Beschreibung

Er will ihr Leben. Er will ihr Blut. Er ist eine Bestie.

Eine Stadt in den Fängen einer brutalen Bestie: Ein Serienmörder treibt sein grausames Unwesen. Er macht Jagd auf junge Frauen, die er auf brutalste Weise zu Tode beißt. Er zieht seine blutige Spur durch die Stadt und stürzt seine Opfer und Verfolger in einen Alptraum, aus dem es kein Entkommen gibt. Franka Hahne und Michael Stüttgen ermitteln unter extremem Druck, denn niemand weiß, wann der Wahnsinnige das nächste Mal zuschlagen wird …

Erste Leserstimmen
„Der Thriller ist ganz gewiss nichts für schwache Nerven!“

„ein düsterer und packender Thriller, der die finsteren Seiten der menschlichen Seele aufzeigt“
„Perfekt für alle, die das perfide Katz- und Maus-Spiel zwischen Ermittlern und Killer lieben!“
„ein Pageturner, der mit jeder Seite fesselnder wird“

Über den Autor
Seit 1999 schreibt Andreas Schmidt Kriminalromane und Kurzgeschichten. Den Kontakt zu seinen Lesern sucht – und findet – er auf seinen Lesereisen, die ihn quer durch die Republik führen. Sein liebster Tatort: Die bergische Metropole Wuppertal!

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Seitenzahl: 474

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Über dieses E-Book

Eine Stadt in den Fängen einer brutalen Bestie: Ein Serienmörder treibt sein grausames Unwesen. Er macht Jagd auf junge Frauen, die er auf brutalste Weise zu Tode beißt. Er zieht seine blutige Spur durch die Stadt und stürzt seine Opfer und Verfolger in einen Alptraum, aus dem es kein Entkommen gibt. Franka Hahne und Michael Stüttgen ermitteln unter extremem Druck, denn niemand weiß, wann der Wahnsinnige das nächste Mal zuschlagen wird …

Impressum

Überarbeitete Neuausgabe Dezember 2018

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Made in Stuttgart with ♥ Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-592-5 Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-602-1

Copyright © Oktober 2010, Juhr-Verlag Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits Oktober 2010 bei Juhr-Verlag erschienenen Titels Mein ist die Nacht (ISBN: 978-3-89796-220-0).

Covergestaltung: Sarah Schemske unter Verwendung von Motiven von pixabay.com: © LionFive Korrektorat: Lennart Janson

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Prolog

Als er erwachte, spürte er ein unbestimmtes Verlangen. Gier beherrschte sein Denken und Handeln, als er aufstand und an das Fenster trat. Die Dunkelheit hatte sich wie ein Leichentuch über die verfallenen Gebäude der Stadt gesenkt. Er hatte lange geschlafen und war erst am Abend erwacht. Während er durch das fast staubblinde Fenster hinaus in die Nacht blickte, stellte er fest, welch düstere Wolken sich vor den Mond geschoben hatten. In den letzten Stunden hatte Schneefall eingesetzt, und die Stadt schien unter einer unsichtbaren Schallglocke zu stecken. Es war totenstill draußen, und er versuchte sich daran zu erinnern, wann es zuletzt im November geschneit hatte.

Heute Nacht war es endlich so weit.

Er würde dem Verlangen nachgeben. Tun, was er tun musste.

Wochenlange Arbeit lag hinter ihm, nun würde er die Früchte seiner Mühen ernten. Ein teuflisches Grinsen huschte um seine blutleeren Lippen, als er sich abwandte und ruhelos durch die Räume schlich. Er war zu einem Wesen der Nacht geworden und er war sicher, dass sich sein Wille, so zu leben, heute Nacht manifestierte. Komplett aufgegeben hatte er sich in den letzten Wochen. Für verrückt hatte man ihn erklärt, ein Arzt hatte ihn sogar einweisen wollen. Er hatte sich enttäuscht und verbittert zurückgezogen. Dann würde er sein Ziel eben anders erreichen.

Nein, er war nicht verrückt.

Er war anders.

Lange hatte er nach einer geeigneten Räumlichkeit für sein Vorhaben gesucht und sie schließlich in einer leer stehenden Fabrikhalle am Ufer der Wupper gefunden. Der Besitzer – sollte es ihn tatsächlich noch geben – hatte das Gebäude offenbar längst aufgegeben, und so ruhte die alte Fabrik in einer Art Dämmerschlaf und wartete darauf, ihm für seine große Tat zur Verfügung zu stehen. Es war eine Kleinigkeit für ihn gewesen, das Schloss der eisernen Eingangstür im Hof auszutauschen. Niemand interessierte sich mehr für das verfallene Gebäude, hier war seit Wochen kein Mensch mehr gewesen. Also hatte er sich die Räume im oberen Stockwerk der alten Fabrik für ein ungestörtes Treffen hergerichtet. Meist hatte er nachts gearbeitet, wenn alle schliefen und das Viertel noch verlassener als tagsüber war. Die Nacht war seine Zeit, lange schon nicht mehr der Tag. Einem Schatten gleich glitt er durch die einsame Halle, die mit Zwischenwänden in kleinere Räumen aufgeteilt worden war.

Er war ein Geschöpf der Finsternis geworden.

Nun hatte er den Raum erreicht, in dem es heute Nacht geschehen würde. Eine fiebrige Erregung ergriff von ihm Besitz, als seine Finger beinahe liebevoll über das kalte Leder der Bahre glitten. Hier würde sie schon in ein paar Stunden liegen und ihm gehören. Sie wusste ja nicht, worauf sie sich einließ. Er spürte die feinen Vertiefungen des Leders an seinen Fingerkuppen und erschauderte.

Mit einem Ruck wandte er sich ab, trat wieder an eines der hohen Fenster, die mit eisernen Sprossen in kleine, gläserne Felder unterteilt waren, und blickte hinaus. Um diese Zeit verirrte sich kaum ein Mensch in dieses Viertel. Niemand wusste, dass er hier hauste, sogar Obdachlosen war diese Bleibe zu heruntergekommen, oder sie hatten schlicht Angst davor, eine Nacht in diesem unheimlichen Gebäude zu verbringen, in dem das Dach undicht war und nachts Ratten über den Boden huschten und die Räume mit ihrem schrillen Fiepen erfüllten, stets auf der Suche nach Beute. Nein, hierhin trieb es niemanden freiwillig. Normalerweise. Doch die Hallen mit den hohen Decken waren wie geschaffen für seine Arbeit. Als er den Raum durchschritt, hallten seine Schritte von den schwarz gestrichenen Wänden zurück. Er liebte den morbiden Charme dieses Stadtteils. Leer stehende Gebäude, heruntergekommene Wohnblöcke und verlassene Fabriken. Kneipen, die schon vor Jahren für immer geschlossen hatten. Seit langem ging das Gerücht um, dass hier bald die Abrissbirne zum Zuge kommen und die geschichtsträchtigen, aber baufälligen Gebäude am Ufer der Wupper dem Erdboden gleichmachen würde. Wahrscheinlich würden sie hier ein weiteres Einkaufszentrum errichten. Oder ein Parkhaus, vielleicht auch beides.

Doch noch war es nicht so weit.

Wer hier nach Einbruch der Dunkelheit durch die engen Straßen schlich, konnte sich kaum vorstellen, dass kaum einen halben Kilometer weiter das Leben der Großstadt brodelte. Einkaufspassagen, hektische Menschen, die auf der Suche nach einem Geschenk waren. Das Weihnachtsfest, für ihn die größte Lüge der Menschheit, stand bevor und beherrschte das Denken und Handeln der Sterblichen. Jedes Jahr fielen die Leute auf den Schwindel herein, mühten sich in überfüllten Innenstädten ab, um sich an Heiligabend nicht zu blamieren. Er grinste in Vorfreude auf das Geschenk, das er sich heute schon machen würde. Gut, bis Weihnachten waren es noch ein paar Wochen hin. Aber er feierte das Fest der Christen schon lange nicht mehr.

Es gab noch viel vorzubereiten.

Dienstag

19.05 Uhr

Der Winter im Bergischen Land kotzte ihn wirklich an. Wenn es mal schneite, dann kam gleich der komplette Verkehr zum Erliegen. Feine Schneeflocken wirbelten gegen die Windschutzscheibe, um dort zu schmelzen, noch bevor die Scheibenwischer die Flocken fortwischen konnten. Das Wischergestänge quietschte bei jedem Hub, und er umklammerte den abgewetzten Lenkradkranz des alten Opel. Die Schneedecke auf dem Asphalt glitzerte im Scheinwerferlicht, das dem Wagen vorauseilte und die Nacht mit breiten Lichtbalken durchschnitt. Aus dem Radio ertönte leise Musik. Sie hörten beide nicht zu, hingen ihren Gedanken nach. Die Musik wurde fast vollständig vom monotonen Summen des Heizgebläses geschluckt, das auf Hochtouren lief und so verhinderte, dass die Scheiben des Autos beschlugen. Er seufzte unmerklich und schüttelte immer wieder den Kopf.

