Magierdämmerung - Gegen die Zeit - Bernd Perplies - E-Book
Beschreibung

London 1897. Das Leben von Jonathan Kentham ist nicht mehr das, was es mal war. Als unfreiwilliger Erbe der Macht des verstorbenen Lordmagisters Albert Dunholm wird er in einen Kampf zwischen zwei Magierfraktionen verstrickt. Der Usurpator Wellington hat mit seinen Gefolgsleuten die Macht an sich gerissen und die Anhänger Dunholms eingesperrt, darunter Jonathan und dessen dandyhaften Magierfreund Jupiter Holmes. Den beiden läuft die Zeit davon, denn sie müssen unbedingt das Siegel von Atlantis schließen, bevor die Magie die Welt ins Chaos stürzt. Doch Hilfe naht von unerwarteter Seite ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:580


INHALT

TITEL

WIDMUNG

ZWISCHENSPIEL: VORBOTEN DES CHAOS

KAPITEL 14: DAS TIER IST ERWACHT

KAPITEL 15: DUNKLE STUNDEN

KAPITEL 16: EINE SCHLAFLOSE NACHT

KAPITEL 17: ENTHÜLLUNGEN UNDMORGENGRAUEN

KAPITEL 18: DIE LAGE SPITZT SICH ZU

KAPITEL 19: KAMPF UM DIE GUILDHALL

KAPITEL 20: NEUE PLÄNE

KAPITEL 21: HILFREICHE VERBÜNDETE

KAPITEL 22: UNTER DER STADT UND UNTER DEM MEER

KAPITEL 23: FREUNDE IN GEFAHR

KAPITEL 24: DER FRANZOSE SCHLÄGT ZU

KAPITEL 25: DER WETTLAUF BEGINNT

KAPITEL 26: GEGEN DIE ZEIT

DANKSAGUNG

DRAMATIS PERSONAE

IMPRESSUM

Roman

 

Für die tapfere Besatzung der »Phoenix«

Es ist mir eine Ehre, Teil dieser Mannschaft zu sein

und immer wieder mit euch das Abenteuer zu suchen.

 

ZWISCHENSPIEL: VORBOTEN DES CHAOS

»Williamsburg. Während einer Verhandlung am Lee-Avenue-Polizeigericht überraschte Richter Goetting gestern Vormittag jedermann durch das Strafmaß, das er den Angeklagten aufbürdete, die bei einer Veranstaltung mit unzüchtigem Tanz verhaftet worden waren. 14 Zuschauer mussten $10 bezahlen, Saloonbesitzer Magnus Hartman $100. Tänzerin Annie Nelson wurde zu 29 Tagen Haft verurteilt. ›Es ist an der Zeit‹, sagte Richter Goetting, ›dass harte Maßnahmen ergriffen werden, um diesen Praktiken ein Ende zu bereiten.‹«

– New York Times, 21. April 1897

21. April 1897, 20:33 Uhr GMTEngland, Brixworth, einige Meilen nördlich von Northampton

Still und verlassen lag der alte Steinbruch da. Fahles Mondlicht fiel durch Lücken in der zerfaserten Wolkendecke und beschien die von tiefen Schatten erfüllten Gruben, in denen Eisenerz abgebaut wurde. Schienenstränge für die Güterzüge, die das Erz abholten, glänzten in der Dunkelheit, und ein hoher Zaun umgab das ganze Gelände, der dafür sorgen sollte, dass sich keine Unbefugten darauf herumtrieben.

David war sich im Klaren darüber, dass diese Vorsichtsmaßnahme durchaus ihren Sinn hatte. Es gab vielerlei Möglichkeiten, sich auf dem unwegsamen Gelände zu verletzen, etwa wenn man durch unbedachtes Herumtollen auf dem Abraum ausrutschte oder beim Balancieren am Rand der Gruben fehltrat und eine der steilen Abbruchkanten hinunterstürzte. Noch gefährlicher waren die Dynamitschuppen, in denen das Material zur Sprengung des Gesteins gelagert wurde. David wusste nicht, wie und warum, aber man hörte immer wieder davon, dass irgendwelche Pfützen, die sich in den Schuppen und um sie herum bildeten, unvermittelt explodierten. Sein Vater hatte es ihm einmal erklärt, aber der zehnjährige Junge hatte es nicht ganz begriffen. Es hatte irgendetwas mit einer Flüssigkeit zu tun, die aus den Dynamitstangen austrat. Jedenfalls hatten solcherlei Explosionen den alten Fletcher vor einigen Jahren sein linkes Bein und den unglücklichen Broomfield im letzten Sommer sogar das Leben gekostet.

»Halte dich von den Steinbrüchen fern!«, lautete daher eine der zahlreichen Regeln, die man als Junge, der Ende des neunzehnten Jahrhunderts in Brixworth aufwuchs, eingebläut bekam; Tatsächlich hoben Eltern, Lehrer und Polizisten diese eine stets besonders hervor. David verstand das durchaus. Nichtsdestoweniger beabsichtigte er, sie am heutigen Abend zu brechen.

Eigentlich war es ja gar nicht wirklich seine Schuld, sondern die seines Freundes Percy, der, als sie vorhin kurz vor dem Essen noch einmal in ihrem Geheimversteck oben auf dem Heuboden zusammengekommen waren, behauptet hatte, auf dem Heimweg von seiner Arbeit auf dem Hof von Mister Cripps unten am Steinbruch an der Harborough Road so ein seltsames Keuchen und Schnaufen gehört zu haben – Geräusche wie von einem Drachen.

Nach einem solchen suchten die beiden Jungen schon, seit Pastor Bates ihnen im letzten Herbst während des Religionsunterrichts die Legende vom Heiligen Georg und seinem Kampf gegen den Drachen erzählt und der alte Hausmeister Fletcher später hinzugefügt hatte, er hätte in seiner Jugend selbst noch einen Drachen gesichtet – gleich hier in den Hügeln von Northamptonshire! Sie waren regelrecht besessen von der Vorstellung, ein derartiges Ungetüm aufzuspüren und es vielleicht gar, dem Beispiel des Ritters folgend, zu besiegen. Lanzen hatten sie sich bereits gebaut, wobei es sich eigentlich nur um angespitzte Holzstöcke handelte, aber in ihrer Fantasie genügte das. Allerdings war ihre Suche nach dem Drachen in den Feldern und Wäldern rund um Brixworth bislang ergebnislos verlaufen.

Bis zu diesem Abend.

»Bist du sicher, dass das eine gute Idee ist?«, fragte Percy leise, während sie Seite an Seite zwischen den Zaunbrettern hindurch auf den dunklen Steinbruch starrten.

»Sei kein Feigling, Percy«, wies David seinen Freund, der doch ein Jahr älter war als er, zurecht. »Immerhin hast du behauptet, der Drache sei hier. Da kannst du jetzt keinen Rückzieher machen.« Er packte seine Lanze fester und hob die Öllampe, die er mitgebracht hatte, damit sie sich in der Finsternis nicht die Knochen brachen.

Neben den Waffen trugen die beiden Jungen suppentopfartige Helme und Brustpanzer aus Leder, auf die sie annähernd schuppenförmig geschliffene Metallreste genäht hatten. Es steckte eindeutig mehr Eifer als Geschick in dieser Ritterrüstung, aber genau wie im Falle ihrer Waffen waren David und Percy nicht so kleinlich – solange es ihnen damit nur gelang, einen Drachen zu bezwingen.

»Aber vielleicht habe ich mich auch geirrt«, wandte Percy ein. »Jetzt ist alles still. Hör doch!«

»Kein Wunder«, sagte David. »Der Drache schläft, weil es Nacht ist.«

»Wenn du meinst …« Unbehaglich blickte Percy durch die Lücke im Zaun.

»Also, kommst du nun mit, oder muss ich allein gehen?«, fragte David.

Sein Freund zögerte.

Hinter ihnen im Dorf schlug die alte Kirchturmuhr zur Dreiviertelstunde. Irgendwo bellte ein Hund. Und in den vom nachmittäglichen Gewitterregen nassen Wiesen zirpten Grillen. Ansonsten herrschte Totenstille.

»Ich glaube, ich laufe lieber nach Hause«, bekannte Percy schließlich und machte Anstalten aufzubrechen.

»Das geht nicht, Percy«, protestierte David. »Ich brauche dich.«

»Mein Vater sagt immer, dass wir den Steinbruch nicht betreten dürfen!«, rief sein Freund.

»Meiner sagt das auch. Aber wenn wir den Drachen sehen wollen, müssen wir in den Steinbruch.« David war wütend, dass Percy ausgerechnet jetzt Angst bekam, so kurz vor dem Ziel. »Was für ein Ritter bist du eigentlich?«, warf er ihm vor.

Percy blickte ihn bedauernd an. »Kein echter, offenbar«, sagte er, nahm den Helm ab und ließ ihn klappernd zu Boden fallen. »Aber das macht nichts. Echte Drachen gibt es ja auch nicht.« Mit diesen Worten wandte er sich ab und begann über den Feldweg zurück zum Dorf zu gehen.

»Du Verräter!«, rief David ihm, so laut er sich traute, nach. »Feigling. Natürlich gibt es echte Drachen. Ich werde es beweisen. Und wenn ich mit dem Drachenkopf ins Dorf zurückkomme, wirst du mich anbetteln, wieder mein Freund sein zu dürfen, aber dann sage ich nur: Mit Feiglingen will ich nicht befreundet sein. Hörst du, Percy?«

Mit Sicherheit vernahm dieser seine Worte, aber er drehte sich nicht noch einmal um, sondern verfiel stattdessen in einen leichten Trab. Zunehmend schneller werdend verschwand er in der Dunkelheit.

»Blöder Mistkerl!«, brummte David und schlug mit seiner Lanze nach dem auf dem Boden liegenden Helm.

