Beschreibung

Ein Action-Thriller um eine geheime Organisation im internationalen Umfeld: spannend, actionreich und humorvoll. Unter der Leitung des charismatischen Nahkampfspezialisten Alexander Crane widmet sich das geheime Einsatzteam OMBUS (Organisation zur mobilen Bekämpfung unkonventioneller Situationen) dem Kampf gegen das internationale Verbrechen. In Brasilien, Nordkorea, Ukraine und Indien ist das ungewöhnliche Agententeam unterwegs. Temporeiche Action, exotische Handlungsorte und haarsträubende Verbrecher machen ihnen das Leben schwer ... Bei »Mad Rush« handelt sich um eine überarbeitete Ausgabe des bereits unter dem Titel »Crane« publizierten Werkes. »Mad Rush« von Carsten Steenbergen ist ein eBook von Topkrimi – exciting eBooks. Das Zuhause für spannende, aufregende, nervenzerreißende Krimis und Thriller. Mehr eBooks findest du auf Facebook. Werde Teil unserer Community und entdecke jede Woche neue Fälle, Crime und Nervenkitzel zum Top-Preis!

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 674


Carsten Steenbergen

Mad Rush

Thriller

Knaur e-books

Über dieses Buch

Ein Action-Thriller um eine geheime Organisation im internationalen Umfeld.

Inhaltsübersicht

Kapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6
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Kapitel 1

MASKERADE

Die Straßen von Antananarivo, der Stadt der Tausend, waren bereits am frühen Vormittag verstopft. Abgasgeruch lag in der Luft, leichter Südostwind trieb ihn vorwärts. Es würde knifflig werden, das Zielobjekt rechtzeitig ins Blickfeld zu bekommen. Alexander Crane, die Augen hinter einer Sonnenbrille verborgen, beobachtete das Eingangsportal der Bank Privé, einer exklusiven, international erfolgreichen Privatbank. Dass der abgerissene Talote ausgerechnet dieses Unternehmen mit der Aufbewahrung seines brisanten Erbes betraut hatte, war im höchsten Maße erstaunlich.

Und clever. Zum einen war das Bankhaus ungemein auffällig. Luxuriös bereits die opulente Fassade, dazu beliebt bei der Prominenz, den Reichen der Stadt. Darüber hinaus befand sich direkt gegenüber ein knallbunter Telma-Shop, ein Mobilfunk-Anbieter. Hoher Besucherandrang garantiert, selbst in den frühen Morgenstunden. Die Straße war viel zu unruhig und damit das absolute Gegenteil von dem, was Crane ausgewählt hätte. Zum anderen jedoch war die Bank Privé mit dem besten Sicherheitssystem ausgerüstet, das man aktuell auf dem Markt erstehen konnte. Natürlich ahnte nicht einmal der Vorstand der Bank, dass Crane und das OMBUS-Team über sämtliche Baupläne verfügten: von den einzelnen Alarmvorrichtungen bis hin zum kleinsten Belüftungsrohr. Es hatte seine Vorteile, für eine Organisation ganz oben zu arbeiten. Selbst wenn dieser so gut wie nichts über die Existenz von Cranes Team bekannt war.

»Ist sie endlich losgefahren, Padrillo?« Crane sprach über ein Kopfhörermikrofon in sein Smartphone. Es war Teil seiner Tarnung als Geschäftsmann, der seine Mittagspause genoss. Zugleich gewährte es ihm den Blick in das Bankinnere. Angezapfte Datenleitungen spielten ihm die Bilder der Überwachungskameras direkt auf sein Display. Das linke Glas seiner Sonnenbrille versorgte ihn mit zusätzlichen Informationen über die anwesenden Personen. Sogar Daten zur Raumtemperatur lieferte es. Die Funkverbindung in seinem Ohr knisterte leise, während er auf die Meldung von Hugo Ojeda wartete, dem Strategieexperten von OMBUS. Der Mann hatte seine Position auf dem Dach des französischen Konsulats bezogen. Auf halber Strecke zwischen Hotel und Bankhaus.

»Sie hat das Hotel soeben verlassen, Alexander, und ist in ein Taxi gestiegen. Sie wird in weniger als fünf Minuten bei dir eintreffen.«

»Irgendwelche Aufpasser?«

»Weit und breit alles ruhig. Zu ruhig, falls du mich fragst. Da ist etwas im Busch. Du solltest die Augen offen halten.«

»Das ist dein Job, Padrillo. Gib Laut, wenn du etwas Ungewöhnliches bemerkst.«

»Wie immer, Alexander. Hugo, Ende.«

Padrillo – Zuchthengst – war Hugos Spitzname aus ihrer gemeinsamen Söldnerzeit. Das Überbleibsel einer besonders kniffeligen Operation, das an dem Venezolaner hängengeblieben war. Crane richtete seine Aufmerksamkeit erneut auf das Bankhaus und das Gelände davor: eine mittelgroße Kreuzung im Herzen der Hauptstadt von Madagaskar. So wie sich auf dem Asphalt die Autos Stoßstange an Stoßstange aneinanderreihten, so überlaufen war der Gehsteig. Ein Motorrad war direkt neben dem Bankgebäude auf dem Bürgersteig geparkt. An einem Montagvormittag eilte jeder seinen eigenen Geschäften nach, hektisch und ruhelos in der grauen Luft des Smogs. Auf der anderen Seite der Kreuzung begann die Avenue de l‘Indépendance, die breite Einkaufsmeile der Innenstadt. Ein ganz normaler Tag für das Viertel.

Antananarivo, auch Tana genannt, war eine schmutzige Stadt. Auf der Liste der übelsten bewohnten Orte der Welt auf Platz drei. Eine zweifelhafte Ehre, fand Crane. Zum Glück blieben sie nur kurz hier. Sobald das Zielobjekt die Bank verlassen und Crane den geforderten Gegenstand in seinen Besitz gebracht hatte, ging es zurück nach Belgien in die Zentrale. Ein einfacher Job, der mehr logistischen Aufwand als Nervenkitzel mit sich brachte. Aber auch solche Fälle musste es ja geben.

Crane wartete an einem der Außentische eines Cafés auf das Eintreffen von Sophie Arlequin, der Adoptivtochter Gerard Talotes. Die junge Frau war unerwartet auf den Bildschirmen der Geheimdienste aufgetaucht, als die Erbschaft mit dem Tod Talotes akut wurde. Der Franzose war laut Akte ein freiberuflicher Informationshändler gewesen. Einer, der es zeitlebens verstanden hatte, an heiße Daten zu gelangen und sie an den Zahlungskräftigsten zu veräußern. Ein Spieler im unteren Mittelfeld. Bis kurz vor seinem Tod.

Da war ihm angeblich ein gewichtiger Coup gelungen. So groß, dass er seine umtriebige Suche nach einem geeigneten Geschäftspartner mit dem Leben bezahlte. Was genau er in die Finger bekommen hatte, wusste niemand so recht. Aber man vermutete es in dem Schließfach, dessen Inhalt Sophie Arlequin geerbt hatte. Nicht einmal die Nachrichtendienste der Vereinten Nationen hatten Genaueres darüber herausgefunden. Zumindest stand davon nichts in dem Dossier, das man Crane und dem OMBUS-Team zusammen mit dem Auftrag übergeben hatte.

Aus diesem Grund war Crane jetzt hier. Um das alles herauszufinden, was nicht in den Unterlagen festgehalten war. Crane sah auf das Display seines Smartphones. In der Bank ging es beschaulich zu. Keine ungewöhnlichen Bewegungen.

»Sie ist da, Alexander.«

»Ich sehe sie, Padrillo. Das Taxi fährt soeben vor.«

Ein in die Jahre gekommenes, buttergelbes Taxi der Diego-Suarez-Gesellschaft hielt vor dem Bankhaus. Eine apart gekleidete Frau stieg aus: walnussbraunes Haar, sportliche Figur, Mitte zwanzig. Ringe blitzten an den Fingern, auffällige Ohrringe glitzerten in der Morgensonne. Insgesamt ein guter Stil. Sophie Arlequin. Sie sah aus wie auf den Fotos, die Crane gesehen hatte.

»Sie geht hinein. Sobald sie in der Haupthalle ist, folge ich ihr.«

»Verstanden.«

Crane trank seinen Mokka mit einem Hauch von Kardamom aus, legte einen Schein unter die Tasse und stand auf. Er ließ sich Zeit beim Überqueren der Kreuzung und wollte die Eingangshalle des Bankgebäudes erst betreten, wenn Sophie Arlequin auf dem Weg zu den Schließfächern war. Sie sollte ihn so spät wie möglich persönlich zu Gesicht bekommen, falls der Überraschungseffekt notwendig sein sollte. Ausnahmsweise wäre Crane dieses Mal ein unbemerktes Rein-und-Raus lieber. Ein wenig Taschenspielerei, und der Job wäre erledigt. Sofern er herausbekam, was Sophie Arlequin dem Nachlass ihres Adoptivvaters entnahm.

Crane verfolgte auf dem kleinen Bildschirm, wie sie mit einer Bankangestellten hinter einer Tür verschwand, dann trat er ebenfalls ein. Die Erschütterung, die gleichzeitig mit dem Schließen der Tür durch den gesamten Block rollte, ließ ihn anhalten. Sofort versuchte er, etwas durch das Sicherheitsglas der Eingangstür zu erkennen.

»Was war das? Eine Bombe?«, flüsterte er in sein Mikrofon am Hemdkragen.

»Negativ, Alexander. Auf der Kreuzung ist die Ladung eines Lieferwagens hochgegangen. Mehr eine Verpuffung. Kein Feuer, keine Verletzten. Mehl, so wie es aussieht. Dazu jede Menge Aufruhr. Ein Ablenkungsmanöver? Die Straße ist erst einmal dicht. Das ist … ja, Mehl. Eine gewaltige Wolke. Sie treibt langsam in deine Richtung.«

»Das ist nicht gut. Sieh zu, dass du den Überblick behältst.«

»Wird gemacht, Alexander.«

Erneut schaute Crane auf sein Smartphone, konnte aber anstatt eines Übertragungsbildes von den Schließfächern nur noch grauen Schnee erkennen. Die Verbindung zu den Kameras war weg. Sicher kein Zufall.

