Macht - David G.L. Weiss - E-Book

Macht E-Book

David G.L. Weiss

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Beschreibung

Klassentreffen sehen anders aus. Der grausige Selbstmord eines Schulfreundes ist eine böse Nachricht für Josephine Mahler, Dozentin für Ethnologie in Frankfurt. Die Rückkehr nach Wien wird für sie zur Konfrontation mit der Vergangenheit. Gemeinsam mit ihrer Jugendliebe, dem exzentrischen Ex-Soldaten Gernot Szombathy, schlittert sie in tödliche Verstrickungen. Eine codierte Nachricht, ein silberner Ring mit Totenkopf, ein mittelalterliches Manuskript und ein berühmtes Gemälde führen zu der elitären Studentenverbindung Skull and Bones nach Yale. Als Mahler und Szombathy bei ihren Nachforschungen auch noch auf die Men in Black und den Terror vom 9/11 stoßen und endlich verstehen, womit sie es in Wahrheit zu tun haben, ist es bereits zu spät.

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EPUB

Seitenzahl: 613

Veröffentlichungsjahr: 2013

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© für die Originalausgabe und das eBook: 2013 LangenMüller in der F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Wolfgang Heinzel, unter Verwendung einer Illustration von shutterstock-images

eBook-Produktion: VerlagsService Dr. Helmut Neuberger & Karl Schaumann GmbH, Heimstetten

ISBN 978-3-7844-8170-8

www.langen-mueller-verlag.de

GewidmetNeil Alden Armstrong (1930–2012), dem Mann, der mit einem kleinen Schritt einen großen Sprung für die Menschheit getan hat.

Voller Staunen sahen es die Jünger und fragten: »Wie konnte der Baum so plötzlich verdorren?« Jesus antwortete ihnen: »Ich versichere euch: Wenn ihr nur Vertrauen zu Gott habt und nicht zweifelt, könnt ihr nicht nur tun, was ich mit diesem Feigenbaum getan habe. Ihr könnt dann sogar zu diesem Berg sagen: ›Auf, stürze dich ins Meer!‹, und es wird geschehen.(Mt 21, 20–21)

Einheit und Allheit innerhalb des Horizontes.(Otto Weininger)

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Berlin, 20. Juli 1990

Ewald schluckte. Sein Mund war staubtrocken. Er war der jüngste und kleinste von ihnen und versuchte, mit den anderen Schritt zu halten. Sofort wischte er sich den Schweiß von der Stirn und tat unbeeindruckt. Er durfte sich seine Angst nicht anmerken lassen. Er linste zu den drei Älteren hinüber. Sie hatten nichts bemerkt. Erleichtert konzentrierte er sich auf seine Schuhspitzen.

Berlin war wieder eins. Vor acht Monaten war die Berliner Mauer gefallen. Der »antifaschistische Schutzwall« war nach achtundzwanzig Jahren Geschichte. Die Grenztruppen der DDR waren entwaffnet. Hunderte, vielleicht sogar Tausende Mauerspechte hatten Souvenirs aus dem Beton geschlagen. Dann räumten Baumaschinen die Grenzanlagen fort. Aus den Augen, aus dem Sinn! Die Wende war endgültig da.

Der Himmel über Berlin war pechschwarz und die vier Jugendlichen hatten den Westteil des Potsdamer Platzes betreten. Der größte und älteste der vier Burschen trug einen Rucksack. Er war um die zwanzig, hatte breite Schultern und dunkles Haar. Er blieb kurz stehen und betrachtete die Nachtschwärmer im Licht der Currywurststände. Keiner der Versammelten trug die grüne Polizeiuniform. Er lächelte zufrieden und gab einem seiner Begleiter ein Zeichen.

Der junge Mann nickte und kletterte auf eines der Podeste, von denen noch vor wenigen Monaten Touristen über die Grenze gestaunt und nach Osten fotografiert hatten. Er spähte in die Finsternis, die sich vor ihm wie ein tiefer, weitläufiger See zwischen den Straßenlaternen ausbreitete.

In Berlins Gesicht klaffte eine Wunde. Berlin Mitte, seit Februar ein von Baggern und Planierraupen aufgewühltes Erdloch vom Brandenburger Tor bis zum Potsdamer Platz. Eine hellbraune Geröll- und Sandwüste ohne spürbares Leben darin. Hie und da ragten verwitterte Betonbrocken aus dem ehemaligen Todesstreifen. Sie waren stumme Zeugen einer noch älteren, einer untergegangenen Zeit. Aber sie sollten ihr Schweigen brechen.

Anstelle der abgerissenen Wachtürme, des Drahtverhaus und der Hundelaufzonen erblickte Ewald auf dem Podest ein Stahlskelett vor der schwarzen Silhouette des Reichstagsgebäudes. Die tragende Konstruktion einer Bühne, hundertsiebzig Meter lang und fünfundzwanzig Meter hoch. Er war von dem Koloss nicht überrascht. Er wusste aus den Nachrichten, morgen sollte im ehemaligen Niemandsland die Show »The Wall« von Roger Waters stattfinden. Dass die Pop-Oper des ehemaligen Pink Floyd-Sängers und Songwriters in Wahrheit nichts mit der Berliner »Wall« zu tun hatte, störte niemanden. Wenn im letzten Akt die Pappmauer auf der Bühne fiel, würde jeder an »die Mauer« denken. An die mitten durch Berlin, von der niemand die Absicht gehabt hatte, sie zu errichten.

Ewald schmunzelte bei dem Gedanken an Walter Ulbricht und seine kreischende Stimme. Kein Mensch würde an die bekloppte Story über den fixenden Popsänger denken, dem die Grenzen um seine von den Mitmenschen isolierte Persönlichkeit eingerissen werden. Und nicht mehr lange, und beim Anblick eines Portraits vom Vorsitzenden des Staatsrats der DDR Walter Ulbricht mit seiner Brille und dem Spitzbärtchen wird jeder Deutsche sehr bald nur noch an Colonel Sanders, Kentucky Fried Chicken und die leckeren, gebratenen Hühnerflügel im Pappeimer denken. Dem Burschen lief das Wasser im Mund zusammen. Wie dem auch sei, bevor der Ringelpietz mit Anfassen hier losgeht, mussten sie ihren Plan ausgeführt haben. Heute Nacht war die letzte Chance für die jungen Entdecker, ungestört in das Gelände einzudringen. Der Bursche hob kaum merklich den Daumen und sprang vom Podest. Die Luft war rein!

Ein Maschendrahtzaun an der Ebertstraße war schnell überwunden, und sie verschwanden in der Dunkelheit des Konzertgeländes, das nach Norden fast bis zum Brandenburger Tor reichte. Der Große mit dem Rucksack sprintete voran. Er kannte als Einziger das Ziel.

Erde und Schotter knirschten unter ihren Sportschuhen, Staub wurde aufgewirbelt, und die vier rannten immer tiefer in die Finsternis, ohne sich nur einmal nach den Lichtern in ihrem Rücken umzudrehen. Nach einer gefühlten Ewigkeit des Rennens durch das Herz der Berliner Nacht blieben sie keuchend und schwitzend stehen.

Der Langsamste der Truppe strauchelte bei dem abrupten Stopp. Die zwei anderen stützten ihre Hände in die Knie, ließen die Köpfe vornüber hängen und atmeten schwer.

Der junge Mann mit dem Rucksack stellte sich breitbeinig vor sie hin, wischte sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn und entfaltete ein Blatt Papier. Er blickte sich nach allen Seiten um und versuchte, im flackernden Lichtschein seines Feuerzeugs den Plan einzunorden. Endlich erhellten sich seine Züge, und ein zufriedenes Lächeln offenbarte seine weißen Zähne.

Auf die anderen wirkte er in diesem Moment wie ein hungriges Raubtier, das Witterung aufgenommen hatte. Sie traten von einem Fuß auf den anderen, kratzten sich am Hinterkopf und wechselten fragende Blicke. Aber keiner der drei wagte, auch nur ein Wort zu sagen.

Der Anführer mit dem Plan hob den Arm, deutete mit dem Zeigefinger in alle vier Himmelsrichtungen und erklärte mit ernster Miene: »Voßstraße und Leipziger Platz, Wilhelmstraße, Ministergärten und Hermann-Göring-Straße. Wir stehen genau vor dem Gartenportal zu seinem Arbeitszimmer.« Er zog die Mundwinkel nach unten und schnaufte gereizt. »Das bedeutet, dass wir zu weit östlich sind.« Er faltete das Blatt zusammen und wollte los.

Ewald packte seinen Unterarm und hielt ihn zurück. Das Gesicht des Jungen war kreidebleich, seine schmalen Schultern zitterten, und auf seiner Stirn perlten dicke Schweißtropfen. »Hermann-Göring-Straße? Das ist die Ebertstraße.«, presste er hervor. »Was soll die Nazi-Scheiße? Zu weit östlich wofür? Sascha, was machen wir hier?«

Aber Sascha rührte keine Miene. Er blieb stehen und blickte erst verächtlich auf die Hand an seiner Schulter, dann auf den Kleinen hinunter. Nach einem kurzen Augenblick des Schweigens wischte er die Hand fort, wie einen Staubfleck.

Ewald erstarrte. Unter dem Blick Saschas bekam er eine Gänsehaut. Das warnende Gefühl in der Magengegend schoss empor und drückte ihm die Kehle zu. Er verschränkte die Arme vor der Brust, und ihm wurde schlagartig kalt. Mit großen Augen starrte er den Burschen neben sich an. Seinen Cousin Jens.

