nicht verdenken«, sagte ich.

»Mr Collins«, sagte er, »ich …«

»Nennen Sie mich Hap. Mein Vater war immer Mr Collins, und er mochte das auch schon nicht.«

»Also gut, Hap. Ich bin hier, um Ihnen persönlich dafür zu danken, dass Sie meiner Tochter das Leben gerettet haben.«

»Gern geschehen.«

»Ich möchte mich gern erkenntlich zeigen und Ihnen einen Scheck über hunderttausend Dollar geben.«

»Bitte was?«

»Einen Scheck, über einhunderttausend Dollar. Ich stelle ihn jetzt gleich aus.«

»Hey, Sie sind mir doch dafür überhaupt nichts schuldig.«

»Ich möchte es Ihnen trotzdem geben.«

»Das ist ein Haufen Geld.«

»Nicht für mich. Für mich ist das nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Ich bin wohlhabend, Hap. Geld spielt für mich keine Rolle. Einhunderttausend, das sind Peanuts. Das soll keine Bezahlung dafür sein, dass Sie getan haben, was Sie für richtig hielten, sondern ein Zeichen meiner Dankbarkeit. Nette Worte und ein Händedruck sind ja ganz schön, aber einhunderttausend Dollar sind noch besser. Dasselbe hat Miss Drew auch bekommen.«

»Miss Drew?«

»Ella May«, erklärte Charlie.

»Ich will nicht bezahlt werden, Mr Bond.«

»Elmer. Wenn Sie Hap sind, bin ich Elmer.«

»Ich will nicht bezahlt werden, Elmer.«

»Natürlich kann ich Sie schlecht zwingen, das Geld zu nehmen und sich davon etwas zu gönnen, aber hören Sie mich an. Meine Tochter ist sechzehn Jahre alt, Hap. Sechzehn. Noch ein Kind. An dem Tag war sie gerade bei einer Gemeindefeier. Sie hat kürzlich erst ihren Führerschein gemacht. Ist fast noch gar nicht selbst gefahren. Diese … Person … nein … dieses Tier, dieses Ding … ein Mann namens Bill Merchant. Der kannte meine Tochter. Sie waren zusammen auf der Highschool, wobei er allerdings im dritten Jahr abgegangen ist. Er ist ein bisschen älter als sie. Aber erst achtzehn, wussten Sie das?«

»Mir war klar, dass er noch ziemlich jung sein muss. Deswegen hat es mich noch mehr gewundert, wie er gekämpft hat.«

»Er stand unter Drogen«, sagte Charlie. »Tabletten, Alkohol und Ritalin. Eine Menge Ritalin.«

»Ich dachte, das wäre ein Medikament gegen Hyperaktivität«, sagte ich. »Für Leute mit Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom.«

»Ist es auch«, sagte Charlie. »Wenn man ADS hat. Aber wenn nicht, wirkt es wie Speed. Selbst Bruce Lee hätte den Kerl in der Nacht nicht besiegen können, Hap. Er war high, auf Ritalin und allem möglichen sonstigen Zeug.«

»Ich würde gern ausreden«, sagte Elmer.

