Magic Maila (Band 2) - Marliese Arold - E-Book

Magic Maila (Band 2) E-Book

Marliese Arold

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Beschreibung

Band 2 Eine neue Mission für Maila, das Hexenmädchen undercover: Der böse Magier Justus ist untergetaucht. Maila bricht erneut in die Menschenwelt auf, um seiner Spur zu folgen und die restlichen Maglings zu finden. Dann passiert ein Unglück: Mailas Bruder Robin hat einen Ohrenschwinger erfunden, mit dem auch Hexen, die nicht mit den Ohren wackeln können, Zugang zur Menschenwelt bekommen sollen. Doch der erste Test mit Mailas Freundin Ophelia geht schrecklich schief. Sie wird in die bedrohliche Zwischenwelt geschleudert. Maila trommelt all ihre Freunde zusammen, um Ophelia zu retten. Selbst der geheimnisvolle Ny ist dabei, der Mailas Herz höher schlagen lässt. Ihre Mission ist gefährlich, denn in der Zwischenwelt treiben sich dunkle Gestalten herum, Gestalten wie der Hexer Justus …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 213

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Magic Maila

Verhext noch mal!

Band 2

eISBN 978-3-96129-177-9

Edel Kids Books

Ein Verlag der Edel Germany GmbH

Copyright © Edel Germany GmbH, Neumühlen 17, 22763 Hamburg

www.edel.com

Projektkoordination: Judith Haentjes

Text: Marliese Arold

Covergestaltung: formlabor

ePub-Konvertierung: Datagrafix GmbH, Berlin

Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Inhalt 

Ein Fall für den Familienrat

Der magische Schrankexpress

Robins ohrenzwickende Erfindung

Von leuchtenden und unsichtbaren Haustieren

Mit Oma Luna in die Menschenwelt

Spuk um Mitternacht

Verbündete oder Feinde?

Oma Lunas Entscheidung

Wiedersehen mit Emily

Pech für Beppo!

Verschwunden im Nirgendwo!

Einbruch im Lehrerhaus

Ophelia in großer Not

Das Abenteuer beginnt

Das Tal der Täuschungen

Der fieseste Zauber von allen!

Zauberduell in der Bibliothek

»Sag das noch mal!« Tante Juna blickte ihre Nichte Maila Espenlaub ungläubig an.

Maila schluckte verzweifelt. Das, was sie zu beichten hatte, war nicht einfach. Sie hatte Mist gebaut. Großen Mist!

»Ich dachte, ich hätte Onkel Justus verhext«, erklärte sie mit tonloser Stimme. »Nach diesem grässlichen Streit letzten Samstag, weißt du.«

Tante Juna nickte langsam. »Den werde ich nie vergessen. Alles ist rausgekommen. Dass ich und du Hexen sind. Und du bist schuld! Ich konnte mein Geheimnis über so lange Zeit bewahren, Justus hat nichts von meinen Zauberkräften gemerkt. Aber kaum bist du zu Besuch, kommt alles ans Licht!« Sie holte tief Luft. »Wenn ich das geahnt hätte, hätte ich nie zugelassen, dass du mich hier in der Menschenwelt besuchst. Du hättest in Großhexenfurt bleiben können – oder noch besser dort, wo der Pfeffer wächst!«

So wütend und gleichzeitig traurig hatte Maila ihre Tante noch nie erlebt. Sie war doch ihre Lieblingstante, und sie hatten sich bisher immer gut verstanden. Aber diese Zeit schien unwiederbringlich vorbei zu sein. Am liebsten wäre Maila im Erdboden versunken. Aber sie musste dieses Gespräch durchstehen. Es war sehr wichtig.

