Madison & Sam – A San Francisco College Romance - Christiane Bößel - E-Book

Madison & Sam – A San Francisco College Romance E-Book

Christiane Bößel

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Beschreibung

Die Neue in der WG

Als Madison nach San Francisco kommt, will sie einfach nur vergessen: den Autounfall, bei dem ihr Dad und ihr Bruder umkamen, das Bild ihrer Mom in der Badewanne, den Schmerz und die Wut, die sie seitdem begleiten. Sie hofft, in der WG neu anfangen zu können und wieder Spaß am Leben zu finden – nur bitte keine Verpflichtungen. Als sie bei einem Festival am Strand auf den Surfer Sam trifft funkt es zwischen den beiden. Sam ist nicht nur heiß, sondern bringt sie auch zum Lachen. Sie beginnen eine Affäre, die nur einen Sommer lang dauern soll, denn Sam lebt nur auf Zeit in San Francisco. Das ist Madison recht, denn sie will sich mit nichts Ernstem befassen. Bis ihre Gefühle sie plötzlich überrollen …

Meinung zum Buch:
Vor ein paar Bänden habe ich mich in Christiane Bößels San Francisco College Reihe verliebt und auch dieses Buch fand ich wieder wunderbar. (Buchhändlerin Helene Kremer über NetGalley)

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Seitenzahl: 440

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Madison & Sam – A San Francisco College Romance

Die Autorin

Christiane Bößel, geboren 1975, hat ursprünglich als Krankenschwester gearbeitet, bevor sie Germanistik und Philosophie studierte. Sobald sie alle Buchstaben konnte, fing sie an zu schreiben. Mit ihren Erzählungen hat sie mehrmals den Augsburger Poetry Slam und einen Schreibwettbewerb gewonnen und ist in verschiedenen Anthologien vertreten. Seit 2014 schreibt sie Liebesromane und Fachbücher. Wenn sie nicht neue Geschichten erfindet, unterrichtet sie in der beruflichen Bildung Jugendliche und Erwachsene. Außerdem ist sie büchersüchtig, liebt Nudeln, ihren Garten und skurrile Bildunterschriften im Privatfernsehen. Sie lebt mit Mann, Sohn und zwei Katern als Landei in Bayern.

Das Buch

Die Neue in der WG

Als Madison nach San Francisco kommt, will sie einfach nur vergessen: den Autounfall, bei dem ihr Dad und ihr Bruder umkamen, das Bild ihrer Mom in der Badewanne, den Schmerz und die Wut, die sie seitdem begleiten. Sie hofft, in der WG neu anfangen zu können und wieder Spaß am Leben zu finden – nur bitte keine Verpflichtungen. Als sie bei einem Festival am Strand auf den Surfer Sam trifft funkt es zwischen den beiden. Sam ist nicht nur heiß, sondern bringt sie auch zum Lachen. Sie beginnen eine Affäre, die nur einen Sommer lang dauern soll, denn Sam lebt nur auf Zeit in San Francisco. Das ist Madison recht, denn sie will sich mit nichts Ernstem befassen. Bis ihre Gefühle sie plötzlich überrollen …

Von Christiane Bößel sind bei Forever by Ullstein erschienen:Losing me (Stepbrother-Reihe Band 1)Finding you (Stepbrother-Reihe Band 2)

Ethan & Claire - A San Francisco College Romance (College-WG-Reihe 1)Cole & Autumn - A San Francisco College Romance (College-WG-Reihe 2)Zane & Lennon - A San Francisco College Romance (College-WG-Reihe 3)Madison & Sam - A San Francisco College Romance (College-WG-Reihe 4)

Christiane Bößel

Madison & Sam – A San Francisco College Romance

Roman

Forever by Ullsteinforever.ullstein.de

Originalausgabe bei ForeverForever ist ein Verlag der Ullstein Buchverlage GmbH, BerlinDezember 2019 (1)

© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2019Umschlaggestaltung:zero-media.net, MünchenTitelabbildung: © FinePic®Autorenfoto: © Marko Petz FotografieE-Book powered by pepyrus.com

ISBN 978-3-95818-260-8

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Inhalt

Titelei

Die Autorin / Das Buch

Titelseite

Impressum

Juni

Madison

Juli

Madison

Sam

Madison

Sam

Madison

Sam

Madison

Sam

Madison

August

Sam

September

Madison

Dezember

Madison

Sam

Februar

Madison

April

Sam

Madison

Mai

Sam

Madison

Sam

Juni

Madison

Sam

August

Madison

Sam

September

Madison

Sam

Madison

Sam

Oktober

Madison

Sam

Madison

Epilog

Anhang

Danksagung

Leseprobe: Ethan & Claire – A San Francisco College Romance

Empfehlungen

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Cover

Titelseite

Inhalt

Juni

Juni

Madison

Es ist still. Beklemmend still.

Wo ist Mom? Wir wollten doch zusammen zum Friedhof fahren.

Moms Schlafzimmertür steht offen, die Decken sind ordentlich gefaltet, sogar die Zierkissen sind akribisch am Kopfende arrangiert. Das ist ungewöhnlich. Ich kann mich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal ihr Bett gemacht hat. Oder überhaupt irgendetwas.

Genau ein halbes Jahr sind wir jetzt ohne Dad und meinen kleinen Bruder Elias und jeden Fünften des Monats besuchen Mom und ich ihr Grab.

Vielleicht ist Mom nur kurz zum Supermarkt, gestern ist die Milch ausgegangen und ich habe vergessen, neue zu besorgen. Allerdings hat sie seit Ewigkeiten nicht mehr freiwillig das Haus verlassen. Noch dazu allein. Oder sich überhaupt wie ein Mensch verhalten. Das hat sie an dem Tag abgelegt, an dem wir plötzlich nur zu zweit übrig geblieben sind. Seitdem hat sie nichts mehr getan, was Moms normalerweise auszeichnet. Einfache Dinge wie einkaufen zum Beispiel. Oder Staub wischen. Oder die Tochter fragen, wie ihr Tag gelaufen ist.

Nicht nur sie, auch ich habe mich verändert. Früher war ich quasi nie zu Hause, traf mich mit Freunden, datete Jungs, genoss das Leben. Jetzt sehne ich mich nach Stille und Alleinsein. Selbst jeden Tag in die Schule zu gehen, als Schülerin der Abschlussklasse der Spokane Highschool, stellt eine kaum zu bewältigende Herausforderung dar. Es kostet mich alle Kraft, die mir geblieben ist. Denn nebenbei muss ich mich noch um Mom und den Haushalt kümmern.