»Tut mir leid«, sagte Charlie. »Bitte.«

»Er war gerade aus einer Jugendstrafanstalt entlassen worden. Da hat er wegen Vergewaltigung gesessen, kurz nachdem er von der LaBorde High School abgegangen ist. Er war schon sein ganzes Leben lang ein Problemkind. Und mit gerade entlassen meine ich einen Tag vorher. Aus Gott weiß welchem Grund hat er das Auto seiner Mutter vor der Kirche geparkt und fing an zu trinken und Pillen einzuwerfen oder was immer er da genommen hat. Als Sarah rauskam, hat er sie entdeckt, und vielleicht weil er sie kannte oder weil sie hübsch ist – oder hübsch war –, ist er zu ihr gegangen, hat sie angesprochen und vor einem halben Dutzend Zeugen ins Auto gezerrt. Er hat sie zu einem kleinen Wäldchen am Stadtrand gebracht, aus dem Auto und zwischen die Bäume gezogen und vergewaltigt. Dann konnte sie fliehen. Er ist ihr hinterher. Am Zaun vor der Hühnerfabrik war der Wald zu Ende, und da hat er sie erwischt. Hat sie wieder vergewaltigt. Er hat ihr mit den Zähnen … Hören Sie mir zu, Hap? Mit den Zähnen hat er ihr eine Brustwarze abgebissen, dann hat er angefangen, sie zu schlagen und auf ihr rumzutrampeln. Er hat ihr das Gesicht eingetreten, Hap. Eingetreten! Als wäre es aus Pappmaschee. Hat ihr den Kiefer zertrümmert, die Wangen. Zähne ausgeschlagen, das Auge ausgetreten. Hat es ihr einfach ausgetreten. Sie wird ein Glasauge brauchen. Ein verfluchtes Glasauge!«

»Ganz ruhig«, sagte Charlie.

Elmer hatte angefangen zu zittern. Tränen liefen ihm über die Wangen, und mir war selbst zum Heulen zumute.

»Meine Tochter war wunderschön, Hap. Sie wollte Model werden. Ein paar Sachen kriegen die Ärzte hin. Ihr Gesicht wird wahrscheinlich wieder einigermaßen, zumindest größtenteils. Sie kriegt ein Glasauge, einen künstlichen Kiefer, künstliche Zähne. Doch das ist das kleinere Übel. Viel schlimmer ist, dass ihr dieses Arschloch für den Rest des Lebens im Kopf rumspuken wird. Aber wissen Sie was?«

»Was?«, fragte ich.

»An Sie wird sie sich auch erinnern. Sarah wird Sie nie vergessen. Wenn es ihr wieder besser geht, will sie Sie treffen. Sie nennt Sie ihren Ritter ohne Furcht und Tadel. Als sie schon jede Hoffnung aufgegeben hatte, sind Sie über den Zaun gesprungen. Sie wusste, dass es aus mit ihr war, und Sie haben sie gerettet, Hap. Sie haben gegen diesen Teufel gekämpft, und Sie haben ihn besiegt.«

»Mit Unterstützung«, sagte ich.

»Sie haben ihn zur Strecke gebracht. Mir tut es bloß leid, dass Sie ihn nicht gleich getötet haben.«

»Der Gedanke kam mir durchaus«, sagte ich. »Wenn ich noch mal die Wahl hätte, wüsste ich nicht, wie ich mich entscheiden würde.«

»Aber Sie haben meine Kleine gerettet, Hap. Ich will, dass Sie das Geld nehmen. Großer Gott … ich würde mir gern kurz das Gesicht waschen.«

»Natürlich.« Ich deutete zur Badezimmertür.

Als der Hahn im Bad lief, sagte Charlie: »Nimm das Geld, Hap. Du würdest ihm damit einen Gefallen tun. Und dir auch. Du kannst es brauchen. Das hast du dir echt verdient. Um Himmels willen, nimm’s. Und gib mir mal einen Donut.«

Im nächsten Augenblick kam Elmer aus dem Bad. Er holte ein kleines Foto von einer hübschen jungen Frau aus der Tasche. »Das ist Sarah«, sagte er. »Vor dem Überfall. Schauen Sie nur, wie wunderschön sie war. Nicht nur äußerlich, auch im Herzen ist sie ein wunderbarer Mensch. Mehr noch als ihr Gesicht hat er ihre Seele mit Füßen getreten.«

»Mir fehlen die Worte«, sagte ich. »Ich kann nur sagen, dass es mir leidtut. Und ich bin froh, dass ich da war. Noch lieber wäre mir bloß, ich hätte noch früher da sein können.«

»Und mir wäre am liebsten, Sie hätten den Wichser umgelegt. Aber Ihr Einsatz hat ihn davon abgehalten, sie umzubringen. Das ist das Wichtigste, Hap. Sie haben ihr das Leben gerettet.«

Elmer betrachtete noch einmal das Foto, dann steckte er es wieder ein. Er hatte wieder feuchte Augen bekommen. »Jetzt nehme ich gerne einen Kaffee«, sagte er.