»Lin, die Übertragung ist gestört. Ich kann den Zielraum nicht mehr sehen. Und den Rest auch nicht. Was ist da los?«

Der Kontakt zur mobilen Zentrale von OMBUS, einem umgebauten Transporter, der zwei Straßen weiter unauffällig zwischen anderen Autos parkte, rauschte in Cranes Ohren. Störungen zerrissen Lins Worte.

»…mand stört Sig… ich arbeite … Gib mir eine Min…«

»Wir haben keine Minute. Ich muss jetzt wissen, was dort drinnen vor sich geht. Schalt mich da wieder rein. Sofort!« Crane war sich nicht sicher, ob seine Anweisung verstanden worden war. Blind zu sein war eine Katastrophe für die Aktion. Er hasste es, den Überblick zu verlieren; andererseits sprang seine Auffassungsgabe umgehend in den Turbomodus. Nicht die übelste Begabung in Stresssituationen. Außerdem konnte er sich auf sein Team verlassen. Chen Lin war die Beste in ihrem Job, so wie alle Teammitglieder von OMBUS absolute Experten auf ihrem Gebiet waren. Wenn Lin es nicht schaffte, die Bilder vom Schließfachraum zurück auf seinen Bildschirm zu bringen, bewerkstelligte es niemand.

»Alexander, die Mehlwolke … Bereich vor der Bank erreicht. Noch … Augenblicke und es sieht … mehr seine Hand vor Augen.«

»Ich habe es gehört, Padrillo. Alex, Ende«.

Er wartete weitere zehn Sekunden, dann traf er eine Entscheidung. Jemand zog hier eine Show ab, und das stank Crane gewaltig. Er eilte mit großen Schritten in Richtung des Sicherheitsbereichs der Bank, dorthin, wo der Safe und die Schließfächer untergebracht waren. Er durfte keine Zeit verlieren. Ein Wachmann trat ihm in den Weg.

»Monsieur, Sie dürfen ohne Begleitung eines Bankangestellten nicht in diesen Teil des Gebäudes. Ich muss Sie bitten, umgehend zurückzugehen.«

»Das ist ein Notfall. Aus dem Weg.«

»Monsieur, wenn Sie nicht freiwillig umdrehen, bin ich angehalten, Gewalt anzuwenden.«

»Das wollen wir beide sehr gerne vermeiden, da bin ich mir sicher.« Crane nickte und hob die Hände. »Bitte entschuldigen Sie mein rüpelhaftes Verhalten. Mir fehlt die Zeit für eine umfassende Erklärung.«

»Welches rüpelhafte Ver…«

Crane packte den Wachmann am ausgestreckten Arm, drehte sich blitzschnell und warf ihn beherzt über seine Schulter. Ohne weiter auf den Flug bis zu seinem jähen Ende an der Wand zu achten, folgte er umgehend dem Flur, den er zuvor betreten hatte. Den Aufprall und den Schmerzenslaut registrierte er nur noch beiläufig. Der Mann würde die nächsten Wochen die Folgen einiger Prellungen ertragen müssen, dennoch wäre es Crane lieber gewesen, wenn er auf dieses Intermezzo hätte verzichten können.

Vor dem Raum mit den Schließfächern traf er auf die Bankangestellte, die Sophie Arlequin begleitet hatte. Etwas korpulent, aber mit den Rundungen an den richtigen Stellen. Sie verschloss soeben den Zugang und sah Crane erstaunt und ein wenig alarmiert an.

»Monsieur, hat Sie der Wachmann nicht darauf hingewiesen, dass sich hier ohne Begleitung niemand aufhalten darf?«

»Doch hat er, Madame. Er hat sich jedoch meiner Auffassung von einem Notfall recht schnell angeschlossen.« Crane lächelte jovial. »Ich bin von der Polizei.« Er hielt ihr hastig einen gefälschten Dienstausweis vor die Nase, der just für diese Art von Fällen angefertigt worden war. »Ich brauche Ihre Unterstützung. Wo ist Mademoiselle Arlequin? Ich muss sie umgehend sprechen. Schnell.«

»Ein Notfall? Welcher Art?«

»Der lebensbedrohlichen Art. Also, wo ist sie?«

»Mademoiselle hat die Bank durch den Seitenausgang verlassen. Ich selbst ließ sie hinaus. Sie hatte es sehr eilig.«

»Das habe ich auch. Vielen Dank für Ihre Kooperation. Und grüßen Sie mir den Wachmann. Das war gute Arbeit.« Crane rief im Kopf den Plan des Gebäudes auf. Der Ausgang lag auf der linken Seite, abseits der Straße, die von der Mehlwolke verschluckt wurde.

Die Bankangestellte rief ihm hinterher. »Monsieur, es wäre gut, wenn Sie mich zurückbegleiten. Es ist erforderlich, dass der Vorfall gemeldet wird. Bitte, es …«

Im gleichen Moment heulten die Sirenen auf. Der Wachmann war anscheinend wieder auf die Beine gekommen. Es wurde allmählich eng. Die automatische Türverriegelung startete zeitgleich mit dem Auslösen des Alarms.

»Lin, hörst du mich? Unterbrich die Verriegelung!«

»Ist bereits erledigt, Boss. Und wie du hören kannst, bin ich ansonsten zurück auf Sendung, und die Verbindung klappt wieder einwandfrei. Da hat jemand einen Störsender ins Spiel gebracht, aber ich konnte ihn mit ein wenig Fingerspitzengefühl ausschalten.«

»Das sind gute Neuigkeiten. Dan, südwestliche Seite des Gebäudes. Jetzt!«

Crane warf sich gegen die Tür aus Panzerglas. Sie gab wie erwartet nach, und er spurtete, ohne innezuhalten, durch den Ausgang. Ein tiefschwarzer Offroader hielt mit quietschenden Reifen im unbelebten Hinterhof. Die Türen gingen auf und entließen zwei Männer, die Gesichter unter Stoffmasken verborgen. Sie rannten auf die erschrockene Sophie Arlequin zu, die offensichtlich auf ihr Taxi gewartet hatte, und zerrten sie in den Wagen. Ein Dritter eröffnete das Feuer auf den unerwartet aufgetauchten Gegner. Crane sprang in Deckung. Bevor er seine eigene Waffe ziehen konnte, gab der Offroader Gas und preschte davon – mit seiner Zielperson und dem Geheimnis aus dem Schließfach.

»Dan, ich brauche dich hier. An der Durchgangsgasse, sie ist nicht offiziell als Straße verzeichnet. An alle: Mademoiselle Arlequin wurde soeben entführt. Lin, schwarzer Offroader, neuestes Baujahr. Versuch, ihn zu lokalisieren.«

Ihrer Planung entsprechend, wartete Dan Rivers, ein Ex-Navy-Seal, in Sichtweite des Bankhauses, falls der Verlauf der Ereignisse ein Fahrzeug erforderlich machte. Er saß in Cranes Lieblingseinsatzwagen, einem Alpha Romeo Spider, ausgestattet mit allerlei technischen Raffinessen, die es so nicht auf dem Markt zu kaufen gab.

»Boss, ich stecke fest. Stau wegen des Lieferwagens.«

»Und wann genau hattest du vor, mir das zu sagen?«

»Na jetzt. Ich probiere seit der Verpuffung, mich freizueisen. Du glaubst nicht, was hier auf der Straße los ist.«

»Geschenkt. Folge mit den anderen meiner Ortung, sobald du raus bist.«

»Wird gemacht.«

Crane brauchte auf der Stelle ein Fahrzeug. PS-stark und wendig. Er erinnerte sich an das Motorrad an der Ecke des Bankhauses, rannte los und tauchte in die Staubwolke ein, die allmählich in die Seitenstraße sickerte. Er hatte Glück. Keine fünfzehn Sekunden später stand er vor dem verdutzten Besitzer, der soeben davonfahren wollte. Crane zückte erneut den Dienstausweis.

»Polizeilicher Notfall. Ich beschlagnahme Ihr Bike. Sie können es sich anschließend bei einer der Dienststellen wieder abholen.«

»Aber Monsieur, wie soll ich denn nach Hause kommen?«

»Nehmen Sie sich ein Taxi. Oder ein Posy Posy. Auf Staatskosten. Das geht schon in Ordnung.« Crane klopfte dem Mann kameradschaftlich auf die Schulter. »Quittung nicht vergessen.«

Er setzte sich ohne weitere Erklärung auf das Motorrad, drehte den Zündschlüssel und fuhr los. Die Beschwerden des Besitzers ignorierte Crane. Die ungewohnte Maschine bockte die ersten Meter, bis er ihre Handhabung verstand. Dann gab Crane Vollgas. Er schoss am Bankhaus vorbei und aus der Staubwolke heraus wie ein Jagdhund, der eine Fährte aufgenommen hat.

Der Offroader hatte einigen Vorsprung. Es würde eine Herausforderung werden, ihn einzuholen. Vom Hinterhof waren die Entführer nach Südwesten abgebogen: in Richtung des Jardin Antaninarenina, heraus aus dem Stadtzentrum mit seinen vielen Straßen. Letztendlich blieben nur zwei Möglichkeiten. Entweder versuchten sie, im Durcheinander des Verkehrs unterzutauchen, um Sophie Arlequin in Ruhe um ihr Erbe zu erleichtern, oder sie sahen zu, dass sie Antananarivo hinter sich ließen und sich im Hinterland verdrückten.

»Lin, gib mir den Stadtplan.«

»Wird sofort erledigt«, antwortete die Chinesin. »So, du solltest jetzt die Straßen von Tana vor Augen haben.«

Ein 3-D-Bild der Stadt und ihrer Verkehrswege erschien auf Cranes Brillengläsern. Ein blinkender Punkt markierte seine Position, der andere fehlte.