Sascha stemmte die Fäuste in die Hüften, seufzte pathetisch und stierte in die Dunkelheit hinaus. Dann wandte er sich an Jens: »Ich habe dir gleich gesagt, du sollst das Baby zu Hause lassen. Jetzt gefährdet er mit seinen Fisimatenten die ganze Aktion.«

»Ich werde nächstes Monat siebzehn!«, blaffte Ewald, japste nach Luft und machte einen Schritt nach vorne. »Ich bin FDJler!«

Jens warf seinem um zwei Jahre jüngeren Vetter einen strengen Blick zu und schüttelte den Kopf. »Nee, Sascha, der Ewald ist kein Baby. Er will nur wissen, was wir hier machen. Du weißt, ich habe ihn mitgenommen, damit er einmal etwas anderes erlebt als zu strebern. Er hat mir ständig in den Ohren gelegen, wie gerne er einmal mit uns abends mitgehen möchte. In der Kneipe ein paar Pils kippen, Mädels treffen und so …« Er wurde immer leiser und brach schließlich mitten im Satz ab. Seine Worte schienen gänzlich unbemerkt zu bleiben.

Sascha nickte schweigend, ohne die beiden Jüngeren anzusehen. Dann schloss er die Augen und ließ den Kopf hängen. Nach ein paar endlos scheinenden Sekunden, in denen nur das Atmen der Burschen und die Geräusche der Nacht zu hören waren, richtete er sich wieder auf und legte Ewald seinen muskulösen Arm auf die Schultern. »Ewald, du erinnerst dich doch sicher an den BZ-Artikel über drei Jugendliche, die Ende März in die Bunkeranlage der Neuen Reichskanzlei eingestiegen sind?«, flüsterte er. »Drei Freunde seilten sich nachts in den Führer-Bunker ab, lautete die dämliche Schlagzeile. Die Knallköppe von der BZ wissen nämlich nicht, dass der Führerbunker längst von der DDR demoliert worden ist.« Er deutete mit dem Kopf in Richtung Nordosten. »Der Führerbunker war dort drüben, unter den Plattenbauten an der Wilhelmstraße.«

»Ja«, bemühte Ewald sich, möglichst rasch zuzustimmen. Er fürchtete, unter dem Gewicht der Muskeln in die Knie zu gehen. »Unheimliches Abenteuer zwischen Potsdamer Platz und Brandenburger Tor …«, zitierte er hastig. Kaum war er jedoch mit dem Untertitel fertig, verschlug es ihm die Sprache. Das war genau hier, wo sie jetzt gerade standen. Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag ins Gesicht, unter seinen Füßen lag der Schutt der Neuen Reichskanzlei, und keinen Steinwurf entfernt hatte Adolf Hitlers Schreibtisch gestanden. Ein metallischer Geschmack machte sich in seinem Mund breit. Ewald kämpfte gegen den Drang, sich zu übergeben. »Und diese drei Freunde seid ihr gewesen?«, stieß er krächzend hervor und guckte in die Runde.

Sascha lachte leise in sich hinein und zwinkerte seinen beiden Kumpels zu.

Sie grinsten über beide Ohren. »Ja, das waren wir.« Alle drei schienen zu wachsen.

»Blöd nur, dass die Bullen uns mit der grünen Minna abgeholt haben, weil sich so blöde Neo-Nazis dort unten mit ihren Schmierereien verewigen wollten«, ergänzte Jens bitter und trat einen Stein weg. »Aber Bange machen gilt nicht! Wir machen heute mit unseren Erkundungen weiter. Sascha weiß, wo es langgeht, und ich gehe mit ihm.«

»Es liegt ganz bei dir, Ewald«, sagte Sascha sanft. »Wenn du immer noch bei uns mitmachen willst, kommst du mit. Wenn du kneifst, dann bleibst du hier.«

Ewald gefror das Blut in den Adern. Darum also war die Polizei bei Tante Gudrun gewesen. Er betrachtete seinen Cousin und sah plötzlich einen völlig Fremden. Er traute sich kaum zu atmen, und kein Ton kam über seine Lippen.

»Schweigen ist Zustimmung«, freute sich Sascha, tätschelte Ewalds Wange und ließ ihn wieder los. Dann marschierte er kommentarlos westwärts. Die beiden anderen folgten ihm, ohne Ewald eines weiteren Blickes zu würdigen.

Der Sechzehnjährige blieb wie angewurzelt stehen. Die drei ließen ihn wirklich mitten im Niemandsland alleine. Er hörte, wie die Schritte sich entfernten, wollte rufen, aber fuhr sich mit der Hand über den Mund. Seine Augen flackerten unruhig. Alles war finster. Heimgehen? Unbedingt! Aber in welche Richtung? Nach Südwesten, zurück zum Potsdamer Platz. Natürlich! Und dann? Er hätte auf dem Herweg besser aufpassen sollen und sich nicht alleine auf Jens verlassen dürfen. Ewald spürte, wie sein Gesicht rot wurde. Er biss die Zähne zusammen und ballte die Fäuste. Bestimmt hatte er schon ganz glasige Augen. Er war eben doch ein Baby.

Da blieb Jens stehen und drehte sich nach seinem Cousin um. Die Blicke der beiden Burschen trafen sich. Jens zögerte und starrte auf den Boden vor seinen Füßen. Dann winkte er Ewald zu sich. Gemeinsam stapften sie weiter, den kleiner werdenden Reflektoren auf dem Rucksack hinterher.

Die vier Burschen duckten sich, als ein Auto auf der Ebertstraße vorbeifuhr. Die Scheinwerferkegel des Wagens durchschnitten die Dunkelheit. Lange Schatten tanzten über den Boden. Die Rücklichter verglühten in Richtung Tiergarten, und der Spuk war vorbei.

»Hier muss es sein«, murmelte Sascha und glitt langsam eine Schräge aus Aushubmaterial hinunter. Unten kam er auf losen Betonbrocken zum Stehen, ging in die Hocke und fuhr mit der flachen Hand über den Boden. Unter den Staubkörnern und Steinchen spürte er eine raue, plane Oberfläche. »Eine Betondecke.« Er räusperte sich, rieb sich die feuchte Erde von den Handflächen und öffnete seinen Rucksack. Er packte ein Seil, vier Taschenlampen, ein Brecheisen sowie zwei Klappspaten aus und legte sie vor sich auf den Boden. Danach entfaltete er den Plan und beschwerte die vier Ecken mit Steinen.

Inzwischen waren die drei anderen zu ihrem Rädelsführer gestoßen und knieten sich rings um die Zeichnung. Neugierig beugten sie sich über das Papier und schalteten ihre Taschenlampen ein.

Sascha tippte mit dem Zeigefinger auf ein schraffiertes Rechteck. Daneben stand unterstrichen und in Schablonen-Planschrift geschrieben: Bunker der Fahrbereitschaft. »Da geht es rein«, raunte er und knackte mit den Fingerknöcheln. »Hoffen wir, dass noch alles dort ist, wo es nach dieser Skizze sein soll.« Die Farbe war fast vollkommen aus seinem Gesicht gewichen, und seine Lippen waren ganz dünn und blutleer. Es konnte losgehen.

Das Abseilen ging ihnen leichter von der Hand als erwartet. Im Licht der Taschenlampen erschienen die Überreste des weiß gekachelten Ganges, der vor fünfundvierzig Jahren zu den Garagen der Reichskanzlei geführt hatte. Doch die unterirdischen Hallen, in denen der Fuhrpark untergebracht war, waren eingestürzt. Der Traum von rostzerfressenen Oldtimerlimousinen war geplatzt.

Vorsichtig tasteten sich die vier Abenteurer weiter. Immer tiefer in das dunkle und stickige Labyrinth. Die Luft wurde mit jedem Meter kälter, sie war feucht und stank nach Moder. Kein Laut drang durch den Stahlbeton, und die Stille drückte ihnen auf die Ohren. Nur das Knirschen und das Plätschern der Pfützen unter ihren Schritten waren zu hören. Weiter unten waren die Wände von einer dicken, öligen Schmutzschicht überzogen, die das Licht der Taschenlampen aufzusaugen schien.

Ewald hielt sich ein Taschentuch vor den Mund und zerrieb den Ruß zwischen seinen Fingern. Er sehnte sich nach einem Atemschutzgerät.

Jens blieb am Kopf einer breiten Betontreppe stehen. Er hob einen Stein auf, warf ihn hinunter und lauschte. Kein Platschen war zu hören, sondern das Auftreffen des Geschosses auf festem Boden. Jens blies erleichtert die Luft aus der Nase. »Trocken!«, kommentierte er knapp und nahm die erste Stufe.

Der Abstieg endete auf einer Plattform vor einer gasdichten Bunkertür.

Sascha leuchtete erst die verrosteten Zargen entlang, dann glitt sein Blick prüfend über die stark korrodierte Stahltür. Sie war offen. Mit aller Kraft lehnte er sich gegen das nasse, kalte Metall. Ein lautes Kreischen, und Rost rieselte aus den Angeln.

Ewald hielt sich die Ohren zu und erstarrte. Beinahe hätte er seine Lampe fallen lassen, weil er meinte, einen kalten Hauch gespürt zu haben, als die Türe aufgegangen war. Da sah er die Buchstaben über der Tür.

Sascha bemerkte die Angst im Gesicht des Sechzehnjährigen und schmunzelte. Er folgte seinem verschreckten Blick nach oben und bemerkte die verstümmelte Inschrift über der Tür. »SS«, entzifferte er. »Den Rest kann ich nicht lesen.«

»Mannsbilder gibt es genug. Richtige Kerle wenig«, ergänzte Jens. Er kannte den Spruch von seinem Opa.

»Wie für uns gemacht«, lachte Sascha und klopfte Ewald auf die Schulter. »Also, Kleiner, Mann oder Maus?« Er pfiff durch die Zähne, machte eine auffordernde Kopfbewegung und schlüpfte durch den Durchgang.

»Maus«, flüsterte Ewald. Aber als er das breite Grinsen der beiden anderen Burschen auf sich spürte, fasste er sich ein Herz und kletterte ebenfalls an der Bunkertür vorbei. Er trat ins Leere, und um ein Haar wäre er gestürzt. Im letzten Moment bekam er einen glitschigen Handlauf zu fassen, aber die Taschenlampe schepperte die nächsten acht Stufen hinunter. Sie kam genau vor Saschas Füßen zum Liegen.

