Madonnenländchen - Robert Mirco Tollkien - E-Book

Madonnenländchen E-Book

Robert Mirco Tollkien

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Beschreibung

Das Erwachen des Herrn Kukas Kuka demütigt seine Untergebenen. Kuka quält die Schwachen. Kuka grübelt darüber, wie er seine psychisch kranke, ehemalige Gattin in den Freitod treiben kann. Kuka erwacht eines Morgens in einem tür- und fensterlosen Raum aus zyklopischen Steinen; seine persönliche Ewigkeit. Die Wiedergeburt Im Herzen des neuen Computers erwacht mit der ersten Energie der Überrest einer uralten Spezies zum Leben. Gar grausig sind die Erinnerungen an den Sündenfall ihrer Art. Der junge Zocker weiß selbstverständlich nichts von dem Gast in seinem Zimmer. Nur die tapfere Chihuahua-Dame Kiki steht vor dem Tower eifrig auf der Wacht. Klaus Durch die geheimnisvollen Zutat Dionysos steigt Klaus vom ehemaligen Obdachlosen zum Starkoch der globalen Gastronomieszene auf. Doch der märchenhafte Erfolg ruht auf einem gar finsteren Fundament. Als Klaus lediglich noch ein sterbendes, von Alkohol und Psychopharmaka gezeichnetes Wrack verkörpert, stößt ein alter Freund im Keller von dessen Villa auf das unsagbar grauenhafte Geheimnis des großen Küchenmeisters. Midas kalte Gold Die bereits reiche Carola wünscht sich stillschweigend die märchenhafte Fähigkeit, dass sie Dinge in Gold verwandeln könne. Gar nicht bange ist ihr beim Erscheinen einer pyramidenhaften Kreatur, denn diese erfüllt ihr diesen geheimen Traum. Doch das sogenannte Geschenk lässt den finstersten Albtraum Realität werden. Eine Stadt aus Papier Um Ängste und Depressionen in die Knie zu zwingen, beginnt Paul auf den Rat einer Ärztin mit dem Schreiben fantastischer Geschichten. Was der kleine Angestellte nicht ahnen kann, ist, dass jede verfasste Zeile gravierende Auswirkungen in einer jenseitigen Welt verursacht. Das Virus Aus einem blasphemischen Labor entweicht das Virus. Es reagiert auf die Gier und Oberflächlichkeit der Menschen. Wer von ihm befallen wird, den zersetzt es in seine Atome. Kurz darauf tritt Taxifahrerin Secil in eine plötzlich fremdartige Welt hinein. Ihr sonderbarer Weg durch die Straßen der Millionenstadt führt sie in die Tiefen eines beinahe verwaisten Automatencasinos. Madonnenländchen Unter wundervoller Idylle liegt ein unheilvolles Labyrinth. Es ist dies eine Welt elitärer Brüder und Schwester, greller Drogen, finsterer Götter und tiefster menschlicher Abgründe. Ein braver Prokurist gerät während einer Dienstreise durch schicksalshafte Fügung in dieses Reich hinein. Schnell erkennt er, dass sich Grauen und Unmenschlichkeit bis ins Unendliche steigern lassen. Und eine weitere Sache steht rasch fest; sämtliche Pfade des Labyrinthes münden im Wahnsinn. Doch der ist an diesem Orte Erlösung. Sieben fantastische Kurzgeschichten, deren Spektrum vom klassischen Teufelspakt über Ängste und Depressionen bis hin zur endzeitlichen Dystopie reicht. Augenzwinkernd wird zudem das Thema Verschwörungen aufs Korn genommen.