»Hast du den Offroader orten können?«

»Ich bin dran. Es gibt südlich des Stadtzentrums nicht so viele Kameras, wie ich benötige. Vor dem Bankhaus standen mehr zur Verfügung.«

»Wenn es immer einfach wäre, bräuchten wir dich nicht im Team. Also häng dich rein.«

Lin kicherte spöttisch. Sie liebte Herausforderungen dieser Art. »Östliche Richtung. Der Offroader erreicht gerade den Park. Ich lege es dir auf den Schirm.«

»Verstanden. Sobald er abbiegt, muss ich das wissen.«

»Ich gebe es dir in der gleichen Sekunde. Ach, noch etwas, Boss.«

»Was denn?«

»Vrouw Drukker ist in der Leitung. Sie möchte dich umgehend sprechen.«

»Ausgerechnet jetzt?«

»Ja. Sie sagte, sie will auf keinen Fall abgewimmelt werden. Viel Spaß.«

»Okay.« Crane seufzte leise. »Schalt sie rein.«

***

Ungefähr zehntausend Kilometer Luftlinie entfernt saß Juliana Drukker, eine niederländische Blondine Mitte vierzig, im Herzen von Brüssel an ihrem Schreibtisch. Ihre Hände hatte sie nervös vor sich auf die Holzplatte gelegt, gleich neben einen Becher Kaffee. An seiner Seite prangte das Logo des Pflanzenhandels, das zugleich das Wappen von OMBUS war: der Ombu, ein südamerikanischer Baum. Sein Saft war giftig und machte ihn immun gegen Heuschrecken und andere Plagen. Ein passendes Bild für ihre geheime Gruppe, fand Juliana.

OMBUS stand für Organization for the Maneuverable Battle against Unconventional Situations. Juliana Drukker und ihre Teammitglieder kamen zum Einsatz, sobald kriminelles Agieren sowohl nationale als auch staatenübergreifende Auswirkungen befürchten ließ und man keine amtlichen Organe mit deren Lösung betrauen konnte. Offiziell gab es OMBUS gar nicht. Nur wenige ausgesuchte Leute in den oberen Kreisen der Vereinten Nationen hatten überhaupt Kenntnis von ihnen. Ihre Aufträge erhielt OMBUS von einer einzigen Kontaktperson.

Jedes Mal, wenn einer der seltenen direkten Kontakte bevorstand, überkam Juliana eine innere Unruhe, denn in solch einem Fall telefonierte sie mit dem Vertreter eines der mächtigsten Organe der Welt: dem UN-Sicherheitsrat. Der Kopfhörer ihrer Telefonanlage spielte keine Warteschleifenmusik. Ein unstetes, beinahe lautloses Knacken hielt sie in der Leitung. Juliana wusste, dass am anderen Ende die Verbindung aufgebaut wurde, an unzähligen Verschlüsselungsparametern vorbei, mit abhörsicheren Apparaten und auf geheimen, technischen Umwegen. Die Kontaktperson des UN-Sicherheitsrats war ein vorsichtiger Mann.

Nicht mal Juliana kannte die Identität ihres Auftraggebers, der sich selbst Mr. Tower nannte. Ein Tarnname, aber sie vermutete trotzdem, dass er Engländer war. Sein Akzent war unverwechselbar, obwohl sie das intensive Sprachtraining aus seinen Worten heraushörte. Die Akten zu ihren Aufgaben wurden stets anonym und über mehrere Zustellfirmen übermittelt, sodass niemand problemlos nachverfolgen konnte, woher sie ursprünglich stammten. Abgeliefert wurden sie im vorderen Bereich des Gebäudes – der offiziellen Tarnung der OMBUS-Zentrale: ein schlichter Pflanzenlieferant der Haupt- und Residenzstadt des Königreichs Belgien mit dem simplen Namen Planten Levering. Dank der Lage in einer Seitengasse fiel es nicht auf, dass das Geschäft so gut wie nie Pflanzen auslieferte oder Lagerware erhielt. Es knackte ein letztes Mal in der Leitung. Dann ertönte eine männliche Stimme. »Vrouw Drukker, wie ist der Status der Operation?«

Juliana räusperte sich. »Soweit ich informiert bin, Mr. Tower, sind unsere Leute in Position.« Sie sah auf dem Monitor vor sich die Satellitenkarte von Madagaskar, dazu diverse Liveticker der Nachrichten aus allen wichtigen Ländern. Wenn etwas in der Welt vor sich ging, das bemerkenswert war, dann bekam sie es mit. Ihre Fähigkeiten als Sprachengenie halfen ihr dabei ungemein. Juliana wusste, wo sich ihre Teamkollegen aktuell aufhielten und welche Schritte sie zeitgleich zu ihrem Telefonat unternahmen. Gleichwohl war ihr hier in Brüssel ein Eingreifen nicht möglich. Die Operation lag allein in der Hand des verantwortlichen Agenten vor Ort: Alexander Crane. Ein Draufgänger und Schwerenöter der allerübelsten Sorte. Doch ebenso zuverlässig, wie er jedes Risiko in Kauf nahm und sich auf jedes Abenteuer einließ, brachte er die ihm gestellten Aufgaben zu einem befriedigenden Ergebnis. Meistens jedenfalls.

»Ich rechne mit einer baldigen Berichterstattung aus Antananarivo. Sobald das Erbe Talotes in den Händen von OMBUS liegt, gebe ich Ihnen sofort Bescheid. Die Übergabe erfolgt zeitnah im Anschluss.«

Die Leitung blieb mehrere Herzschläge lang still. Juliana konnte nicht einmal das Atmen ihres Gesprächspartners ausmachen. Fast glaubte sie schon, der andere sei nicht mehr da, als es erneut in ihrem Kopfhörer knackte.

»Der Sicherheitsrat ist äußerst nervös. Der Datenträger, der im Schließfach der Erbin vermutet wird, enthält prekäre Informationen, die das Gefüge der UN empfindlich ins Wanken bringen können. Ein Fehlschlag ist nicht tolerierbar.«

»Natürlich nicht. Crane wird alles in seiner Macht Stehende unternehmen …«

»Crane.« Der Mann in der Leitung gab einen abfälligen Laut von sich. »Seine Erfolge in allen Ehren, aber Sydney war eine Katastrophe. OMBUS soll in jeder Angelegenheit unsichtbar bleiben. Nur den guten Beziehungen des Sicherheitsrates und langwieriger Gespräche ist es zu verdanken, dass wir keine dauerhaften politischen Klüfte überbrücken müssen – nachdem er die halbe Stadt in Schutt und Asche gelegt hat. Sorgen Sie dafür, dass so etwas niemals wieder vorkommt.«

»Jawohl, Mr. Tower.«

»Ich erwarte Ihren Bericht. So schnell wie möglich.«

Ein weiteres Mal knackte es im Hörer, dann war die Leitung unterbrochen. Juliana stieß geräuschvoll den Atem aus. Sie fühlte die Verantwortung, die auf ihren Schultern lag, in dieser Minute um einiges drückender, als es sonst der Fall war. Wie sollte sie einen Mann, der Tausende Kilometer entfernt einen gefährlichen Job erledigte, an die Kandare nehmen? Und dann noch einen Mann wie Alexander Crane, dessen einziges Begehren neben der Mission das Abenteuer zu sein schien – geboren aus Unverantwortlichkeit und kindischem Übermut. Doch trotz ihrer berechtigten Vorbehalte musste sich Juliana eingestehen, dass Crane ein Hauptgewinn für diesen Job war. Zweifellos.

Solange alles einigermaßen glattging, hatte OMBUS absolute Rückendeckung seitens der UN. Im Geheimen. Sollte es einmal anders laufen, stand OMBUS allein da. Keine UN, keine Spezialeinheit, nicht mal der fähigste Rechtsanwalt würde sie dann raushauen. Die Rechtsprechung mancher Länder, in denen sie operierten, war mitunter indiskutabel – nach westlichem Standard. Ein Berufsrisiko, mit dem Crane und die übrigen Teammitglieder leben mussten. Und das ausgesprochen großzügig vergütet wurde.

Niemand außerhalb des Sicherheitsrats wusste von der Organisation, und innerhalb des Rats hatten nur die fünf ständigen Mitglieder Kenntnis von dem, was die verantwortlichen Agenten taten. Für den UN-Sicherheitsrat waren sie eine Ansammlung von Experten, die Verbrechen bekämpfte, bevor sie zu einem Problem für die Mitgliedstaaten wurden. Für die Welt blieben die Mitglieder von OMBUS Geister. Geister, die sich zur Erfüllung ihrer Aufgaben nicht zwangsläufig an Gesetze halten mussten, sofern es dem Zweck der Mission diente.

Manchmal fragte sich Juliana, warum sie diesen Job überhaupt machte, wie sie den Druck und die Verantwortung ertrug, ob sie wirklich für diesen Schreibtisch geschaffen war. In diesen Momenten warf sie einen Blick auf eine beliebige Schlagzeile der Tagespresse, und sofort wusste sie es wieder. Sie setzte sich auf und rieb sich mit den flachen Händen über ihr Gesicht. Ein Schluck aus dem Kaffeebecher brachte ihre Konzentration zurück. Sie würde ihr Bestes geben. So wie stets.

Mit einem Tastendruck kontaktierte sie die mobile Zentrale des OMBUS-Teams in Antananarivo. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis die Satellitenverbindung nach Madagaskar stand. Trotzdem trommelte Juliana unruhig mit den Fingern auf der Tischplatte herum. Eine junge Frau nahm das Gespräch entgegen. Auch ohne die übliche Begrüßungsfloskel wusste Juliana sofort, wer es war. Chen Lin, die flippige Chinesin mit den hellblauen Strähnen im Haar. Sie war sportlich, hatte ein kindlich anmutendes Äußeres und war zugleich die fähigste Hackerin aus dem Reich der Morgenröte, die man jenseits der großen Mauer rekrutieren konnte.

»Lin, hier ist Juliana. Der Sicherheitsrat benötigt umgehend einen Statusbericht.« Ihre Stimme klang ungeduldiger, als sie es beabsichtigt hatte. Die Nervosität hatte sie im Griff. Sie mochte es nicht, obwohl ihre Konzentration dadurch unweigerlich an Schärfe gewann.

