Magie des Feuers - Kristina Licht - E-Book
Beschreibung

Nici führt ein perfektes Leben. Sie ist schön, sie ist beliebt, sie ist glücklich. Nach ihrem siebzehnten Geburtstag häufen sich jedoch schreckliche Ereignisse. Ein Feuer zerstört ihr Zimmer, ihre beste Freundin verschwindet spurlos, sie muss erfahren, dass sie adoptiert wurde und dann ist da noch der Mann, der sie verfolgt und beobachtet. Der Mann mit der Waffe … Schon bald wird Nici gezwungen, ihr perfektes Leben aufzugeben und eine fremde, magische Welt zu entdecken. Sie muss sich nicht nur vor ihren neuen Mitschülern in der Zauberakademie behaupten, sondern auch vor ihrem finsteren Mentor. Verschwörungen und gut gehütete Geheimnisse warten darauf, von ihr entdeckt zu werden. Ehe Nicita sich versieht, steckt sie zwischen den Fronten eines jahrhundertealten Krieges und kann zwischen Gut und Böse nicht mehr unterscheiden.

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Beliebtheit


Kristina Licht

 

PHOENICIA CHRONIKEN

Magie des Feuers

(Band 1)

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1. Auflage 2017

© Talawah Verlag

Umschlaggestaltung: Rica Aitzetmüller,

Cover & Books - Buchcoverdesign

Bildmaterial:© Shutterstock

Satz: Marlena Anders

Printed in Poland 2017

ISBN: 978-3-981858-6-5

 

»Wir mögen die Welt kennenlernen,

wie wir wollen, sie wird immer eine Tag-

und eine Nachtseite behalten.«

Goethe

Sonnenuntergang

Prolog

Die Sonne geht unter, gemeinsam mit meiner Hoffnung,

Hand in Hand mit dem letzten Funken Glück.

Und das soll das Ende sein?

Was hast du mir angetan, als du mich fragtest?

Mich fragtest, ob ich dich liebe.

Und was habe ich mir angetan, als ich dir antwortete,

meine Lippen das ›Nein‹ formten.

Hast du etwas anderes erwarten können?

Hast du geglaubt, ich könnte dir nach alldem noch die Wahrheit sagen?

Könnte dir am Ende verraten, wie sehnsüchtig mein Herz für dich schlägt?

Es hätte nichts leichter gemacht.

Es hätte den Abschied nur schwieriger werden lassen.

Nie habe ich es dir sagen wollen, weil ich weiß, dass es dir egal ist, dass du es nicht verstehen kannst … und erst recht nicht erwidern.

Und jetzt, da das letzte Licht der Dunkelheit weicht, wirst du es auch niemals erfahren.

Denn wiedersehen werde ich dich nie mehr.

1

Süsse siebzehn

Was hältst du davon, wenn wir Mary einfach umbringen?«, fragte er mich.

Ich sah Max stirnrunzelnd von der Seite aus an. »Aber wieso?«

»Das würde für das Publikum unerwartet kommen. Und ich hasse Happy Ends.« Er lachte.

»Ich glaube, wir sollten die Planung des Stückes nicht dir überlassen.«

In diesem Moment unterbrach uns die nervtötende Melodie von Max’ Handy. Wir blieben stehen, und ich beobachtete, wie er es aus seiner Jeanstasche zog und auf das Display sah. Seine braunen Locken fielen ihm ins Gesicht, und so blieb mir sein Ausdruck verborgen. Vielleicht hätte dieser mir verraten können, wieso mich Max eine Sekunde später eigenartig ansah und sich dann mit den Worten »Einen Moment, Nici. Ist streng geheim« entfernte. Mir blieb nichts anderes übrig, als meinen Kopf über diesen Jungen zu schütteln und ihm nachzublicken. Er nahm den Anruf auch erst entgegen, als er außer Hörweite war. Idiot.

Da ich annahm, sein Telefonat würde noch etwas dauern, sah ich mich um. Mein Blick fiel auf eine Parkbank ein paar Meter weiter vorn. Langsam schlenderte ich darauf zu und atmete in tiefen Zügen die warme Luft ein, das Gefühl des anbrechenden Sommers im Herzen Kaliforniens einsaugend. Ich liebte Tage wie diesen, an denen die Sonne erbarmungslos auf die Erde knallte und man seine kurzen Sommerkleidchen gern gegen knappe Bikinis eintauschte. Zu dumm, wenn man die Hälfte des Tages in der Schule verbringen musste. Was für mich – Gott sei Dank – nicht mehr lange zutraf: Nur noch morgen, dann stand uns Montag bereits unsere Graduation bevor.

Mit einem Lächeln auf den Lippen ließ ich mich auf die Bank sinken und legte den Kopf in den Nacken, schloss die Augen und genoss die Wärme auf meinem Gesicht.

Ich versuchte, lieber nicht darüber nachzudenken, mit wem Max gerade telefonierte, sondern feilte weiter an der Idee für das Ende unseres Theaterstückes, das wir eigentlich schon gestern hätten abgeben müssen. Wir hatten das Stück im Drama Club als Andenken an unsere Zeit auf der Silver Creek schreiben wollen, um es anschließend den Neuntklässlern zu vermachen. Sie würden es dann aufführen dürfen. Es erschien mir jedoch ziemlich makaber, den Tod der unschuldigen Hauptperson nur herbeizuführen, um das Publikum zu schockieren.

Ich hob meinen Kopf wieder und öffnete die Augen. Eine leise Vorahnung, eine Art Intuition, brachte mich dazu, mich umzusehen. Mein Magen schlug einen kleinen Purzelbaum, als befände ich mich im Looping einer Achterbahn. Ein Gefühl, als würde die Welt von einer Sekunde auf die andere plötzlich kopfstehen.

Doch die Welt hatte sich nicht verändert. Die Straße, die ich jeden Tag einmal hoch zur Schule und wieder herunter schlenderte, war immer noch dieselbe. Dieselben kleinen Läden, dieselben parkenden Autos, ja sogar dieselben Menschen, so schien es mir, liefen herum. Und obwohl ich mein Leben hier mit jeder Faser meines Seins liebte, hörten meine Gedanken plötzlich nicht auf, darum zu kreisen, dass die Welt in irgendeiner Weise doch nicht mehr dieselbe war. Auch als das eigenartige Gefühl schon längst wieder verschwunden und nur noch eine unwichtige Erinnerung war.

In diesem Moment blieb mein Blick wie zufällig an der Buchhandlung auf der gegenüberliegenden Straßenseite hängen. Ich sah einen Mann aus dem Geschäft treten, und von dieser ersten Sekunde an war ich wie gebannt.

Er war groß, auffällig dunkel gekleidet und … er starrte mich direkt an. Schnell senkte ich den Blick auf meine Gucci-Handtasche, die auf meinem Schoß lag. Ich hatte den Mann noch nie zuvor gesehen, und trotzdem war es eine Art Faszination, die mich dazu brachte, einen weiteren Blick riskieren zu wollen. Vielleicht war es die Tatsache, dass er bei diesen Temperaturen einen langen, schwarzen Mantel trug, oder einfach nur, dass er einen Stapel von mehreren Büchern auf seinen Armen balancierte.

Ich sah wieder hoch und beobachtete den Mann, wie er die Bücher in vier Plastiktüten verstaute. Wieso hatte man das nicht bereits an der Kasse für ihn getan?

Der Fremde, ich schätzte ihn auf Ende zwanzig, hatte braunes kurzes Haar und war recht blass. Irgendwie schien er vollkommen fehl am Platz zu sein.

Und dann, als würde er jeden meiner Blicke spüren können, schaute er mich wieder an. Seine dunklen Augen durchbohrten mich selbst auf diese Entfernung wie zwei messerscharfe Klingen, und ich zuckte erschrocken zusammen. Als er sich aufrichtete, je zwei Tüten in seinen Händen, verzog er seine Lippen zu einem Grinsen. Allein diese Grimasse reichte aus, um es mir kalt den Rücken herunterlaufen zu lassen, doch dann passierte zu allem Überfluss noch etwas ganz anderes: Er löste sich direkt vor meinen Augen in Luft auf. Einfach so.

Ein Keuchen kam über meine Lippen, und ich musste mehrmals blinzeln, um das Vertrauen in meine Augen wiederzugewinnen. Doch der Platz vor der kleinen Buchhandlung blieb leer.

»Sag mal, ist es der Buchladen, den du gerade so anstarrst?«, fragte mich Max ungläubig. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass er sich wieder an meiner Seite befand.

»Äh …« Ich strich mir hastig durch meine langen, roten Haare. Das tat ich immer, wenn ich mit einer Situation oder Frage überfordert war.

»Mann, du bist so weiß wie ein Bettlaken. Das ist wirklich nicht der beste Teint für ein Geburtstagskind«, kritisierte er und sah mich auffordernd an, wartete darauf, dass ich mich von der Bank erhob und wir weiterlaufen konnten. Doch ich war mir sicher, dass meine Beine unter mir einknicken würden, sobald ich aufstand. Ich konnte nicht anders, als noch einmal zu dem Buchladen hinüberzusehen. Ich hatte mir den Mann doch unmöglich eingebildet!

