Mai-Schnee - Gertrud Wollschläger - E-Book

Mai-Schnee E-Book

Gertrud Wollschläger

0,0

Beschreibung

Ein Parasit hatte sich in meine Gedanken eingenistet. 1972 war das, vor ziemlich genau 42 Jahren. Lange Zeit konnte ich gut mit ihm leben. Er war sozusagen zwar da, aber nicht wirklich mein Problem. Er meldete sich vor allem dann, wenn ich in die Gegend meiner Kindheit fuhr, um Verwandte und Freunde zu besuchen. Wenn ich nachfragte: Haben sie den Täter? Wenn ich ihre unglaubliche Wut erleben musste, die sie auf den Mörder des Mädchens hatten. Genaueres wussten sie nicht. Es gab viele Gerüchte. Das hartnäckigste und übelste - bis auf den heutigen Tag - wurde immer in gleicher Weise erzählt: Ja, man weiß, wer es war. Aber man will nicht, dass es herauskommt. Kann man sich das vorstellen? Zwölf Jahre alt war sie. Auf dem Heimweg von der Schule war sie. Erstochen wurde sie! Mit vielen Messerstichen ...

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 409

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS



Gertrud Wollschläger

• Jahrgang 1942

• geboren in Lodz / Polen

• Fahrlehrerin

• lebt in Egenhausen / Schwarzwald

• seit 1990 schriftstellerisch tätig

• Mitautorin der Anthologie „Der Club der Schwarzen Mamba“

• Märchenbuch „Merit und Merinda“ Bd. 1 (Sturm Lothar)

• Märchenbuch „Himmelblaus Traumzeit“ Bd. 2

• Gedichte und mehr „Der Nachtkrabb kommt“

Gertrud Wollschläger

MAI SCHNEE

Tat ohne Sühne

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2018) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Covergestaltung Elyssia-Sofie Dürr, [email protected]

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH

www.engelsdorfer-verlag.de

Gegen das Vergessen:

Zur Erinnerung an ein Kind,

das nicht weiterleben durfte.

INHALTSVERZEICHNIS

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

Der Geißenschinder

Mai-Schnee

Hausschatten

Saure Kirschen

Heimkehr

Der Oberhof-Bauer

Die alte Kommissarin

Kommissar a.D. Dietrich Gleiser

Besuch bei der Kommissarin

Zugezogene – zwar gelitten, aber nie akzeptiert

Die Familie Trott

Ewald

Heiner

Wieder bei der Kommissarin

Die Spur

Eine Burg für Schneewittchen

Ein Sarg für Schneewittchen

Letzter Besuch bei der Kommissarin

Der lange Weg zur Wahrheit

Kommissar a.D. Martin Merkle

Tod eines „Wachtl“

Barbara

Danksagung

VORWORT

Wenn bittere Vergangenheit der Zukunft im Wege steht, nimmt die Seele Schaden!

Ein Parasit hatte sich in meine Gedanken eingenistet. 1972 war das, vor ziemlich genau 42 Jahren. Lange Zeit konnte ich gut mit ihm leben. Er war sozusagen zwar da, aber nicht wirklich mein Problem. Er meldete sich vor allem dann, wenn ich in die Gegend meiner Kindheit fuhr, um Verwandte und Freunde zu besuchen. Wenn ich nachfragte: Haben sie den Täter? Wenn ich ihre unglaubliche Wut erleben musste, die sie auf den Mörder des Mädchens hatten.

Genaueres wussten sie nicht. Es gab viele Gerüchte. Das hartnäckigste und übelste – bis auf den heutigen Tag – wurde immer in gleicher Weise erzählt: Ja, man weiß, wer es war. Aber man will nicht, dass es herauskommt. Kann man sich das vorstellen?

Zwölf Jahre alt war sie. Auf dem Heimweg von der Schule war sie. Erstochen wurde sie! Mit vielen Messerstichen.

Die Menschen der Gegend hatten unvorstellbare Ängste. Kinder durften nirgends mehr alleine hingehen. Ab da gab es für meine Nichten und Neffen kein fröhliches Spielen mehr im Wald, kein Milchholen am Abend an der Milchsammelstelle. Man konnte die Kinder nicht mehr alleine in die Schule schicken oder auf den Sportplatz.

Er, der Mörder, war anwesend bei jedem Familientreffen. Abends, statt liebevoller Gute-Nacht-Geschichten, gab es angstvolle Fragen der Kinder und mahnende, warnende Worte der Eltern.

Ermittlungsbeamte der Soko im Mordfall erzählten mir: Der Täter wurde festgenommen. Wir waren uns hundertprozentig sicher – wir haben ihn! Doch der damalige Staatsanwalt, mittlerweile verstorben, ließ ihn laufen! Warum? In den Akten gab es nur vage Angaben für die Kommissare. Noch heute, vier Jahrzehnte danach, ist herauszuhören, wie frustriert sie waren und auch jetzt noch sind, wenn sie über die Geschehnisse von 1972 sprechen.

Der Zufall wollte es, dass mir jetzt, nach 42 Jahren, eine Frau vorgestellt wurde, deren Dorf Schauplatz dieses fürchterlichen Verbrechens war. Und genau jetzt wusste ich: ES IST ZEIT!

Ich merkte sehr schnell, dass der Zufall kein Zufall war. Es gibt Bestimmungen im Leben, die uns zugeteilt werden. Das konnte ich in der Folgezeit erfahren, wie ich es zuvor nie für möglich gehalten hatte. Ich sehe mich als Werkzeug, das eine Geschichte schreiben sollte über ein Kind, das bestialisch ermordet wurde.

Dabei erfuhr ich unglaubliche Hilfe von Menschen, die ich vorher nicht kannte. Ich wurde sozusagen „weitergereicht“ an Zeitzeugen, die es nicht erwarten konnten, mir davon zu berichten, was sie aus dieser Zeit noch wissen.

Ich stellte fest, dass über dem ganzen Fall, den einzelnen Ereignissen, den dunklen Tagen nach dem Geschehen, den Gedanken der Menschen des Dorfes so etwas wie eine dünne Schicht Staub lag. Schon ein leichtes Pusten, sogar der Windhauch eines Wortes, blies den Belag weg und die harte, grausame Wahrheit kam hervor. Und ich kratzte und wischte.

Ich versuchte, ein Brennglas auf die Wahrheit zu richten, um das Dunkle wegzuleuchten. Niemals vorher hätte ich mir vorstellen können, dass ich mit so vielen Brandflecken fertigwerden müsste.

Vieles war nach so langen Jahren zu Asche geworden. Schwarze und graue Asche, die von den Menschen untergegraben oder vom Wind verweht worden war. Doch ich konnte Reste finden. Die versuchte ich zusammenzulegen, um aus diesem Puzzle die Zeit der mörderischen Tat neu erstehen zu lassen.

Ich trug Fakten um Fakten zusammen. Viele Monate. Es ging mir nicht immer gut dabei, aber irgendetwas, eine unglaubliche Kraft, half mir voran.

Für die ermittelnden Kripobeamten hatte der mutmaßliche Täter von Anfang an festgestanden. Ich habe ihn am Ende übernommen. Gegen meine Überzeugung!

Fragen kann ich heute keinen mehr der dringend verdächtigen Menschen. Sie sind alle tot.

___________________________________________________

Ich schreibe also eine Geschichte! Wie sie ausgeht, weiß ich heute noch nicht. Es wird meine Geschichte sein, in Anlehnung an die Geschehnisse im Jahre 1972.