Auf der Straße herrschte kaum Verkehr. Seine markanten Gesichtszüge schimmerten im Widerschein der Armaturenbeleuchtung. Fest lagen seine Hände auf dem Lenkrad, den Blick hatte er starr nach vorn gerichtet. Die Kieferknochen mahlten, ein Zeichen dafür, dass er angestrengt nachdachte.

Dann hatten sie die angegebene Adresse erreicht. Eine enge Straße mit heruntergekommenen Fabrikgebäuden, die am wolkenverhangenen Himmel über Wuppertal zusammenzuwachsen schienen. Die Anfahrt über die Wesendonkstraße hatte sich wegen chaotisch abgestellter Autos als schwierig erwiesen. Er stoppte den Wagen am Straßenrand und blickte zu ihr herüber. „Hier ist es“, bemerkte er überflüssigerweise.

Sie nickte und löste den Sicherheitsgurt. „Fünf Minuten zu spät.“

„Er kann froh sein, dass du bei diesem Scheißwetter überhaupt zu ihm kommst“, knurrte er.

„Das ist mein Job.“

„Tolle Gegend.“ Die Häuser in dieser Straße waren marode. Altbauten, die ihrem Namen alle Ehre machten. Staubblinde Fenster, Putz, der von den Fassaden bröckelte, und überquellende Mülleimer sowie Unmengen von Unrat in den Hofeingängen prägten das Straßenbild. Auch die teils anzüglichen Graffitis an den Hauswänden vermochten es nicht, mehr Farbe in dieses Viertel zu bringen.

Unterwegs hatten sie sich angeschwiegen. Natürlich passte es ihm nicht, dass sie abends zu einem anderen Kerl ging. Er machte keinen Hehl aus seinem Unmut und seiner Eifersucht. Dass er sie begleitete, hatte sie vehement abgelehnt. Und ihn damit in seiner Eifersucht bestärkt.

„Es ist doch nur ein Job“, hatte sie immer wieder versucht ihn zu beruhigen.

Doch er war anderer Ansicht. „Jobs macht man tagsüber. In Studios, in Agenturen, bei Castings. Nicht zu nachtschlafender Zeit in irgendwelchen leer stehenden Fabrikgebäuden.“

„Er ist Künstler, kein Fotograf, der im Atelier arbeitet und spießige Hochzeitspaare oder Schul- und Kommunionskinder ablichtet. Er ist anders, kreativ und ...“ Jetzt lachte sie. „Ja, er ist auch ein Spinner. Wie alle Kreativen halt. Er lässt sich nicht in ein Atelier zwängen, hält sich nicht an feste Arbeitszeiten und fotografiert dort, wo er am besten arbeiten kann – was ist so schlimm daran, dass das Studio in einer Fabrikhalle liegt?“

Jetzt war es an ihm zu lachen. Doch es klang nicht amüsiert, sondern verbittert. „Was so schlimm daran ist? Die Uhrzeit zum Beispiel. Der Ort zum Beispiel. Und die Tatsache, dass ich den Kerl nicht kenne.“ Nervös trommelte er auf dem Lenkrad herum.

„Ich geh jetzt da rein und mach mein Ding. Es dauert ein, zwei Stunden, dann bin ich durch, habe mein Geld verdient und gehöre wieder dir.“ Sie lächelte ihn sanft an und ergriff seine Hand. Als er nicht reagierte, stieß sie die Wagentür auf. Kalte Luft und Schneeflocken wirbelten ins Wageninnere.

„Also gut. Hol mich in anderthalb Stunden ab – wenn du magst. Wenn nicht, auch gut. Dann nehm’ ich mir ein Taxi und fahr nach Hause.“

„Wie du meinst.“ Er blickte stur geradeaus.

Sie beugte sich zu ihm hinüber und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange, doch er reagierte nicht. Gut, dachte sie, dann eben nicht. Mit einer Mischung aus Wut und Enttäuschung im Bauch stieg sie aus. Beinahe wäre sie auf der Schneedecke des Bürgersteigs ausgerutscht. Sie klammerte sich mit der rechten Hand am Rahmen der Wagentür und mit der linken am Autodach fest, als sie sich noch einmal ins Wageninnere beugte.

„Wir telefonieren dann.“ Ohne seine Antwort abzuwarten, warf sie die Beifahrertür zu und wandte sich zum Gehen. Ein wenig nachdenklich blickte sie an der stuckverzierten Fassade des Altbaus hoch. Nur hinter einem der schmalen Fenster brannte noch Licht. Da musste es sein, dachte sie, als hinter ihrem Rücken der Wagen ihres Freundes anfuhr.

Er war wütend und gab zu viel Gas. Prompt drehten die Antriebsräder des Opel durch. Sekundenlang schlingerte der alte Kombi, dann hatte er den Wagen wieder unter Kontrolle und fuhr in gemäßigtem Tempo weiter. Er verfuhr sich in dem Labyrinth aus Einbahnstraßen, bog irgendwann in die Bembergstraße ab und passierte die alte Wupperbrücke. Schwarz glitzerte der Fluss im Zwielicht. Die rot glühenden Rücklichter des Opel verschwanden in der Nacht.

Als auch das Motorengeräusch verebbt war, griff die Stille der Winternacht mit ihren eisigen Klauen nach ihr. Eigentlich liebte sie diese paradiesische Stille, die es nur in verschneiten Winternächten gab. Es war, als würde die Welt unter einer Schallschutzglocke aus frischem, weißem Schnee versinken. Jedes Geräusch wurde geschluckt, die Landschaft wirkte friedlich wie im Märchen. Sie versuchte sich daran zu erinnern, wann es zum letzten Mal in der Gegend einen derartigen Winter gegeben hatte. Das Klima ist im Eimer, dachte sie. Die Sommer waren tropisch heiß und die Winter wurden von Jahr zu Jahr härter und länger. Es gab nur noch Extreme, keinen normalen Winter und keinen normalen Sommer mehr.

Als sie den Kopf in den Nacken legte und an dem Haus emporblickte, sah sie einen hochgewachsenen Schatten hinter einem der Fenster auftauchen.

Er erwartete sie also schon.

Ihr Weg führte in einen kleinen Hof. Rechts eine Laderampe, die seit Jahren vor sich hin rostete, links der Eingang. Eine nackte Birne warf ihr Licht in den Schnee. Sie betrat den Hauseingang, brauchte nicht nach der richtigen Klingel zu suchen, da er oben bereits den Türöffner betätigte. Als sie sich gegen die schwere Haustüre warf, fiel sie fast ins Innere des Altbaus. Oben wurde das Treppenhauslicht eingeschaltet, und sie fand sich neben einer Reihe blecherner Briefkästen wieder. Wahrscheinlich waren zu besseren Zeiten mehrere Firmen in diesem Gebäudekomplex untergebracht gewesen. Eine ausgetretene Betontreppe führte am Lastenaufzug vorbei nach oben. Es roch muffig, und sie rümpfte angewidert die Nase.

„Nimm den Aufzug, erster Stock!“, hallte seine Stimme von oben durch das nackte Treppenhaus.

„In Ordnung“, rief sie hoch und wandte sich nach links. Sie öffnete die schwere Tür des Lastenaufzugs und drückte auf die glühende Eins. Knarrend und rumpelnd setzte sich die große Kabine in Bewegung. Das Mauerwerk schien an ihr vorüber zu kriechen. Witzbolde hatten die Wände mit Fußabdrücken versehen. Die Seile, die den Aufzug nach oben zogen, ächzten bedenklich, und unwillkürlich fragte sie sich, wann der Aufzug zum letzten Mal gewartet worden war. Das Licht an der Decke flackerte und beschleunigte ihren Herzschlag. Ein Stromausfall in der Kabine des alten Aufzuges wäre so ziemlich das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte. Im Schneckentempo erreichte der Lift die obere Etage. Eine große, handgemalte Eins an der Eisentür verriet ihr, dass sie angekommen war. Sie stemmte sich mit dem Gewicht ihres Körpers gegen die Tür, die mit einem ohrenbetäubenden Quietschen nachgab. Auf dem Gang schleuderte ihr eine einzelne Birne ihren grellen Lichtschein entgegen. Ihr war egal, wie ihr Auftraggeber hier hauste. Sie wollte hier nicht einziehen – sie wollte hier einen Job machen und dann wieder verschwinden. Schnell verdientes Geld, ohne Bürokratie und ohne Finanzamt. Und ganz nebenbei konnte sie ihre Neigung ausleben. So mochte sie es.

Leise Musik drang ihr entgegen. Sie zögerte einzutreten und klopfte gegen das vergilbte Holz einer Tür, die nur angelehnt war.

„Hallo?“, rief sie nach drinnen.

Schritte näherten sich. Die Tür wurde weiter geöffnet, und sein Gesicht erschien im Rahmen. Tiefe Ringe lagen unter wachsamen Augen, die Wangenknochen waren hoch und kantig, die Lippen schmal, aber dennoch sinnlich. Ihr kam es sofort so vor, als könne er zum tiefsten Grund ihrer Seele vordringen. In seinem Blick lag die Erfahrung eines reifen Mannes, doch er war nicht wesentlich älter als sie. Er betrachtete sie aufmerksam, während er den Eingang freigab und sie hereinbat.