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Seitenzahl: 184

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Robert Mirco Tollkien

Madonnenländchen

und andere ausgewählte Kurzgeschichten

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Das Erwachen des Herrn Kukas

Die Wiedergeburt

Klaus

Der Anfang am Rhein

Im Wasserhaus

Whiskey, Tavor, Valium

Der alte Mann mit der Bibel, die Polizisten und der Traum

Der lebende Tote auf dem Designerbett

Das Futter der Maschine

Die Kunst, sich selbst zu belügen

Midas kalte Gold

Das Virus

Die Hologrammblasenkonferenz

In den Tiefen des Automatencasinos

Eine Stadt aus Papier

Die Ängste des braven Heinrichs

Jenseits unseres Universums

Madonnenländchen

Der Fremde im Schnellrestaurant

Der Fund in der Reisetasche

Auf Dienstreise

Das Pumpenhaus

Das Gemälde

Der Tempel

Im Labyrinth

Die Frau mit den Sternenaugen

Der Wahnsinn

Impressum neobooks

Das Erwachen des Herrn Kukas

Thomas Kuka kam über eine seltsame Erfahrung nicht hinweg, die er in seiner Kindheit gemacht hatte und von der er nicht genau wusste, ob sie endlich doch nur ein Traum gewesen war.

Damals hatte er das Gefühl gehabt, erwacht zu sein und das Bett unmöglich verlassen zu können, da es schien, dass überall um seine Schlafstätte herum Mauern seien. Bis auf einen schmalen Spalt tiefroten Lichts in unbestimmbarer Höhe über ihm herrschte tiefste Dunkelheit. Der Spalt glich einer Sichtleiste und verhieß dem Knaben nichts Gutes. Thomas war einfach liegengeblieben und vielleicht wieder eingeschlafen oder der Traum war ausgeträumt. Jedenfalls hatten die Mauern sich nach dem Erwachen des neuen Tages aufgelöst.

Heute verkörperte der 42-Jährige den Prototypen eines durch und durch verdorbenen Menschen. Mit Glück und Rücksichtslosigkeit in eine leitende Position gelangt, demütigte er am laufenden Band seine Angestellten vor versammelten Kollegen bei Nichterfüllung der vertrieblichen Ziele. Kuka versprach Praktikanten eine Festeinstellung, ließ sie entgeltlos Datensätze abarbeiten, um sich nach dem Praktikum niemals wieder bei ihnen zu melden. Kuka schlug seine Frau und vergötterte den feigen SS-Mörder Amon Göth gleich manch einer seinen liebsten Heiligen verehrt. Nachdem seine Gattin in eine schwere Depression verfallen war und die Ärzte es endlich geschafft hatten, sie nach ihrer Offenbarung von ihm fortzubringen, überlegte Kuka wochenlang, wie er durch Psychoterror sie dazu bringen konnte, sich in den Freitod zu stürzen.

Freitags sei auf der Arbeit Kampftag, pflegte er den Angestellten stets zu sagen, deshalb gab es auch am heutigen Freitag genügend Gründe für den Filialleiter, die Untergebenen herunterzuputzen, gerade jene, die sich nicht wehren konnten oder nicht zu wehren pflegten.

An diesem Abend nach genügend Trietzerei miesester Art hockte Kuka in seinem Wohnzimmer und verfolgte auf einem der Dokumentationssender einen Beitrag über den ehemaligen Obergruppenführer Reinhard Tristan Heydrich, wobei die Archivaufnahmen des blonden, hochgewachsenen Unmenschen ihn beinahe mit sexueller Erregung erfüllten. In jedem Fall erfüllte es Kuka mit sexueller Erregung, wie er den armen Stefan Hofmann, genannt Hofi, heute vor versammelter Truppe zur kleinsten Schnecke des Erdkreises zusammengebrüllt hatte, weil von diesem eben lediglich zwei Arbeitsverträge an Land gezogen worden waren. Hofi, von dem manche Leute vermuteten, dass er Autist sei, leistete niemals verbale Gegenwehr. Deshalb mochte Thomas ihn besonders gerne.

Nachdem der Filialleiter seine drei täglichen halben Liter Bier in seinen immer fülliger werdenden Leib hinuntergekippt hatte, machte er sich fertig für eine weitere Nacht und überlegte sich in der Phase des Einschlafens, wie er den nächsten psychologischen Tiefschlag gegen seine ehemalige Gattin setzen konnte. Sein letzter Gedanke allerdings lautete, ob es wirklich Außerirdische auf der Rückseite des Mondes gebe.