Ich habe kein Liebesleben, selbst Achtzigjährige haben vermutlich mehr Sex als ich, dabei bin ich gerade einmal neunzehn. In der ersten Zeit nach Dads und Elias’ Tod haben meine Freundinnen noch versucht, mich zu gemeinsamen Aktionen zu motivieren, mich abzulenken. Sie schleppten mich zum Shopping oder ins Kino, einmal sogar zu einer Männerstripshow. Ich weiß, sie meinten es gut. Und ich bin dankbar, dass sie für mich da sein wollten. Aber ich kann nicht einfach so tun, als wäre alles normal. Zu meinem alten, unbeschwerten Leben zurückkehren, als sei nichts passiert. Als wären mein Dad und mein kleiner Bruder nur Goldfische gewesen, die einer streunenden Katze zum Opfer gefallen sind. Meine Freunde ahnten nicht, dass ein Teil von mir mit ihnen im Auto gestorben war. Auch wenn mein unverändertes Äußeres vortäuscht, ich würde immer noch existieren. Eine Hülle aus Knochen, Haut und Gewebe, die zwar aussieht wie Madison Faraday, die aber in Wirklichkeit nur aus Trauer und Verzweiflung besteht. Nach unzähligen erfolglosen Versuchen gaben meine Freunde schließlich auf, mich wie einen echten Menschen zu behandeln und ließen mich in Ruhe. Sie können nicht verstehen, wie es mir geht. Wie es ist, auseinandergerissen zu werden und zerstört liegen zu bleiben. Jeden Tag ein Stückchen mehr zu zerbrechen, weil man nicht weiß, wie man mit dem Schmerz und dem Verlust fertig werden soll. Jeden Tag aufs Neue aufstehen zu müssen, sich zu waschen, sich anzuziehen, den Unterricht zu besuchen, Hausaufgaben zu erledigen, zu essen. Zu funktionieren. Zu atmen. Weiterzuleben. Ich werfe es niemandem vor, dass nun auch sie mich verlassen haben. Sie gaben wirklich ihr Bestes. Aber sie konnten mich nicht retten. Sie haben alle noch einen Dad und ihre Geschwister und eine Mom, die nicht von einer ehemals schönen und fröhlichen Frau zu einem verwahrlosten, stummen Zombie geworden ist. Ich wurde von der Gesellschaft nicht ausgestoßen, ich verschwand vielmehr einfach von der Bildfläche. Wurde unsichtbar. Wie Musiker nach einem One-Hit-Wonder. Das ist gut, denn die mitleidigen Blicke, die ständigen Fragen und unbeholfenen Ratschläge und verkrampften Beileidsbezeugungen kann ich nicht mehr ertragen. Am meisten hasse ich es, wenn jemand sagt, ich solle stark sein. Es sei schon sechs Monate her, ich müsse endlich nach vorn schauen, blablabla. Wohin nach vorn? Was soll da sein? Eine Zukunft ohne die beiden Menschen, die ich neben Mom am meisten geliebt habe. Eine Zukunft, in der ich nie mehr Elias’ ausgelassenes, hohes Lachen hören werde, mich nie mehr ärgern darf, wenn er sich mit seinen kalten Füßen zu mir ins Bett schleicht und mich mit seiner Umklammerung vom Schlafen abhält, nie mehr seine blonden Locken streicheln kann. Vorn – ein Leben, in dem mich Dads starke Arme nie mehr trösten werden, wenn ich Angst vorm Gewitter habe oder wenn ich vor Liebeskummer vergehen will. Nie mehr seinen wunderbaren Dad-Geruch inhalieren kann, mich nie mehr darüber aufregen kann, wenn er viel zu laut zu schrecklichen Countrysongs singt. Mich nie mehr zu ekeln, wenn Mom und er in der Küche knutschen.

Was wissen die Leute schon? Ich kann doch meine Familie nicht abhaken wie eine zufällig verlorene Socke. Also tat ich das einzig mögliche: Ich verschwand in mir selbst. Vermutlich hätten mich meine Mitschüler schlicht vergessen, wenn ich nicht wie alle anderen mit Foto im Jahrbuch unserer Abschlussklasse abgebildet wäre. Als vor ein paar Tagen die Prüfungen endlich vorbei waren und ich mein Zeugnis erhielt, war ich einfach nur froh. Seitdem hänge ich in meinem Zimmer herum. Nicht einmal zum Zeichnen kann ich mich aufraffen, obwohl es früher das war, was ich – neben das Leben genießen und mich mit Freunden zu treffen – am liebsten tat: die Welt um mich herum mit dem Stift festhalten. Stattdessen lese ich, sehe fern oder sitze bewegungslos am Fenster. Oder sorge dafür, dass Mom sich ab und zu duscht und nicht verhungert und wenigstens einmal täglich vom Bett zur Couch wechselt. Ganz selten kann ich sie zu einem Spaziergang überreden, aber meist sind wir nach wenigen Minuten wieder zu Hause, wo sie sich unter ihrer Decke vergräbt und ins Leere starrt. Der Arzt hat ihr eine exogene Depression diagnostiziert, ausgelöst durch den Unfalltod ihres geliebten Ehemannes und ihres Sohnes. Trotzdem bin ich stinksauer auf sie! Sie sollte sich verdammt noch mal um mich kümmern, nicht umgekehrt. Ich bin das Kind. Genau wie sie brauche ich jemanden, der mich vor dem endgültigen Zerfallen beschützt. Stattdessen vegetiert sie vor sich hin und ignoriert, dass eines ihrer Kinder noch lebt.

Natürlich ist es mir nicht egal, dass es Mom dermaßen schlecht geht und ich wünschte, es wäre anders.

Nur – wer hält mich am Leben?

Allein die wöchentlichen Telefonate mit meinem Cousin Zane und seinem Freund Lennon sind mir geblieben. Selbst über die große Entfernung schaffen es die beiden, dass ich nicht auch noch den letzten Rest meines Selbst verliere und zu einer atmenden Leiche wie Mom mutiere.

Und als hätte er gespürt, dass ich gerade an ihn denke, trifft eine Nachricht von Zane ein.

Guten Morgen Süße. 5. Juni … Wie geht’s dir?

Genau das hat er schon am fünften Mai und am fünften April und allen anderen Fünften seit dem Tag X gefragt. Unwillkürlich verzieht sich mein Mund zu einem Lächeln. Bevor Zane sich in Lennon verliebt hat, war er nicht gerade für seine Empathie berühmt. Erst durch Lennon traut er sich endlich, auch Gefühle zuzulassen. Allerdings haben wir uns immer schon gut verstanden, auch wenn ich ein paar Jahre jünger als mein Cousin bin. Das letzte Mal haben wir uns live gesehen, als er sich auf einem Galadinner spontan seiner verkorksten Familie und vor versammelter Mannschaft geoutet hat und mein Onkel Grant daraufhin vor Schock einen Herzinfarkt erlitt. Seitdem ist Onkel Grant beinahe im gleichen Modus wie Mom, ein Vollpflegefall mit dem Intellekt einer Tomate und Tante Hillary muss ihn pflegen. Mit dem Unterschied, dass Mom anders könnte, wenn sie wollte. Nur wenige Monate nach Grants Herzinfarkt passierte der Unfall, bei dem mein Dad und Elias starben. Eingeklemmt im Auto, das sich wie eine zerquetschte Coladose um einen Baum gewickelt hatte. Ursprünglich war geplant, dass ich für mein Kunststudium zu Zane nach San Francisco ziehe, aber ich kann Mom unmöglich alleine lassen. Nicht in diesem Zustand.

Leisten könnte ich es mir, in einer Großstadt wie San Francisco das College zu besuchen, ich müsste nebenbei nicht einmal arbeiten. Dad hat uns Erspartes, ein schuldenfreies Haus, und eine satte Lebensversicherung hinterlassen und dazu kommt noch Moms Witwen- und meine Halbwaisenrente. Aber solange es Mom so schlecht geht, werde ich hierbleiben. Fürs College hätte ich momentan ohnehin keine Energie.

Was soll ich Zane auf seine Nachricht antworten? Dass ich mich nur mit Mühe aufrecht halten kann? Dass ich eine Heidenangst habe, heute mit Mom zum Grab zu fahren? Dass ich wünschte, er wäre hier und würde meine Hand halten? Wie früher, wenn wir gemeinsam in der Geisterbahn fuhren und Zane sich schieflachte, wenn ich mir bei den schlechten Monsterpuppen vor Angst fast in die Hose machte?

Weiß noch nicht, schreibe ich also ehrlicherweise.

Als Antwort schickt er mir ein Foto von sich und Lennon, das wir am Abend vor Zanes Coming Out in einer Bar geschossen haben. Die beiden haben mich in ihre Mitte genommen, jeder drückt mir einen Kuss auf die Wange. Ich kann mich an das Kratzen von Lennons Bart und den Geruch von Zanes Aftershave erinnern. Wir sehen so fröhlich und glücklich aus, dass ich mich sofort besser fühle.

Mit dem Handy in der Hand laufe ich die Treppe hinunter, durch das Mom-lose Wohnzimmer, den dunklen Flur entlang in die Küche.

Auch dort empfängt mich nur Stille und das überlaute Ticken der Uhr.

»Mom?«, rufe ich, mittlerweile immer unsicherer.

Wie erwartet keine Antwort. Kein Zettel, keine anderweitige Nachricht. Das Haus fühlt sich leer und kalt und einsam und seltsam leblos an. Als hätte Mom nie existiert und ich wäre in einem apokalyptischen Paralleluniversum aufgewacht. Der einzige, allerletzte Mensch nach einer nuklearen Katastrophe, die alles Leben auf dem Planeten vernichtet hat.

Je länger ich Mom suche und nicht finde, umso nervöser werde ich. Ein Blick aus dem Fenster bestätigt mir, dass ihr Auto noch an derselben Stelle parkt wie gestern. Gelaufen ist sie die zwanzig Kilometer zum Friedhof sicher nicht.

