Verlag: neobooks Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

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E-Book-Beschreibung Madame Flavicaus zauberhafter Punsch - Eva Pattum

Madame Flavicaus führt ein beschauliches Leben, bis ein unverhofftes Hochdruckgebiet ihre Welt durcheinanderwirbelt und ihr einen ungewollten Einblick in die Boshaftigkeit einiger Menschen gibt. Kurz meint sie, dass sich mit Hilfe ihres zauberhaften Punsches die Dinge zum Guten wenden könnte. Sie verbringt einen wundervollen Nachmittag mit einem hinreißenden Mann. Doch der scheint es nicht gut mit ihr zu meinen. Plötzlich ist er verschwunden und Madame Flavicaus gerät in den Strudel ungewöhnlicher Ereignisse.

Meinungen über das E-Book Madame Flavicaus zauberhafter Punsch - Eva Pattum

E-Book-Leseprobe Madame Flavicaus zauberhafter Punsch - Eva Pattum

Eva Pattum

Madame Flavicaus zauberhafter Punsch

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

PROLOG

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

EPILOG

Impressum neobooks

PROLOG

Der riesengroße Bürokomplex lag noch grau und verlassen in der frühmorgendlichen Dunkelheit. Er wirkte wie ein überdimensionierter Tresor, der dem lieben Gott beim Aufräumen aus Versehen auf die Erde gefallen war. Die letzten Mitarbeiter waren schon längst gegangen, und es würde noch Stunden dauern, bis bei den Ersten der Wecker klingelte, um sie an einen neuen Arbeitstag zu erinnern.Nur auf einer der oberen Etagen ging langsam, Raum für Raum, das Licht an und wurde nach einer Weile gewissenhaft wieder gelöscht.

An diesem Morgen fand Madame Flavicaus keine gebrauchten Kondome im Mülleimer. Das beruhigte sie sehr. Denn es machte immer ein wenig Mühe, die Reste der abendlichen Vergnügungen sauber zu entsorgen.

Sie leerte die braunen, runden Behälter, einen nach dem anderen. Sorgfältig entfernte sie die beharrlich klebenden Kaugummis und sortierte mit spitzen Fingern die verschmierten Schokoladenverpackungen, Essensreste und benutzte Teebeutel aus. Dann stellte sie die Eimer wieder unter die dazugehörigen Schreibtische und drehte sie so, dass die Aufschrift jeweils demjenigen, der an diesem Platz arbeiten würde, entgegensprang.NUR FÜR PAPIERMÜLL stand dort in großen Buchstaben.

Sie saugte den Boden, wienerte die Tische, klopfte Haare und Schüppchen aus den Bürostühlen – wobei der Reinigungsaufwand von Platz zu Platz stark variierte – und schleifte ihre großen Müllsäcke hinter sich in den Fahrstuhl, um sie dann zum Container zu bringen.

Als sie fertig war, kam ihr wie fast jeden Morgen der Pförtner entgegen. Sie grüßten sich freundlich. Er begann, wenn sie ihre Arbeit bereits erledigt hatte.Alles hätte so bleiben können. Wenn es nach Madame Flavicaus gegangen wäre, sogar ihr ganzes Leben lang. Aber man hatte sich beschwert. Nicht über sie. Um Himmels willen! Natürlich nicht.Es ging um das ungewöhnlich lange dauernde warme Wetter … und um den Müll.

Der Umstand, dass der deutliche Hinweis auf den Mülleimern, diese nur für Papierabfälle zu verwenden, beharrlich von den Mitarbeitern des Unternehmens ignoriert wurde, führte zu einer massiven Beschwerdewelle. Ein Aufschrei derjenigen, die diese Missstände nicht nur selber herbeigeführt hatten, sondern sie auch leicht hätten beheben können.In den Großraumbüros hing morgens eine leichte Wolke aus gegorenem Obst, kalten Kaffeeresten und manchmal auch säuerlicher Milch. Einige berichteten zudem noch von einer weiteren Note in der Raumluft, die sie nicht näher identifizieren konnten.

Niemand befragte Madame Flavicaus dazu. Hätte es jemand getan – was bedeutet hätte, dass dieser jemand morgens schon sehr, sehr früh hätte aufstehen müssen, um ihr im Büro zu begegnen –, dann hätte er sofort den Verursacher dieser besonderen Duftrichtung erahnt. Es war der Geruch von Sex, Schweiß, erhitzten Körpern und manchmal auch die restliche Ausdünstung eben jener Verhütungsmittel, die sie an manchem Morgen im Müll fand.