Gewisse Ähnlichkeiten meiner Figuren mit noch lebenden oder verstorbenen Personen sind nicht gänzlich zu vermeiden, da der Auslöser für dieses Buch ein reales Verbrechen ist. Doch in weiten Teilen entspringen die Akteure der Handlung meiner schriftstellerischen Fantasie.

Gertrud Wollschläger, 2014

DER GEIßENSCHINDER

Der Ostwind hatte ganz schön zu tun, bis er es schaffte, oben auf dem Plateau anzukommen. Meist brauchte er mehrere Anläufe, bis er die hohen Tannenspitzen, die den Berg mit seiner topfebenen Fläche von allen Seiten umgaben, überwinden konnte. Hatte er aber die letzte Hürde genommen, blies er an seinen besonderen Windtagen, was das Zeug hielt. Die Wipfel der Bäume tanzten dann mit ihm, brachen aber sein übermütiges Treiben meistens rechtzeitig, bevor er die Hochebene erreichen konnte. Häufig gebärdete er sich gerade in der Nachwinterzeit – Februar, März, April – nochmal wie ein Angeber-Krieger, der einen hohen Berg erstürmen will, dessen Atem dann aber doch nicht ausreicht, um kraftvoll an sein Ziel zu kommen. Genau dieses Windbrechen sorgte dafür, dass der Ostwind immer einige Grade wärmer oben ankam als anderswo. Es war die geschickte geografische Lage des Berges, die das seltene Phänomen hervorbrachte, so dass der andere, der Nordwind, wenn er sich zwischendurch auf die Hochebene traute, stets den Kürzeren zog. Dieser gemäßigte Ostwind war ein gern gesehener Gast bei den Bauern auf dem Berg. Hatten sie es doch ihm zu verdanken, dass auf ihrer Hochebene Kirschen reiften wie sonst kaum noch irgendwo im Land.

Aber es gab auch die anderen Jahre. Dann, wenn der Wind auf seinem Weg aus dem Osten zu viel an Kälte und Frost eingesammelt und nichts davon unterwegs abgeladen hatte, wenn er sich im Frühjahr noch einmal überraschend auf den Weg machte, wenn er heimlich über Nacht den Berg hochkroch und tagelang mit dicken Backen über die Obstbäume blies, deren erstes zaghaftes Anschwellen der Knospen bereits zu sehen war. Dann zerstörte er mit seinem kalten Atem alles, was sich bereits hervorgewagt hatte. In einer einzigen Nacht schaffte es der raue Geselle, alles zu vernichten, was er ungeschützt finden konnte. Brutal versetzte er den ersten Frühlingsboten einen tödlichen Schlag. Der mitgebrachte Frost sorgte dafür, dass sie danach wie matschiges Gemüse aussahen.

„Der Geißenschinder ist unterwegs“, sagten dann die Alten. „Holt die Geißen rein! Kümmert euch um unsere Hunde und Katzen! Lasst die Stalltüre einen Spalt offen, dass die Tierle verschlupfen können! Lauft! Holt Stroh aus der Scheune und stopft die Ritzen zwischen den Brettern im Stall zu!“ Die Hühner konnte man sich selbst überlassen. Die wühlten sich in ihre ausgekratzten Mulden, steckten die Köpfe unter die Flügel und verdösten den Tag. Wer aber seinen Ziegenstall nicht vorsorglich an die windgeschützte Seite der bestehenden Stallungen gebaut hatte und die Tiere dadurch dem berüchtigten späten Geißenschinder aussetzte, musste damit rechnen, dass sie in den folgenden Wochen mit seltsamen Krankheiten zu kämpfen hatten. Viele überlebten dann diese späte, harte Winterkälte nicht. Ein herber Verlust für die Kleinbauern! Waren die Ziegen vor Zeiten doch die Kühe vieler Familien auf den kleineren Schwarzwaldhöfen. Sie wurden gebraucht für das Überleben, die Geißen. Ihr Unterhalt kostete so gut wie nichts. Ihr karges Futter – sie fraßen tatsächlich alles – wuchs sozusagen vor der Haustür.

Die Landschaft, wenn man sie von oben anschaut, liegt fast topfeben da. Ein vielfarbiger Teppich, der sich mit jeder neuen Jahreszeit in ständig wechselnder Kleidung präsentiert, breitet sich vor dem Betrachter aus. Es sind die bunten Farben der Erde in allen Schattierungen. Das helle Frühjahr mit seinem überwältigenden Grün. Der farbige Sommer mit seiner einmaligen Blütenpracht, der die verschiedensten Sorten von Kräutern zum Blühen bringt und sie wie Edelsteine im Gras funkeln lässt. Ein Herbst, der nicht genug zeigen kann an farbigem Laub, das die Sonne an den freiliegenden Waldrändern in Gold und Rot aufleuchten lässt. Ein fahler, langer Winter? Bestimmt nicht! Die Äcker und Wiesen holen ihre Farben ein, ziehen ihre braunen Kleider an, von hell- bis dunkelbraun. Die knorrigen Obstbäume warten auf die Winterstürme, die ihnen helfen, sich von manchem überflüssigen dürren Ast zu befreien. Von allem gibt es auf dem Berg ein bisschen mehr, mehr Farben, mehr Schnee, mehr Wind, mehr Luft zum Atmen.

Steile Wege führen aus allen Richtungen auf den Berg. Wenn der Wanderer den Wald verlässt, breitet sich vor seinen Augen eine überraschend schöne Ebene aus. Mit dem kleinen Weiler mittendrin aus wenigen alten Bauernhöfen, die eng beisammenstehen, scheint es dem Betrachter, als sähe er Bilder aus einer anderen Welt. Man fühlt sofort: Hier kann keiner alleine. Jeder ist am Leben des anderen irgendwie beteiligt. Lattenzäune schützen die alten Hausgärten mit ihren Pflanzen, die sich ihren Lebensraum schaffen dürfen, wie es ihnen gefällt. Gemüse und Beerensträucher, die oft jahrzehntelang an immer der gleichen Stelle stehen und unermüdlich Früchte tragen, locken mit ihren reifen Früchten zur Erntezeit den Betrachter an die Zaunritzen. Wiesen wechseln sich mit Äckern ab, die großen Obstanlagen werden von Wanderwegen gesäumt. Eine Wallfahrtskapelle am Waldrand, Wegkreuze, ein Stück Jakobsweg und zwei gern besuchte Wirtshäuser runden das Bild ab. Es ist anders als anderswo. Es ist so, wie der Mensch im tiefsten Innern tickt, wie er eigentlich leben möchte, was seine Seele fordert, was seine Augen sehen wollen.

Und die, die hier wohnen? Die Menschen kennen einander. Oft besser als nur gut. Geht man in ihren Biografien etwas weiter zurück, ist festzustellen, dass sie meist irgendwo irgendwie miteinander verwandt sind. Diese Verwandtschaftsverhältnisse sind nicht immer einfach für die Beteiligten. Da kann man nicht einfach was sagen über jemand, denn es ist doch die Base von dem dabei, über den man an der Kaffeetafel heute so gerne geschimpft hätte. Etwas über den Acker, den die eigene Enkelin so gerne geerbt hätte, der jetzt aber in den falschen Händen gelandet ist. Wegen einer Tante, die sich von irgendeiner Seite einschmeicheln konnte.

