Mädchentod - Julia Heaberlin - E-Book

Mädchentod E-Book

Julia Heaberlin

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Beschreibung

Kurz vor ihrem 17. Geburtstag wurde Tessa Cartwright halb begraben auf einem Feld in Texas gefunden – inmitten menschlicher Gebeine, kaum am Leben und ohne Erinnerung an ihre Entführung. Als einzige Überlebende eines Serienkillers gelangte sie zu zweifelhaftem Ruhm. Ihr Peiniger wurde schließlich gefasst. Knapp zwei Jahrzehnte sind seitdem vergangen – doch plötzlich erhält Tessa verstörende Nachrichten. Nachrichten, die nur vom Täter kommen können. Sitzt ein Unschuldiger in Haft? Will der Mörder sein Werk vollenden? Tessa muss die Wahrheit finden – und schneller sein als der Killer.

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Seitenzahl: 530

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Buch

Kurz vor ihrem siebzehnten Geburtstag wird Tessa Cartwright halb begraben auf einem Feld in Texas gefunden – inmitten menschlicher Gebeine, kaum am Leben und ohne jede Erinnerung an ihre Entführung. Als einzige Überlebende eines Serienkillers gelangt sie zu zweifelhaftem Ruhm. Ihr Peiniger wird schließlich gefasst …

Fast zwei Jahrzehnte sind seitdem vergangen – doch plötzlich erhält Tessa verstörende Nachrichten. Nachrichten, die nur vom Täter kommen können. Sitzt ein Unschuldiger in Haft? Will der Mörder sein Werk vollenden? Tessa muss die Wahrheit finden – und schneller sein als der Killer …

Autorin

Bevor Julia Heaberlin sich ihren Traum von der Schriftstellerei erfüllte, hat sie als preisgekrönte Journalistin für diverse Zeitungen und Zeitschriften geschrieben. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Dallas, Fort Worth, wo sie an ihrem nächsten Thriller arbeitet.

JULIA HEABERLIN

Mädchentod

Psychothriller

Aus dem Englischenvon Karin Dufner

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Die Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel »Black-Eyed Susans« bei Ballantine Books, an imprint of Random House, a division of Penguin Random House LLC.

Deutsche Erstveröffentlichung November 2016

Copyright © der Originalausgabe 2015by Julia Heaberlin

Copyright © dieser Ausgabe 2016by Wilhelm Goldmann Verlagin der Verlagsgruppe Random House GmbHNeumarkter Str. 28, 81673 München

Covergestaltung: UNO Werbeagentur München

Covermotiv: FinePic®, München

Redaktion: Ann-Catherine Geuder

LT · Herstellung: Str.

Satz: DTP Service Apel, Hannover

ISBN: 978-3-641-17584-9V002

www.goldmann-verlag.de

Für Sam, meinen Wendepunkt

Bei dem Begriff der Schwarzäugigen Susanne haben wir uns eine übersetzerische Freiheit erlaubt. Im Original ist von Black-Eyed Susans die Rede. Der Terminus bezeichnet im Englischen tatsächlich mehrere Pflanzengattungen – im vorliegenden Buch ist aber in Wahrheit nicht die Schwarzäugige Susanne, sondern die Rudbeckia gemeint. Da sich mit dieser allerdings nicht die Wortspiele treiben lassen, die für den Roman wichtig sind, haben wir uns hier für diese inhaltlich nicht ganz richtige Übersetzung entschieden. Die Botaniker unter Ihnen mögen diese bewusst eingegangene künstlerische Freiheit bitte entschuldigen.

PROLOG

Zweiunddreißig Stunden meines Lebens fehlen.

Meine beste Freundin Lydia rät, mir diese Zeit wie alte Kleidungstücke ganz hinten in einem dunklen Wandschrank vorzustellen. Ich soll die Augen zumachen. Die Tür öffnen. Sachen hin und her schieben. Suchen.

Die Dinge, an die ich mich dennoch erinnere, würde ich lieber vergessen. Vier Sommersprossen. Augen, die nicht schwarz sind, sondern blau, weit offen und nur wenige Zentimeter von meinen entfernt. Insekten, die sich in eine glatte, weiche Wange hineinfressen. Das Knirschen von Erde zwischen meinen Zähnen.

Es ist mein siebzehnter Geburtstag, und auf meiner Geburtstagstorte brennen Kerzen.

Die kleinen Flammen winken mir zu, Beeil dich. Ich denke an die Schwarzäugigen Susannen, die in eiskalten Metallschubladen liegen. Ganz gleich, wie sehr ich auch schrubbe und schrubbe, ich kann ihren Geruch nicht wegwaschen. Sooft ich auch dusche.

Sei glücklich.

Wünsch dir was.

Ich zwinge mich zu einem Lächeln, konzentriere mich. Alle in diesem Zimmer lieben mich und wollen, dass ich nach Hause komme.

Sie hoffen auf die Tessie von früher.

Mach, dass ich mich nie mehr erinnere.

Ich schließe die Augen und puste.

TEIL I

Tessa und Tessie

Mein Mutter, der mich schlacht,mein Vater, der mich aß,meine Schwester, der Marlenichen,sucht alle meine Benichen,bindt sie in ein seiden Tuch,legt’s unter den Machandelbaum,Kywitt, kywitt, wat vör’n schöön Vagel bün ik!

Tessie, 10 Jahre, liest ihrem Großvater aus»Vor dem Machandelbaum« vor, 1988.

Tessa, heute

Was auch dabei herauskommen mag, ich gehe den gewundenen Pfad in Richtung meiner Kindheit entlang.

Das Haus steht krumm und schief auf der Kuppe eines Hügels, als hätte ein Kind es aus Klötzchen und Klopapierrollen gebaut. Der Kamin neigt sich in einem seltsamen Winkel, und an den Seiten ragen Türmchen heraus wie startklare Raketen. Früher habe ich in Sommernächten oft in einem von ihnen geschlafen und mir vorgestellt, ich würde in den Weltraum hinausfliegen.

Öfter, als es meinem kleinen Bruder gefiel, kletterte ich aus einem der Fenster aufs Ziegeldach, kroch auf mageren Knien zum Giebel und hielt mich dabei an den scharfkantigen Ohren von Wasserspeiern und an Fensterbrettern fest. Oben angekommen lehnte ich mich ans verschnörkelte Geländer und betrachtete die ebene, endlose Landschaft von Texas und die Sterne meines Königreichs. Auf meiner Pikkoloflöte spielte ich den Nachtvögeln vor. Die Luft brachte mein dünnes weißes Baumwollnachthemd zum Rascheln, als sei ich eine seltsame Taube, die hoch auf dem First eines Schlosses thront. Es klingt wie ein Märchen, und das war es auch.

Mein Großvater hatte sich in diesem verrückten Märchenbuchhaus auf dem Land eingerichtet, doch eigentlich hatte er es für meinen Bruder Bobby und mich gebaut. Obwohl es nicht groß war, habe ich bis heute keine Ahnung, wie er es sich hatte leisten können. Jedem von uns schenkte er ein Türmchen, damit wir uns vor der Welt verstecken konnten, wenn wir uns zurückziehen wollten. Diese Disney World, nur für uns allein, war seine große Geste, als Trost, weil unsere Mutter gestorben war.

Kurz nach Opas Tod versuchte Oma, das Haus zu verkaufen. Doch es fand sich kein Interessent, selbst Jahre später nicht, als sie zwischen ihm und ihrer Tochter im Grab lag. Niemand wollte es. Die Leute bezeichneten es als gruselig. Mit einem Fluch belastet. Und durch ihre gehässigen Sprüche wurde es genau das.

Nachdem ich gefunden worden war, brachten sämtliche Zeitungen und Fernsehsender Bilder von dem Haus. Die Lokalzeitung nannte es »Grims Schloss«. Ich habe keine Ahnung, ob das ein Tippfehler war. In Texas schreiben die Leute eben ein bisschen anders.

Es wurde gemunkelt, mein Großvater müsse etwas mit meinem Verschwinden zu tun gehabt haben ebenso wie mit der Ermordung aller Schwarzäugigen Susannen, und zwar wegen seines verrückten Hauses. Wie bei Michael Jackson und seiner Neverland Ranch, raunten sie, obwohl das Gericht ein gutes Jahr später einen Mann wegen der Verbrechen zum Tode verurteilte. Es waren dieselben Leute, die zu jedem Weihnachtsfest bei uns vorgefahren waren, damit ihre Kinder das Lebkuchenhäuschen bestaunen und sich eine Zuckerstange aus dem Korb auf der Veranda nehmen konnten.

Ich drücke auf die Klingel. Sie spielt nicht mehr den Ritt der Walküren. Da ich nicht weiß, was mich erwartet, bin ich ein wenig erstaunt, dass das ältere Ehepaar, das die Tür öffnet, genau zu diesem Haus zu passen scheint. Die pummelige, abgearbeitete Hausfrau mit Kopftuch und Staublappen in der Hand erinnert mich an The old woman who lived in a shoe aus dem bekannten Kinderreim.

Stammelnd trage ich mein Anliegen vor. Sofort glimmt Erkennen in den Augen der Frau auf, und der Zug um ihren Mund wird weicher. Sie bemerkt die halbmondförmige Narbe unter meinem Auge. Armes kleines Mädchen, sagt ihr Blick, obwohl es schon achtzehn Jahre her ist und ich inzwischen selbst eine Tochter habe.

»Ich bin Bessie Wermuth«, verkündet sie. »Und das ist mein Mann Herb. Kommen Sie doch herein, meine Liebe.« Herb lehnt sich mit finsterer Miene auf seinen Stock. Ich sehe ihm seinen Argwohn an und kann ihn ihm nicht zum Vorwurf machen. Immerhin bin ich eine Fremde, obwohl er ganz genau weiß, wer ich bin. Das wissen alle in einem Umkreis von siebenhundert Kilometern. Ich bin das Cartwright-Mädchen, vor langer Zeit weggeworfen, zusammen mit einer erwürgten Collegestudentin und einem Haufen menschlicher Knochen auf einem Stück Brachland am Highway 10, ganz in der Nähe des Grundstücks der Jenkins.