»Pass doch auf, du Pappnase«, grunzte Sascha und hob die Lampe auf. »Zum Glück funktioniert sie noch. Kannste mal sehen, was du für ein Glück hast.« Er drückte Ewald die Taschenlampe in die Hand und verpasste ihm einen Schlag auf den Hinterkopf. »Hier unten kannst du dir Ausrutscher nicht leisten. Verstehst du das?« Er fixierte sein Gegenüber mit zusammengekniffenen Augen.

Ewald nickte stumm, wich dem strengen Blick aus und tastete sich vorsichtig weiter. Die weißen Bunkerwände zeigten sich nur schemenhaft in den vier Lichtkegeln. Die Gänge schienen endlos. Erschrocken wich Ewald zur Seite und zog den Kopf ein. Da war etwas direkt vor ihm. Mit zitternden Fingern riss er die Lampe nach oben. Von der Decke hingen in regelmäßigen Abständen kugelförmige Deckenlampen. Die Holzdübel waren mit den Jahren verwittert, und die Beleuchtung war heruntergefallen. Sie hingen nur noch an den Stromkabeln.

»Alles noch verkabelt, keine Graffitis, keine Plünderungen. Die Glühbirnen stecken sogar noch in den Fassungen«, wunderte sich Jens und untersuchte einen der herabhängenden Beleuchtungskörper.

»Das heißt: Wir sind seit den Leuten der Fahrbereitschaft die ersten hier drinnen!« Sascha klatschte vor Freude in die Hände. »Die einzigen Besucher seit Kriegsende!«

»Und ist das gut?«, erkundigte sich Ewald kleinlaut. Er verstummte, weil ein eiskalter Schauder seinen Rücken herunterlief. »Glaubt ihr, da sind noch Leichen?«, stotterte er.

»Glob ick nich.« Jens schüttelte den Kopf.

»Tja, wer weiß …«, grinste Sascha und ging nach links, auf eine weitere Tür zu, neben der eine Telefonschaltanlage angebracht war. Der Gestank, der Sascha aus diesem Durchgang entgegenkam, verhieß nichts Gutes. Als das beißende Gemisch aus Brackwasser, Moder und Zerfall in seiner Nase brannte, bereute er sofort den dummen Scherz über Leichen von vorhin. Ganz langsam setzte er einen Fuß vor den anderen und ließ seine Augen über jeden dunklen Winkel des Büros wandern. Er erwartete allerorts, auf einen toten Blick aus leeren Augenhöhlen zu treffen.

Im Bürozimmer stapelten sich die Überreste der kompletten Möblierung. Alles war von einer rotbraunen Schmutzschicht überzogen. Sascha erkannte unter dem Gerümpel die sogenannten Bayernmöbel, wie sie den »Alten Kämpfern« aus Süddeutschland am besten gefallen hatten. Sitzbänke, Truhen, Sessel und Kisten lagen kreuz und quer, wild übereinander im ganzen Raum.

Auf dem Schreibtisch stand immer noch ein braunes Bakelit-Bürotelefon in militärischer Ausführung ohne Wählscheibe. Es machte auf die Hereinkommenden den Eindruck, als könnte es jeden Augenblick klingeln. Doch wer würde am anderen Ende der Leitung sein?

Ewald verdrängte den dummen Gedanken. Es klapperten ihm ohnedies schon die Zähne. »Mein Gott!«, stöhnte er beim Anblick der dreckigen Holzstapel. »Hat man diesen Raum durchsucht?«

»Nee, das war das Grundwasser«, antwortete Jens und richtete seine Taschenlampe auf die Wand gegenüber. Circa auf Augenhöhe endete die rotbraune Schicht, die den Bunker und seinen gesamten Inhalt überzog. Darüber war die Tünche noch weiß. »Siehst du, bis hierher ist das Wasser gestiegen. Die leichteren Möbel sind zuerst obenauf geschwommen, und wie sie vollgesogen waren sind sie auf die schwereren abgesunken. Es ist so, wie Sascha sagte, wir sind die ersten Besucher hier seit fünfundvierzig Jahren …« Er kratzte sich am Kinn und leuchtete die Stromkabel entlang. »Was meinst du, was dieser ganze technische Plunder nach Kriegsende auf dem Schwarzmarkt gebracht hätte. Die glücklichen Finder hätten alleine vom Erlös des Buntmetalls leben können wie die Könige.«

Ewald nickte zustimmend und studierte die dunkelbraunen Linien im Lichtpunkt. Dabei entdeckte er sie. Er zuckte unweigerlich bei ihrem Anblick zusammen. In kräftigen Farben waren die Männer der »Leibstandarte Adolf Hitler« an die Bunkerwände gemalt. Die Soldaten wirkten wie dunkle Engel mit langen Adlerschwingen. Mit beiden Armen hielten sie schwarze spitze Schilde über ihre Volksgenossen, die weißen parallelen Blitze darauf, das Wappen der SS. Im Schatten ihrer Fittiche tummelten sich blonde Mütter mit ihren Kindern, aussäende Bauern und biertrinkende Männer. »Was zum Teufel …«, flüsterte der Sechzehnjährige und stieß Jens in die Seite.

Jens richtete ebenfalls seine Taschenlampe auf die Malereien. Sie waren überall. »Sascha, sieh dir das an!«, rief er laut und konnte sich nicht von den monströsen Gestalten abwenden.

»Da war wohl einer von Hitlers Fahrern nicht ganz ausgelastet«, witzelte Sascha, aber so richtig war ihm unter den strengen Blicken der SS-Männer auch nicht nach Scherzen zumute.

Ewald spürte die Augen der gemalten Uniformierten auf sich ruhen. Sie prüften und sondierten ihn. Ihm wurde heiß und kalt. Im Licht seiner Lampe erschienen weitere gemalte Gestalten. Er sah blitzeschleudernde Götter, vorpreschende Panzerfahrzeuge, Athleten, blonde Schönheiten, ihre gesunden deutschen Kinder und über allem thronten die Parteiadler und SS-Runen. Weit hinten am Horizont rauchten Fabrikschlote. »Widerlich!«, presste Ewald zwischen den Zähnen hervor und blickte sich nach allen Seiten um. Mehr und mehr fühlte er sich hier unten beobachtet.

»Der ist ja krass!«, prustete Jens und zeigte auf das Portrait vor sich. Die drei anderen gesellten sich zu ihm und erhellten mit ihren Lampen die Szene.

Auf dem Wandbild standen dreizehn SS-Männer stramm im Hof eines schlossartigen Gebäudes. Hinter den Bäumen versteckten sich ängstlich mehrere Nonnen. Der Mann im Bildmittelpunkt trug Hitlerbärtchen, Stahlhelm und Uniformmantel. Um seinen Kopf loderte ein Heiligenschein in Form einer Feuerzunge, und aus seinen Augen schossen zwei Blitze.

Die drei älteren Burschen lachten und stießen sich gegenseitig an, aber Ewald schüttelte es beim Anblick dieser blitzeschleudernden Augen. Die Energie, die um den Kopf des hohen SS-Offiziers loderte, war zweifelsohne tödlich. Wer war dieser Mann, und was machte er mit seinem Blick?

Unweigerlich war Ewald beim Anblick der Malereien an Szenen aus dem Westfernsehen erinnert, an seine geheime Leidenschaft, an »Raumschiff Enterprise«. Keine Folge hatte er je versäumt. Seine Gedanken rasten. Die Enterprise flog in der Folge »Die Spitze des Eisbergs« an den Rand des Universums und entdeckte dort eine Boje. In der Boje war die Warnung eines anderen Kapitäns der Raumflotte gespeichert, der in Panik sein eigenes Schiff gesprengt hatte. Kurz darauf entwickelte einer der Crew und ein Freund von Captain Kirk, Gary Mitchell hieß der, seltsame Fähigkeiten. Seine Kräfte wuchsen und wuchsen, bis er zum Übermenschen wurde und mit seinen Augen Blitze schleudern konnte. Genauso war es. Genauso sah das aus. Genau wie auf dem Bild! Ewald kaute an seinen Fingernägeln. War es möglich, dass der Uniformierte auf dem Bild dieselben Fähigkeiten wie dieser Gary Mitchell entwickelt hatte? Ewald fiel es wie Schuppen von den Augen. Die Silhouette des Mannes mit dem schwarzen Stahlhelm glich Darth Vader wie ein Ei dem anderen, dem dunklen Jedimeister aus Star Wars! Ewald wurde ganz euphorisch. Darth Vader, der kraft seiner Gedanken, mittels der »Macht«, seine Untergebenen disziplinierte. Wenn seine Offiziere auf einer Mission versagt hatten, standen sie auch stramm vor ihm und der versammelten Truppe. Und dann fielen sie röchelnd um. Ewald grinste. War der Mann auf dem Wandbild das reale Vorbild für Darth Vader gewesen? War dieses Wandgemälde der Beweis, dass die Kräfte von Gary Mitchell und Darth Vader kein Mumpitz waren? Könnte es möglich sein, genauso mächtig und unbesiegbar zu werden?

Da hallte ein Poltern durch die Bunkergänge. Irgendwo ganz in der Nähe war etwas umgefallen. Die jungen Männer verstummten. Sogar Sascha zuckte bei dem Geräusch zusammen, seine Augen wanderten ängstlich hin und her, und er lauschte in die Finsternis. Nichts mehr. Kein Laut war zu hören. Wieder nur die dumpfe drückende Stille überall.

Ein metallischer Schlag auf eine der Rohrleitungen. Die Installationen vibrierten und trugen den Ton weiter, tiefer und tiefer in die Berliner Unterwelt.