»Nǐ hǎo, Vrouw Drukker. Die Operation ist in vollem Gange. Ich kann gerade nichts dazu sagen. Falls Sie warten …«

»Erklären Sie mir bitte nicht, dass etwas schiefgelaufen ist«, platzte Juliana dazwischen. Dabei war sie sich schon jetzt sicher, dass genau das der Fall war. »Ist es?«

»Das kommt darauf an, wie Sie schiefgelaufen definieren.«

Juliana versuchte, ihren aufkeimenden Ärger im Zaum zu halten. »Geben Sie mir Crane.«

»Das wäre äußerst unpassend. Ich glaube kaum …«

»Sofort.« Ihr Ton duldete keinen weiteren Widerspruch.

»Klar, wird gemacht. Ich drücke Ihnen die Daumen, dass er Ihretwegen nicht wieder irgendetwas kaputt macht.«

Juliana ließ die freche Spitze der Chinesin in der Luft stehen. In ihrem Kopfhörer ertönte nun Motorenlärm. Hupsignale, ein Rauschen, das von hoher Geschwindigkeit zeugte, mit dem ihr Gesprächspartner unterwegs war.

»Juliana. Es ist immer eine Freude, Ihre zauberhafte Stimme zu hören. Wie war Ihr Tag? Ich hoffe, bislang ungezwungen.«

»Mijnheer Crane, unterlassen Sie Ihre Späße. Denken Sie, Sie könnten ausnahmsweise größere Kollateralschäden vermeiden?« Sie glaubte zu hören, wie Crane einem entgegenkommenden Laster auswich, dessen Fahrer wild fluchend seinen Unmut kundtat.

»Sie wissen doch, Juliana. Ich gebe stets mein Bestes, um den Auftrag zur Zufriedenheit aller zu erledigen«, antwortete Crane. Sein Atem ging schnell, seine Stimme klang angespannt, trotz der lockeren Entgegnung und des leisen Spotts.

»Ich fürchte, ich muss Sie wohl daran erinnern, wie wichtig es ist, dass Sie keine politischen Verwicklungen auslösen, Mijnheer Crane. Unser Auftraggeber ist seit dem Fiasko in Sydney sehr … empfindlich. Bitte bedenken Sie das.«

»Ich glaube kaum, dass man uns deswegen außer Dienst stellt.«

»Wenn OMBUS dauerhaft die Grenze zwischen Nutzen und Aufwand überschreitet, steht zu befürchten …«

»Ich verstehe. Machen Sie sich keine Sorgen. Alles wird gut. Was kann ich denn für Sie tun? Zugegeben, ich bin momentan etwas beschäftigt.«

»Der Sicherheitsrat will einen Statusbericht.«

»Jetzt gleich?«

»Natürlich jetzt gleich. Wieso sollte ich sonst mit Ihnen sprechen?

»Das ist gerade ganz schlecht.«

»War das eine Polizeisirene? Was treiben Sie da eigentlich?«

»Ich liefere Pizza aus. Sie wissen doch, kommt man zu spät, gibt es die Pizza umsonst.«

»Wollen Sie mich veralbern?«

»Würde ich mir niemals erlauben. Ich bringe Ihnen ein paar schöne Blumen aus Madagaskar mit, Juliana. Genießen Sie solange die himmlische Ruhe in der Zentrale. Lin, wärst du dann so nett?«

»Crane, wagen Sie es nicht, das Gespräch zu beenden. Crane? Antworten Sie! Crane!«

Doch Lin hatte die Verbindung bereits unterbrochen.

***

Crane verzog die Lippen zu einem schlitzohrigen Grinsen. Er würde Juliana Drukker informieren, sobald er die nächste ruhige Minute dafür hatte. Was noch ein wenig dauern mochte. Vermutlich kochte sie gerade vor Wut. Dann war es sowieso besser, erst einmal abzuwarten. Die fürsorgliche Juliana. Stets bestrebt um den Ruf und die Zukunft des OMBUS-Teams, zu dem sie ebenfalls gehörte. Sie war die gute Seele, das sprichwörtliche Gewissen der Gruppe. Sie koordinierte die Aufträge, die sie unmittelbar von höchster Stelle für OMBUS erhielt. Zudem waren ihre internationalen Kenntnisse des politischen Spiegels beinahe jeglicher Region auf der Welt ein unersetzlicher Quell für die Arbeit des Teams. Und sie brachte ihn immerzu auf den Boden der Tatsachen zurück, wenn er darauf aus war, ein klitzekleines bisschen über die Stränge zu schlagen. Natürlich würde er versuchen, Juliana nicht allzu viel Ärger zu bereiten. Allerdings fiel ihm das nicht besonders leicht.

Er richtete seine Konzentration erneut auf die Straße vor sich. Immer wieder manövrierte er um fahrende wie parkende Wagen herum, ließ Fußgänger zur Seite hechten und kämpfte sich Meter um Meter die Rue Jean Jaures hinunter. Crane versuchte, die Geschwindigkeit trotz des Verkehrs stetig zu steigern. Er musste schneller sein als der Offroader, wollte er ihn einholen. Vor ihm lag endlich der Jardin Antaninarenina Park.

»Wo ist er jetzt, Lin?«

»Er fährt soeben auf den Zubringer. Es sieht aus, als wolle er die Schnellstraße zwei anfahren. Bieg bei der nächsten Gelegenheit nach links. So schneidest du ihm mit ein bisschen Glück den Weg ab.«

Der Blick auf die Straßenkarte zeigte Crane, dass Lins Vorschlag zu riskant war. Blieb er auf den offiziellen Wegen, musste er einen Umweg nach Osten in Kauf nehmen. Der Offroader, der gerade in die entgegengesetzte Richtung fuhr, würde seinen Vorsprung unvermeidlich ausbauen. Und Crane verlor Zeit, die ihm nicht zur Verfügung stand. Dann eben anders. Lin hatte ja gesagt, er solle bei der nächstmöglichen Gelegenheit abbiegen. Er legte sich scharf in die Kurve und vollführte eine Wende um hundertachtzig Grad. Der Hinterreifen kreischte, und der Geruch von verbranntem Gummi stieg auf. Am Ende drehte er den Gashebel bis zum Anschlag durch.

Die Lalana Ranavalona hinaufzufahren würde arg holprig werden. Abgesehen davon, dass sie voller Leute war, die die Treppe als willkommene Abkürzung zwischen den Vierteln nutzten, waren die steilen Stufen durchaus eine Herausforderung für ein Motorrad. Doch es würde so deutlich mehr Spaß machen. Crane vertraute auf das Dröhnen des Motors und sparte sich Signale oder Handzeichen zur Warnung der Fußgänger. Tatsächlich schien der Lärm bereits Wirkung zu zeigen. Touristen wie Einheimische brachten sich laut fluchend vor dem Motorradfahrer und seinem halsbrecherischen Fahrstil in Sicherheit. Einmal glaubte er sogar, einen schlecht gezielten Schuh an sich vorbeifliegen zu sehen. Es überraschte ihn nicht. Wenn er selbst zu Fuß auf den Stufen unterwegs gewesen wäre, hätte er sich über den durchgeknallten Typen auf dem Motorrad bestimmt ebenfalls geärgert.

Trotz des Gedränges, das auf der Treppe herrschte, überwand Crane die gut achtzig Meter ohne Probleme, bis er erneut auf normalem Asphalt fahren konnte. Er hatte Glück, dass die Maschine der ungewohnten Belastung standhielt. Wie ein Geschoss jagte er auf den Zubringer und stieß mitten in die Gruppe der Entführer. So wie es aussah, hatte der Offroader Geleitschutz bekommen: sechs Motorräder, die den Wagen flankierten. Cranes plötzliches Erscheinen löste eine sofortige Reaktion aus. Der Offroader stieg in die Bremsen und drehte ab, während die Fahrer der Motorräder versuchten, Crane den Weg zu versperren. Waffen wurden unter Ledermonturen hervorgezogen. Metall kreischte, als unbeteiligte Autos ineinanderkrachten, vollkommen überrascht von dem unerwarteten Chaos vor ihnen. Crane trat den nächstfahrenden der Männer von seiner Maschine. Dann wand er sich an Reifen und Karossen vorbei und nahm erneut die Verfolgung des Offroaders auf. Er hoffte, dass die Bodyguards des Entführers noch einige Zeit brauchen würden, um sich zu organisieren. Die aufheulenden Motoren in seinem Rücken dämpften seinen Optimismus umgehend. Ein weiteres Mal beschleunigte er das entwendete Motorrad.

Die Strecke, die der Offroader gewählt hatte, glich einem Schlachtfeld. Verletzte Menschen, umgestürzte Sonnenschirme, zusammengebrochene Stände. Erst jetzt erkannte Crane, wo er sich genau befand. Am Rand der Pavillons Analakely, dort, wo ein Teil des berühmten Zoma stattfand.

Der Freitagsmarkt. Hunderte von Händlern, die mit ihren Waren und Schirmen die Straßen verstopften und so lange blieben, bis niemand mehr etwas kaufen wollte. Und heute war Freitag. Das hatte das OMBUS-Team, allen voran Crane, nicht in seinem Plan berücksichtigt. Es war für die Observierung und die geplante Sicherstellung des Erbes von Sophie Arlequin nicht von Belang gewesen. Das rächte sich jetzt.

Crane hatte eine ziemlich gute Vorstellung davon, wie die Vorderseite des Offroaders mittlerweile aussehen musste: hässlich verschrammt und mit Dellen übersät. Allerdings bildeten die dünnwandigen Holzbuden und die Sonnenschirme kein ernst zu nehmendes Hindernis für das PS-starke Geschoss, das mitten durch sie hindurchpflügte. Nicht ausreichend jedenfalls, um es aufzuhalten.

Für Crane war die Durchquerung weitaus herausfordernder. Immer wieder musste er umgekippten Tischen, Brettern oder Schirmstangen ausweichen. Dazu kamen die Waren, die überall verstreut lagen: Kleidung, Melonen und andere Früchte, einfache Elektronikartikel vom Kabel bis zu Batterien, Ledergürtel, Schuhe. Eine wahre Spießrutenfahrt, die sich mit jeder Unaufmerksamkeit in eine Katastrophe wandeln konnte. Doch es gelang Crane, an dem Entführer dranzubleiben. Er konnte sogar einen knappen Blick durch die getönten Scheiben werfen, bevor er wieder zurückfiel.