„Jetzt gibt der doch denen den Acker. Der hat mal meinem Großvater g’hört. Den haben die dem abg’schwatzt für ein paar Kartoffelernten.“ „Von denen halt ich gar nichts mehr.“ „Komm mir bloß net mit der Sippe!“

Oder: „Mei Schwägerin, die Klara, hat doch scho lang gwusst, dass mei Mann a Verhältnis mit der Nachbarin hat. Des Luder! Aber mir hat sie natürlich nix davon erzählt. Kein Sterbenswörtle hat sie verlauten lassa. So isch die! Sie hat mi net aufrega wolla, hat sie mir gsagt. Ha, Ha! Des kennt mr jo! Vorne rum freindlch, henda rum schwätza. Wenn du recht gucksch, hat die sich no gfreit do drüber. Des Luder!“

Ist die Verwandtschaft sich aber einig über einen Eindringling von außen, klingt es natürlich ganz anders. Wie ein Bollwerk wird zusammengestanden und undurchdringlich abgeschottet. „Mir wisset nix und mir saget nix. Mir lasset nix raus. Brauchsch gar net weiterfragen. Ein Reingschmeckter erfährt von uns sowieso nix.“

Über eine geteerte, breitere Straße und mehrere kleine Seiten- und Feldwege ist der Ort aus jeder Richtung leicht zu erreichen. Steile Wege führen aus allen Richtungen auf den Berg. Wollten die Menschen ins Tal, gab es spezielle Abkürzungen, die steil oder schräg durch die Wälder nach unten führten. Die schmalen Trampelpfade kannte jeder schon von Kindheit an. Sie wurden weitergegeben von Generation zu Generation, wurden über die Jahre genutzt von Eltern und Großeltern. Jeder wusste sofort, was gemeint war, wenn jemand vom Schülerwegle, dem verschwiegenen Schleichweg der Jäger oder der alten Steige sprach. Während es auf der Teerstraße viele Kilometer nach unten ging, konnte man den unteren Ort auf diesen Spezialwegen in zehn Minuten erreichen.

Vor allem das Schülerwegle war ein stark frequentierter Abflugweg für die Schulkinder, die die ersten Klassen der Dorfschule besuchten. Oben, am Anfang des Weges wurde Aufstellung genommen, die Arme wie die Tragflächen eines Flugzeugs ausgebreitet, und ab ging es mit lautem Fliegergebrumm auf schnellstem Weg ins Tal. Der Schulranzen, der auf den Rücken geschnallt war, hüpfte mit, mehr oder weniger hoch, je nachdem, wie kräftig die Sprünge seines Trägers waren. Nach Schulschluss ging es wieder den Berg hoch. Jetzt aber über die Abkürzungen der Abkürzungen, immer in der Hoffnung: „Wenn ich dabei die Teerstraße quere, könnte jemand vorbeikommen, der mich mitnimmt.“

Der Wechsel der Jahreszeiten mit seinen heißen Tagen oder seinen Wetterunbilden wurde von Jung und Alt akzeptiert, so wie er war. Jedermann machte das Beste daraus mit den Möglichkeiten, die ihm zur Verfügung standen.

Den Winter überstehen halfen festes Schuhwerk, warme Teddyjacke, handgestrickte Handschuhe und Schals, den Sommer kurze Hosen, Röcke, Hemd und Bluse, Sandalen oder barfuß.

Besondere Tage und unvergessene Höhepunkte des Sommers waren die Badetage im Fluss, der lebhaft plätschernd am Dorf vorbeiströmte. Das Wasser mal flach, mal tief. Jeder konnte sich seine Badestelle aussuchen. Wundervolle Nachmittage waren das. Die Freunde waren da, die ersten Mädchenblicke kamen bei den Jungen an, mal scheu, mal spitzbübisch frech.

Es gab die spannende Zeit des Kennenlernens, der kleinen Eifersüchteleien, später die großen Eifersuchtsdramen, am Ende die Schlägereien. All das gehörte zum Dorfleben. Keiner war deswegen ein geistig Gestörter oder gar ein Gewalttäter. Nein, sie waren Kameraden, Schulkameraden, wurden Freunde und blieben es oft ein Leben lang.

Und im Winter? Schlittenfahren war jetzt angesagt. Die ersten Skiversuche. Aber wer hatte damals schon Skier? Einige Auserwählte, die Besseren sozusagen. Doch es war für uns nicht wichtig, zu diesen Besseren zu gehören. Es war auch nicht wichtig, Ski zu fahren. Schneehäuser bauen war wichtig. Sich gegenseitig mit Schnee einseifen war herrlich.

Der Höhepunkt jeden Winters, überhaupt des ganzen Jahres, war aber Weihnachten. Bei diesem Fest war man sicher, dass es nie ausfiel, dass es das einfach immer gab. Niemand konnte es abbestellen, egal was geschah. Man hatte halt vorher brav zu sein. Das konnte man aber getrost auf die letzte Woche vor Heiligabend verschieben, das galt dann so, als wäre man es immer schon gewesen.

Der Christbaum mit dem alten Schmuck, den bereits die Oma gehabt hatte, wurde feierlich aufgestellt. Die Silberkugeln, die Goldzapfen, die weißen Vögelchen, alles schon etwas vergilbt und abgeblättert. Mit Wachsspuren darauf, die von jahrzehntelangem Gebrauch den Glanz verdeckten. Lametta, Jahre alt, zusammengeklebt, leicht kraus und trotzdem auf geheimnisvolle Weise prächtig anzusehen, wurde in jedem Jahr aufs Neue gebügelt und funkelte am Baum. Dem Zauber, der von der geschmückten Weihnachtstanne ausging, konnte sich keiner entziehen. Alles passte.

Oma und Mutter weinten ein bisschen, wenn ‚Stille Nacht, heilige Nacht‘ gesungen wurde. Papa schnäuzte sich mindestens zwei bis dreimal ins Taschentuch. Opa klopfte mit dem Stock ungeduldig auf den Boden. Er wollte sein Essen und sein Geschenk. Das waren oft eine neue Pfeife oder Zigarren. Kaum hatte er es ausgepackt, lief Opa zu Hochform auf. Jedes Jahr wurde die ganze Familie eingehend belehrt über den rechten Umgang, wie die Pfeife zu stopfen war und die Zigarren vorschriftsmäßig angezündet werden mussten. Noch hinzuzufügen wäre: Nach ein paar Tagen hing wieder die alte Pfeife im Mundwinkel, abgenützt, verrußt mit angeknabbertem Mundstück.

Und für die anderen? Was das für Geschenke waren? Eine Haartrockenhaube für die Mutter, ein paar Filzhausschuhe für die Oma, gefüttert, mit Reißverschluss vorne. Sie war ja mittlerweile schon vierundsechzig Jahre alt. Eine Strickjacke zum Beispiel für Vater, patentgestrickt aus guter Schurwolle, filzfreudig, meistens braun, immer ein kleines bisschen zu eng. Aber das Strickmuster wuchs mit Vaters Umfang mit. Sie wurde nie abgelegt, hielt Jahr um Jahr. Vater und seine braune Jacke waren in der Erinnerung unzertrennlich.

Und die Kinder? Bunte Teller. Die mussten sein, mit Brötle, Mandarinen, Nüssen, einem Weihnachtsmann aus Schokolade. Dazu gab es eine Mütze, mit passenden Handschuhen und Schal. Selbstgestrickt natürlich, aus Wolle! Echte Schafwolle, die erbarmungslos auf der Haut kratzte. Herrlich jedoch waren andere Dinge: ein Bilderbuch, eine Puppe, Stofftiere, ein Ball, ein rotes Feuerwehrauto aus Blech, eine Eisenbahn zum Aufziehen.

Die Welt war in Ordnung auf dem Berg und im kleinen Dorf am Fluss und in den Familien. Na ja, fast! Was es halt so gibt, wenn alltägliche Dinge nicht immer passen, wo Menschen nah zusammen wohnen, aber trotzdem jeden Tag miteinander auskommen müssen und am Ende doch zusammenhalten und wissen, wo sie hingehören.