Ich bin der Star der plärrenden Schlagzeilen in den Revolverblättern und den Gespenstergeschichten, die man am Lagerfeuer erzählt.

Ich bin eine der vier Schwarzäugigen Susannen. Die einzige, die Glück gehabt hat.

Es dauert nur ein paar Minuten, verspreche ich. Mr Wermuths Miene verdüstert sich weiter. Aber natürlich, erwidert Mrs Wermuth. Es ist offensichtlich, dass sie all die wichtigen Entscheidungen trifft, zum Beispiel, wie hoch der Rasen wachsen darf und was man mit einem rothaarigen, vom Kuss des Bösen berührten jungen Ding anfängt, das plötzlich auf der Schwelle steht und ins Haus will.

»Wir können nicht mit Ihnen da runtergehen«, brummelt der Mann, während er die Tür noch ein Stück öffnet.

»Wir waren beide nicht oft unten, seit wir hier eingezogen sind«, fügt Mrs Wermuth rasch hinzu. »Vielleicht ein Mal im Jahr. Es ist feucht dort. Und eine Stufe ist kaputt. Eine gebrochene Hüfte könnte für uns beide das Ende sein. Wer sich in unserem Alter nur eine Kleinigkeit bricht, klopft spätestens einen Monat danach bei Petrus am Himmelstor an. Wenn man am Leben bleiben will, sollte man nach seinem fünfundsechzigsten Geburtstag keinen Fuß mehr in ein Krankenhaus setzen.«

Während ihrer Ansprache stehe ich wie erstarrt und von Erinnerungen überflutet im Wohnzimmer und halte Ausschau nach Dingen, die inzwischen nicht mehr da sind. Dem Totempfahl, den Bobby und ich eines Sommers gesägt und geschnitzt haben, völlig unbeaufsichtigt und mit nur einem einzigen Abstecher in die Notaufnahme. Opas Gemälde von einer winzigen Maus, die in einem Boot mit einem Taschentuch als Segel ein gefährlich aufgewühltes Meer befährt.

Nun hängt an dieser Stelle ein Bild von Thomas Kinkade. Das Zimmer beherbergt zwei geblümte Sofas und ein schwindelerregendes Sammelsurium an Nippes, das sich auf den Regalen drängt oder in Glasvitrinen verstaut ist. Deutsche Bierseidel, Kerzenhalter, eine Sammlung kitschiger Porzellanpüppchen in Biedermeierkleidchen, Schmetterlinge aus Kristall, Frösche, mindestens fünzig zart gemusterte englische Teetassen, ein Porzellanclown, dem eine einzige schwarze Träne übers Gesicht rinnt. Wahrscheinlich fragen sie sich alle, wie sie wohl in dieser Zwangsgemeinschaft gelandet sind.

Das Ticken ist beruhigend. Zehn antike Uhren bedecken eine Wand, zwei davon mit Pendeln, die in perfektem Gleichtakt hin- und herschwingen.

Ich kann verstehen, warum Mrs Wermuth sich für unser Haus entschieden hat. In gewisser Weise ist sie eine von uns.

»Also los«, sagt sie. Ich folge ihr gehorsam einen gewundenen Flur entlang, der vom Wohnzimmer abgeht. Früher konnte ich die Kurven auch bei völliger Dunkelheit auf Rollschuhen überwinden. Im Gehen betätigt sie Lichtschalter, und plötzlich fühle ich mich wie unterwegs zu meiner eigenen Hinrichtung.

»Im Fernsehen hieß es, die Hinrichtung fände in ein paar Wochen statt.« Ich schrecke zusammen. Genau daran hatte ich gerade gedacht. Die raue Männerstimme hinter mir gehört Mr Wermuth und klingt nach Zigarettenrauch.

Ich halte inne und schlucke den Kloß in meiner Kehle hinunter, während ich auf die Frage warte, ob ich in der ersten Reihe sitzen und zusehen werde, wie der Mann, der mich angegriffen hat, seinen letzten Atemzug tut. Stattdessen klopft der Alte mir verlegen auf die Schulter. »Ich würde nicht hingehen. Schenken Sie ihm keine gottverdammte weitere Sekunde.«

Ich habe mich in Herb geirrt. Es wäre nicht das erste Mal, dass ich falschliege, und es wird auch nicht das letzte sein.

Ich stoße mir den Kopf an einer plötzlichen Biegung der Wand, weil ich mich noch immer zu Herb umdrehe. »Alles in Ordnung«, versichere ich Mrs Wermuth rasch. Sie hebt die Hand, zögert jedoch, meine brennende Wange zu berühren, denn die Stelle befindet sich zu dicht an der Narbe, eine dauerhafte Hinterlassenschaft eines Granatrings, der an einem skelettierten Finger hing. Ein Geschenk einer Susanne, die nicht wollte, dass ich sie jemals vergesse. Sanft schiebe ich Mrs Wermuths Hand weg. »Ich hab ganz vergessen, dass diese Kurve jetzt schon kommt.«

»Verrücktes Misthaus«, murmelt Herb. »Was zum Teufel wäre denn so schlimm daran, in St. Pete zu wohnen?« Offenbar erwartet er keine Antwort. Die Schramme an meiner Wange beginnt, sich zu beschweren, und die Narbe antwortet mit einem leisen Ping, Ping, Ping.

Inzwischen verläuft der Flur wieder gerade. Am Ende ist eine ganz gewöhnliche Tür. Mrs Wermuth zieht einen Generalschlüssel aus der Schürzentasche und steckt ihn mühelos ins Schloss. Früher hatten wir fünfundzwanzig solcher Schlüssel, alle genau gleich, mit denen man jede Tür im Haus öffnen konnte. Eine ungewöhnlich praktische Anwandlung meines Großvaters.

Eiskalte Luft weht uns entgegen. Ich rieche tote und wachsende Dinge. Seit ich vor einer Stunde von zu Hause losgefahren bin, überkommen mich zum ersten Mal ernsthafte Zweifel. Doch Mrs Wermuth streckt die Hand aus und zieht an einem Stück Drachenschnur, die über ihrem Kopf baumelt. Die kahle staubige Glühbirne erwacht flackernd zum Leben.

»Nehmen Sie die hier.« Mr Wermuth holt eine kleine Maglite aus der Hosentasche. »Die benutze ich immer zum Lesen. Wissen Sie, wo der Hauptlichtschalter ist?«

»Ja«, erwidere ich ohne nachzudenken. »Gleich unten.«

»Achten Sie auf die sechzehnte Stufe«, warnt Mrs Wermuth. »Irgendein Mistvieh hat ein Loch hineingenagt. Ich zähle beim Runtergehen immer mit. Lassen Sie sich so viel Zeit, wie Sie wollen. Ich glaube, ich mache uns eine Tasse Tee. Dann können Sie uns etwas über die Geschichte des Hauses erzählen. Wir finden das beide faszinierend. Stimmt’s, Herb?« Herb brummelt etwas. Er stellt sich vor, einen kleinen weißen Ball zweihundert Meter weit in Floridas strahlend blaues Meer zu schlagen.

Auf der zweiten Stufe zögere ich verunsichert. Falls jemand diese Tür schließt, wird mich die nächsten hundert Jahre lang niemand mehr finden. Ich habe nie daran gezweifelt, dass der Tod noch immer eine Rechnung mit einem bestimmten sechzehnjährigen Mädchen offen hat.

Mrs Wermuth winkt mir kokett zu. »Hoffentlich finden Sie, was Sie suchen. Es muss wichtig sein.«

Falls sie mir damit eine Antwort entlocken will, kann sie lange warten.

Wie ein Kind trample ich laut die Stufen hinunter und überspringe die sechzehnte. Unten ziehe ich an einer weiteren baumelnden Schnur, woraufhin der Raum sofort in grelles Neonlicht getaucht ist.

Es erleuchtet ein leeres Mausoleum. Hier war früher der Ort, wo Dinge geboren wurden. Wo Staffeleien mit halb vollendeten Gemälden standen und seltsame, Furcht einflößende Werkzeuge an Brettern mit Haken hingen. Eine mit Vorhängen abgetrennte Dunkelkammer auf der einen Seite wartete darauf, Fotos zum Leben zu erwecken, und in den Ecken veranstalteten Schaufensterpuppen Stehempfänge. Bobby und ich hätten geschworen, dass wir sie öfter sich bewegen sahen.

Ein Stapel alter Truhen enthielt abstruse, in Seidenpapier gewickelte Hüte zum Verkleiden und das Hochzeitskleid meiner Großmutter, mit genau 3002 Saatperlen bestickt. Dazu die Uniform meines Großvaters aus dem Zweiten Weltkrieg mit dem braunen Fleck am Ärmel; Bobby und ich waren überzeugt, dass es sich um Blut handelte. Mein Großvater war Schweißer, Farmer, Historiker, Künstler, Pfadfinderführer, Fotograf in der Gerichtsmedizin, Schütze, Schnitzer, Republikaner und dennoch ein treuer Wähler der Demokraten. Ein Dichter. Er konnte sich einfach nicht entscheiden. Das Gleiche behaupten die Leute auch von mir.

Er befahl uns, niemals allein hier hinunterzugehen, und bemerkte nie, dass wir es trotzdem taten. Die Versuchung war einfach zu groß. Besonders faszinierte uns das verbotene schwarze, staubige Album, das Großvaters Tatortfotos aus seiner kurzen Karriere bei der Gerichtsmedizin des Bezirks enthielt. Die Hausfrau mit den weit aufgerissenen Augen, das Gehirn auf dem Linoleumfußboden in der Küche verspritzt. Der nackte Richter, der ertrunken von seinem Hund an Land gezogen worden war.