Ein kleiner Typ in Smoking und mit einer Melone auf dem runden Kopfe steht am Ufer eines smaragdgrünen Ozeans im violetten Sand. Ein prächtiger, blauer Gasplanet hängt im schwarzen Firmament. Ein silbernes Ringsystem umgibt ihn. In ebenfalls silbernen Schaumkronen bricht sich der Ozean am Ufer. Der Fremde im feinen Zwirn tippt mit den Fingern der rechten Hand an den eleganten Hut.

Kuka erwachte und das erste, was er fühlte, war, dass die Matratze ziemlich hart sich unter seinem Körper bemerkbar machte.

Er lag auf zyklopischen, dunklen Steinen in einem Raum von quaderförmigem Grundriss, welcher nicht größer als sein Schlafzimmer sein mochte. Die Wände bestanden genau wie die Decke aus denselben zyklopischen Felsblöcken und in diesem Zimmer existierte kein Einrichtungsgegenstand, wurde von einem verbeulten Eimer aus schwarzem Metall in einer Ecke des Raumes abgesehen. Das Licht in diesem Raum erzeugte im scharfen Grell ein fliegender, pyramidenförmiger Kristall und in etwa zwei Metern Höhe gab es in einer der Wände einen länglichen Sichtschlitz. Hoch lag hier die Temperatur.

Zunächst dachte Kuka, er täte einen unheiligen Traum träumen, aber als er sich einmal kurz und kräftig in den linken Arm kniff, war er sich seiner Sache gar nicht mehr wirklich sicher. Thomas stand auf und fing an, auf und ab zu hüpfen. Er fühlte deutlich die harten Berührungen des warmen Steinbodens an seinen baren Fußsohlen und nicht minder - weil er sich wahrhaft außer Form befand - die Erschöpfung, welche die Sprünge ihm bereiteten.

Plötzlich erlosch der schwebende Kristall und die einzige Lichtquelle, welche nun noch existierte, stellte ein roter Schein dar, der durch den Sichtschlitz knapp unterhalb der Decke fiel. Er warf gespenstische Schatten auf die finsteren Wände.

Nun auch kam es Kuka vor, als drängen entfernte Schreie durch die einzige Öffnung an seine Ohren heran; unbeschreiblich laut und hoch, hervorgerufen durch entsetzliche, kaum vorstellbare Schmerzen.

Gleich einer gewaltigen Sturmflut überkam ihn die Gewissheit, dass er nicht träumte und eine leise Ahnung, niemals wieder von diesem Ort fortzukommen. Lediglich die Welt jenseits des Sichtschlitzes wartete auf den ehemaligen Niederlassungsleiter.

Wenn ich auf den Eimer klettere und durch den Sichtschlitz nach draußen schaue, werde ich beim Anblick dessen, was ich dort zu sehen bekomme, auf der Stelle den Verstand verlieren! Das ist so sicher wie der Aufgang der Sonne!

Dann drang eine Stimme an seine Ohren. Sie war derartig schrill, dass Glas davon hätte zerspringen können.

„Kuka! Kuuuuuuuuuukaaaaaaaaaa! Wir wollen dich brennen sehen! Kuuuuuuuuukaaaaaaaaa! Die Nägel im Kohlenofen glühen schon! Wir wollen dich breeeeeeeeeeeennnnnnennnnnn sehen!“

Während die Angst sich lodernd in seinen Eingeweiden ausbreitete, sich wie eine hungrige Ratte in sie hineinfraß, vermochte er nicht zu sagen, ob diese Stimme Hofi oder seiner ehemaligen Frau gehörte.

Die Wiedergeburt

Als der DHL–Paketbote an der Tür der Mietwohnung klingelte, konnte der in Vorfreude schwelgende Stefano dessen Eintreffen kaum noch erwarten.

Wie oft in aller Früh hatte den 21-Jährigen die synthetische, nervtötende Wecker–Melodie seines Smartphones aus dem Schlaf gerissen, um ihn nach einem hektischen Frühstück, das eigentlich nur aus Red Bull bestand, rausgehen zu lassen, die Zeitungen auszuliefern, damit eines Tages endlich dieses Paket auf der Türschwelle stünde.