„Hallo, du musst Mandy sein.“

Freundlich, sympathisch, stellte sie einigermaßen erleichtert fest. Er gab den Eingang frei.

„Ja, die bin ich. Und du bist ...“

„Clay.“

Nachdem sie eingetreten war, drückte er die Tür ins Schloss und legte den Riegel vor. „Ich bin ein sehr ängstlicher Mensch“, kommentierte er sein Verhalten, als er Mandys fragenden Blick sah.

„Oder besser: Ich bin ein vorsichtiger Mensch.“

Sie nickte und streifte den langen Mantel ab. Darunter trug sie ein kurzes, enganliegendes Kleid mit tiefem Ausschnitt. Ihre vollen Brüste wölbten sich unter dem Stoff. Dazu trug sie schwarze Nylonstrümpfe und kniehohe Stiefel. Seine lüsternen Blicke blieben ihr nicht verborgen.

Sie lächelte. „Gefalle ich dir?“

„Siehst gut aus, wie auf den Fotos im Internet.“ Er nahm ihr den Mantel ab, um ihn an der einfachen Garderobe aufzuhängen. Anscheinend war er ein ordnungsliebender Mensch, er benutzte einen freien Bügel und strich den Stoff glatt, bevor er den Mantel aufhängte. Sie betrachtete ihn so unauffällig wie möglich. Clay trug ein schwarzes Hemd, dazu eine ebenso schwarze Jeans und leichte Schuhe, natürlich auch in Schwarz. Wie hießen diese Typen doch gleich? – Gruftis? Sie trieben sich nachts auf Friedhöfen herum. Er passte in diese düstere Gegend. Doch im Gegensatz zu den Typen, an die sie dachte, ging von Clay eine unbeschreibliche Faszination aus. Seine Augen zogen sie förmlich in ihren Bann. Ein Schauer rann ihren Rücken hinunter.

„Und du bist also ein Freund der Finsternis?“ Sie lächelte ihn kokett an.

„Möglich. Die Dunkelheit fasziniert mich, deshalb liebe ich es, mit dem Licht zu experimentieren. Fotografie ist die Kunst, mit Licht und Schatten zu arbeiten.“ Seine Lippen bildeten ein schmales Lächeln. Ein unheimlicher Typ, dachte sie und erschauderte. Ihr Gastgeber war unwesentlich älter als sie, vielleicht um die dreißig, hatte pechschwarzes, langes Haar, das er zu einem Zopf zusammengebunden hatte. Er trug einen fein gestutzten Kinnbart. Der Blick seiner grünen Augen lag auf ihr, als wolle er sie abtasten. Sie sah sich in dem langen, schmalen Korridor um. An den Wänden hingen Fotografien in halterlosen Glasrahmen. Sie zeigten nackte Frauenkörper. Erotische Fotografie, sehr ästhetisch, meist in Schwarz-Weiß. Die Gesichter der Frauen blieben dem Betrachter verborgen – sie lagen entweder nicht im Bildbereich oder drehten dem Künstler den Rücken zu. Er beherrschte das Zusammenspiel von Licht und Schatten, verstand es, die Konturen des weiblichen Körpers vorteilhaft zu betonen, das erkannte sie auf den ersten Blick.

„Gefallen dir meine Arbeiten?“ Er war hinter sie getreten und folgte ihren Blicken. Sie bemerkte seinen Atem in ihrem Nacken und spürte, wie sich ihre Nackenhaare aufrichteten. Unwillkürlich trat sie einen Schritt vor und nickte. „Allesamt Kunstwerke“, sagte Mandy bewundernd.

„Du wirst auch zu einem meiner ... Kunstwerke“, erwiderte er und führte sie in eine Art Wohnzimmer. Ihr fiel auf, dass er anscheinend aus einem großen Raum mehrere kleine gemacht hatte. Hier brannten Kerzen. Die Einrichtung war einfach, aber geschmackvoll. Es gab eine bequeme Ledercouch, einen hölzernen Tisch davor, einen passenden Sessel, ein Regal mit Bildbänden und einen hochmodernen, sicherlich sündhaft teuren Fernseher, der fast eine ganze Wand des quadratischen Zimmers einnahm.

Sie blickte sich um. „Willst du ... ich meine, wollen wir ... hier?“

„Nein, die Fotos machen wir gleich drüben in meinem Atelier“, antwortete er lächelnd. „Ich dachte, wir trinken erst einmal etwas, um uns kennenzulernen. Um warm zu werden.“

„Einverstanden.“ Sie sank auf das Sofa. Der Saum ihres Kleides rutschte höher, und sie bemerkte sofort, dass er ihre Beine betrachtete. Schnell zupfte sie ihr Kleid zurecht und schlug die Beine übereinander.

„Du bist schön“, stellte er fest, bevor er in der Küche verschwand. „Leider ist meine Getränkeauswahl nicht sehr groß. Magst du Wein, Cola oder Whisky?“

„Dann gerne einen Whisky.“

„Geht klar“, antwortete er aus der Küche, die dem Wohnzimmer gegenüber lag. Sie hörte ihn mit Gläsern und einer Flasche hantieren, dann erschien er mit den Getränken im Wohnzimmer. Nachdem er ihr das Whiskyglas gereicht hatte, ließ er sich auf dem gegenüberliegenden Sessel nieder. Er hatte sich eine Cola mitgebracht. Schweigend tranken sie.

Mandy nahm einen tiefen Schluck und bemerkte, wie er sie über den Rand seines Glases hinweg betrachtete.

„Wer war das eben?“, brach er schließlich das Schweigen.

Mandy verstand nicht sofort und legte fragend den Kopf schräg. „Wer?“

„Der Mann, mit dem du gekommen bist. Ich habe gesehen, dass ein Mann den Wagen gefahren hat.“

„Ach das“, lachte sie und bemerkte, dass ihre Stimme aus einem ihr unbegreiflichen Grund zitterte. „Das war Tom, mein Freund.“

Clay nickte. „Ist er ... seid ihr schon lange zusammen?“

„Seit vier Monaten.“ Das Thema war ihr unangenehm. Üblicherweise trennte sie Privat- und Geschäftsleben voneinander. Mandy trank schnell, vielleicht zu schnell, denn sie merkte schon die Wirkung des Alkohols.

„Ist er eifersüchtig?“ Der mysteriöse Fotograf betrachtete sie mit ernster Miene und drehte das Glas zwischen den Händen.

„Ziemlich, ja. Er mag es nicht, dass ich mich vor anderen Männern ausziehe, um mich fotografieren zu lassen.“

„Hast du jemals daran gedacht, ihn zu belügen?“

Mandy stutzte. Warum stellte er ihr diese Frage? Sie hatten sich im Internet kennengelernt. Er war ambitionierter Fotograf, und sie ein recht erfolgreiches Model. Bislang verdiente sie ihr Geld zwar fast ausschließlich mit Nacktfotos, aber bald schon, da war sie sicher, würde sich eine der großen Agenturen für sie interessieren. Das Modeln war ihr Job, nicht mehr und nicht weniger. Mandy nutzte jeden Auftrag, um in ihrer Karriere einen Schritt weiterzukommen. So hatte sie sich in mehreren Internetforen eingetragen, um an möglichst viele Aufträge zu gelangen. Eigentlich arbeitete sie in einem Drogeriemarkt, doch das war kein Job, in dem sie alt werden wollte, deshalb träumte sie von einer Karriere als Model. Und damit verdiente sie sich etwas dazu. Ganz nebenbei konnte sie sich so ausleben. Doch davon musste Tom nichts wissen. Sie sagte ihm noch lange nicht alles.

„Warum sollte ich ihn belügen? Er hat mich als Model kennengelernt und wusste vom ersten Tag an, was ich beruflich mache.“

„Hm.“ Clay nickte nachdenklich und erhob sich. Trat ans Fenster und blickte hinaus in die verschneite Nacht. „Ich habe euch vom Fenster aus beobachtet. Verzeih meine Direktheit: Sehr verliebt scheint ihr nicht zu sein.“

„Wie gesagt, er ist eifersüchtig.“ Mandy leerte ihr Glas. „Aber das ist sein Problem. Damit muss er klarkommen. Können wir jetzt mit der Arbeit anfangen?“ Sie wollte mit dem Job durch sein, bevor sich die Wirkung des Alkohols voll entfaltet hatte. Es erschien ihr unprofessionell, betrunken zu posieren. Bereits als sie sich erhob, spürte sie, dass ihre Knie weich wurden. Sie fühlte sich benommen, fast so, als hätte sie die ganze Whiskyflasche allein geleert. Was war nur los mit ihr?

Clay drehte sich zu ihr um. „Natürlich. Je früher, desto besser. Eins noch: Hast du ein Handy?“

„Natürlich.“

„Würde es dir etwas ausmachen, es abzuschalten? Diese Dinger klingeln in den unmöglichsten Situationen, und das kann bei der Arbeit sehr störend sein.“

„Klar – kein Problem.“ Sie nahm ihr Handy aus der Tasche und schaltete es ab.