Alles ist gut, Madison. Mom ist erwachsen, sie wird doch mal alleine unterwegs sein dürfen. Ist ja nichts dabei, das machen Menschen die ganze Zeit. Nicht in Panik verfallen.Sie wird schon wiederauftauchen.

Trotzdem, ein beklemmendes, dumpfes Gefühl im Magen und ein unangenehmer Druck in der Brust bleiben.

Barfuß tapse ich zum Badezimmer. Vielleicht liegt sie in der Wanne, hat Kopfhörer in den Ohren und hört mich schlichtweg nicht, weil sie endlich wieder anfängt, sich um das Leben zu bemühen.

Vor der Tür bleibe ich stehen. Wasser plätschert, ein dünnes Rinnsal läuft langsam unter dem Türspalt heraus.

»Mom?«, frage ich wieder, diesmal zaghafter. »Mom?« Ich greife nach dem Knauf. Abgeschlossen. »Mom? Alles okay?« Keine Antwort. Mittlerweile sind meine Zehen nass, immer mehr Wasser rinnt mir entgegen. Auf den weißen Fliesen im Flur kann man erkennen, dass es rötlich gefärbt ist. Eine schlimme Vorahnung kriecht meinen Rücken hoch. »Bitte lass es rotes Badeöl sein. Bitte«, flehe ich. »Mom! Sperr die Tür auf! Lass mich rein!« Nichts. Nur Stille. Und immer mehr Wasser. Unablässig dringt es heraus, bildet eine rosa Pfütze auf dem weißen Boden. Es ist eiskalt. So kalt wie die Angst, die meinen Körper erfasst, meinen Brustkorb einschnürt und mir Atemnot bereitet.

Ich schließe die Augen. Wie früher als Kind, als ich davon überzeugt war, wenn ich die Welt nicht sehen kann, sieht sie mich auch nicht.

Doch die Realität verschwindet ebenso wenig wie die Feuchtigkeit um meine Füße und das unablässige Zittern meines Körpers.

Ich rüttle am Türknauf. Natürlich tut sich nichts. Wäre ich in einem Film, würde ich jetzt die Türe aufbrechen, Mom retten, erkennen, dass sie nur eingeschlafen ist. Aber das hier ist kein schlechtes Hollywood-Drehbuch. Das hier sind Mom und ich. Und zwischen uns eine verschlossene Tür.

Für einen Moment überlege ich, einen Nachbarn um Hilfe zu bitten. Aber meine Beine tragen mich nicht, sind festzementiert auf der Stelle vorm Badezimmer. Ich will bei Mom bleiben. Ich kann sie nicht allein lassen. Sie braucht mich doch.

Woher ich die Kraft nehme, den Notruf zu wählen und zu schildern, was passiert ist, das auszusprechen, was ich befürchte, weiß ich nicht. Alles läuft auf Autopilot. Ich spüre die Kälte des Wassers nicht mehr, höre nur noch das Rauschen in meinen Ohren, das das aus dem Badezimmer übertönt, spüre überdeutlich das Pochen in meinem Kopf, den Schmerz, der meine Rippen umklammert, und wie mein Herz vertrocknet. Und gleichzeitig steigt eine unglaubliche Wut in mir hoch. Mit den Fäusten trommle ich gegen das Holz. Schreie und schluchze, presse meine Stirn an die Barriere, die mich von meiner Mom trennt.

»Tu mir das nicht an, Mom! Tu mir das nicht an!«

Ich weiß, dass das nichts bringt. Weil es zu spät ist. Auf einmal verlässt mich alle Kraft. Ich rutsche an der Tür hinunter, lande auf den nackten Knien.

»Bitte, tu mir das nicht an«, wimmere ich. »Nein, nein, nein.« Ich sinke seitlich auf den Boden und rolle mich zusammen, umklammere meine Beine, versuche verzweifelt, mich selbst zu halten.

Irgendwann, nach Stunden oder Minuten, klingelt es. Automatisch hieve ich mich hoch und schleppe meinen Körper zur Haustür. Führe emotionslos und leer die Sanitäter zum Bad. Beobachte mit schief gelegtem Kopf und hängenden Armen, wie sie die Tür aufbrechen, wie sie hineinstürzen, auf meine Mom zu.

Meine tote Mom.

Meine Mom, die zu feige war, sich dem Leben zu stellen.

Die bleich und leblos im rosa verfärbten Wasser liegt, eingehüllt in ihr Hochzeitskleid, das sich aufbauscht wie eine Sommerwolke, Elias’ Lieblingskuscheltier mit blutverschmierten Händen an ihre Brust gepresst.

Alles läuft stumm und in Zeitlupe vor mir ab wie ein Film. Und ich registriere, dass ich lächle. Wahrscheinlich schnappe ich gerade über. Würde vieles erleichtern.

»Miss Faraday, geht es Ihnen gut?«, fragt mich einer der fremden Männer.

Unendlich langsam hebe ich meinen Kopf und drehe ihn in seine Richtung. Blicke ihn an und versuche zu begreifen, was er von mir will. Warum er mich so komisch mustert. Was die Worte bedeuten, die seine Lippen verlassen. Er ist alt, sein Gesicht runzlig, der Bart grau. Aus seinen Ohren wachsen lange Haare. Sie sehen unheimlich flauschig aus. Wie Nashornohrenhaare. Schön. Ob er mir erlaubt, sie anzufassen?

»Können wir jemanden für Sie anrufen?«

Statt zu antworten, lächle ich und schließe für einen Moment die Augen, bestaune das flackernde Lichtspiel hinter meinen Lidern.

»Ist das Ihr Handy?« Mit meinem Blick folge ich seinem ausgestreckten Zeigefinger. Mein Smartphone liegt am Boden und blinkt.

»Zane«, liest der Mann vor. »Soll ich ihm Bescheid sagen?« Ich schaffe es, zu nicken.

Der Mann wischt das nasse Display an seiner Hose ab, legt seinen Arm um meine Schultern und führt mich weg. Er riecht gut. Nach Donut und Kaffee und Holz. Ich lasse es geschehen, blicke nicht zurück. Unsere nassen Füße – meine nackt, seine in dicken Sicherheitsschuhen – erzeugen lustige Geräusche auf den Fliesen. Pitsch. Patsch. Wie zwei Frösche. Ich betrachte meine Hände, aber meine Haut ist nicht grün. Auch die des Mannes nicht. Fasziniert fahre ich mit den Fingern über seinen Handrücken. Trocken. Und tröstend. Er setzt mich auf einen Stuhl in der Küche, gießt mir ein Glas Wasser ein und beschäftigt sich mit meinem Telefon.

»Wie ist Ihr Entsperrcode?«

Seine tiefe Großvater-Geschichtenerzählerstimme hüllt mich ein wie eine kuschelige Decke. Ich schaffe es, zu antworten und höre es tuten. Ich registriere auch, dass er spricht, kann aber die Worte nicht erfassen. Dann legt er das Handy auf den Tisch, geht vor mir in die Hocke als wäre ich ein Kindergartenkind und sieht mich, die Hände auf meinen Knien, von unten an. Wo er mich berührt wird es warm. Er sollte sich dringend die Fingernägel mal wieder schneiden.

»Ihr Freund kommt so schnell wie möglich.«

Ein Körper auf einer Bahre wird hinausfahren.

»Er ist nicht mein Freund. Er ist mein Cousin.« Ich erkenne meine eigene Stimme kaum.

»Natürlich«, sagt er sanft, als wäre ich schwachsinnig. Ich wünschte, ich wäre es tatsächlich. Vielleicht würde es dann nicht so wehtun. Vielleicht hätte Mom mich dann nicht im Stich gelassen. Vielleicht wäre ich ihr dann nicht egal gewesen.

»Möchten Sie ein Beruhigungsmittel?« Ich schüttle den Kopf. Er seufzt. »Ich kann Sie in diesem Zustand doch nicht alleine lassen.« Ich reagiere nicht. »Soll ich warten, bis Ihr Cousin hier ist?«

Warum sollte er das tun? Sein Job ist erledigt. Wieder bewege ich meinen Kopf nach links und rechts. »Er wohnt in San Francisco.«

»Oh«, sagt der Sanitäter bloß. Er klingt erleichtert. Offenbar wird ihm klar, was er gerade vorgeschlagen hat und ist froh, dass ich abgelehnt habe. Selbst mit dem Flugzeug braucht Zane Stunden, bis er hier ist.