Unschlüssig ließ er seinen Blick von dem leeren Feldweg zu dem Holzzaun und zurück wandern. Ohne Percy an seiner Seite fühlte sich das Abenteuer, im Steinbruch von Brixworth nach einem Drachen zu suchen, schon gar nicht mehr so erstrebenswert an wie zuvor. Allerdings konnte er nach seinen markigen Worten nun kaum mehr kneifen. Ganz gleich, ob es den Drachen wirklich gab oder nicht: Wenn sie sich das nächste Mal in ihrem Geheimversteck trafen, musste er zumindest glaubhaft nachweisen können, dass er versucht hatte, ihn zu finden.

David nahm die schmalen Schultern zurück, presste die Lippen zusammen und nickte mit neu gewonnener Entschlossenheit. Er würde es Percy schon zeigen – und allen anderen auch!

Er schob die Öllampe und seine Lanze zwischen den Zaunbrettern hindurch und kletterte danach behände über die Absperrung. Kies knirschte unter seinen Schuhsohlen, als er auf der anderen Seite hinuntersprang. Der Junge ging in die Knie und nahm die Lanze und die Lampe wieder auf, während er sich gleichzeitig angespannt umsah. Nichts regte sich in den Gruben – zumindest soweit er das überblicken konnte.

Geduckt schlich David vorwärts. Das Licht der Öllampe hatte er abgeschirmt, sodass er zwar noch den Boden vor den Füßen sehen konnte, aber nicht übermäßig Aufmerksamkeit auf sich lenken würde. Einige Schritte bewegte er sich an der Abbruchkante des Steinbruchs entlang, bis er eine Stelle fand, an der er gefahrlos auf dem Hosenboden hinabrutschen konnte. Natürlich wäre es viel einfacher gewesen, über einen der zwei Zufahrtswege einzudringen, die für den Schienenverkehr eingerichtet worden waren. Aber David wusste, dass dort manchmal ein Nachtwächter aus dem Dorf nach dem Rechten sah, und er wollte diesem mit Sicherheit nicht in die Arme laufen. Lieber machte er sich die Hose schmutzig.

Die Schatten am Boden der durch schmalere Durchgänge verbundenen Gruben waren so dunkel, dass sie beinahe stofflich wirkten. Gleich tiefschwarzem Wasser, in dem sich namenlose Abscheulichkeiten verbargen, lagen sie in den Senken und Spalten, zwischen den aus dem Fels gesprengten Steinblöcken und hinter den herumstehenden Loren, in denen das Eisenerz gesammelt wurde. Ein Wesen von der Größe eines Drachen konnte sich darin nur schwerlich verbergen, aber David fiel auf Anhieb ein halbes Dutzend anderer Ungeheuer ein, die dort in der Finsternis auf einen Jungen wie ihn lauern mochten.

Mit klopfendem Herzen hob er die Lampe etwas höher und packte seine Lanze fester. »Vielleicht hatte Percy recht«, murmelte er im Flüsterton vor sich hin. »Vielleicht war es wirklich eine dumme Idee hierherzukommen.« Er hatte gehofft, der Klang seiner Stimme würde ihm etwas Mut geben, aber der gepresste Tonfall bewirkte eher das Gegenteil. Dennoch ging David weiter, die Augen weit aufgerissen und mit bangem Herzen in die Nacht lauschend.

Vorsichtig durchquerte er die südliche Grube des Steinbruchs, wobei er um jede Pfütze, die seinen Weg kreuzte, einen sorgfältigen Bogen schlug. Ein Großteil davon mochte zwar einfaches Regenwasser sein, das bei dem Unwetter vor einigen Stunden in wahren Sturzbächen vom Himmel gefallen war. Aber schließlich genügte eine einzige Pfütze mit Dynamitrückständen, um diesem Ausflug ein äußerst hässliches Ende zu bereiten.

Immer wieder beugte David sich hinunter, um den Boden nach Spuren zu untersuchen. Schließlich konnte sich ein Drache nicht so mir nichts, dir nichts in einem Steinbruch einnisten, ohne dass es irgendwelche Spuren gegeben hätte. Es sei denn, er kann fliegen, überlegte der Junge und hoffte gleich darauf, dass dem nicht so war, denn gegen ein geflügeltes Ungeheuer kämpfte es sich noch viel schwerer als gegen eine Echse am Boden. Er fand allerdings nichts, was auch nur im Entferntesten nach drei- oder vierzehigen Klauenfüßen ausgesehen hätte. Bloß die Stiefelabdrücke der Arbeiter waren zu sehen, Schleifspuren, die von Kisten herrühren mochten, und die charakteristischen Doppelrillenspuren von Karren, mit denen Abraum entsorgt und Eisenerz zu den Loren gebracht wurde.

Ein Durchbruch führte David in eine der benachbarten Gruben. Diese unterschied sich eigentlich allein dadurch von der vorherigen, dass sich in einiger Entfernung die schwarzen Silhouetten von gedrungenen Geräteschuppen und Lagern in der Dunkelheit abzeichneten. Mondlicht fiel auf Wellblechdächer und verlieh ihnen einen schwach silbrigen Schimmer.

Mittlerweile argwöhnte David, dass er an diesem Ort seine Zeit verschwendete. Was immer Percy gehört haben mochte, es schien nicht mehr da zu sein – wenn es jemals da gewesen war. Für einen kurzen Augenblick fragte der Junge sich, ob sein Freund ihn absichtlich in die Irre geführt hatte, um sich einen Scherz zu erlauben. Doch er verwarf den Gedanken sogleich wieder. Es mochte gelegentlich rau unter den Kindern von Brixworth zugehen, aber keines von ihnen würde ein anderes absichtlich in die Steinbrüche locken. Das war – wie Väter, Lehrer und Polizisten zu Recht anmahnten – viel zu gefährlich.

In diesem Moment hörte er das Geräusch. Es klang wie ein Schnaufen und zugleich wie ein Stöhnen, ein zutiefst unheimlicher Laut, der mit Sicherheit von keinem Menschen oder irgendeinem gewöhnlichen Tier wie einem streunenden Hund oder einer einsamen Katze herrührte.

David spürte, wie ihm ein Schauer über den Rücken lief, und seine Rechte verkrampfte sich um den hölzernen Schaft der Lanze. Heiliger Georg, steh mir bei!, betete er lautlos.

Obwohl jede Faser seines Körpers bestrebt schien, kehrtzumachen und Reißaus zu nehmen, zwang der Junge seine Füße, einen behutsamen Schritt vor den anderen zu setzen und sich der Quelle des furchterregenden Heulens zu nähern. Als sich das an klagend um Hausecken streichenden Wind erinnernde Geräusch wiederholte, wurde deutlich, dass sich der Ursprung in einem der Schuppen befinden musste. »Natürlich«, flüsterte David zu sich selbst. »Er hat sich vor dem Unwetter heute Nachmittag hierher geflüchtet.« Und weil die Männer an diesem Tag wegen der schlechten Witterung schon früher nach Hause gegangen waren, hatte auch noch niemand den Drachen bemerkt.

Wenn es denn überhaupt ein Drache war … Irgendwie klang das Geschöpf, das sich in dem Schuppen versteckte, ganz anders. Eher wie eine der verdammten Seelen, von denen Pastor Bates jeden zweiten Sonntag predigte.

Ganz gleich, jetzt muss ich es wissen, sagte der Junge sich, nahm all seinen Mut, von dem nicht mehr viel verblieben war, zusammen und ging weiter auf die dunklen Gebäude zu. Als er näher kam, gewahrte er im schwachen Schein seiner Lampe, dass das Tor zu einem größeren Schuppen offen stand. Nein, das stimmte nicht! Es schien vielmehr gewaltsam aufgebrochen worden zu sein. Der Riegel war gesprengt und die Torflügel waren nach innen gedrückt worden, so als habe sich ein ziemlich schwerer Körper mit Macht dagegengeworfen. Vielleicht doch ein Drache, dachte David und senkte kampfbereit seine Lanze, wie er es auf den Bildern vom Heiligen Georg im Geschichtsbuch des Pastors gesehen hatte – nur dass der Heilige Georg ein richtiger Ritter hoch zu Ross und kein zehnjähriger Knabe gewesen war.

Zitternd vor Anspannung wagte David sich hinein in das schwarze Loch, das ebenso gut das Maul eines urzeitlichen Ungetüms hätte sein können. An der rechten Wand stapelten sich Holzkisten, und als der Junge seine Lampe in ihre Richtung schwenkte, schrak er zusammen. Die Gefahrensymbole, die in dicker schwarzer Farbe auf den Kistenseiten prangten, waren eindeutig: Es befand sich Dynamit darin.

Das schnaufende Heulen wiederholte sich, und diesmal schien der Laut etwas mit sich zu tragen, das an menschliche Worte erinnerte. David runzelte die Stirn und versuchte angestrengt, dem unartikulierten Klagen einen Sinn abzutrotzen. Aber es wollte ihm nicht gelingen. Was bist du?, fragte er sich.

Die grauenvolle Antwort auf seine Frage erhielt der Junge fünf Schritte später. Er hatte soeben den Kistenstapel passiert und hob vorsichtig seine Lampe, um den Raum, der sich dahinter öffnete, zu erhellen, als der Schein der kleinen Flamme das Ungetüm aus der Finsternis holte, in der es sich bislang verborgen hatte.

Im ersten Moment glaubte David noch, eine Dampflokomotive vor sich zu haben, und er fragte sich, wie bei allen Heiligen eine Dampflokomotive hier in den Schuppen gelangt sein könne. Dann bewegte sich die Maschine, und der Junge wurde kreidebleich. Durch welch grausige, aller gerechten Schöpfung Gottes spottende Laune dunkler Mächte dieses Wesen, diese Abnormität zustande gekommen sein mochte, ging über Davids Fassungsvermögen. Dennoch war da unbestreitbar der Körper eines Menschen, eines über die ganze Länge des Kessels gestreckten Mannes in Eisenbahnerkleidung, dessen Fleisch irgendwie mit dem Metall der Maschine verschmolzen war. Seine Beine zogen sich – dicken Adern im brünierten Kesselstahl gleich – bis zum Führerhaus, die Arme schienen mit dem Antriebsgestänge der Lok verwachsen, und sein Gesicht, unmöglich verzogen und vor Qualen verzerrt, ragte aus der Front des Kessels hervor. Bizarr geweitete Augen glotzten David flehend an, und ein Mund, der von Stahlnieten gesäumt war, öffnete und schloss sich hilflos wie das Maul eines Fisches auf dem Trockenen.