»Nici, willst du, dass ich dich eigenhändig von dieser Bank zerre?« Seine tiefe Stimme wurde von einem Lachen untermalt; seine Augen, blau und dunkel, funkelten mich verspielt an. Seine Nähe brachte das eisige Gefühl in meiner Magengegend endlich zum Schmelzen, und ich stand auf, strich mein Kleid zurecht und war froh, dass mich meine Beine doch noch trugen. Wenigstens etwas.

»Wer hat dich angerufen?«, fragte ich, um mich auf andere Gedanken zu bringen. Doch ich konnte nicht verhindern, dass meine Stimme etwas zu hoch und schrill klang. Ich räusperte mich, doch Max schien sich an meiner Stimme nicht zu stören.

»Es ist geheim!«, rief er und lief einige Schritte voraus, sodass er nun rückwärts vor mir hergehen konnte.

»War es Leo?«, fragte ich weiter und riskierte unauffällig einen Blick über meine Schulter. Zwei kleine Mädchen kamen gerade aus dem Eiscafé neben der Buchhandlung, und ihr unschuldiges Lachen klingelte in der Luft.

Mein bester Freund und gleichzeitig Großer-Bruder-Ersatz stöhnte auf. »Ja.«

»Pass auf, dass du nicht gegen eine Laterne läufst«, mahnte ich ihn lachend, sobald ich mich ihm wieder zugewandt hatte. Dann riet ich weiter. »Ging es um meinen Geburtstag?«

Er rollte mit den Augen. »Sie hat vergessen, wo sie das Geschenk versteckt hat.«

Das war typisch für meine beste Freundin. »Haben ihre Eltern sie denn wenigstens für heute Nachmittag von ihrem Hausarrest befreit?«, fragte ich hoffnungsvoll. Nur ungern wollte ich meine kleine spontane Geburtstagsfeier ohne sie verbringen. Leo hatte vor ein paar Tagen fast ihr Zimmer abgefackelt, als sie versehentlich eine Kerze umgestoßen hatte. Und obwohl der Brand ein Unfall war, hatte Leo für diese Unachtsamkeit reichlich Ärger von ihren Eltern bekommen.

»Ja, sie darf kommen«, berichtete Max zum Glück. Er entschloss sich, wieder vorwärtszulaufen, als wir nach links abbogen und das Haus meiner Familie in Sicht kam. Vor über zehn Jahren waren meine Eltern und ich von Arizona hierhergezogen, als meine Großeltern verstorben waren und uns dieses geräumige Haus überlassen hatten.

Nun liefen Max und ich über den Kiesweg zwischen Palmen hindurch auf die weiße, zweistöckige Villa zu.

 

Max trat hinter mir ins Haus und schloss die Eingangstür. »Sind deine Eltern zu Hause?«, fragte er.

»Ja, bestimmt irgendwo in ihren Arbeitszimmern.« Ich schritt bereits die Marmortreppe hinauf und wartete am oberen Treppenabsatz, bis mich Max eingeholt hatte.

»Wann kommen die anderen noch gleich?«, fragte er.

»Um halb sechs. Wir haben also noch reichlich Zeit.« Ich grinste ihn an und strich mir eine Haarsträhne hinters Ohr. Bei dieser Bewegung stand mir jedoch das Bild des fremden Mannes erneut vor Augen, und ich bekam eine Gänsehaut. Nein, vergiss ihn, Nici. Das hast du dir eingebildet, mahnte ich mich. Heute war ein schöner Tag. Kein Platz für geheimnisvolle Geschehnisse.

In meinem Zimmer angekommen, legte ich meine Tasche auf den Schreibtisch und schob ein paar Notenblätter beiseite, um Max Platz zu machen. Er jedoch warf seinen Rucksack auf den Boden und ging hinüber zum Fenster.

»Sag mal, ist dir nicht heiß? Funktioniert eure Klimaanlage nicht mehr?«, fragte er und öffnete das Fenster. Ich wollte gerade verneinen, als mein Blick automatisch zum Thermometer wanderte. Ich erschrak. Es waren wirklich fast dreißig Grad in meinem Zimmer, was bei den hohen Temperaturen und dem geschlossenen Fenster kaum ein Wunder war.

»Also mir ist eigentlich nicht warm, es ist nur ein wenig stickig«, gab ich wahrheitsgemäß zu und legte mir versuchsweise meinen Handrücken an die Stirn. Hatte ich Fieber? Vielleicht daher die Halluzinationen.

Er schüttelte mit gespieltem Entsetzen den Kopf. »Das ist hier ja schlimmer als in einer Sauna!« In der nächsten Sekunde hatte er bereits sein T-Shirt über den Kopf gezogen.

Ich hob eine Augenbraue, und mein Blick schweifte kurz über seinen durchtrainierten Oberkörper. Im nächsten Moment sah ich das T-Shirt bereits auf mich zufliegen und es wurde stockdunkel vor meinen Augen. Sofort riss ich mir den schweißnassen Stoff vom Kopf und ließ ihn angewidert fallen.

»Iiih … Hast du sie nicht mehr alle?«

Er lachte. »Ach komm, du sahst so aus, als würdest du gleich anfangen zu sabbern.«

»Äh – nein«, sagte ich bestimmt und spürte, wie mir das Blut in den Kopf schoss. »Es braucht schon mehr als deinen Körper, um mich zum Sabbern zu bringen.« Ich lachte und ging hinüber zu meiner Handtasche, die ich gern auch als Schultasche missbrauchte, und kramte meinen Collegeblock heraus. Schließlich wurde es langsam Zeit, die letzten Zeilen unseres Theaterstückes zu verschriftlichen.

»Na, ich weiß ja nicht …«, erwiderte Max genüsslich und ließ sich auf dem zweiten Schreibtischstuhl nieder.

»Halt die Klappe, ansonsten weißt du ja, wo die Tür ist«, warnte ich ihn und zückte meinen Kugelschreiber.

Er presste die Lippen aufeinander und tat so, als würde er sie mit einem Schlüssel verschließen und diesen daraufhin wegwerfen.

Ich seufzte und beschloss, mich einfach nicht weiter von diesem Kindskopf ablenken zu lassen.

Nach einer guten Stunde stand das Ende, war auf den Laptop übertragen und lag ausgedruckt in unseren Schultaschen – die letzte schulische Aufgabe in unserem Leben.

Wir liefen gerade die Treppe hinunter, angezogen vom köstlichen Duft einer Pizza, als wir im Flur meinem Vater begegneten, der gerade etwas von ›Dumme Handwerker‹ murmelte.

»Hey Dad. Was ist los?«

Er sah uns erstaunt an, dann lächelte er. »Ach, die Klimaanlage ist heute früh kaputtgegangen. Und die Handwerker können erst morgen kommen.«

Max stupste mich mit seinem Ellbogen in die Seite, doch ich ignorierte dieses Zeichen, mit dem er nichts weiter sagen wollte als ›Hab ich dir doch gesagt‹.

»Du hast doch nichts dagegen, dass Max noch etwas hierbleibt und um halb sechs noch die anderen kommen?«, fragte ich stattdessen meinen Vater.

»Kein Problem, Geburtstagskind«, sagte er und wuschelte mir mit einer Hand über den Kopf. In der anderen hielt er ein angebissenes Pizzastück und war anscheinend schon wieder auf dem Weg nach oben. Doch zuerst musterte er Max mit einer hochgezogenen Augenbraue von oben bis unten; Max lief immer noch oben ohne herum.

Ich verdrehte die Augen. »Max ist etwas heiß gewesen. Da hat er wohl vergessen, sich wieder anzuziehen.« Ich warf ihm einen giftigen Blick zu. »Wir haben Pizza?«, fragte ich meinen Vater, um das Thema zu wechseln.

Er nickte und biss herzhaft ab. »Deine Mutter und ich haben gerade zwei bestellt. Eine ist noch für dich … und deinen Freund da.«

»Cool, danke«, rief ich und zog Max hinter mir her in die Küche. Sobald er die Pizza auf dem Küchentisch erblickt hatte, stürzte er vorwärts.

»Hey, Finger weg! Die gehört nicht dir«, warnte ich und trat näher an den Tisch heran. Es war eine Thunfischpizza – meine Lieblingssorte.

»Oh mein Gott, die ist so köstlich! Wenn du mich noch eine Sekunde lang zurückhältst, sterbe ich auf der Stelle!«

»Du benimmst dich, als hättest du noch nie eine Pizza gesehen.« Ich kicherte und begann, sie in vier Stücke zu teilen.

»Habe ich ja auch nicht«, sagte er vollkommen ernst. Ich fragte mich, wie er so etwas immer sagen konnte, ohne dabei auch nur zu grinsen. Ich musste mir ja schon beim Zuhören ein Lachen verkneifen.

»Hier, du kriegst ein Stückchen und ich drei«, sagte ich und gab ihm das eine Viertel. Doch bevor ich es verhindern konnte, krallte er sich auch noch ein zweites Stück und biss beide an. Dann grinste er triumphierend mit vollem Mund.

Ich schüttelte über ihn nur den Kopf, holte mir einen Teller und Besteck und begann, meine Hälfte der Pizza ordentlich zu essen.

»Starr mich nicht so an, das stört«, brummte ich nach einiger Zeit, als Max schon längst aufgegessen hatte und dazu übergegangen war, mich zu beobachten.