Ich betrachte den Schimmel, der überall gierig die Backsteinwände hinaufkriecht. Die schwarzen Flechten, die in einem breiten, zickzackförmigen Riss des schmutzigen Betonbodens prächtig gedeihen.

Nachdem Großvater gestorben war, gab es niemanden mehr, der diesen Raum wirklich mochte. Rasch gehe ich zur hintersten Ecke und schlüpfe in die Lücke zwischen Wand und Kohleofen, der schon vor Jahren als unpraktisch aufgegeben wurde. Etwas huscht über meinen Knöchel. Ein Skorpion, eine Kakerlake. Ich zucke nicht zusammen. Über mein Gesicht sind schon schlimmere Dinge gekrochen.

Hinter dem Ofen kann man kaum etwas sehen. Ich lasse den Lichtkegel der Taschenlampe die Wand entlanggleiten, bis ich den schmutzigen Backstein mit dem roten Herzen entdecke, das ich dorthin gemalt habe, um meinen Bruder reinzulegen. Dreimal fahre ich mit dem Finger sacht die Umrisse des Herzens nach.

Dann zähle ich ab dem roten Herzen zehn Backsteine nach oben und zwei zur Seite. Zu hoch, als dass der kleine Bobby die Stelle hätte erreichen können. Ich hole den Schraubenzieher aus meiner Tasche und bohre in den bröckeligen Mörtel, fange an zu hebeln. Der erste Stein fällt heraus und landet dumpf auf dem Boden. Ich mache mich an die anderen drei Backsteine und entferne sie einen nach dem anderen.

Dann leuchte ich in das Loch.

Spinnwebengeflechte wie Webekunst. Ganz hinten ein grauer viereckiger Klumpen.

Siebzehn Jahre lang hat er in der Krypta gewartet, die ich für ihn gebaut habe.

Tessie, 1995

»Tessie. Hörst du mir überhaupt zu?«

Er stellt dumme Fragen so wie alle anderen auch.

Ich blicke von der aufgeschlagenen Zeitschrift auf meinem Schoß hoch, die ich praktischerweise neben mir auf dem Sofa vorgefunden habe. »Das bringt doch nichts.«

Ich blättere eine Seite um, nur um ihn zu ärgern. Natürlich weiß er, dass ich nicht lese.

»Warum bist du dann hier?«

Ich lasse bedeutungsschwangeres Schweigen in der Luft hängen. Schweigen ist meine einzige Möglichkeit, in dieser Aneinanderreihung von Therapiesitzungen nicht die Kontrolle zu verlieren. »Sie wissen, warum ich hier bin«, erwidere ich schließlich. »Ich bin hier, weil mein Vater es will.« Weil ich die anderen gehasst habe. Weil Daddy so traurig ist, dass ich es nicht ertragen kann. »Mein Bruder sagt, ich hätte mich verändert.« Zu viele Informationen.Inzwischen müsste ich es doch wirklich kapiert haben.

Die Beine seines Stuhls scharren auf dem Parkettboden, als er seine Sitzposition verändert. Bereit zum Angriff. »Glaubst du, dass du dich verändert hast?«

So leicht zu durchschauen. Entnervt blättere ich weiter in der Zeitschrift. Die Seiten sind kalt, glatt und steif. Sie riechen nach einem aufdringlichen Parfüm. Wahrscheinlich ist es eine von den Zeitschriften, die von abgemagerten und zornigen Mädchen strotzen. Ich frage mich, ob dieser Mann genau das sieht, wenn er mich anstarrt. Ich habe im letzten Jahr zehn Kilo abgenommen. Der Großteil meiner als Leichtathletikstar antrainierten Muskeln ist weg. Mein rechter Fuß steckt nach der dritten Operation in einem neuen bleischweren Gipsverband. Bitterkeit steigt in meiner Lunge auf wie heißer Dampf. Ich hole tief Luft. Mein Ziel ist es, nichts zu empfinden.

»Okay«, sagt er. »Dumme Frage.« Ich weiß, dass er mich eindringlich beobachtet. »Was hältst du dann von der: Warum hast du dir diesmal mich ausgesucht?«

Ich werfe die Zeitschrift beiseite und versuche, mir vor Augen zu halten, dass er eine Ausnahme macht, vermutlich, um dem Staatsanwalt einen Gefallen zu tun. Er behandelt nur selten Mädchen im Teenageralter.

»Sie haben ein juristisches Dokument unterschrieben, in dem steht, dass Sie keine Medikamente verordnen, niemals etwas über unsere Sitzungen veröffentlichen, mich nicht ohne mein Wissen für wissenschaftliche Experimente benutzen und keiner Menschenseele verraten werden, dass Sie die einzige überlebende Schwarzäugige Susanne behandeln. Außerdem haben Sie mir gesagt, dass Sie mich nicht hypnotisieren wollen.«

»Und du vertraust darauf, dass ich nichts von alldem tun werde?«

»Nein«, fauche ich ihn an. »Aber in dem Fall wäre ich dann wenigstens Millionärin.«

»Wir haben noch fünfzehn Minuten«, erwidert er. »Wir können diese Zeit nutzen, wie du willst.«

»Spitze.« Ich greife wieder nach der Zeitschrift mit den knochigen, zornigen Mädchen.

Tessa, heute

Zwei Stunden nach meinem Besuch im Haus meines Großvaters erscheint William James Hastings III. bei mir. Ich wohne in Fort Worth in einen Bungalow aus den Zwanzigerjahren mit strengen schwarzen Fensterläden. Keine einzige Kurve, kein Zierrat. Hinter meiner Tür gedeiht ein Dschungel aus lebendigen Farben, aber draußen bevorzuge ich Anonymität.

Ich bin dem Mann mit dem aristokratischen Namen, der sich auf meinem Sofa niederlässt, noch nie begegnet. Er kann nicht älter als achtundzwanzig sein, ist mindestens eins fünfundneunzig groß und hat lange schlaksige Arme und große Hände. Seine Knie stoßen an den Couchtisch. William James Hastings III erinnert mich eher an einen Profibasketballer auf dem Höhepunkt seiner Karriere als an einen Anwalt; vermutlich würde er sofort weniger unbeholfen wirken, wenn er einen Ball zur Hand nähme. Jungenhaft. Süß. Eine große Nase, die einer allzu makellosen Schönheit im Wege steht. Er hat eine Frau mit einer eng anliegenden weißen Jacke, einer Bluse mit weißem Kragen und einer schwarzen Hose mitgebracht. Die Art Frau, die sich für Mode nur insoweit interessiert, als man im Beruf korrekt gekleidet sein muss. Kurzes, naturblondes Haar. Finger ohne Ringe. Kurze, unlackierte Nägel. Ihr einziger Schmuck ist eine glitzernde Goldkette mit einem teuer aussehenden Anhänger, ein vertrautes verschnörkeltes Symbol, doch mir fehlt die Zeit, darüber nachzudenken, was es bedeutet. Vielleicht ist sie ja Polizistin, obwohl das keinen Sinn ergibt.

Der graue Klumpen, noch immer mit Staub und uralten Spinnweben bedeckt, liegt zwischen uns auf dem Tisch.

»Ich heiße Bill«, sagt er. »Nicht William. Und ganz bestimmt nicht Willie.« Er lächelt. Ich frage mich, ob er diesen Spruch auch bei den Geschworenen einsetzt. Meiner Ansicht nach braucht er einen besseren. »Tessa, wie ich schon am Telefon sagte, war ich hocherfreut über Ihren Anruf. Erstaunt, aber hocherfreut. Hoffentlich stört es Sie nicht, dass Dr. Seger – Joanna – auch dabei ist. Wir haben keine Zeit zu verlieren. Joanna ist die Forensikerin, die morgen die Knochen der … Susannen exhumieren wird. Sie würde gerne rasch eine Speichelprobe von Ihnen nehmen. Für die DNA-Bestimmung. Wegen der Probleme, die wir mit verlorenen Beweisstücken und wissenschaftlichen Patzern haben, würde sie den Abstrich gerne selbst durchführen. Das heißt, falls Sie es wirklich ernst meinen. Angie hätte nie gedacht …«

Ich räuspere mich. »Ich meine es ernst.« Der Gedanke an Angela Rothschild versetzt mir unwillkürlich einen Stich. Sechs Jahre lang hat diese immer so korrekt gekleidete silberhaarige Frau mir nachgestellt und darauf beharrt, dass Terrell Darcy Goodwin unschuldig ist. Auf jeden zweifelhaften Aspekt hat sie sich eingeschossen, bis ich mir selbst nicht mehr sicher war.

Angie war eine Heilige, eine Bulldogge und auch ein bisschen eine Märtyrerin. Die letzte Hälfte ihres Lebens und den Großteil des von ihren Eltern geerbten Vermögens hat sie darin investiert, Gefangene zu befreien, die vom Staat Texas zu Falschgeständnissen gedrängt worden waren. Da mehr als eintausendfünfhundert verurteilte Vergewaltiger und Mörder sie jedes Jahr um ihre Hilfe anflehten, musste sie selektiv vorgehen. Mir hat sie erzählt, die Tatsache, dass sie bei all den Anrufen und Briefen Gott spielen müsse, sei der einzige Grund, warum sie manchmal ans Aufhören denke. Ich war einmal bei ihr im Büro, und zwar nachdem sie sich das erste Mal mit mir in Verbindung gesetzt hatte. Es befand sich im Kellergeschoss einer alten Kirche in einem gefährlichen Viertel von Dallas, am besten bekannt für die hohe Todesrate unter Polizisten. Solange ihre Klienten weder das Tageslicht sehen noch rasch bei Starbucks einen Kaffee trinken könnten, habe sie selbst auch nicht das Recht darauf, sagte sie. In ihrem Keller leisteten ihr nur ihre Kaffeekanne und drei weitere Anwälte Gesellschaft, die neben ihrem Beruf ehrenamtlich hier tätig waren. Außerdem so viele Jurastudenten, wie sie anwerben konnte.