Ein schnaufendes Heulen drang aus seinem Mund, als der Mann zu sprechen ansetzte. »Töte mich«, bat er mit kaum verständlicher Stimme, während dunkles Öl wie Blut über seine Lippen kam und sein metallenes Kinn herabtroff. »Töte mich …«

Schreiend erwachte David aus seiner Erstarrung. Er ließ die Lanze und die Öllampe fallen, wirbelte herum und rannte davon, fort, nur fort, als seien alle geifernden Dämonen der Hölle hinter ihm her. Vergessen war der Drache, vergessen war die Gefahr der explodierenden Pfützen. Er wollte nach Hause, sich in die Arme seines Vaters flüchten und ihm aschfahl und zitternd vor Grauen versprechen, dass er sich nie wieder heimlich nachts nach draußen schleichen würde. Nie wieder.

Es dauerte ein paar Minuten, bis das brennende Öl der umgefallenen Lampe die Kisten mit Dynamit erreichte. Dann jedoch zerriss eine Explosion die Nacht, die noch im Umkreis von Meilen zu hören war, und eine Staubwolke erhob sich in den Himmel, als sei nördlich von Brixworth ein Vulkan ausgebrochen. Die herbeigeeilten Dorfbewohner sollten bloß noch einen riesigen Krater vorfinden, in dem Trümmer der Holzschuppen lagen und in dessen Mitte die qualmenden Überreste einer Cauliflower der London and North Western Railway mit der Nummer 115 standen. Wie die Lokomotive dorthin gekommen war, erfuhren sie nie.

 

KAPITEL 14: DAS TIER IST ERWACHT

»et vidi de mare bestiam ascendentem habentem capita septem et cornua decem et super cornua eius decem diademata et super capita eius nomina blasphemiae. […] et datum est ei os loquens magna et blasphemiae et data est illi potestas facere menses quadraginta duo / et aperuit os suum in blasphemias ad Deum blasphemare nomen eius et tabernaculum eius et eos qui in caelo habitant / et datum est illi bellum facere cum sanctis et vincere illos et data est ei potestas in omnem tribum et populum et linguam et gentem / et adorabunt eum omnes qui inhabitant terram …«

– Offenbarung, Kap. 13, Verse 1,5–8 (nach der Biblia Sacra Vulgata)

21. April 1897, 22:15 Uhr GMT (23:15 Uhr Ortszeit)Italien, Rom, Monte Pincio

Ein sternenklarer Himmel spannte sich über der Ewigen Stadt. Die heraufziehende Kühle der Nacht ließ die Erinnerung an einen warmen Frühlingstag zunehmend verblassen, und ein leichter Westwind wehte den schalen Geruch des Tibers durch die engen Gassen und über die weiten Plätze. Das lebhafte Treiben des Tages hatte spürbar nachgelassen. Nächtliche Stille breitete sich über den Kuppeln der vielen Kirchen und den allgegenwärtigen steinernen Zeugen der mehr als zweitausendjährigen Geschichte Roms aus.

Eine Ausnahme bildete die Piazza del Popolo. Der ganz im Norden der Stadt liegende Platz war der Ausgangspunkt aller Fahrten von Rom aus in Richtung Norden. Dementsprechend gab es – von der tiefen Nacht abgesehen – kaum eine Tageszeit, an der nicht irgendwelche Kutschen und Karren von Händlern und Überlandreisenden eintrafen und abfuhren.

Als Pietro Araldo mit seiner Kutsche den Platz erreichte, war gerade eine größere Gesellschaft damit beschäftigt, am Fuß des in der Mitte des Platzes aufragenden Obelisken in bereitstehende Gefährte einzusteigen. Die jungen Männer machten dabei so viel Lärm, dass sie die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf sich zogen. Niemand achtete auf die schlichte, zweispännige Kutsche mit den dunklen Vorhängen, und das war Pietro sehr lieb so.

Oft genug war er in offiziellem Auftrag der Römischen Kurie in Rom oder anderen Städten Italiens unterwegs, prachtvoll gekleidet und in prunkvollen Karossen fahrend. An Abenden wie diesem jedoch war Heimlichkeit das Gebot der Stunde, denn dann diente er einer Organisation, die es nach dem Wissen gewöhnlicher Bürger und auch der meisten Angestellten und Kirchenmänner des Heiligen Stuhls überhaupt nicht gab.

Der Kutscher lenkte den Zweispänner am Ostrand des Platzes entlang und verließ die Stadt dann durch die Porta del Popolo. Die mächtige Stadtmauer zu ihrer Rechten fuhren sie einer gewundenen Straße folgend den Pinciohügel hinauf, der direkt östlich der Piazza del Popolo aufragte. Ein Großteil der parkähnlichen Anlagen des Hügels gehörte zum Sommerpalast des Borghesischen Fürstengeschlechts. Doch es gab auch andere Villen wohlhabender Bürger Roms, deren Besitzer sich ein wenig Abgeschiedenheit und einen wundervollen Blick über die Ewige Stadt mit wahren Unsummen oder dem ein oder anderen persönlichen Gefallen erkauft hatten.

Die Villa, der Pietros Kutsche sich schließlich näherte, lag inmitten hoher Bäume an der nordwestlichen Ecke des Pinciohügels und bot einen wundervollen Ausblick auf die Tiberebene vor den Mauern Roms. Das Gebäude war aus hellem Stein errichtet, und Säulen zierten seine Fassade. Der erste Stock und das Dachgeschoss waren zartrosa getüncht, die Fenster wiesen breite weiße Rahmen auf. Das etwas erhöht liegende Portal an der Südfront konnte über zwei geschwungene Freitreppen erreicht werden, die einen halbrunden Eingangsbereich einfassten. Schlanke Säulen trugen ein ebenfalls halbrundes Flachdach, auf dem sich ein durch ein schwarz brüniertes Metallgeländer und hüfthohe, steinerne Zinnen begrenzter Balkon befand. Kelchartige Tonkrüge mit niedrigen Palmwedeln standen darauf.

Der Kutscher bog in den kreisförmigen Vorplatz ein und hielt dann direkt vor dem Eingang. Pietro wartete nicht, bis sein Fahrer vom Kutschbock abgesprungen war und ihm die Tür geöffnet hatte, sondern stieg gleich aus. Er nickte dem Mann dankend zu, bevor er die linke der beiden Treppen erklomm und im Schein der an den Hauswänden hängenden Öllaternen an die hohe, schwere Holztür klopfte.

Ein livrierter Diener in mittleren Jahren öffnete. »Sie wünschen?«, fragte er.

»Zu Signora Diodato, bitte.«

»Wen darf ich melden?«

Statt einer Antwort hielt ihm Pietro eine kleine Karte mit einem Wappen hin. Es zeigte zwei gekreuzte Schlüssel unter einer päpstlichen Tiara und davor einen weißen Schild mit einem eingekreisten goldenen Templerkreuz und den Insignien O.C.M.

»Verstehe. Bitte treten Sie ein«, sagte der Diener, ohne die Karte entgegenzunehmen, und zog die Tür weiter auf. Nachdem Pietro der Einladung Folge geleistet hatte, schloss der Bedienstete sie wieder. »Wenn Sie höflicherweise in der Halle warten würden. Ich lasse die Signora wissen, dass sie Besuch hat.«

»Selbstverständlich.« Während der Diener eine geschwungene Marmortreppe hinaufstieg, verschränkte Pietro die Hände hinter dem Rücken und tat so, als würde er interessiert die Statuen römischer Gottheiten betrachten, die in dem Raum entlang der Wände aufgestellt waren: den mächtigen Jupiter mit einem zum Schleudern bereiten Blitz, Neptun, liegend und umspielt von Wellen, sowie eine erstaunlich detaillierte Minerva, die ihn, bewehrt mit Schild und Speer, aus kalten Augen anblickte. Natürlich kannte er die steinernen Figuren bereits ebenso gut wie den Rest der Einrichtung. Er besuchte dieses Haus nicht zum ersten Mal.

»Pietro Araldo, was für ein unerwartetes Vergnügen«, erklang eine Stimme hinter und über ihm. Es war eine wohlklingende Frauenstimme, dunkel und samtig wie eine Sommernacht in der Campagna vor den Toren Roms.

Er drehte sich um und deutete eine Verbeugung an. »Signora Diodato. Es ist mir wie immer eine Ehre und Freude, Sie zu sehen.«

Die hochgewachsene Dame, die am oberen Treppenabsatz stand, war etwas älter als Pietro, vielleicht Anfang vierzig. Das tat ihrer atemberaubenden Schönheit jedoch keinen Abbruch. Langes, dunkles Haar fiel ihr in schimmernden Wellen über den Rücken, den sie mit der Anmut und Disziplin einer Tänzerin gerade hielt. Ihre ganze Haltung, jede auch noch so kleine Geste, zeugte davon, dass Diodato sich ihres an weiblichen Reizen alles andere als armen Körpers vollständig bewusst war und ihn sehr gezielt einsetzte, um zu bekommen, was immer sie begehrte. Und Pietro wusste, dass sie damit meist Erfolg hatte.

Sie trug einen bodenlangen mitternachtsblauen Seidenmorgenmantel, den sie mit einer schmalen, um die Hüften geschlungenen Schärpe geschlossen hielt, allerdings bewusst so nachlässig, dass am Dekolleté die Spitze eines durchscheinenden Nachtgewands hervorlugte. Pietro konnte sich lebhaft vorstellen, dass konservativere Vertreter des Vatikans sie für solch ein lasterhaftes Kleidungsstück am liebsten umgehend mit Acht und Bann belegt hätten. Zum Glück wussten sie nichts davon, und abgesehen davon war Diodato so wertvoll für den Kirchenstaat, dass die Gottesmänner ihr die eine oder andere zusätzliche Sünde durchgehen ließen.