»Das ist aber faszinierend, so als würde man Affen beim Spielen zusehen.«

»Wir sind hier aber nicht im Zoo«, giftete ich zurück und schluckte auch den letzten Bissen hinunter. »So, fertig.«

Ich stand auf und räumte das Geschirr weg. Dann blickte ich auf meine Armbanduhr. Eine Stunde hatten wir noch.

»Und was machen wir jetzt?«, wollte Max wissen.

»Schlag was vor.«

Ich trat den Weg zurück in mein Zimmer an, und Max folgte mir, während er mit lächerlichen Ideen nur so um sich warf. »Wir könnten Sing Star spielen, das magst du doch so gern, oder wir könnten … Hey, hast du deine Barbies noch? Oh warte, ich weiß etwas Besseres. Was hältst du von Verstecken? In eurem großen Haus ist das bestimmt cool.«

»Max, wir sind siebzehn und nicht mehr fünf«, informierte ich ihn und ließ mich auf mein rosarotes Himmelbett fallen.

»Ich bin achtzehn«, verbesserte er und warf sich auf mich, wobei er sich mit den Ellbogen abstütze, damit sein Gewicht mich nicht belastete. Dann blies er seine Wangen auf und schaute mich traurig an. Ich lachte. »Aber ich wäre gern fünf«, sagte er.

»Geh runter von mir«, befahl ich ihm und versuchte, mich unter ihm hervorzuwinden. Daraufhin fasste er meine Handgelenke und schaute mir tief in die Augen. Sein kindliches Getue wich ernsten Gesichtszügen. Was sollte das?

Seine Nähe war mir plötzlich unangenehm, und ich wandte mein Gesicht von ihm ab. »Max«, sagte ich, da mir kein anderes Wort einfiel.

Die Sekunden verstrichen. Als er mich irgendwann losließ und aufstand, atmete ich erleichtert aus. Ich setzte mich auf und beobachtete, wie er sein T-Shirt wieder anzog. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Er jedoch drehte sich mit einem Grinsen wieder zu mir um, als sei nichts geschehen. Anscheinend war es das für ihn auch nicht …

»Lass uns Verstecken spielen!«, rief er erneut.

Ich sah ihn verdutzt an. »Max … äh … ich habe gerade gesagt, dass …«

»Nein«, unterbrach er mich. »Du suchst nicht mich, sondern mein Geschenk.«

Verwirrt runzelte ich die Stirn. »Welches Geschenk?«

»Deins natürlich! Du hast doch heute Geburtstag, vergessen?«

»Du hast ein Geschenk für mich? Du wusstest doch gar nicht, dass ich feiere.«

»Du musst doch nicht feiern, um ein Geschenk zu bekommen. Los, schließ deine Augen und zähl bis hundert. Dann darfst du es suchen«, schlug er begeistert vor.

»Ist doch nicht dein Ernst, oder?«

Er verdrehte seine blauen Augen. »Sicher ist das mein Ernst. Und wehe, du schummelst!«

Da ich tatsächlich gespannt auf sein Geschenk war, schloss ich brav die Augen und begann zu zählen. Ich hörte, wie er seine Tasche öffnete und etwas herausholte.

»… drei, vier, fünf …«

Seine Schritte entfernten sich, und die Tür fiel ins Schloss, sodass ich nicht lauschen konnte. Trotzdem hörte ich, wie er den Flur entlanglief, und ich versuchte zu orten, in welche Richtung er ging.

»Zwanzig … einundzwanzig …«

Lange Zeit drang kein einziger Laut mehr an meine Ohren. Ich strengte mein Gehör noch mehr an, versuchte, alles andere auszublenden …

Plötzlich hörte ich ihn fluchen. »Mist, da wird sie es bestimmt finden.« Ich hörte, wie Schränke geöffnet und wieder geschlossen wurden, dann erneut seine Schritte. Das nächste Geräusch interpretierte ich als das Öffnen unseres Backofens. Aber der stand doch in der Küche! Es war unmöglich, dass ich ihn von hier aus hören konnte. Normalerweise fiel es mir schon schwer, in diesem riesigen Haus das Öffnen und Schließen der Haustür wahrzunehmen.

Vor lauter Konzentration hatte ich vollkommen vergessen weiterzuzählen, und so schrie ich einfach: »Hundert! Ich kommeeee!«

Rasch sprang ich vom Bett auf, stürmte die Treppe hinunter und rannte geradewegs in die Küche, vorbei an Max, der im Flur stand. Er folgte mir, und wenn ich mich nicht irrte, sah er etwas enttäuscht aus.

Versuchsweise öffnete ich direkt den Backofen, und zu meinem Erstaunen lag dort tatsächlich etwas.

»Mann, du hast geschummelt!«, rief Max empört. Ich ignorierte ihn, da ich mir selbst nicht erklären konnte, wie ich das hatte hören können. Stattdessen nahm ich das kleine pinke Kästchen heraus und löste mit größter Sorgfalt die weiße Schleife.

Meine Finger zitterten leicht, als ich den Deckel anhob, dann gab ich ein überraschtes »Oh« von mir. In dem Kästchen lag eine Kette, eingehüllt in schwarzen Samt. Vorsichtig nahm ich das Schmuckstück heraus und betrachtete entzückt den kleinen kreisförmigen Anhänger. Auf der goldenen Scheibe waren unsere Initialen eingraviert: N & M.

Ich lächelte gerührt und wollte mir die Kette sofort anlegen. Aufmerksam, wie er war, kam Max mir zur Hilfe. Ich spürte seine Hand an meinem Nacken, seinen warmen Atem auf meiner Haut.

»Danke«, hauchte ich.

Auf einmal drehte er mich zu sich herum, sodass sein Gesicht nur Zentimeter von meinem entfernt war. Er hob seine Hand, dann strich er zögernd über den Anhänger, der über meinem Dekolleté ruhte.

»Damit ich immer bei dir bin«, raunte er mir zu und lächelte so, wie nur er lächeln konnte.

2

Das Spiel mit dem Feuer 

Das Herz schlug mir bis zum Hals, das Blut rauschte mir in den Ohren, und um mich herum nahm ich nichts weiter wahr als seine blauen Augen.

Doch urplötzlich schreckte uns ein schrilles Geräusch auf und brachte mich wieder in die Realität zurück. Benommen und ein wenig orientierungslos sah ich mich um, Max trat einen Schritt zurück. Er sah unzufrieden aus, doch ich war im Endeffekt erleichtert. Max war mir noch nie so nahe gekommen … Meine Gedanken fingen an, sich zu überschlagen, und die altbekannte Atemnot ergriff von mir Besitz.

Doch in diesem Moment ertönte wieder dieses merkwürdige Geräusch.

Max musste meinen verwirrten Blick bemerkt haben, denn ein verschmitztes Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. »Süße, dieses Geräusch ist eure Türklingel. Das heißt, es steht jemand vor der Tür und möchte hereingelassen werden.« Schadenfreude, nur weil mein Gehirn etwas langsamer arbeitete als seines.

Ich holte tief Luft, verkniff mir eine geistreiche Antwort und marschierte stattdessen zur Eingangshalle. Ich merkte, wie meine Beine zitterten, und ich ballte meine Hände zu Fäusten in der Hoffnung, meinen Körper wieder unter Kontrolle zu bekommen.

Durch den Glasstreifen sah ich bereits, wer vor der Tür stand – und zwar eine halbe Stunde zu früh!

Schwungvoll öffnete ich Leo und versuchte, fröhlich dreinzublicken. Als ich die riesige Torte unter einer Kuchenhaube in den Händen meiner besten Freundin erblickte, fiel mir das auch nicht weiter schwer.

»Hey! Du bist aber früh dran heute«, rief ich und kaschierte meine heiser klingende Stimme mit einem breiten Grinsen.

»Ich hoffe, das stört dich nicht. Ich habe die Gunst meiner Eltern genutzt und kann dir nun voll und ganz beim Dekorieren helfen«, sagte sie und lief geradewegs in die Küche, um ihr Backkunstwerk abzustellen. »Außerdem muss ich die Torte so schnell wie möglich in den Kühlschrank –«

Ich schloss die Tür und wollte ihr gerade folgen, als ich ein lautes »Buh!« und dann einen schrillen Schrei hörte. Sofort lief ich los, um zu sehen, was geschehen war.

Gott sei Dank waren alle wohlauf: Max krümmte sich vor Lachen auf dem Fußboden, und Leo schmiss mit Schimpfwörtern um sich. »Mann, du Arsch! Ich hätte die Torte auch fallen lassen können!«, schrie sie und stellte diese vorsichtig mit zitternden Händen auf dem Tisch ab. Von Max konnte man in diesem Moment keine Antwort erwarten, ich hoffte einfach nur, dass er nicht an Luftmangel starb. Auch ich musste mir ein Lachen verkneifen, erstens, weil Max sehr ansteckend lachte, und zweitens, weil es immer wieder amüsant war, wie leicht sich Leo erschrecken ließ.

»Dekorieren?«, fragte ich, um Leo wieder auf andere Gedanken zu bringen – und mich. Denn Max’ Anblick brachte meinen Herzschlag durcheinander. Hatte er mich vorhin vielleicht küssen wollen?