Es war gut, so wie es war. Bis, ja, bis zu jenem schrecklichen Tag im Mai vor vielen Jahren, als es geschah. Dieses Ungeheuerliche! Ohne jede Vorwarnung war es da, veränderte in wenigen Stunden diese kleine Welt und die ganze Umgebung. So schrecklich, dass heute noch, über vier Jahrzehnte danach, sofort wieder alles lebendig wird, was man glaubte, erfolgreich in der Schublade „Es war einmal …“ verstaut zu haben.

Später zur Kirschenzeit kommen sie wieder. Mit großen und kleinen Körben ausgestattet werden diese Köstlichkeiten gepflückt. Herrlich große, dunkle Herzkirschen. Dem Geißenschinder, der viel von seiner eisigen Kälte im Tal lassen musste, sei Dank. Nur dadurch können sie eine solche Größe und die süßesten Aromen erlangen. Das wussten unsere Eltern und Großeltern schon. Sie und später wir pflückten oder holten beim Bauern mit Freuden jedes Jahr Kirschen. So viel wir wollten.

Ich hätte gerne geschrieben: Bis heute! Aber das stimmt nicht. Eines Tages änderte sich für uns mit einem Schlag alles. Freude am Kirschenholen gab es nicht mehr. Ängste machten sich in unseren Familien breit. Es war Schreckliches geschehen! Ein junges Mädchen vom Berg war getötet worden. Feige ermordet. Die Gegend hatte ihren Glanz verloren.

In diesem Jahr machte ich mich wieder auf den Weg dorthin. Nach so langer Zeit. Nach über vierzig Jahren! Es musste einfach sein!

Ich habe Menschen kennen gelernt, die mir dabei halfen, den gefürchteten einsamen Weg durch den Wald wieder zu gehen, Menschen, die mich begleiteten und viel erzählten, was sich aus der Vergangenheit in ihre Gedanken eingemeißelt hatte. Sie haben nichts vergessen. Alles war da, ganz nah, war mit ihnen gegangen, bis heute. Als ich aus dem Wald trat, war die Landschaft immer noch schön, wunderschön.

Den Mai-Schnee gab es in diesem Jahr wie immer. Die Kirschen reiften heran, üppig wie immer. Wir machten unsere Körbe voll, wie immer.

Irgendwann beim Pflücken kam dieses Kinderlied in meine Gedanken. Machte sich fest wie ein Ohrwurm:

Rote Kirschen ess ich gern, schwarze noch viel lieber, in die Schule geh ich gern alle Tage wie…

Ich konnte die letzte Zeile nicht zu Ende singen. Das ‚wie…‘ blieb mir im Hals stecken. Das Kind kam ja nicht wieder. Es kam niemals wieder.

MAI-SCHNEE

In jenem Frühjahr war das Wetter so, wie man es in Bilderbüchern nachlesen kann. Wenn Kindern beschrieben wird, wie perfekte Jahreszeiten auszusehen haben.

Der Winter war pünktlich vorbei und die ersten warmen Tage verwöhnten das Land. Es war Mitte Mai. Der Mai-Schnee wurde in den nächsten Tagen erwartet. Alles sprach dafür, dass es eine gute Kirschenernte geben würde. Die ganze Hochebene war ein einziges Blütenmeer. Mit riesigen Zuckerwattehauben hatte sich jeder Baum geschmückt. So war das immer, wenn der Winter gnädig gewesen war. Wenn der Ostwind über den Nordwind bei seinen winterlichen Kraftspielen gesiegt hatte.

Die erste Heuernte des Jahres stand vor der Tür. Wiesenblumen und Kräuter blühten in allen Farben in verschwenderischer Fülle. Jetzt, am Vortag zu Fronleichnam, kam das herrliche Wetter gerade recht, brauchte man doch Blütenköpfe in riesigen Mengen. In der kommenden Nacht mussten Blumenteppiche gelegt werden. Prachtvolle, bunte Bilder wollten sie wieder erschaffen für die vorgesehenen Stationen der Prozession. Das war Ehrensache!

Nirgendwo sonst gab es eine solche Fülle und Auswahl, wie man sie hier oben auf den Wiesen rund um Muri pflücken konnte. Schon in den frühen Mittagsstunden waren Gruppen von Frauen auf den Berg gegangen und kniffen seitdem die Blüten von den Stängeln. Eine mühsame Arbeit, aber mit Schwatzen und Lachen verging die Zeit wie im Flug und die Körbe füllten sich.

Später wurden die Frauen gefragt: „Habt ihr denn nichts gehört? Ihr wart doch gar nicht so weit weg vom Tatort.“ „Nein, nichts!“ Niemand hatte etwas Außergewöhnliches gehört oder gesehen.

Ratlos horchten die Befragten in sich hinein. Sollte denn alles lautlos geschehen sein? Unvorstellbar! „Irgendwann haben wir zwar Edelgard nach der Sonja rufen hören, uns aber nichts dabei gedacht. Erst als sie aufgeregt zu uns kam und nach der Tochter fragte, machten wir uns Gedanken, wo das Mädle geblieben sein könnte.“ „Sicher hat die sich verschwätzt und wird schon heimkommen. Wo soll sie denn sonst sein?“, meinte die eine. Da war es später Nachmittag. „Wir hatten die Körbe voll und machten uns auf den Heimweg. Wir dachten uns nichts Schlimmes, bis die Sirenen heulten. Um 17 Uhr war das. Da ahnten wir, es muss was passiert sein“, erzählte eine andere.

Oma hatte den Tisch gedeckt wie jeden Tag. Eine große Familie war zu versorgen. Wenn alle zu Hause waren, acht Personen. Da musste was auf dem Tisch stehen.

Doch heute war es anders. Sonja war es, die fehlte.

Ihr Teller blieb unbenutzt. Alle anderen hatten längst gegessen und gingen wieder ihren Beschäftigungen nach. Nur der eine Teller wartete wie eine Anklage gegen einen unpünktlichen Menschen. Die zornigen Blicke der Großmutter streiften das Geschirr immer wieder. „Wo bleibt des Mensch bloß? Die isch doch bestimmt zur Tante in der Stadt. Hat mit Fleiß den Bus vertrödelt, weil sie heut Nachmittag net daheim schaffen will. Kartoffeln wäret zu hacken. Das hätt sie wahrhaftig eine Weile machen können. Der Mutter helfen, der es seit Wochen nicht so gut geht. Klar! Dort bei den feinen Verwandten isch es bequemer als wie hier der Mutter die eine oder andere Arbeit abnehmen. Und ich kann net abräumen, werd heute überhaupt net mehr fertig. Die Linsen werden fest, die Spätzle kalt und die Saitenwürstle sind aufgeplatzt. Die soll bloß kommen, so geht’s net! “

Inzwischen war Oma Mechthild richtig wütend geworden. „Edelgard, willsch du net nachgucken, wo sie bleibt? Du hasch doch den Traktor, fahr die Strecke ab! Wer weiß, wo sie sich rumtreibt“, drängt die Oma.

„Also bei der Tante isch sie net, ich hab dort scho ang’rufen. Jetzt will ich noch schnell dem Roland telefonieren. Der weiß ja, ob sie mit ihm im Bus heim’kommen isch oder net.“ „Haja, mach des no gschwind, mir langt’s jetzt“, maulte Oma Mechthild mit Nachdruck hinterher.