»Bitte hör mir zu«, bat Maila leise. »Ich war überzeugt, dass ich Onkel Justus aus Versehen in die Steinfigur verwandelt hatte, die auf dem roten Bollerwagen vor der Haustür steht. Ich hatte den Zauberstab aus dem Bad benutzt.« Sie konnte nicht weiterreden, weil ihre Stimme versagte. Maila hatte gewusst, dass der Zauberstab viel zu mächtig für sie war. Schließlich besaß ihre Familie in der Hexenwelt einen Zauberladen, und man hatte sie oft genug davor gewarnt, solche gefährlichen Dinge mit bloßen Händen zu berühren. Aber der Zauberstab, der in Tante Junas Badezimmer scheinbar als Stütze in einem Pflanzkübel gesteckt hatte, war eine zu große Versuchung gewesen. Maila hatte ihn herausgezogen, um zu verhindern, dass Onkel Justus im Zorn mit zwei Koffern das Haus verließ. Da hatte es einen gewaltigen Knall gegeben, und Maila war von einer unsichtbaren Macht gegen die Wand geschleudert worden. Als sie kurz darauf wieder zu sich gekommen war, war Onkel Justus verschwunden gewesen. Stattdessen stand vor der Haustür plötzlich ein roter Bollerwagen mit einer steinernen Buddhafigur und zwei Geranientöpfen. Maila hatte fest geglaubt, dass dies ihr Werk gewesen war. Ihr schlechtes Gewissen war riesengroß.

Aber in Wahrheit verhielt es sich ganz anders. Und das war noch viel, viel schlimmer.

Maila räusperte sich. »Onkel Justus ist gar nicht der, für den wir ihn gehalten haben«, fuhr sie fort. »In Wirklichkeit heißt er Jupiter Siebenhorn und ist kein Mensch, sondern ein Hexer. Ein sehr starker Hexer, Tante Juna. Und«, sie musste Luft holen, denn das, was sie jetzt zu sagen hatte, war besonders schwer, »und er hat es auf dein Baby abgesehen.«

»Auf mein Baby?«, fragte Tante Juna erschrocken. Alles Blut wich aus ihrem Gesicht. Sie tastete nach ihrem Bauch, der sich vielversprechend wölbte. »Auf meine Knutschkugel?«

Knutschkugel war der Kosename für das ungeborene Baby. Weder Tante Juna noch Maila wusste, ob es ein Junge oder Mädchen war. Tante Juna hätte es leicht mit ihren Zauberkräften herausfinden können, aber sie wollte sich lieber überraschen lassen. Maila verstand das nicht. Sie hätte gerne Bescheid gewusst! Insgeheim tippte sie auf ein Mädchen.

Tante Juna hatte sich wieder gefangen. »Wer behauptet das?«, fragte sie. »Das sind ungeheuerliche Anschuldigungen, Maila! Ich will wissen, wie du auf so etwas Absurdes kommst!«

»Wir haben seit heute einen neuen Schulleiter, Luzian Morchelstiel«, berichtete Maila. »Er vertritt Onkel Justus. Ich habe ihn schon einmal in Großhexenfurt gesehen, als er in unseren kleinen Zauberladen gekommen ist. Oma Luna kennt Luzian von früher. Jetzt arbeitet er für den Magischen Kontrolldienst. Der Kontrolldienst ist hinter Onkel Justus her. Ihm wurden vor einigen Jahren zur Strafe seine magischen Kräfte entzogen, und er wurde in die Menschenwelt verbannt. Ich weiß nicht, was Onkel Justus Schlimmes angestellt hat, aber inzwischen konnte er seine Hexenkräfte wiedergewinnen. Er will unbedingt in die Hexenwelt zurückkehren! Um den Zauberbann zu überwinden, braucht er jedoch zusätzlich die Kraft durch ein Kind seines magischen Blutes.« Mailas Herz klopfte heftig. »Fiona, seine Tochter aus erster Ehe, hat keine Zauberkräfte. Aber dein Baby …« Sie beendete den Satz nicht, sondern starrte auf Tante Junas Bauch. Sie wünschte sich von Herzen, dass es ihr gelingen würde, das winzige ungeborene Wesen mit all ihren Kräften zu beschützen.

Tante Juna sagte minutenlang gar nichts. Sie saß in sich zusammengesunken da und blickte aus dem Fenster. Maila wagte nicht, ihr ins Gesicht zu schauen. Dann erhob sich Tante Juna schwerfällig aus ihrem Sessel und ächzte: »Ich brauche dringend ein Glas Wasser.« Sie schlurfte in die Küche, drehte den Wasserhahn auf und ließ Wasser in ein Glas laufen. Maila war ihr gefolgt. Sie hatte jetzt alles gesagt. Trotzdem blieb die Erleichterung aus. Was würde Tante Juna tun? Oder besser, was sollten sie beide tun? Maila war ratlos.