Der Morgenmantel raschelte leise, als sie barfuß die Marmortreppe zu ihm herunterkam. Ihre dunklen Augen waren unverwandt auf ihn gerichtet, als versuche sie an seiner stoischen Miene abzulesen, mit welchem Auftrag er sie diesmal aufgesucht hatte. Vielleicht versuchte sie es auch in seinen Gedanken zu lesen. Wer konnte das schon wissen? Die Vorstellung veranlasste Pietro, unbehaglich das Gewicht von einem Fuß auf den anderen zu verlagern. Er wünschte sich, er wäre imstande, sich vor Diodatos Gaben abzuschirmen. Aber er war nur ein gewöhnlicher Bote und manchmal Botschafter. Er gehörte nicht wie Diodato zu den Berührten, die vom Heiligen Geist erfüllt und für immer verändert worden waren.

»Folgen Sie mir in den Salon«, gebot seine Gastgeberin ihm, als sie elegant an ihm vorüberschritt. Ein Duft von Lavendel umwehte sie an diesem Abend.

Der Salon befand sich an der Westseite des Hauses und besaß eine großzügige Fensterfront, die einen weiten Blick über die Tiberebene bot. Weitere Steinstatuen, diesmal von Nymphen und römischen Helden, zierten den Raum neben bauchigen Tongefäßen, in denen Palmgewächse sprossen. Die Nordwand bedeckte ein Panoramagemälde der Hügellandschaft um Rom, eine Fortsetzung dessen, was man durch die Fenster im Westen sehen konnte. Mehrere Sofas und andere Sitzgelegenheiten standen in loser Anordnung beisammen, flankiert von zierlichen Tischen. Auf zweien von ihnen luden Obstschalen den Gast zum Zugreifen ein, ein weiterer hielt ein Karaffe mit Wein und eine zweite mit Wasser bereit.

»Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?«, erkundigte sich Diodato und deutete auf den Wein.

Pietro schüttelte den Kopf. »Nein, danke, Signora Diodato.«

»Sie sind zu enthaltsam, Signore Araldo.« Sie wandte sich an ihren Diener, der ihnen im Abstand von einigen Schritten gefolgt war. »Aber ich hätte gerne ein Glas Rotwein, Giuseppe.«

»Sehr wohl, Signora.« Der Bedienstete ging zu dem Tisch mit der Karaffe, schenkte etwas Wein in ein bereitstehendes Glas und reichte dieses Diodato.

»Vielen Dank, Giuseppe. Das wäre dann alles«, sagte sie.

»Sehr wohl, Signora.« Der Diener drehte sich um und verließ den Raum.

Nachdem er die Türen hinter sich geschlossen hatte, schlenderte die Hausherrin zu einem bequem wirkenden Kanapee und ließ sich in einer fließenden Bewegung darauf nieder. Mit einer winzigen Geste prostete sie Pietro zu. In ihren Augen glitzerte es wie in denen einer Katze, die mit einer Maus spielen will. »Dann erzählen Sie mal, Pietro, was Sie um diese späte Stunde zu mir geführt hat. Es wird wohl nicht die Sehnsucht gewesen sein, oder?« Wie beiläufig fuhren die Finger ihrer linken Hand über den Seidenstoff ihres Dekolletés. Um ihre Mundwinkel zuckte es.

Pietro zwang sich, seine unbeteiligte Miene aufrechtzuerhalten. Es war ein Spiel, das sie schon seit Jahren spielten. Diodato wollte einfach nicht verstehen, dass es Gottesmänner gab, für die Zölibat und Askese mehr als nur scheinheilige Worte waren. Bislang hatte er ihren Verführungsversuchen immer widerstanden – auch wenn sie es ihm gelegentlich alles andere als leicht gemacht hatte.

Am heutigen Abend wirkte ihr Tun eher wie eine Neckerei unter Freunden. Daher enthielt er sich einer tadelnden Antwort und schüttelte bloß den Kopf. »Ich bedaure, Signora. Ich bin gekommen, um Sie abzuholen. Der Monsignore möchte Sie sehen.«

Diodato hob eine geschwungene Augenbraue. »Es ist reichlich spät für einen Ausflug in die Stadt.«

»Es sind ungewöhnliche Umstände, die ihn dazu bewogen haben, nach Ihnen schicken zu lassen, obwohl der Abend schon fortgeschritten ist«, erklärte Pietro.

Ihrem Blick nach zu urteilen, erwartete sie eine etwas ausführlichere Erklärung.

»Er hat mich selbstverständlich nicht in Einzelheiten eingeweiht. Ich bin lediglich ein Werkzeug der Kongregation. Aber er ließ durchblicken, dass es zu einer besorgniserregenden Verschiebung der Machtverhältnisse in England gekommen sein soll.«

Gedankenvoll nippte Diodato an ihrem Wein. »Was Sie nicht sagen …«, murmelte sie. »Ist es möglich, dass Dunholm vom Thron gestürzt wurde?«

Sie hatte die Frage nicht an ihn gerichtet, daher enthielt sich Pietro einer Antwort.

Einen Augenblick lang herrschte Schweigen zwischen ihnen.

»Also gut«, sagte Diodato. Sie nahm noch einen Schluck Wein, stellte das Glas anschließend neben sich auf den Tisch und stand auf. »Ich ziehe mich rasch um und komme dann zur Kutsche. Finden wir heraus, was ich für die Magieabwehr seiner Heiligkeit tun kann.«

Trutzig erhob sich der steinerne Koloss der Engelsburg am Ende der Engelsbrücke, die Rom über den Tiber hinweg mit dem Vatikan verband. Vor fast zweitausend Jahren als Mausoleum des Kaisers Hadrian errichtet, war die Burg im Laufe der Jahrhunderte immer weiter zur Festung ausgebaut worden und hatte zwischenzeitlich sowohl als Zuflucht wie auch als Gefängnis der Päpste gedient. Vor knapp dreißig Jahren war sie dem italienischen Staat überantwortet worden, der sie ebenfalls als Militärstützpunkt und Gefängnis genutzt hatte. Im Augenblick mehrten sich unterdessen die Bestrebungen, die Feste der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und Teile ihres Inneren in ein Museum zu verwandeln.

Kaum jemand wusste, dass die Engelsburg bereits seit mehr als vierhundert Jahren zugleich einem weiteren, weitaus geheimeren Zweck diente. 1484 war – zunächst als Teil der päpstlichen Inquisition – unter der Ägide Papst Innozenz VIII. eine besondere Einrichtung ins Leben gerufen worden, das Officium contra Magiae, allgemein auch als Magieabwehr bezeichnet. Der bedeutende Unterschied zur gewöhnlichen Inquisition lag darin, dass der ausgewählte Zirkel der Mitarbeiter dieses Officiums sehr wohl wusste, dass es tatsächlich Dinge zwischen Himmel und Erde gab, die gefährlicher waren als junge, allzu widerspenstige Frauen und alte Kräuterweiblein, denen man aus unterschiedlichsten Gründen – meist Missgunst oder Verfolgungswahn – einen Pakt mit dem Teufel andichtete.

Während sich in den ersten, radikalen Jahrzehnten die Aufgabe der Magieabwehr, ihrem Namen entsprechend, vor allem darin erschöpft hatte, echte Hexen und Zauberer aus dem Weg zu räumen, um diesen als widernatürlich empfundenen Makel vom Angesicht der Erde Gottes zu tilgen, war das Interesse der Streiter des Ewigen Lichts, wie die Mitarbeiter des Officiums sich mitunter selbst nannten, an diesem außergewöhnlichen Phänomen mit der Zeit immer größer geworden.

In den letzten zwei Jahrhunderten hatte sich das Officium schließlich nicht nur von der gewöhnlichen Inquisition gelöst, sondern auch die Verfolgung magischer Phänomene durch das Studium selbiger ergänzt. Denn man hatte erkannt, dass es einerseits unmöglich sein würde, die Magie als Ganzes zu besiegen, und dass sich andererseits bereits in verschiedenen Staaten weltweit geheime Orden und Gesellschaften von Magiekundigen gebildet hatten – zum Teil gar mit dem Wissen und Segen der jeweiligen Obrigkeit. Außerdem hatten einzelne Streiter des Officiums, die sich besonders intensiv dem Studium magischer Phänomene verschrieben hatten, begonnen, Gaben zu entwickeln, die beunruhigend nach Magie aussahen.

Um mit dieser neuen Situation angemessen umgehen zu können, hatte das Officium – eigenmächtig und ohne seine Vorgesetzten mit Einzelheiten zu belästigen – einen Paradigmenwechsel eingeläutet, mit dem weitreichende Reformen seines Aufgabenfelds einhergegangen waren. So hatte man entschieden, dass es bloß eine Möglichkeit gab, mit etwas umzugehen, das man nicht bezwingen konnte: Man musste versuchen, es zu beherrschen. Und so hatte das Officium, während es nach außen weiterhin seiner Arbeit als Bekämpfer der Magie nachgegangen war, im Verborgenen enorme Anstrengungen unternommen, nicht nur alle bekannten Magiervereinigungen zu unterwandern, sondern zugleich wenn schon nicht zum größten, so doch zum kundigsten und bestausgestatteten Orden des ganzen Erdballs aufzusteigen. Natürlich gab es in den Reihen der Streiter des Ewigen Lichts keine Magier. Stattdessen bezeichnete man jene, die sich veränderten – und gezielt verändert wurden – als Berührte, als beseelt vom Heiligen Geist.