Leos Gesichtsausdruck hellte sich sofort auf, und ihre braunen Augen weiteten sich vor Begeisterung. »Ja! Ich habe alles Nötige mitgebracht. Luftballons, Luftschlangen, Girlanden, Kerzen, Spruchbänder, Konfetti …« Sie überlegte einen Moment. »Ja, das war’s.«

Ich verdrehte die Augen. Noch eine, die dachte, wir wären fünf Jahre alt und würden einen Kindergeburtstag feiern.

»Max, steh auf. Leo hat viel Arbeit mitgebracht, du darfst helfen.« Ich seufzte und nahm ihr die braune Papiertüte ab, die sie dabeihatte. Sie hatte nicht übertrieben, dort war tatsächlich alles Mögliche an buntem Schnickschnack drin. Ich fragte mich, wie unser Haus nach dieser Aktion wohl aussehen würde.

Als wir fertig waren, sah es gar nicht mal so schlecht aus. Nur ziemlich bunt. In jeder Zimmerecke hingen farbige Ballons, Konfetti lag auf allen Oberflächen, im Wohnzimmer hatten wir eine Girlande quer durch das Zimmer gespannt, und Max hatte Spaß daran gehabt, die Luftschlangen überallhin zu pusten.

Kaum waren wir fertig, schlug unsere Wohnzimmeruhr halb sechs, und es klingelte pünktlich an der Tür.

Alle restlichen Gäste – drei an der Zahl – standen grinsend vor der Tür, und mir kam der Verdacht, dass sie sich abgesprochen hatten, früher zu kommen, um pünktlich um halb klingeln zu können.

Ich begrüßte Andrew, Ben und Laura herzlich, und alle drei gratulierten mir noch einmal. Als wir im Wohnzimmer zusammensaßen, erhob sich Leo und hielt einen Umschlag in die Luft. Max hatte mir bereits heute Morgen verraten, dass Leo ein Geschenk für mich hätte, obwohl das in meinen Augen nicht nötig gewesen wäre.

»Alles Gute von uns allen«, sagte Leo feierlich und überreichte mir den Umschlag.

»Wie, alle? Alle alle? Auch Max?« Ich schaute ihn fragend an, und er nickte. »Wie viel Geld willst du denn noch für mich ausgeben?«, beschwerte ich mich halbherzig.

Auch Leo sah ihn neugierig an. »Du hast ihr noch ein anderes Geschenk gemacht?«

Ich stand auf, um Leo stolz meine neue Kette zu präsentieren.

Sie nahm den runden Anhänger zwischen ihre Finger. »Oh, die ist ja schön.«

»Finde ich auch«, erwiderte ich und schnappte mir den Umschlag aus ihren Händen. »So, jetzt lasst mal sehen, was ihr euch habt einfallen lassen.«

»Aber nicht böse sein, weil es zu teuer war, ja?«, warnte mich Andrew.

Vorsichtig riss ich den Umschlag auf und griff nach einem Stück Papier, welches mir entgegensegelte. Ein Blick darauf genügte, und ich hätte es beinahe wieder fallen lassen. Es war ein Flugticket. Ich blinzelte. Oben stand tatsächlich Hawaii. Ich flog nach Hawaii. Oh mein Gott. Ich sah in den Umschlag und fand dort noch fünf weitere Tickets. Ich überflog alle und fand zwischen den ganzen Zahlen die Namen meiner Freunde.

»Wir fliegen nach Hawaii?«, quiekte ich und begann, vor Freude auf und ab zu springen.

»Unsere Eltern haben diese Reise schon seit Monaten geplant. Es soll unser Urlaub in den Sommerferien werden. Wir fliegen in genau zwei Wochen«, erklärte Leo, während ich Max um den Hals fiel, dann Leo und ihrem Freund Ben, Andrew und schließlich der schüchternen Laura.

»Es war ganz schön schwer, diese Überraschung für uns zu behalten«, meinte Andrew. »Aber wir wissen ja, wie sehr du Überraschungen liebst.«

Mein Grinsen war mittlerweile festgewachsen. Konnte man von so etwas bleibende Schäden bekommen? »Danke, danke, danke«, rief ich und presste die Tickets überglücklich an meine Brust.

 

Eine halbe Stunde später saßen wir alle im Esszimmer, und Leo trug die Torte herein.

»Und die hast du auch sicher selbst gemacht?«, fragte Max.

»Ja sicher. Was denkst denn du?«, zischte sie zurück und schritt vorsichtig zum Tisch. Auf die sahnige Torte hatte sie siebzehn Kerzen platziert, die nun das abgedunkelte Zimmer beleuchteten.

»Ich dachte, du hättest sie gekauft«, antwortete Max.

»Ben, schlägst du Max bitte mal für mich?«

»Geht grad nicht, Schatz, ich warte auf den passenden Moment, um euch mit der Torte zu fotografieren«, erklärte er und schwenkte mit seiner neuen Digitalkamera herum.

Leo war inzwischen bei mir angelangt und hielt die Torte vor mein Gesicht, damit ich die Kerzen auspusten konnte.

Ich holte tief Luft, dann pustete ich, während ich mir etwas wünschte.

Was es war? Nun … nur, dass mein Leben weiterhin so gut verlief und ich meine besten Freunde nie verlieren würde.

Ich schaffte es, alle Kerzen gleichzeitig auszupusten, und alle klatschten begeistert in die Hände.

»Jetzt schau in die Kamera, Nici«, rief Ben und machte ein Foto von mir. Max, der neben mir saß, wollte jedoch auch unbedingt mit aufs Bild und befahl Ben, noch eins zu machen.

»Und was hast du dir gewünscht?«, fragte Andrew.

»Nici, verrat es nicht, sonst geht es nicht in Erfüllung«, mahnte mich Laura.

Ich schüttelte lachend den Kopf. »Es ist sowieso nichts Außergewöhnliches. Nichts, was ich nicht schon hätte.«

Die Torte war köstlich. Ich fragte mich, ob Leo sie wirklich selbst gebacken oder doch nur gekauft hatte. Alle lobten sie, und ich langte sogar schon nach dem dritten Stück. Von meinem Platz aus griff ich zum Messer und schnitt umständlich an dem Kuchen herum, als Laura plötzlich meinen Namen schrie. Fragend blickte ich sie an, meinen Arm immer noch über den Tisch gestreckt. Panisch deutete sie darauf, und auch die anderen wandten jetzt ihre Aufmerksamkeit meinem Arm zu.

Ich folgte ihrem Blick und erschrak.

Mein Arm lag genau in der Flamme der dicken, pinken Kerze, die in der Mitte des Tisches stand. Und das anscheinend schon seit einer ganzen Weile. Sofort zog ich meinen Arm zurück.

»Hast du dir wehgetan?«, fragte mich Max und schnappte sich meinen Arm.

»Nein«, sagte ich, als der erste Schreck vorüber war. Nachdem Max meinen Arm gründlich untersucht und keine Verletzungen festgestellt hatte, ließ er ihn wieder los, und ich betrachtete ihn meinerseits. Ich konnte nichts Ungewöhnliches erkennen und fand noch nicht einmal die Stelle, an der die Flamme vor wenigen Sekunden noch gezüngelt hatte. Ich spürte sie nicht. Keine Hitze, keinen Schmerz.

»Hast du dich verbrannt?«, fragte Laura besorgt, als sich die anderen bereits wieder ihrem Essen zugewandt hatten.

»Nein«, antwortete ich lächelnd. »Die Kerzenflamme ist viel zu klein, als dass ich mich hätte verbrennen können.«

 

Um halb neun kamen meine Eltern herunter und fragten mich, was ich von der Überraschungsreise hielt. Durch ein Glas Sekt und das pure Gefühl von Glück angeheitert, dankte ich ihnen überschwänglich und versuchte, die Flasche Roederer Estate auf dem Tisch hinter meinem Rücken zu verbergen. Als Max aber irgendeinen dämlichen Witz erzählte und Andrew anfing, wie bescheuert zu lachen, glaubte ich meine Tarnung aufgeflogen. Doch meine Eltern lächelten nur und erinnerten mich daran, dass wir morgen noch Unterricht hätten.

»Ja, in einer Stunde sind alle weg und –«, begann ich, als plötzlich etwas klirrend zu Boden fiel. Ich fuhr herum und entdeckte die Flasche Roederer Estate auf dem Parkett. Nun ja, auf jeden Fall war es mal eine Flasche gewesen, jetzt waren es nur noch Scherben, die in einer Pfütze lagen. Sofort suchte ich nach dem Übeltäter und blickte in Leos schuldbewusstes Gesicht.

»’Tschuldigung«, nuschelte sie in dem Moment, in dem Ben aufstand und in die Küche ging. Ich sah ihm nach und traf auf die skeptischen Blicke meiner Eltern.

»Wir räumen alles auf, wenn wir fertig sind«, versicherte ich ihnen. Sie wechselten einen amüsierten Blick und zogen sich zurück. Ich atmete erleichtert aus. Kurz darauf kam auch Ben schon wieder aus der Küche, einen Handfeger und einen Lappen in der Hand.

Wenigstens einer, der noch bei Vernunft war. Ich half ihm, alles aufzuwischen, und wir beschlossen, gemeinsam in unserem Partykeller tanzen zu gehen.