»Sollen wir jemanden von der Reinigung schicken?«, fragt ein anderer, der plötzlich auch im Raum steht.

»Nein!«, schreie ich. Die beiden rucken zurück. »Nein«, wiederhole ich leiser. Ich will das selbst tun.

Mit einem Nicken und einem dieser kaum auszuhaltenden Mitleidsblicke verabschieden sich die Männer und ziehen leise die Tür hinter sich zu. Der Kies in der Einfahrt knirscht, als sie in ihrem Krankenwagen davonfahren und mich zurücklassen.

Juli

Madison

Wir stehen vor der Tür zu Zanes WG. Ex-WG genau genommen, denn mittlerweile ist er fest bei Lennon eingezogen. Der hat gerade heldenhaft und ohne sich zu beschweren meine Koffer vier Stockwerke hochgeschleppt und wartet geduldig hinter uns, bis ich bereit bin, mein neues Leben zu betreten.

»Können wir, Süße?«, fragt Zane.

Ich schließe die Augen, hole tief Luft und recke mein Kinn vor. Dann nicke ich entschlossen. »Bereit.« Zane lächelt mich an und dreht am Türknauf. »Danke, dass ich hier wohnen darf.«

»Denkst du, ich hätte zugelassen, dass du zu Mom und Dad in die Wellington-Hölle musst? Niemals! Außerdem wolltest du schon immer hierher aufs College.«

Ich hätte auch bei Zanes Mom, meiner Tante Hillary, einziehen können und in New Orleans ein Privatcollege besuchen. Platz gäbe es genug in der Wellington-Villa und Geld, um eine zusätzliche Person durchzufüttern, auch. Ich hätte schrittweise in die Firma – und die Gesellschaft – integriert werden können und dann hätten sie vermutlich einen reichen Typen für mich organisiert und mich verheiratet. Mich genauso unterdrückt wie früher Zane.

Aber ohne mich. Wenn ich schon ein komplett neues Leben anfangen muss, dann eines, das ich mir selbst aussuche. Unter Menschen, die mich nicht aus Pflichtbewusstsein aufnehmen, sondern weil ich ihnen etwas bedeute. Außerdem möchte ich nicht bei jemandem wohnen, der die Homosexualität des eigenen Sohns nicht akzeptiert. Nur weil Zane nun anstelle seines Dads Wellington-Soy leitet, ist er noch geduldet.

»Können wir bitte reingehen, mir fallen gleich die Arme ab«, jammert Lennon nun doch im Hintergrund.

Zane lässt den Türgriff los, dreht sich herum und küsst seinen Liebsten auf den Mund. »Das wäre sehr schade, Doktor Green. Deine Arme und vor allem deine Hände brauche ich noch.« Er wackelt mit den Augenbrauen. Zanes Witze sind dieselben wie früher, nur dass sie sich nicht mehr um weibliche, sondern ausschließlich um Lennons Körperteile drehen.

Während die beiden sich anschmachten, und kurz darauf beginnen, leidenschaftlich zu knutschen, öffnet sich die Tür und Ethan und seine Freundin Claire erscheinen im Türrahmen.

»Wusste ich doch, dass ich euch gehört habe«, begrüßt uns Claire und strahlt mich mit ihrem alles bessermachenden Lächeln an. Sie greift meine Hand und deutet mit dem Kinn auf die ineinander verschlungenen Männer. »Das kann noch eine Weile dauern. Komm schon mal rein.«

Sie zieht mich ins Innere, an Ethan vorbei und ins Wohnzimmer. Ich höre die Eingangstür zufallen, dann betritt auch Ethan den Raum.

»Willkommen«, sagt er und lächelt ebenfalls. Ohne mein Zutun wird mein Gesicht heiß. Früher war ich in Ethan verliebt, das ist mittlerweile vorbei, aber seine ruhige, bedächtige Stimme und vor allem seine unglaublich weisen Augen, gepaart mit seiner Nerdbrille und seinem schmalen, athletischen Körper machen mich immer noch ein wenig nervös. Für Männer, die klug und sexy sind, habe ich nun mal eine Schwäche. Ich räuspere mich und gebe vor, mich umzusehen, dabei kenne ich diese Wohnung gut, da ich Zane ein paar Mal besucht habe. Die Einrichtung ist immer noch die gleiche: Ein riesiges graues Sofa in L-Form plus zwei passende Sessel, ein schlichter Holzwohnzimmertisch, auf dem Flaschen und leere Essensverpackungen stehen. Gegenüber ein Fernseher, der einer Kinoleinwand Konkurrenz macht, diverse Spielekonsolen und ein Regal voller DVDs und Alkohol. Typische Männer-WG. Allerdings hat sich seit meinem letzten Besuch ein weiblicher Touch dazugesellt. Eine blühende Pflanze auf dem Fensterbrett, ein paar Kerzenhalter, mehrere bunte Kissen mit flauschigen Bezügen. Auf einem liegt – kaum von den Kissen zu unterscheiden – ein winziger, weißer Fellball.

»Das ist Rose«, informiert mich Ethan und setzt sich neben das Ding. Ein Hund vermutlich. Oder Ethan hat einen tierischen Cyborg konstruiert. Besagte Rose hebt lediglich ein Augenlid an und schläft dann ungerührt weiter, während sie sich von Ethan kraulen lässt.

Claire zieht mich in eine Umarmung. »Schön, dass du hier bist. Ich hoffe, du hältst es aus mit den Jungs.« Sie zwinkert zuerst mir, dann ihrem Freund zu.

»Und es ist wirklich okay, wenn ich hier einziehe?«

Ethan wendet sich mir zu, hört aber nicht auf, Rose zu streicheln. »Natürlich, Zanes Zimmer ist ja jetzt leer.« Wie zur Bestätigung bellt Rose kurz in meine Richtung und legt dann ihre Schnauze auf Ethans Bein.

»Außerdem darf ich entscheiden, wer in meinem Zimmer wohnt. Und wenn’s der Präsident ist«, sagt Zane, der mit Lennon an der Hand nun ebenfalls zu uns stößt. Lennons Lippen und Wangen sind gerötet, seine Haare ein wenig zerzaust. Meine Koffer haben sie nicht dabei. Wahrscheinlich vor lauter Knutschen im Treppenhaus vergessen.

»Bei dem hätte ich aber wirklich ein Veto eingelegt«, widerspricht Ethan, funkelt Zane sauer an, hebt den Hund von seinem Bein und setzt ihn auf den Boden. Mit Rose im Schlepptau läuft er in die Küche, wo ich ihn werkeln und Rose bellen höre.

Claire folgt ihm und Zane ruft seinem Freund und Mitbewohner noch »Mist, dann muss ich den Termin mit dem Präsidenten wohl wieder absagen« nach.

Ich lasse mich in einen der Sessel sinken und lausche amüsiert dem kleinen Schlagabtausch zwischen Zane und Ethan. Es war eine gute Entscheidung, meine Zelte in Spokane abzubrechen, um hier in San Francisco ein neues aufzuschlagen. Ohne ständig an den Schmerz und den Verlust erinnert zu werden. Ich will endlich wieder leben. Lebendig sein. Neu anfangen. Nicht immer nur traurig sein. Wieder die alte fröhliche, unbeschwerte, lebenslustige, feierfreudige Madison sein. Nicht Trauer-Maddy. Die habe ich in Spokane mit meiner Familie zurückgelassen.

Es poltert, gefolgt von einem gebrummten Fluch. Wenige Augenblicke später taucht Cole auf. Sein massiger Körper füllt beinahe den gesamten Türrahmen aus. Würde er vor dem Fenster stehen, wäre es hier drin schlagartig dunkel. Vor seiner Brust hält er ein Baby, eingewickelt in bunt gebatikte Tücher. Stimmt ja, Cole ist Dad geworden. Mit Lennons Schwester Autumn. Ich erinnere mich, dass sie nur ein oder zwei Jahre älter ist als ich.