Was für eine Heuchelei, dachte Lionida spöttisch, während ihre Kutsche die Engelsbrücke verließ, ungehindert zwei Wachposten passierte und vom Portal der Engelsburg, einem finsteren Loch in der meterdicken Außenmauer, verschluckt wurde. Doch auch wenn sie die Versuche einiger Mitarbeiter des Officiums, ihren Umgang mit der Magie religiös zu verbrämen, innerlich belächelte, hätte sie die Aufgabe und Daseinsberechtigung der Magieabwehr selbst niemals infrage gestellt. Macht war ein gefährliches Spielzeug und gehörte in die Hände jener, die genügend moralisch gefestigt waren, sie verantwortungsvoll und zum Besten der Menschheit einzusetzen. Außerdem wurde Lionida – eine alleinstehende, unabhängige Frau mit gewissen Ansprüchen ans Leben – vom Officium für ihre Mitarbeit fürstlich bezahlt. Das war weiß Gott keine Selbstverständlichkeit, und sie empfand gegenüber Monsignore Donatello Castafiori, dem gegenwärtigen Leiter des Officiums, tiefe Dankbarkeit, dass er ihr in einer schwierigen Phase ihres Lebens eine helfende Hand geboten und im Folgenden ihre besonderen Begabungen stets höher gewichtet hatte als ihren in den Augen mancher Gottesmänner fragwürdigen Lebenswandel. Diese Güte belohnte sie ihm mit einer Treue, die sie sonst keinem Mann in ihrem Leben hatte zuteilwerden lassen. Sie würde tun, was Castafiori von ihr verlangte – dazu zählte auch, ihn aufzusuchen, wann immer er nach ihr rufen ließ.

Die Kutsche fuhr eine breite, spiralförmig innerhalb der Mauern verlaufende Rampe hinauf in den Innenhof der Burg. Dort kam sie zum Stehen, und Pietro Araldo, der Lionida die ganze Fahrt über ein schweigender Begleiter gewesen war, erhob sich, um die Tür zu öffnen und ihr beim Aussteigen zu helfen. Es handelte sich um eine Geste der Höflichkeit, nicht der Notwendigkeit. Lionida mochte eine Frau sein, aber schwach oder hilfsbedürftig war sie deshalb keineswegs. In der Tat hätte es sie gewundert, wenn es innerhalb der Engelsburg auch nur einen Mann gegeben hätte, der ihr körperlich ebenbürtig gewesen wäre. Die Agenten ausgenommen, schränkte sie in nüchterner Selbsteinschätzung ein.

Unter der Führung Araldos überquerte sie den Hof, doch statt sich dem Hauptgebäude zuzuwenden, das die Kommandantur der kleinen, hier stationierten Garnison beherbergte und auf dessen Dach die wehrhaft mit gezogenem Schwert wachende Bronzefigur des Erzengels Michael stand, wandte sich der Bote einem Nebentrakt zu, in den man durch ein Portal gelangte, auf dem das Wappen der Inquisition prangte.

Offiziell gehörte dieser Trakt einer eher unbedeutenden und einzig aus historischen Gründen in der Engelsburg beheimateten Außenstelle der Kongregation der römischen und allgemeinen Inquisition. In Wahrheit dienten die bescheiden eingerichteten Kammern jedoch bloß als Fassade für die eigentlichen Räumlichkeiten des Officiums, die man über einen in die Tiefe der Engelsburg führenden Geheimgang erreichte. Außer den zehn Geistlichen der Kongregation, die alle auch für das Officium arbeiteten, kannten Lionidas Wissen nach nur der Garnisonskommandant, ein von Castafiori eingesetzter Verbindungsmann zum italienischen Nachrichtendienst sowie der gegenwärtige Papst, Leo XIII., diesen Gang – wobei es hieß, dass Letzterer bei seiner Amtseinführung klargemacht habe, dass er sich für derlei übersinnlichen Unsinn nicht interessiere, solange es weitaus drängendere politische und soziale Probleme zu bewältigen gäbe. Castafiori hatte ihm daraufhin den Gefallen getan und ihn nicht länger mit Informationen über die Arbeit des Officiums behelligt. Seine Heiligkeit hatte im Gegenzug davon abgesehen, sich Gedanken darüber zu machen, was mit den Mitteln geschah, die diesem diskreten Teil der Kurie zuflossen.

Die beiden Besucher gingen durch die leeren, dunklen Zimmer bis in eine kleine Kammer im hinteren Teil des Gebäudes, die ihrer Einrichtung nach – es gab einige Bänke und einen kleinen Altar – ein Andachtsraum hätte sein können. Tatsächlich aber stellte sie den Eingang zum Machtzentrum des Officiums dar.

Während Araldo an eine bestimmte Stelle in der übermannshohen Holzvertäfelung des Raumes trat, wechselte Lionida mehrmals in die Wahrsicht und wieder zurück. Es erstaunte sie immer wieder, wie perfekt die Geheimtür in der Wand verborgen lag. Für gewöhnliche Sinne war sie praktisch unauffindbar, sofern man nicht wusste, wo man suchen musste. Und selbst in der Wahrsicht verbarg sich das Fadenwerk, das die Tür mit der sie umgebenden Vertäfelung verband, so gut, dass es eines scharfen Auges bedurfte, um es zu bemerken.

Lionidas Begleiter öffnete die Geheimtür, und gemeinsam folgten sie dem in der Mauer der Engelsburg verlaufenden Gang bis in den von Papst Alexander VI., dem Nachfolger von Innozenz VIII., im Rahmen größerer Ausbauarbeiten an der Engelsburg eingerichteten Trakt, der auf keinem historischen Bauplan existierte und in dem das Officium contra Magiae untergebracht war. Araldo zog an einer neben der Eingangspforte hängenden Kordel, und eine verborgene Glocke läutete. Es dauerte einen Moment, aber dann vernahmen sie Geräusche hinter der Tür, als jemand im Inneren sowohl die eisernen als auch die magischen Riegel entfernte.

»Kaplan Bigotto«, grüßte Lionida mit einem Neigen des Kopfes den jungen Priester, der ihnen öffnete.

»Guten Abend, Signora Diodato!« Ihr Gegenüber lächelte etwas gezwungen.

Es war kein Geheimnis, dass Bigotto sie für eine Sünderin hielt, aber damit konnte Lionida gut leben, denn sie wusste, dass seine Abneigung ihr gegenüber lediglich seine Art war, das Unwohlsein zu überspielen, das er in ihrer Gegenwart verspürte. Nicht nur gingen Lionidas Gaben weit über die seinen hinaus, sie war zudem eine außergewöhnlich gut aussehende Frau, und wie die meisten jungen Geistlichen, die Castafiori in den letzten Jahren in die Reihen des Officiums berufen hatte, musste auch Bigotto erst einmal mit seinen Gefühlen für die Handvoll weiblicher Magieragenten ins Reine kommen, die im Dienst des Heiligen Stuhls standen. Er würde im Laufe der Zeit ruhiger werden – entweder weil sein Glaube ähnlich stark wurde wie der von Pietro Araldo, oder weil er sich in der Stadt eine heimliche Geliebte nahm.

Während Bigotto die Pforte hinter ihnen wieder verriegelte und sich anschließend seinen sonstigen Pflichten widmete, schritten Araldo und Lionida durch die Korridore des Officiums, vorbei an den Studierzimmern der Magietheoretiker, dem Geheimarchiv und dem Arsenal. Schließlich erreichten sie Castafioris Büro, und Araldo klopfte an.

»Kommen Sie herein«, drang eine Stimme durch die Tür.

Gemeinsam kamen sie der Aufforderung nach und betraten den ovalen, fensterlosen Raum dahinter. Am Tag fiel durch schmale Schächte in der dicken Mauer Licht ins Innere. Jetzt flackerten einige dicke Kerzen in einem fünfarmigen Kandelaber neben der Tür, und der schwere Schreibtisch, der im hinteren Teil des Raumes stand, wurde von einer verzierten Öllampe erhellt. Auf einem Lesepult in der Ecke lag eine aufgeschlagene Bibel. Alles in allem schien der Raum recht spartanisch eingerichtet, aber Lionida wusste, dass sich hinter der Holzvertäfelung an den Wänden mehr als ein in die Mauer eingelassener Schrank verbarg.

Donatello Castafiori erhob sich von seinem Stuhl, als seine Besucher hereinkamen. Er war ein schlanker, asketisch wirkender Mann um die sechzig, mit langem, ernst wirkendem Gesicht. Die mehr als zwei Jahrzehnte, die er nun schon die Verantwortung für das Officium trug, hatten dauerhafte Falten in seine hohe Stirn gegraben, doch in seinen Augen lag eine unerschütterliche Entschlossenheit, die Lionida immer wieder inspirierte, nicht weniger als ihr Bestes zu geben, wenn sie für diesen Mann arbeitete.

»Lionida, treten Sie näher. Es ist schön, Sie mal wieder zu sehen.« Lächelnd umrundete Castafiori den Schreibtisch und hielt ihr die Rechte mit dem Siegelring seines Amtes hin.

»Die Freude ist ganz meinerseits, Exzellenz«, sagte Lionida, machte einen Knicks und küsste den Ring. Es war eine der wenigen Gesten der Unterwerfung, bei der sie keinen inneren Widerwillen verspürte.

»Benötigt Ihr meine Dienste noch?«, fragte Araldo von der Tür her.

»Nein, vielen Dank, Signore Araldo«, erwiderte Castafiori.

Lionidas Führer nickte und zog sich zurück, wobei er die Tür hinter sich wieder schloss.

Lionida faltete die Hände vor dem Körper. »Also, was führt mich zu Euch?«, wollte sie wissen.

Das Lächeln auf Castafioris Miene verschwand. »In den letzten Tagen wurde die magische Sphäre auf bisher nicht da gewesene Weise erschüttert«, sagte er ernst.

Lionida neigte in gelinder Verwunderung den Kopf. »Ich nehme nicht an, dass Ihr von dem Machtwechsel sprecht, zu dem es innerhalb des Order of the Silver Circle kam.«

»Araldo hat Ihnen schon davon erzählt?«, fragte Castafiori.