 

Um halb zehn schickte ich alle nach Hause. Morgen war schließlich noch ein Schultag – wenn auch der letzte.

Max weigerte sich erst zu gehen und wollte mir noch beim Aufräumen helfen, obwohl wir schon längst alles aufgeräumt hatten. Leo hatte sogar darauf bestanden, das Konfetti einzusammeln. Alles sah so aus wie heute Mittag.

»Max, wir sehen uns doch in der Schule«, drängte ich, weil ich nur noch ins Bett wollte.

»Aber ich werde dich vermissen«, sagte er und blieb in der Tür stehen.

»Aber du schläfst doch, da wirst du gar keine Zeit haben, mich zu vermissen.«

»Natürlich. Ich werde doch die ganze Nacht ohne dich sein.«

»Das ist echt süß, aber bitte, ich bin müde«, quengelte ich.

»Bis morgen dann. Ich hab’ dich lieb, Kleine.«

Trotz der Müdigkeit zauberten mir diese Worte ein Lächeln ins Gesicht. »Ich dich auch. Gute Nacht.«

Und dann ging er tatsächlich, und ich konnte hoch in mein Zimmer gehen.

Merkwürdigerweise konnte ich nicht einschlafen. Immer wieder blieben meine Gedanken an der brennenden Kerze hängen, und ich rollte mich von einer Seite auf die andere, bis ich es schließlich nicht mehr aushielt und aufstand. In der Dunkelheit tappte ich zu meinem Schreibtisch, riss die Schublade auf und tastete darin herum, bis ich das fand, wonach ich suchte.

Mit dem Feuerzeug in der Hand schlich ich wieder zurück und setzte mich im Schneidersitz auf meine Bettdecke.

Mit der Zungenspitze befeuchtete ich meine Lippen, während meine Finger das kühle Plastik umschlossen. Schließlich siegte die Neugierde, und mein Daumen fuhr über das Rädchen.

Winzige Funken sprühten in die Dunkelheit. Ich versuchte es ein zweites Mal, und eine kleine gelbe Flamme flackerte auf.

Langsam ließ ich meinen Finger hindurchgleiten.

Nichts.

Es war so, als würde lauwarmes Wasser meine Haut umspielen. Ich runzelte die Stirn und hielt den Finger diesmal länger in die Flamme.

Die Zeit verstrich, die Flamme leckte an meiner Haut, brachte aber nur eine angenehme Wärme und ein unbekanntes Gefühl in meinem Inneren mit sich. Ich versuchte, mich auf dieses Gefühl zu konzentrieren, und dann – ganz plötzlich – loderte die kleine Flamme auf und wuchs innerhalb einer Sekunde auf das Vielfache ihrer Größe an. Erschrocken schrie ich auf und ließ das Feuerzeug fallen.

Doch anstatt am Boden zu erlöschen, schoss die Flamme empor, und meine Decke fing Feuer.

»Nein! Scheiße!«, kreischte ich und sprang aus dem Bett. Ich riss die Decke auf den Boden und warf mein Kissen hinterher, um das Feuer zu ersticken. Für einen Moment blieb es dunkel in meinem Zimmer – bis sich die Flamme durch die Decke fraß und auch das Kissen lichterloh brannte. Das kann doch nicht wahr sein! So schnell ich konnte, rannte ich ins Badezimmer, schnappte mir einen Eimer und ließ Wasser hineinlaufen. Doch das dauerte Ewigkeiten!

Panisch blickte ich über meine Schulter in den Flur, aus dem gedämpftes Licht flutete. Ich war zu geschockt, um nach Hilfe zu rufen. Wie zur Hölle sollte ich das meinen Eltern erklären?

Ein Blick in den Eimer, doch dieser hatte sich noch lange nicht gefüllt. Mit meinen Flüchen versuchte ich, das Wasser zur Eile anzutreiben, doch es ignorierte mich. Der Eimer wollte sich einfach nicht füllen, und währenddessen brannte wahrscheinlich gerade mein Zimmer ab. Ich fing vor Angst an zu zittern. Ich konnte nicht länger warten. Mit dem Wassereimer stolperte ich zurück über den Flur, Rauch bahnte sich bereits einen Weg in meine Nase, und als ich die Türschwelle zu meinem Zimmer erreichte, dachte ich, ich sei in der Hölle gelandet.

Die Flammen wüteten lichterloh und fraßen sich in meine Vorhänge. Schwarzer Rauch füllte den Raum und trieb weiter den Flur entlang. Ich fing an zu schreien, rannte durch das Zimmer zu meinem brennenden Bett und überschüttete es mit Wasser. Doch ich hatte keine Chance. Meine Schreie wurden lauter, damit mich meine Eltern hörten. Sie mussten das Feuer stoppen, sie mussten mich retten!

Meine Beine wollten mich wieder aus dem Zimmer tragen, doch es war bereits zu spät. Als ich mich umdrehte, hatte mich das Feuer bereits umzingelt, und ich konnte weder vor noch zurück. Erst dann bemerkte ich es: Ich spürte das Feuer nicht. Ich fühlte die Hitze nicht, obwohl sie sich mir direkt ins Gesicht brannte.

Aber den Rauch … den spürte ich. In jedem meiner panischen Atemzüge. Ich erstickte beinahe daran, er vernebelte meine Sicht, stahl mir den Sauerstoff, und dann wurde es plötzlich schwarz um mich herum. Ich merkte nur noch, wie meine Beine unter mir nachgaben und ich zu Boden fiel …

 

Tut-tut-tut …

Das nervige Geräusch war alles, was ich hörte. Es erinnerte mich an Krankenhäuser. Ich hasste Krankenhäuser. Alles darin machte mich depressiv: das Weiß der Wände, das Weiß der Kittel, das Weiß der Möbel. Gott sei Dank war ich noch nie in einem Krankenhaus gewesen – nur zu Besuch. Letzte Woche erst, als Leo in einem gelegen hatte. Sie hatte ein Feuer in ihrem Zimmer entfacht, und ihre Eltern fanden sie später inmitten der Flammen. Glücklicherweise hatte sie sich keine Verletzungen zugezogen.

Moment mal. Feuer? In ihrem Zimmer? Flüchtig schossen mir Bilder von meinem Zimmer in den Kopf, von den Flammen um meinen Körper. Ich zuckte zusammen. War das wirklich passiert?

Mir fiel auf, dass ich wenig Luft bekam und überhaupt nichts roch. Nach und nach vernahm ich weitere Geräusche. Ein Schluchzen und ein schweres Atmen.

Ich versuchte, meine Umgebung zu erahnen, ohne die Augen zu öffnen.

Ich lag auf dem Rücken, und irgendetwas befand sich auf meiner Mundpartie. Mehr konnte ich nicht ausmachen.

Ich lauschte auf weitere Geräusche, bis ich irgendwann beschloss, meine Augen doch zu öffnen.

Grelles Licht schien mir entgegen. Rasch senkte ich meinen Blick und sah an mir hinab. Die weiße Decke, die über mir ausgebreitet war, und das hässliche weiße Hemd mit den blauen Punkten sagten schon genug über meinen Aufenthaltsort aus. Außerdem entdeckte ich viele Schläuche um mich herum, und das komische Ding um meine Mund- und Nasenpartie entpuppte sich als Sauerstoffmaske.

Verdammt, ich war tatsächlich in einem Krankenhaus.

3

Zwei-Mann-Party

Da ich mich noch nicht bewegen wollte, stöhnte ich kurz, um auf mich aufmerksam zu machen. Schließlich war ich mir sicher, dass sich noch jemand im Raum befand.

»Nici? Schatz?«, ertönte die besorgte Stimme meiner Mutter. Kurze Zeit später tauchte auch ihr Gesicht in meinem Blickfeld auf.

»Oh mein Liebling, wie geht es dir?«, fragte sie, nachdem sie bemerkt hatte, dass ich wach war.

Hm, eigentlich ging es mir ziemlich gut, doch mit diesem lächerlichen Ding auf dem Mund konnte ich nicht einmal sprechen. Mit einem Ruck riss ich es ab und warf es auf den Boden, was meiner Mutter einen Entsetzensschrei entlockte.

»Mir geht es gut. Was machen diese ganzen Schläuche hier?«

»Spätzchen, das kannst du doch nicht machen.« Ihr Blick verharrte auf der Sauerstoffmaske.

»Mir geht es wirklich gut, Mama. Die Maske wird es schon überleben.« Ich versuchte, mich in eine einigermaßen aufrechte Sitzposition zu manövrieren.

Sofort sah sie mich wieder an, mit diesem besorgten Blick, wie ihn nur Mütter haben konnten. »Der Arzt hat gesagt, dass du vielleicht eine Rauchvergiftung hast.«

Ich fröstelte. Also war das Feuer Wirklichkeit gewesen. Mein Zimmer hatte tatsächlich gebrannt. »Was ist passiert?«, fragte ich mit heiserer Stimme.

Sie blickte kurz zur Seite. Als sie mir ihr Gesicht wieder zuwandte, waren ihre Gesichtszüge nicht nur mit Besorgnis gefüllt, sondern auch mit Wut und Enttäuschung. »Du hast ein Feuer in deinem Zimmer entfacht! Deine Schreie haben uns geweckt, und als wir in dein Zimmer stürzten, lagst du mitten in den Flammen. Was hast du dir dabei gedacht? Wieso warst du so unvorsichtig?«, rief sie und ballte ihre Hände zu Fäusten. Und da verstand ich, dass es doch gar keine Wut war, nur Verzweiflung und Angst. Sie hatten beinahe ihr einziges Kind verloren – mich.