Vor neun Monaten saß Angie in Jeans und abgewetzten schwarzen Cowboystiefeln auf ebendiesem Sofa, in der Hand einen von Terrells Briefen. Sie flehte mich an, ihn zu lesen. Sie hat mich überhaupt um eine Menge von Dingen gebeten, wie zum Beispiel, einem ihrer Experten-Gurus die Chance zu geben, meinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen. Nun ist sie tot. Herzinfarkt. Man hat sie mit dem Gesicht auf einem Stapel von Goodwins Fallakten aufgefunden. Der Reporter, der ihren Nachruf schrieb, bezeichnete das als poetisch. In der Woche seit ihrem Tod sind meine Schuldgefühle beinahe unerträglich geworden. Angie gehörte, wie mir zu spät klar wurde, zu den Menschen, die mir Halt gegeben haben. Zu den wenigen, die mich nicht im Stich ließen.

»Ist das … das, was Sie da für uns haben?« Bill starrt auf die schmutzige Einkaufstüte aus Opas Keller, als sei sie mit Gold gefüllt. Sie hat eine krümelige Mörtelspur auf der Glasplatte hinterlassen, genau neben einem rosafarbenen Haarband, in dem eine Strähne des roten Haars meiner Tochter Charlie hängt.

»Am Telefon sagten Sie, Sie müssten es … suchen«, fährt er fort. »Dass Sie Angie von diesem … Projekt … erzählt hätten, aber nicht sicher seien, wo es ist.«

Da das keine richtige Frage ist, antworte ich nicht.

Sein Blick wandert durch das Wohnzimmer, in dem der Krimskrams einer Künstlerin und einer Jugendlichen verstreut sind. »Ich würde gern in einigen Tagen einen Termin in meinem Büro anberaumen. Nachdem ich es … untersucht habe. Wegen der Revision werden wir beide die gesamte Vergangenheit noch einmal durcharbeiten müssen.« Für einen solchen Hünen ist er erstaunlich sanft. Ich frage mich, wie er im Gerichtssaal auftritt und ob Sanftheit seine Waffe ist.

»Bereit für den Abstrich?«, unterbricht Dr. Seger uns plötzlich in geschäftsmäßigem Ton und greift schon nach den Latexhandschuhen. Vielleicht befürchtet sie ja, dass ich es mir noch anders überlege.

»Klar.« Wir stehen beide auf. Sie berührt die Innenseiten meiner Wangen und versiegelt mikroskopische Teilchen von mir in einem Röhrchen. Ich weiß, dass sie meine DNA zu der Sammlung hinzufügen wird, die von den anderen beiden Susannen stammt. Zwei von ihnen werden noch unter der anonymen Bezeichung Jane Doe geführt. Ich spüre, dass sie Hitze abstrahlt. Gespannte Erwartung.

Ich wende meine Aufmerksamkeit wieder der Tüte auf dem Tisch und Bill zu. »Es war so etwas wie ein Experiment, das mir einer meiner Psychiater vorgeschlagen hat. Wahrscheinlich ist das, was sich nicht darin befindet, wertvoller als der Inhalt.« Mit anderen Worten, ich habe keinen schwarzen Mann gezeichnet, der wie Terrell Darcy Goodwin aussieht.

Obwohl meine Stimme ruhig klingt, bebt mein Herz. Ich liefere Tessie diesem Mann aus. Hoffentlich ist das kein Fehler.

»Angie … sie wäre Ihnen so dankbar. Ist Ihnen dankbar.« Bill reckt den gekrümmten Finger zum Himmel wie auf dem Gemälde von Michelangelo. Ich empfinde das als tröstend. Dieser Mann muss sich tagtäglich mit Menschen herumschlagen, die sich ihm in den Weg stellen. Einigermaßen anständige Menschen, die sich starrsinnig an ihre Lügen und fatalen Fehler klammern. Und dennoch glaubt er noch an Gott. Oder wenigstens an irgendetwas.

In Dr. Segers Tasche klingelt ein Handy. Sie wirft einen Blick auf das Display. »Ich muss das annehmen. Einer meiner Doktoranden. Wir treffen uns am Auto, Bill. Gut gemacht, Mädchen. Sie tun das Richtige.« Sie spricht Mädchen wie Maadchen aus. Leicht nasal. Oklahoma vielleicht. Ich lächle automatisch.

»Ich komme gleich, Jo.« Bill bewegt sich betont langsam, als er seinen Aktenkoffer zuklappt und vorsichtig nach der Tüte greift. Anscheinend ist er nicht in Eile. Als die Tür hinter ihr zufällt, werden seine Hände ruhig. »Sie haben gerade eine Koryphäe kennengelernt. Joanna ist ein Genie in Sachen mitochondrialer DNA. Auch mit zerfallenen Knochen vollbringt sie wahre Wunder. Nach dem 11. September ist sie zum Tatort geeilt und dort vier Jahre lang geblieben. Sie hat Geschichte geschrieben, weil sie dazu beigetragen hat, aus verkohlten Überresten Tausende von Opfern zu identifizieren. Anfangs hat sie im YMCA gewohnt und zusammen mit den Obdachlosen geduscht. Hat vierzehn Stunden am Tag gearbeitet. Das hätte sie nicht gemusst, es war nicht ihre Aufgabe. Doch wann immer sie konnte, hat sie sich mit den trauernden Familien zusammengesetzt und ihnen die wissenschaftlichen Zusammenhänge erklärt, damit sie so sicher sein konnten, wie sie selbst es war. Da sie ein paar Brocken Spanisch beherrscht, war sie in der Lage, mit den Angehörigen der mexikanischen Geschirrspüler und Kellner zu sprechen, die im Nordturm gearbeitet hatten. Sie ist nicht nur eine der besten Forensikerinnen auf diesem Planeten, sondern auch zufällig einer der gütigsten Menschen, denen ich je begegnet bin. Und sie will Terrell eine Chance geben. Ich möchte, dass Sie die Menschen auf unserer Seite verstehen. Verraten Sie mir eines, Tessa, warum Sie? Warum sind Sie plötzlich auf unserer Seite?«

Seine Stimme klingt plötzlich leicht angespannt. Er will mir durch die Blume mitteilen, dass ich ihnen keine Schwierigkeiten machen soll.

»Da gibt es verschiedene Gründe«, erwidere ich mit zitternder Stimme. »Einen davon kann ich Ihnen zeigen.«

»Tessa, ich will alles wissen.«

»Besser, wenn Sie es sehen.«

Ich führe ihn wortlos den schmalen Flur entlang, vorbei an Charlies chaotischer violetter Höhle, wo normalerweise Musik dröhnt, und reiße die Tür am Ende des Ganges auf. Eigentlich war das nicht der Plan, zumindest nicht heute.

Bill ragt wie ein Riese in meinem Schlafzimmer auf. Er stößt mit dem Kopf an den antiken Kronleuchter, der mit Glasscherben aus dem Meer verziert ist, die Charlie und ich letzten Sommer an den grauen Stränden von Galveston gesammelt haben. Als er sich wegduckt, streift er versehentlich meine Brust. Er entschuldigt sich. Es ist ihm peinlich. Einen Moment lang sehe ich die Beine dieses Fremden vor mir, verschlungen in meine Bettlaken. Ich kann mich nicht erinnern, je einen Mann hier hereingelassen zu haben.

Verlegen sehe ich zu, wie Bill all die vertraulichen Einzelheiten meines Lebens auf sich wirken lässt: die Karikatur von Opas Haus, Gold- und Silberschmuck, verstreut auf der Kommode, die Nahaufnahme von Charlie mit riesigen lavendelfarbenen Augen, der ordentliche Stapel frisch gewaschener weißer Spitzenhöschen auf dem Stuhl, von denen ich wünschte, sie wären in irgendeiner Schublade verborgen.

Er weicht bereits zur Tür zurück, fragt sich offenbar, worauf zum Teufel er sich da eingelassen hat. Ob er seine Hoffnungen für den armen Terrell Darcy Goodwin an eine Verrückte gehängt hat, die ihn als Erstes in ihr Schlafzimmer schleppt. Als ich Bills Gesichtsausdruck sehe, möchte ich am liebsten laut loslachen, auch wenn ich mir nicht zu fein bin, von einem netten amerikanischen Jungen mit zwei Uniabschlüssen zu träumen – und obwohl er eigentlich gar nicht mein Typ ist.

Nur dass das, was ich ihm jetzt zeigen werde, mich nachts wach hält. Dafür sorgt, dass ich denselben Absatz von Anna Karenina immer wieder lese, auf jedes Knarzen im Haus horche, jeden barfüßigen mitternächtlichen Schritt meiner Tochter, jedes süße schläfrige Geräusch, das aus ihrem Mund den Flur entlangweht.

»Keine Sorge«, sage ich bemüht fröhlich. »Ich stehe eher auf reiche und weniger sozial engagierte Männer. Die, wissen Sie … alt genug sind, um sich einen Bart wachsen zu lassen. Kommen Sie hier rüber. Bitte.«

»Sehr reizend.« Allerdings höre ich ihm die Erleichterung an. Er schafft die Strecke mit zwei Schritten. Sein Blick folgt meinem Finger, der zum Fenster hinaus zeigt.

Ich weise nicht zum Himmel, sondern auf den Boden, wo ein Büschel Schwarzäugiger Susannen, noch nicht ganz verwelkt, unter dem Fensterbrett wächst und mich mit schwarzen Knopfaugen verhöhnt.