»Was er eben darüber wusste«, erwiderte Lionida mit einem Schulterzucken. »Es war nicht viel.«

»Viel wissen wir leider auch nicht. Aber das wenige ist erschreckend genug.« Der Leiter der Magierabwehr verschränkte die Hände hinter dem Rücken und begann langsam im Raum auf und ab zu gehen. »Vor nicht einmal zwei Stunden kam es, wie Sie selbst sagten, zu einem Machtwechsel. Lordmagier Victor Mordred Wellington hat die Macht an sich gerissen und die alte Führungsriege, sofern sie nicht ohnehin bereits zu seinen Mitverschwörern zählte, eingesperrt. Zuvor hat es bereits mehrere Tote gegeben. Unter anderen wurde der ehemalige Erste Lordmagier Albert Dunholm ermordet, und auch sein Stellvertreter Lord Cheltenham ist tot.«

Diese Eröffnung veranlasste Lionida, die Augenbrauen zu heben. Dabei erstaunte sie weniger die Schnelligkeit, mit der die Neuigkeiten die Entfernung von London bis nach Rom überbrückt hatten – das O.C.M. war bereits seit einem halben Jahr dabei, seine Spione durch ein magisch verstärktes, drahtloses Telegrafienetz zu verbinden, dessen Grundkonzept es vor zwei Jahren von einem italienischen Wissenschaftler namens Marconi erworben hatte. Doch das Gesagte selbst gab durchaus Anlass zur Verwunderung – und zur Sorge. »Das klingt alles ungewöhnlich radikal für unsere englischen Nachbarn. Ich hielt den Orden bislang eher für eine Teerunde alter Herren.«

Castafiori warf ihr einen bedeutungsvollen Blick zu. »Offensichtlich hat sich das in jüngster Zeit geändert. Über gewisse Spannungen waren wir schon eine ganze Weile im Bilde. Aber dass sich die Dinge dermaßen überschlagen könnten … Damit hat wohl niemand gerechnet. Und es kommt noch schlimmer.«

»Inwiefern?«

Schweigend ging Castafiori zu der aufgeschlagenen Bibel hinüber, senkte den Blick und legte eine Hand auf den Einband. »Und ich sah ein Tier aus dem Meer steigen, das hatte zehn Hörner und sieben Häupter und auf seinen Hörnern zehn Kronen und auf seinen Häuptern lästerliche Namen …«, las er vor. Er hob den Kopf und sah Lionida an. In seinen Augen flackerte ein dumpfes Grauen, das sie noch nie zuvor so bei ihm gesehen hatte, während er auswendig fortfuhr: »Und es wurde ihm ein Maul gegeben, zu reden große Dinge und Lästerungen, und ihm wurde Macht gegeben, es zu tun zweiundvierzig Monate lang. Und es tat sein Maul auf zur Lästerung gegen Gott, zu lästern seinen Namen und sein Haus und die im Himmel wohnen. Und ihm wurde Macht gegeben, zu kämpfen mit den Heiligen und sie zu überwinden; und ihm wurde Macht gegeben über alle Stämme und Völker und Sprachen und Nationen. Und alle, die auf Erden wohnen, beten es an …«

»Die Offenbarung des Johannes«, murmelte Lionida verwirrt. »Was wollt Ihr mir damit sagen?«

»Den Berichten unseres Spions zufolge hat Wellington das Tier aus dem Meer gerufen, und wenn wir nicht eingreifen, wird es die Welt verschlingen.«

»Ich verstehe nicht.« Sie glaubte nicht, dass Castafiori von einem Seeungeheuer sprach.

Ihr Gegenüber nahm die Hand von der Bibel und legte sie wieder hinter den Rücken. »Wir haben erfahren, dass Lordmagier Wellington mitten im Atlantik die Wahre Quelle der Magie gefunden und das Siegel gebrochen hat.«

»Die Wahre Quelle der Magie?«, fragte Lionida. »Ich dachte, sie wäre nur ein Mythos.«

»So, wie es aussieht, nicht«, erwiderte Castafiori trocken. »Die Quelle scheint an die Oberfläche zurückgekehrt zu sein und speit seitdem, einem Vulkan gleich, ununterbrochen rohe Magie in unsere Welt. Das erklärt ein Phänomen, das wir bereits seit einigen Tagen beobachten und für das wir bislang keine schlüssige Erklärung hatten …«

»Die Magie wird stärker«, kam ihm Lionida zuvor. Sie nickte langsam. »Ich habe es ebenfalls gespürt, mir aber nichts dabei gedacht.« Genau genommen hatte sie es als eine der zufälligen Schwankungen, wie sie immer mal wieder vorkamen, abgetan und sich über die Kopfschmerzen und die Übelkeit geärgert, die ihr vor drei Nächten einen wunderbaren Abend mit einem jungen Adligen aus der Stadt verleidet hatten.

»Ich denke, wir alle haben es auf die eine oder andere Art gespürt. Und die meisten von uns haben sich wohl zunächst nicht den Kopf darüber zerbrochen. Unsere Magispectoren brauchten fast einen Tag, bis sie merkten, dass irgendetwas Gewaltiges im Gange war. Und anfangs konnten wir uns auch gar keinen Reim darauf machen. Erst jetzt, da uns diese beunruhigende Botschaft aus London erreicht hat, fügen sich alle Teile zu einem Bild zusammen. Und dieses Bild zeigt uns das Ende der Welt, wie sie bisher existierte.«

Es waren erschütternde Worte, die Castafiori wählte, aber für Lionida war und blieb die Bedrohung abstrakt. Das Ausmaß dieser magischen Katastrophe – wenn es sich wirklich um eine handelte, denn offensichtlich gab es Menschen wie Wellington, die sich von der legendären Quelle etwas Nutzbringendes versprachen – entzog sich ihrem Verständnis. »Was wünscht Ihr, dass ich unternehme?«, stellte sie daher die einzige Frage, die im Augenblick für sie zählte.

Der Leiter der Magieabwehr begab sich zu seinem Schreibtisch zurück, setzte sich und faltete die Hände auf der Tischplatte. »Ich möchte, dass Sie sich nach London begeben, Lionida. Finden Sie heraus, was genau dort vor sich geht, und tun Sie, was nötig ist, um das Gleichgewicht der Kräfte wiederherzustellen.«

»Soll ich Wellington ausschalten?«

»Ich fürchte, das wird Ihnen nicht möglich sein. Wenn Wellington die Wahre Quelle der Magie geöffnet hat, dürfte er sich so stark verändert haben, dass er kaum noch ein Mensch ist. Seine Kräfte werden den Ihren weit überlegen sein. Also nähern Sie sich ihm – wenn überhaupt – nur mit äußerster Vorsicht.«

»Ich verstehe«, sagte Lionida. »Welche Vorgehensweise schlagt Ihr stattdessen vor?«

»Verbünden Sie sich mit dem Widerstand!«, riet Castafiori ihr. »Finden Sie die Gegner Wellingtons, und helfen Sie ihnen, so gut es geht. Versuchen Sie im Gegenzug so viele Informationen wie möglich über die Quelle und – wichtiger noch – ihre genaue Lage im Atlantik zu gewinnen. Denn letztendlich ist es nicht damit getan, Wellington unschädlich zu machen. Auch um die Quelle müssen wir uns kümmern, ansonsten ist all das, was wir uns in den letzten Jahrhunderten aufgebaut haben, hinfällig.«

»Wie stellt Ihr Euch das vor?«, fragte Lionida belustigt. »Es wird wohl kaum einen Deckel geben, den man einfach über die Quelle stülpen kann, um sie wieder zu verschließen.«

»Natürlich nicht. Es ist alles ein wenig komplizierter«, erwiderte ihr Gegenüber. »Aber mit alldem möchte ich Sie im Moment noch gar nicht belasten. Sie erfahren, was zu tun ist, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist.«

Lionida warf ihm einen spöttischen Blick zu. »Bloß kein Wagnis eingehen, nicht wahr? Ich könnte schließlich in die Hände des Feindes fallen.«

Castafiori neigte würdevoll den Kopf. Wenn ihr Tonfall ihn verletzt hatte, zeigte er es jedenfalls nicht. »Ich bin in dieser heiklen Situation lieber etwas zu vorsichtig.«

»Zweifellos zu Recht.« Lionida nickte. »Also gut. Ich reise nach London, suche die Anhänger Dunholms, und dann sehen wir weiter. Ich werde gleich eine Überfahrt buchen.«

Der Leiter der Magieabwehr schüttelte den Kopf. »Das wird nicht nötig sein. Wir werden Sie auf anderem Wege nach England bringen.«

»Auf anderem Wege?«, wiederholte Lionida mit milder Neugierde.

Donatello Castafiori schenkte ihr ein dünnes Lächeln. »Sagen wir es einmal so: Sie werden ein wenig Rückendeckung haben – nur für den Fall …«

21. April 1897, 22:24 Uhr GMTEngland, London, geheime Hallen des Ordens des Silbernen Kreises

Mit einem dumpfen Hallen fiel die schwere eisenbeschlagene Holztür hinter ihnen ins Schloss. Dem Laut haftete etwas Endgültiges an, das in Jonathan unwillkürlich die unangenehme Frage aufkommen ließ, ob diese Finsternis, in die man ihn gemeinsam mit einem guten Dutzend anderer Magier gestoßen hatte, wohl das Letzte sei, was er in diesem Leben zu sehen bekäme.

Unbehaglich schaute er sich um. Es war stockfinster in dem Raum, der zu einem Kellerbereich in einem abgelegenen Teil der Unteren Guildhall gehörte. Nicht einmal ein Rest von Licht, an den sich seine Augen hätten gewöhnen können, existierte. Darüber hinaus war es bitterkalt. Die Luft roch feucht und leicht abgestanden, und es lag die Ahnung von noch etwas anderem darin, das Jonathan im Augenblick nicht richtig einordnen konnte. Krankheit und Tod?, schlug eine Stimme in seinem Inneren vor, aber er brachte sie rasch zum Schweigen.