Tante Juna trank das Wasserglas in großen Zügen leer. Dann wandte sie sich um. »Wir müssen den Familienrat einberufen«, entschied sie. »Das ist eine Angelegenheit von äußerster Wichtigkeit.«

Maila sah mit Schrecken, dass ihr die Tränen über die Wangen liefen. Sie trat auf ihre Tante zu und umarmte sie vorsichtig, um das Baby nicht zu sehr zu drücken.

»Ach, Maila«, schluchzte Tante Juna. »Ich habe Justus wirklich geliebt. Ich dachte, er ist der Mann, auf den ich immer gewartet habe. Ich war mir ganz sicher …« Sie schniefte.

»Luzian Morchelstiel sagte auch, dass Justus einen Liebeszauber über dich verhängt hat«, murmelte Maila. »Du musstest dich in ihn verlieben, ob du wolltest oder nicht. Du kannst nichts dafür.«

»Ein Liebeszauber?«, wiederholte Tante Juna fassungslos. Sie löste sich von Maila und schob das Mädchen eine Armlänge von sich. »Oh verflixt, das hätte ich wissen müssen! Wie konnte mir das nur passieren? Ich war immer überzeugt, so etwas zu merken … Wie furchtbar! Alles ist so furchtbar!«

Sie griff nach einem Taschentuch und putzte sich die Nase. Dann schien sie sich wieder etwas gefasst zu haben. Maila bewunderte ihre Tante dafür. Schließlich war soeben deren ganzes Leben auf den Kopf gestellt worden.

»Das Wichtigste ist jetzt, dass meiner Knutschkugel nichts passiert«, sagte Tante Juna entschlossen. »Justus darf mein Baby nicht in die Finger bekommen. Niemals!«

Maila nickte. Damit war sie völlig einverstanden. Sie hatte Onkel Justus noch nie leiden können – lange, bevor sich diese schlimme Geschichte mit dem Zauberstab und der vermeintlichen Verwandlung ereignet hatte. Gut, manchmal hatte sich Onkel Justus bemüht, nett zu Maila zu sein, und ein- oder zweimal war es ihm sogar gelungen, sie mit schönen Worten einzulullen. Aber die meiste Zeit war er ein unerträgliches Ekel gewesen, und Maila hatte sich oft gefragt, warum Tante Juna ihn geheiratet hatte.

Jetzt war es sonnenklar: Er hatte Tante Juna verhext! Maila ballte ihre Hände zu Fäusten. In diesem Moment wünschte sie sich, Onkel Justus säße wirklich als Steinfigur im Bollerwagen. Da hätten sie und Tante Juna ihn wenigstens unter Kontrolle. Aber so, wie die Dinge lagen, war Onkel Justus irgendwohin verschwunden, und das bedeutete Gefahr. Er konnte jederzeit mit seinen Zauberkräften zuschlagen. Maila und Tante Juna mussten höllisch auf der Hut sein.

Als hätte Tante Juna Mailas Gedanken gelesen, sagte sie: »Wir müssen unbedingt einen Schutzzauber um dieses Haus ziehen. Außerdem brauchen wir beide ein starkes Amulett, damit Justus uns nicht verhexen kann.«

Ohne weitere Erklärung marschierte sie aus der Küche. Maila blieb nichts anderes übrig, als ihr in den ersten Stock hinaufzufolgen. Nach ein paar Treppenstufen musste Tante Juna innehalten. Sie schnaufte schwer. Maila wusste nicht, ob es an Tante Junas Schwangerschaft oder an dem eben erlittenen Schock lag. Plötzlich hatte Maila Angst um ihre Tante. Wäre jetzt doch Oma Luna hier! Oder wenigstens Mama oder Papa! Was sollte Maila tun, wenn ihre Tante vor ihren Augen zusammenklappte?

»Es geht schon wieder«, sagte Tante Juna und nahm die nächsten Stufen in Angriff, diesmal so langsam wie eine alte Frau. Endlich waren sie oben. Tante Juna steuerte auf eines der Zimmer zu, in denen sich all die Sachen befanden, die sie von ihren weiten Reisen mitgebracht hatte.

Das Zimmer war dunkel. Tante Juna musste erst die Fensterläden öffnen, damit das Tageslicht hereinfiel. Sonnenstrahlen tanzten auf den verstaubten Möbeln und Souvenirs. Maila sah sich um und fühlte sich von den vielen Dingen ringsum wie erschlagen.