»Bin ich zu spät zum Begrüßungskommando?«

Ich lache und stehe auf, um ihm entgegenzugehen. »Du siehst mich noch oft genug. Also alles gut.«

Mit großen Schritten eilt er auf mich zu und zieht mich in eine einhändige Umarmung. Da ich nur knapp ein Meter sechzig bin, befindet sich meine Nase nun auf Höhe seiner Brust, direkt neben dem Po des Babys, das Gott sei Dank frisch riecht. »Schön, dass du hier bist, Mad. Viel Spaß bei uns.« Zwischen diesen wunderbaren Menschen muss man sich einfach wohlfühlen. »Das ist Hope«, stellt er mir seine kleine Tochter vor. Er nimmt sie vorsichtig herunter und wiegt sie im Arm. In seinen Augen steht so viel Wärme und Liebe, dass ich beinahe weinen muss. Immer noch bin ich sehr nah am Wasser gebaut.

Vor meiner Abreise habe ich mich von Mom, Dad und Elias verabschiedet und auf Lennons Rat hin einen Brief am Grab deponiert, in dem ich alles aufgeschrieben habe, was mich belastet und was in Spokane bleiben soll. Nur ein paar Koffer mit meinen Lieblingsklamotten, Elias’ gereinigtem Stofftier Bobble, ein Fotoalbum mit Familienerinnerungen und meine Zeichenutensilien begleiten mich hierher. Alles andere will ich abstreifen wie meine Vergangenheit. Noch vor ein paar Wochen war ich davon überzeugt, dass das nicht möglich ist und dass es einem Frevel gleichkommt, dass ich meine Familie verrate, wenn ich anfange, wieder glücklich zu sein. Aber das will ich nicht mehr. Ich will weiterleben. Ich sein. Madison. Nichts soll mich mehr belasten. Natürlich kann man so schlimme Dinge wie ich sie erlebt habe, nicht einfach auf Knopfdruck vergessen, das ist mir bewusst. Aber ich habe mir fest vorgenommen, nun wirklich nur noch nach vorn zu schauen, wie es mir so viele geraten haben. Ich habe lange genug an der Vergangenheit festgehalten. Vielleicht schaffe ich es irgendwann sogar, meiner Mom zu verzeihen, weil sie meinen toten Dad mir vorgezogen hat.

Zane tritt zu Cole, klopft ihm auf den Rücken und küsst Hope auf ihre blonden Haare, die trotz des Chaos um sie herum seelenruhig weiterschläft und leise schmatzt. »Wo ist denn deine Mommy«, flüstert Zane Hope ins Ohr.

»Sie kommt später. Sie muss dringend mal schlafen. Momentan macht dieses ausschließlich putzig wirkende Ding hier«, Cole zeigt mit der freien Hand auf seine Tochter, »nachts nur Party.« Er gähnt und sieht ebenfalls sehr müde aus.

»Ganz der Papa eben«, kontert Zane und zuckt ungerührt die Schultern. »So ist das mit Babys.«

Cole knurrt. »Ach wirklich? Ist ja nicht so, dass wir’s drauf angelegt hätten. Du weißt, Hope war ein Pillenunfall. Wenn auch mit wunderbarem Ergebnis.« Zärtlich streichelt er seinem Kind über den Bauch.

Lennon, der sich zwischenzeitlich auf den Boden gesetzt hat und sich an der Couch anlehnt, streckt seine Arme aus. »Gib sie mir. Onkel Lennon ist dran.« Zuerst ziert Cole sich, dann reicht er das Baby an Lennon weiter und lässt sich mit einem Stöhnen in einen Sessel fallen.

»Hallo Mäuschen«, flötet Lennon leise und kitzelt seine wirklich unglaublich niedliche Nichte an der Nase. Davon wacht Hope zwar auf, aber statt loszubrüllen wie die meisten Babys das wohl tun würden, gähnt sie nur und grabscht nach dem Finger ihres Onkels.

Ethan kommt mit einem Tablett Tassen inklusive Unterteller, Zucker und Milch zurück. Es riecht wunderbar nach Kaffee. Eine der Tassen reicht er mir, die restlichen stellt er auf den Wohnzimmertisch.

»Sind wir jetzt beim Kaffeeklatsch? Oder veranstaltest du seit Neuestem Teekränzchen?«, fragt Cole mit hochgezogenen Augenbrauen, nimmt sich aber eine der Tassen. Mit übertrieben abgespreiztem kleinem Finger führt er das Getränk an seine Lippen und pustet mit spitzen Lippen, den Unterteller hält er geziert in der anderen Hand. Dann nippt er und gibt einen albernen Ton von sich, der wohl Genuss ausdrücken soll. »Vorzüglich, werter Herr. Wo haben Sie nur so Kaffeekochen gelernt?«

Alle lachen, nur Ethan verdreht genervt die Augen. Trotzdem kommentiert er Coles Gerede nicht.

Zane holt sich ebenfalls zwei Tassen vom Tablett, allerdings ohne Untersetzer. »Seit wann besitzen wir eigentlich so ein feines Geschirr?« Eine der Tassen stellt er Lennon hin, in die andere schaufelt er mehrere Löffel Zucker und rührt so wild um, dass es klirrt und ich Sorge habe, dass das dünne Porzellan im nächsten Augenblick zerbricht.

Ethan zuckt die Schultern. »Das haben wir schon immer. Hat mir meine Granny vererbt. Ich habe es bloß noch nie für euch Proleten herausgeholt.«

»Proleten.« Cole grinst, als hätte ihm Ethan ein Kompliment gemacht und gießt sich aus der zum Service passenden Kanne nach. »Wo ist der Kuchen? Zum Kaffeekränzchen ist Kuchen ein Muss! Sagt meine Mom, und die hat in ihrem Leben schon viele Kaffeekränzchen veranstaltet. Und führst du uns anschließend noch die neuesten Erfindungen von Tupper vor?« Er lacht schallend, Ethan schnaubt genervt.

Cole, Zane und Ethan ziehen sich quasi pausenlos gegenseitig auf, sind aber seit der Highschool die besten Freunde.

»Hier kommt der Kuchen, du unersättlicher Mensch!« Claire kommt mit einer silbernen Platte, auf der in Scheiben geschnittener Marmorkuchen zu einem Ring drapiert ist, und einem Stapel Kuchenteller vom Service zu uns. Gierig schnappe ich mir einen Teller und ein Stück Kuchen und beiße hinein. Er schmeckt fantastisch, selbst wenn man davon absieht, dass ich vor lauter Hunger vermutlich auch einen Spülschwamm verschlingen würde.

Cole beugt sich zu seinem Mitbewohner Ethan hinüber und raunt: »Du solltest dir Gedanken machen, dass deine Liebste weiß, wie unersättlich ich bin.«

Er zwinkert Claire zu, die kichert, und schiebt sich immer noch grinsend ein Stück Kuchen in den Mund. Niemals würde sich Cole an die Freundin seines besten Freundes ranmachen. Trotzdem schnauft Ethan genervt und winkt Claire zu sich. Sie setzt sich auf seinen Schoß, schmiegt sich an ihn und füttert ihn mit Kuchen.

»Du weißt, dass ich nur dich liebe«, versichert sie ihm.

»Na hoffentlich«, brummelt er, entspannt sich aber sichtlich.

Mit angefeuchtetem Zeigefinger wischt Claire die Krümel von ihrem Teller und wendet sich an mich. »Für welche Fächer hast du dich eingeschrieben?«

»Kunst.« Ich nehme mir noch ein Stück Marmorkuchen.

Zane und Lennon beschäftigen sich während unserer Unterhaltung hingebungsvoll mit Hope, flüstern ihr Dinge zu und liebkosen ihre kleinen Finger. Mit großen Augen blickt sie zu ihnen auf, ab und zu gluckst sie. Rose dagegen hat sich verzogen, vielleicht waren es ihr zu viele Menschen. Irgendwie kann ich sie verstehen. Schon lange war ich nicht mehr mit so vielen Leuten gleichzeitig in einem Raum. Einerseits ängstigt mich die Situation, weil ich nicht weiß, was die Zukunft bringen wird. Andererseits fühle ich mich nach der kurzen Zeit schon beinahe zu Hause. Ganz selbstverständlich haben sie mich aufgenommen und integrieren mich in ihren Freundeskreis, als würde ich nicht erst seit einer halben Stunde hier sein. Wärme und Zuneigung durchströmen mich, und meine Gefühle überwältigen mich so sehr, dass ich die Tränen zurückhalten muss. Zum ersten Mal seit Monaten spüre ich Hoffnung und einen Anflug von Zufriedenheit und Unbeschwertheit.