»Wir haben Februar«, sage ich leise. »Schwarzäugige Susannen blühen nur im Sommer so.« Ich halte inne, damit sich das setzen kann. »Sie wurden vor drei Tagen gepflanzt, an meinem Geburtstag. Jemand hat sie eigens für mich gezüchtet und sie unter das Fenster meines Schlafzimmers gepflanzt.«

Die Brachfläche neben dem Grundstück der Jenkins wurde etwa zwei Jahre, bevor die Schwarzäugigen Susannen dort abgelegt wurden, von einem Feuer dem Erdboden gleichgemacht. Ein an einer einsamen Staubstraße achtlos aus einem Auto geworfenes Streichholz hatte einen mittellosen Farmer seine gesamte Weizenernte gekostet und Platz für die Abertausenden gelben Blumen geschaffen, die das Feld bedeckten wie eine riesige zerknitterte Steppdecke.

Das Feuer hatte auch unser Grab ausgehoben, eine unebene, tiefe Grube. Schon lange vor unserer Ankunft sind dort Schwarzäugige Susannen aufgeblüht und haben den Boden kühn geschmückt. Die Schwarzäugige Susanne ist eine gierige Pflanze und oft das Erste, was in verbrannter und zerstörter Erde gedeiht. Hübsch, aber wettstreitend wie ein Cheerleader. Ihr Lebenszweck ist, alles andere zu verdrängen.

Ein angezündetes Streichholz, ein achtloser Wurf, und unsere Spitznamen waren für immer in den Gruselgeschichten über Serienmörder festgeschrieben.

Bill ist noch immer in meinem Schlafzimmer und hat Joanna eine lange SMS geschickt; vielleicht will er ihre Fragen nicht in meiner Gegenwart am Telefon beantworten. Als wir vor meinem Fenster mit ihr zusammentreffen, taucht sie gerade ein Röhrchen in die schwarz gefleckte Erde. Der verschnörkelte Kettenanhänger an ihrem Hals streift ein Blütenblatt, während sie sich bückt. Mir ist noch immer nicht eingefallen, was das Symbol bedeutet. Etwas Religiöses vielleicht. Sehr Altes.

»Er oder sie hat etwas anderes verwendet als den Boden, der hier vorkommt«, stellt Joanna fest. »Wahrscheinlich Blumenerde einer herkömmlichen Marke und Samen, die man im Baumarkt bekommt. Aber man kann nie wissen. Sie sollten die Polizei verständigen.«

»Und denen erzählen, dass jemand hübsche Blumen für mich gepflanzt hat?« Ich will nicht sarkastisch klingen, bin aber machtlos dagegen.

»Das ist unbefugtes Betreten«, entgegnet Bill. »Belästigung. Sie wissen ja, dass das nicht das Werk des Mörders sein muss. Es könnte auch ein Spinner sein, der die Zeitung liest.« Er spricht es zwar nicht aus, doch ich weiß es trotzdem. Er zweifelt an meinem Geisteszustand und hofft, dass ich mehr als diese Blumen unter meinem Fenster vorzuweisen habe, um einen Richter dazu zu bringen, Terrell zu glauben. Vielleicht fragt er sich ja sogar, ob ich die Blumen selbst gepflanzt habe.

Wie viel verrate ich ihm?

Ich hole tief Luft. »Jedes Mal, wenn ich die Polizei verständige, landet es im Internet. Wir kriegen Anrufe und Briefe. Idioten posten etwas bei Facebook. Geschenke auf der Türschwelle. Kekse. Tüten mit Hundekacke. Kekse, die aus Hundekacke gebacken sind. Zumindest hoffe ich, dass es nur Hundekacke ist. Jede Form von Aufmerksamkeit macht meiner Tochter das Leben in der Schule zur Hölle. Und nach ein paar Jahren wundervoller Ruhe wühlt die Hinrichtung jetzt alles wieder auf.« Genau deshalb habe ich Angie all die Jahre lang immer wieder nein, nein und nochmals nein gesagt. Ich musste sämtliche Zweifel beseiteschieben. Zu guter Letzt habe ich Angie verstanden und sie mich. Ich werde einen anderen Weg finden, versicherte sie mir.

Nur, dass inzwischen alles anders ist. Angie ist tot.

Er hat unter meinem Fenster gestanden.

Ich streiche etwas Fadenartiges weg, das sich in meinem Haar verfangen hat. Kurz frage ich mich, ob es aus Großvaters Keller stammt. Ich erinnere mich, dass ich vor ein paar Stunden die Hand in das modrige Loch gesteckt habe, ohne hinzuschauen, und schalte meinen Zorn eine Stufe höher. »Wissen Sie, was für ein Gesicht Sie gerade machen? Diese Mischung aus Mitleid, Unbehagen und deplatziertem Verständnis, als müsse man mich noch wie das traumatisierte Schulmädchen von damals behandeln? Seit ich denken kann, werde ich so angeschaut. In dieser ganzen Zeit habe ich mich geschützt, und bis jetzt recht gut. Ich bin jetzt glücklich. Ich bin nicht mehr dieses Mädchen.« Ich ziehe meinen langen braunen Pulli fester um mich, obwohl mir die späte Wintersonne warm ins Gesicht scheint. »Jeden Moment kann meine Tochter nach Hause kommen, und es wäre mir lieber, wenn sie Ihnen beiden nicht begegnen würde, bevor ich ihr nicht ein paar Dinge erklärt habe. Sie weiß noch nicht, dass ich Sie angerufen habe. Und ich möchte, dass ihr Leben so normal wie möglich verläuft.«

»Tessa.« Zögernd macht Joanna einen Schritt auf mich zu, hält dann aber inne. »Ich verstehe.«

Ihre Stimme hat etwas schrecklich Bedeutungsschweres an sich. Ich verstehe. Bomben, die nacheinander auf den Meeresgrund fallen.

Ich mustere ihr Gesicht. Fältchen, eingegraben vom Leid anderer Menschen. Blaugrüne Augen, die mehr Schreckliches gesehen haben, als ich mir jemals werde vorstellen können. Sie hat das Grauen gerochen. Es berührt und eingeatmet, als es in Form von Asche vom Himmel rieselte.

»Wirklich?« Meine Stimme ist leise. »Hoffentlich. Denn ich werde dabei sein, wenn Sie diese beiden Gräber öffnen.«

Mein Daddy hat damals die Särge bezahlt.

Joanna reibt den Kettenanhänger zwischen den Fingern wie ein Kruzifix.

Plötzlich wird mir klar, dass es in ihrer Welt tatsächlich eines ist.

Sie trägt eine Doppelhelix aus Gold.

Die gewundene Leiter des Lebens.

Einen DNA-Strang.

Tessie, 1995

Eine Woche später, um Punkt zehn, sitze ich wieder auf dem straff gepolsterten Sofa des Arztes. Oscar reibt seine feuchte Schnauze beruhigend an meiner Hand und lässt sich dann mit aufmerksamer Miene auf dem Boden nieder. Ich hab ihn seit letzter Woche und gehe nirgendwo ohne ihn hin. Nicht dass jemand widersprechen würde. Oscar ist niedlich, beschützt mich und macht ihnen Hoffnung.

»Tessie, die Gerichtsverhandlung beginnt in drei Monaten. In neunzig Tagen also. Im Moment ist es meine wichtigste Aufgabe, dich emotional darauf vorzubereiten. Ich kenne den Verteidiger, und er ist ausgezeichnet. Wenn er glaubt, das Leben eines Unschuldigen in den Händen zu halten – was er tut –, läuft er zur Hochform auf. Verstehst du, was das bedeutet? Er wird es dir nicht leicht machen.«

Diesmal also kommt er gleich zur Sache.

Meine Hände sind sittsam auf dem Schoß verschränkt. Ich trage einen kurzen blau karierten Faltenrock, weiße durchbrochene Strümpfe und schwarze Lackschuhe. Ich war noch nie ein braves Mädchen trotz meines rotgoldenen Haars und der Sommersprossen, die meine wundervoll verrückte Großmutter als Feenstaub bezeichnet hat. Nicht damals und auch nicht jetzt. Heute hat mich meine beste Freundin Lydia eingekleidet. Sie hat in meinen chaotischen Schubladen und im Wandschrank gewühlt, weil sie es nicht aushält, dass ich mich nicht mehr darum kümmere, ob meine Sachen zusammenpassen. Lydia gehört zu den wenigen Freundinnen, die mich noch nicht aufgegeben haben. Derzeit entnimmt sie ihre Modetipps dem Film Clueless – Was sonst?, aber den hab ich ja nicht gesehen.

»Okay«, sage ich. Schließlich ist das einer der beiden Gründe, warum ich hier sitze. Ich habe Angst. Seit sie Terrell Darcy Goodwin vor elf Monaten verhaftet haben, als er gerade bei Denny’s in Ohio ein Grand-Slam-Frühstück verspeiste, haben sie mir wieder und wieder gesagt, dass ich aussagen muss. Ich habe die Tage gezählt wie Giftpillen. Heute sind es nur noch siebenundachtzig Tage, keine neunzig. Doch ich spare mir die Mühe, ihn zu verbessern.

»Ich erinnere mich an nichts.« Dabei werde ich bleiben.

»Sicher hat der Staatsanwalt dir erklärt, dass das keine Rolle spielt. Du bist ein lebendes, atmendes Beweisstück. Unschuldiges Mädchen gegen Ungeheuer in Menschengestalt. Also fangen wir am besten damit an, woran du dich noch erinnerst. Tessie. Tessie? Woran denkst du gerade? Heraus damit … und schau nicht dauernd zur Seite. Okay?«

Langsam wende ich den Hals und sehe ihn mit zwei moosgrauen Tümpeln aus Nichts an.