Unruhe ist in Edelgard. Sie spürt einen Kloß im Hals. Der war plötzlich da. Es gelingt ihr einfach nicht, den runterzuschlucken. Komisch ist das! Das leichte Zittern ihrer Hände fällt ihr auf, als sie das gelbe, abgegriffene Telefonbuch aus der Schublade nimmt und die Nummer von Herbert Heckner, dem Vater von Roland, heraussucht. Schulkamerad Roland ist am Telefon. „Hasch du die Sonja g’sehen, war sie mit dir im Bus? Sie isch noch net daheim.“ Sie merkt, dass ihre Stimme außer Atem klingt, ärgert sich selber über ihre Aufregung und kann doch nicht dagegen an. „Ha, doch“, sagt der Roland, „mir beide send mit dem Bus heim, wie immer. Sie isch ausg’schtiegen und hat noch mit ihrer Freundin, der Cordula gschwätzt. Dann hab ich noch g’sehen, wie die Sonja den Berg in Richtung heim gegangen isch.“

Ratlos hält Edelgard noch eine Weile den Hörer in der Hand und starrt die Sprechmuschel an, als könnte sie von dort eine Antwort bekommen. Unmerklich schüttelt sie den Kopf und legt langsam den Hörer auf die Gabel. Irgendwie ist es so unwirklich für sie, dass Sonja ohne Bescheid zu sagen nicht nach Hause gekommen ist. „Jetzt geh halt, Edelgard, und guck nach dem Mädle! S’ könnt ja au was passiert sei.“ Sorge schwingt in der Stimme der Älteren mit. Die Hände, die sie in den Taschen der bunten Kittelschürze vergraben hat, ballen sich zu Fäusten. „Ich will keine Aufregung mehr. Mir langt des schon, was ich jeden Tag sonst in der großen Familie erleben muss.“

Das Telefon klingelt. Edelgard reißt fast den Hörer von der Gabel. Bestimmt was wegen Sonja! Nein, nicht. Eine Nachbarin will eine Kaffee-Sammelbestellung machen. „Jetzt net. Denk mal, d’ Sonja ist noch net von der Schul daheim, ich muss los, nach ihr suchen.“ Sie schmeißt den Hörer auf die Gabel, rennt durch den Gang in den Hof. Dort steht der große Traktor noch so, wie sie ihn abgestellt hat, als sie vom Kartoffelacker nach Hause gekommen ist. Viel zu laut und viel zu schnell rattert sie vom Hof, die Dorfstraße entlang. Am Waldrand, auf einem kleinen Wiesendreieck, genau da, wo Fußweg und Teerstraße zusammentreffen, bleibt Edelgard stehen. Motor aus! Sie horcht, hält die Luft an. Stille! Dann fängt sie an zu rufen, zu schreien: „Sonja, Sonjaa!“ Sie legt die Hände als Trichter an den Mund: „Sonjaa, Sonjaaaa!“ Die Vögel verstummen von ihrem Geschrei.

Stille! Alles ist still. Die Vögel geben ihr eine Weile Zeit zum Horchen. Als Antwort hört sie nur das leise Rauschen der Baumwipfel. Eine erdrückende, unheimliche Stille kommt ihr aus der Tiefe des Waldes entgegen. Sie läuft hin und her, die wenigen Schritte zwischen Teerstraße und Fußweg. Nichts, gar nichts kommt zurück! So sehr hätte sie sich eine Antwort gewünscht. Einen leisen Hilferuf vielleicht oder ein schwaches Stöhnen. Alles wäre besser gewesen als dieses schweigende Nichts.

Mit einem Schlag wird ihr klar, dass etwas geschehen sein muss, das für sie nicht mehr fassbar ist, etwas, das sie alleine nicht mehr im Griff hat und alleine nicht aushalten kann. Hätte ihr Kind verletzt auf seinem üblichen Waldpfad gelegen, hätte es die Mutter rufen gehört und Antwort gegeben. Edelgard ist sich plötzlich gewiss: „Sonja ist irgendwo anders, aber wo?“

Sie hat keine Idee, wo sie suchen könnte. Fast körperlich spürt sie, dass etwas nicht mehr stimmen kann. Aber was? Sie blickt ratlos um sich, sieht Menschen auf den Wiesen, die Blumen pflücken für die Blumenteppiche vor den Altären. Sie weiß: Morgen ist Fronleichnam. Pflückt Sonja am Ende Blüten mit jemand? Sie rennt zu den Frauen. „Ist Sonja bei euch? Habt ihr sie gesehen?“

Lotte, die unten im Dorf an der alten Kirchsteige wohnt, dreht sich erstaunt zu ihr um: „Was, isch die noch net daheim? Ich hab sie doch g’sehen, wie sie die Straße zum Berg nauf gangen isch. Ja sag mal, wo kann die denn hin sein? He, Anna, du warsch doch vor dem Haus, du musch d’ Sonja doch au g’sehen haben, wie sie vorbei’gangen isch!“

„Ja klar“, sagt Anna. „Oh, die Mädle, immer habet sie anderes Zeugs im Hirn. Mach dir net so viele Sorgen, die wird schon auftauchen. Vielleicht isch sie ja inzwischen daheim! Wahrscheinlich isch die einfach bei jemand eing’schtiegen, der sie mitg’nommen hat.“

Etwas von der Panik fällt von Edelgard ab. „So wird es sein“, wünscht sie sich und geht mit schnellen Schritten zu ihrem Traktor zurück. Ihre Blicke streifen die vollen Blumenkörbe, die am Wegrand zum Abtransport aufgestellt sind. Weiße Margeriten, roter Klee, gelber Löwenzahn, lilafarbene Pfeifenputzer, blaue Kornblumen, all das leuchtet ihr in den schönsten Farben entgegen. Sie wünscht sich, dass das heute auch ihre Arbeit gewesen wäre. So gerne hätte sie dazugehört, zu der schwatzenden, lachenden Schar von Frauen, die sorglos einfach nur Blumen pflücken dürfen.

Langsam tuckert sie auf den Hof zurück. Sie fühlt sich müde und erschöpft.

Schon als sie in den Hof einfährt, ist ihr klar: „Sonja ist nicht zu Hause!“ Ihre Mutter steht in der Haustür, starrt sie an und schüttelt nur den Kopf. Schwerfällig kriecht Edelgard vom Sitz des Traktors mit einer solchen Schwäche in den Beinen, wie sie sie noch nie erlebt hat. Schweigend gehen beide Frauen ins Haus. Es ist still. Sie treten in die halbdunkle Küche. Fliegen summen überlaut. Ohne ein Wort zu wechseln, setzen sie sich einander gegenüber auf die Eckbank. Sehen sich nur an. Ratlos. Verkrampfen ihre Hände ineinander, jede für sich. Die eine im Schoß, die andere auf dem Tisch. Schweigen.

Der Fliegenfänger, der als Klebestreifen mit unzähligen toten Tieren daran von der Decke hängt, trennt ihre Gesichter voneinander. An ihm muss man vorbeischauen, wenn man sich in die Augen sehen will. „Diese vielen Fliegen“, muss Edelgard in diesem Moment denken, „das ist die frühe Wärme in diesem Jahr.“ Eine Weile sieht sie den noch lebenden zappelnden Tieren zu. „Man sollte ihn irgendwann auswechseln“, geht es ihr durch den Kopf.

„Jetzt schwätz scho, was ist?“, fragt die Mechthild-Oma. „Hast du sie gefunden? Weißt du was?“ Edelgard schüttelt den Kopf und starrt ihre Mutter mit großen, aufgerissenen Augen an. „D’ Lotte hat sie heimgehen sehen und d’ Anna, em Fritz Schäuble sei Anna, au“, meint Edelgard. „Aber sie isch net da! Oder meinsch du, sie könnt sich versteckt haben – im Hof oder im Stall?“, rätselt sie.