„Danke.“ Er lächelte höflich. „Ich geh schon mal nach nebenan, in mein Atelier. Zieh dich aus.“

Sie zögerte. „Dein Studio ist hier in deiner Wohnung?“

„Sag nicht Studio, das klingt so technisch. Fotografieren ist eine Kunst, deshalb nenne ich es mein Atelier.“

Es war beileibe nicht das erste Mal, dass sie Aktaufnahmen mit einem fremden Fotografen machte, aber irgendetwas war diesmal anders. Sie spürte es, aber sie reagierte nicht auf die Alarmglocken, die in ihr schrillten. Sie streifte sich das Kleid ab und stand in Unterwäsche und Strümpfen vor ihm.

„Die Nylons und die Stiefel kannst du anlassen, das passt zum Motto.“

„Was ist denn das Motto?“

„Fetisch“, erwiderte er kurz angebunden und verschwand aus dem Zimmer. In einem anderen Teil der Wohnung hörte sie ihn an der Ausrüstung herumhantieren. Zögernd legte sie ihre Kleider zusammen und folgte ihm.

Diesmal kam sie sich besonders nackt vor.

Ausgeliefert.

Klein und verletzlich. Dennoch versuchte sie, ihre Empfindungen zu unterdrücken, als sie sein Atelier betrat. Schließlich war das alles nur ein Job.

19.20 Uhr

Planlos fuhr er durch die Dunkelheit, starrte mit geröteten Augen in die Schneeflocken, die vor der Motorhaube seines Astra Kombi einen wilden Tanz aufführten. Er hatte sich dafür entschieden, die Stadt über die viel befahrene Gathe und die Uellendahler Straße zu verlassen, die nach Norden führte. Einen Augenblick lang hatte er ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, sich in den vorweihnachtlichen Trubel der Elberfelder Innenstadt zu stürzen. Doch allein die Vorstellung, stundenlang für einen Parkplatz anzustehen, hatte den Gedanken zu einer Horrorvorstellung reifen lassen. Beim Autofahren konnte er sich am besten ablenken. Die letzte Tankstelle hatte rechts vor einem Kreisverkehr gelegen. Die Lichter waren aus, der Tankwart hatte es vorgezogen, seinen Feierabend gemütlich zu Hause zu verbringen.

Er ärgerte sich, denn die Tanknadel näherte sich bedenklich dem roten Bereich.

Also weiter und hoffen, dass er eine Tankstelle fand, die noch nicht geschlossen hatte. Autobahntankstellen hatten Tag und Nacht geöffnet, und die Straße verlief parallel zur A46. Wenn er den Kopf nach rechts wandte, konnte er dort immer die Lichter der entgegenkommenden Fahrzeuge in der Dunkelheit ausmachen. Als er das blaue Hinweisschild sah, setzte er den Blinker und nahm die nächste Autobahnauffahrt. Nachdem er die langgezogene Kurve vorsichtig passiert hatte, stellte er erleichtert fest, dass der Winterdienst bereits eine Schneise in den Schneematsch der rechten Fahrspur geschlagen hatte. So ordnete er sich hinter einem Lastwagen mit polnischem Kennzeichen ein und zuckelte mit knapp siebzig Stundenkilometern hinter dem Sattelzug her, dessen Aufbau vor dem Opel wie eine Mauer in den Himmel zu ragen schien. Schnee flog von der Plane des Aufliegers und klatschte gegen den Wagen. Er fluchte wild und vergrößerte den Abstand. Nach ein paar Minuten kreisten seine Gedanken wieder um Mandy. Auf den letzten Kilometern hatte er mehrmals den Plan gefasst, einfach umzudrehen, um sie aus der Wohnung dieses seltsamen Fotografen zu holen, um sie einfach von diesem notgeilen Bock wegzubekommen. Thomas Belter bezweifelte keine Sekunde, dass dieser Kerl alles andere als seriös war. Wer sein Model nach Einbruch der Dunkelheit bis tief in den Abend hinein zu einem Shooting in eine offenbar leer stehende Fabrik in der dunkelsten Gegend von Wuppertal bestellte, war alles andere als normal.

Warum hatte sie nicht auf ihn gehört?

Er hasste ihren Trotz, wurde jedes Mal wütend, wenn sie ihm leichtfertig blinde Eifersucht unterstellte, sobald er sich um sie sorgte. Natürlich passte es ihm nicht, wenn sie sich vor den Augen eines anderen Mannes auszog, um für ihn zu posieren. Natürlich schnürte sich ihm die Kehle zu, wenn er daran dachte, dass seine Freundin anderen Kerlen als Wichsvorlage diente.

Er liebte sie. Und er wollte sie nicht mit fremden Typen teilen.

Auch der Vorwand, es seien doch nur Fotos, stimmte ihn nicht milde. Es waren aufreizende Posen, die bei Männern die Fantasie anregten.

Natürlich verkaufte sie nicht ihren Körper.

Doch, schrie alles in ihm. Sie verkaufte ihren Körper. Nein, natürlich war sie keine Nutte, natürlich trieb sie es nicht mit allen Männern, die sie nackt sehen konnten. Aber allein der Gedanke, dass die Burschen, die sie so sahen, sich an seiner Freundin aufgeilten, allein dieser Gedanke kotzte ihn an.

Diesmal war es anders. Er hatte einfach nur Angst um Mandy. Er wusste, dass mit diesem seltsamen Fotografen etwas nicht stimmte. Das dumpfe Gefühl tief in ihm hatte nichts mit Eifersucht zu tun. Es war die Sorge, dass dieser Typ ihr etwas antun könnte. Immerhin war sie allein mit ihm in seiner Wohnung, die in einem zwielichtigen Viertel der Stadt lag. Selbst wenn sie schrie, würde sich niemand um ihr Geschrei kümmern, so viel stand für ihn fest. Die Gegend, in der er sie abgeliefert hatte, wurde von Kriminalität und organisiertem Verbrechen beherrscht. Kleinkriege, Schlägereien und Schreie waren in diesem Viertel alltäglich. Bei dem Gedanken daran, dass ihr dort etwas zustoßen könnte, schnürte sich ihm die Kehle zu. Das Viertel, beherrscht von unzähligen, verschiedenen Kulturen und von Arbeitslosigkeit, war ein Schmelztiegel des Verbrechens.

Vermutlich würde es nicht einmal auffallen, wenn er sich an ihr verging und sie um Hilfe rief. Der Kerl hatte freie Bahn.

Diese Gedanken quälten ihn. Was sie jetzt gerade wohl tat? Sicherlich räkelte sie sich nackt vor seiner Linse, vielleicht spreizte sie sogar die Beine und zeigte diesem Heini das, was nur ihm gehören sollte. Es gab Männer, die es anmachte, wenn andere Kerle ihre Frauen nackt sehen konnten. Alle durften sie ansehen, aber nur sie allein durften mit ihnen vögeln. Der Gedanke daran machte diese Männer scharf.

So war er nicht.

Er liebte Mandy, und er wollte sie für sich allein. Wäre es anders gewesen, hätte er ihr ihren Wunsch nicht abgeschlagen, sie in den Swingerclub zu begleiten. Er wollte sie nicht teilen müssen. Sie hatte ihm beigepflichtet. Natürlich wollte sie ihm allein gehören, natürlich verstand sie seine Eifersucht.

Warum, verdammt noch mal, hatte sie sich dann heute Nacht anders verhalten? Er verstand sie manchmal einfach nicht. Wütend hieb er auf den Lenkradkranz und hielt mit zusammengepressten Lippen einen Fluch zurück. Die Frau, die er seit vier Monaten über alles liebte, war eine Exhibitionistin. Er liebte es, wenn eine Frau ihm alle sexuellen Wünsche erfüllte und auch selbst gern die Initiative ergriff. Nie zuvor in seinem Leben hatte er eine leidenschaftlichere Liebhaberin gekannt. An allen erdenklichen Orten hatten sie es getrieben. In der Umkleidekabine eines Modehauses, in einem Kölner Kaufhaus, in der Toilette ihrer Lieblingsbar in der Düsseldorfer Altstadt, im Auto, draußen auf dem Messegelände in Essen, in einer der letzten lauen Sommernächte am Ufer des Baldeneysees. Er war süchtig nach ihr, und dennoch bezweifelte er in diesem Augenblick, dass Mandys offener Umgang mit Sex ihrer Partnerschaft wirklich guttat. Tom verfing sich in seinen Gedanken. Immer wieder spielte er mit der Idee, einfach den Wagen zu wenden, zurück in die Stadt zu fahren und sie aus den Klauen dieses verrückten Fotografen zu befreien. Doch etwas hinderte ihn daran. Längst schon waren die Schilder für Düsseldorf an ihm vorübergeflogen. Einzelne, spärlich beleuchtete Häuser schälten sich als letzte Zeichen der Zivilisation in immer größer werdenden Abständen aus der Dunkelheit. Ansonsten gab es nur Schnee und diese trübe Einsamkeit, die ihn wahnsinnig machte.

Frustriert starrte er auf die Rücklichter des polnischen Lasters vor ihm. Es wurde Zeit für einen Tankstopp. Inzwischen war die Nadel der Tankanzeige tief im roten Bereich angekommen. Nervös klopfte er gegen das Glas, so, als könnte er damit bewirken, dass sich die Nadel noch einmal bewegte.