»Ich erinnere mich, dass eine Krähe versucht hat, mir die Augen auszupicken«, erwidere ich tonlos. »Verraten Sie mir eines: Was soll es bringen, Sie anzuschauen, obwohl Sie wissen, dass ich Sie nicht sehen kann?«

Tessa, heute

Eigentlich ist es ihr drittes Grab. Die beiden Susannen, die heute Abend auf dem Friedhof St. Mary’s in Forth Worth exhumiert werden, waren seine älteren Opfer. Ausgegraben aus ihrem ersten Versteck und, zusammen mit mir, wie Hühnerknochen auf das Feld geworfen. Insgesamt vier von uns, alle in einer Fuhre entsorgt. Ich wurde mit einem Mädchen namens Merry Sullivan ganz oben abgelegt. Laut Leichenbeschauer war sie seit über einem Tag tot. Ich hörte, wie Großvater meinem Vater etwas zuraunte: »Der Teufel hat seine Schränke ausgemistet.«

Es ist Mitternacht, und ich stehe mindestens hundert Meter entfernt unter einem Baum. Ich habe mich unter dem Absperrband durchgeduckt, das die Umgebung abriegelt. Dabei frage ich mich, wer um alles in der Welt ihrer Ansicht nach um diese Zeit auf einem Friedhof herumlaufen sollte. Gespenster. Tja, und ich natürlich.

Sie haben ein weißes Zelt über den beiden Gräbern aufgebaut, das fahl schimmert wie ein Lampion. Es sind viel mehr Leute da, als ich erwartet habe. Selbstverständlich Bill. Den Staatsanwalt erkenne ich von einem Zeitungsfoto wieder. Neben ihm steht ein kahlköpfiger Mann in einem schlecht sitzenden Anzug. Dazu mindestens fünf Polizisten und fünf weitere Gestalten, in Tyvek-Overalls gehüllt wie Aliens, die im Zelt ein und aus gehen. Ich weiß, der Gerichtsmediziner ist unter ihnen. Das ist der Stoff, aus dem Karrieren gemacht sind.

Wusste der Reporter, der Angies Nachruf verfasst hat, dass seine Worte den eingerosteten Hebel des Rechtssystems in Bewegung setzen würde? Dass er einen kleinen öffentlichen Aufschrei in einem Bundesstaat auslösen würde, wo jeden Monat Männer hingerichtet werden? Dass ein Richter seine Meinung ändern könnte, was das Exhumieren der Leichen und eine neue Verhandlung angeht? Und mich endgültig dazu bewegen könnte, zum Telefon zu greifen?

Plötzlich wirbelt der Mann im Anzug herum. Ich kann einen Blick auf einen Priesterkragen erhaschen, bevor ich mich hinter den Baum ducke. Kurz brennen mir die Augen, angerührt von dieser heimlichen Aktion und den angestrengten Bemühungen, diese Mädchen würde- und pietätvoll zu behandeln, obwohl niemand ahnt, wer sie sind, und kein Reporter in Sicht ist.

Die Mädchen, die heute Nacht aus der Erde geborgen werden, waren schon vor achtzehn Jahren, als man sie zu dem Feld schaffte, nur noch Knochen. Ich war kaum noch am Leben. Und es heißt, dass Merry schon seit mindestens dreißig Stunden tot war. Als die Polizei uns fand, war Merry bereits ziemlich übel von Tieren zugerichtet worden. Ich hatte versucht, sie zu beschützen, jedoch irgendwann das Bewusstsein verloren. Manchmal kann ich noch die angeregte Konversation der Feldratten hören. Diese Dinge darf ich niemandem erzählen, der mich liebt. Besser, sie glauben, dass ich mich nicht erinnere.

Nach Ansicht der Ärzte hat mein Herz mich gerettet. Ich habe von Geburt an einen langsamen Herzschlag. Außerdem war ich als eine der besten Hürdenläuferinnen des Landes in absoluter Topform. An einem gewöhnlichen Tag, wenn ich Hausaufgaben machte, einen Hamburger aß oder mir die Nägel lackierte, hatte ich einen Pulsschlag von regelmäßigen siebenunddreißig Schlägen pro Minute. Nachts beim Schlafen sank er sogar auf neunundzwanzig. Der Durchschnittspuls bei einem Jugendlichen ist etwa siebzig. Daddy hatte sich angewöhnt, jeden Morgen um zwei aufzustehen, um nachzuschauen, ob ich noch atmete, obwohl ein berühmter Kardiologe in Houston versuchte, ihn zu beruhigen. Ja, mein Herz war ein wenig außergewöhnlich, ebenso wie meine Geschwindigkeit. Es würde schon über eine Olympiateilnahme getuschelt. Man nannte mich den kleinen Feuerball wegen meiner Haare und meines aufbrausenden Temperaments, wenn ich eine schlechte Zeit lief oder eine Konkurrentin mich an einer Hürde abdrängte.

Während ich in diesem Grab um mein Leben kämpfte, sank mein Puls laut Aussage der Ärzte auf etwa achtzehn. Ein Sanitäter am Fundort hielt mich sogar für tot.

Der Staatsanwalt teilte den Geschworenen mit, ich hätte den Mörder der Schwarzäugigen Susannen überrascht und nicht etwa umgekehrt. Ich hätte ihn in Panik versetzt und so dazu gebracht, die Beweise zu beseitigen. Der große Bluterguss an Terrell Darcy Goodwins Bauch, der auf dem vergrößerten Beweisfoto aussah wie ein blaues, grünes und gelbes Batikmuster, sei mein Werk. Den Menschen gefallen Geschichten, in denen eine tapfere Heldin vorkommt, selbst wenn es dafür keinerlei Belege gibt.

Ein dunkler Transporter rollt langsam rückwärts ins Zelt. O. J. Simpson wurde im selben Jahr freigesprochen, als ich meine Aussage machte, und der hatte seine Frau abgeschlachtet und Blutspuren an ihrem Tor hinterlassen. Gegen Terell Darcy Goodwin gab es keine wasserdichten DNA-Beweise, nur eine zerschlissene Jacke, die gut einen Kilometer entfernt im Schlamm lag und Blut mit seiner Blutgruppe an der rechten Manschette hatte. Der Blutfleck war so klein und zerfallen, dass man keine DNA sicherstellen konnte, eine Beweismethode, die in jener Zeit noch ziemlich neu war vor Gericht. Damals reichte mir das, um mich daran zu klammern, aber jetzt nicht mehr. Ich bete, dass Joanna ihren Hohepriesterinnenzauber wirken lassen wird, damit wir endlich wissen, wer diese beiden Mädchen sind. Ich zähle darauf, dass sie uns allen den Frieden bringen werden.

Als ich mich zum Gehen wende, stoße ich mit der Zehe gegen etwas. Sofort bleibt mir die Luft weg, ich kippe mit ausgestreckten Händen nach vorne und halte mich an einem alten, zerbrochenen Grabstein fest. Die Wurzeln haben sich in ihn hineingearbeitet, bis er umgefallen und in zwei Hälften zersprungen ist.

Hat mich jemand gehört? Rasch blicke ich mich um. Das Zelt ist schon halb abgebaut. Jemand lacht. Schatten bewegen sich, keiner davon in meine Richtung. Ich stemme mich hoch. Meine Hände brennen. Ich wische mir Tod und Erde von den Jeans. Dann hole ich mein Handy aus der Gesäßtasche. Als ich auf den Knopf drücke, verbreitet es ein freundliches Licht. Ich beleuchte den Grabstein. Ein roter Schmierer von meiner Hand bedeckt das schlafende Lamm, das über Christina Driskill wacht.

Christina Driskill hat die Welt am selben Tag betreten, an dem sie ihr wieder entflohen ist. 3. März 1872.

Meine Gedanken graben sich in die kiesige Erde, wollen sich in die kleine Holzkiste zwängen, die unter meinen Füßen ruht, schief, aufgebrochen, von Wurzeln erstickt.

Ich denke an Lydia.

Tessie, 1995

»Weinst du häufig?« Erste Frage. Freundlich.

»Nein.« So viel zu Lydias Schönheitstrick, mir nach meinen kleinen Heulattacken zwei kalte Löffel unter die Augen zu halten.

»Tessie, ich möchte, dass du mir erzählst, was du zuletzt gesehen hast, bevor du blind geworden bist.« Er hält sich nicht lange mit meinem verschwollenen Gesicht auf, sondern macht genau dort weiter, wo wir beim letzten Mal aufgehört haben. Schlaue Taktik, muss ich widerwillig zugeben. Er hat sogar das Wort blind benutzt, was mir sonst niemand ins Gesicht zu sagen wagt, außer Lydia, die mir vor drei Tagen befohlen hat, aufzustehen und mir die Haare zu waschen, weil sie aussähen wie vergammelte Zuckerwatte.

Offenbar hat der Arzt inzwischen begriffen, dass Aufwärmübungen bei mir reine Zeitverschwendung sind.

Ich habe das Gesicht meiner Mutter gesehen. Wunderschön, gütig, liebevoll. Das war das letzte klare Bild, das mir vor Augen stand, nur dass meine Mutter tot ist, seit ich acht bin, und meine Augen weit offen standen. Das Gesicht meiner Mutter und dann nichts als einen schimmernden grauen Ozean. Ich denke oft, dass Gott mich auf diese Weise ins Blindsein einführen wollte.

Ich räuspere mich, fest entschlossen, in der heutigen Sitzung etwas zu sagen, um kooperativer zu wirken, damit er Daddy erzählt, dass ich Fortschritte mache. Daddy, der sich jeden Dienstagvormittag freinimmt, um mich hierher zu bringen. Aus irgendeinem Grund glaube ich nicht, dass dieser Arzt, im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen, ihn anlügen wird. Er stellt seine Fragen auf andere Weise. Und so fallen auch meine Antworten anders aus, ich bin nicht sicher, warum.

»Auf dem Fensterbrett in meinem Krankenhauszimmer standen ein paar Karten«, erwidere ich beiläufig. »Auf einer war ein Schwein abgebildet. Es hatte eine Fliege und einen Zylinder an. Hoffentlich bist du bald wieder quietschfidel, stand drauf. Das Schwein – das war das Letzte, was ich gesehen habe.«

»Keine sehr geglückte Ausdrucksweise.«

»Finden Sie?«

»Hat dich sonst etwas an dieser Grußkarte gestört?«

»Niemand konnte die Unterschrift lesen.« Ein nicht zu entzifferndes Gekritzel wie eine Drahtfeder.