Zane muss irgendwie meinen inneren Kampf bemerkt haben, denn er beugt sich zu mir und legt beruhigend seine Hand auf meinen Oberschenkel. Dankbar lächle ich ihm zu und bemühe mich um Fassung. Seit ich Mom in der Badewanne gefunden habe, überfallen mich immer wieder solche Gefühlsausbrüche. Wie Schwindelanfälle, wenn man zu schnell aufgestanden ist. Oder plötzlicher, kaum zu kontrollierender Brechreiz. Aber ich will nicht gleich an meinem ersten Tag hier losheulen. Sie werden noch früh genug merken, wie gestört ich bin. Oder labil und traumatisiert, wie Lennon diagnostiziert hat. Er ist Tierarzt und kein Psychologe, also habe ich keine Ahnung, ob er recht hat. Ist aber auch egal, denn es geht mir schlichtweg phasenweise beschissen. Wie man das nennt, spielt für die Auswirkung keine Rolle. Aber ich bin hier, um damit fertig zu werden und diese wunderbaren Menschen werden mir dabei helfen. Einfach nur, weil sie sind, wie sie sind. Lennon hat mir erzählt, dass auch seine kleine Schwester traumatisiert war, dies aber mittlerweile durch Coles Liebe überwunden hat. Tja, ich habe niemanden, der mich so liebt wie Cole Autumn. Oder wie Ethan Claire und Zane Lennon.

»Wie schön«, sagt Claire, vermutlich auf mein Studienfach bezogen, was mich wieder ins Hier und Jetzt zurückreißt. Zanes Hand verschwindet von meinem Bein und widmet sich wieder Lennon und Hope. »Ich hatte mal ein Date mit einem Kunststudenten. War aber nicht so prickelnd.«

»Ja, leider«, murmelt Ethan. »War nicht das einzige Date damals.«

Claire hebt einen Finger und wedelt damit vor seinem Gesicht herum. »Nur zu Studienzwecken, mein Skeptiker. Du wolltest mich ja nicht.« Sie tippt ihm auf die Nase, und er zieht seinen Kopf mit zusammengepressten Lippen zurück. Sie ignoriert jedoch sein Schmollen und küsst ihn. Beinahe sofort schlingt er seine Arme und sie und sie versinken in einen nicht mehr jugendfreien Kuss. Höflicherweise drehe ich mich weg und mampfe weiter meinen Kuchen.

»Er wollte Claire schon, aber er stand sich mit seinem komplizierten Gehirn selbst im Weg«, erklärt mir Cole, lehnt sich zurück und faltet die Hände auf seinem Bauch. »Genauso wie der da.« Er zeigt mit dem Kinn auf Zane, der nicht mitbekommt, dass Cole über ihn spricht. »Stimmt’s, Batzane?«

Erst jetzt reagiert Zane und sieht über die Schulter zu seinem Freund. »Was ist, Fettsack?«

Cole ist nicht fett, sondern groß und muskulös, sozusagen das wandelnde Klischee eines Footballspielers. Wegen einer Knieverletzung vor Hopes Geburt ist jedoch sein Traum von einer Profikarriere gestorben. Das weiß ich allerdings alles nur aus Zanes Erzählungen. Keine Ahnung, was Zane seinen ehemaligen und meinen zukünftigen Mitbewohnern über mich erzählt hat. Vermutlich sind sie über die Randdaten informiert. Dass meine ganze Familie tot ist und ich es nicht mehr in Spokane ausgehalten habe und in San Francisco irgendwo wohnen muss. Darauf angesprochen hat mich bisher niemand. Und ehrlich gesagt bin ich froh darüber. Ich will nicht pausenlos mein Leid wieder und wieder durchkauen.

Die nächsten Stunden verbringen wir redend, essend und Quatsch machend im Wohnzimmer, bis sich nach und nach Cole mit Hope in sein Zimmer und Zane und Lennon nach Hause verabschieden und auch Claire zieht sich in ihr Wohnheim zurück. Autumn ist nicht mehr aufgetaucht, offenbar hat sie eine Menge Schlaf nachzuholen.

Ich stehe mit Ethan in der Küche, wortlos räumen wir die Spülmaschine ein. Besser gesagt, ich reiche ihm die Teile und er arrangiert sie akribisch in einem nicht nachvollziehbaren System in die Körbe. Dass Ethan seine Eigenheiten hat, war mir bewusst, aber in Punkto »richtiges Beladen einer Spülmaschine« übertreibt er meiner Meinung nach. Seine Reaktion, als ich eine der Tassen neben ein Glas geräumt habe, war gleichzeitig amüsant und verstörend.

»Wenn du magst, ich habe ein Buch über aktive Trauerarbeit«, sagt er auf einmal in die Stille. Ich antworte nichts, sondern nehme mir ein Geschirrhandtuch und trockne die per Hand gespülte Kuchenplatte ab. »Dort sind die verschiedenen Trauerphasen gut beschrieben. Mir hilft es immer gut, wenn ich zu einem Thema erst einmal einen theoretischen Zugang bekomme.«

Ethan ist ein extremer Kopfmensch, ich nicht. Was ich bin, weiß ich momentan allerdings leider nicht. Irgendetwas zwischen Nervenbündel, Heulsuse, Trauerkloß und gleichzeitig in einer späten Trotzphase, die mir befiehlt, mich gefälligst wieder um meinen Spaß zu kümmern. In den letzten Monaten habe ich mich verloren und bis jetzt nicht wiedergefunden. Das soll sich schleunigst ändern.

»Danke für das Angebot«, antworte ich höflich und versuche zu lächeln, was mir aber nicht ganz gelingt. Ich senke den Kopf und zwirble das Handtuch in meinen Händen zu einer festen Rolle. Mühsam schlucke ich die aufsteigende Traurigkeit hinunter. Ethan wackelt hin und her und bewegt seine Arme und Finger als überlege er, ob er mich zum Trost umarmen soll. Doch er streckt lediglich seine Hand aus und tätschelt unbeholfen meinen Unterarm.

»Scheu dich nicht, zu sagen, wenn du etwas brauchst«, sagt er leise. Weil ich ihn nicht ansehe, hebt er mit einem Finger mein Kinn und fixiert mich mit seinen tiefsinnigen Augen. »Hast du verstanden? Wir sind alle für dich da, okay? Genauso akzeptieren wir aber auch, wenn du selbst mit allem fertig werden willst. Wir sind vielleicht ein seltsamer Haufen komischer Menschen, aber wir stehen füreinander ein und helfen uns.«

»Ich weiß«, flüstere ich. Das tue ich wirklich. Zane ist das beste Beispiel dafür. Nach außen wirkt er wie der abgebrühte Bad Boy, aber er ist einer der liebevollsten Menschen, die ich kenne.

Ethan nickt und lässt mein Kinn los. »Glaub niemals, dass wir uns nicht für dich oder dein Leben interessieren, nur weil wir nicht ständig nachfragen. Wir respektieren es vorbehaltlos, zu warten, bis der andere bereit ist, sich zu öffnen.«

Ich nicke.

»Geh schlafen, kleine Maddy«, sagt er sanft und lächelt. »Den Rest schaffe ich allein.«

Wieder kann ich nur nicken und trotte brav in mein neues Reich, wo ich nur aus meiner Jeans schlüpfe und es mir in Zanes Bett gemütlich mache.

Sam

»James, bist du das?«

Grams unsichere Stimme empfängt mich, sobald ich die Tür öffne. Wenn sie nach James fragt, weiß man nie, ob sie ihren Ehemann oder meinen Bruder meint. Mein Großvater ist bereits seit Jahren tot und in letzter Zeit vergisst sie diese Tatsache leider immer häufiger.