Als der Übeltäter, besser gesagt, die Übeltäter, wurden offiziell schnell folgende identifiziert: das Wetter, insbesondere das lang anhaltende Hochdruckgebiet mit ungewöhnlich hoher Sonneneinstrahlung sowie die bösen Bakterien, die viel zu schnell und zu eifrig alles Organische nicht gerade geruchsneutral zersetzten.Auf keinen Fall jedoch die Mitarbeiter, die zu bequem waren, um ihren Restmüll in die großen Eimer neben denBürotüren zu werfen. Die waren nämlich in den Augen der meisten Angestellten viel zu weit von ihrem Arbeitsplatz entfernt.

Bevor sich die Unzufriedenheit der Mitarbeiter weiter hochschaukeln konnte, beschloss man, als sichtbares Zeichen sofort Maßnahmen einzuleiten.Die sahen allerdings nicht so aus, dass freundlich auf die Verwendung des persönlichen Papierkorbes entsprechend seines Zweckes hingewiesen wurde. Denn kritisieren lassen würden sich diese fleißigen Mitarbeiter nicht gerne, und man wollte weitere Nörgeleien vermeiden.

Als Lösung zog man etwas ganz anderes in Betracht. Eine scheinbar nur winzig kleine sofortige Maßnahme, die Madame Flavicaus gesamtes Leben verändern sollte. Und das vieler weiterer Menschen gleich mit.

KAPITEL 1

Am ersten Tag, nachdem man ihr diese Änderung mitgeteilt hatte, war Madame Flavicaus außerordentlich guter Dinge. Sie fand nichts daran auszusetzen, statt in den sehr frühen Morgenstunden nun abends ihre Aufgaben in dem Bürogebäude zu verrichten. Ganz im Gegenteil. Sie freute sich darauf, nicht mehr morgens um halb vier von ihrem Wecker geweckt zu werden, um im Dunkeln aufzustehen. Busse und Bahnen fuhren zu dieser Zeit noch nicht, so dass sie völlig auf ihre kleine Kreidler Florett angewiesen war, wenn sie nicht jeden Morgen einen langen Fußmarsch auf sich nehmen wollte. Und dann hätte sie ihren Wecker weitaus früher stellen müssen.

Der trübe Lichtkegel ihres Mopeds schnitt nur einen schwachen beleuchteten Sichtkreis in die morgendliche Dunkelheit. Gerade bei Wind, Regen oder Schnee wurde jede ihrer Fahrten zu einem unkalkulierbaren Abenteuer, auf das Madame Flavicaus gerne verzichtet hätte, was sie aber bisher aus Mangel an Alternativen nicht konnte.

Trotzdem sagte sie sich jeden Morgen, noch bevor sie zum Losfahren mit dem Fuß einmal ordentlich den Kickstarter ihrer Kreidler durchtrat: „Wie schön mein Leben doch ist!“

Dabei breitete sich auf ihrem Gesicht ein entspanntes Lächeln aus. Denn sie war glücklich. Glücklich darüber, dass sie ihren fahrbaren Untersatz hatte und deswegen länger schlafen konnte, glücklich darüber, dass sie die morgendlichen Straßen für sich alleine hatte, und auch glücklich darüber, dass sie dann schon ihre Arbeit beendet haben würde, wenn sie für die meisten Menschen erst begann.

Aber ab sofort würde sich das ändern. Man hatte ihre Arbeitszeiten, ohne dass sie sich je beschwert hätte, auf den Abend verlegt.So wollten die obersten Chefs den übelriechenden Fäulnisprozessen in den Papierkörben konsequent entgegenwirken und ihre hochgeschätzten Mitarbeiter weiter bei Stimmung halten.

Madame Flavicaus war ausgeruht an diesem Tag. Das ungewohnte Ausschlafen hatte ihr sehr gut getan. Nach einem ausgiebigen Frühstück auf ihrem klitzekleinen Balkon, der eher ein Austritt war, genoss sie noch eine Weile die Sonnenstrahlen. Dabei trank sie einen extra starken Mokka, so wie es in ihrer Kultur seit Generationen üblich war.