»Du wunderst dich vielleicht, warum ich all den Krempel aufgehoben habe«, meinte Tante Juna. »Aber es sind viele Maglings dabei. Du wirst ihre Kraft spüren können, wenn du dich länger im Zimmer aufhältst.« Sie seufzte tief. »Die Tapeten, die Fenster und auch die Tür besitzen eine spezielle antimagische Beschichtung, damit nichts von der Zauberkraft nach draußen dringt. Niemand sollte mich hier in der Menschenwelt als Hexe erkennen, schon gar nicht Justus. Tja, alles umsonst.« Sie seufzte noch einmal.

Maila stand still und konzentrierte sich. Sie nahm nichts von der Magie wahr, nicht einmal das leiseste Kitzeln oder Vibrieren.

»Ich kann keine Zauberkräfte fühlen«, sagte sie enttäuscht.

»Ach … Dann sind die Maglings wohl im Tiefschlaf«, erklärte Tante Juna. »Aber keine Sorge, wir werden sie schon aufwecken.«

Maila nagte an ihrer Lippe. »Meinst du nicht, es ist besser, wenn wir so schnell wie möglich nach Großhexenfurt reisen und uns mit den anderen beraten?« Jetzt, da sie wusste, wie gefährlich Onkel Justus oder vielmehr Jupiter Siebenhorn war, würde sie bestimmt keine Nacht mehr ruhig schlafen. Und wer weiß, wie lange es dauerte, bis Tante Juna einen Schutzzauber für das Haus gewirkt hatte und bis jeder sein eigenes Amulett besaß. Angeblich war Tante Juna ja eine starke Hexe, aber die Schwangerschaft schien ihre magischen Kräfte zu beeinträchtigen.

Tante Juna drehte gerade eine hölzerne Schale in den Händen. Sie blickte auf und sah Maila an. »Vielleicht hast du recht. Wir sollten lieber keine Zeit verlieren. Pack deine Sachen zusammen. Wir nehmen auch den Phönix und den fliegenden Teppich mit. Zwar gefällt es mir nicht, dass wir noch längst nicht alle Maglings gefunden haben, die aus dem Laden deiner Eltern ausgebüxt sind. Aber dies ist ein Notfall.«

Maila dachte an die Explosion im Keller des Zauberladens. Vor ein paar Wochen war Oma Luna bei der Herstellung eines neuen magischen Likörs ein Fehler unterlaufen. Der Kupferkessel war ihr und Maila um die Ohren geflogen. Zum Glück war ihnen nichts passiert, aber etliche magische Gegenstände – sogenannte Maglings – waren aus dem Laden und den anliegenden Gebäuden in die Menschenwelt geschleudert worden. Dort hatten sie nichts verloren und konnten sogar großen Schaden anrichten, wenn sie in falsche Hände gelangten. Deswegen war Maila in die Menschenwelt gereist, um die Maglings mithilfe ihrer Tante einzufangen und zurückzubringen. Maila erinnerte sich mit Schaudern an die Reise in einem Regenfass. Das Gerüttel und Geschüttel während der magischen Fahrt war alles andere als angenehm gewesen. Und jetzt sollte es zurück in die Hexenwelt gehen … Maila hatte ihre Zweifel, ob sie und Tante Juna zusammen in das Fass passen würden. Und mit dem Gepäck, dem gefundenen Teppich und dem Vogelkäfig mit dem eingefangenen Phönix würde es enger werden als in einer Sardinenbüchse!

Tante Juna, die Mailas fragenden Gesichtsausdruck bemerkt hatte, lachte. »Nein, Maila, wir brauchen keinen Schrumpfzauber! Und wir müssen auch nicht in dem rostigen Fass reisen. Ich weiß da etwas Besseres!«

Maila riss neugierig die Augen auf, als Tante Juna zu dem wuchtigen Schrank im Zimmer trat und an die Türen klopfte.

»Der Schrank ist aus Ebenholz und sehr wertvoll«, sagte die Tante. »Aber nicht nur das Holz ist etwas Besonderes. Es handelt sich nämlich um einen Reiseschrank.« Sie öffnete eine Tür, aber Maila sah nichts außer Kleider und Mäntel, die dicht an dicht im Innern hingen. Tante Juna griff mit beiden Händen zu und beförderte die Klamotten auf einen Schaukelstuhl und ein altes Harmonium. Es waren sonderbare Kleider dabei. Sie schienen aus längst vergangenen Zeiten zu stammen. Maila musste niesen, als ihr der Geruch von Mottenpulver in die Nase stieg. Oder war es nur Staub? Wozu in aller Welt hob Tante Juna all diese Kleider auf? Wollte sie damit ein Kostümfest veranstalten?