Ewald unterdrückte einen Schreckensschrei und packte Jens am Oberarm. »Wir sind nicht alleine hier unten! Lass uns sofort von hier verschwinden. Bitte!«, drang er auf seinen Cousin ein.

»Licht aus und Maul halten!«, zischte Sascha. »Rührt euch bloß nicht von der Stelle. Ich wette, das sind die Bullen.«

Ewald traute seinen Sinnen nicht. Grüne Augen glühten in der Dunkelheit. Aus den Ecken und Winkeln des Büros starrten sie auf sie.

Die Angst schnürte Ewald die Kehle zu. Er ließ sich fallen und riss Jens mit sich zu Boden. Auf allen vieren versuchte er in die Nähe des Ausgangs zu gelangen. An seinem Gürtel spürte er den Griff seines Cousins.

Die Augen kamen näher.

Sascha fuhr herum und schaltete seine Taschenlampe ein. Ein kräftiger Schlag traf seine Hand, und die Lampe wurde weggeschleudert. Im nächsten Moment packten ihn zwei kräftige Hände, und ein Dolch durchschnitt seine Kehle.

Von dort, wo eben noch Sascha gestanden hatte, hörten Ewald und Jens ein heiseres Gurgeln, dann den dumpfen Aufschlag eines zuckenden, sterbenden Körpers. Ewald presste sich die Hand auf den Mund, dann kroch er weiter, so schnell er konnte. Jens hielt immer noch Ewalds Gürtel fest.

Saschas Taschenlampe fiel laut scheppernd hinter einen Haufen Gerümpel. Ihr Strahl schwebte kurz vom Boden auf, dann erstarb ihr Licht.

Ein spitzer Schmerzensschrei gellte durch den Bunker. Holz splitterte, Möbelstücke fielen zu Boden. Weiter hinten im Büro tobte ein Kampf auf Leben und Tod. Füße in Sportschuhen stampften auf den Boden, immer hysterischer und schneller. Schließlich glitten die Gummisohlen quietschend über den feuchten Estrich, und es war wieder still.

Ewald ertastete den Türrahmen. Gerettet, schoss es ihm durch den Kopf. Er wollte gerade nach draußen auf den Gang gleiten, als Jens aufkreischte.

Jemand oder etwas hatte Jens von hinten gepackt und zog ihn zurück in das Büro der Fahrbereitschaft. Der Bursche trat planlos nach allen Richtungen und klammerte sich mit aller Kraft an Ewalds Gürtel.

Ewald fiel durch den plötzlichen Ruck aufs Gesicht. Das Ziehen und Zerren an seinem Becken wurde immer heftiger. Mit aller Kraft hielt er sich an der Türzarge fest, dass das rostige Metall sich langsam durch die Haut seiner Finger fraß. Der Sechzehnjährige brüllte auf vor Schmerz, und die Kraft verließ seine Arme. Im nächsten Moment wurde er über den Boden geschleift und umgedreht. Geistesgegenwärtig packte er seine Taschenlampe und drückte den Schalter.

Ein Stöhnen ertönte, und eine Gestalt mit Stahlhelm und in Uniform hielt sich die Hände vors Gesicht. Der Mann taumelte nach hinten und flüchtete aus dem Licht. Deutlich konnte Ewald auf seinem rechten, schwarzen Kragenspiegel einen silbernen Totenkopf mit gekreuzten Knochen erkennen.

Endlich hatte der Junge begriffen und sprang auf die Füße. Das waren keine Geister, sondern Menschen mit Nachtsichtgeräten!

In Ewalds Kopf rasten die Gedanken. Dem Helm nach handelte es sich zweifelsfrei um das NSG-66 der Nationalen Volksarmee. Über diese Ausrüstung hatte er oft genug in der Zeitschrift »Armeerundschau« gelesen und viele Fotos davon gesehen. Das von der Firma Carl Zeiss Jena entwickelte aktive Nachtsichtgerät verfügte über zwei Bildwandler, garantierte so die natürliche Plastik des Sehfeldes und konnte über eine spezielle Kopfhalterung in den Stahlhelm der NVA eingeknöpft werden. Es war perfekt geeignet für feinmotorisches Arbeiten in totaler Dunkelheit. Aber gerade darum verdammt lichtempfindlich.

Wie eine Waffe hielt Ewald jetzt seine Lampe den Angreifern entgegen. Er machte einen Schritt nach vorne und rutschte auf einer glitschigen Pfütze aus. Ewald stockte der Atem. Auf dem Boden, an seinen Schuhen, sogar an seiner Hose, überall war Blut. Und vor seinen Füßen lag mit weit aufgerissenen Augen und durchschnittenem Hals sein Cousin Jens.

Wie vom Blitz getroffen, rannte Ewald los. Hinaus auf den Gang, die Treppen nach oben. Er stieß mehrmals mit dem Kopf gegen eine der herunterhängenden Deckenleuchten, blieb aber nicht stehen. Im Dunkel hinter ihm stampften Armeestiefel und sie drohten ihn einzuholen. Ewald presste sich durch die Bunkertür und stemmte sich mit dem Rücken dagegen. Mit aller Kraft drückte er sie ins Schloss und sprintete weiter, durch den weiß gefliesten Gang dem Einstiegsloch entgegen. Er steckte sich die Taschenlampe in den Mund, sprang an dem Seil hoch und zog sich nach oben ins Freie. Den Strick schnitt er gerade noch mit seinem Taschenmesser durch.

Ewald rollte sich auf den Rücken. Über ihm leuchteten die Sterne. Es war still. Ewald hörte nicht einmal den eigenen Atem. Berlin hatte sich ins Weltall aufgelöst. Ewalds Finger waren nass und klebrig, aber er spürte nichts. Er schwebte in einer seidigen Brise. Grüne Augen beugten sich wie in Zeitlupe über ihn. Eine harte Hand in Handschuhen packte Ewalds Gesicht und drehte es hin und her. »Mannsbilder gibts fei gnua. Richtige Kerle wenig«, sprachen die grünen Augen. Dann wurde es finster.

Als am frühen Morgen die Kampfmittelbeseitiger der ehemaligen Westberliner Polizei und des aufgelösten Munitionsbergungsdienstes der DDR das Gelände erneut abgingen, um es für das Konzert am Abend freizugeben, stießen sie auf den offenen Zugang zum Fahrerbunker der Neuen Reichskanzlei. Spuren von den vier Jugendlichen fanden sie nicht.

»The Wall« wurde in zweiundfünfzig Länder übertragen. Die 250 000 Besucher mit Eintrittskarten, und die 100 000 ohne, die den Fall der Berliner Mauer zwischen Brandenburger Tor und Potsdamer Platz feierten, ahnten nicht, was unter ihren tanzenden Füßen verborgen lag, oder was dort geschehen war.

Nur zwei Tage nach seiner Entdeckung wurde der Zugang zum Fahrerbunker zugeschüttet, und seine Existenz weitgehend vor der Öffentlichkeit verschwiegen.

Aber es war bereits zu spät, die Geister der Vergangenheit gingen wieder um.

1

Frankfurt am Main, 20. Juli 2012

Josephine Mahler fuhr wie jeden Tag mit dem Fahrrad in ihr Büro auf dem Unicampus Westend. Egal ob Samstag, Sonntag oder Feiertag, Josephine saß an ihrem Schreibtisch. Dieses Jahr am 8. April, Ostersonntag, waren genau zwei Menschen im Poelzig-Bau der Goethe-Universität gewesen, der Portier und Doktor Josephine Mahler vom Institut für Ethnologie. Böse Zungen behaupteten, Josephine lebte nicht von ihrem Beruf, sondern für ihn.

Josephine Mahler trat in die Pedale. Sie überholte einige dieser älteren Radfahrerinnen, die gemächlich dahinrollten und erst kurz vor dem Umfallen zu treten schienen. Die schnieken Gründerzeitfassaden im Westend glitten links und rechts vorbei. Vor nicht allzu langer Zeit, hatten die Kollegen an der Uni erzählt, waren diese geschmackvollen Eigenheime besetzte Häuser gewesen. Alternative Idealisten hatten die Gebäude in Besitz genommen und vor dem Abriss bewahrt, ganz vom Geist der 68er durchdrungen. Vor der umfassenden Revitalisierung und Renovierung waren die Bewohner durch die Instanzen geklettert. Und ihre geistigen Führer waren in Turnschuhen in den Bundestag eingezogen, um ihn ein paar Legislaturperioden und Kriegseinsätze später im Maßanzug in Richtung Privatwirtschaft wieder zu verlassen. Die Zeit heilt alle Wunden, schmunzelte Josephine und riskierte einen Blick durch die Fenster in die Welt aus »Schöner Wohnen«. Sie sah Lüster, Bücherwände und Zimmerpflanzen. Und plötzlich stellte sie sich vor, wie sich in einem dieser Salons eine verzweifelte Mutter die Haare raufte und ihre markenaffine Teenagertochter auf dem Sofa anbrüllte: »Tu endlich etwas außerhalb von Facebook! In deinem Alter bin ich gegen Leute wie mich auf die Straße gegangen!«

Ein Radfahrer in Krawatte und Anzug schnaufte rechts an Josephine vorbei. Sie erlebte das beinahe täglich, kannte die Situation schon zur Genüge. Es gab einen bestimmten Typ Mann, der es nicht ertragen konnte, von einer Frau mit dem Fahrrad überholt zu werden. Schon gar nicht, wenn sie einen Rock und Stöckelschuhe anhatte. Mahler schüttelte den Kopf und flüsterte: »Natürlich! Gleich greifst du nach hinten, ob deine superschicke Aktentasche noch da ist. Dann fällst du fast um und bist mir im Weg …«

Vor der nächsten Kreuzung kam der Mann tatsächlich ins Trudeln. Seine rechte Hand tastete nach der Ledertasche in seinem Rücken. Er verlor das Gleichgewicht, scherte aus und kam quer auf der Fahrbahn zum Stehen. Zu seinem Glück fuhr gerade kein Auto die Straße entlang. Freudig stellte er unmittelbar und an Ort und Stelle sicher: Die Tasche mit dem Laptop ruhte auf dem Gepäck träger.