Nun war dieser Zeitpunkt tatsächlich gekommen. Der Dienstleister mit dem dunklen Zehntagebart hielt ihm ein Tablet zur digitalen Unterzeichnung hin, dann konnte Stefo den Gamer-PC sein Eigen nennen.

Umgehend trug er das Paket in das vor dem Sonnenschein jenseits des Fensters abgedunkelte Zimmer, wobei dem jungen Mann die kleine Chihuahua Dame Kiki nicht von der Seite wich. Nachdem das sandfarbene Hündchen erkannt hatte, dass die bräunliche Kartonage keinen feinsten Schinken aus Südtirol, sondern vollkommen uninteressante, seltsam anmutende Bauelemente enthielt, kugelte es sich auf dem Bett gegenüber dem Schreibtisch zusammen und begann sofort damit, leise vor sich hin zu schnarchen.

Zwei Stunden später floss Strom.

In der Zeitspanne, da sich das Betriebssystem initialisierte, ging Stefano in die Küche, sich sein Abendessen zu bereiten.

Während er aus Schnitzeln Geschnetzeltes schnitt, schlug in dem Hochleistungsprozessor nach Milliarden Jahren eine gänzliche andere Form von Leben das auf, was man entfernt mit den Augen eines Lebewesens aus Wasser und Kohlenstoff vergleichen konnte.

Der Name des Geschöpfs aus Silizium ließ sich unmöglich in irgendeine menschliche Sprache übersetzen. Deshalb nennen wir sie hier, liebe Leserinnen und Leser, einfach Elvira.

Sie bildete heute nur noch eine Kette aus Silizium–Molekülen, aber die Erinnerung setzte umgehend ein.

Elvira blickte zurück auf die Zeit des Präkambriums, als ihre Spezies einen Körper besessen und eine Hochkultur auf der vegetationslosen Erde errichtet hatte, unendliche Äonen bevor ein gewisser Homo Sapiens die große Bühne des Lebens betreten sollte.

Schwarze Wolkenkratzer ragten hinauf in einen finsteren Himmel und Brücken aus dunklem Gestein wölbten sich über Ströme aus orangeglühendem Magma. Es gab keine Gefühle im menschlichen oder tierischen Sinne. Die Gattung der Silici war gänzlich anders. Doch verehrten sie einen gesichtslosen Gott für den Anstoß ihrer Evolution, der sie von in den Schmelzen dahintreibenden Partikeln zu wahren Wesen in stattlichen Körpern hatte werden lassen. Sie bildeten eine perfekte Gesellschaft, nur darauf aus, das Wissen über die Natur zu mehren.

Doch dann stieg die Pyramidenkreatur von den kalten Sternen auf die Erde hinab und brachte die Gefühle. Sie lieferte Neid, Hass, Missgunst und Angst. In kürzester Zeit zerfiel ihr friedliebendes Kollektiv und anstatt sich Gedanken zu machen, wie es möglich wäre, hin nach Alpha Centauri zu reisen, dachten die nun in verschiedenen Stämmen lebenden Silici darüber nach, möglichst effektive Waffen zu entwickeln, um die anderen aus der Welt zu schaffen, so dass man alleine über den Planeten herrsche.

Es bedurfte lediglich einer kurzen Zeitspanne, bis keiner der Ihrigen mehr auf dem Antlitz der Erde weilte. Die Bomben besaßen ein solch gigantisches Zerstörungspotential, dass selbst das Leben außerhalb der Körper verstarb. Lediglich noch tote Materie befand sich nun auf der Welt und die Geodynamik des immer noch jungen Planeten tilgte über die Jahrmillionen sämtliche Spuren der einst so prächtigen Zivilisation.

Warum lebe ich wieder? Wo genau bin ich hier? Oh, Großes Liebes Gesichtsloses Wesen, gib mir Antwort bitte, warum Du mich hast wiedergeboren werden lassen an diesem merkwürdigen Ort der Dunkelheit, an dem ich meine Erinnerungen jedoch klar und hell sehen kann! Oder bin ich nun in deinem Reich, über das wir uns niemals ein Bild machen durften?