„Wie schön mein Leben doch ist!“, sagte sie sich, während sie jeden Schluck der warmen Flüssigkeit genoss.

Sie war glücklich, den anbrechenden Tag in aller Ruhe genießen zu können, glücklich, dass die Sonne ihr die Haut wärmte, und glücklich, dass sie einen langen freien Tag vor sich hatte, bevor sie zur Arbeit fuhr.

Sie knotete ein buntes Tuch um ihren Kopf, damit ihre schwarzen Locken sie nicht störten.Dabei wanderten ihre Augen zu dem imposanten Neubau direkt gegenüber ihrer Wohnung.

Die Sonne blendete Madame Flavicaus. Sonst hätte sie sehen können, wie in einer der neuen Wohnungen ein Mann am Fenster stand und ihr einen langen Blick zuwarf. Er betrachtete sie wohlwollend und auch etwas neugierig aus der Ferne. Ein Lichtstrahl traf ihn, als die Sonne sich in Madame Flavicaus großen, goldenen Ohrringen brach.

Er war kurz geblendet, dann lenkte ihn ein Geräusch ab. Ein Summen, das jäh mit einem leisen Stoß gegen die Fensterscheibe endete. Der Mann blickte zu Boden. Vor ihm lag eine kleine Stubenfliege auf dem Boden. Er hob sie vorsichtig auf und trug sie in die Küche, damit sie sich in Ruhe von ihrem Zusammenstoß erholen konnte, ohne aus Versehen zertreten zu werden.Dann wendete er sich anderen Dingen zu.

Den Tag verbrachte Madame Flavicaus in einer angenehm dösigen Stimmung. Die frühsommerliche Wärme lockte die Menschen auf die Straßen und die ersten Sommerblumen aus ihrem Dämmerschlaf.

Sie ging im Park spazieren und bewunderte die vielen bunten Pflanzen und Vögel. Dann schlenderte sie durch die Gassen ihres Viertels, kaufte ein paar Köstlichkeiten in den kleinen Lädchen und sog den Geruch der frischen Backwaren ein, der aus den zahlreichen kleinen Cafés und Backstuben auf die Straße strömte. Kurz gesagt, sie genoss das bunte Treiben um sie herum.

Nach diesem erquickenden Tag betrat Madame Flavicaus abends mit einem Lächeln das Bürogebäude, um ihre Arbeit zu beginnen.

Freundlich grüßte sie den Pförtner, der bereits dabei war, seine alte Ledertasche für den Feierabend zu packen. Gerade sah sie noch, wie seine leere Brotdose darin verschwand.

Geduldig wartete sie vor den ratternden Fahrstühlen, die unermüdlich die Angestellten aus den oberen Etagen ins Erdgeschoss brachten, damit sie nach getaner Arbeit endlich nach Hause gehen konnten.Schmunzelnd beobachtete sie, wie zwei junge Menschen sich in der Menge einen tiefen Blick zuwarfen und dabei leicht erröteten.

Der Aufzug besaß eine lange Reihe von beleuchteten Knöpfen mit Zahlen, für jede Etage einen. Eine nähere Beschreibung der Firmen in den jeweiligen Stockwerken gab es nicht. Sie betrat den Fahrstuhl und drückte auf den zweiten Knopf von oben.

Ihr Arbeitsbereich lag fast unter dem Dach.Sorgfältig prüfte sie in ihrem Lagerraum, ob die Putzmittel in ausreichender Menge vorhanden waren, und sortierte sie ordentlich auf ihr Rollwägelchen, das sie dann hinter sich her in das erste Großraumbüro zog.

Madame Flavicaus wickelte das lange Kabel des Staubsaugers ab und steckte den Stecker in die Steckdose, gleich hinter der Tür zu dem Raum, in dem sie tagtäglich ihre Arbeit begann.

„Wie schön mein Leben doch ist!“, dachte sie sich.

Ihr fiel der sonnige Morgen ein, den sie jetzt so oft sie wollte auf ihrem kleinen Balkon begrüßen konnte. Sie dachte an die schönen Blumen im Park und atmete bei dem Gedanken an deren süßlichen Geruch genussvoll tief ein. Sie spürte, wie die ausgelassene Atmosphäre auf den Straßen ihres Viertels auf sie übergesprungen war und sie ganz abenteuerlustig machte.