»Ja geht’s noch?« Mahler machte eine Vollbremsung. Um ein Haar wäre sie in Mann und Fahrrad gekracht.

Der Typ mit dem Gelatinehaar maulte etwas. Die Wörter »blöde Tussi«, »Tomaten« und »auf den Augen« kamen darin vor.

Josephine verstand in ihrer Schrecksekunde lediglich, dass es nicht besonders nett gewesen war, was ihr Gegenüber in schnoddrigem Ton von sich gegeben hatte. Eine unsägliche Wut stieg in ihr auf. Und schon im nächsten Augenblick zischte sie: »Geh scheißen!«, bugsierte ihr Fahrrad um die Beinahe-Unfallstelle herum und gab dem Drahtesel die Sporen. Der Kontrahent blieb mit entgleisten Gesichtszügen zurück. Mit einem Konter im breitesten Wienerisch hatte er in der hessischen Bankenmetropole nicht gerechnet. Und schon gar nicht von der zierlichen Person mit den hennaroten Locken und diesem süßen Po. Seufz.

Mahler knallte die Bürotür zu. Der Tag fing ja gut an. Sie rührte ihre Tasse Instantkaffee braun und sämig, ließ sich auf den Sessel fallen und lutschte den Löffel ab. In Wien hätte sie so etwas nie getrunken. Aber das aromatische Heißgetränk unten in der Mensa, das die Damen hinter der Kasse Kaffee mit drei f nannten, war zum einen überteuert und darüber hinaus ungenießbar. Josephine nippte an ihrem Gebräu, legte die Füße hoch und runzelte die Stirn mit Blick auf die Wanduhr. Die Einrichtung ihres Büros war spartanisch. Zwei Schreibtische, zwei Stühle und weiße Regale voll mit Ordnern und Büchern in Reih und Glied. Zwei Topfpflanzen verdursteten auf dem Fensterbrett, eine Grünlilie und ein Anthurium Scherzerianum. Keine Bilder oder Poster an den Wänden, keine lustigen Sprüche oder glupschäugigen Tierfiguren irgendwo. Vom Mädchengetue so mancher Kollegin bekam Josephine Sodbrennen und bei durchgestylten Studentinnen, den »Friseurinnen«, schliefen Mahler die Füße ein. Ihrer Bürokollegin mit Dreadlocks und Turban, die zwischen den Lehrveranstaltungen mit Vorliebe im Lotussitz auf dem Fußboden meditierte und dabei laut, falsch und hingebungsvoll »Om mani padme hum« und andre Mantras sang, hatte sie schnell klargemacht, wessen Büro das hier war und wer in Zukunft besser daheim arbeitete. Keine Ablenkungen von der Arbeit! Nur ein Fotokalender mit Ansichten von Wien über dem Arbeitsplatz. Jeden Monat ein anderes Postkartenklischee. Stadt der Dome, Stadt am Strome. Ein Weihnachtsgeschenk von daheim.

Wien, räsonierte Mahler beim Ansehen des Kalenderbilds der Karlskirche, das war lange her und weit weg. Zum Glück. »Dreh dich nicht um, Frau Lot«, murmelte sie halblaut und leerte die Kaffeetasse in einem Zug. Nie wieder Wien, nie wieder Österreich, das hatte sie sich geschworen, als sie von daheim weggegangen war. Ihre Landsleute litten ihrer Erfahrung nach unter dem Manko, im entscheidenden Moment einzuknicken. Die besten Beweise lieferte ihr der internationale Fußball. Die heimischen Legenden um diesen Sport rankten sich seit den 1950er-Jahren nur noch um glorious defeats, ruhmreiche Niederlagen wie die spartanische bei den Thermopylen, die amerikanische in Fort Alamo oder die österreichisch-sächsische vor Königgrätz, wo der Hase sowieso und überhaupt im Pfeffer lag. Die meisten erlitten in der Verlängerung, buchstäblich in der letzten Minute nach flankengöttlichem Spiel. Josephine war sich bei all ihrem aufgestauten Ärger allerdings durchaus bewusst, dass ihre Enttäuschung weit persönlichere Ursachen hatte, tiefer saß und nichts mit Trikots, Waden oder Rasen zu tun hatte.

Nach exakt fünfminütigem Verschnaufen fuhr sie ihren Laptop hoch und las wie jeden Morgen ihr Tageshoroskop auf kurier.at. Ein Blick in den historischen Kalender verriet allerhand Interessantes. An zwei Ereignissen blieb Josephines Aufmerksamkeit hängen, an dem vor 68 Jahren gescheiterten Attentat auf Adolf Hitler und an der ersten bemannten Mondlandung der NASA vor 43 Jahren. Heute war ein guter Tag. Nicht zum Sterben, wie die Klingonen und schon lange vor ihnen die Sioux sagten, sondern zum Leben. Nein, beschloss Josephine, den ließ sie sich nicht von einem Schnösel verderben. Auch die fast 30 neuen Emails in ihrer Mailbox konnten daran nichts mehr ändern. Eine nach der anderen arbeitete sie ab. Mit wechselnder Begeisterung und schwankender Anteilnahme.

Ein Absender sprang Josephine sofort ins Auge. Sie freute sich aufrichtig, seinen Namen in der Liste zu sehen. Gabriel Fuchs war derjenige ihrer Freunde aus der Schulzeit, zu dem sie noch regelmäßig Kontakt pflegte. Mit einem Lächeln begann sie, zu lesen:

»Liebe Josi,

Sophie, Lilly und ich grüßen dich herzlich! Wir würden uns sehr freuen, wenn du demnächst unsere Einladung annimmst und uns in Wien besuchen kommst. Im Erdgeschoss unseres Hauses haben wir ein Gästezimmer eingerichtet, in dem du herzlich und jederzeit willkommen bist.

Ich weiß nicht, ob es dich interessiert, aber das Delirium tremens deines Vaters ist sehr weit fortgeschritten. Deine Mutter hat mir gesagt, er erkennt nicht einmal mehr sie. Von ihm geht also keine Bedrohung mehr aus.«

Josephines Miene wurde ernst. »Nein, Gabriel, das interessiert mich nicht! Aber lieb, dass du es trotzdem immer wieder versuchst.«

Sie übersprang die nächsten Zeilen. Erst als es in der Mail um den alten evangelischen Friedhof Matzleinsdorferplatz ging, las sie weiter.

»In meiner ganzen Dienstzeit hier in Favoriten sind mir noch nie so schwere Fälle von Friedhofsschändungen untergekommen. 150 Gräber sind beschädigt. Vasen und Laternen aus Kupfer oder Bronze sind aus ihren Verankerungen gerissen und gestohlen worden. Der Sachschaden ist immens. Und die Diebe werden immer dreister. Letzte Nacht sind die Buntmetalldiebe mit ihrem Kleinlaster im Retourgang gegen das Friedhofstor gefahren. Die gusseisernen Flügel sind stärker gewesen, aber das Tor ist beschädigt. Ich hoffe, dass die Bande bald verhaftet werden kann. Ich werde der nächsten Presbytersitzung vorschlagen, um die Christuskirche und auf dem Friedhof Überwachungskameras montieren zu lassen.«

»Gute Idee!« Mahler nickte und biss in einen Apfel.

»Es geschieht in letzter Zeit noch etwas anderes Seltsames auf dem Friedhof, das mich nicht in Ruhe lässt und wobei ich deinen Rat brauche.«

»Aha«, machte Josephine, legte den Apfel zur Seite und rückte näher.

»Auf dem Grab von Otto Weininger sind in mehreren Nächten silberne Ringe abgelegt worden. Die Ringe waren aus Silber und mit einem Totenkopf verziert. Bei einigen der Ringe war der Kopf ganz plastisch mit zwei gekreuzten Knochen darunter. Ich habe sie auf dem Grab liegen gelassen. Sie sind wohl als Geschenk für Otto Weininger gedacht und gehören mir nicht. Und Sophie hat sich vor ihnen gegruselt. Dieser Weininger war ein komischer Mensch, ein Philosoph, der in der Sterbewohnung von Ludwig van Beethoven Selbstmord begangen hat. Auch sein Grabstein ist höchst eigenwillig. Es ist ein Labradorit, von Weiningers Vater gestiftet. Dieses Grabdenkmal ist das einzige aus dem Material, das ich kenne. Ein Foto findest du im Anhang.«

Mit einem Mausklick öffnete Mahler den Anhang und beäugte das Foto von dem Grabstein. Auf den ersten Blick fiel ihr nichts Außergewöhnliches auf. Sie machte das Fenster wieder zu.

»Hast du als Kulturanthropologin eine Idee, was es mit diesen Ringen auf sich haben könnte? Was bedeuten die Totenkopfringe? Wer legt sie auf Weiningers Grabstein und warum?«

»Keinen blassen Schimmer.« Josephine schüttelte den Kopf. Sie müsste einen dieser Ringe sehen, um eine Aussage treffen zu können. Silberringe mit Totenköpfen gab es zuhauf und in den unterschiedlichsten Preisklassen, vom billigen Accessoire der Rock- und Popkultur bis zum teuren Designer-Modeschmuck. Am wahrscheinlichsten, überlegte Mahler und kratzte sich am Kinn, handelte es sich bei dem nächtlichen Ringopfer um eine Mutprobe für Jugendliche. Die Ringe waren bestimmt Bikerringe um ein paar Euro. Niemand würde ein teures Schmuckstück einfach so auf einem Friedhof zurücklassen. Sogar auf dem Grab von Jim Morrison lag nur Trash. Und wer war gegen den Sänger der »Doors« schon Otto Weininger? Das wollte sie Gabriel antworten, kein Grund zur Besorgnis, sondern bloß jugendlicher Übermut mit dem szeneüblichen Hang zum Pathos.