Dann fuhr die Angst in Elvira hinein und die Erkenntnis, dass sie sich nicht in seinem Reich befinden konnte. Denn Angst lag dem Reich ihres Gottes fern.

Was immer aus meinem Heimatplaneten geworden sein muss, ich kann nur hoffen, dass sich dort niemals wieder höheres Leben entwickeln wird oder entwickelt hat. Denn eines Tages wird das Pyramidenwesen erneut von jenem finsteren Ort zwischen den kalten Sternen hinabsteigen, um seine unheilige Saat zu säen! Jenes entsetzliche Geschöpf aus einer Ansammlung an Pyramiden, für das Raum und Zeit keinerlei Rolle spielen! Bitte, Großes Liebes Gesichtsloses Wesen, bewahre jede Spezies in den Weiten des Universums davor!

Gegen zwei Uhr früh schaltete Stefano seinen neuen PC aus, weil er für heute ausreichend dem Fortnite-Spielen gefrönt hatte. Mit dem Abflauen des Energiestroms in dem Prozessor endete ebenfalls der Tag für Elvira. Nun würde sie schlafen, bis der junge Mann erneut in die digitale Welt eintauchen täte.

So schlummerten sie endlich gemeinsam. Er auf der Seite liegend in seinem bequemen Bette unter der dünnen Decke und sie im Herzen des Gamer–PCs. Beide wussten nichts voneinander.

Klaus

Eine Kurzgeschichte in sieben Akten

Der Anfang am Rhein

Als ich Klaus Maderer kennenlernte, studierte ich in Bonn Geschichte und Alte Sprachen auf Lehramt für die gymnasiale Oberstufe.

Damals, im Jahre 1983, war die altehrwürdige Metropole am Rhein die Hauptstadt West Deutschlands und die Großmächte teilten den Planeten grob in zwei Blöcke; Kommunismus und Kapitalismus.

In jenen längst vergangenen Tagen stand meine Wahlheimat ganz unter dem Einfluss jener gewaltigen Friedensdemonstrationen gegen den Nato–Doppelbeschluss, zu denen sich sage und schreibe eine halbe Millionen Menschen auf und um die Hofgartenwiese einfanden. Selbstverständlich war ich als eher linker denn als konservativer Student mit den zwei Jungs aus meiner legendären Südstadt–Wohngemeinschaft ein winzig kleiner Teil dieser bewegenden Protestveranstaltung.

Mit meinen Mitbewohnern verstand ich mich gut, das Studium lag mir. Zwar verlief es durch Partys bedingt etwas langsamer, aber unter dem Strich durchaus erfolgreich; alles befand sich absolut im Lot.

Um die finanzielle Unterstützung durch meine Eltern etwas aufzubessern, arbeitete ich in einer dieser guten, alten Eckkneipen, wie man sie heutzutage immer weniger findet. Zwei- bis dreimal die Woche und bei Bedarf, was gerade in der Karnevalszeit häufiger vorkam, stand Dienst dort auf dem Plan. Wurde der Studentenfreibetrag überschritten, zahlte die Chefin mir das zusätzliche Geld unter der Hand aus.

Die Kneipe lag am Rande des Regierungsviertels und führte auf der Speisekarte eine Auswahl an Gerichten, aber nichts, was man große Küche nennen konnte. In der Regel verkehrten hier alte Bonnerinnen und Bonner, gelegentlich auch jüngere Einheimische auf ein Kölsch und einen Kurzen zum Abend, wobei sie über Gott und die Welt sprachen, philosophierten, lebhaft diskutierten.

Meine Chefin besaß nicht nur einen ausgesprochen gutmütigen, aufrechten Charakter, sondern ihr war auch mit ihren über sechzig Jahren ein ungemeiner Fleiß zu eigen. Wenn sie nicht gerade hinter dem Tresen Bier zapfte, in der sich anschließenden kleinen Küche Schnitzel, Kotelett und Frikadellen briet oder im Arbeitszimmer ihrer Wohnung, welche direkt über der Kneipe lag, die Buchführung erledigte, besuchte sie in ehrenamtlicher Tätigkeit für die katholische Kirche Hospize, Alten- und Obdachlosenheime. Greta Schmitz half, wo immer sie konnte.