Seit langem konnte sie zum ersten Mal die Tage völlig unbeschwert genießen, ohne noch ein kleines bisschen müde vom frühen Aufstehen zu sein.

Dankbar schaltete sie den Staubsauger an und begann, den Boden des ersten Großraumbüros mit gleichmäßigen Schwüngen gründlich zu reinigen. Dabei summte sie in einer dunklen Tonlage eine alte Volksweise.Das monotone Brummen des Gerätes nutzte sie als dürftigen Ersatz für den Kontrabass.

Ein lauter Fluch durchbrach das harmonische Geräusch.Und plötzlich verstummte auch noch der Sauger. Madame Flavicaus schaute hoch.Vor ihr hatte sich ein stark übergewichtiger Mann aufgebaut. Sein Gesicht war dunkelrot, und über seine breite Stirn zog sich direkt unter der Haut von oben nach unten eine dicke pulsierende Ader.

„Mein Herr?“, fragte Madame Flavicaus überaus höflich.

„Spinnen Sie?“, brüllte der Mann wütend los.

„Sehen Sie nicht, dass ich hier arbeiten muss?“

Sein schwabbeliger Hals schwoll an und gab ihm das Aussehen eines bulligen Stieres.

„Lärmen Sie hier nicht rum! Ich habe hochwichtige Dinge zu tun!“

Bei diesen Worten riss er Madame Flavicaus den Sauger aus der Hand und versuchte, sie mit seinem massigen Körper samt ihrer Putzausrüstung aus dem Großraumbüro zu schieben.

Und was tat die überraschte Madame Flavicaus?

Nun ja. Zunächst blieb sie einen Moment irritiert stehen. Versuchte innerlich, ihr Lied, das sie durch die Arbeit trug, weiterzusummen, um so einen angenehmen Ton der hasserfüllten Stimme des Mannes entgegensetzen zu können.

Aber als er sie mit seinem ganzen Gewicht unsanft anrempelte und aus dem Raum schieben wollte, da geriet sie für einen winzigen Moment aus dem Takt.

Madame Flavicaus taumelte und vergaß ihre Melodie. So, als wenn der Mann diese mit seinem harten Stoß aus ihrem Kopf gewirbelt hätte.

„Putzen Sie gefälligst woanders!“

Während er sprach, drängte der Mann sie immer weiter aus dem Raum.

Als sie beide auf dem Flur standen, nickte er nur schroff und meinte: „So! Auf Wiedersehen. Good luck. Viel Spaß. Adios.“

Und schon war er wieder in dem Büro verschwunden und schlug die Tür mit einem Knall hinter sich zu.

Verdutzt blieb Madame Flavicaus in dem Flur stehen und versuchte, wieder den Rhythmus ihrer inneren Melodie aufzunehmen. Aber sie konnte den Takt nicht mehr finden.Etwas verzagt rollte sie das lange Kabel des Staubsaugers über ihren Arm und öffnete die Tür zum nächsten Büro. Zum Glück war es leer.Konzentriert verrichtete sie ihre Arbeit und widmete sich dann einem Raum nach dem anderen, so wie sie es gewohnt war.Nur das schwungvolle Lied, das sie in sich gespürt hatte und das ihr den schnellen Takt vorgab, konnte sie nicht mehr hören. So sehr sie sich auch anstrengte.

Stunden später öffnete sie noch einmal die Tür zu dem Großraumbüro, das sie zuvor so abrupt verlassen musste.Das Licht war bereits gelöscht. Alle Plätze waren leer. Und nur bei einem Bürostuhl spürte sie beim Absaugen mit der schmalen Düse die Wärme, die der Stoff durch stundenlanges Sitzen eines Menschen aufgenommen hatte.

Es wunderte sie nicht, dass der Papierkorb an diesem Schreibtisch voll mit Speiseresten war, die von der braunen Innenwand heruntertrieften.Sie leerte ihn gleichmütig und drehte danach die Aufschrift NUR FÜR PAPIERMÜLL so, dass der Mitarbeiter, zu dem dieser Arbeitsplatz gehörte, es gleich am nächsten Morgen sehen musste.