Endlich hatte die Tante den Schrank leer geräumt. »Bitte sehr«, verkündete sie und klappte links und rechts ein gepolstertes Brett herunter. »Wir können ganz bequem im Sitzen reisen. Und weil wir unterwegs vielleicht ein bisschen durchgeschüttelt werden, gibt es sogar Sicherheitsgurte.«

Maila flitzte in ihr Zimmer, um ihre Sachen zu holen. Ihr Koffer war schnell gepackt. Sie rollte auch rasch den fliegenden Teppich zusammen, der den Boden geschmückt hatte.

»Was gibt das?«, piepste ein Stimmchen. Und schon flatterte Wilbur aus der Kuckucksuhr, flog durchs Zimmer und landete in Mailas roten Locken.

»Ich packe«, antwortete Maila. »Wir fahren nach Hause.« Nach Hause! Eine plötzliche, wilde Freude erfasste sie, als ihr bewusst wurde, was das bedeutete. Sie würde nicht nur ihre Familie, sondern auch ihre Freundinnen Ninive und Ophelia wiedersehen! Wie hatte Maila sie in der letzten Zeit vermisst!

Auf einmal fiel ihr etwas ein.

»Ich muss unbedingt Emily Bescheid geben«, murmelte sie vor sich hin.

Emily Steigerwald war ihre neue Freundin in der Menschenwelt. Sie war die Einzige, die wusste, dass Maila in Wirklichkeit eine Hexe war. Sie war auch dabei gewesen, als Maila erfahren hatte, dass es sich bei Onkel Justus in Wahrheit um den mächtigen Hexer Jupiter Siebenhorn handelte.

Maila hörte auf zu packen und sauste hinunter ins Erdgeschoss, um zu telefonieren. Wilbur saß immer noch auf ihrer Schulter, als sie das Telefon aus der Ladestation riss und Emilys Nummer wählte.

Frau Steigerwald nahm ab. »Hallo?«

»Hallo, hier ist Maila«, sagte Maila hastig. »Ist Emily da? Ich muss unbedingt mit ihr reden.«

Emilys Mutter lachte. »Das klingt ja, als ob es lebenswichtig wäre.«

»Das ist es auch«, erwiderte Maila. »Jedenfalls fast.«

»Ich gehe hoch zu ihr«, versprach Frau Steigerwald. Maila hörte, wie sie die Treppe hinaufstieg. Dann wurde eine Tür geöffnet.

»Emily, Telefon für dich!«, sagte Emilys Mutter.

»Wer ist dran?«, fragte eine tiefe Stimme von Weitem.

Maila musste grinsen. Die Stimme gehörte Beppo, Emilys Berner Sennenhund. Dank Mailas Zauber konnte er sprechen, aber nur Maila und Emily konnten ihn verstehen. Alle anderen hörten nur ein normales Hundebellen.

Emily hatte inzwischen das Telefon von ihrer Mutter übernommen.

»Hallo?«

»Ich bin’s, Maila«, sagte Maila. »Kannst du ungestört reden?«

»Gleich.« Emily wartete, bis ihre Mutter aus dem Zimmer gegangen war. »So. Was gibt’s denn?«

»Meine Tante und ich reisen noch heute Nachmittag nach Großhexenfurt«, verkündete Maila. »Es ist wegen der Justus-Jupiter-Sache. Wir müssen überlegen, wie wir das Baby vor ihm schützen.«

Emily schwieg einen Augenblick. Sie musste die Nachricht erst verdauen. Ihre Stimme klang traurig, als sie fragte: »Wie lange bleibst du weg?«

»Das weiß ich noch nicht.«

»Aber du kommst doch wieder, Maila?«

Maila zögerte. »Ich weiß nicht. Ich denke schon. Wir haben ja noch längst nicht alle Maglings gefunden.«

»Ach Maila, du darfst nicht in der Hexenwelt bleiben«, bettelte Emily. »Auf keinen Fall! Jetzt habe ich endlich eine Freundin gefunden – und noch dazu jemanden wie dich! Du kannst hexen! Es darf nicht schon vorbei sein!«

Maila hörte, wie Emily mit den Tränen kämpfte. Sie fühlte einen Stich in ihrer Brust. Jetzt tat es auch Maila leid, dass sie sich trennen mussten.