Gedacht, getan. Josephine ließ ihre schlanken Finger über die Tastatur tanzen und drückte auf »Senden«. Jetzt, freute sie sich, konnten Gabriel und Sophie wenigstens wegen dieser Ringe wieder ruhig schlafen. Mahler druckte die Email aus Wien als PDF aus und speicherte sie ab. Seit sie in Frankfurt lebte, hatte sie jede von Gabriels Emails aufgehoben. Wenn es in ihrem Leben etwas wie ein Stück Heimat in der Fremde gab, dann waren es diese Bits und Bytes.

Mahler lächelte versonnen. Das Lächeln verschwand aber wieder, als ihr ein Student per Email mitteilte, der Termin von Josephines Sprechstunde passe dem jungen Mann gar nicht, und ob er deshalb nicht an einem anderen Tag kommen könne. »Nein«, schnaufte Mahler. »Sprechstunde ist, wenn Sprechstunde ist. Warum tut ihr euch so hart, Hierarchien zu verstehen?« Eine verbindliche Antwort war rasch gefunden.

Die nächste junge Dame teilte Josephine in wenigen schnörkellosen Zeilen mit, dass sie ihr Referat leider nicht halten könne, weil ihr Pferd krank sei. Josephine schluckte und las die Entschuldigung noch einmal. Die Studentin schrieb tatsächlich, dass IHR PFERD krank sei und sie DESHALB nicht zum wöchentlichen Seminartermin kommen wird. Die Probleme höherer Töchter hätte sie in ihrer Studienzeit gerne gehabt! »Ihr Pferd muss ja nicht mitkommen«, tippte sie als Antwort, aber löschte die Zeile wieder. Josephine kratzte sich am Kinn und lehnte sich zurück. Sie fand es fairer, erst einmal die Lehrveranstaltung abzuwarten und zu sehen, ob die Studentin ihren fertigen Anteil an der Gruppenarbeit einer Kollegin mitgab oder ob sie noch nichts vorzuweisen hatte und darum nach einer Ausflucht suchte. Sie sollte sich langsam daran gewöhnen, bald nur noch für die Kinder besserverdienender Haushalte Lehrveranstaltungen zu halten. Die Mehrheit der Studierenden wollte eine berufsspezifische Ausbildung, keine klassische Bildung. Insbesondere jene, die für ihr Studium arbeiteten und es selbst bezahlten. Für Ethnologie inskribierten sich Mädchen und Jungs, weil es sich ihre Eltern leisten konnten. In späteren gesetzten Jahren würden sie ihr Engagement für das »Orchideenfach« als Jugendschrulle belächeln. Genau wie Josephines mittelständisch verehelichte Kommilitoninnen, deren Gespräche sich um einen kleinkinderdiktierten Tagesablauf und die Karriere ihres Mannes bei irgendeiner Bank drehten. Das war nichts für sie. Sie hatte against all odds promoviert und machte ihren schlecht bezahlten Bürokratenjob, weil sie ihre Wissenschaft liebte. O ja, das waren diese seltenen Momente, in denen Josephine es bereute, mit dem Rauchen aufgehört zu haben.

Es klopfte an der Tür, und Josephine schreckte aus ihren Gedanken hoch. Eine Studentin trippelte wortlos in ihr Büro und setzte sich. Josephine musterte das Mädchen von oben bis unten. Ein seltener Vogel auf langen Beinen. Die Zwanzigjährige trug Jeansleggings von Your Eyes Lie, weiß mit »herzigen« Flamingos. Die rosa Vögel schnäbelten, die Hälse waren zu einem Herzmuster verschlungen. 64,95 Euro bei Zalando. Darüber trug das Mädchen das Top Rosianna in metallic von Twist & Tango – ebenfalls 64,95 – und das lässig um den Hals gewundene Becksöndergaard Tuch absolute coral um 79,95. Auf dem Blondhaar hockte die farblich auf das Ensemble abgestimmte Ray-Ban Sonnenbrille, zu dem auch noch KILLER, die High Heel Sandalette by dollybird im Farbton aiure suede gehörte. 104,95 Euro. Das Outfit gesamt: 314,80 Euro. Josephine atmete durch. Die junge Frau erschien Josephine wie ein glacierter Apfel auf einem Holzstöckchen. Mahler zog die Brauen hoch und kontrollierte die Uhr rechts unten auf dem Laptopbildschirm. Stimmt, sie hatte Sprechstunde. Josephine räusperte sich, zog sich den Rock gerade und setzte sich gegenüber dem Mädchen an den Tisch.

Das Gespräch verlief wie Tausende andere davor und danach. Nein, Josephine könne dem Mädchen den Stundenplan nicht zusammenstellen, das müsse jede Studentin und jeder Student für sich selbst machen. Das war doch der Grund, warum man eine Universität besuchte, oder nicht? Josephine schaute erneut in ein Gesicht, bei dem Mahler die Vision einer unendlichen Tropfsteinhöhle überkam, in der irgendwo ganz weit hinten – »Plitsch« – ein Wassertropfen zu Boden fiel.

Das Mädchen schürzte die Unterlippe wie ein Kindergartenkind, dem die Betreuerin gerade ein Spielzeug verweigert hatte. Josephine musste nicht erst an der Studentin hinunterschauen, um zu sehen, dass jetzt ihre beiden Fußspitzen nach innen verdreht waren, Hilflosigkeit signalisierten und »Bitte, hilf mir, ich bin doch so wehrlos!« brüllten. Josephine wusste es, sie hasste die Körpersprache der jungen Dinger. Wie anders, wie selbstbewusst waren sie in den Neunzigern und den Nullerjahren aufgetreten. Die Bücher der feministischen Anthropologie und der Women of Colour unterm Kopfkissen hätten sie am liebsten alles, was nach Machismo, Rüschen und Hello Kitty gerochen hat, mit ihren Doc Martens-Schnürstiefeln zertreten.

Das Mädchen mit den gezupften Augenbrauen fixierte ihre Unterlagen und schob Josephine die mehrfarbige Excel-Tabelle mit ihrem Stundenplan hinüber. Sie hatte bereits die Art zu greifen perfektioniert, bei der nur die Fingerkuppen und nicht die Nägel mit dem Berührten in Kontakt kamen. »Nach Bachelor-Studienordnung muss ich aber drei Seminare in diesem Semester machen.«

»So ist es.« Josephine verschränkte die Arme vor der Brust, versteckte ihre Hände in den Achselhöhlen und schlug die Beine übereinander. »Ich habe, während meines Magisterstudiums, manchmal fünf oder sechs in einem Semester gemacht, und dazu noch zwei Nebenfächer.«

»Das war auch eine gaaanz andere Zeit!« Das Mädchen stand auf, verabschiedete sich und ging.

So scheißalt bin ich also für dich, dachte Josephine und lachte auf. Sie war im Moment viel zu perplex, um eine passende Antwort zu formulieren. Josephine lag auf der Zunge, dem Mädchen zu erläutern, wie sie in ihrem Alter neben den Semesterscheinen am Tag die Sekretärin für eine Versicherung und in der Nacht die Bierzapferin in einer Rockerkneipe gemacht hatte. Ohne Zeit und Geld für Shoppen, Fitnessstudio und Maniküre. Aber da war die Hübsche auch schon draußen, und Josephine amüsiert, für eine Drittsemestrige so etwas wie ein Diplodocus oder Panzerfisch zu sein. Ein Fossil, das zu den anderen alten Knochen ins Senckenberg-Museum gehörte. Gelegentlich sollte man es mal abstauben, aber im Grunde konnte man es getrost vergessen, weil sich seine biologische Nische für immer geschlossen hatte.

Aber wer weiß, Josephine wandte sich wieder ihrer Arbeit zu, vielleicht hatte das Mädchen ja recht, und sie wurde alt, mutierte zu einer der teutonischen Trutschen, denen besondere Bärbeißigkeit nachgesagt wurde und die keinen Ehemann abkriegten. Und vor zehn Jahren war eine gaaanz andere Zeit.

Gabriel Fuchs’ Frage nach den Totenkopfringen hatte Josephine über alldem wieder vergessen.

2

Wien, 3. Oktober 2012

In Wien begann die Blaue Stunde. Vor der evangelischen Christuskirche am Matzleinsdorfer Platz warteten Menschen in legerer Abendkleidung auf Einlass. Einige rauchten, andere unterhielten sich. Alle freuten sich auf das Konzert der Mittwochabendmusik.

Die Fenster der Friedhofskirche im byzantinischen Stil waren hell erleuchtet. Die rot-gelb gestreifte Ziegelfassade reflektierte die Straßenbeleuchtung, dass der Bau vor dem Kobaltblau des Himmels scheinbar glühte. Die Spitzen der Kuppel und der Terrakotta-Türmchen an den Dachtraufen verloren sich in der Dunkelheit. Grablichter tanzten in den Laternen, und der Wind rauschte in den hundertjährigen Eiben. Auf den beiden mehrspurigen Straßen außerhalb der Friedhofsmauern summte der Abendverkehr vorbei. Um diese Uhrzeit war es in Wien nur auf einem Friedhof so still, und die Gesellschaft genoss die Ruhe auf dieser Insel des Friedens inmitten der Großstadt.

Pfarrer Fuchs schüttelte viele Hände. Die Stimmung wirkte gelöst, die Gäste waren guter Dinge. Das hob auch seine Laune. Er war stolz, am »Tag der deutschen Einheit« ein Kammerensemble aus Leipzig für seinen Konzertabend gewonnen zu haben. Es hatte Fuchs viel Charme und Überredungskunst gekostet, die Musiker an diesem Abend von attraktiven Engagements daheim weg- und hierherzu locken. Aber so ein Event brachte Publikum in seine Kirche. Anders als seine katholischen Kollegen brauchte er jeden Cent an Einnahmen und Spenden für das Budget seiner Gemeinde.