Er sehnte sich nach Licht, nach Wärme, nach Menschen. Er fragte sich, ob es in dieser Einöde keine Tankstelle gab, die Tag und Nacht geöffnet hatte, und fuhr weiter in die Dunkelheit hinein.

Irgendwo würde er anhalten und einen Kaffee trinken. Vielleicht würde er in der Gesellschaft von Menschen auf andere Gedanken kommen. Als er auf die Tanknadel im Armaturenbrett schielte, stellte er fest, dass der Zeiger jetzt bereits am Rand des roten Bereiches kratzte. Nun wurde es aber höchste Zeit, dachte er. Der Schneefall wurde dichter. Ein verdammtes Scheißwetter, er war hundemüde, musste morgen früh zur Arbeit, und seine Freundin zeigte sich nackt einem wildfremden Kerl. Was war das bloß für eine Scheiße?

19.35 Uhr

Das Atelier lag direkt neben dem Wohnzimmer.

In den gut zehn Quadratmeter großen Raum gelangte man nur über eine einzige Tür, die vom Korridor her abzweigte. Sie stand etwas unsicher im Türrahmen und betrachtete Clays Atelier. Die Fenster waren mit blickdichten, schwarzen Tüchern verhüllt. Auch die Wände waren schwarz gestrichen. Die einzigen Lichtquellen waren Kerzen, die in fünfarmigen Haltern steckten. Das flackernde Licht der Flammen ließ den Raum unheimlich erscheinen. Lange Schatten geisterten über die Decke und den Dielenboden. Möbel gab es keine; nur in der Mitte des Raumes stand eine Pritsche, die mit dunklem Stoff abgehängt war – möglicherweise versteckte sich ein ganz normaler Esstisch darunter. Erst jetzt entdeckte Mandy einen Sessel, der in einer Ecke des Zimmers stand. Vermutlich würde sie sich gleich auf diesem Sessel räkeln dürfen. Sie spürte, wie ihre Aufregung wuchs. Die Stimmung in Clays Atelier war bedrückend und gleichermaßen anregend. So etwas hatte sie noch nie erlebt. Schwer hing der süßliche Duft der schwarzen Kerzen in der Luft.

Mandy atmete tief durch und fühlte sich benebelt. Sie gab dem zu schnell getrunkenen Whisky die Schuld dafür und nahm sich vor, bei künftigen Shootings nur noch alkoholfreie Getränke zu sich zu nehmen.

Die technische Ausstattung von Clays Atelier hielt sich in Grenzen. Es gab lediglich zwei Stative, einen Fotoapparat und eine recht einfache Blitzanlage. Auf einem kleinen Tischchen in der Ecke stand ein Laptop, an dem man die gemachten Aufnahmen gleich betrachten konnte.

„Ich bin Minimalist“, lächelte Clay, der ihre Blicke beobachtet hatte. „Kerzenlicht fasziniert mich. Es bedeutet mir viel mehr als technischer Schnickschnack.“

„Und die Belichtung? Ich meine, wie kriegst du das hin, nur mit dem Kerzenlicht?“

„Lass mich mal machen. Ich blitze mit weichem Streulicht, den Rest erledigt eine manuell gewählte, lange Verschlusszeit. Aber das ist Fachchinesisch. Vertrau mir einfach.“ Er lächelte und Mandy konnte dieses Lächeln nicht recht einordnen. Sie erwischte sich bei dem Gedanken, dass sie froh wäre, wenn sie das Shooting hinter sich hatte.

19.40 Uhr

Eine Insel aus Licht schälte sich aus der Nacht. Seine Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt, und so blendeten ihn die Leuchtziffern der Preistafel am Straßenrand. Er drosselte das Tempo und seufzte erleichtert. Endlich eine Tankstelle, die um diese nachtschlafende Zeit noch geöffnet hatte. Die plötzliche Helligkeit imponierte ihm fast ein wenig, als er runterschaltete und den Opel zur Ausfahrt lenkte. Auf dem Gelände der Rastanlage herrschte kaum Betrieb. Wer es nicht unbedingt musste, ging bei diesem Wetter nicht vor die Tür. Thomas Belter steuerte den Wagen an eine der Zapfsäulen. Der Opel schlitterte leicht, als er das Lenkrad einschlug. Auf der Fahrbahn hatte sich eine glitschige Schicht aus Schneematsch gebildet.

Als er ausstieg, stellte er fest, dass es ein paar Grad wärmer geworden sein musste. Der weiße Schnee war einer matschigen Pampe gewichen. Feuchte Kälte griff nach ihm. Sein Gesicht glühte, als er den Tankverschluss öffnete und für zwanzig Euro Super Bleifrei nachtankte. Mehr konnte er sich nicht leisten. Es würde für den Rückweg nach Wuppertal reichen.

Nachdem die Anzeige der Zapfsäule auf 20 Euro gesprungen war, setzte er sich in den Wagen und fuhr den Opel hinüber zum Parkplatz, der vor dem gläsernen Shop der Tankstelle lag. Jetzt stand er zwischen zwei riesigen Lastzügen. Von den Fahrern keine Spur. Vermutlich hielten sie sich in der Tankstelle auf, um sich mit Bier, Bockwurst und Bumsheftchen zu versorgen, dachte er grimmig, während er den Opel abschloss und den Shop der Tankstelle betrat.

Das Blut rauschte in seinen Ohren, und er spürte, wie ihn die aufkommende Müdigkeit lähmte. Höchste Zeit für einen starken Kaffee.

Aus dem Lautsprecher an der Decke plärrte ein nerviger Radiomoderator vom Fest der Liebe, das nun unaufhaltsam auf uns zukäme. Tom rümpfte die Nase. Hinter der Kasse stand eine wasserstoffgefärbte Blondine mit leerem Blick. Zu grell geschminkt, die künstlichen Fingernägel knallrot lackiert, wartete sie an ihrem Platz und blickte immer wieder zur Uhr.

Die Trucker machten sich am Kaffeeautomaten zu schaffen und beobachteten ihn neugierig. Einer biss in eine Bockwurst.

Belter nickte den Fahrern zu und marschierte zur Kasse. „Die Zwei“, brummte er und schob der Kassiererin den 20-Euro-Schein herüber. „Und einen Kaffee.“

„Gibt’s drüben am Automaten.“ Sie beackerte einen Kaugummi und erinnerte ihn mit ihrem dummen, aussichtslosen Gesicht an eine Kuh auf der Weide. „Ich geb Ihnen ’ne Münze.“

„Danke.“

„Ist das ein Scheißwetter“, brummte einer der Fernfahrer, ein bärtiger Hüne in einer dunkelblauen Fahrerjacke. „Und ich muss noch bis Frankfurt.“ Er winkte müde ab.

Sein Kollege, ein drahtiger Bursche von Ende zwanzig, jedoch bereits mit schütterem Haar, meinte grinsend: „Ich fahr bis Kassel, und da leg ich mich auf dem großen Parkplatz pennen. Morgen geht’s weiter bis Erfurt. Mal sehen, vielleicht gönn ich mir im Sexshop auch noch was Nettes.“ Er zwinkerte dem Bärtigen zu. „Bei dem Wetter hat’s eh keinen Sinn, neue Rekorde aufzustellen.“

„Und du?“, wurde Tom jetzt angesprochen. „Musst du noch weit?“

Belter, der eine Jeansjacke mit Fellkragen zu einer herben Hose und festem Schuhwerk trug, wirkte auf die Trucker wohl wie ein Kollege. Er zog sich einen Kaffee am Automaten, verbrannte sich an dem Plastikbecher die Finger, fluchte, trat an den Stehtisch und schüttelte den Kopf. „Ich bin mit dem Pkw unterwegs, muss nur nach Wuppertal zurück.“

„Da wartet deine Süße schon auf dich, was?“ Der Drahtige grinste anzüglich und steckte den Daumen seiner rechten Hand zwischen Zeige- und Mittelfinger hindurch. „Da wünsch ich dir viel Spaß, Kleiner.“

„Falsches Thema, ganz falsches Thema“, brummte Belter.

„Oh, da wird aber einer böse“, lachte der Bärtige. „Hast wohl Stress mit Mutti, was.“

„Haltet doch einfach das Maul“, knurrte Tom, pustete in den Kaffee und trank viel zu hastig. Prompt verbrannte er sich die Lippen.

„Nichts für ungut, Kollege“, lenkte der bärtige Hüne beschwichtigend ein. „Wollte dir nicht zu nahe treten, der Peter. Ich kenn ihn schon lange, der ist manchmal einfach so.“ Er hielt Tom die Hand hin. „Wo wir schon mal dabei sind: Ich bin Georg. Komme zweimal die Woche hier vorbei. Scheißjob, aber besser Scheißjob als gar kein Job.“

„Wohl wahr“, stimmte Peter ihm zu. „Ich kann mich nicht beklagen, kann wenigstens meine Pausen machen, wie es das Gesetz verlangt. Und jetzt zu dir.“ Er klang versöhnlich, fast väterlich. „Wo drückt der Schuh?“

Belter zögerte. Und dann war es ihm egal: „Ich hab Zoff mit meiner Freundin.“

„Und da bist du einfach mal abgehauen?“

„Nein, ich hol sie gleich wieder ab.“

„Das muss ich jetzt nicht verstehen, oder?“ Peter warf seinem Kollegen einen zweifelnden Blick zu. Georg zuckte mit den Schultern.