Ich holte noch eine Tasse und schenkte ihm ein. Als ich sie ihm reichte, sagte er: »Ich möchte, dass Sie das Geld nehmen. Fahren Sie in den Urlaub oder kaufen Sie sich irgendwas, nehmen Sie sich in der Geflügelfabrik einen Monat frei. Nehmen Sie Ihren Kumpel mit« – er wandte sich an Charlie – »wie heißt er noch?«

»Leonard«, sagte Charlie. »Leonard Pine.«

»Charlie hat mir alles über Sie erzählt, Hap. Über Sie und Leonard. Ich möchte, dass Sie das Geld nehmen. Bitte.«

»Ich nehme das Geld, Elmer. Aber was den Monat Urlaub angeht, da wird nichts draus. In der Geflügelfabrik wird so was gar nicht gern gesehen.«

Charlie grinste.

Elmer sagte: »Doch, in diesem Fall schon. Die Fabrik gehört mir.«

Kapitel 4

Leonard, John und ich spielten Billard im Freizeitzentrum von LaBorde, das trotz seines Namens nicht für Jugendliche gedacht war. Stattdessen konnte man hier ein Bier trinken, Billard spielen und Football oder Boxkämpfe auf einem riesigen Fernseher schauen, und man konnte auch Kerle dabei beobachten, wie sie sich im Schritt kratzten oder versuchten, Frauen aufzureißen. Manchmal sah man auch Kerle, die versuchten, Kerle aufzureißen, oder Frauen, die versuchten, Frauen aufzureißen.

Die Barkeeperin, Marlie, war eine Kampflesbe mit Bürstenhaarschnitt und einem Körper, der in Größe und Form einem kleinen Sumoringer glich oder, wenn einem das lieber war, einer Dreihundert-Pfund-Kartoffel. Zum Glück kleidete sie sich nicht wie ein Sumoringer oder eine Kartoffel. Sie trug immer graue Overalls mit abgeschnittenen Ärmeln, sodass man ihren großen Bizeps mit den Tattoos sah, wie zum Beispiel: »Mama hat mich nie geliebt – na und?«

Marlie gehörte der Laden, und sie betrieb ihn selbst. Sie war bekannt für ihr unausgeglichenes Gemüt. Einmal hatte ich erlebt, wie sie rauflustige Kunden mit einem umwickelten Axtstiel bändigte; sie hatte einen fiesen linken Haken und auch kein Problem damit, einem Mann das Knie in die Eier zu rammen. Samstagabends konnte es im Freizeitzentrum ziemlich grob werden, und Marlie ebenso.

Marlie sah immer aus, als würde sie gleich eine Reihe Flüche vom Stapel lassen. Was sie natürlich auch ziemlich oft tat. Sachen wie: »Lass den Scheißbillardqueue ganz, du dämliches Sackgesicht«, oder: »Mach das noch ein Mal, du Arschloch, und du wachst mit ’nem Schlauch im Pimmel auf.«

Sie hatte eine Freundin, die aussah wie ein Model für die Vogue.

Leonard und ich waren die lausigsten Billardspieler unter der Sonne. Wir spielten 8-Ball, und wie immer hatte ich die Halbfarbigen und Leonard die Vollfarbigen. Er fand das witzig.

Ich setzte zu einem Stoß an, versenkte meine letzte Halbe und kam um den Tisch rum, um die Schwarze einzulochen. Leonard hatte noch zwei Volle übrig, die rote und die grüne, und beide lagen ungünstig. Ich grinste Leonard an, während ich meinen Queue in Position brachte – ein einfacher Stoß.

Ich stieß die Kugel an. Sie rollte in die Tasche. »Deine Schulden sind soeben um zehn Cent gestiegen«, sagte ich.