Gabriel Fuchs, du bist ein richtiger Schlawiner, schmunzelte er und drückte der Bezirksvorsteherin die Hand. Siehe da, auch die Kommunalpolitik gab sich bei so einer Gelegenheit ein Stelldichein mit der religiösen Minderheit. Verlief der Abend gut, spekulierte der Pastor, konnte seine Pfarrgemeinde ein weiteres Jahr mit Bezirksförderungen rechnen.

Die blondierte, etwas rundliche Politikerin machte ein verbindliches Gesicht und legte ihre Linke auf die Hand des Pfarrers. »Sind Ihre Frau und Ihre reizende Tochter auch hier?«

Fuchs wurde blass und räusperte sich. Er zog seine Rechte wieder zurück und sah sich suchend nach allen Richtungen um. »Ja, ja«, begann er zögerlich. »Meine Frau muss hier doch irgendwo …« Da entdeckte er neben sich in der Menge die Frisur, den Seidenschal und den Damentrenchcoat, fasste seine Ehefrau an der Hand und zog sie zu sich. »Sophie, hast du schon die Frau Bezirksvorsteherin begrüßt?«

»Guten Abend! Ich freue mich sehr, dass Sie kommen konnten«, lächelte Sophie und gab artig die Hand. Danach warf sie ihrem Mann einen strengen Seitenblick zu. »Ich habe mich gerade unterhalten!«, zischte sie ihm kaum hörbar ins Ohr, um sich mit strahlendem Lächeln der Politik zu widmen.

Gabriel wich ihr aus und hüstelte.

»Das ist aber schön, Sie heute Abend auch zu treffen, Frau Pfarrer«, flötete die mächtigste Frau im Bezirk und berührte Sophies Unterarm. »Ich habe mich soeben bei Ihrem Mann nach Ihnen und Ihrem reizenden Fräulein Tochter erkundigt.« Sie änderte die Tonlage und machte ein mitfühlendes Gesicht. »Wie geht es Elisabeth?«

»Wenn Sie beide mich bitte entschuldigen! Ich muss mich noch um die Musiker und um meine kurze Ansprache kümmern«, sagte Pfarrer Fuchs und verschwand in Richtung Kirche.

Alles klar! Da geht er hin, dachte Sophie. Sie blickte Gabriel hinterher und seufzte leise. Sie wusste, über ihre gemeinsame Tochter zu reden ging ihm sehr nahe. Zu der Politikerin meinte sie: »Danke der Nachfrage. Lilly geht es gut.«

»Den Umständen entsprechend?« Die Augen der Bezirksvorsteherin waren neugierig auf Sophie Fuchs gerichtet.

»Es geht ihr gut«, antwortete Sophie.

»Wird sie dann auch dem Konzert lauschen?« Die Politikerin legte den Kopf etwas zur Seite und versuchte, in Sophies Gesicht zu lesen.

»Nein.« Sophie schüttelte den Kopf und lächelte. »Für so ein junges Mädchen ist Kammermusik noch nicht wirklich interessant. Ich denke, heute ist es für Lilly das Beste, zu Hause zu bleiben. Das lange Stillsitzen, die vielen fremden Leute, das ist sehr anstrengend für sie.« Sophie biss sich auf die Unterlippe. Das waren jetzt der Worte zu viel gewesen.

»Ich verstehe.« Die Frau bemühte sich um eine neutrale Stimmlage, wirkte jedoch ein wenig enttäuscht.

Nein, tust du nicht, du Schnepfe! Mein Kind ist kein dressierter Affe in einer Schaubude, ging es Sophie durch den Kopf, als sie diesen bestimmten Ausdruck in den Augen ihres Gegenübers bemerkte. Über ihre Lippen kam jedoch: »Aber ich freue mich schon sehr auf die Musik. Sie auch?« Und ohne auf ihre Antwort zu warten, hakte Sophie sich bei der Politikerin unter und führte sie langsam zum Eingang. »Das wird sicher ein ganz unvergesslicher Abend«, plauderte sie weiter. »Haben Sie schon gehört, die beiden Violinistinnen spielen sogar im Gewandhausorchester. Besser, wir gehen rasch auf unsere Plätze, bevor sie uns noch jemand wegschnappt.«

Gabriel Fuchs wollte gerade die Türklinke hinunterdrücken, als sein Blick wie jedes Mal an dem Mosaik über dem Kircheneingang hängen blieb.

Auf dem Portal breitete Jesus goldhinterlegt seine Arme aus. »Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid«, stand auf dem Schriftband um seinen Kopf.

Ich bin doch schon längst da, wiederholte Fuchs im Geiste seinen ständigen Vorwurf. Er schloss die Augen, sah seine Tochter als Baby vor sich und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Immer dieselben Fragen, niemals eine Antwort.

Was Lilly wohl jetzt gerade machte? Fuchs drehte sich zum Pfarrhaus um. Aus den beiden Rundbogenfenstern seines Büros schimmerte hellblaues Licht. Das Mädchen war wohl schon wieder an seinem Computer.

Wie oft hatte er ihr erklärt, dass sie das nicht mehr tun durfte? Seine Worte drangen einfach nicht zu ihr durch. Gabriel ballte die Faust und hätte am liebsten gegen das Holz geschlagen. Aber das Raunen und Kichern seiner Gäste klang in seinen Ohren, und Fuchs hatte in seinen Jahren als Pfarrer gelernt, dass in seiner öffentlichen Rolle jede seiner Äußerungen sofort auf die Goldwaage gelegt wurde. Alle Augen waren ständig auf ihn und seine Familie gerichtet, und nicht alle waren wohlwollend.

Der Pfarrer ließ die Hand in seiner Hosentasche verschwinden, lächelte in die Runde und atmete tief durch. Er richtete sich auf und beobachtete seine Frau, wie sie Arm in Arm mit der Bezirksvorsteherin auf ihn zukam.

Sophie scherzte und lachte. Sie wirkte völlig sorgenfrei, warf ihre schulterlangen, kastanienbraunen Haare in den Nacken, und zeigte auf die schönste aller Arten die Zähne.

Sie ist so viel verlässlicher als ich, überlegte Gabriel, und ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Dann schlüpfte er ins Kircheninnere und sah auf seine Armbanduhr. Das Konzert begann in wenigen Minuten.

Eineinhalb Stunden später hallte der Applaus aus der Kuppel wider, als der abschließende Akkord des letzten Stückes verklungen war. Das Konzert war der erhoffte Erfolg geworden.

Im Anschluss bat ein mit sich und der Welt zufriedener Pfarrer Fuchs zu einem kleinen Empfang mit Wein und Brot in den Gemeindesaal des alten Pfarrhauses. Und als endlich alle Gäste gegangen waren, ließ er sich auf einen der verwaisten Stühle fallen, streckte die Beine aus und zog sich die Krawatte vom Hals. Der grüne Veltliner verbreitete fröhliche Nebelschwaden in seinem Kopf, und er beobachtete Sophie, wie sie nur auf Strümpfen zwischen den Tischen hin und her wieselte und leere Gläser in die Küche trug, um sie in den Geschirrspüler zu stellen.

»Was grinst du so blöd?«, feixte Sophie und stemmte ihre Fäuste in die Seiten.

»Ich darf doch wohl noch lüstern meine Ehefrau anschauen«, lachte Gabriel, stand auf und legte ihr die Hände auf die Hüften. »Schläft unsere Lilly schon?«, flüsterte er ihr ins Ohr.

»Vergiss es, mein Lieber«, kicherte Sophie und schob ihn weg. »Lilly habe ich zwar schon ins Bett gebracht, aber du gehst jetzt nachsehen, ob auch wirklich alle weg sind, und sperrst dann ab. Marsch! Ich bin müde und will ins Bett.«

»Zu Befehl!«, murrte Gabriel und trollte sich.

Die Nacht war sternenklar und kalt. Der kleine Platz zwischen den beiden Backsteinhäusern vor der Kirche war menschenleer. Auf der Triesterstraße fuhren nur noch sporadisch Autos in Richtung Südautobahn oder Zentrum vorbei. Und die kalte Nachtluft vertrieb die Dunstschwaden aus Gabriels Kopf. Er begann, eine Runde zu drehen und nach dem Rechten zu sehen. Die beiden Tore im Gusseisenzaun und die Kirche waren versperrt. Niemand war mehr auf dem Friedhofsgelände. Zufrieden verriegelte er zuletzt auch noch die kleine Türe auf den Matzleinsdorferplatz. Da blieb ihm fast das Herz stehen.

Vor dem zweiten Haus des historischen Gebäudeensembles, gegenüber im Blumengeschäft, fielen laut krachend einige leere Blumentöpfe um. Fuchs fuhr herum, und eine Katze huschte davon.

»Blödes Vieh!«, brummte Gabriel. »Geh mit Gott, aber geh!« Er warf einen letzten Kontrollblick durch das Gitter nach draußen. Der Parkplatz war leer. Er konnte beruhigt ins Haus gehen, kein vergessener Besucher würde ihn später herausläuten.

Im Gemeindesaal war es schon dunkel, stellte Gabriel enttäuscht fest. Sophie war schon nach oben schlafen gegangen. Missmutig sperrte er die Eingangstür ab und zog das Scherengitter zu. Dann stapfte er langsam die schmale Treppe nach oben. Nur noch ins Bett, dachte er.

Aber als sich der Weg teilte, links zu seiner Familie, rechts in sein Büro, überlegte er es sich anders. Gabriel machte vorsichtig die Doppeltüre zur Wohnung zu und betrat sein Arbeitszimmer. Er knackte mit den Fingern und setzte sich an seinen Schreibtisch. Der Computer fuhr hoch, und der Pfarrer öffnete den Browser. Er klickte auf den Menüpunkt »Chronik« und gab kurzentschlossen den Befehl »Vorherige Sitzung wiederherstellen«.