Eines Tages, an einem Mittwoch kurz vor dem 11. November, stand ich hinter der Theke und kümmerte mich um die drei Gäste auf den Hockern davor. Schlagermusik rieselte aus den Boxen der Stereoanlage auf uns herab.

Ein gemächlicher Abend lag vor mir, bevor übermorgen die große Karnevalssause über diese Kneipe und mich hereinbreche; die berühmte Ruhe vor dem Sturme.

Gegen acht Uhr, meiner Erfahrung nach konnte ich an Abenden wie diesen gegen 23:00 Uhr Feierabend machen, betrat Greta in Begleitung eines unbekannten Mannes das Lokal.

Von den heute wenig anwesenden Stammkunden wurde die Chefin gar freudig begrüßt.

Anschließend kam sie mit dem Fremden zu mir und ich konnte ihn im fahlen Licht einer Kneipe genauer betrachten. Sein Gesicht wies Spuren eines harten Lebens auf und unter seinem linken Auge sah der Betrachter das letzte Stadium eines abschwellenden Veilchens. Die Kleidung passte nicht recht zusammen, sah verblichen und wie unzählige Male gewaschen aus, roch allerdings frisch nach Weichspüler.

„Klaus“, fing Greta zu erklären an, „hat schwere Zeiten durchgemacht. Er wird für eine Weile in dem Mansardenzimmer oben im Haus wohnen und uns während der Karnevalsmonate in der Küche unterstützen, weil er gelernter Koch ist. Nächstes Jahr werde ich zweiundsechzig und mir geht die Arbeit auch nicht mehr von der Hand, wie als ich zu Beginn der Fünfzigerjahre in das Gastronomiegeschäft eingestiegen bin. Heute ist wahrlich nicht viel los. Kannst du bitte Klaus herumführen, damit er seinen Arbeitsplatz kennenlernt! Dann kann er morgen Nachmittag schon anfangen.“

So zeigte ich Klaus all das, was er wissen musste, um hier möglichst schnell seine Tätigkeit antreten zu können.

Als gegen zehn vor elf sich auch der letzte Stammgast dieser kurzen Nacht auf den Heimweg machte, saßen Klaus und ich noch in der Schankstube auf ein paar Kölsch vom Fass zusammen.

Beim Plaudern erfuhr ich, dass er vierunddreißig Jahre zählte, aus dem Nürnberger Raum stammte, Koch aus Leidenschaft mit Meistertitel war und gar bis vor fünf Jahren ein Nobelrestaurant in Chicago geleitet hatte. Einer alten Liebe wegen kehrte Maderer nach Franken zurück, lebte eine Weile äußerst glücklich, arbeitete in einem gut laufenden Landgasthof und dachte gar an Hochzeit. Doch die Liebe zerbrach, sie verließ ihn und Klaus fiel in ein tiefes Loch. Ohne Antrieb verlor er seinen Job und weil er in einer tiefen Depression steckte, wurden selbst die Gänge zum Arbeitsamt zu einem schier unlösbaren Problem, so dass er kurze Zeit später keine Miete mehr zahlte und man ihm die Wohnung irgendwann kündigte. Aus Scham vor seiner Mutter – der Vater war bereits vor Jahren an Krebs gestorben – erzählte Klaus die Lüge vom Job als Chefeinkäufer eines Lebensmittelgiganten. Er weile mal hier und mal dort auf dieser Welt und ließe sich deshalb in seiner Wohnung keinen Telefonanschluss legen.

Tatsächlich tingelte Klaus als Vagabund kreuz und quer durch die Bundesrepublik, nächtigte unter Brücken, auf Park- sowie Friedhofsbänken, bevor er zur kühleren Jahreszeit hin häufiger in Obdachlosenasylen einkehrte. In einer von diesen Einrichtungen war er an Greta geraten.