»Also wusstest du nicht, von wem sie ist?«

»Viele fremde Leute von überallher haben Karten geschickt. Und Blumen und Stofftiere. Es waren so viele, dass mein Vater gebeten hat, sie in die Kinder-Krebsstation zu bringen.« Irgendwann hat das FBI einen Hinweis erhalten und alles fürs Labor eingesammelt. Später hatte ich ein schlechtes Gewissen, sie könnten einem sterbenden Kind das Stofftier aus der Hand gerissen haben, ohne auch nur den geringsten Beweis zu finden.

Das Schwein hielt ein Gänseblümchen in seinem rosafarbenen Huf. Diesen Teil habe ich weggelassen. Mit sechzehn, unter dem Einfluss von Medikamenten, in einem Krankenhausbett und in Todesangst, konnte ich kein gelbes Gänseblümchen von einer Schwarzäugigen Susanne unterscheiden.

Mein Gips juckt wie verrückt. Ich greife mit zwei Fingern in den schmalen Spalt zwischen Wade und Verband, kann die Stelle am Knöchel jedoch nicht erreichen. Oscar leckt mir mit seiner Schmirgelpapierzunge das Bein, um mir zu helfen.

»Okay, vielleicht war die Karte ja der Auslöser«, meint der Arzt. »Vielleicht auch nicht. Es ist ein Anfang. Ich denke, wir machen es folgendermaßen: Bevor wir dich fürs Gericht vorbereiten, reden wir über deine dissoziative Störung. Aus Zeitgründen haben … andere … gehofft, ich könnte das vermeiden. Aber sie blockiert dich.«

Glaubst du?

»Für mich steht die Zeit in diesem Raum still.« Kein Druck, will er mir mitteilen. Wir segeln gemeinsam durch meinen grauen Ozean, und ich bestimme die Windstärke. Meines Wissens ist es das erste Mal, dass er mich anlügt.

Dissoziative Störung. Das ist der höfliche, gebildete Ausdruck dafür.

Freud hat es als hysterische Blindheit bezeichnet.

Die vielen teuren Untersuchungen, und körperlich ist alles in Ordnung.

Alles nur im Kopf.

Das arme Ding will die Welt nicht sehen.

Sie wird nie mehr so sein wie früher.

Warum glauben die Leute nur, dass ich sie nicht hören kann?

Ich blende seine Stimme wieder ein. Er klingt wie Tommy Lee Jones in Auf der Flucht, beschließe ich. Ein gedehnter Texas-Akzent. Mörderschlau, und er weiß es.

»… bei jungen Frauen, die ein solches Trauma durchgemacht haben, ist das nicht ungewöhnlich. Ungewöhnlich ist nur die Dauer. Elf Monate.«

Dreihundertsechsundzwanzig Tage, Doktor. Aber ich verbessere ihn nicht.

Ein leises Knirschen, als er sich auf seinem Stuhl bewegt. Oscar steht auf, um mich zu beschützen. »Es gibt Ausnahmen«, fährt er fort. »Ich habe einmal einen Jungen behandelt, einen Klaviervirtuosen, der seit seinem fünften Lebensjahr acht Stunden am Tag geübt hatte. Als er eines Morgens aufwachte, waren seine Hände erstarrt. Gelähmt. Er konnte nicht einmal ein Glas Milch halten. Die Ärzte haben keinen Grund gefunden. Auf den Tag genau zwei Jahre später fing er wieder an, mit den Fingern zu wackeln.«

Die Stimme des Arztes ist näher gekommen. Dicht neben mir. Oscar stößt mit der Schnauze gegen meinen Arm, damit ich Bescheid weiß. Der Arzt schiebt einen dünnen, kühlen, glatten Gegenstand in meine Hand. »Versuch es damit«, sagt er.

Ein Bleistift. Ich greife danach. Bohre ihn tief seitlich in meinen Gipsverband. Sofort köstliche Erleichterung. Ein sachter Lufthauch, als der Arzt sich wieder entfernt. Vielleicht die Schöße seines Sakkos. Ich bin sicher, dass er überhaupt nicht wie Tommy Lee Jones aussieht. Aber Oscar kann ich mir vorstellen. Weiß wie frisch gefallener Schnee. Blaue Augen, die alles sehen. Rotes Halsband. Scharfe kleine Zähne, falls mir jemand etwas tun will.

»Weiß dieser Pianist, dass Sie mit anderen Patienten über ihn reden?«, frage ich. Ich kann nicht anders. Mein Sarkasmus ist wie eine Reitgerte, die ich nicht wegstecken kann. Allerdings muss ich an unserem dritten gemeinsamen Dienstagmorgen zugeben, dass dieser Arzt etwas in mir anrührt. Ich spüre den ersten Anflug eines schlechten Gewissens. So, als müsse ich mir mehr Mühe geben.

»Offen gestanden, ja. Ich wurde für eine Cliburn-Dokumentation über ihn interviewt. Was ich sagen will: Ich glaube, du wirst wieder sehen.«

»Darüber mache ich mir keine Sorgen«, bricht es aus mir hervor.

»Das ist oft ein Symptom einer dissoziativen Störung. Ein mangelndes Interesse daran, wieder gesund zu werden. Doch in deinem Fall glaube ich nicht, dass das stimmt.«

Zum ersten Mal geht er mich direkt an. Er wartet schweigend ab, während ich spüre, wie mir die Hutschnur platzt.

»Ich weiß, warum Sie eine Ausnahme machen und mich behandeln.« Meine Stimme zittert, obwohl ich doch eigentlich trotzig klingen will. »Was Sie mit meinem Vater gemeinsam haben. Ich weiß, dass Sie eine Tochter hatten, die verschwunden ist.«

Tessa, heute

Angies spartanischer Metallschreibtisch sieht noch genauso aus, wie ich ihn in Erinnerung habe, begraben unter einem Berg von Papieren und Aktenmappen. Er steht in einer Ecke des gewaltigen Kellergewölbes von St. Stephen’s, der katholischen Backsteinkirche, die trotzig an der Ecke 2nd Avenue und Hatcher Street, dem Korridor zur Hölle, aufragt.

Draußen strahlt die texanische Mittagssonne, doch nicht hier unten. Hier ist es dämmrig und zeitlos, geprägt von den Flecken einer gewaltsamen Vergangenheit, als die Kirche acht Jahre lang leer stand und dieser Raum von Drogendealern als Hinrichtungsstätte genutzt wurde.

Beim ersten und einzigen Mal, als ich hier war, hat Angie mir erzählt, der zuversichtliche junge Priester, der ihr den Raum vermietet habe, habe die Wände viermal eigenhändig weiß gestrichen. Die Kerben und Einschusslöcher, habe er gesagt, würden für immer bleiben wie die Nägel am Kreuz. Wider das Vergessen.

Ihre Schreibtischlampe ist das Einzige, was hier leuchtet und ein schwaches Licht auf den nicht gerahmten Kunstdruck wirft. Die Steinigung des heiligen Stephanus. Rembrandts erstes bekanntes Werk, gemalt mit neunzehn. Ich habe in einem anderen Keller alles über die Chiarascuro-Technik gelernt, von meinem Großvater, der sich über seine Staffelei beugte. Starke Lichteffekte, schwere Schatten. Rembrandt war ein Meister darin. Er hat dafür gesorgt, dass der strahlende Himmel sich für den heiligen Stephanus auftat, den ersten christlichen Märtyrer, der von einem Mob ermordet wurde, weil böse Menschen Lügen über ihn verbreitet hatten. In der oberen Ecke drängen sich drei Priester zusammen. Schauen ihm beim Sterben zu. Untätig.

Ich frage mich, wer zuerst in diesen Keller gekommen ist, das Bild oder Angie, die beschlossen hatte, dass das Schicksal des heiligen Stephanus sich am besten als Schreibtischdekoration eignete. Die Kanten des Posters sind weich und abgewetzt. Es ist mit drei zerkratzten gelben Reißzwecken und einer roten an die Wand geheftet. Ein kleiner Riss an der linken Seite wurde mit Klebeband repariert.

Ein paar Zentimeter daneben befindet sich eine andere Version des Himmels. Eine Zeichnung auf liniertem Schreibpapier. Fünf Strichmännchen mit schiefen Schmetterlingsflügeln, beleuchtet von einem hellorangefarbenen Sonnenschein. Die unregelmäßige Handschrift eines Kindes purzelt über den Himmel: ENGELANGIE.

Aus Angies Nachruf weiß ich, dass diese Zeichnung ihr vor vielen Jahren von der sechsjährigen Tochter von Dominicus Steele geschenkt wurde, einem Klempnerlehrling, der in den Achtzigern wegen Vergewaltigung einer Studentin vor einer Kneipe in Fort Worth verurteilt wurde. Dominicus war von dem Opfer und zwei anderen Mitgliedern ihrer Studentinnenverbindung identifiziert worden.

An jenem Abend hatte er heftig mit dem Opfer geflirtet. Er war kräftig gebaut, schwarz und ein guter Tänzer. Die weißen Collegemädchen waren ganz begeistert von ihm, bis sie meinten, er müsse der Kerl in dem grauen Kapuzensweatshirt sein, der von ihrer betrunken in einer Seitengasse zusammengesackten Freundin wegrannte. Dominicus wurde freigesprochen, und zwar auf der Grundlage von DNA, gewonnen aus Sperma, das zwölf Jahre lang in einer Asservatenkammer gelagert hatte. Dominicus’ Mutter war die Erste, die Reportern gegenüber den Ausdruck »Engel Angie« benutzte, und seitdem haftete dieser hübsche kleine Spitzname an Angie.