„Auf“, bestimmt Mechthild energisch, „komm, mir gehet jetzt mit’nander suchen, au auf den Höfen in der Nachbarschaft. Los, komm, des machet mir glei!“ Mit diesen Worten macht Mechthild schon die Haustür auf. „Weisch, ich hab jetzt kei Ruh mehr. Des passt doch net zur Sonja. Jetzt isch es bald Viere und die isch no net daheim.“ Edelgard ist froh, dass die Mechthild die Initiative übernimmt. „Gut, dass Mutter da ist!“ Sie spürt, wie sie immer noch von der energischen Kraft der Älteren profitiert.

Sie eilt der alten Frau hinterher, rüber in den Anbau des Onkels. Dort öffnen sie alle Türen, laufen hinters Haus, in den Stall, in die Scheune. Sie rufen hoch ins Heu. Edelgard steigt die Holzleiter hinauf, kriecht im Heuboden herum. Nichts! Sie gehen hinunter in den uralten Gewölbekeller, den die Kinder überhaupt nicht mögen. Sie ist nicht da. „Was sollte sie auch hier?“, überlegt Edelgard. Es gab für Sonja bessere Verstecke, wenn sie eines gebraucht hätte.

Ihr lautes Rufen hören die Nachbarn. Irgendwann fangen sie an mitzusuchen. In jedem noch so versteckten Winkel der alten Bauernhäuser wird nachgeschaut. Nichts! Das Kind fehlt, wie jemand, der pünktlich losgewandert ist, seinen gewohnten Weg genommen hat und doch an seinem Ziel nicht angekommen ist. Sonja wird nicht gefunden. Keine Spur von ihr hier oben. Nicht in den Häusern, nicht zwischen den Häusern.

Der Wald hat sie behalten! Warum? Es war, als habe er das Mädchen verschluckt. Sie ist unten hineingegangen und oben nicht wieder herausgekommen.

Dass etwas Unheilvolles geschehen sein musste, wird in Edelgard zur gefühlten Gewissheit. Sie braucht nur ihre Mutter anzusehen und weiß, dass die keinen anderen Gedanken hat. „Wenn doch bloß der Arthur da wäre!“, wünscht sich Edelgard sehnlichst. „Der wüsste Rat, was zu tun ist. Aber gerade heute ist er auf der anderen Seite des Tales, auf den beiden großen Pachtwiesen, um nach dem Rechten zu sehen.“

„Geh, ruf Hilfe!“, sagt die Mechthild sehr bestimmt. Es klingt energisch, aber Edelgard hört die zitternden Tränen im Hintergrund heraus. „Wen ruf ich an?“, überlegt sie kurz. „Am besten unseren Freund Herbert, Rolands Vater. Der weiß meistens Rat. Der wird wissen, was zu tun ist. Heute am Mittwochnachmittag sind die meisten auf Arbeit, aber den Herbert könnte ich erreichen, der werkelt bestimmt in seiner Schreinerei herum.“

„D’ Sonja isch net heimkommen!“ Edelgard schreit diesen Satz förmlich in die Muschel. „Wie, net heim’kommen?“, fragt Herbert mit ruhiger Stimme. „Was meinsch du?“ „Ja von der Schul! Jetzt isch es fast Fünfe und sie isch no net da. Wir haben schon überall g’sucht. Sie sei in Richtung heim gangen, haben d’ Leut g’sagt, aber sie isch verschwunden, sie isch weg!“ Ohne abzusetzen sprudelt es aus Edelgard heraus. In der folgenden Stille hören beide nur das Atmen des anderen.

Dann sagt Herbert: „Also am besten, wir alarmieren die Feuerwehr, machen gleich Nägel mit Köpfen.“ Herbert spricht jetzt hochoffiziell mit fester Stimme, wie es sich für einen wichtigen Mann im Dorf gehört. In solchen besonderen Situationen glänzt er sogar mit seinem erlernten Hochdeutsch, auf das er ganz besonders stolz ist. „Ja so was“, denkt er für sich, „was kann denn da passiert sein? Vielleicht liegt das Kind wo und hat den Fuß gebrochen. Die klettern doch alle Abkürzungen den Wald hoch. Wahrscheinlich hat das Mädle seine Mutter gar nicht rufen gehört. Da muss man danach gucken! Vor drei Stunden in den Wald rein und kommt nicht mehr raus. Da ist doch was faul.“ So denkt der Herbert, wäscht sich schneller als sonst die Hände, lässt sich nicht mal Zeit zum Abtrocknen und gibt fast wortgleich seine Gedanken von vorhin übers Telefon dem Feuerwehrkommandanten weiter. „Da muss man freilich danach gucken“, kommt die kurze, bündige Antwort zurück. „Ich mach das!“

Kurz darauf heulen Sirenen. Die Menschen halten inne, egal was sie gerade tun. Brennt’s denn? Wo? Sie rennen auf die Straße. Weiß der Nachbar was? Nein. Aber da muss es doch wo brennen! Die Sirenen heulen weiter, gehen durch Mark und Bein. Grausig ist das. Bis einer es weiß: „D’ Sonja ist von der Schule noch nicht daheim. Man muss sie suchen.“

Die Feuerwehr stellt gerade einen Suchtrupp zusammen. Alle, auch die Kerle von der Jugendfeuerwehr, müssen kommen und helfen. Das laute Heulen der Sirenen ist verstummt, aber die Menschen behalten ihre Gänsehaut. Die bleibt, so wie Anspannung und Herzklopfen bleiben. Wer Kinder hat, sieht sie heute mit anderen Augen an. Gott sei Dank, sie sind zu Hause! Es gibt an diesem späten Nachmittag und Abend wohl kein Haus in der Gemeinde, wo nicht diskutiert und gemutmaßt wird, was mit Sonja passiert sein könnte. Irgendwie schmeckt heute das Vesper nicht so wie sonst. Manch einer schiebt es schneller von sich, als er es eigentlich vorhatte.

Auch auf dem Berg hören die Bewohner das Dröhnen und Heulen der Sirenen. Als Echo klingen die Töne aus verschiedenen Ecken zurück und hinterlassen den Eindruck eines Infernos. Edelgard und ihre Mutter fahren so erschrocken zusammen, als hätten sie einen Schlag mit einer Keule bekommen.

„Die Sirenen! Die Sirenen müsste Arthur hören“, fährt es Edelgard durch den Kopf. „Er muss sich doch denken, dass im Ort was g’schehen ist. Fünfe ist es auch. Eigentlich Zeit für ihn zum Heimkommen“, überlegt sie. „Oh Herrgott“, fleht Edelgard, „lass den Arthur heimkommen!“ Jetzt wissen es alle, es ist sozusagen amtlich. „Mit unserem Mädle ist was passiert!“ Wenn doch wenigstens der Vater da wäre, aber der ist am Morgen früh weg, musste nach München, Kunden besuchen.

Beide Frauen hält es nicht mehr im Haus. Sie rennen in den Hof, der an die Dorfstraße grenzt. Ihre Nachbarn sind da, sie stehen in kleinen Gruppen beieinander und diskutieren. Nicht zu laut, denn man weiß ja nichts Genaues. „Die wird man schon finden, Edelgard, mach dir net so viel Sorgen! Jetzt gucket ja ganz viele nach ihr. Man hat sie doch noch gesehen nach der Schule, also muss sie hier au wo sei. Geh nur rein zu deine andere Kinder! Mir gehen jetzt au zum Wald und helfet suchen. Mir saget dir gleich Bescheid, wenn mir was Neues erfahret.“

Kein bisschen getröstet geht Edelgard ins Haus. Es stimmt ja, sie muss nach ihren drei Jungs sehen. Die Buben haben sich so erschrocken, als die Sirenen heulten, und sind ins Haus gerannt. Dort hocken sie eingeschüchtert mit großen Augen in der Küche.