Um ihn herum bewegten sich seine Mitgefangenen mit vorsichtigen Schritten durch die Dunkelheit. Unter ihnen waren Kendra, Holmes, Cutler, der schottische Leiter der Magieabwehr Drummond und einer seiner Untergebenen sowie die unterdrückt schluchzende Miss Spellman und der grauhaarige Gentleman, der sich ihrer angenommen hatte. Dazu kamen fünf oder sechs andere Magier, die ihnen zugeordnet worden waren, als die Anhänger des Usurpators Wellington die ungefähr sechzig Ordensmitglieder, die dem wahnsinnigen Lordmagier die Gefolgschaft verweigerten, in vier Gruppen geteilt hatten, um sie dann nacheinander aus der Großen Ratskammer zu führen und in den Tiefen der Unteren Guildhall einzusperren.

»Das ist das Ende! Wir werden alle sterben«, vernahm Jonathan die angstvoll klingende Stimme von Miss Spellman im Dunkeln.

»Nein, meine Liebe. Das werden wir sicher nicht«, versuchte der ältere Magier an ihrer Seite sie zu beruhigen. »Könnte freundlicherweise jemand versuchen, Licht zu machen?«, wandte er sich an die übrigen Anwesenden.

Zwei gelbliche Lichtpunkte, mehr zu erahnen, als wirklich zu erkennen, glommen direkt neben Jonathan auf. »Würden Sie bitte kurz schweigen?«, bat Holmes.

Es gab ein klatschendes Geräusch, anschließend noch eines und noch eines. Es wiederholte sich regelmäßig, während der Magier sich langsam von Jonathan und den anderen entfernte.

»Was macht er da, Mister Cutler?«, erkundigte sich Jonathan leise in die Richtung, in der er den ehemaligen Sekretär des Ersten Lordmagiers Albert Dunholm vermutete.

»Er schaut sich im Raum um«, flüsterte dieser. »Es ist Ihnen möglicherweise noch nicht bewusst, aber unsere Fähigkeit, in der Wahrsicht die Welt zu erkennen, hängt wesentlich davon ab, welche Sinneseindrücke uns zur Verfügung stehen. In einem Raum, der so dunkel wie dieser ist, lässt sich auch mithilfe der Wahrsicht nicht viel ausmachen. Es sei denn, man schafft sich gezielt Fäden, indem man etwa in die Hände klatscht. Natürlich ist es etwas kniffliger, aus einem so kurzen Aufblitzen eines Fadenwerks Rückschlüsse auf die eigene Umgebung zu ziehen.«

»Wäre dann ein konstantes leises Murmeln nicht hilfreicher?«, wollte Jonathan wissen.

»Nicht unbedingt. Es erzeugt ein anhaltenderes, aber unschärferes Bild der Umgebung. Außerdem kommt man sich, verzeihen Sie den Ausdruck, wie ein Idiot vor, wenn man so vor sich hin murmelt«, erwiderte Cutler.

»Mister Cutler, das ist nicht hilfreich«, beschwerte sich Holmes auf der anderen Seite des Raumes.

»Ja, ich weiß. Verzeihen Sie! Ich bin schon still«, entschuldigte sich Cutler.

»Ah, nicht mehr nötig. Ich habe gefunden, was ich gesucht habe.«

»Und das wäre?«, fragte Jonathan.

»Eine Laterne«, erklärte Holmes ihm. Es gab ein metallisches Klacken, gefolgt von einem leisen Quietschen. »Wir haben Glück. Es ist noch ein Kerzenstummel darin. Hoffen wir, dass er ausreicht. Wäre jemand so nett, die Lampe zu halten, während ich meine Zündhölzer suche?«

»Geben Sie her!«, brummte eine volltönende Stimme mit unverkennbar schottischem Akzent. Jonathan nahm an, dass sie Drummond gehörte.

Diese Annahme wurde bestätigt, als ein Zündholz angerissen wurde, und die fingernagelgroße Flamme die Gesichter der beiden sich gegenüberstehenden Männer erhellte. Vorsichtig schob Holmes das Zündholz in die Laterne und entflammte den Docht. Ein sanfter gelber Lichtschein breitete sich im Raum aus, und der Magier nickte zufrieden.

Der Anblick, der sich ihnen bot, gab allerdings nicht viel Anlass zur Freude. Ein unebener Steinboden lag unter ihren Füßen, und nackte gemauerte Wände, die über ihren Köpfen gewölbeartig zusammenfanden und an denen die Feuchtigkeit glänzte, umgaben sie. Entlang der Wände reihten sich Steinquader, die wohl als Sitzbänke oder Schlafplätze dienen sollten. Und in unregelmäßigen Abständen ragten Reste von Metallringen aus dem Mauerwerk, die ebenso gut als Fackelhalter wie als Kettenhalterungen für Gefangene gedient haben mochten.

»Das nenne ich mal eine gastliche Unterkunft«, bemerkte Holmes sarkastisch, während er die Laterne hin und her schwenkte, um den ganzen Raum zu erfassen.

»Wo sind wir hier?«, fragte Jonathan. »Ist das ein Kerker?«

»Bedauerlicherweise, ja«, antwortete Cutler ihm. »Er stammt – wie alle Räumlichkeiten der Unteren Guildhall – aus den Gründerzeiten des Ordens vor vielen Jahrhunderten. Und leider gab es auch vor dem heutigen Tag schon dunkle Zeiten in der Geschichte des Ordens.«

»Das heißt, wir sind nicht die ersten Unglücklichen, die hier unten enden?« Seine Gedanken an Krankheit und Tod kehrten zurück.

Cutler schüttelte den Kopf. »Mit Sicherheit nicht. Allerdings dürfte es gute hundertfünfzig Jahre her sein, seit der letzte Gefangene hier einsaß. Auch damals herrschte ein Machtkampf innerhalb des Ordens. Und wenn ich mich recht entsinne, sperrte die siegreiche Fraktion ihre Gegner in diesen Kellern ein, bis sie entschieden hatte, was sie mit ihnen anstellen sollte.«

Jonathan hob eine Augenbraue. »Ich möchte vermutlich gar nicht hören, was mit ihnen geschah …«

»Unwahrscheinlich«, gab Cutler zu. »Sie wurden alle getötet.«

»Ich habe es doch gesagt«, flüsterte Spellman wimmernd, »wir werden alle sterben.«

Holmes bedachte Cutler mit einem milde belustigten Blick, während er langsam zu Jonathan, Kendra und dem Sekretär hinüberschlenderte. »Das war ungewöhnlich offen für einen sonst so taktvollen Mann wie Sie, Mister Cutler.«

Cutler machte ein betroffenes Gesicht. »Ich … Es … es tut mir leid. Ich wollte damit keine Vergleiche zu unserer gegenwärtigen Lage ziehen. Mit Sicherheit nicht …«

Der Magier klopfte ihm väterlich auf die Schulter. »Keine Sorge. Ich für meinen Teil sehe keinerlei Gemeinsamkeiten. Denn im Gegensatz zu diesen glücklosen Seelen werden wir sicher nicht mehr Zeit als unbedingt nötig in diesem Loch verbringen.«

»Sie beabsichtigen einen Ausbruch?«, meldete sich Drummond zu Wort.

»Unbedingt«, erwiderte Holmes. »Hier unten gibt es keinen Whiskey, und die Sitzgelegenheiten sind eine Beleidigung für mein Hinterteil.«

Ungeachtet ihrer Lage merkte Jonathan, wie seine Mundwinkel zuckten. Holmes war unverbesserlich.

Drummond schien der eigenwillige Humor des Magiers weniger zu beeindrucken. Mit grimmiger Miene gesellte er sich zu ihnen. Aus unmittelbarer Nähe wirkte er auf Jonathan sogar noch imposanter als oben in der Ratskammer. Sein Adjutant, ein sehniger Mann mit kurz geschorenen Haaren und Schnurrbart – dem Aussehen nach hätte er auch gut in die Uniform eines Constable der Londoner Polizei gepasst –, folgte ihm auf dem Fuß. Der Schotte ließ die Knöchel seiner riesigen Hände knacken. »Das wird nicht so einfach werden, wie Sie sich das vorstellen, Mister Holmes.«

Fragend hob dieser die Augenbrauen. »Wie kommen Sie darauf?«

»Ich selbst habe erst vor drei Jahren die magischen Sicherungen dieser Räume verstärkt«, brummte Drummond.

»Hieß es nicht eben, der Kerker würde nicht mehr genutzt?«, warf Jonathan ein.

»Ausnahmen bestätigen die Regel.«

»Verzeihen Sie, Mister Drummond, aber wovon sprechen Sie?«, erkundigte sich Cutler stirnrunzelnd. »Diese Kerker wurden von niemandem mehr genutzt.«

»Doch, wurden sie«, widersprach der Leiter der Magieabwehr. »Von mir.«

»Weshalb weiß ich nichts davon?«

»Sie mussten es nicht wissen. Aber Dunholm wusste es.«

Der Sekretär blinzelte irritiert. »Und dürfte ich fragen, wen Sie hier eingesperrt haben?«

»Dürfen Sie: mich selbst. Ab und zu ist es notwendig, nicht wahr, Wilkins?« Drummond grinste seinen Adjutanten vielsagend an.

»Ja, Sir«, erwiderte dieser nur lakonisch.

Cutler starrte ihn ungläubig an. Dann nickte er langsam, und Erkennen blitzte in seinen Augen auf. »Ich verstehe.«

»Ich nicht«, gestand Jonathan.

»Das macht nichts, Mister …« Drummond stockte.

»Kentham«, sagte Jonathan.

»Kentham, richtig.« Der Schotte nickte. »Mein Aufenthalt hier war eine persönliche Angelegenheit.«

»Alkohol und Magie … eine gefährliche Mischung …«, murmelte Holmes vor sich hin.

Drummond warf ihm einen düsteren Blick zu, den der Magier mit Unschuldsmiene erwiderte. »Jedenfalls spaziert man aus diesem Kerker nicht so ohne Weiteres hinaus.«

»Wir werden sehen«, sagte Holmes.

»Verzeihung, aber vielleicht sollte diese Entscheidung nicht von Ihnen alleine getroffen werden. Immerhin dürften alle Anwesenden mit erheblichen Konsequenzen rechnen müssen, wenn Ihr Vorhaben scheitert«, mischte sich ein weiterer Magier ein. Es handelte sich um einen stämmigen grauhaarigen Herrn mit zerfurchtem Gesicht und freundlichen Augen, der nach Jonathans Dafürhalten einen guten Pfarrer oder Arzt abgegeben hätte.