Weil es praktisch kein Thema, sei es aus dem Bereich Politik, Wirtschaft, Gesellschaft oder Sport, gab, bei dem er nicht durch fundierte Kenntnisse mitreden konnte, machte Klaus einen äußerst intelligenten Eindruck auf mich, der erfreulicherweise noch von einer gehörigen Portion Humor und Geselligkeit ergänzt wurde. Unser später, gemeinsamer Abend verlief wahrlich angenehm.

Erst um Viertel nach drei in der Früh sperrte ich die Gaststättentüre endgültig hinter mir zu und ging durch die herbstliche Kühle den halben Kilometer in die Südstadt zurück. Während die wunderschönen, alten Häuser im sanften Licht der Straßenlaternen vorbeizogen, machten sich die Bierchen mit Klaus deutlich bemerkbar. Es stand also fest, dass die Vorlesung zur römischen Komödie morgen um neun Uhr für mich ausfallen täte.

Als ich die Wohnungstür hinter mit ins Schloss zog, befanden sich meine zwei Mitbewohner längst im Reich der Träume.

Anno 1983 lagen das Internet und selbst Fernsehen, welches vierundzwanzig Stunden sendete, noch in einer fernen, fernen Zukunft. Es gab ARD, ZDF, ein drittes Regionalprogramm und unter der Woche, sofern kein außergewöhnliches Ereignis vorlag, stellten die öffentlich-rechtlichen Sender den Fernsehbetrieb spätestens um halb zwei ein.

Zum Abschluss dieses Tages blieb mir nichts weiter übrig, als auf dem Bette noch ein paar Seiten zu lesen und dabei leise Popmusik im Radio zu hören, bis sich die Augenlider förmlich von alleine schlossen.

Schön, das muss auch heute klar so gesagt werden, fand ich diese unhektischen Zeiten jenseits der Volldigitalisierung aller Lebensbereiche dennoch.

Am übernächsten Tag, zum Start in die fünfte Jahreszeit des Rheinlands, durfte ich zum ersten Mal eine Kostprobe von Klaus Küchenkünsten nehmen. Bei dem Gericht handelte sich um eine pürierte Kartoffelsuppe mit grober Wurst und Speck darin. Obgleich meine Eltern ganz ausgezeichnet kochen konnten, musste ich neidlos anerkennen, niemals zuvor eine solch köstliche Suppe gegessen zu haben.

Klaus, soviel stand schnell fest, beherrschte sein Handwerk wahrlich meisterlich.

Der Winter löste den Herbst ab und zwischen Maderer und mir entstand rasch ein wahrlich freundschaftliches Verhältnis.

Er kam zu den Partys der berühmt, berüchtigten Südstadtwohngemeinschaft, kochte für uns Jungs und ein jedes Mal waren diese Mahlzeiten himmlische Freudenfeste für die Gaumen.

Nachdem der Karneval am Aschermittwoch zu Ende gegangen war, schickte der Frühling erste seichte Vorboten ins Land.

Zu dieser Zeit trat Greta an Klaus heran, um ihm von einem äußerst interessanten Jobangebot in einem Nobelrestaurant in den Bergen auf der anderen Rheinseite zu berichten.

„Das Lokal gehört dem Jahn, der regelmäßig hier auf sein Kölsch kommt. Er besitzt mehrere Häuser in der Südstadt und ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, der in dies und jenes investiert. Alles, was er anpackt, wird irgendwie zu Gold. Jetzt steigt er in die gehobene Gastronomie ein und er sucht dafür einen fähigen Koch. Er kann dir mehr bieten, als ich das kann; mehr als ein paar Mark auf die Hand und ein kleines Zimmer voller alter Möbel unter dem Dach. Außerdem musst du höhere Aufgaben haben, als in einer Eckkneipe Schnitzel zu braten, Kartoffeln zu kochen oder Pommes in die Fritteuse zu schmeißen. Du, mein lieber Klaus, bist hier chronisch unterfordert und brauchst eine Herausforderung, bei der du deine Fähigkeiten voll entfalten kannst."