»Nein, ich bin es Gram, Sam.« Ich schlüpfe aus meinen Vans, und stelle sie mit meinem Rucksack an die Garderobe. Meine Großmutter hasst es, wenn wir mit Schuhen das Haus betreten. Sie ist die entspannteste Frau, die ich kenne, aber sie hasst putzen. Deswegen soll es möglichst lange sauber bleiben. Mein Longboard lehne ich neben mein anderes Deck. Statt mich auf Skate-Contest auf dem Festival am Strand morgen vorzubereiten, bin ich ziellos die Küstenstraße entlanggefahren. Vor einer Session – wie die meiste Zeit in meinem Leben – will ich Ruhe, den Wind in meinen Haaren spüren, die Sonne auf der Haut, das Rauschen des Meeres in den Ohren. Mein Bruder James dagegen trainiert heute vermutlich den ganzen Tag wie besessen. Typisch. Aber so ist er. Ihm geht es ums Gewinnen, mir um die Freude am Skaten und am Leben. Er ist ehrgeizig, hat den besten Abschluss der Highschool hingelegt, während ich gerade einmal so durchkam. Noten waren mir nie wichtig, meine Hobbies und meine Freiheit dagegen umso mehr. Sobald ich mein Zeugnis in der Tasche hatte, bin ich in meinen Camper gestiegen und losgefahren. Ohne Ziel und ohne Plan. Das ist vier Jahre her, seitdem hat sich an meinem Leben wenig verändert. Aufs College kann ich gut verzichten. Wofür studieren? Um sich ein Drittel oder mehr des Tages für andere abzurackern? Wieso? Man sieht ja an Mom und Dad, wohin das führt. Zu einem chronischen Magengeschwür und einem frustrierten, verbissenen Gesichtsausdruck. James will natürlich unbedingt studieren. Er will Anwalt werden und reichen Säcken die Kohle aus der Tasche ziehen. Sein Traum ist Harvard, die Zusage dafür hat er bereits. Allein bei dem Gedanken muss ich würgen. Aber jeder wie er will. Ich genieße lieber mein Leben, schließlich haben wir nur eins. Das Einzige, das uns verbindet – außer einem gemeinsamen Genpool – ist die Leidenschaft fürs Skaten.

Eine Zeit lang hat Dad noch versucht, mich vom College oder wenigstens einer regelmäßigen Arbeit zu überzeugen, aber mittlerweile hat er es aufgegeben und lässt mich mein Ding durchziehen. Leben. Nichts weiter. Seine einzige Bedingung ist, dass er mich nicht durchfüttern muss. Deswegen jobbe ich immer gerade so viel, dass es für mein Essen, meine Boards, ein wenig Gras und meine Freiheit – und dazu gehört ein arbeitsfreier Sommer in San Francisco bei Gram – reicht.

In einem langen Punktekleid und Schürze erscheint Gram im Flur und lächelt mich an.

»Samuel. Hast du Hunger? Ich habe Plätzchen gebacken.«

Zwar klingt ihre Stimme fester als vorhin und sie wirkt auch nicht so durcheinander wie die letzten Tage, aber Plätzchen im Sommer sind sogar für meine backsüchtige Großmutter neu. James und ich machen uns Sorgen. Gram war immer eine starke, unabhängige, kluge und lebenslustige Frau, mittlerweile hat sie immer wieder Phasen, in denen sie nicht sie selbst zu sein scheint. Ist vergesslich, verlegt Dinge, verwechselt unsere Namen, wischt mehrmals am Tag die Böden. Oder backt Weihnachtsplätzchen im Hochsommer.

»Lecker«, antworte ich nur und folge ihr und dem warmen Zimtgeruch in die Küche. Auf ihre Fehler weise ich sie nicht hin. Jedes Mal, wenn ich versuche, herauszufinden, was mit ihr, beziehungsweise ihrem Gedächtnis, los ist, fängt sie an zu weinen. Ich will nicht, dass sie unglücklich ist. In meinen ganzen zweiundzwanzig Jahren zuvor habe ich Gram nur ein einziges Mal weinen sehen: auf der Beerdigung ihres Ehemannes. Diesen Sommer allerdings schon mehrmals. Außerdem gibt es Schlimmeres als Zimtcookies und Gingerbread frisch aus dem Ofen. Gierig stürze ich mich auf den Teller voll noch warmer Plätzchen und den Kakao. Dabei trinke ich seit Ewigkeiten keinen Kakao mehr, nicht mehr, seit ich Kaffee und Bier für mich entdeckt habe, also ungefähr seit ich vierzehn war.

»Wie war’s in der Schule?«, fragt sie mich, setzt sich neben mich und greift nach meinem Unterarm.

Ich gehe schon seit Jahren nicht mehr zur Schule, Gram. Aber ich verbessere sie nicht. »Wo ist James?«, lenke ich stattdessen ab. »Mein Bruder«, füge ich hinzu, damit sie weiß, welchen James ich meine.

Sie runzelt die Stirn und presst die Lippen zusammen. »Hm.« Offenbar überfordert sie die Frage. Hastig erhebt sie sich und räumt geschäftig in der Küche herum, obwohl es nichts aufzuräumen gibt. Ich lege meinen angebissenen Keks zurück auf den Teller und gebe ihr Zeit, sich zu erinnern. »Im Park«, platzt sie auf einmal heraus, ihre Augen leuchten. »Mit seinem Skateboard, für euren Wettbewerb morgen.« Sie nickt und wischt sich ihre Hände am Geschirrhandtuch ab. »Wenn ich morgen nicht mit Gerti verabredet wäre, würde ich euch begleiten. Ich schaue euch so gern beim Spielen zu.«

Bei der Bezeichnung muss ich schmunzeln. Früher hat Gram uns tatsächlich oft beim Skaten zugejubelt, wenn wir bei ihr in San Francisco waren, hat uns zu den Locations kutschiert, unsere Wunden versorgt, uns Geld zugesteckt, wenn wir neue Decks, Wheels oder Bearings brauchten. Sie hat mir auch mein erstes Surfboard geschenkt. Damals war ich acht und Grampa noch am Leben. Er hat mir das Surfen beigebracht, mich in das Geheimnis eingeweiht, wie ich die perfekte Welle reite. Wenn Gram nicht selbst surfte, saß sie am Strand und beobachtete uns. »Auf einem Brett zu stehen, ist ein Lebensgefühl, kein Sport oder ein Mittel, um Mädels aufzureißen«, trichterte mir mein Grampa von klein auf ein. Er hatte recht, wie mit so vielem. Ich vermisse ihn schrecklich.

Ich stehe auf, greife die kleine faltige Hand meiner Gram und ziehe sie an meine Brust.

»Ich liebe dich, Grammy«, sage ich in ihre Haare.

Sie löst sich von mir, streichelt mir über die Wange und lächelt mich an. Sie muss mir nicht antworten, ihre Liebe spürt man in all ihren Blicken, Handlungen und Worten.

Dann zieht sie an meinen Locken. »Du solltest dir die Haare schneiden lassen. Sie sind viel zu lang.«

Ich beuge mich vor und schüttle ihr meine Mähne ins Gesicht. Sie quietscht leise und schlägt mir lachend auf den Oberarm. Eigentlich liebt sie meine Haare, Grampa hatte auch immer eher unkonventionelle Frisuren, wie die Beach Boys in den Siebzigern. Trotzdem ärgert sie mich gerne, indem sie die spießige alte Dame mimt.

Die Tür knallt zu und kurz darauf betritt James die Küche. Sein Board hat er unter den Arm geklemmt.

»Hi Gram«, begrüßt er unsere Großmutter und küsst sie auf die Wange. Sie tätschelt ihm über den Kopf und gibt ihm dann mit einer strengen Handbewegung zu verstehen, dass er seine Schuhe und sein dreckiges Board draußen lassen soll. Ohne Widerrede dreht er um, bringt seine Sachen weg und kommt dann barfuß zu uns zurück.

»Plätzchen?«, fragt er und hebt eine Augenbraue. Unauffällig schüttle ich den Kopf, damit er das Thema nicht weiter vertieft. Er versteht und hält den Mund, schiebt sich stattdessen ein Stück Gingerbread hinein und kaut hingebungsvoll. »Ich werde dich morgen so fertigmachen, Bruder«, nuschelt er mit vollem Mund und trinkt meinen Kakao aus.

Ich zucke unbeteiligt mit den Schultern. Für mich ist das Leben kein fortwährender Wettbewerb, trotzdem spiele ich mit. »Das werden wir noch sehen, Jimmy-Boy. Hast du auch schön geübt? Kannst du endlich den McTwist? Oder bist du wieder auf den Popo gefallen? Hast du wieder ein Aua?«

Obwohl er wissen müsste, dass ich ihn nur veräpple, zieht er die Augenbrauen zusammen und verschränkt die Arme. »Den kann ich schon seit Jahren, Bruder. Und du? Hast du geübt oder bist am Strand rumgehangen, hast gekifft und irgendwelche armen Frauen belästigt?«

Ja, so etwas in der Art. Ich grinse süffisant. »Nimm noch einen Keks und beruhig dich.« Ich strecke ihm einen Zimtcookie hin, den er sich immer noch sauer schnappt.