»Es tut mir so leid, Mama. Das Feuerzeug ist auf den Boden gefallen, und plötzlich hat meine Bettdecke gebrannt. Ich wollte sie löschen, doch es ging nicht! Es war schon zu spät, überall war Feuer, ich –«, versuchte ich verzweifelt zu erklären, doch meine Mutter nahm mich in den Arm und ersparte mir somit weitere Entschuldigungen.

Ich wollte nicht mehr an diese Nacht denken, nicht mehr an meine Angst und die Flammen, die mich umzingelt hatten. Trotzdem musste ich noch eine Frage loswerden, als ich auf einmal bemerkte, dass meine Mutter weinte. Ich befreite mich aus ihrer Umarmung und schaute ihr ins Gesicht. Sie schluchzte heftig und versuchte mit einem Lächeln, ihre Tränen zu verstecken, während sie sich zu mir aufs Bett setzte.

»Mama, alles ist gut. Mir ist doch nichts geschehen, oder?«, fragte ich.

Sie schüttelte den Kopf. »Dein Vater hat versucht, dich da eigenständig herauszuholen, während ich die Feuerwehr gerufen habe. Es dauerte Ewigkeiten, bis sie kam. Wir dachten schon, wir hätten dich verloren.« Ihre Stimme brach beim letzten Wort, und sie vergrub ihr Gesicht in ihren Händen. Ihr aschblondes Haar fiel wie ein Vorhang davor, und ihr dünner Körper zitterte.

Ich legte eine Hand auf ihre Schulter, und eine ganze Weile saßen wir so beisammen, während ich eine beruhigende Melodie vor mich hin summte.

Irgendwann kam der Arzt, um mich noch einmal zu untersuchen, doch er stellte nichts Schlimmes fest. Er sagte, dass es ein Wunder sei, aber mir fehle nichts. Ich müsste mir nur eine Ruhezeit gönnen und viel schlafen. Aber ansonsten dürfte ich am selben Nachmittag noch nach Hause fahren.

 

Bei unserer Rückkehr fand ich vor der Haustür einen Strauß roter Rosen, und ich ahnte schon, wer sie da hingelegt hatte. Ein Lächeln zeichnete sich auf meinem Gesicht ab, und als ich die kleine Karte öffnete, die an einer der Rosen hing, bestätigte sich meine Vermutung.

 

Ich habe gehört, was passiert ist.

Ich mach mir Sorgen, ruf mich an.

In Liebe,

Max.

Das war echt süß von ihm, doch als ich ins Haus kam, verging mir das Lächeln.

Es stank nach Rauch und verkohltem Holz. Angst griff mit eisigen Klauen nach mir, und meine Schritte führten mich wie von selbst die Treppe hinauf. Mein Herz schlug schneller. Die Wände im Flur, einst strahlend weiß, waren mit grauen Flecken überzogen. Als ich vor meinem Zimmer ankam, blieb ich wie angewurzelt stehen.

Es war keine Tür mehr in den Angeln, und so konnte ich in die Ruine, die vorher einmal mein Zimmer gewesen war, hineinschauen. Ein knallgelbes Absperrband war im Türrahmen gespannt und hinderte am Betreten des Raumes. Doch wer würde so ein Zimmer auch betreten wollen? Mit einer Mischung aus Entsetzen und Trauer blickte ich von einem verbrannten Möbelstück zum nächsten. Die einst rote Tapete bedeckte schwarzer Ruß; mein Himmelbett, vorher weiß und pink, war zerfetzt und an mehreren Stellen verschmort. An dem dunklen Holz klebte noch der Schaum vom Löscheinsatz.

Traurig sah ich mich um. Wie ein schwarzes, verkohltes Loch hatte sich das Feuer in meine sonst so bunte Welt gebrannt.

»Nici, Schatz? Wo bist du?«, tönte die Stimme meiner Mutter zu mir hinauf. Ich hörte unten ihre Schritte und das Klimpern von Schlüsseln.

»Ich komme!«, rief ich mit brüchiger Stimme und riss mich vom Anblick meines zerstörten Zimmers los.

 

Nachdem sich meine Mutter hundertmal vergewissert hatte, dass ich allein zurechtkommen würde, und mir angedroht hatte, am nächsten Tag noch einmal gemeinsam mit meinem Vater über den Brand zu sprechen, fuhr sie in die Kanzlei, um nach ihrer heutigen Abwesenheit nach dem Rechten zu sehen.

Lustlos stocherte ich nun mit dem Löffel in meinem Joghurt herum, als mir einfiel, dass ich Max ja noch anrufen wollte.

»Max Dean«, meldete er sich.

»Hey, ich bin’s. Du hast geschrieben, ich soll dich anrufen.« Ich schob mir einen Löffel Kirsch-Joghurt in den Mund. Wirklichen Appetit hatte ich jedoch nicht.

»Oh, Nici!«, rief Max erleichtert. »Wie geht es dir? Was ist passiert?«

»Mir geht es gut«, versicherte ich ihm, was jedoch nur zum Teil der Wahrheit entsprach. Dem physischen Teil. In meinem Kopf konnte ich keinen Frieden finden.

Dann hatte ich eine Idee, die meine Laune sofort wieder anhob. »Max, hast du Lust, zu mir zu kommen?«, schlug ich vor. »Leo könnte auch kommen, und dann können wir uns ein paar Filme anschauen.«

»Anscheinend fehlt dir wirklich nichts.« Er lachte. »Sicher komm ich. Wann?«

Ich überlegte nicht lange. »Jetzt. Wir gucken einen Film, und ihr übernachtet bei mir.« Meine Eltern hatten glücklicherweise nie etwas dagegen, wenn Leo oder Max hier schliefen, und Übernachtungen auf unserer Wohnzimmercouch waren schon fast eine Tradition, da würde heute Nacht mein Bett nicht fehlen.

»Cool. Was für einen Film? Nein, warte. Du darfst aussuchen, wenn du mir genau erzählst, wie du es gestern geschafft hast, dein Zimmer abzufackeln.«

Ich knurrte. »Wenn du da bist.« Ich legte auf und tippte gleich im Anschluss Leos Nummer ins Telefon.

»Jasmin Julek. Guten Abend«, ertönte die Stimme ihrer Mutter.

»Ähm, hallo. Hier ist Nici. Kann ich mit Leo sprechen?«

»Nein, tut mir leid, Nici. Leo hat sehr hohes Fieber und liegt deswegen schon im Bett«, erklärte sie.

»Oh, dann richten Sie ihr gute Besserung von mir aus.« »Nici?«, fragte sie vorsichtig, gerade als ich auflegen wollte.

»Ja?«

»Leo hat sich Sorgen um dich gemacht. Wie geht es dir?«

»Oh … Sagen Sie ihr bitte, dass alles okay ist. Mir geht es gut«, versicherte ich ihr und verabschiedete mich dann. Was Leo wohl davon hielt, dass ich eine Woche nach ihr ebenfalls mein Zimmer in Brand steckte? Ich wusste ja selbst nicht, was ich davon halten sollte. Vor allem von dem ›Wunder‹, wie es der Arzt genannt hatte, dass die Flammen mir nichts angetan hatten …

 

Ich hatte mich gerade etwas hergerichtet und meine Nägel in einem hübschen Pink lackiert, als es an der Tür schellte. Schnell hopste ich von der Wohnzimmercouch, strich mein T-Shirt glatt und ging zur Tür.

Max begrüßte mich mit einem Lächeln. Im nächsten Moment schloss er mich in die Arme und seufzte meinen Namen. Er hatte sich Sorgen gemacht, das war nicht zu übersehen. Doch als er mich nach ein paar Sekunden immer noch nicht losließ, kam wieder das schreckliche Gefühl zurück. Es lag nicht an ihm, sondern an der unüberwindbaren Nähe zwischen uns, die mir die Luft zum Atmen nahm.

Die Bilder von jenem Tag schossen mir durch den Kopf, obwohl schon etliche Jahre vergangen waren. Ich hörte die Schreie. Panisch versuchte ich, mich aus der Umarmung zu befreien, woraufhin er mich endlich losließ.

Ich konnte wieder atmen, die Spannung fiel von mir ab, doch ich zitterte immer noch.

Max schaute teils schuldbewusst, teils neugierig. Ich hatte ihm nie von jenem Tag erzählt, doch er wusste, dass ich die Nähe zwischen Mann und Frau nicht mochte. Das war auch der Grund, warum ich für eine Beziehung nicht bereit war, warum ich noch nie jemanden geküsst hatte. Warum ich dachte, dass es keine Liebe gab.

»Sorry, aber ich bin so froh, dass es dir gut geht«, murmelte er mit einem kleinen Lächeln, und ich war ihm unendlich dankbar dafür, dass er es mir nicht übel nahm.

»Alles gut«, sagte ich schnell und lief voraus ins Wohnzimmer. »Der Film, den ich gucken möchte, fängt um acht Uhr an. Wir haben also noch fast eine ganze Stunde.«

»Und wo ist Leo?«, fragte er.