»Kann ich nicht mitkommen?«, schniefte Emily. »Ich würde so gerne deine Familie kennenlernen. Und den Zauberladen möchte ich auch sehen!«

»Das geht leider nicht«, sagte Maila. »Man kann nicht einfach von der Menschenwelt in die Hexenwelt wechseln oder umgekehrt.«

»Aber du und deine Tante, ihr könnt es«, kam es etwas ruppig von Emily. Sie fühlte sich ausgeschlossen.

»Es ist … man muss mit den Ohren wackeln können«, erklärte Maila. »Davon habe ich dir doch schon einmal erzählt. Nur Hexen mit Ohren-Wackel-Talent können die Grenze übertreten.«

»Ich kann auch mit den Ohren wackeln«, behauptete Emily dumpf. »Ich habe vor dem Spiegel geübt. Sie bewegen sich. Zumindest ein bisschen.«

»O Emily, ich würde dich liebend gerne mitnehmen, das weißt du!«, sagte Maila. »Aber du bist ein Mensch, und es würde trotz Ohrenwackeln nicht funktionieren.«

»Es käme auf einen Versuch an«, beharrte Emily.

Maila hatte das Gefühl, wie auf Kohlen zu stehen. Jetzt war einfach keine Zeit für lange Diskussionen. Die Knutschkugel war in Gefahr, und wer weiß, welche finsteren Pläne Onkel Justus bereits schmiedete.

»Emily, wir probieren es aus«, sagte sie. »Das verspreche ich dir. Wir testen es, wenn ich wieder da bin. Aber jetzt muss ich los, wirklich. Ich wollte dir nur Bescheid sagen, damit du dich nicht wunderst, wenn ich morgen in der Schule fehle.«

Schweigen am anderen Ende.

»Bist du noch da?«, fragte Maila.

Emilys Stimme klang beleidigt und zugleich traurig, als sie sagte: »Hoffentlich kommst du tatsächlich wieder. Viel Glück!«

»Danke«, murmelte Maila, aber da hatte Emily schon aufgelegt.

Maila hatte ein ungutes Gefühl, als sie in ihr Zimmer zurückkehrte. Am liebsten wäre sie zu Emily gefahren, um ihr zu versichern, dass sie ihre Freundin war und dass sie das mit dem Ohrenwackeln nach Mailas Rückkehr wirklich ausprobieren würden. Aber leider ging das nicht, dazu fehlte einfach die Zeit. Tante Juna hatte ihren Koffer schon gepackt. Sie stand reisebereit im Gang.

Maila warf ihre restlichen Sachen in den Koffer, holte die Kuckucksuhr vom Schrank und packte den Phönixkäfig, der auf dem Schreibtisch stand. Fiona hatte den Phönix Philipp getauft, ohne zu ahnen, dass es sich bei dem Vogel um ein magisches Wesen handelte.

»Mist, ich bräuchte vier Arme, um alles zu schleppen«, murmelte Maila, als sie sah, dass der fliegende Teppich noch auf ihrem Bett lag. Sie konzentrierte sich und wackelte mit den Ohren, während sie leise sprach:

»Um die ganze Last zu tragen.

will ich einen Zauber wagen.

Mir wird beim Schleppen sicher warm,

doch links und rechts ein Extra-Arm,

das wäre super und genial,

dann könnt ich tragen ohne Qual.«

Mailas Schultern begannen zu jucken. Plötzlich wuchsen ihr zwei zusätzliche Arme, etwas kräftiger als ihre richtigen, mit groben Händen, die ordentlich zupacken konnten. Mühelos ergriffen diese den schweren Koffer und den zusammengerollten Teppich, sodass sich Maila nur um den Phönixkäfig und die Kuckucksuhr kümmern musste. Sie grinste stolz, als sie das Zimmer verließ.

»Meine Güte, was ist denn mit dir passiert?«, rief Tante Juna erschrocken, als sie Maila sah. »Hat dich Justus schon verzaubert?«

»Das sind nur meine Hilfsarme, und sie werden wieder verschwinden, sobald ich sie nicht mehr brauche«, versicherte Maila ihr.