»Verdammt«, sagte Leonard. »Wie viel macht das jetzt insgesamt, vierzig Cent?«

»Fünfzig.«

»Du rechnest doch nicht etwa das erste Spiel mit, oder?«

»Warum nicht?«

»Das war nur zum Aufwärmen.«

»Davon hast du nichts gesagt. Hat er irgendwas von Aufwärmen gesagt, John?«

John schüttelte den Kopf. »Und mir schuldest du auch zehn Cent für jedes Spiel, das ich gegen dich gewonnen hab, Leonard. Versuch nicht, dich da rauszuschwafeln.«

»Ich schwafel gar nicht.«

»Für mich hört sich das ganz klar nach Schwafelei an. Hap?«

»Eindeutig, Schwafelei.«

»Ich finde bloß, dass mindestens ein Spiel als Aufwärmspiel gelten sollte«, sagte Leonard.

»John, wenn wir das so machen, heißt das dann, dass ich dir nichts für das erste Spiel schulde, das ich gegen dich verloren hab?«, fragte ich. »Könnte das nicht auch ein Aufwärmspiel gewesen sein? Wenn du damit einverstanden bist, bin ich auf Leonards Seite.«

»Jeder zahlt für jedes Spiel«, bestimmte John.

»Klar, dass du das sagst«, sagte Leonard, »weil du der Einzige bist, der kein Spiel verloren hat.«

»Ich bin dran«, sagte John. »Du gegen mich, Hap. Verlierer baut auf.«

Leonard steckte ein paar Vierteldollar in den Schlitz an der Längsseite des Tisches, und die Kugeln kullerten raus. Leonard sammelte sie ein und baute sie auf.

Ich war dran mit dem Anstoß, aber ich ließ John den Vortritt. Er ließ die Kugeln auseinanderstieben, und ab da nahm ich meinen Queue gar nicht erst in die Hand. Er räumte den kompletten Tisch ab. Als er zwanzig Minuten später fertig war, sagte er: »Und noch mal zehn Cent.«

Ich schaute zu Leonard. »Gib ihm ’nen Zehner von dem Geld, das du mir schuldest.«

John streckte die Hand aus, und Leonard gab ihm die zehn Cent.

»Das ist doch schon mal ein Anfang«, sagte John.

Leonard holte sich und John ein Bier und für mich ein Sharps. Wir setzten uns an einen Tisch und schauten zwei Frauen beim Billardspielen zu. Eine der beiden, eine Blondine mit schwarzem Haaransatz, hatte einen großen, aber wohlgeformten Hintern, so wie Robert Crumb sie immer zeichnet. Die andere war groß und schmal mit braunen Haaren und großen Rehaugen. Beide waren Mitte dreißig und sahen ziemlich gut aus. Allerdings interessierten sie sich für zwei Typen an der Bar. Ihr ganzes Spiel war nach ihnen ausgerichtet, und sie rückten ihre Hintern so zurecht, dass sie den beiden eine gute Aussicht boten.

Ich behielt sie im Auge, natürlich nur, um mir vielleicht ein paar Billardtricks abzugucken.

»Echt spannend, einen Hetero bei der Arbeit zu beobachten«, sagte Leonard. »Wie du ganz beiläufig diese Frauen belauerst und dann die Männer an der Bar in Augenschein nimmst, weil du ganz genau weißt, dass die beiden Mädels die auf dem Radar haben. Dann darf ich mit ansehen, wie du in Selbstmitleid versinkst, weil die Frauen keinen Schimmer haben, dass du überhaupt existierst. Das ist alles so … seltsam. Und armselig.«

»Ach, komm«, sagte John zu Leonard, »als hättest du die beiden Typen nicht in Augenschein genommen.«

»Kann schon sein, dass ich mal ’nen Blick in ihre Richtung geworfen hab.«

»Das war aber ein ziemlich langer Blick«, sagte John. »Sei ein bisschen sparsamer mit deinen Blicken, ja?«

»Okay«, sagte Leonard. »Außerdem sind die eh beide hetero.«

»So oder so, übertreib’s einfach nicht«, sagte John.