»Sie liegt mit Fieber im Bett.«

»Es riecht hier ganz schön verqualmt«, sagte Max und schnupperte. Ich wollte mich gerade wieder auf die Couch fallen lassen, als ich meine Augen vor Schmerz zusammenkniff und mich an Max’ Schulter abstützte.

»Was ist?«, fragte er besorgt und ließ mich sanft auf das helle Leder gleiten. Wie durch einen Nebel echote seine Stimme in meinem Kopf wider.

Ich fuhr mit einer Hand an meine Schläfe und öffnete die Augen, nur um Max’ besorgtem Blick zu begegnen. »Alles okay«, krächzte ich und holte tief Luft. Der Schmerz in meinem Kopf war wieder verklungen, doch ein Schwindelgefühl blieb zurück.

»Kopfschmerzen«, erklärte ich, als mich mein Freund immer noch misstrauisch musterte. »Du wolltest hören, wie das Feuer zustande kam?«, erinnerte ich ihn, um auf ein anderes Thema zu kommen.

Max nickte.

»Na gut«, sagte ich. »Als ihr alle gegangen wart, habe ich mich sofort in mein Bett gelegt, doch ich konnte lange Zeit nicht einschlafen. Dann habe ich das Feuerzeug genommen und … etwas damit herumgespielt.«

Er zog ungläubig die Augenbrauen zusammen. »Wieso?«

Ich öffnete den Mund, schloss ihn dann aber wieder. Ich konnte ihm ja schlecht sagen, dass ich sehen wollte, ob ich mich verbrennen konnte. Dass mich die Tatsache mit der brennenden Kerze stutzig gemacht hatte. »Weiß ich nicht so genau, vielleicht bin ich ja schlafgewandelt. Auf jeden Fall habe ich damit ein bisschen gespielt, doch dann ist es mir aus der Hand gefallen. Und statt sofort auszugehen wie gewöhnliche Feuerzeuge, hatte es meine Bettdecke in Brand gesetzt. Ich konnte das Feuer nicht ersticken … Ich wollte Wasser holen, doch als ich zurückkam …« Ich schluckte.

»… hatte sich das Feuer schon ausgebreitet«, beendete er den Satz. Ich nickte schuldbewusst. »Na ja, wenigstens bist du wohlauf. Aber weißt du … irgendwie ist das doch ziemlich ähnlich mit Leos Unfall. Glaubst du, es ist Zufall, dass ihr beide so kurz hintereinander ein Feuer in eurem Zimmer verursacht?«

Auch ich hatte über diese Frage bereits nachgedacht. Merkwürdig war es schon. »Was sollte es sonst sein außer einem dummen Zufall?«, fragte ich. »Ich habe es ganz bestimmt nicht extra gemacht.« Eine logische Erklärung gab es dafür nun wirklich nicht.

Ich wollte nicht mehr über dieses Thema reden, sah auf die Uhr und stellte fest, dass wir noch eine halbe Stunde hatten, bis mein Film anfing. »Und was machen wir jetzt?«, fragte ich Max. »Irgendwelche Ideen oder Gesprächsthemen parat?« Ich lehnte mich auf der großen Couch zurück, streckte meine Füße aus und wartete auf einen Vorschlag von ihm.

»Wie steht’s mit Vögeln?«, fragte er.

»Wie bitte?« Wie von der Tarantel gestochen fuhr ich herum, sah ihm geschockt in die Augen. Das meinte er doch nicht ernst, oder? Ich suchte in seinem Gesicht einen Anflug von Ironie oder wenigstens Triumph darüber, dass ich mich so schnell von ihm reinlegen ließ. Doch da war nichts dergleichen, nur etwas Überraschung.

»So abwegig?«, fragte er, und dann grinste er. Doch es war nicht das Grinsen, das ich nach so einer Frage erwartet hatte.

Ich spürte, wie mir heiß wurde und mein Gesicht bestimmt gerade die Farbe meines Haares annahm. »Was hast du gesagt?«, fragte ich noch einmal verunsichert nach. Vielleicht hatte ich ihn ja nur missverstanden.

Er zog die Augenbrauen zusammen. »Wie wäre es mit Vögeln? Ich weiß, es ist nicht sonderlich spannend, aber was anderes ist mir spontan nicht eingefallen.«

Langsam zweifelte ich an meinem Verstand. Oder an seinem. So genau wusste ich das noch nicht. »Vö- vögeln?«, stotterte ich verwirrt.

Er zeigte zum Fenster hinaus. »Findest du es nicht niedlich, dass einer gerade bei uns Zuflucht gefunden hat?«

Mein Kopf schnellte herum zum Fenster, und als ich sah, was er meinte, wollte ich am liebsten in Grund und Boden versinken.

Ein Vogel, ein kleiner Spatz, war durch das offene Fenster hineingeflogen, um in der gleißenden Abendsonne ein schattiges Plätzchen zu finden.

Ich lachte verlegen auf und überlegte kurz, ob ich nicht einfach aus dem Zimmer rennen sollte. Ich sah immer noch zum Fenster, weil ich mich nicht traute, Max ins Gesicht zu sehen, als ich seine bohrenden Blicke in meinem Nacken spürte.

»Du hast etwas anderes verstanden, oder?«, fragte mich der gemeine Mistkerl dann.

»So viel Fantasie, um diese Frage zu beantworten, wirst du doch wohl noch haben«, giftete ich zurück.

Da er weder antwortete noch lachte, drehte ich mich zu ihm um und fand einen völlig konzentrierten Max vor, der wie gebannt auf den ausgeschalteten Fernseher starrte. Um mich nicht auszulachen, hatte er seine Lippen fest aufeinandergepresst, doch ich konnte seine Mundwinkel trotzdem zucken sehen.

Ich war neugierig, wie lange er durchhielt, und beobachtete ihn mit verschränkten Armen. Würde er anfangen zu lachen, würde ich ihn schlagen.

Doch Max schaffte es, und seine Rücksicht mir gegenüber fand ich niedlicher als den Spatz.

»Das war nicht lustig«, kommentierte ich, als sich Max wieder beruhigt hatte.

»Du hast recht«, sagte er ohne ein kleinstes Lächeln.

Ich stutzte. Was sollte denn das? Um nicht weiter darüber zu diskutieren, wechselte ich das Thema. »Wieso hast du noch nicht gefragt, welchen Film wir schauen?«

»Na weil ich es schon weiß. Nici, glaub mir, ich kenn dich mittlerweile so gut, dass ich es mir denken kann, dass du deinen Lieblingsfilm schauen möchtest, wenn er läuft.«

»Oh …« War ich so leicht zu durchschauen? Mist.

»Komm, lass uns Popcorn machen, damit ich was zu tun habe, wenn du rumheulst.«

Ich verdrehte die Augen, stand dann aber doch auf und folgte ihm in die Küche.

Wie der Herr im Hause hatte er schon die Popcornmaschine herausgeholt und suchte gerade nach einer Packung Maiskörner.

»Du kannst doch hier nicht ohne zu fragen alles machen«, beschwerte ich mich.

»Oh doch, das kann ich«, bemerkte er.

 

Gebannt saß ich mit der Schüssel Popcorn im Arm auf der Couch, als der Film endlich anfing. ›Nur mit dir‹, mein absoluter Lieblingsfilm, den ich schon unzählige Male gesehen hatte. Ich glaubte zwar nicht an die Liebe im echten Leben, doch jedes Mädchen wünschte sie sich, und es war schön, sie wenigstens im Film zu sehen.

Als der Film zu Ende war, war ich am Boden zerstört und wäre am liebsten in Tränen ausgebrochen. Doch ich tat es nicht. Ungläubig strich ich über mein trockenes Gesicht. Es war das erste Mal, dass ich bei dem Film nicht geweint hatte. Auch Max bemerkte das.

»Wieso heulst du nicht? War es diesmal nicht traurig?«, fragte er.

»Oh doch, das war es«, krächzte ich mit belegter Stimme. Ich stopfte mir eine weitere Handvoll Popcorn in den Mund. Dann begann ich, mich wie jedes Mal zu beschweren. »Warum musste sie sterben? Warum musste er sie so sehr geliebt haben?« Normalerweise schrie ich das alles unter Tränen, heute schrie ich es in Verzweiflung, nahm mir eine weitere Hand Popcorn und warf sie gegen den Fernseher. »Warum zeigen sie uns so eine verdammte unendliche Liebe? Warum gibt es sie nicht hier? Hier und jetzt?«, rief ich wütend und griff wieder nach dem Popcorn, doch bevor ich es erneut gegen den Fernseher werfen konnte, hielt Max meine Hand fest. Dann öffnete er sie und ließ das Popcorn wieder in die Schüssel rieseln.

»Man wirft nicht mit Essen herum«, sagte er.

Ich schnaubte, entzog ihm meine Hand und verschränkte die Arme vor der Brust.

Max schüttelte den Kopf über mich und murmelte etwas, was sich so anhörte wie: »Warum schaust du dir Liebesfilme an, wenn du dich danach immer so beschwerst?« Noch ehe ich etwas darauf erwidern konnte, stellte er mir eine andere Frage. »Wieso glaubst du nicht an die Liebe?« Er sah mich mit seinen blauen, großen Augen fragend an.