Vorerst war sie froh darüber. Die beiden zusätzlichen Arme halfen ihr nämlich, den schweren Koffer auf die Ablage im Schrank zu wuchten. Auch der fliegende Teppich fand dort seinen Platz. Tante Juna war erleichtert, als Mailas Hilfsarme ihr das Gepäck abnahmen.

»Du solltest nicht so schwer heben, wenn du ein Baby erwartest«, sagte Maila zu ihr. Mühelos verstaute sie mit ihren Superarmen den Koffer ihrer Tante auf ihrem eigenen. Kaum war die Arbeit getan, schrumpften die Hilfsarme wieder und verschwanden in ihren Schultern, ohne dass eine Spur davon zurückblieb.

Tante Juna hatte staunend zugesehen. »Wahnsinn«, murmelte sie. »Du scheinst wirklich eine talentierte Hexe zu sein, Maila!«

Maila errötete bei dem Lob. Aber jetzt war es höchste Zeit, sich in den Schrank zu begeben, damit die Reise losgehen konnte. Sie und Juna nahmen auf den Sitzen Platz und schnallten sich an. Den Phönixkäfig stellte Maila zwischen sich und ihre Tante. Die Kuckucksuhr behielt sie auf dem Schoß. Wilbur wurde das Ganze unheimlich. Er kletterte in die Uhr zurück und ließ vorsichtshalber das Sicherheitsgitter herunter.

Tante Juna zog die Schranktüren zu. Nun saßen sie im Dunkeln, aber nicht lange. Mailas Tante schnippte mit den Fingern, und schon glomm über ihren Köpfen ein leuchtendes Band.

»Schrank, bring uns nach Großhexenfurt, in den Wünschelweg 7«, befahl Tante Juna.

Maila sah, wie die Adresse im Leuchtband erschien. Gleichzeitig begann der Schrank zu brummen und zu vibrieren.

»Um zu starten, müssen wir mit den Ohren wackeln«, erklärte die Tante. »Bist du bereit, Maila?«

»Ja.« Maila nickte. Vor Aufregung schlug ihr das Herz bis zum Hals. Sie atmete durch und begann, mit den Ohren zu wackeln. Das Brummen wurde lauter, und Maila spürte, wie der Schrank vom Boden abhob. Anfangs war es ein Gefühl wie in einem Fahrstuhl, aber schnell wurde die Fahrt wilder und nicht mehr so angenehm. Der Schrank neigte sich links und rechts zur Seite. Maila wurde es schwummrig. Wie gut, dass das Mittagessen wegen der Aufregung um Onkel Justus ausgefallen war! Sonst hätte sie für nichts garantieren können! So musste man sich auf einem Schiff fühlen, das in einen heftigen Sturm geraten war.

Tante Juna neben ihr stöhnte. »Ich glaube, ich werde mich nie an diese Art des Reisens gewöhnen. Oh, mir ist genauso übel wie in den ersten Monaten der Schwangerschaft!« Sie beugte sich nach vorne und zog etwas aus einer Tasche, die an der Schranktür hing. »Wie gut, dass wir Kotztüten dabeihaben.«

Sie brauchte sie dann zum Glück doch nicht, denn die Fahrt wurde etwas ruhiger. Maila hätte gern gewusst, ob der Schrank einfach so durch die Luft flog oder ob er mit einem Unsichtbarkeitszauber versehen war. Ein fliegender Schrank würde in der Menschenwelt garantiert für Schlagzeilen sorgen!

Die Reise schien endlos zu dauern. Einmal gerieten sie in ein Gewitter. Ein greller Blitz erhellte das Innere des Schranks, gleich darauf erfolgte ein ohrenbetäubender Donner. Maila zuckte zusammen, und der Phönix in seinem Käfig begann, wild zu flattern.

»Ruhig, Philipp, ruhig!«, sagte Maila, obwohl ihre Stimme zitterte. »Es ist gleich vorbei. Alles wird gut.« Das hoffte sie zumindest.

Sie konnte sich nicht mehr erinnern, ob die Reise im Fass vor ein paar Wochen auch so lange gedauert hatte. Jetzt schien der Schrank plötzlich in ein Luftloch zu fallen. Tante Juna schrie vor Schreck auf, und Maila presste die Hand vor den Mund. Endlich beruhigte sich die Fahrt wieder.