»Wollen Sie damit sagen, dass Sie lieber hier unten verrotten möchten, Doktor Westinghouse?«, knurrte Drummond.

Also ein Arzt, dachte Jonathan und klopfte sich in Gedanken selbstzufrieden auf die Schulter.

»Nein, ganz im Gegenteil«, widersprach Westinghouse. »Ich möchte diesen ungastlichen Ort auch so schnell wie möglich verlassen. Aber ich bin kein Kämpfer wie Sie, und die meisten anderen sind es auch nicht. Können wir es wirklich wagen, uns mit Männern wie diesem Ungeheuer Hyde-White anzulegen? Oder sollten wir nicht lieber versuchen, uns in Geduld zu üben, bis der richtige Zeitpunkt gekommen ist, um mit Lordmagier Wellington eine Übereinkunft zu treffen?«

»Man kann mit Wellington nicht verhandeln!«, zischte ein junger Mann, der bis jetzt mit zorniger Miene den Raum in Augenschein genommen hatte. Er gesellte sich ihrer Gruppe hinzu und stemmte die Hände in die Hüften. »Er ist ein Verräter, und auch wenn ich mit Miss Spellman sonst nie einer Meinung bin, so doch diesmal. Wellington wird uns alle umbringen – wenn wir ihm die Möglichkeit dazu lassen.« Unvermittelt wandte sich der Mann Jonathan zu. »Stimmt etwas nicht?«

Jonathan zuckte leicht zusammen, als er merkte, dass er sein Gegenüber ziemlich offen angestarrt hatte. Es kam allerdings auch nicht alle Tage vor, dass man jemandem begegnete, dessen Haut schuppig wie die einer Schlange war und dessen Augen geschlitzte Pupillen aufwiesen.

»Nein, alles in Ordnung«, antwortete er kopfschüttelnd. »Verzeihen Sie!«

Holmes legte Jonathan leutselig die Hand auf die Schulter. »Nehmen Sie es ihm nicht übel, Mister Ashbrook. Mister Kentham ist erst seit ein paar Tagen Teil unserer Welt. Seine Augen sind noch groß und staunend wie die eines neugeborenen Kindes.«

»Danke für den trefflichen Vergleich, Holmes«, raunte Jonathan.

»Gern geschehen, mein Bester«, gab Holmes zurück.

»Dann sollte er besser schnell erwachsen werden«, knurrte Ashbrook. »Wir leben in Zeiten, in denen die Kindersterblichkeit ziemlich hoch ist.« Eine dünne, gespaltene Zunge tauchte für einen Lidschlag zwischen seinen schmalen Lippen auf und züngelte angriffslustig in Jonathans Richtung.

»Ich bin schon vorsichtig«, sagte dieser.

Mittlerweile hatten sich auch die übrigen Anwesenden um Holmes, Drummond, Jonathan und die anderen geschart. Offensichtlich wollten alle mitbekommen, was hier gesprochen wurde.

Cutler räusperte sich. »Bevor wir über das Für und Wider einer Flucht diskutieren, darf ich vielleicht eine kurze Vorstellung übernehmen.« Er deutete auf Jonathan und Kendra. »Dies hier sind Mister Kentham und Miss McKellen. Mister Kentham ist Journalist und erst vor wenigen Tagen mit der Magie erstmals in Berührung gekommen. Miss McKellen stammt, wenn ich richtig informiert bin, aus Schottland und kam mit ihrem Großvater hierher, um Lordmagier Dunholm zu besuchen.«

Jonathan fiel auf, dass der Sekretär des verstorbenen Ersten Lordmagiers es geschickt verstand, so viel zu verraten, dass die erste Neugierde der Anwesenden gestillt wurde, ohne dabei etwas preiszugeben, das potenziell gefährliches Wissen barg – wie etwa die Tatsache, dass Jonathan Dunholms Ring trug, ein Umstand, von dem hier und jetzt nur Jonathan, Kendra, Cutler und Holmes wussten.

Cutler fuhr unterdessen fort: »Mister Kentham, Miss McKellen, dies ist Mister Drummond, der Leiter der Magieabwehr.«

»Wohl eher der ehemalige Leiter der Magieabwehr«, knurrte der hünenhafte Schotte.

»Der Herr neben ihm ist Mister Wilkins, einer seiner Gehilfen. Und Doktor Westinghouse ist der Arzt des Ordens, ein Mediziner, der sich auf ungewöhnliche Krankheiten und Verletzungen spezialisiert hat.«

»Es ist schön, Sie kennenzulernen«, sagte Westinghouse und gab Jonathan die Hand. »Auch wenn die Umstände alles andere als angenehm sind.«

»Des Weiteren hätten wir hier Miss Spellman, und der Gentleman an ihrer Seite ist Mister Winterbottom, seines Zeichens Magietheoretiker und Archivar.«

Die rundliche Magierin mit den rot verquollenen Augen zwang sich zu einem Lächeln, und ihr Begleiter verbeugte sich steif.

»Ebenfalls eine Archivarin ist die Dame ganz in Schwarz hier, Misses Blackwood«, sagte Cutler. »Und diese beiden Gentlemen sind Mister Peabody und Mister Richardson, Inhaber einer Anwaltskanzlei, die den Orden unterstützt.«

»Schadensbegrenzung ist unser Metier«, erklärte der Dickere der beiden, Mister Peabody, dessen Gesicht ein prächtiger Backenbart zierte.

»Man könnte auch sagen: Vertuschungen«, fügte sein Kompagnon Mister Richardson, ein hagerer Mittfünfziger mit ausgeprägter Hakennase, dünn lächelnd hinzu. Beide reichten Jonathan die Hand.

Cutler deutete derweil auf eine Frau, deren elfenhaft zarte Züge es unmöglich machten, ihr Alter zu schätzen.

»Miss Morland«, hauchte sie.

»Das hier ist …«, sagte Cutler, brach dann ab und räusperte sich. »Ja, Miss Morland. Sie besitzt die eigentümliche Gabe, einige Augenblicke in die Zukunft zu sehen. Niemand von uns hat jemals herausgefunden, wie ihr das gelingt. Allerdings bemerkt sie es manchmal nicht, dass Sie sich gerade in der Zukunft befindet, und nimmt daher gewisse Dinge … vorweg.«

Die elfenhafte Frau blickte Jonathan abwesend an. Ihre Augen waren hell wie arktische Gletscher. »Verzeihung«, sagte sie schließlich mit etwa fünf Sekunden Verspätung. Sie blinzelte, und ihr Blick schien etwas klarer zu werden. »Ich bin erschöpft. Manchmal beginnt mein Geist in diesem Zustand zu driften. Und um Ihre Frage zu beantworten, die Sie sicher stellen wollen, Mister Kentham: Ich spüre die Vorbeben im Fadenwerk.«

»Vorbeben?«, echote Jonathan mit fragender Miene.

»Es ist wie die Bugwelle eines Schiffes oder die Böen, die einem Sturm vorausgehen«, erklärte Morland mit leiser Stimme. »Alle Ereignisse werfen einen Schatten voraus, allen Änderungen im Fadenwerk geht ein Beben der Fäden voraus. Ich spüre es wie die Erschütterung der Fäden durch das Ereignis selbst.«

»Faszinierend«, warf Holmes ein. »Wir sollten gelegentlich gemeinsam zum Pferderennen gehen. Ich lade Sie ein.«

»Ich kann nur wenige Momente vorausblicken, Mister Holmes«, sagte Morland mit einem milden Lächeln. »Ich wäre Ihnen keine Hilfe.«

»Nun, dann zumindest eine charmante Begleitung.«

»Mister Ashbrook«, schloss Cutler die Vorstellungsrunde ab, »haben Sie ja schon kennengelernt.«

»Schön«, sagte Holmes. »Nachdem wir der Etikette jetzt Genüge getan und eine Menge Namen ausgetauscht haben, die sich Mister Kentham und Miss McKellen nur schwerlich werden merken können, wäre vielleicht der richtige Zeitpunkt gekommen, um zu klären, was wir zu tun gedenken. Und bitte keine langen Debatten; wir sind hier nicht im Rat, sondern im Gefängnis.«

»Für mich ist das keine Frage: Wir brechen dieses Schloss auf und verschwinden von hier. Je länger wir herumsitzen, desto mehr Ärger wird Wellington anrichten«, sagte Ashbrook.

»Ihre Einstellung gefällt mir. Ich schließe mich dem an«, erklärte Holmes. »Mister Drummond?«

Der schottische Hüne verschränkte die Arme vor der breiten Brust. »Ich bleibe zwar dabei, dass es nicht so leicht sein wird, aber natürlich helfe ich. Ich habe nicht vor, in meiner eigenen Zelle zu versauern.«

Jonathan, Kendra, Cutler und Wilkins nickten ebenfalls zustimmend.

»Aber Ihnen ist klar, dass wir ein unwägbares Risiko eingehen«, wandte Doktor Westinghouse erneut ein. »Wenn Lordmagier Wellington uns erwischt, wird unser Schicksal aller Voraussicht nach höchst unerfreulich ausfallen. Dass er wenig Skrupel hat, dürfte sein Angriff auf Lord Cheltenham gezeigt haben.«

Die Worte beschworen das Bild eines verkrümmt daliegenden, schwarz verkohlten Leichnams vor Jonathans innerem Auge herauf, der schwelenden Überreste des ehemaligen Stellvertretenden Ersten Lordmagiers, der einem völlig unprovozierten Flammenangriff Wellingtons zum Opfer gefallen war. Die abscheuliche Tat hatte als Warnung dienen sollen – und diesen Zweck hatte sie mehr als erfüllt.

»Sagte Lord Wellington nicht, dass er uns freilassen würde, wenn wir ihn nicht stören?«, warf Spellman mit unsicherer Stimme ein.

Ashbrook lachte abfällig. »Wer das glaubt, ist ein Narr!«