Auf dem Beifahrersitz hatte er einen dunklen Schemen ausgemacht, der dem Anschein nach aufgeregt in sein Mobiltelefon brüllte. Wahrscheinlich telefonierte er dem Begleitkorso hinterher. Die entführte Sophie Arlequin entdeckte er nicht. Sie aus den Händen dieser Männer zu befreien war erste Priorität. Gleich danach hieß es, das ominöse Erbe sicherzustellen. Wenn sich nur Letzteres realisieren ließe, war das ohne Zweifel bedauerlich. Crane hasste es, jemand Unschuldigen in Gefahr zu sehen – besonders wenn es sich um eine attraktive Frau handelte. Und Sophie Arlequin gehörte zweifellos zu dieser Kategorie.

Zudem ging er davon aus, dass die Entführer ihr Interesse an der Adoptivtochter Talotes verlören, sobald sich das Erbe in ihrer Obhut befand. Wenn es hingegen Crane gelänge, das Erbe in seinen Besitz zu bringen, könnte dies dem Wohl Sophie Arlequins entgegenkommen. Sie gab eine hervorragende Geisel ab, die man zum Tausch anbieten konnte. Solange Crane jedoch nicht wusste, worum es sich bei dem Inhalt des Schließfachs handelte, würde er sich vorrangig um Sophie Arlequin kümmern. Wie es aussah, führte der erfolgreiche Abschluss des Auftrags weiterhin über sie.

Allerdings hatte er sich bislang keinen Plan zurechtgelegt, wie er den Offroader stoppen wollte. Auf den Wagen zu schießen, egal, ob auf die Scheiben oder Reifen, erhöhte das Verletzungsrisiko für Sophie Arlequin. Diese Option schied also aus. Crane musste sich schleunigst etwas einfallen lassen, aber zuerst galt es, seine Verfolger loszuwerden.

Zu seiner Linken drängte sich einer der Motorradfahrer heran. In seiner Faust lag eine Pistole, eine Five-seveN IOM. Crane kannte das Modell, denn die Five-seveN gehörte mit zum Bewaffnungsrepertoire des OMBUS-Teams. Definitiv keine Waffe, die man leicht auf dem Schwarzmarkt erstehen konnte. Sofort duckte sich Crane über den Lenker und riss das Motorrad nach rechts. Mehrere Schüsse krachten, Menschen schrien erschrocken auf. Diese Typen meinten es ernst. Sehr ernst. Crane spähte bei voller Fahrt unter seinem Arm hindurch. Die anderen aus dem Schutzkonvoi hatten sich ebenfalls an ihn gehängt. Sie würden versuchen, ihn vom Offroader fernzuhalten. Mit allen denkbaren Mitteln.

Unmittelbar vor Crane wuchs ein massiver Schatten in die Höhe: einer der Pavillons, die dem Ort ihren Namen gaben. Kleine, dicht an dicht stehende Häuschen mit rostroten Ziegeldächern, zwischen denen winzige Gassen verliefen. Crane legte sich mit seinem ganzen Gewicht quer gegen die Fahrtrichtung der Maschine. Er musste den Zwischenraum erwischen, andernfalls wäre die Verfolgungsjagd hier und jetzt zu Ende, und irgendein armer Teufel würde ihn anschließend von der Wand kratzen.

Stein ratschte an seiner rechten Schulter, die Kunststoffverkleidung des Motorrads protestierte kreischend. Etwas schlug heftig an sein Bein. Sofort kam Crane ins Trudeln. Er nutzte die engen Mauern der Pavillons zu beiden Seiten, um schmerzhaft das Gleichgewicht zurückzugewinnen. Es gelang. Einer der Verfolger besaß weniger Glück an diesem Tag. Er zerlegte sich selbst an der Ecke des Häuschens und wurde samt seinem Bock beiseitegeschleudert. Doch hinter ihm rasten Cranes übrige Gegner in die Gasse.

Vier Meter weiter an einem der Kreuzungspunkte zwischen den Pavillons bremste Crane scharf ab und gab direkt wieder Gas. Sein Hinterreifen rotierte über den Boden, zog einen dunklen Halbbogen aus Gummi auf das Pflaster. Qualm stieg auf. Dem Mann, der unmittelbar an seinen Fersen klebte, wurde das zum Verhängnis. Noch einer weniger. Crane duckte sich unter einem Dachvorsprung weg, wich einer Sackkarre sowie Kisten mit Obst und Gerümpel aus. Der Lärm der Motoren dröhnte in der Enge der Gassen um ein Vielfaches lauter als draußen auf der Straße. Fast schluckte der Krach die Schüsse, die seine Verfolger immer wieder auf ihn abgaben. Ein höllisches Konzert.

Abermals wechselte Crane den Kurs. Das nächste Hindernis in Form eines Kistenstapels, der den kompletten Weg in der neu eingeschlagenen Richtung versperrte, ließ ihn kurz zögern. Projektile zogen ihre Bahnen, sirrten so nahe an Cranes Kopf vorbei, dass er glaubte, den Luftzug zu spüren. Instinktiv duckte er sich tiefer auf das Motorrad. Vor ihm eine Öffnung. Eine Tür. Crane überlegte nicht und riss den Vorderreifen hoch. Der Reifen krachte gegen das Holz und stieß es auf. Ein Ruck am Gashebel, und Crane war drin. Er schob einen Tisch beiseite, der gleich vor ihm den Weg blockierte. Mehrere Männer und Frauen stoben schreiend auseinander, brachten sich vor dem rotierenden Rad in Sicherheit. Crane wollte sofort wieder raus aus dem Pavillon. Wenn er blieb, steckte er unweigerlich in der Falle. Wie lange würde es wohl noch dauern, bis die Polizei eintraf? Irgendwer hatte bestimmt schon nach den Einsatzkräften geschrien.

In der gegenüberliegenden Wand stand ebenfalls eine Tür offen. Zu Cranes Glück waren die Pavillons so gebaut, dass man von fast jeder Seite eintreten konnte. Er raste vorwärts und hinaus und gleich in die nächste Hütte hinein. Auch hier löste er Chaos aus, obwohl die Leute längst durch den Aufruhr alarmiert waren. Weiter, bloß weiter. Der Offroader mit Sophie Arlequin war womöglich längst auf und davon. In den Sekunden zwischen den Pavillons registrierte Crane die Motorradfahrer. Sie versuchten, ihn seitlich zu überholen, ihn einzukreisen. Sie jagten ihn wie Kojoten ein einzelnes Wild. Anscheinend kommunizierten sie untereinander, während er nahezu blind war für ihre Position. Das musste er umgehend ändern.

Nur einer der Aufpasser war ihm auf direktem Weg gefolgt. Ein Fehler – auch wenn der andere das noch nicht wusste. Der nächste Raum war beinahe leer und bot genug Platz für ein plötzliches Wendemanöver. Crane drehte das Motorrad im Kreis und war so für einen Moment für den nachfolgenden Motorradfahrer nicht zu sehen. Als dieser hereinfuhr, rammte Crane ihn von der Seite. Der Mann stürzte samt Maschine, blieb halb unter ihr begraben liegen. Ein Tritt vor den Sturzhelm gab ihm den Rest. Knock-out. Crane beugte sich zu ihm hinab und löste mit einem schnellen Handgriff den Kinnriemen. Ein beherzter Ruck ließ den Helm vom Kopf rutschen. Aus der Öffnung kreischte kurz eine atmosphärische Störung, dann setzten die knappen Anweisungen der übrigen Verfolger wieder ein. Das eingebaute Funkgerät hatte die Attacke schadlos überstanden.

»Lin, peile die Frequenz an und gib mir ihre Position auf meine Brille.«

»Wird sofort erledigt, Boss.«

Kleine rote Punkte tauchten nur wenige Sekunden später auf seiner Karte auf, ein jeder markierte den aktuellen Standort der verbliebenen drei Motorradfahrer. Sie hatten ihn überholt, wendeten und kamen nun von verschiedenen Seiten genau auf ihn zu. Höchste Zeit, den Pavillons die Kehrseite zu zeigen. Crane wählte den nördlich gelegenen Ausgang. Er zog seine eigene Waffe aus dem Schulterholster, entsicherte sie und wartete, bis die Gegner fast heran waren.

Als der Augenblick gekommen war, drehte er den Gashebel bis zum Anschlag. Die Maschine machte einen Satz vorwärts und sprang wie ein Panther mit ihm auf dem Rücken in die Kreuzung. Crane zielte und stanzte dem ersten Verfolger ein Loch in den Motorradhelm. Den Mann riss es von seinem Sitz, er landete hart in einer Fensteröffnung und regte sich nicht mehr. Das Motorrad rollte weiter, bis eine Mauer es stoppte. Die beiden verbliebenen Gegner pumpten ihre Magazine leer. Kopf runter und nichts wie weg, dachte Crane. Weiter nach Norden. Laut der Karte auf seinem Display lagen dort der Ausgang des Marktes und der kürzeste Weg zurück zum Zubringer. Der Offroader hatte diesen mit Sicherheit längst erreicht.

Crane drehte den Kopf nach hinten und beantwortete das Kreuzfeuer. Im gleichen Augenblick bemerkte er die Gasflaschen. Bestimmt zehn oder mehr rote Flaschen, ordentlich aufgereiht an der Wand eines Pavillons. Crane glaubte, die Bahn seines letzten Projektils in Zeitlupe verfolgen zu können. Es nahm direkten Kurs auf den mittleren Gasbehälter, durchschlug die Metallhülle – und verging in einem gewaltigen Feuerball. Sofort danach detonierten die anderen Behälter, schickten eine Flammenwolke in alle Richtungen, die die beiden Motorradfahrer verschlang, die umstehenden Pavillons pulverisierte und Crane eine heiße Faust hinterhersandte, die ihn von seinem Bock riss. Crane wurde mehrere Meter weit geschleudert, im Flug drehte er sich unkontrolliert um sich selbst. Schließlich prallte er irgendwo gegen und kam auf dem harten Asphalt zum Liegen. Ein Funkspruch dröhnte in seinem Ohr.

»Boss, hier ist Dan. Kannst du mich hören? Boss! Gib mir deinen Standort durch! Wir holen dich da jetzt raus …«

Dann verstummte der Ruf. Und die Welt um ihn herum ebenfalls.