Schweigend haben sie heute ihre Hausaufgaben gemacht und danach schweigend die kleinen Spielautos auf dem Tisch herumgeschoben. Ihre Brummlaute, mit denen sonst die Fahrzeuge in allen Lautstärken begleitet wurden, kommen ihnen nur leise über die Lippen. Die Mutter hatte ihnen vorhin kurz gesagt: „D’ Sonja isch no net von der Schul daheim und jetzt suchen alle nach ihr.“ „Warum redet die Mutter nur so komisch?“ Eine ganz neue Stimme hatte sie. „Des war doch net so schlimm, wenn die Sonja mal später heimkam.“ Erst als sie begriffen, dass die Sirenen ihrer Schwester galten, erstarrten ihre Kinderseelen vor Angst und Schrecken. Sie trauten sich nicht, Fragen zu stellen, denn jeder Versuch wurde von der Oma mit harschen Worten abgetan. „Still jetzt, mir wollet jetzt nix mehr hören, setzt euch hin und haltet den Mund!“

„Fangt ganz unten am Fluss an zu suchen! Teilt euch auf!“, rief der Kommandant.

„Immer Zehner-Reihen, fünf alte und fünf junge Leut. So schaffen wir uns den Berg hoch. Auf der Teerstraße nach oben stehen Autos. Wenn jemand was sieht oder findet, gibt er Signal. Einen überlangen Hupton! Die Fahrzeuge sind offen, Zündungen sind an. Also los, guckt genau, ob ihr vielleicht Gegenstände findet oder ob es Spuren gibt, die nicht hingehören! Alles, auch die kleinste Kleinigkeit ist wichtig!“ Mit energischen Befehlen wurden die Suchtrupps eingeteilt und losgeschickt.

Gerade biegt Arthur auf die Straße nach Muri ein, als er den ersten Leuten von der hiesigen Feuerwehr begegnet. Hält und sieht sich neugierig um. „Was ist passiert, Willi? Wo brennt’s?“, fragt er den ersten, der ihm gerade über den Weg läuft. „Gut, dass du da bist, Arthur“, kommt es ernst von dem Feuerwehrmann zurück. „Es geht um eure Sonja. Die ist nach der Schule nicht nach Hause gekommen. Wir fangen gerade an zu suchen.“

Mit einem Satz springt Arthur vom Traktor. Das ist etwas, was er im Moment zwar hört, aber überhaupt nicht einordnen kann. Das ist fremd. Automatisch gehen seine Gedanken sofort zu den Frauen daheim. „Wie mag es ihnen gehen?“ Er ahnt, dass er zuhause dringend gebraucht würde. Trotzdem bestimmt er kurz: „Ich suche mit!“ Das ist ihm im Augenblick näher und wichtiger. „Ja, mach das. Komm mit mir und meinem Trupp. Wir fangen mit dem unteren Teil der Strecke vom Fluss aus an.“

Inzwischen lag eine ungeheure Spannung über den Suchenden. Jeder von ihnen fürchtete mittlerweile, er könnte etwas finden, was er sich nicht wünschte. Es war ein Junge der Jungfeuerwehr, der sie fand. Der rief und schrie: „Hilfe, hier! Hil.....“ Das letzte ‚Hilfe‘ blieb ihm buchstäblich im Hals stecken. Der Magen würgte ihm entgegen. Er brach sich die Seele aus dem Leib, der Junge. Einer hupte. Lange Pause, noch mal lange. Ein Klagen, das jeden, der den Ton hören musste, erschauern ließ.

Ein Beben erfasst den abendlichen Wald. Alles rennt. „Der Ton kommt doch vom Berg!“ Sie keuchen den Berg hoch. Von allen Seiten kommen sie zum Hupton. „Da, da unten!“, schreit es ihnen entgegen. „Ein kleines Stück unterhalb der Teerstraße, da liegt sie.“

Wer mitgesucht hat oder zufällig vorbeikommt, sieht sich den Fundort an, zertrampelt Spuren, die im Nachhinein so wichtig gewesen wären. Das Entsetzen über den Anblick der Leiche, das Blutbad, das sie ertragen müssen, lässt die Männer verstummen oder aufstöhnen wie im tiefsten Schmerz, lässt sie in die Büsche taumeln, wo sie sich erbrechen, lässt sie weinen und beten.

Ein Kripobeamter sagt Jahrzehnte später: „Ich war wie gelähmt von dem, was ich da sehen musste. Es überstieg meine Vorstellungskraft. Nur weg von diesem grauenhaften Anblick! Nur einen Augenblick umdrehen und Welt sehen, die noch so war wie immer! Ich rannte zwischen die Tannen, konnte es nicht mehr ertragen, wie Tod aussehen konnte. Ich lehnte mich an einen Baum, brauchte Hilfe, konnte nur noch beten. Und ich betete: Lieber Gott, lass uns den Täter finden! Hilf uns, den Täter zu finden, hilf uns! Sonst möchte ich nie mehr was von dir!“

(aus Befragung Kommissar I. im August 2014)

HAUSSCHATTEN

Er wusste, dass er zu Hause nichts sagen oder fragen durfte wegen seiner Ängste, die ihn seit dem Tod seiner großen Schwester verfolgten. Wie oft schon hatte er versucht, bei der Mutter Antworten auf sein Warum zu bekommen. „Jetzt nicht“, sagte die dann oft mit schmerzlich verzogenem Gesicht. Und beim Vater ging gar nichts. Der wurde sofort grob: „Hast du nichts anderes zu tun, als wie dumme Fragen stellen? Mach deine Arbeit und lass mir meine Ruhe.“

Dabei hätte er doch so viele Fragen an die Eltern gehabt, also solche wie „Wer passt jetzt eigentlich auf uns drei auf, den Hannes, den Ludwig und mich? Das ist doch gefährlich, wenn wir kehren müssen hinter der Scheune etwa, wo uns keiner sieht. Da kann sich doch leicht einer anschleichen.“ oder „Wie hat der das gemacht mit der Sonja, wie kriegt der die tot? Warum hat sie denn nicht um Hilfe geschrien?“ Er, Jürgen, wusste doch ganz genau, wie stark seine Schwester war. Keine Chance hatte er gegen sie, wenn die mal richtig hinlangte. Schließlich gab er es auf, quälte sich durch den Tag und fürchtete die Nacht, alleine in der Dunkelheit seines Zimmers.

Es kostete den Jungen jeden Tag eine große Überwindung, in den dunklen Hausgang zu gehen. Schon wenn er die Tür aufmachte, hielt er den Atem an. Er wollte ihn nicht riechen, diesen Geruch nach Finsternis, feuchter Kühle und der unbeschreiblichen Mischung aus dem Unheimlichen, das ihn aus jeder dunklen Ecke ansprang. Jürgen ließ die schwere Eingangstür aus Holz, die immer so seltsame Geräusche von sich gab, hinter sich offen, als könnte er vom Sonnenlicht und der sommerlichen Wärme etwas ins Haus mitnehmen.

Er hatte auch festgestellt, dass die Treppenstufen, die nach oben in die Wohnung führten, weniger laut knarrten, wenn er schnell über sie tappte. Langsam und leise schleichen ging gar nicht. Er konnte den Flur nicht schnell genug hinter sich lassen. Es gab Tage, an denen er fest davon überzeugt war, in der Dunkelheit unter der Treppe sitze einer. Jürgen hätte auch schwören können, dass er jemanden schnaufen hörte. Ganz deutlich war das zu hören, wenn er am Abend dem Vater ein Bier aus dem Keller holen sollte.