„Sie ... arbeitet.“ Tom grinste schief. Das Wort Arbeit war ihm schwer über die Lippen gekommen. „Und gleich hat sie Feierabend, da hol ich sie ab, und dann fahren wir zu mir nach Hause und lassen den Abend ausklingen. Was ist so schlimm daran?“

„Nichts“, erwiderte Peter und orderte bei der Wasserstoffblondine noch eine Bockwurst mit Senf. „Sei froh, dass es so ist. Meine Frau ist vor zwei Monaten abgehauen, hatte keinen Bock mehr darauf, dass ich ständig unterwegs bin.“

„Ich habe auch keinen Bock darauf, dass Mandy ständig nachts raus muss“, erwiderte Belter verbittert. Vor seinem geistigen Auge tauchte eine schreckliche Szenerie auf. Er sah sie, nackt, wie sie sich vor den Augen des fremden Fotografen aalte. Was er nicht ahnte, war, dass das erst der Anfang war. Der Anfang von etwas, das schlimmer war als alles, was Thomas Belter jemals in seinem Leben erlebt hatte. Viel schlimmer.

19.50 Uhr

Sie räkelte sich auf der Pritsche, suchte den Augenkontakt zu seiner Kamera. Hart drückte das Holz des Tisches durch den dünnen schwarzen Stoff. Ihr Rücken begann zu schmerzen. Es war unbequem, doch er bezahlte sie dafür, also hielt sie durch. Mandy zeigte ihm verschiedene Posen, und Clay schien zufrieden mit seinem Model zu sein. Dennoch fühlte sie sich elend, fast so, als hätte sie hohes Fieber. Etwas stimmte nicht mit ihr, doch sie war professionell genug, diesen Job noch zu Ende zu bringen. Ihre aufkommende Krankheit konnte sie morgen bekämpfen.

„Nimm dir eine der Kerzen und lass das Wachs über deinen Körper laufen.“ Sein Gesicht schielte kurz hinter dem Fotoapparat hervor. Er sah ihren zweifelnden Gesichtsausdruck.

„Bitte“, fügte er dann hinzu und lächelte gewinnend.

Mandy zögerte. Dann dachte sie an das schnell verdiente Geld und zog eine der schwarzen Kerzen aus dem Leuchter. Sie lehnte sich weit auf der Pritsche zurück und hielt die Kerze über ihren Leib. Ganz kurz fürchtete sie sich vor dem Moment, in dem das heiße Wachs ihre Haut traf. Möglicherweise würde sie sich Verbrennungen zuziehen. Sie zögerte, schloss die Augen, dann neigte sie die Kerze, die sie in der Hand hielt. Ein leiser Schrei kam über ihre Lippen, den sie jedoch mehr dem ersten Schrecken zuschrieb, als dem tatsächlichen Schmerz. Denn obwohl das Wachs sehr warm war, verbrannte sie sich nicht. Langsam öffnete sie die Augen und blickte an sich herab. Das schwarze Wachs bildete einen kleinen See auf ihrem Körper. Ein feiner Faden rann über die Haut nach unten, bevor er aushärtete. Sie spürte die noch immer warme Kruste.

„Spreiz die Beine“, forderte er sie auf und fotografierte. Sie gehorchte ihm.

Wieder tauchte sein Gesicht hinter der Kamera auf. Diesmal lächelte er nicht. Sein Gesicht war starr wie eine Maske. „Mehr Wachs“, forderte er. „Ich will das Wachs zwischen deinen Beinen sehen.“

Sie spürte, wie eine bleierne Müdigkeit in ihr aufstieg. Woher kam diese Schwere?

Was war nur los mit ihr?

Mandy zwang sich zu mehr Konzentration. Wie durch Watte drang seine Stimme jetzt an ihre Ohren, klang eigenartig verzerrt. Sie begab sich in die Position, die er von ihr verlangte. Sie beugte sich mit angezogenen, leicht gespreizten Beinen auf der Pritsche zurück. Hielt die Kerze über ihren nackten Oberkörper. Ihre Brüste vibrierten, als sie die Kerze leicht kippte. Das heiße Wachs lief über und tropfte auf ihren muskulösen Bauch. Sie schauderte, als sie die Hitze oberhalb ihres Bauchnabels spürte. Das Wachs rann über ihre Haut, bahnte sich seinen Weg abwärts, zum Schoß hinunter.

„Das ist perfekt – bleib so ...“ Clay trat näher und fotografierte sie aus nächster Nähe. Er grinste zufrieden, denn sie bot ihm das, was er haben wollte.

Sie fühlte sich gleichermaßen gelähmt wie stimuliert. Zäh wie Kaugummi rannen die Gedanken durch ihren Kopf. Kurz dachte sie an Tom, sah seine Gestalt schemenhaft vor ihrem geistigen Auge aufblitzen. Doch Tom verblasste von Sekunde zu Sekunde. Es war, als wäre ihr Freund ein Wesen von einem anderen Planeten. Fern und unerreichbar für sie.

Der Gedanke, nackt vor einem wildfremden Mann zu liegen, erregte sie mehr und mehr. Während sie sich in Pose brachte und erneut nach der Kerze griff, überlegte sie, ob das an dem Whisky lag, den sie vor dem Shooting getrunken hatte.

„Mehr Wachs, ich will mehr Wachs sehen“, riss sie seine Stimme aus den vernebelten Gedanken. „Komm, das ist echt heiß!“

Stumm nickte sie, winkelte die Beine weiter an und schüttete sich Wachs auf ihren Schoß. Ein heißer Schmerz durchzuckte ihre intimsten Stellen, doch der Schmerz wich schnell einem wohligen Gefühl. Sie stöhnte leise.

Mandy spürte, wie sich das heiße Wachs den Weg zwischen ihre Beine bahnte. Sie schloss die Augen. Das Wachs härtete innerhalb weniger Sekunden auf ihrer gebräunten Haut aus und bildete eine warme Kruste. Es fühlte sich angenehm an, wie eine Schutzschicht, die ihre Scham bedeckte. Sie hatte die Augen geschlossen und genoss das. Ein kehliger Laut kam über ihre Lippen. Nie zuvor hatte sie etwas Derartiges gefühlt. Sie bemerkte nicht, dass er den Fotoapparat längst weggelegt hatte und sich ihr näherte. Erst als sie seine Hand zwischen ihren Beinen spürte, schlug sie die Augen auf und blickte ihn erschrocken an. Verwundert, machtlos, aber nicht abgeneigt. Zu einer ohnmächtigen Zeugin degradiert. Gezwungen, ihm zu gehorchen.

Seine Fingerkuppen glitten über die hauchdünne Wachsschicht. Sie fühlte jede seiner Bewegungen durch das noch warme Wachs und erschrak. Sie war außerstande, Gegenwehr zu leisten, und wusste gar nicht, ob sie das überhaupt wollte. Sein Wille war so stark. Sie war ihm ausgeliefert, und sie genoss diesen Zustand der Machtlosigkeit.

Jetzt wollte sie genießen, wollte sich ihm hingeben.

Clay nahm ihr die Kerze ab, pustete sie aus und legte sie auf den Boden seines Ateliers. Das flüssige Wachs bildete einen Kranz auf dem Fußboden und härtete binnen weniger Sekunden aus. Sein Gesicht glich jetzt einer Maske.

Er grinste sie lüstern an. „Du bist fantastisch, Kleine“, flüsterte er, während seine Hände über die Innenseiten ihrer Schenkel glitten und die Wachsschicht lösten. Es war, als würde er ein Geschenk auspacken. Wie von selbst glitt sein Finger in ihren Schoß. Ganz automatisch hob sie das Becken an und ließ ihn gewähren.

„Ich denke, wir werden jetzt ein wenig Spaß haben.“ Er kicherte heiser. „Du hast doch nichts gegen ein wenig Spaß, oder?“

Schweigend schüttelte sie den Kopf und fieberte seinen Berührungen entgegen. Längst schon war sie der Realität entschwunden. Längst schon hatte sie sich aufgegeben, um ihm zu gehören. Wie im Fieber sah sie ihm dabei zu, wie er die Knopfleiste seiner Jeans aufspringen ließ. Er trug keine Unterhose. Schweißperlen standen auf seiner Stirn.

„Du willst es, oder?“, keuchte er und näherte sich ihr.

Sie nickte.

„Sag mir, dass ich dich ficken soll.“

„Fick mich.“ Ihre Stimme war nur ein Hauch. Sie war gefangen in ihrem eigenen Körper. Mandy fühlte sich wie im Wachkoma, bekam alles mit, war aber nicht imstande, sich zu wehren – und inzwischen wollte sie sich auch gar nicht mehr wehren. Sie schloss die Augen und ließ ihn gewähren. Seine herrschende Art erregte sie dennoch mehr, als sie sich je hätte eingestehen können. Tom hatte sie längst schon aus ihrem Kopf verbannt. Sie fieberte Clay entgegen, konnte es kaum erwarten, diesen fremden Mann zu spüren.