Leonard tätschelte ihm die Hand, dann wandte er sich mir zu. »Und er hat dir wirklich einhunderttausend Dollar und einen Monat Urlaub angeboten? Und mir auch einen Monat Urlaub?«

»Jepp.«

»Mir hat er nicht zufällig einen Monat Urlaub in der Aluminiumstuhlfabrik angeboten?«, fragte John.

»Tut mir leid, John«, sagte ich. »Die Alufabrik gehört ihm nicht.«

»Vielleicht kauft er sie auf«, sagte John.

»Könnte passieren.«

»Da der Typ nicht Deerstone heißt, tippe ich mal darauf, dass es gar keinen Deerstone gibt?«, fragte John.

»Gab es mal. Er hat die Fabrik vor fast zwanzig Jahren an Bond verkauft«, sagte ich. »Aber sie haben den Namen behalten, wegen dem Marktwert.«

»Unsere Jobs kriegen wir doch wieder, wenn der Monat rum ist, oder?«, fragte Leonard.

»Na klar«, sagte ich. »Ehrlich gesagt komme ich mir komisch vor, das Geld von ihm zu nehmen. Wisst ihr, erst wollte ich es gar nicht, und ich sage mir die ganze Zeit, dass ich es nur ihm zuliebe genommen hab und weil Charlie mich überredet hat, aber eigentlich weiß ich tief in mir – na ja, eigentlich nicht so furchtbar tief –, dass ich es angenommen habe, weil ich einfach die Kohle wollte.«

»Hap, ich kenne keinen, der so was von gar nicht geldgeil ist wie du«, sagte Leonard.

»Ich gewinne ja auch alle deine Zehncentstücke, da muss ich mir um Geld keine Gedanken machen.«

»Eigentlich liegt’s eher daran«, sagte Leonard, »dass du gutherzig bist und nicht genug Grips in der Birne hast, um dir Gedanken um Geld zu machen. Mensch, du hast das Ganze doch nicht wegen der Kohle gemacht. Das war nur ein unerwarteter Nebeneffekt. Du musst kein schlechtes Gewissen haben, weil du sie genommen hast. Genauso hättest du gehandelt, wenn das Mädchen ein stadtbekannter Sozialfall gewesen wäre und du vorher gewusst hättest, dass dieser Mistkerl nicht nur wie ein Löwe gegen dich kämpfen, sondern auch noch gewinnen würde. Du hättest dich trotzdem auf ihn gestürzt.«

»Ich fasse das mal als Kompliment auf. Abgesehen von dem Teil mit dem fehlenden Grips.«

Die Blondine mit dem dunklen Haaransatz und dem großen, festen Po stand jetzt auf unserer Seite, und der Hosenboden ihrer weißen Shorts zeigte zu mir. Diese Shorts waren nicht nur kurz, sie waren auch gefährlich weit, und ich konnte ein bisschen von dem weichen Fleisch da oben und einen Schimmer von Schamhaar erkennen. Ich rückte unauffällig auf meinem Stuhl rum, um einen besseren Blick zu erhaschen.

»Die nächste Runde geht auf dich«, sagte Leonard zu mir.

Ich warf einen letzten Blick auf die Shorts und ihren Inhalt und ging rüber zur Bar. Marlie beugte sich zu mir. »Was darf’s sein?«

Ich ließ mich auf einem Barhocker nieder. »Zwei Miller Drafts und ein Sharps.«

»Das Sharps ist für dich, oder?«

»Ja.«

»Wozu?«

»Ich mag’s einfach.«

»Du willst nicht abnehmen oder so?«

»Ich mag’s einfach.«

»Du willst nicht abnehmen und trinkst es trotzdem?«

»Ich mag’s eben einfach.«

»Warum?«

»Ist kein Alkohol drin.«

»Scheiße, deswegen trinkt man doch überhaupt Bier, weil Alkohol drin ist.«

»Sharps ist kein Bier. Kein richtiges jedenfalls.«

»Wem sagst du das.«

»Kann ich bitte einfach ein Sharps kriegen?«