Gram wirkt auf einmal wieder unsicher. »Hört auf zu streiten! Sofort!«

»Wir streiten nicht, wir diskutieren«, kläre ich meine Gram auf und mein Bruder stimmt zu, indem er heftig nickt und seinen Arm um meine Schultern legt. »Du weißt doch, dass wir uns lieben.«

Sie schüttelt den Kopf und atmet tief aus. »Seid ihr beide heute zum Abendessen da?« Aus dem Küchenschrank holt sie Marmelade und setzt sich zu uns an den Tisch. Eins der Cookies bestreicht sie mit Marmelade, platziert darüber ein weiteres Plätzchen und beißt wie in einen Burger hinein.

Ich schüttle den Kopf, James nickt.

»Ich will morgen fit sein und gehe früh ins Bett«, sagt er und bedient sich noch einmal an den Plätzchen.

»Ich nicht.« Mit offenem Mund gähnend strecke ich mich. »Ich habe eine Verabredung.«

»Mit einem Mädchen?«, fragt Gram in einem Tonfall, der mir zeigt, dass sie immer noch nicht ganz sie selbst ist.

»Sie ist fünfunddreißig, ich glaube nicht, dass sie noch als Mädchen bezeichnet werden will, Gram.«

»Hast du keine in deinem Alter gefunden?«, ärgert mich James. »Seit wann stehst du auf Milfs?«

»Was ist denn eine Milf?«, hakt Gram nach. Keiner von uns beiden geht auf ihre Frage ein.

»Sie besitzt die Bar an dem Strand, an dem ich heute war. Wir wollen nur ein bisschen zusammen feiern. Keine Ahnung, wohin der Abend führt.«

Mein Bruder grinst. »Ich kann mir schon vorstellen, wohin, du kleiner Toy Boy.« Er kichert dämlich. Na und? Wo ist das Problem? Ich bin kein zwanghafter Frauenaufreißer, habe nicht jeden Tag eine andere im Bett, aber wenn sich etwas ergibt, lehne ich nicht ab. Mein Bruder dagegen hat seit drei Jahren die gleiche nette, aber auch unglaublich langweilige Freundin. Ihre Zukunft mit Haus und Hund und Kindern ist bereits vorbestimmt. Spaß ist nach meiner Definition etwas anderes. Nur weil sie einen Collegevorbereitungskurs – natürlich auch in Harvard – besucht, ist sie diesmal nicht mit nach San Francisco gekommen.

Ohne ein weiteres Wort stemme ich mich hoch, greife mir noch eine Handvoll Kekse und laufe in mein Zimmer, um mich umzuziehen.

Sou kassiert gerade einen Tisch ab. Während sie das Geld entgegennimmt, flirtet sie mit den männlichen Gästen, stützt dabei eine Hand in ihre schmale Taille und legt ihren Kopf schräg. Aus der Entfernung kann ich nicht verstehen, was sie zu ihnen sagt, aber alle scheinen es witzig zu finden, denn sie kriegen sich gar nicht mehr ein vor Lachen. Ich bleibe ein wenig abseits und beobachte sie. Sou wirkt, als könnte man mit ihr hervorragend Spaß – sprich Sex – ohne Verpflichtungen haben. Das ist gut, sonst wäre ich nicht auf ihr Angebot eingegangen. Verpflichtungen sind nichts für mich, ebenso wie Beziehungen. Nicht weil ich Liebe ablehne oder eine feste Freundin für alle Zeiten ausschließe. Mein eigenes Leben, meine Freiheit und meine Unabhängigkeit sind mir momentan schlicht wichtiger. Ich will aufstehen, wann ich will, machen, was und wann ich will und vor allem, ich will keine Versprechungen und Zukunftspläne machen. Wer weiß schon, was die Zukunft bringt?

Als Sou mich entdeckt, winkt sie mir zu und streckt einen Finger nach oben, was wohl bedeuten soll, dass sie in einer Minute fertig ist. In ihren ultrakurzen Shorts und ihren Zehensandalen läuft sie über den Sand zur Bar, und wackelt dabei aufreizend mit ihrem kleinen festen Hintern. Ihre Schürze reicht sie dem Barmann, verabschiedet sich und kommt dann zu mir herüber. Wie selbstverständlich stellt sie sich auf die Zehenspitzen, küsst mich auf den Mund und klopft mir auf den Po.

»Hast dich extra schick gemacht für mich, Kleiner, oder?«, fragt sie scherzend und zupft am Kragen meines Hemdes und am Bund meiner ausnahmsweise langen Hose.

»Na klar.« Ich lege locker meinen Arm um ihre Schultern und lasse meine Finger vor ihrem Schlüsselbein baumeln. Sie schiebt ihre Hand in meine hintere Hosentasche und so schlendern wir den Strand entlang. Ich liebe unkomplizierte Frauen.

Auf einmal bleibt sie stehen. »Dir ist aber schon klar, dass das hier nicht der Beginn von irgendwas ist? Du bist nicht zufällig verknallt in mich und wünscht dir Liebe bis zum Lebensende?«

Ich pruste los. »Oh Gott, nein! Keine Angst.«

Sie atmet erleichtert aus. »Gut, dann kann der Abend ja beginnen.«

Ein paar Minuten später stehen wir vor einem Club. Die Warteschlange ist lang, aber Sou spaziert mit mir an der Hand direkt zum Türsteher.

»Hi Sou«, brummt er und winkt uns ohne Komplikationen durch.

Drinnen zieht sie mich sofort zur Tanzfläche. Ihre Absichten, mich heißzumachen, sind eindeutig und natürlich gehe ich darauf ein. Nach kurzer Zeit ähneln unsere Bewegungen eher Trockensex als Tanzen. Wir sprechen kaum, offenbar reicht ihr unsere Unterhaltung von heute Nachmittag. In den wenigen Tanzpausen trinken wir. Ich Bier, sie Tequila und Wasser. Bisher ein verdammt guter Abend.

Jetzt liegen wir nackt und verschwitzt auf dem Boden ihres winzigen Appartements und ich bereue es keine Sekunde, sie getroffen zu haben. Dass sie mir wegen ihres Alters auch sexmäßig einiges an Erfahrung voraushat, war – nennen wir es mal praktisch. Und äußerst befriedigend.

Ohne Scheu rappelt sie sich auf, geht in den Vierfüßlerstand und präsentiert mir ihr Hinterteil. Mit den Händen wühlt sie in ihrer Tasche herum. Mein Schwanz wird schon wieder hart. Bevor ich reagieren kann und sie noch einmal – diesmal von hinten – nehme, setzt sie sich auf die Fersen und zündet sich einen Joint an. Mit geschlossenen Augen inhaliert sie tief, ihr Gesicht sieht beinahe so entspannt und glücklich aus wie vorhin nach ihrem Orgasmus.

Nach drei Zügen hält sie ihn mir hin. »Willst du auch?«

Wortlos nehme ich ihn aus ihrer Hand und ziehe genüsslich. Jetzt noch einen Burger und das Leben wäre perfekt. Vom ans Essen denken knurrt mein Magen und ich stöhne, weil mich erstens das Dope wie eine Welle überrollt und zweitens, weil ich gleichzeitig geil und unglaublich hungrig bin.

Ich rutsche ein Stück zurück, sodass ich mich am Bett anlehnen kann, nehme noch einen letzten Zug und drücke den Stummel im Aschenbecher auf dem Nachtkästchen aus. Sou krabbelt ins Bett, deckt sich zu und ist beinahe sofort eingeschlafen. Und ich? Soll ich jetzt gehen? Allein die Vorstellung, mich zu bewegen, überfordert mich. Also hieve ich mich neben sie auf die Matratze und schließe ebenfalls meine Augen. Im Halbschlaf drängt sie sich an mich und schlingt ihren Arm um meine Brust.

Nach einem Morgenquickie und zwei Tassen Kaffee verabschieden wir uns ohne Drama oder Versprechen auf ein Wiedersehen.

Madison

»Sorry, haben wir dich aufgeweckt?«