Er griff sie bei den Hüften und zog ihren Schoß vor, an den Rand der Pritsche. Bevor sie es sich versah, drang er in sie ein. Hart. Gewaltig. Er schloss die Augen und keuchte lüstern. Ein Wimmern kam über ihre Lippen.

Sie spürte den Schmerz, aber bekam keinen Schrei zustande. Sie war wie gelähmt, starrte in sein nassgeschwitztes Gesicht, ertrank in seinem fiebrigen Blick, hörte das lüsterne Stöhnen an ihrem Ohr und spürte, wie er sich tief in ihr bewegte. Fest umklammerten seine Hände ihre Fußgelenke. Dann ließ er sie los, doch sie zog die Beine an.

Er zwirbelte ihre Brustwarzen, so fest, dass es ihr wehtat. Sie betete, dass es nicht lange dauern würde. Als er seine Zähne in ihre rechte Brust grub, kam wieder dieser kehlige Laut über ihre Lippen. Für mehr reichte ihre Luft nicht aus.

Sie spürte, wie feuchte Hitze in sie hineinschoss. Von einer Sekunde zur anderen erwachte sie aus dem Dämmerschlaf. Sie fragte sich, was sie da um Himmels willen getan hatte. Tränen traten in ihre Augen, sie wand das Becken, wollte sich ihm entziehen. Sie spürte sein Pulsieren tief in sich, doch konnte nichts tun. Wie gelähmt lag sie vor ihm.

Clay zog sich nicht aus ihr zurück. Er grinste. Bevor sie sich wehren konnte, umklammerte er ihre Knie, drückte die Beine weit auseinander und drang noch einmal tief in sie ein. Sein Gesicht befand sich überdimensional groß vor ihren Augen. Jede Pore seiner Haut konnte sie erkennen wie die Kraterlandschaft eines fremden Planeten. Der Zopf hatte sich gelöst. Strähnig hingen ihm die Haare ins verschwitzte Gesicht. Sein Atem schlug ihr entgegen, warm, faulig, und sie spürte Übelkeit in sich aufsteigen.

Dann sauste sein Kopf herab. Er saugte an ihrem Hals, nagte an ihrer Haut.

Tief grub er seine Zähne in ihr warmes Fleisch, so tief, dass es wie Feuer brannte. Er biss kräftig zu und riss ein Stück Fleisch aus ihrer Kehle heraus. Der Schmerz breitete sich von ihrem Hals rasend schnell über ihren gesamten Körper aus und schien sie von innen heraus zu zerreißen.

Sie spürte, wie sie der Ohnmacht entgegensteuerte, unaufhaltsam, war nicht mehr in der Lage, bei Verstand zu bleiben. Grelle Lichtblitze blendeten sie. Sie versuchte noch einmal, sich ihm zu entziehen, doch er lachte nur. Lachte und schlug seine Zähne immer und immer wieder in ihren Hals. Wie ein Vampir.

Doch das war er nicht. Er wollte mehr als das Blut. Er wollte das Fleisch.

Er biss sie wie besessen, saugte an ihrem pochenden Fleisch, riss Stücke aus ihrem Hals, kaute und ergötzte sich am Geschmack ihres Blutes, schluckte gierig herunter und vergrub sein Gesicht erneut in der klaffenden Wunde.

Immer und immer wieder biss er zu. Als er kurz von ihr abließ, sah sie sein blutverschmiertes Gesicht wie eine Fratze des Teufels über sich schweben.

Er war der Teufel, daran bestand kein Zweifel. Sie spannte die Muskeln an, doch vergeblich.

Mandy blickte angsterfüllt zur Zimmerdecke und fügte sich ihrem Schicksal. Sie spürte, wie die Kraft ihren Körper verließ, fühlte, wie das Leben sie im Stich ließ, und sehnte den Moment herbei, sterben zu dürfen.

Doch nur langsam schwand das Leben aus ihrem Körper. Ihr dauerte das Sterben schon viel zu lange. Als es endlich so weit war, empfand sie ihren Tod als Erlösung. Die Kraft verließ die leblose Hülle ihres Körpers, ihre Augenlider flatterten ein letztes Mal, dann glaubte sie sogar zu spüren, wie die Seele ihren missbrauchten und geschundenen Körper zurückließ. Der Schmerz verebbte, das Brennen in ihrer Kehle ließ nach. Sie fühlte sich so leicht, als könnte sie schweben, glaubte, auf ihre tote Hülle herabblicken zu können.

Sie war einfach schwerelos.

20.05 Uhr

Blutüberströmt und nackt lag sie vor ihm. Die Augen im Augenblick des Todes angstvoll aufgerissen, den Mund wie zu einem stummen, angsterfüllten Schrei geöffnet. Ihre Kehle war eine einzige klaffende Wunde. Eine ganz schöne Sauerei hatte er da angerichtet, da gab es jetzt einiges zu putzen in seinem Atelier. Doch nur die Ruhe. Er wollte jede Sekunde mit ihr auskosten.

Als er von ihr abließ, war schon kein Leben mehr in ihr. Doch ihr Körper war noch warm, und fasziniert starrte er auf ihren Schoß. Sein Blick glitt über das, was von ihrem makellosen, sonnenbankgebräunten Körper noch übrig war. Über ihren Bauch hinauf zu ihren erigierten Brustwarzen. Doch die Brüste hoben und senkten sich nicht mehr. Als er die tiefe Bisswunde an ihrem Hals betrachtete, spürte er, wie die Erregung erneut in ihm aufloderte. Er hatte sie mit mehreren Bissen getötet, hatte ihr Fleisch verschluckt, schmeckte es noch auf der Zunge, gemischt mit dem süßlich-metallischen Geschmack ihres Blutes. Sie hatte gut geschmeckt. Zart und fein war ihr Fleisch, wie edler Thunfisch oder zartes Hühnerfleisch. Sie war eine Delikatesse.

Seine Hände glitten erneut über den leblosen Körper der jungen Frau. Das Gefühl der Macht beherrschte ihn. Er hatte ihr gezeigt, wer das Sagen hatte. Er hatte über Leben und Tod bestimmt und sich für ihren Tod entschieden. Dieser Gedanke der Macht erregte ihn. Er berührte sich. Lange. Sie spürte nichts mehr von dieser Demütigung.

20.30 Uhr

Um diese Zeit trieben sich düstere Gestalten auf der Straße herum, und immer wieder blickte sie sich ängstlich um. Doch da war niemand, der ihr in der Dunkelheit der Hofeinfahrt in ihrem Rücken auflauerte. Feierabend, dachte sie erleichtert, als sie vor die Tore der alten Textilfabrik in Wuppertals Osten trat. Bizarr hob sich das Backsteingebäude vom Nachthimmel ab. Im Hintergrund schälte sich das Gerüst der Schwebebahn aus dem Grau der Nacht. Ob die Bahn noch fuhr, wusste sie nicht, aber sicherlich hatten die Verkehrsbetriebe längst den Linienbusverkehr eingestellt. Sie schüttelte den Kopf, als sie sich an einen Zeitungsartikel erinnerte, in dem gestanden hatte, dass die Gelenkbusse der Stadt mit Sommerreifen ausgestattet waren. Kein Wunder, dass die Busse des öffentlichen Linienverkehrs an jeder kleinen Steigung quer standen und nichts mehr ging, sobald in der Stadt mehr als eine Flocke fiel.

Gut, dachte sie, gehe ich halt zu Fuß.

Der Fußmarsch an der frischen Luft würde ihr sicherlich guttun, und so schrecklich weit war es nicht bis zu ihrer Wohnung, die im Stadtteil Wichlinghausen lag.

Sie war mal wieder die Letzte gewesen, hatte im buchstäblichen Sinne das Licht in der Firma ausgemacht, den hellblau geblümten, altmodischen Kittel gegen den dicken Wintermantel getauscht und wollte nur noch nach Hause. Eigentlich machte sie gern Spätschicht in der Fabrik. Man wurde nicht ständig beobachtet und abgelenkt, und auch die hohen Herren der Geschäftsleitung waren längst zu Hause und ließen sie in Ruhe ihre Arbeit machen.

Trotzdem überkam sie jetzt eine schwere Müdigkeit, die auch nicht verflog, als sie an der frischen Nachtluft war. Ein wenig unschlüssig stand sie am Straßenrand der vierspurig ausgebauten Straße und lugte zur beleuchteten Bushaltestelle hinüber. Doch es gab keine Spuren im Schnee der Fahrbahn, die darauf schließen ließen, dass hier in der letzten Stunde auch nur ein einziger Bus gefahren war. Ihre Wangen glühten, und sie freute sich auf ihre Wohnung und ihr Bett. Niemand erwartete sie. Walter war letztes Jahr gestorben. Verdammter Krebs. Sie fragte sich, warum die Menschen zum Mond fliegen konnten, warum sie alle Computer, die es auf der Welt gab, miteinander vernetzen konnten, und warum es trotzdem kein Heilmittel gegen diese heimtückische Krankheit gab. Sie verfluchte die Ärzte, die mit der Behandlung von todkranken Patienten wahrscheinlich mehr Geld verdienen konnten als an einer effektiven Heilung. Die Einsamkeit griff mit eisigen Krallen nach ihr.