***

Dan Rivers lenkte den Wagen bei der letzten Gelegenheit zügig von der Hauptstraße und nahm eine der unbelebteren Seitengassen. Der übliche Verkehrslärm ebbte ab, sogar das Hupkonzert einiger anderer Fahrzeuge wirkte nicht mehr so präsent. Der Motor des Alfa Romeo schnurrte sanft, trotz der vielen PS, die unter seiner Haube schlummerten. Hinter ihm ging es nicht weiter. Ein Stau, verursacht von einem Zwischenfall bei den Pavillons.

Der Boss war in Schwierigkeiten. Und Dan war seine Kavallerie. Eigentlich agierte der farbige US-Amerikaner nicht an vorderster Front. Außer in Ausnahmesituationen. Lin saß in der mobilen Zentrale fest, Hugo Ojeda hatte es gerade erst von seinem Beobachtungsposten herunter geschafft. Der Einzige, der schnell genug zur Verfügung stand, war Dan. Und der Boss brauchte seinen Wagen. Das geliehene Motorrad war ein Risiko. Dan hatte keine Ahnung, was für einen Schrott sich Crane aus der Not heraus unter den Nagel reißen musste. Wäre mehr Zeit gewesen, hätte er ihm einen anständigen Bock bereitgestellt. Einen, an den er selbst Hand angelegt hatte, denn nur diesen Fahrzeugen konnte man wirklich trauen, wenn es hart auf hart kam.

Dan Rivers war der Mechaniker der Truppe. Ihm war die Aufgabe zuteilgeworden, das Team mit seinen kreativen Modifikationen und der passenden Ausrüstung zu unterstützen. Zu jedem Einsatz das richtige Gerät, war sein persönliches Credo. Dan schraubte an allem herum und tat es mit tiefster Leidenschaft. Das lag ihm mehr, als sich in Feuergefechte zu werfen. Dafür war der Boss zuständig.

Dan jagte den Wagen vorwärts und ließ die Gasse schnell hinter sich. Die Navigation leitete ihn zu dem Punkt, an dem Lin die letzte Position vom Boss geortet hatte. Nach der nächsten Dachreihe sah Dan eine rußgeschwärzte Wolke aufsteigen. Irgendetwas brannte. Heiß und heftig. Keine guten Aussichten. Kaum war er um die folgende Kurve gefahren, bot sich seinen Augen ein ziemliches Durcheinander: Zerschmetterte Verkaufsstände, zerrissene Stoffbahnen und zerstörte Waren pflasterten den Weg. Ihre Besitzer versuchten, schimpfend und verzweifelt, dem Chaos Herr zu werden. Ein Durchkommen war völlig unmöglich. Dan fuhr einen Bogen und parkte den Wagen an einer unauffälligen Stelle. Von dort aus machte er sich zu Fuß auf den Weg zu den Pavillons.

Die Glut, die von dem Feuer ausging, verstärkte die aufkommende Mittagshitze. Flammen tosten zwischen den niedrigen Gebäuden. Unwillkürlich dachte Dan an einen der Hochöfen, an denen er vor seiner Zeit bei den Seals als Stahlkocher gearbeitet hatte, um sein Mechanik-Studium zu finanzieren. Der Qualm über den Dächern der Pavillons stammte vermutlich von Verpackungsmaterial, Waren, vielleicht Reifen. Dan schwitzte, und die Feuchtigkeit auf seiner Haut malte Flecken auf sein Shirt. Mit dem Arm fuhr er sich über die Stirn. Wo war der Boss?

Zügig näherte er sich dem Inferno, jedoch ohne kopflos oder hektisch zu wirken wie die übrigen Menschen um ihn herum. Der Geruch von heißem Blech und schmelzendem Kunststoff hing schwer in der Luft und belegte seine Atemwege. Das Zeug war garantiert giftig. Je eher er hier wegkam, desto besser. Irgendwann in den nächsten Minuten musste die gesamte Rettungsflotte der Stadt eintreffen: Feuerwehr, Polizei, Rettungswagen, vielleicht sogar Militär. Bis es so weit war, sollten sie auf jeden Fall verschwunden sein. Zwischen den Beinen der Leute, die mit aller Macht versuchten, ihr Hab und Gut in Sicherheit zu bringen, sah er regungslose Körper liegen. Betreiber und Besucher der Pavillons sowie einen Mann in dunkler Motorradkluft, der quer unter seiner Maschine lag. Kaum fünf Meter von dem ersten entfernt machte er einen weiteren aus, dessen Anzug leicht qualmte. Und der sich viel zu nah am Feuer befand.

***

Jemand zerrte an Crane herum. Der Schmerz ließ ihn allmählich wieder zu Bewusstsein kommen. Alles vor seinen Augen war verschwommen, der Sturz musste wohl heftiger gewesen sein als gedacht. Dann kickte die zündende Erinnerung gegen sein Gehirn. Die Explosion in den Pavillons. Die bewaffneten Motorradfahrer. Er am Boden. Ohne deutlich sehen zu können, packte er die Hände desjenigen, der nach ihm gegriffen hatte. Ein harter Ruck entlockte dem anderen einen Schrei.

»Mensch, Boss, lass den Scheiß. Ich bin es, Dan. Du hast mir beinahe den Arm gebrochen.«

Über Crane gebeugt stand der Mechaniker des OMBUS-Teams: Dan Rivers. Dankbar ergriff Crane seine Hand und ließ sich auf die Beine ziehen. Mit verzerrtem Gesicht strich er sich über die kurzen Haare. »Tut mir leid. Ein Reflex.«

»Kein Problem. Mann, siehst du übel aus. Alles in Ordnung?«

»Ja, ja. Geschenkt. Hat ordentlich gekracht, was?« Er sah zu den Resten der Pavillons hinüber. Sie brannten lichterloh. Menschen liefen aufgeregt durcheinander und versuchten zu retten, was längst verloren war. »Das wird Juliana nicht gefallen.«

»Du machst wie immer keine halben Sachen, Boss.«

»Hast du mich rausgezogen?«

»Ja, wer sonst. Da drin sind jetzt locker tausend Grad. Ein paar Sekunden später, und du wärst in dem Backofen draufgegangen.«

»Danke.«

»Gern geschehen.«

»Wo ist der Offroader? Hat Lin ihn eingeklinkt?«

»Sie hat ihn. Die Funkverbindung ist noch aktiv. Einer von dem Schutzkonvoi ist auch hier rausgekommen und fährt dem Wagen hinterher. Allerdings haben sie einen ziemlich großen Vorsprung. Es wird schwer werden, sie einzuholen. Wir sollten dich aber erst einmal durchchecken.«

Crane schüttelte den Kopf. »Keine Zeit. Mir geht es gut, keine Sorge. Ein paar Prellungen. Kopfschmerzen. Mehr Glück als Verstand. Mal wieder.«

»Wie du meinst. Hugo und Lin sind mit der Zentrale auf dem Weg hierher. Wird eine Weile dauern, die Straßen sind wegen des Feuerwerks vollkommen verstopft.«

Crane hob den Kopf und lauschte den fernen Sirenen der Löschzüge und der Polizei. Viel Bewegungsspielraum blieb ihnen nicht. Es war in jedem Fall besser, nicht mehr hier zu sein, wenn die Ordnungshüter eintrafen. Momentan war das Chaos noch groß genug, sodass sie niemand vermissen würde.

»In Ordnung. Lass dich von Hugo und Lin einsammeln, sobald sie eintreffen. Ich bleib an dem Offroader dran.«

»Alles klar, Boss. Dein Baby steht keine hundert Meter entfernt. Ich mache mich solange unsichtbar.« Dan warf Crane die Autoschlüssel zu. »Zweite Gasse links rein. Und viel Glück.«

»Das werde ich brauchen. Bis später.«

Crane drehte sich um und ging in die angewiesene Richtung. Die ersten Schritte humpelte er. Scheinbar hatte er doch mehr abbekommen, als er zugeben wollte. Allerdings musste das warten, bis Sophie Arlequin befreit war. Mit einem Schnauben schüttelte er das Bein aus. Das Problem war unangenehm, aber ertragbar. Also kein Hinderungsgrund. Er fiel in einen lockeren Trab, bis er den metallicgrünen Spider erreichte. Zugegeben, der Wagen war alles andere als unauffällig. Ein Sportwagen, dem man schon von Weitem ansah, dass er deutlich teurer war als handelsübliche Autos. Nichts von der Stange. Genau genommen gab es nur limitierte fünfhundert Stück. Baujahr 2010. Und dieses Exemplar war zudem einzigartig.

Dan hatte das Coupé ordentlich aufgemotzt und es mit einigen technischen Extras ausgestattet, die selbst einen Filmhelden vor Neid hätten erblassen lassen. Juliana hatte anfänglich ordentlich Aufhebens wegen der Anschaffung gemacht, aber Crane hatte den Spider kurzerhand zu seiner Einstellungsbedingung erklärt.

Hoch gepokert, keine Frage – trotz der Empfehlung seines Mentors und Freundes Hugo Ojeda. Nach seinem Ausstieg bei Executive Outcomes, einem privaten Militärunternehmen, hatte sich Crane ohne großes Überlegen einer Gruppe ehemaliger Söldner angeschlossen – die schließlich bei einem Putschversuch in Äquatorialguinea mitmischten. Das Unternehmen war mächtig schiefgegangen. Als es zu einer Anklage kam, wurde Crane von Hugo herausgeholt und den richtigen Leuten vorgestellt. Und wie es aussah, hatte OMBUS keine vernünftige Alternative gehabt. Juliana Drukker gab also nach, und keine zwei Wochen später stand der Wagen vor der Tür.