Beim Abwischen seines Schreibtisches stieß sie ganz aus Versehen gegen die Computermaus, die zwischen Telefon und Tastatur lag.Der Monitor des Rechners wurde aus dem Schlafmodus geweckt und sprang an. Es klackte leise, und vor ihr erschien das Bild eines grinsenden Comic-Männchens, dessen Kopf zwischen zwei Paaren fast nackter Brüste steckte.Darunter konnte Madame Flavicaus in einem großen gelben Kasten folgenden Text lesen: „Larry, zwei Frauen gleichzeitig bringen dich um. Vergiss es. Übe erst einmal mit einer.“

Dazu gab es drei Auswahlmöglichkeiten: Spielstand sichern, neuer Versuch, beenden.Sie klickte mit der Maus auf „beenden“ und wischte den restlichen Schreibtisch ab. Dabei gab sie doppelt so viele Spritzer aus ihrer Sprühflasche mit dem Reinigungsmittel auf die Oberfläche als üblich.

Etwas müde und betrübt räumte sie ihre Putzmittel zurück in den Lagerraum und fuhr mit einem der Fahrstühle ins Erdgeschoss.

Zurück in ihrer Wohnung setzte sie sich in ihren gemütlichen Sessel am Fenster und schlief augenblicklich ein.

Am nächsten Abend erschien sie pünktlich und gut gelaunt zur Arbeit. Sie suchte ihre Putzsachen im Lagerraum zusammen und wollte gerade den Rollwagen rückwärts durch die weit geöffnete Tür schieben, als sie einen kräftigen Stoß spürte.

Überrascht drehte sie sich um. Eine junge Frau schaute sie unfreundlich an.

„Sagen Sie mal, können Sie nicht gucken?“, schnauzte diese los und hob dabei kaum ihre Augen von einem Stapel Papiere, den sie angestrengt durchblätterte.

„Was stehen Sie hier im Weg? Ich hätte mir sonst etwas tun können“, meckerte die Dame weiter.

Madame Flavicaus schaute sie nur verwundert an und sprach kein Wort.Mit einem leisen Nicken schob sie ihr Wägelchen das letzte Stück aus dem Raum heraus und schloss die Tür von außen.

„Hallo? Ich rede mit Ihnen!“

Die Frau stellte sich dicht vor Madame Flavicaus und starrte ihr wütend in die Augen.

„Schon einmal etwas von dem Wort ‚Entschuldigung‘ gehört? Oder kennen Sie unsere Sprache etwa nicht? Na, höchstwahrscheinlich nicht!“Madame Flavicaus zögerte einen Augenblick, nicht sicher, wie sie reagieren sollte. Dann zuckte sie nur mit den Schultern und warf der Frau einen entschuldigenden Blick zu.Die hatte ihre Augen bereits wieder auf ihre Papiere geheftet. Als keine Antwort von Madame Flavicaus kam, setzte sie ihren Weg über den Gang fort und murmelte dabei: „Unhöfliches Pack.“

Aus jahrelanger Gewohnheit betrat Madame Flavicaus wieder zuerst das Großraumbüro, in dem sie gestern dem unfreundlichen Herren begegnet war, und begann, eine leise Weise aus ihrer Heimat zu summen.

Sie hatte noch nicht einmal das Kabel ihres Staubsaugers in die Steckdose gesteckt, da hörte sie schon, wie jemand laut fluchend von seinem Arbeitsplatz herüberkam.

„Das darf doch nicht wahr sein?! Sie schon wieder?“, polterte sie eine männliche Stimme an.Es war ihre Begegnung vom Vorabend.

„Sie sehen doch, dass hier gearbeitet wird. Kommen Sie gefälligst später, wenn ich weg bin.“

Bei diesen Worten drängte er sie wieder mit seinem Körper heraus und verdeckte ihr so den Blick auf seinen Arbeitsplatz.

Als Madame Flavicaus sich von ihrer Überraschung erholt hatte, fand sie sich allein mit ihrem Wägelchen auf dem Flur, vor sich die geschlossene Bürotür.Sie ging über den Gang und guckte dabei genau, ob aus einem der anderen Räume noch Licht drang. Aber die übrigen Büros schienen dunkel und verlassen zu sein. Wohin die Frau von ihrem Zusammenstoß verschwunden war, hatte sie nicht beobachtet.

Also beschloss Madame Flavicaus, mit den Büros am anderen Ende des Ganges zu beginnen.Sie öffnete spontan eine der Türen und hörte sofort ein leises Stöhnen. Hatte sich jemand verletzt? Ohne groß zu überlegen, trat sie ein und betätigte den Lichtschalter. Der Raum erstrahlte sofort in dem kühlen Weiß zahlreicher Neonlampen.