Alle Luft wich aus meinen Lungen. Sprachlos saß ich auf dem Sofa neben ihm und wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich hatte es noch nie jemandem erzählt, noch nie von jenem Tag gesprochen. Ich wusste nicht, ob ich daran etwas ändern wollte.

»Du kannst mir alles erzählen, Nici«, flüsterte er. »Bitte.«

Er hatte mich noch nie danach gefragt, und ich wusste, dass er das auch jetzt nicht getan hätte, wenn es ihm nicht wirklich wichtig wäre. Wichtig, dass kein unausgesprochenes Wort mehr zwischen uns stand. Und schon gar nicht so viele Wörter, die mich bedrückten.

Er sah meinen inneren Kampf und lächelte mir so ehrlich und aufmunternd zu, dass es mehr Worte nicht brauchte, um mich zu überreden. Er war mein bester Freund … vielleicht war die Zeit gekommen, es zu erklären.

»Ich … als ich noch ganz klein war, da …« Ich verlor die Stimme, meine Hände zitterten, und mir wurde ganz heiß. Es war mir unangenehm, darüber zu sprechen, und ich fühlte mich schuldig. Dabei war ich doch ein kleines Kind gewesen, als ich es gesehen hatte.

»Ich habe gesehen, wie ein Mann eine Frau vergewaltigt hat«, brachte ich es endlich übers Herz, und dann sprudelte alles andere wie von selbst heraus. Ich erzählte ihm, wie ich im Hintergarten eine Frau hatte schreien hören. Es war schon spätabends und keine Menschenseele in der Umgebung gewesen. Ich war von unserem Garten hinuntergegangen und hatte mich auf die Suche nach der Frau gemacht. Sie lag ein paar Häuser weiter im Garten auf der Wiese, ein Mann über ihr. Ich hatte mich hinter dem Geäst der Hecke versteckt und zusammengekauert alles beobachten können. Er hatte sie geschlagen, während sie versucht hatte, sich zu wehren. Dabei hatte er immer wieder gesagt, dass sie seine Frau sei und sich nicht so anstellen solle. Er hatte sie zu sich herangezogen und geküsst und immer wieder gesagt »Du liebst mich doch, oder nicht?« Ich würde nie den Blick der Frau vergessen, als ihr Kopf von einem Schlag zur Seite geschleudert wurde und sie mich direkt anstarrte. Ihr Blick war so leer gewesen. Danach hatte ich mich voller Angst und verwirrender Gedanken zurückgeschlichen, jedoch keiner Menschenseele davon erzählen können.

Seit dem Tag wurde mir immer schlecht, wenn ich einen Mann sah, der eine Frau küsste. Wochenlang konnte ich keinen Mann ansehen, noch nicht einmal meinen Vater. Und immer wenn ich das Wort ›Liebe‹ hörte, kamen mir diese Bilder in den Kopf. Ich wusste natürlich mittlerweile, dass nicht alle Männer so waren und der beobachtete Mann wahrscheinlich ein Alkoholiker und Schläger war, doch ich konnte gegen meine aufsteigende Panik nichts tun. Konnte nichts gegen das Gefühl des Ekels und der Hilflosigkeit tun. Ich war froh, dass dieses Pärchen schon längst nicht mehr in unserer Nachbarschaft wohnte, und ich hoffte aus tiefstem Herzen, dass die Frau diesen Mann losgeworden war.

Als ich in Büchern zum ersten Mal vom richtigen Gefühl der Liebe gelesen hatte, das ich in der echten Welt nie mitbekommen hatte, hatte ich weinen müssen. Ich fand das Gefühl schön, und es war für mich unendlich traurig, dass es so ein Gefühl in der Wirklichkeit nicht gab. Seitdem liebte ich Liebesgeschichten, ob im Film oder im Buch. Sie waren wie Märchen, und ich weinte jedes Mal darum, dass sie nicht wahr wurden.

Ich beendete meine Erzählung und sah fragend zu Max. Wie würde er auf mein Kindheitstrauma reagieren?

Er blieb lange Zeit still, dann sagte er: »Es tut mir leid, dass du so etwas mitansehen musstest. Es war bestimmt schlimm für dich. Aber … Nici, es gibt die wahre Liebe. Auch hier und jetzt.«

Ich schüttelte traurig meinen Kopf. »Wie kannst du dir da so sicher sein? Ich habe sie in meinen ganzen siebzehn Jahren nicht einmal gespürt, und auch Leos endlos viele Beziehungen deuten nicht darauf hin.«

Für einen Moment, so schien es mir, wurde er traurig. Sein Funkeln in den Augen erlosch während meiner Worte.

»Was ist denn schon Liebe?« Ich seufzte und schloss die Augen. Ich erwartete keine Antwort, und als er lange Zeit schwieg, wollte ich schon aufstehen und mich bettfertig machen, doch dann hörte ich seine angenehme Stimme neben mir. Sanft und beinahe zärtlich flüsterte er die Worte.

»Lieben bedeutet, für jemand anderen zu leben.«

Ich öffnete die Augen und schaute ihn lächelnd an. »Das ist ein schöner Satz, woher hast du ihn?«

Er lächelte zurück. »Von mir.«

Ich war überrascht und beeindruckt, doch ein unangenehmes Gefühl in meiner Brust riet mir, nicht weiter darauf einzugehen. Ich erhob mich, schaltete den Fernseher aus und brachte die leeren Popcornschüsseln in die Küche.

»Da mein Zimmer zurzeit nicht bewohnbar ist, hast du die Wahl zwischen Gäste- und Wohnzimmer« rief ich ihm zu, während ich mir ein Glas Orangensaft eingoss.

»Ich nehme das Wohnzimmer, weißt du doch«, antwortete er, und ich hörte bereits, wie er die Couch aufschob. Ich verkniff mir ein Lächeln. Die Wohnzimmercouch hatte schließlich Geschichte. Leo, Max und ich hatten schon gefühlte tausend Nächte dort verbracht. Besonders damals, als ich noch nicht mein großes Himmelbett hatte und die Couch das einzige war, worauf wir zu dritt gepasst hatten. Sie war so breit und lang, dass sogar vier Personen darauf Platz zum Schlafen gehabt hätten.

Als ich wieder ins Wohnzimmer kam, bezogen wir sie gemeinsam und holten zwei Decken und Kissen aus dem Schlafzimmerschrank meiner Eltern. Ich sah auf die Uhr. Es war schon fast Mitternacht, meine Eltern mussten eigentlich bald kommen. Es war nicht ungewöhnlich, dass sie als Anwälte bis spät in die Nacht in ihren Büros arbeiteten.

Mit einem »Bin gleich zurück« ging ich ins Bad, putzte mir die Zähne und zog mein blaues Seidennachthemd an. Zum Glück hatte ein Teil meiner Kleidung in der Waschküche gehangen und war somit vom Brand verschont geblieben.

Als ich wieder ins Wohnzimmer kam, hatte es sich Max in Boxershorts und einem alten T-Shirt auf dem Sofa bequem gemacht. Ich machte das Licht aus und gesellte mich zu ihm. Es machte mir überhaupt nichts aus, mit ihm in einem Bett – oder eher gesagt auf einer Couch – zusammen zu schlafen. Ich wusste, dass er mir nicht zu nahe kommen würde. Er hatte nie derartige Annäherungsversuche gewagt, und nach dem, was ich ihm heute erzählt hatte, würde er mich erst recht nicht anrühren. Er war wie ein Bruder für mich, und es fühlte sich genauso an, als würde ich jetzt neben Leo liegen. Und ich hoffte, dass es für ihn genauso war – dass ich einfach nur wie eine Schwester für ihn war.

4

Lügen

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war ich allein. Die Couchhälfte neben mir war leer. Benommen richtete ich mich auf und sah mich um. Kurz schoss mir der Gedanke durch den Kopf, dass Max gegangen sein könnte. So wie in den unzähligen Filmen, in denen der Mann nach einer Nacht verschwand und die Frau dann allein aufwachte. Was für ein dämlicher Gedanke, schalt ich mich im nächsten Moment selbst. Max und ich hatten die Nacht schließlich nicht auf diese Weise miteinander verbracht. Außerdem war ich mir sicher, dass Max niemals verschwinden würde.

Ich behielt recht, denn in der nächsten Sekunde stieg mir ein Kaffeeduft in die Nase und brachte meine Laune in Schwung. Was für ein wundervoller Start in den Tag!

Mit einem Frühstückstablett in den Händen kam Max ins Wohnzimmer, beladen mit Unmengen von köstlichen Dingen. Ich entdeckte einen Teller mit Croissants, ein Marmeladenglas, zwei Tassen Latte Macchiato und Pfannkuchen. Vor Staunen klappte mir der Mund auf. Mir hatte noch nie jemand das Frühstück ans Bett gebracht, geschweige denn ein so leckeres.

»Du warst aber ganz schön fleißig heute«, sagte ich und musterte ihn skeptisch. Führte er vielleicht etwas im Schilde?

Er lächelte und setzte sich neben mich auf die Sofakante, das Tablett auf seinem Schoß. Hastig nahm ich mir die heiße Tasse Latte und trank sie in einem Zug bis zur Hälfte leer. Dann schnappte ich mir ein Croissant und tunkte es in die Erdbeermarmelade.