Vor die Tür ging sie nach Einbruch der Dunkelheit nie, denn sie wusste sehr wohl, dass die Welt schlecht geworden war. Das Verbrechen lauerte überall, und sie hatte nicht die geringste Lust darauf, eine Messerklinge in ihrem Rücken zu spüren. Immer wieder warf sie ängstliche Blicke über die Schultern, betrachtete jeden Schatten, der nach ihr zu greifen schien. Lena Hille wollte einfach nur schnell den Schutz ihrer Wohnung erreichen, spürte das Herz panisch in ihrer Brust schlagen und beschleunigte ihre Schritte.

Sie zog den Schal fester zu und machte sich, wie von einer unsichtbaren Macht getrieben, auf den Heimweg. Sie marschierte ein Stück die Friedrich-Engels-Allee entlang und registrierte, dass sie kein einziges Fahrzeug sah. Auf den Straßen herrschte kaum Verkehr. Eine matschige, grauweiße Schicht hatte sich über Wuppertal ausgebreitet. In den letzten Stunden war es ein paar Grad wärmer geworden, und der Schnee war so schnell, wie er gefallen war, zu einer nassen Pampe geworden.

So weit ist es nun auch wieder nicht, machte sie sich Mut.

Ihre Schuhe waren schon nach den ersten Metern durchnässt, und sie fröstelte. Jeder Schritt erzeugte ein Patschen unter ihren Gummisohlen. Ein Fahrzeug näherte sich mit rasselnden Schneeketten.

War doch noch ein Bus unterwegs?

Hoffnung keimte in ihr auf. Der große Dieselmotor wummerte dumpf durch die leeren Straßen. Doch als sie sich umwandte, erblickte sie nur einen orangefarbenen Unimog der Straßenmeisterei. Und wer war der Mann hinter dem Steuer dieses Ungetüms? War es ein Psychopath, der im richtigen Moment das Steuer nach rechts riss und mit seinem tonnenschweren Gefährt zu einer tödlichen Gefahr werden würde?

Nein, es sind alles Menschen wie du und ich. Er arbeitet, macht seinen Job und ist sicherlich auch froh, wenn er zu Hause bei seiner Frau und den Kindern sein kann. Das Rasseln des Schneeschiebers näherte sich unaufhaltsam, und Lenas Gedanken rasten plötzlich.

Wie schwer war es, sich ein solches Geschoss unter den Nagel zu reißen, um damit wehrlose Opfer zu überfahren? Sie war sicher, dass es keine Chance gab, wenn sie der Mann hinter dem Steuer erst einmal mit seiner schweren Schneeschaufel erwischt hatte. Als sie sich wieder umwandte, sah sie den Schneepflug auf sich zukommen. Der Motor dröhnte dumpf, die Rundumkennleuchte auf dem Dach der Kabine schleuderte ihren grellen Lichtschein an die Fassaden der umliegenden Häuser.

Der Unimog näherte sich rasselnd wie ein alter Armeepanzer und schob den Matsch vor sich her. Die Unterkante des eisernen Schiebers erzeugte immer wieder Funken, wenn der gehärtete Stahl auf einen Stein traf. Ein Mann, der brav seinen Dienst machte, um den Autofahrern eine gefahrlose Heimfahrt zu ermöglichen. Oder doch ein Verrückter, der das Fahrzeug entwendet hatte und nun alles niederwalzte, was sich ihm in den Weg stellte?

Lena Hille keuchte, als sie ihre Schritte beschleunigte. Im Laufen warf sie immer wieder Blicke über ihre Schultern. Sie wusste, dass man es auf sie abgesehen hatte.

Sie wusste es einfach. Nur nicht, warum.

Der Schneepflug näherte sich unaufhaltsam. Der Dieselmotor erinnerte sie an alte Panzer. Sie hatten Straßen passiert, die viel zu eng waren, und alles niedergewalzt, was sich ihnen zur Wehr gesetzt hatte. Sie erinnerte sich daran, nie einen Fahrer entdeckt zu haben. Panzerfahrer verbargen sich unter der zentimeterdicken Stahlschicht ihrer fahrenden Waffen und erweckten für Außenstehende den Eindruck, bei dem Panzer handele es sich um ein führerloses Ungetüm, das nichts und niemand aufhalten konnte. Als sie kurz innehielt, vernahm sie das Rasseln der Ketten.

Doch es war kein Panzer der Besatzungsmächte – es war ein städtisches Räumfahrzeug.

Nicht mehr und nicht weniger.

Und der Unimog hatte sich ihr bis auf wenige Meter genähert. Lena Hille duckte sich atemlos in den Schatten eines Hauseingangs. Hier würde sie der Mann im Fahrerhaus sicher nicht entdecken. Sicherlich würde er sich ein anderes Opfer suchen.

Das schwere Fahrzeug streute das Licht der gelben Rundumleuchte auf dem Dach rotierend in die Nacht. Geisterhaft brach sich der Lichtschein an den Fassaden der umliegenden Häuser. Vom Fahrer erkannte sie nicht mehr als eine Silhouette, dann war das schwere Räumfahrzeug auch schon vorbei.

Lena Hille atmete rasselnd aus. Sie spürte den brennenden Schmerz in der Brust. Es war höchste Zeit, dass sie zum Arzt ging. Seit einiger Zeit schien mit ihr etwas nicht zu stimmen. Diese Wahnvorstellungen und diese schrecklichen Schmerzen in der Brust peinigten sie. Doch sie hatte, ohne dass sie den Grund ihrer Beschwerden kannte, schreckliche Angst vor der Diagnose des Arztes. Panikattacken plagten sie immer wieder, und in diesen einsamen Winternächten, noch dazu nach Einbruch der Dunkelheit, fühlte sie sich ständig verfolgt und war sicher, eines Tages das Opfer eines Gewaltverbrechens zu werden.

Doch der Schneepflug entfernte sich. Das Rasseln der mächtigen Schaufel wurde leiser, auch das dumpfe Brummen des Dieselmotors verebbte in der Nacht. Die Schallglocke, die sich über der Stadt ausgebreitet hatte, verschluckte jedes Geräusch, und sie lauschte dem Patschen ihrer Wildlederstiefel, die sie sich im letzten Winter gekauft hatte. Schick und undicht.

Langsam beruhigte sich ihr Puls, und sie blickte dem tonnenschweren Räumgerät hinterher, ohne ihr Versteck zu verlassen. Das zuckende Licht des Unimog war soeben um die Ecke der Wichlinghauser Straße verschwunden. Sie marschierte weiter und erreichte die Fußgängerampel, die um diese Zeit abgeschaltet war.

Etwas am Straßenrand irritierte sie.

Da war es wieder, dieses unbestimmte Gefühl der Angst.

Die alte Dame spürte den Bleigürtel, der sich um ihre Brust legte. Eine nicht zu bestimmende Furcht streckte die kalten Krallen nach ihr aus.

Lena Hille blieb stehen und wandte den Kopf nach links. An dieser Stelle gab es einen kleinen, mit Büschen bewachsenen Grünstreifen, der Fahrbahn und Bürgersteig voneinander trennte. Sie hatte etwas gesehen. Als sie den Blick senkte, erstarrte sie. Sie blickte auf eine leblose Gestalt, die dort auf dem schmalen Grünstreifen lag.

Im ersten Augenblick dachte sie an eine Schaufensterpuppe, die hier jemand abgelegt hatte. Ungelenk standen die Gliedmaßen der Gestalt vom unbekleideten Torso ab. Die vermeintliche Puppe wirke lebensecht. Die Haut war kein Kunststoff, die Augen, die klagend zu ihr aufblickten, waren keine Glasaugen. Dennoch war der Blick der zu Lebzeiten wunderschönen Augen gebrochen.

Bei der Person handelte es sich um eine Frau, daran bestand kein Zweifel. Sie war unbekleidet, bis auf schwarze Strümpfe und kniehohe Stiefel mit spitzen Absätzen.

Lena Hille stockte der Atem beim Anblick der regungslosen Gestalt. Sie dachte sofort daran, dass die Frau dem ältesten Gewerbe der Welt angehören musste. Insgeheim hoffte sie inständig, dass ihr die Fantasie wieder einen Streich spielte und dass zu ihren Füßen doch eine lebensgroße, verdammt echt aussehende Puppe lag. Doch dafür war sie zu perfekt. Trotz ihrer Lage und den anklagenden Blicken war sie bildschön. So schön konnte keine Puppe sein, dachte sie in Panik und wandte sich um. Weit und breit war kein Mensch zu sehen, und es kam ihr vor, als würde sie sich auf einem fremden und bizarren Planeten befinden. In einer Parallelwelt, die ihrer Heimatstadt sehr glich. Doch es schien nur sie zu geben. War sie die letzte einer aussterbenden Spezies?

Sie drehte sich wieder zu der Frau. Kein Laut kam über ihre durch die Winterluft spröde gewordenen Lippen. Sie beugte sich zu der leblosen Gestalt herab, wagte aber nicht, sie zu berühren.

Schlief sie?

Wenn ja, dann war sie vermutlich längst erfroren.