Crane versenkte den Schlüssel im Zündschloss. Der Motor schnurrte wie eine Raubkatze, gleichzeitig leuchteten die Anzeigen und das eingebaute Display auf. Er tippte gegen einen winzigen Schalter am Brillengestell. Erstaunlicherweise war sie bei seinem Sturz nicht abhandengekommen. Geht eben nichts über Maßanfertigungen, dachte er. Eine Straßenkarte vom östlichen Teil Madagaskars erschien, als die Daten von seiner Brille übertragen wurden. Ein roter Punkt, der sich stetig auf der Schnellstraße 2 in Richtung Osten bewegte, markierte den Offroader. Das Signal verschwand immer wieder, wenn der Kontakt unterbrochen wurde. Doch was Crane auf dem Display sah, reichte ihm aus. Vorerst. Der Offroader schien den Hafenort Tamatave anzusteuern. Ein Ort, der laut Navigation gut vier Stunden von seiner jetzigen Position entfernt lag, wenn man sich an die Richtgeschwindigkeit hielt – was Crane definitiv nicht vorhatte. Trotzdem würde es eine harte Aufholjagd werden.

Wie erwartet, sah er in den nächsten drei Stunden von dem Offroader nicht einmal den Staub der Straße, den das Fahrzeug irgendwo vor ihm aufwirbeln musste. Trotz des halsbrecherischen Tempos, das er angeschlagen hatte, und dank des Verkehrs, der ihn immer wieder behinderte. Die Anzeige des Displays und Lins sporadisch übermittelte Informationen bewiesen jedoch, dass sich die Entführer weiter Richtung Tamatave bewegten und die Hafenstadt schließlich erreichten.

Zu Cranes Glück gehörte die Strecke zu den wenigen ausgebauten Hauptstraßen. So hatte er das Gefühl, zumindest etwas von dem Vorsprung des Offroaders wettgemacht zu haben. Für jeden anderen Weg war ein solider Allradantrieb beinahe genauso unabdingbar wie ein allseits gegenwärtiger Mechaniker. Am Nachmittag passierte Crane ebenfalls die Stadtgrenze Tamataves, einer mittelgroßen Stadt von etwa zweihunderttausend Einwohnern. Kein Vergleich zu den gewaltigen Ausmaßen der Hauptstadt.

Crane überflog die Daten, die das Display anzeigte. Obwohl man hier den wichtigsten Handelshafen Madagaskars vorfand, war die Bevölkerung eher ärmlich. Die Betsimisaraka, »die vielen Unteilbaren«, bildeten die größte Gruppe unter den Einwohnern; sie verdienten ihr Brot als Bauern, Fischer oder Händler. Der Reichtum lag in den Händen indischer Geschäftsleute, die mit Zucker, Kaffee und vor allem Öl einträgliche Profite erwirtschafteten.

Was wollten die Entführer an diesem Ort mit Sophie Arlequin? Ein sicheres Versteck wäre in Antananarivo einfacher zu finden gewesen und das an der Front beschädigte teure Fahrzeug vermutlich weitaus weniger aufgefallen. In dem Hafenort schien es wesentlich mehr Rikschas – Pousse-pousse oder auch Posy Posy – zu geben als andere Vehikel. Die Entführer mussten etwas anderes im Auge haben.

Nach Cranes Auffassung blieben nur zwei logische Optionen. Erstens: Sie versuchten, über den Flughafen das Land zu verlassen. Aber selbst wenn sie über ein Privatflugzeug verfügten, wären die Kontrollen an den Terminals nicht so einfach zu umgehen. Ein großer Schein in die passende, willige Tasche mochte das vereinfachen, denn irgendeinen korrupten Angestellten gab es immer. Allerdings konnte sich Crane kaum vorstellen, dass Sophie Arlequin freiwillig mitspielte. Ein Fluchtversuch oder wenigstens das Bestreben, auf ihre Situation aufmerksam zu machen, erhöhte für ihre Entführer das Risiko, entdeckt zu werden. Alternative zwei, und ganz im Rahmen der sorgfältig geplanten Unternehmung der Unbekannten, war …

»Boss, Lin hier. Der Offroader ist soeben auf das …«

»… Hafengelände gefahren«, vollendete Crane den Satz der Chinesin. »Ich weiß. Ich bin unterwegs.«

»Das Gelände ist etwas unübersichtlich, Alexander. Du wirst vorsichtig vorgehen müssen.«

Hugo schaltete sich dazwischen. »Wir sind mit der OMBUS-Zentrale gut eineinhalb Stunden hinter dir. Ein liegengebliebenes Fahrzeug hat einen Stau verursacht und uns aufgehalten. Auch wenn die Zeit drängt, vergiss nicht, dass wir dir aktuell keine Rückendeckung geben können.«

»Alles klar. Beeilt euch einfach. Ich schaukle das schon. Crane, Ende.«

***

Ein Labyrinth aus Schiffscontainern verdeckte den direkten Blick auf die vertäuten Schiffe. Die riesigen Metallbehälter boten Crane genügend Deckung, um unentdeckt bis fast an den Kai heranzugelangen. Die wenigen Hafenarbeiter, die ihm begegneten, beachteten ihn nicht weiter. Der schwarze Offroader – sowie das ramponierte Motorrad eines der Angreifer aus den Pavillons – hatte eine stumpfe, graubraune Schicht aus Staub erhalten. Die gleiche, die auch Cranes Spider aufwies. Ein Geschenk der Schnellstraße.

Der Wagen parkte verlassen in Sichtweite einer luxuriösen Jacht von ungefähr fünfzehn Metern Länge: die »Bellefonds«. Weiß, mit einer ordentlichen Portion Chrom, diverse Antennen- und Funkmasten darauf. Am Heck wehte eine Flagge. Goldgelber Grund mit einem runden Klumpen aus mehreren kleineren Kugeln. Crane fand, dass das Symbol auf die Entfernung Ähnlichkeiten mit einem Atomkern besaß.

An Bord herrschte hektisches Treiben. Crane beobachtete die Vorgänge aus dem Schatten eines Containers heraus. Offensichtlich bereitete die Mannschaft das Ablegen des Schiffes vor. Sophie Arlequin entdeckte er nicht. Sie hatte man garantiert unter Deck gebracht und in eine der Kabinen gesperrt, wahrscheinlich wurde sie längst verhört. War er zu spät gekommen? Er hoffte immer noch, das Schlimmste verhindern zu können. Doch während er die Jacht seinen prüfenden Blicken unterzog, sah er, dass die Männer ausnahmslos automatische Waffen trugen. Griffbereit an einem Gurt um die Schultern baumelnd oder wachsam in der Hand gehalten. Kein veralteter Schrott, wie ihn Crane womöglich in dieser Stadt erwartet hatte, sondern moderne Feuerwaffen, besser als das, was die Behörden mit sich herumtrugen. Die Wachen patrouillierten die Reling entlang. Ein lückenloses Schutznetz aus aufmerksamen Augen und Blei. Verdammt. So wurde das nichts.

Fieberhaft sah Crane sich nach einer Alternativlösung um. Kaum Brauchbares in Sichtweite. Ein herrenloser Gabelstapler. Doch was sollte er damit? Kugeln würde der nicht abhalten. Alle Strategien, die er sich vorab zurechtgelegt hatte, waren vollkommen nutzlos, und neue passten nicht in die Begebenheiten. Gegen diese Übermacht konnte er nicht mit Waffengewalt antreten, und um sich heimlich an Bord zu schleichen, dafür war die Jacht schlichtweg zu übersichtlich. Außerdem gab es viel zu viel offenes Gelände, um unbeachtet in die Nähe des Schiffes zu gelangen. Mit ein wenig Glück erreichte Crane den Offroader, aber auch das half ihm nicht unbedingt weiter.

Tatenlos musste er mit ansehen, wie die Männer ihre Arbeit beendeten, schließlich die Taue von den Pollern lösten und das Fallreep einholten. Die »Bellefonds« legte ab. Und mit ihr verschwand auch Sophie Arlequin aus Cranes unmittelbarer Reichweite. Crane stieß einen Fluch aus. Irgendwie war von Anfang an alles schiefgegangen. Natürlich konnte er herausfinden, wem die »Bellefonds« gehörte, um so an die Mittelsmänner zu gelangen. Vielleicht sogar das Ziel der Jacht in Erfahrung bringen. Aber danach? Bis er etwas Konkretes herausgefunden hätte, war es für Sophie Arlequin und ihren Nachlass womöglich längst zu spät. Das werden keine guten Neuigkeiten für unseren Superior, dachte Crane verbissen.

Einer der Männer an Bord schien soeben einige Anweisungen zu erhalten. Der Bewaffnete nickte, schnappte sich eine Tasche, die griffbereit nahe der Reling lag, und sprang auf den Kai zurück, bevor die »Bellefonds« einen zu großen Abstand zum Festland bekam. Sofort witterte Crane die Gelegenheit. Eine Informationsquelle unmittelbar aus dem Dunstkreis der Entführer. Ein Glücksfall. Oder einer, der es werden könnte.

Crane wartete, bis der Zurückgelassene in den schwarzen Offroader eingestiegen war und die Jacht sich so weit wie möglich entfernt hatte. Dann schloss er den Gabelstapler kurz. Das durchgetretene Gaspedal ließ ihn vorwärtspreschen: Er erwischte den Wagen an der Fahrerseite, als der Motor ansprang. Der Stapler versperrte die Fahrertür, der richtige Hebel fuhr die Gabel nach oben. Der Offroader hob vom Boden ab. Crane vollführte mit dem Gabelstapler eine Drehung und lenkte ihn in die Gasse zwischen den Schiffscontainern. Mit ein wenig Glück war der Mannschaft der Jacht seine spontane Aktion entgangen.

Mit einem Kreischen verbog sich die Seite der Karosserie, als der Gabelstapler den Offroader gegen eine Containerwand presste. Der Mann, der gerade noch versucht hatte, die Beifahrertür als Fluchtweg zu öffnen, zuckte zurück. Hektisch fingerte er nach seiner Waffe unter der Jacke. Crane tippte auf das Gaspedal des Staplers und rammte den Wagen erneut gegen den Container. Die beiden Schüsse gingen deutlich daneben, brachten aber die Seitenscheibe zum Bersten. Ein weiteres Mal nahm der Stapler Anlauf. Eine der Dachstreben brach und schlug dem Eingesperrten ins Gesicht. Blut lief über seine Stirn, die Waffe polterte in den Fußraum. Ruppig ließ Crane den Offroader von der Gabel rutschen; mit einem lauten Krachen landete der Wagen auf seinen Reifen und schüttelte den Gefangenen in seinem Inneren ordentlich durch. Ein Schmerzensschrei drang an Cranes Ohren. Sehr gut.