»Bist du sicher, dass die Reise in diesem Schrank ungefährlich ist?«, fragte Maila und warf ihrer Tante einen besorgten Blick zu.

»Ich gebe zu, die letzte Wartung ist wohl schon eine Weile her«, antwortete Tante Juna. »Ich habe den Schrank günstig in einem französischen Antiquitätengeschäft gekauft. Er stammte aus einer Haushaltsauflösung, und ich habe gerochen, dass es sich dabei um einen Magling handelt. Du hast recht. Ich würde mich auch nicht in ein Auto setzen, das bei der TÜV-Untersuchung durchgefallen ist.«

Jetzt ist es zu spät, dachte Maila bang. Sie wünschte, sie wäre dem Reiseschrank gegenüber misstrauischer gewesen. Aber wie hatte sie wissen können, dass sie sich einem solchen Risiko aussetzten? Sie hatte ihrer Tante vertraut!

Draußen heulte der Wind. Sie gerieten in ein zweites Gewitter, und diesmal klammerte sich Maila angsterfüllt an ihren Sitz und schloss die Augen. Würde ihr Leben in den nächsten Minuten enden? Sie dachte an ihre Familie und spürte, wie Tränen hinter ihren Augen brannten.

Auf einmal begann der Phönix zu singen. Maila riss erstaunt die Augen auf. Bisher hatte der Vogel nur gekrächzt oder kurz gezwitschert. Der melodiöse Pfeifgesang war neu. Er schien nicht nur Mailas und Tante Junas Nerven zu beruhigen, sondern auch das Unwetter draußen. Blitz und Donner verschwanden, und auch das Heulen des Windes verstummte.

Wenig später setzte der Schrank sanft auf dem Boden auf und rührte sich nicht mehr.

Sie haben ihr Ziel erreicht, verkündete die Schrift auf dem Leuchtband.

Maila schluckte. »Sind wir da?«, fragte sie zweifelnd.

»Ich denke schon.« Tante Juna löste den Sicherheitsgurt und stieß die Tür auf.

Sonnenstrahlen fielen ins Innere, sodass Maila blinzeln musste. Sie sah einen grünen Rasen und die beiden knorrigen Bäume, zwischen denen eine ausgebleichte Hängematte hing. Ein Stein fiel Maila vom Herzen. Sie waren tatsächlich zu Hause! Das war ihr Garten! Der Schrank war auf der Terrasse gelandet.

Es dauerte keine halbe Minute, da kam Oma Luna aus dem Haus gestürzt. Sie starrte Maila, Tante Juna und den Schrank fassungslos an.

»Ach, du grüne Knoblauchzehe!«, stieß sie aus. »Maila! Ist etwas passiert? Warum hast du denn kein Wiesel mit der Nachricht geschickt, dass du kommst?«

Ein Wiesel konnte die Grenze zwischen der Hexen- und der Menschenwelt ohne Probleme passieren. So wurden Nachrichten hin- und hergeschickt.

»Weil keine Zeit dafür war«, antwortete Maila und löste ebenfalls ihren Gurt. Sie sprang auf und fiel ihrer Großmutter um den Hals. »Ich bin ja so froh, dass ich da bin!«

Eine halbe Stunde später saßen sie zu siebt um den großen Esstisch in der Küche: Mailas Eltern Alma und Damian Espenlaub, ihre Großeltern Luna und Orpheus Espenlaub, ihr älterer Bruder Robin und natürlich Maila und Tante Juna. Vor ihnen stand ein großer Apfelkuchen, der noch dampfte und einen köstlichen Geruch verbreitete. Damian bugsierte seiner Schwägerin Juna ein besonders großes Kuchenstück auf den Teller. Alma hatte Kaffee und Kakao gekocht und für ihre Schwester Juna einen beruhigenden Kräutertee aufgesetzt.

»Das hört sich alles schrecklich an«, meinte Alma, während sie den Tee für Juna in die Tasse goss. »Ich dachte immer, dass du mit Justus sehr glücklich bist. Anfangs war ich ja nicht gerade begeistert darüber, dass du einen Menschen heiratest, aber gegen die Liebe kann man nichts machen.«

»Wenn es wirklich Liebe gewesen wäre«, erwiderte Juna und seufzte tief. »In Wirklichkeit war ich das Opfer eines gemeinen Liebeszaubers.« Sie wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Robin hielt ihr höflich eine Packung Taschentücher hin.