Das hatte er nicht erwartet. Er fasste sich ans Kinn und lehnte sich in seinem Sessel zurück. Ein Tab nach dem anderem wurde geöffnet, und auf dem Bildschirm rasten Zahlenkolonnen, Fotos und Zeichnungen mit unglaublichem Tempo an ihm vorbei. »Dieses kleine Luder«, murmelte Fuchs anerkennend.

Gabriel goss sich einen doppelten Obstler aus seinem Versteck hinter der Bücherwand ein und stürzte ihn hinunter. Er schenkte sich nach und schob die Schwarten zur dogmatischen Theologie wieder an ihren Platz. Zur Pneumatologie würde sich Sophie nie verirren, schmunzelte er. Mit zusammengekniffenen Augen schielte er zum PC hinüber. Lilly allerdings … Er knipste die Schreibtischlampe aus, trat ans Fenster und seufzte.

»Da ist doch klar und deutlich ein Parkverbot ausgeschildert«, knurrte er, stellte das Schnapsglas ab und lehnte sich nach vorne. Auf dem Parkplatz der Kirche, von den Ginsterstauden hinter dem Zaun verdeckt, stand ein dunkler Lieferwagen. Fuchs kramte in seiner Erinnerung. Aber dieser VW Caravelle Comfortline war vorhin ganz sicher noch nicht dagewesen. Der Transporter gehörte also weder den Musikern, noch jemandem, der auf dem Konzert gewesen war und anschließend einen Blick zu tief ins Glas geworfen hatte. Sein Parkplatz war verflixt noch einmal nur für Kirchen- und Friedhofsbesucher reserviert!

Fuchs holte sich Papier und Stift, um das Kennzeichen zu notieren. Aber soweit kam er gar nicht. Er erstarrte vor dem Fenster. Drei Gestalten kletterten über den Zaun.

»Jetzt reicht es mir mit euch Grabschändern!« Fuchs steckte Blatt und Kugelschreiber in die Hosentasche, holte seine Digitalkamera und zielte mit dem Teleobjektiv auf die Köpfe der Eindringlinge.

»Scheiße«, entfuhr es ihm leise, als er ihre schwarzen Helme, die Gesichtsmasken und ihre BiV-Brillen LUCIE im Sucher erkannte. Übermütige Jugendliche oder Buntmetalldiebe trugen keine Nachtsichtbrillen. SIE waren da, und ihm blieb nicht mehr viel Zeit.

Fuchs drückte ein paar Mal auf den Auslöser, zog die Speicherkarte ab und legte die Kamera mit zitternden Fingern auf das Fensterbrett. Dann setzte er sich an den Computer und begann, hektisch zu arbeiten.

Gabriel löste eine CD ab, die er mit Klebestreifen unter seine Tischplatte geklebt hatte, und legte sie in das CD-Laufwerk seines Rechners. Danach öffnete er das Startmenü und initialisierte den Neustart. Wie versprochen, fuhr die Maschine von der CD hoch. Der Bildschirmhintergrund wurde blau und in roter und weißer Schrift erschien: »Warning: This software irrecoverably destroys data.«

»Das will ich doch schwer hoffen …«, murmelte Fuchs der Arbeitsoberfläche zu und machte einen Doppelklick auf »Autonuke«.

Das Programm begann sofort, die Festplatte abzufackeln. Jede Datei, jedes Archiv, einfach alles wurde restlos von »Darik’s Boot and Nuke« gelöscht.

»Danke Gernot!« Gabriel rieb sich die Hände und lauschte. Nichts war zu hören. Aber sie kamen. Ganz sicher.

Schweißperlen erschienen auf Fuchs Stirn. Er konnte die laufenden Zahlen in den Zeilen »Runtime« und »Remaining« nicht aus den Augen lassen. Das ging viel zu langsam.

Fuchs zuckte zusammen. Da waren Schritte auf der Treppe. Kurz entschlossen drehte er den Bildschirm ab, sprang auf und schob den Sessel zurück an seinen Platz. Da ging lautlos die Tür auf.

Gabriel schnipste die Speicherkarte weg und verschränkte die Hände in seinem Rücken.

»Guten Abend, Herr Pfarrer!«, sagte eine sonore Männerstimme. »Ich sehe Sie klar und deutlich. Also, was verbergen Sie hinter ihrem Rücken?« Der Mann schnellte auf Gabriel zu, packte ihn an den Armen und begutachtete seine Handflächen. »Welch Ironie«, gluckste der Maskierte. »Sie stehen vor mir mit leeren Händen. Warum wundert mich das nicht, Fuchs?«

»Ich weiß nicht, was Sie meinen«, presste Gabriel heraus und zog seine Hände zurück.

Zwei weitere Männer betraten das Büro. Der Erste drehte sich kurz nach ihnen um und deutete mit dem Finger auf den Durchgang zur Wohnung.

Die beiden anderen nickten und zogen die Tür hinter sich zu.

»Also, Herr Pfarrer. Unterhalten wir uns ein wenig.« Der Maskierte setzte sich auf die Besuchercouch und lud Fuchs mit einer Handbewegung ein, sich zu ihm zu setzen. »Sie haben wohl gedacht, uns mit der Hilfe des Herrn bescheißen zu können?« Er lachte gedämpft. »Aber Ihr gekreuzigter Jude hat Sie im Stich gelassen. Schon wieder. Nicht wahr?«

»Und Ihr blöder, einäugiger Germane hat sich von einem Wolf fressen lassen. Das ist auch nicht viel besser«, zischte Fuchs, blieb stehen und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Daran glaube ich genauso wenig. Und bis zur Götterdämmerung und dem Ende der Welt ist es noch ein bisschen hin, hoffe ich«, kicherte der Vermummte. »Ihr Ende dagegen ist so sicher wie nahe. Das wissen Sie, nicht wahr?«

»Sie haben mich ja gewarnt. Dankenswerterweise, wie ich Ihnen zugestehen muss.« Fuchs gab sich souverän, aber es drohte ihm jeden Augenblick die Stimme zu versagen.

Der Maskierte nickte gönnerhaft seinen Dank. Dann stand er auf und ging ganz nahe zu dem Pfarrer hinüber. »Warum haben Sie dann nicht auf mich gehört, Sie Idiot? Ich habe Ihnen ganz klar und deutlich gesagt, lassen Sie die Finger von unseren Webspaces.« Er schlug Gabriel mit der flachen Hand ins Gesicht. »Und was haben Sie getan?« Er gab ihm eine weitere Ohrfeige auf die andere Wange. »Die rechte Backe hingehalten, wie es Ihr sogenannter Messias empfiehlt? Oder was sollte das sonst werden heute Abend?«

»Ich weiß nicht, wovon Sie reden«, log Fuchs und richtete sich auf.

»Jetzt auch noch den Helden spielen …«, seufzte der Maskierte. »Geben Sie sich keinen Illusionen hin, so dämlich wie Sie sich angestellt haben. Unsere Techniker haben die IP-Adresse Ihres Computers vom Server des Providers bis hierher verfolgt. Haben Sie jetzt ein Déjà-vu?«

»Was geschieht mit meiner Familie?« Die Panik breitete sich in Gabriels Körper aus.

Der Mann legte seinen Kopf in den Nacken und hob die Arme. »Meinen Sie nicht, das hätten Sie sich vorher überlegen sollen? Bevor Sie Ihre Nase in unsere Angelegenheit gesteckt haben?«

»Hören Sie, wir können doch über alles …«, begann Gabriel zaghaft.

»Reden? Nein!«, unterbrach ihn der andere forsch. »Die Zeit für Palaver ist vorbei. Jetzt werden Zeichen gesetzt, Herr Pfarrer.« Er wandte sich seinen Leuten zu. »Wie spät ist es?«

»Null Uhr, zwanzig Minuten«, kam die prompte Antwort.

»Sehr gut. Wir schreiben den 4. Oktober«, brummte der Mann mit der Maske und gab seinen Begleitern ein Zeichen.

Fuchs wurde links und rechts gepackt und zu Boden gedrückt. Verzweifelt versuchte er sich zu wehren, aber die vier Hände hatten zugegriffen wie Schraubstöcke.

Der Anführer zog seine Waffe, schraubte einen Schalldämpfer auf den Lauf und setzte die Mündung über Gabriels Herz an. »Das wird jetzt ein wenig weh tun«, säuselte er und hielt dem Pfarrer den Mund zu. Dann drückte er ab.

Fuchs bäumte sich erst auf, dann sackte er zusammen. Er wollte schreien, aber konnte kaum atmen. Die kräftigen Finger in den Handschuhen hielten seinen Mund fest umklammert. Ungeahnter Schmerz raste durch seinen Körper. Hysterisch starrte er an sich hinunter, und dunkelrotes Blut quoll in heftigen Stößen aus der Wunde in seiner Brust. Im nächsten Augenblick war sein Mund wieder frei, und er japste nach Luft. Er presste sich beide Hände auf den Einschuss und stöhnte. Krämpfe schüttelten seinen Körper.

»Das haben Sie jetzt davon«, murmelte der Killer und packte seine Waffe wieder ein. »Hier mein Angebot: Weil Ihre Familie an den Verbrechen des Vaters unschuldig ist, liegt es bei Ihnen. Schreien Sie um Hilfe, dann sind Ihre Frau und das Kind tot. Bleiben Sie hier brav sitzen, geschieht den beiden nichts.«

Fuchs biss die Zähne zusammen und ächzte seine Zustimmung. Dann sah er zu, wie die drei Männer das Büro durchsuchten. Seine Mundwinkel gingen nach oben. Sophie und Lilly waren in Sicherheit. Die Schweine würden nichts finden, und er würde ganz still dasitzen, bis es aus war. Und wer weiß, überlegte er, vielleicht lag im Tod ja wirklich die einzige Antwort auf all seine Fragen.