»Ich gebe dir genau eine Gelegenheit, mir zu verraten, was ihr mit Sophie Arlequin vorhabt. Klar?«, brüllte er gegen den Motorenlärm an. »Also, wo bringt ihr sie hin?«

»Du kannst mich, Wichser!«

Die Stimme klang gleichsam erschüttert wie trotzig. Offensichtlich brauchte der Mann eine weitere Aufmunterung.

»Wie du meinst.«

Crane ließ die Gabel hochfahren, gab Gas und rammte den Offroader knapp über den Sitzen. Die stählernen Arme bohrten sich durch die Seitenverkleidung bis in die Fahrgastzelle und drückten den Wagen abermals gegen die Containerwand. Die Karosserie knirschte jaulend.

»Stopp! Stopp! Scheiße, halt sofort an, du Arschloch. Willst du mich umbringen?!«

»Hast du es dir überlegt?«

»Ja, verdammt!«

»Ich höre.«

»Kairo. Das Schiff bringt sie nach Kairo. Aber das wird dir nichts nutzen.«

»Warum?«

»Weil du bis dahin längst tot bist.«

Der Mann streckte seine Waffe durch das Fenster und schoss sofort. Eins der Projektile prallte an der Kette ab, sauste als Querschläger davon. Die anderen durchschlugen die Frontscheibe des Gabelstaplers. Crane warf sich zur Seite und gab gleichzeitig Vollgas. Die Gabel des Staplers versenkte sich bis zum Anschlag in den Wagen. Er drängte das Gefährt vorwärts, bis die Schüsse endeten.

***

Kaum eine Stunde nach der unglücklich verlaufenen Befragung traf die mobile Zentrale von OMBUS zusammen mit dem restlichen Team in Tamatave ein. Crane parkte den Spider direkt neben dem umgebauten Transporter in einer ruhigen Seitenstraße am Rande der Stadt und ging auf das Hauptquartier zu, von dem aus die Operation auf Madagaskar bisher geleitet worden war. Hugo Ojeda öffnete die Tür und klopfte ihm anerkennend auf die Schulter. Der krause Vollbart, wie ihn nur ein waschechter Venezolaner tragen konnte, zitterte bei jeder Erschütterung. Die scharfe Nase, die zu seinem asketischen Körper in absolutem Einklang stand, warf einen Schatten auf seine Wange. Seine Glatze wies eine Spur des Schmutzes auf, der durch die Straßen Antananarivos getrieben war.

»Schön, dich in einem Stück zurückzuhaben, Alexander. Das schien mir heute nicht unbedingt sicher«, sagte er mit einem Hauch von südamerikanischem Akzent.

»Du weißt doch, Padrillo, mich haut nichts aus den Socken. Je heißer, desto besser. In den Pavillons gab es jedenfalls genug Hitze.« Crane grinste breit und versuchte, überzeugend zu wirken. Gleichzeitig meldeten sich die vielen Blessuren schmerzhaft zu Wort, und er verzog das Gesicht. »Ein wenig Erste Hilfe könnte trotzdem nicht schaden, denke ich. Wenn du etwas gegen Brandblasen und Prellungen zur Hand hast.«

»Ich sehe mir das gleich an. Komm herein und setz dich, Amigo. Ich bin sofort bei dir.« Hugo machte den Eingang frei, wandte sich ab und kramte einige Dinge aus einem Arzneikoffer.

Crane suchte nach einem freien Platz. Der Transporter war vollgestopft mit allem möglichen technischen Equipment, das ihnen notwendig erschienen war und irgendwie hineingepasst hatte. Die mobile Zentrale sollte für jede Eventualität gerüstet sein. Eine sinnvolle Vorbereitung bedeutete Sicherheit, vor allem, wenn man inoffiziell im Ausland unterwegs war.

»Bei euch sonst alles in Ordnung? Irgendwelche Unannehmlichkeiten, während ich weg war?«

Dan Rivers saß vorn auf dem Fahrersitz und hielt die Straße über extra montierte Kameras im Blick. Er drehte sich kurz um und hob die Rechte zu einem laxen Militärgruß an die Stirn. »Uns geht es bestens, Boss. Abgesehen von ein paar liegengebliebenen Kisten am Straßenrand und den Schlaglöchern war es eine ruhige Fahrt. Die Polizei hat ein wenig Wirbel veranstaltet. Hast ja nicht viel von den Pavillons stehen lassen. Wie sieht es mit dem Spider aus? Ich könnte ihn mir bei nächster Gelegenheit anschauen.«

»Das Baby hat höchstens eine ausführliche Wäsche nötig. Staub steht ihm nicht so gut. Aber das hat Zeit. Haben wir etwas über die Jacht? Die »Bellefonds«?«

»Unser Cyborg ist schon dabei, die neuesten Daten auszuwerten.« Rivers nickte in Lins Richtung.

Die Chinesin tippte mit fliegenden Fingern auf einer Tastatur herum und starrte gleichzeitig auf drei überaus großflächige Monitore in der Mitte des Transporters. Ein Kopfhörer, aus dem das rhythmische Wummern von elektronischer Musik dröhnte, saß auf ihren Ohren. Der Pferdeschwanz aus hellblau gefärbten Haaren wippte im Takt. Sie knabberte konzentriert an ihren pinken Lippen und hatte die Ankunft des Agenten anscheinend bisher nicht mitbekommen.

Crane ließ sich schwer auf einen Drehstuhl an ihrer Seite fallen. Direkt neben ihm, unter der Tischplatte, war ein Kühlschrank angebracht, der Erfrischungen enthielt. Er angelte sich ein Sprudelwasser. Als er den Kopf hob, sah Lin ihn unbewegt wie abwartend an. Die Kopfhörer lagen nun um ihren Hals.

»Und? Hast du etwas herausgefunden?«

»War nicht gerade eine Herausforderung. Jeder Idiot hätte das mit der richtigen Telefonnummer klären können.«

»Aber vermutlich nicht so elegant und clever wie du.«

»Kein Grund für unnötige Komplimente, Boss. Hebe dir das besser für die absoluten Kracher auf.«

»Geschenkt.«

»Das Schiff gehört zu der Flotte eines Selfmade-Millionärs namens Louis Lasausse. Ein Monegasse, der seltsamerweise nördlich von Nizza wohnt. Ein echt schwerer Typ. Die ›Bellefonds‹ ist nur ein Schiff von mehreren Jachten und Frachtern. Sein Vermögen hat er mit Kommunikationstechnik aufgebaut, für zivile Firmen, aber auch fürs Militär. WingGate. Fette Firma. Seine Ambitionen sind anscheinend weitaus höher, als einfach nur unverschämt reich zu sein.«

»Und wie passt da Kairo ins Spiel?« Crane nahm einen tiefen Schluck aus der Flasche. Das kühle Wasser spülte den Staub aus seiner Kehle.

»Sein Cousin lebt dort und betreibt ein schäbiges Hotel am Rande des Stadtzentrums. Ein passendes Versteck, oder?«

»Ist das nicht ein wenig zu offensichtlich?«

»Ein Cousin zweiten Grades. Walid Ouassim. Von Geburt an Ägypter. Das ist weit genug weg, wenn man es sich nicht gleich an die Stirn tackert. Aber da ich den Zugriff auf die gesammelten Datenbanken der UN-Staaten habe, war es nicht der Rede wert. Jedem anderen wäre der Typ vermutlich nicht aufgefallen.«

»Gute Arbeit bis hierher, Lin.«

»Ein bisschen geht noch. Die Jacht konnte ich per Satellit eine Weile verfolgen. Das russische Modell, das gerade in der perfekten Position steht, war beinahe zu leicht zu knacken. Ein Wunder, dass der Schrott überhaupt da oben bleibt und nicht längst auf die Kuh irgendeines Bauern gestürzt ist. Aber vor ungefähr drei Minuten ist das Schiff verschwunden.«

»Was heißt das?«

»Dass es weg ist. Futsch. Kein Signal mehr. In Luft aufgelöst.«

»Sie sind dir abgehauen? Unglaublich. Irgendeine Stealth-Technik vermutlich. Allerdings sah die Jacht nicht danach aus. Also ein Störsignal … Und die Russen haben dich nicht einfach aus ihrer Kiste rausgeworfen?«

»Willst du mich beleidigen? Mich wirft niemand aus einem System raus, in dem ich einmal drin bin.«

»So wie heute Mittag bei der Bank.«

Lin zog die Nase kraus. »Das war eine ganz miese Nummer. Die ich übrigens in null Komma nix kleingehackt habe.«

»Keine Aufregung, ich zieh dich nur ein wenig auf.«

»Wenn du weiter so nachlässig mit deiner Gesundheit spielen willst …«

»Bloß nicht.« Crane hob beschwichtigend die Hände, schüttelte übertrieben den Kopf. »Ich habe einmal gesehen, wie du einen Kerl in einer Bar bearbeitet hast, der dir zu nahe kam. Das reicht mir als Warnung.«

»Ist auch besser so.« Lin kicherte. »Also, ich denke, die Jacht hat so eine Art Tarnmodus aktiviert. Ein Störsignal, das die üblichen Sensoren lahmlegt. Allerdings eines, das mir bisher nicht untergekommen ist. Scheint neu entwickelt zu sein. Perfekte Schleichfahrt für Satelliten und Radar. Die Mittel dafür hat Lasausse anscheinend.«

»Wenn ich kurz dazwischen dürfte«, unterbrach sie Hugo Ojeda. »Die Blessuren unseres Patienten müssen versorgt werden. Ich beginne am besten mit den Brandblasen.« Der Mann aus Venezuela deutete mit der Wundsalbe auf Cranes Hand und Arm.

»Was immer du willst.« Crane wandte sich erneut an Lin. »Du sagtest, er hätte die Mittel dafür, eine Jacht verschwinden zu lassen?«

»Mithilfe von Kommunikationstechnik halt. Abschirmung. So wie es das Militär ganz ähnlich verwendet. Oder wir. Ich kann das Ziel der ›Bellefonds‹ bisher nur erraten.«

»Und wenn du genau das tust, was kommt dabei heraus?«