Eine weibliche Stimme rief erschrocken: „Raus mit Ihnen!“

Dann hörte sie ein Rumpeln und Ächzen.Sofort zog sie sich zurück und löschte das Licht.

Hinter der nächsten Tür, die sie öffnete, war friedliche Stille. Sie begann dort zu saugen und arbeitete sich leise summend durch die anderen Räume vor, bis nur noch die beiden übrig blieben, in denen scheinbar noch gearbeitet wurde. Was auch immer das für die Menschen dort hieß.

Und die Toilettenräume.Sie beschloss, erst dort ihre Arbeit zu verrichten, um den Mitarbeitern noch ein wenig Zeit zu verschaffen. Denn die sollten doch ihren wichtigen Tätigkeiten ungestört nachgehen können.

„Wie schön mein Leben doch ist!“, sagte Madame Flavicaus sich, als sie die Damentoilette schrubbte.

Sie freute sich, dass sie nicht so lange Tage im Büro sitzen musste, wie es scheinbar einige der Angestellten nötig hatten. Sie war glücklich, dass sie die Freiheit hatte, sich auszusuchen, mit welcher Aufgabe und in welchem der Räume sie begann. Sie war überaus dankbar, dass es nur so wenige Störungen durch unzufriedene Mitarbeiter gab.

Als sie fertig war, sprühte sie noch einen Hauch Verbenen-Duft aus einem Zerstäuber, so dass ein leichter, frischer Zitrusgeruch im Raum hing. Dann wechselte sie zur gegenüberliegenden Herrentoilette. Dort öffnete sie die Tür. Lauschte kurz und stellte ihren Putzwagen so in den Eingang, dass für einen eventuellen Besucher sofort sichtbar war, dass hier gerade gereinigt wurde.

Sie begann leise summend, die Reste und Spuren der Menschen zu beseitigen, die den Raum im Laufe des Tages aufgesucht hatten.Als sie schon fast fertig war, hörte sie ein unfreundliches Räuspern hinter sich.Sie blickte hoch und wischte sich mit den Armen die großen Locken aus dem Gesicht. Dabei versuchte sie, den Kontakt zu ihren nassen Gummihandschuhen zu vermeiden.

Der dicke Mann aus dem Büro stand vor ihr und machte eine Geste mit den Händen, die sie herauswinken sollte.

„Putzen Sie in meinem Büro weiter. Ich muss hier rein.“

Sie nickte freundlich, nahm ihr Wägelchen und tat, was der Herr wünschte.

An seinem Arbeitsplatz hatte sich zum Abend zuvor nicht viel geändert. Der Mülleimer quoll über vor Resten von ungesundem Essen. Das Ganze war überzogen von einer hellgelben zähen Sauce, die aus einem großen Becher mit der Aufschrift SAHNEPUDDING triefte.

Madame Flavicaus leerte das Behältnis und reinigte es gründlich. Sie warf einen Blick auf den Tisch. Die Arbeitsplatten in den Büros brauchte sie laut Putzplan nur einmal pro Woche zu reinigen. Doch sie war neugierig. Ganz leicht stieß sie mit einer Hand gegen die Maus.

Wieder sprang der Monitor durch die Bewegung mit einem Klacken an.Und wieder strahlte ihr ein Comic-Männchen entgegen. Sie vermutete, dass es das Gleiche wie am Vortag war. Es lachte breit im Vordergrund, dahinter waren offene Sektflaschen gezeichnet und rechts sah man nackte Frauenbeine, die mit Pumps beschuht auf einem Sofa lagen. In der Ferne waren die Silhouetten wild tanzender Menschen zu sehen.

LEISURE SUIT LARRY RELOADED stand in großen Lettern über der Szene. Darunter nur GAME OVER.

Madame Flavicaus wischte den Schreibtisch sauber, was durchaus angebracht war bei den klebrigen Spuren auf der Tischplatte und der Tastatur.

„Wie schön mein Leben doch ist!“, sagte sie sich, denn ihr tat der beleibte Mann leid, der scheinbar sein eigenes Zuhause so wenig mochte, dass er Abend für Abend im Büro blieb und dort Computerspiele spielte, nur um nicht heim zu müssen.