Ich hätte sie niemals als Engel beschrieben. Sie tat, was nötig war. Sie war eine ausgezeichnete Lügnerin, wenn es sein musste. Das weiß ich, weil sie für Charlie und mich gelogen hat.

Als ich einen Schritt vorwärts mache, erzeugt mein Stiefel auf dem billigen gelben Linoleum, das Gott weiß was bedeckt, ein hohles Geräusch. Auch an den vier anderen Schreibtischen, die, mit ähnlich chaotischen Papierhaufen zugestapelt, im Raum stehen, sitzt niemand. Wo sind sie denn alle?

Am anderen Ende des Raums gibt es eine blaue Tür, die man unmöglich übersehen kann. Ich gehe darauf zu. Klopfe leise an. Nichts. Vielleicht sollte ich mich einfach eine Weile auf Angies Stuhl parken. Ihn auf den quietschenden Rollen, über die sie sich immer beschwert hat, herumdrehen und in Rembrandts Himmel starren. Über die Aufgaben eines Märtyrers nachdenken.

Stattdessen drehe ich den Türknauf um und öffne die Tür einen Spalt breit. Klopfe noch einmal. Höre angeregtes Stimmengewirr. Ich mache die Tür ganz auf. Ein langer Konferenztisch. Grelle Deckenbeleuchtung. Bills erstauntes Gesicht. Eine andere Frau springt so abrupt auf, dass sie ihren Kaffeebecher umstößt.

Mein Blick wandert über den Tisch und folgt dem Strom bernsteinfarbener Flüssigkeit.

Mir pocht der Schädel.

Kopien von Zeichnungen bedecken die gesamte zerkratzte Tischplatte.

Tessies Zeichnungen. Und die, die nicht von ihr sind.

Ich betrachte die Punkteskala, 12:28, mit weißer Kreide auf eine Tafel geschrieben. Ein schief gegangenes Schulturnier vielleicht oder ein schlechter Tag für die Dallas Cowboys. Aus dem Begleittext wird klar, dass dies die zwölf Männer sind, die im Laufe der Jahre von Angie und ihrer ständig wechselnden Mannschaft befreit wurden – und die achtundzwanzig, die es nicht geschafft haben.

Die Frau, die ihren Kaffee umgekippt hat, wird mir als Sheila Dunning vorgestellt, Jurastudentin im dritten Jahr an der University of Texas; inzwischen ist sie gegangen. William sammelt rasch die Kopien meiner Zeichnungen ein, räumt sie weg und stellt eine Tasse frischen Kaffee vor mich hin. Er hat sich schon mehrere Male entschuldigt, und ich habe immer wieder Es ist okay, es ist okay, gesagt, Irgenwann muss ich mir die Zeichnungen ja wieder anschauen, und Außerdem hätte ich lauter anklopfen sollen.

Manchmal sehne ich mich nach der Tessie in mir, die ihm einfach die nackte und ungeschönte Wahrheit entgegengeschleudert hätte: Du bist ein Arschloch. Du wusstest, dass ich komme. Dir war klar, dass ich sie, seit ich sie aus der Wand geholt habe, nicht mehr zu Gesicht bekommen habe.

»Danke, dass Sie den weiten Weg hierher auf sich genommen haben.« Er setzt sich neben mich und knallt einen nagelneuen gelben Notizblock auf den Tisch. Heute hat er Jeans, Nikes und einen etwas fusseligen grünen Pulli an, der ihm zu kurz ist, der Fluch aller breitschultrigen Männer. »Sind Sie noch immer bereit dazu?«

»Warum nicht?« Tessies Antwort. Offenbar habe ich sie immer noch in mir.

»Wir müssen nicht hier reden. In diesem Raum.« Er mustert mich eindringlich. »Das ist unsere Kommandozentrale. Normalerweise für Klienten tabu.«

Mein Blick wandert über die Wände. Neben der Tafel hängen vergrößerte Schnappschüsse von fünf Männern. Aktuelle Fälle, wie ich annehme. Vier von ihnen sind Afroamerikaner. Ein jüngerer Terrell Darcy Goodwin nimmt den Platz in der Mitte ein. Er hat den Arm um einen Typen in rotgrauem Highschool-Baseballtrikot gelegt, ein kleiner Bruder vielleicht. Dasselbe gute Aussehen, weit auseinanderstehende Augen, markante Wangenknochen, Haut wie Milchkaffee.

An der gegenüberliegenden Wand: Tatorte. Aufgerissene Münder. Leere Augen. Verrenkte Gliedmaßen. Ich schaue nicht lange hin.

Stattdessen wende mich einem riesigen Whiteboard zu, das mit einer Art Zeitplan bekritzelt ist.

Ich sehe meinen Namen. Den von Merry.

Als ich zum Sprechen ansetze, stelle ich fest, dass Bills Blick an dem Stück weißer Haut oberhalb meiner schwarzen Stiefel klebt. Ständig nehme ich mir vor, diesen Rock länger zu machen. Rasch ziehe ich die Beine unter den Tisch. Er setzt eine professionelle Miene auf.

»Ich bin keine Klientin.« Ich nehme einen Schluck von der bitteren Flüssigkeit und lese die Aufschrift an der Seite der Tasse. Anwälte bringen’s voll.

William folgt meinem Blick und verdreht die Augen. »Die meisten unserer Tassen sind schmutzig. Wir müssten mal wieder abwaschen.« Ein Scherz. Um den Moment, in dem er sich gefragt hat, was sich unter meinem Rock befindet, zu überspielen.

»Alles in Ordnung, William.«

»Bill«, verbessert er mich. »Nur Leute über siebzig dürfen mich William nennen.«

»Hat die Exhumierung am Dienstag geklappt wie geplant?«, frage ich. »Sie haben es nicht an die große Glocke gehängt. Es kam nicht einmal in der Zeitung.«

»Sie sollten die Anwort kennen.«

»Sie haben mich am Baum bemerkt.«

»Ihre Haare sind selbst bei Dunkelheit nur schwer zu übersehen.«

Also ist er auch noch ein Lügner. Heute trage ich mein langes Haar offen, sodass es sich locker um meine Schultern kräuselt. Es hat noch dieselbe rötliche Farbe wie damals mit sechzehn. Vor zwei Nächten auf dem Friedhof hatte ich es ordentlich unter der schwarzen Baseballkappe meiner Tochter Charlie versteckt.

»Sie haben mich reingelegt«, erwidere ich. »Wie nett.«

Unbehaglich rutsche ich auf meinem Stuhl herum. Immerhin spreche ich hier mit einem Anwalt, und zwar mit einem, dem ich noch keinen Cent bezahlt habe, damit er ans Anwaltsgeheimnis gebunden ist. Klar, er könnte der Junge von nebenan sein, mit seinen braunen Rehaugen, der ordentlichen Frisur, den leicht abstehenden Ohren und den riesigen Händen, die in der Lage wären, eine Grapefruit abzudecken. Der amüsante beste Freund des Typen, auf den man es wirklich abgesehen hat, bis man bemerkt … oh, scheiße.

Er grinst. »Sie machen ein Gesicht wie meine kleine Schwester, wenn sie mir eine runterhauen will. Um Ihre Frage zu beantworten: Zuerst sieht sich ein forensischer Anthropologe die Knochen an. Dann kommen Jo und ihre Leute. Sie hätte es gerne, wenn wir dabei wären, während ihre Assistenten nächste Woche am Fall der Schwarzäugigen Susannen arbeiten. Sie hat mich sogar gebeten, Sie persönlich einzuladen. Als eine Art Friedensangebot, weil sie Sie angwiesen hat, der Exhumierung fernzubleiben. Sie hat ein ziemlich schlechtes Gewissen deswegen.«

Ich erschaudere leicht. Hier drin gibt es keine Lüftungsschächte und auch keine sichtbare Wärmequelle. Der Februar in Texas ist eine kalte, verbiesterte Dame, pflegte mein Vater zu sagen. Und im März verliert sie ihre Jungfräulichkeit.

»Knochen werden stets am Montagvormittag untersucht«, fährt er fort. »Jo musste einige Beziehungen spielen lassen, damit die Susannen an den Anfang der Warteschlange rutschen. Ich kann Sie abholen, falls Sie möchten. Von Ihrem Haus bis zum Labor sind es zwanzig Minuten.«

»Hat sie diesmal keine Angst, ich könnte etwas verunreinigen?« So hatte Joannas Einwand gelautet, warum ich nicht offiziell bei der Exhumierung der Leichen anwesend sein sollte. Sie wollte auch den kleinsten Formfehler vermeiden.

»Wir beobachten alles durch eine Glasscheibe. Das neue Labor ist als Lehrinstitut eingerichtet. Die modernste Technik. Knochen aus der ganzen Welt werden dorthin eingeflogen. Ebenso Studenten und Wissenschaftler, die Jo bei der Arbeit zuschauen wollen.« Er lächelt verkniffen und greift nach seinem Stift. »Wollen wir anfangen? Ich hab um zwei einen Termin. Wegen meines Jobs, mit dem ich meine Rechnungen bezahle.« Laut der Website seiner Kanzlei ist er Firmenmediator. Ich frage mich, wo er seinen Anzug versteckt hat.

»Ja. Schießen Sie los.« Viel lässiger dahingesagt, als ich mich fühle.

»Ihre Aussage im Jahr 1995. Hat sich daran etwas geändert? Ist Ihnen in den letzten siebzehn Jahren noch etwas zu dem Überfall oder dem Täter eingefallen?«

»Nein«, entgegne ich mit Nachdruck. Ich will ja helfen, halte ich mir vor Augen, aber nur bis zu einem gewissen Grad. Ich muss zwei junge Mädchen schützen. Das, das ich selbst einmal war, und das, das in dem violetten Zimmer schläft.

»Ich stelle Ihnen jetzt ein paar Fragen, nur um auf Nummer sicher zu gehen. Okay?«

Ich nicke.