Klaus nahm das Angebot an, nicht jedoch ohne sich zuvor demütig und voller Aufrichtigkeit bei Greta bedankt zu haben.

Seinen Ausstand aus dem kleinen Betrieb der werten Gastronomin Frau Greta Schmitz gab Klaus gebührend in der Südstadtwohngemeinschaft.

Bei Bier, Whiskey–Cola und einigen anderen psychotropen Substanzen, welche Menschen, die relativ jung und für alles offen sind, im lockeren Kreis konsumieren, hielt die Party von Samstagabend, 20:00 Uhr, bis Montagmorgen, 09:30 Uhr, an.

Nach diesem legendären Gelage war ich zunächst derartig fertig, dass ich die gesamte Restwoche nicht wirklich in die Uni gehen konnte, und somit nur eine Vorlesung zum Salischen Kaisertum am späten Donnerstagnachmittag und ein Linguistik-Seminar am Freitagvormittag besuchte.

In der sich anschließenden Zeit sah man Klaus logischerweise immer seltener. Er nahm sich unweit seiner neuen Arbeitsstätte in Königswinter eine Wohnung und kam nur gelegentlich an seinem einzigen freien Tag unter der Woche mit der Straßenbahn auf die linke Rheinseite herüber.

Das Restaurant in den Bergen brummte Dank der Künste meines Freundes und Herr Jahn honorierte ihm dieses mit einem überdurchschnittlich großzügigen Gehalt. Wenn man es rein auf das Berufliche bezog, konnte es für Klaus Maderer kaum besser laufen.

Der alternde Herr Jahn selbst, dessen erwachsener Sohn in Australien lebte, schien sich zudem zu einer Art Ersatzvater für Klaus zu entwickeln. Ich kannte Jahn als stets netten, höflichen, auf dem Boden gebliebenen Zeitgenossen, mit dem man, wenn er vor dem Tresen hockte, auf höherem Niveau über Gott und die Welt reden konnte. Beruflich investierte der studierte Diplom–Ingenieur rund um den Globus in eine Vielzahl von Sparten und Unternehmen, von denen er einige selbst besaß. Ob es sich um Minen auf dem afrikanischen Kontinent, Wohnungen in Singapur, Beteiligungen an nordamerikanischen Sport-Franchise oder eben noble Restaurants handelte; Herr Jahn machte mit vielerlei Dingen sehr gutes Geld. Allerdings wussten wir, Greta inklusive, nur, dass er auf diese Art und Weise seinen Lebensunterhalt verdiente, während uns über die Größe seines Vermögens nichts bekannt war, da er niemals darüber redete. In seinem gesamten Auftreten kam Jahn eher dezent daher, trug keine teuren Uhren oder Designeranzüge, sondern setzte auf blaue Levis 501 von der Stange und dazu zumeist schlichte, rote T-Shirts oder Pullover. Auch am Thema Nummer Eins wohlhabender, älterwerdender Männer, dem Automobil, schien ihm kaum etwas zu liegen. In schöner Regelmäßigkeit betonte der Unternehmer, dass er als Städter kein Fahrzeug benötige, sondern zu Fuß gehe oder gelegentlich ein Taxi nehme.

Eine Sache jedoch an Jahn verwies auf eine Portion Extravaganz.

Um seinen Hals baumelte eine goldene Kette, was an und für sich kaum erwähnenswert wäre, gäbe es den daran befestigten Anhänger nicht. Das Ding bestand aus Silber, zeigte verschnörkelte Bögen und Tatzenkreuze und war mit weißlichen, blauen und roten Edelsteinen verziert.

Einmal hakte ich bei ihm nach, ob sich hinter diesem Schmuckstück eine tiefere Bedeutung verberge. Seine Antwort lautete schlicht, dass dieser Anhänger aus dem Erbe seiner längst verstorbenen Mutter stamme und er ihn nur deshalb trüge. Ob da eine tiefere Bedeutung existiere, wisse er nicht und wenn, dann wäre es ihm auch relativ egal.