Dann meldete sich das Angstgespenst in seiner Brust und umklammerte ihn ganz stark, so dass er fast keine Luft mehr bekam. Irgendwie schaffte er es aber immer wieder, während kaltes Grausen über seinen Rücken lief. Hoch und runter lief es, immer abwechselnd, runter und hoch, hin und her. Das rollte und rollte wie ein Wellholz auf dem Nudelteig, von einer Richtung in die andere. Froh war er, wenn er sich in die hell erleuchtete Küche retten konnte und dem Vater vor lauter Erleichterung mit weit aufgerissenen Augen, viel zu laut, die Flasche ungestüm auf den Tisch stellte.

„Spinnst du, was rennst denn so? Im a Weile lässt du noch die Flasche fallen, dann haben wir die Sauerei.“ Die Mutter hob dann nur den Kopf und sah ihrem Sohn still ins Gesicht mit einem fernen Blick, den Jürgen von ihr nicht kannte. Dieses Schauen der Mutter war fremd und neu. Er spürte, dass sie weit weg war von ihnen.

Er hatte auch bemerkt, dass der Vater nicht mehr mit der Mutter zurechtkam. Der war jetzt noch öfter unterwegs als früher. Es vermisste ihn auch keiner. Im Gegenteil. Es war ein ruhigeres Arbeiten und Leben auf dem Hof.

Der Kurtle hatte sicher Recht. Der sagte nämlich in der großen Pause zu ihm: „Du wirst schon sehen, bestimmt müsst ihr jetzt alle sterben. Du als nächster, weil du gleich nach deiner Schwester kommst. Solche machen das immer so, dem Alter nach, weißt, halt nacheinander.“ Im Kreis standen sie beisammen auf dem Schulhof und verdrückten, zwischen den ziemlich präzisen Mordvoraussagen, hungrig ihre Vesperbrote. Die anderen nickten arg mit dem Kopf, als wüssten sie alle genau Bescheid, was mit ihm und seinen Geschwistern in der nächsten Zeit passieren würde.

Eigentlich ging es ihm gar nicht so schlecht, denn seit Tagen schon, um genau zu sein, seit dem Tod seiner Schwester, war er der Gefragteste unter seinen Mitschülern. Jeder wollte plötzlich sein Freund sein, tat sich wichtig mit ihm. Aber heute, als er diese ungeheuerliche Neuigkeit hörte, wäre es ihm lieber gewesen, er hätte wohin verschlupfen können, wo ihn kein Mensch auf der Welt mehr finden konnte.

Er dachte an seine zwei Brüder. Vielleicht war ja einer von denen der nächste und nicht gerade er. Er würde heute Abend auf jeden Fall intensiv um eine gute Lösung beten. „Das hilft“, hatte die Mutter früher immer gesagt, wenn in der Familie irgendwas Schlimmes passiert war und es einfach nicht weiterging. Er wusste bloß noch nicht, wen er von den Brüdern opfern sollte. Den Hannes oder den Ludwig? Über die hatte er schon das Sagen und konnte oft bestimmen, wo es lang ging. Wobei ihn der Ludwig mehr ärgerte und verpetzte. Wegen dem hatte er schon mehr Hausarreste aushalten müssen, als wie er Vierer in Klassenarbeiten geschrieben hatte. Aber dafür konnte der gut Fußball spielen und das würde ihm, Jürgen, bestimmt fehlen. Also der Hannes! Aber auch das hätte Auswirkungen auf sein Leben und zwar schlechte. Der Hannes war noch klein, gerade mal sechs Jahre alt, aber dem konnte er schon so manche Arbeit auf dem Hof und im Stall aufs Auge drücken, wenn er selbst keine Lust dazu hatte. Wenn man dem noch versprach: „Du darfst am Sonntag mit in die Hütte“, dann machte Hannes ohne Murren alles für einen. Ihre Hütte im Wald war nämlich ein sicherer Ort, wo man alles tun konnte und wo die Erwachsenen einen nicht störten.

In solch anstrengende Gedanken versunken ging Jürgen die Dorfstraße entlang. Schwüle Mittagshitze lag wie eine zu heiße Glocke über dem Tal. Die Sommersonne brannte in seinen Nacken, der in diesem Jahr schon tiefbraun war. Wer ihn kannte und so gehen sah, merkte sehr schnell, dass mit dem Jürgen heute was nicht stimmte. Kein bisschen Kinderfröhlichkeit war zu spüren. Ein erfrorenes Gesicht und entsetzte Augen waren es, die dem Betrachter entgegenblickten. Aber wer sah das schon? Eigentlich keiner. Und wer hinsah, schaute schnell wieder weg, um nicht Antworten geben zu müssen. Sie waren nicht leicht, diese Antworten. Fanden die Erwachsenen doch selber keine auf all die drängenden Fragen. Eigentlich machte sich niemand viele Gedanken über die Gefühle der Geschwister. Überhaupt war der Kerle doch schon groß, überragte seine Mitschüler um einiges. Für seine neun Jahre sah er älter aus, als er tatsächlich war. Glaubte man deshalb: „Der wird schon damit fertig werden?“

Jürgen legte einen Zahn zu. Er durfte nicht trödeln, sonst fuhr ihm der Bus vor der Nase weg. Er musste rechtzeitig an der Haltestelle sein. Keinesfalls wollte er alleine den schrecklichen, einsamen Waldweg auf den Berg nach Hause gehen, wo doch hinter jedem Baum der Eine stehen konnte mit einem Messer in der Hand. Bei dem Gedanken liefen seine Beine von ganz alleine schneller. Er fühlte sein Herz kräftig an seine Rippen klopfen.

Heute Mittag war er der erste am Bus. Der stand schon da. Penibel genau geparkt neben der vorgeschriebenen weißen Linie. Sein Motor brummte beruhigend leise vor sich hin. Herr Schaible, der Busfahrer, saß gemütlich auf dem Trittbrett an der Fahrerseite und zog an seiner Zigarette. „Du bist ja heute so früh, sogar der erste und ganz verschwitzt bist du. Bist du so schnell gelaufen? Ja, ja, es ist aber auch heiß heut. Sitz nur rein, wenn du möchtest.“

Der Herr Schaible sah Jürgen mitleidig an. Er dachte an die Geschehnisse und fand, dass es eine echte Heimsuchung war, was dieser Familie geschehen war. Der Fahrer stand auf, schaute auf den Jungen hinunter und fuhr ihm kurz mit der Hand durch das dunkle Haar. „Du bist schon ein armes Büble, was du alles miterleben musst.“ Die mitleidigen Worte kamen wie Peitschenhiebe bei Jürgen an. „Der Herr Schaible weiß sicher auch Bescheid, dass ich der Nächste sein werd.“ Er zog den Kopf weg, machte, dass er in den Bus kam und ließ sich auf seinen Sitz fallen. Warm war es im Bus. Jürgen war froh, dass noch keiner der Freunde da war. Er hatte so viel zu denken. Der Schulranzen, der sonst als erstes unter den Sitz flog, blieb auf dem Rücken. Er hatte ihn vergessen.

Jeder hatte seinen Platz im Bus. Wehe, einer setzte sich falsch hin, dann war der Streit vorprogrammiert und der Busfahrer musste streng durchgreifen. Dieser Bus war neu. Seit dem Tod seiner Schwester wurde er eingesetzt. Kein Kind sollte mehr nach Schulschluss alleine durch den Wald nach Hause gehen müssen.

Die Anspannung nahm dem Bub die Luft. Er weinte. Merkte nicht, wie seine Schultern zuckten. Es war ein trockenes Schluchzen und Schlucken, das den Körper erschütterte. Jürgen presste sein Gesicht an die Scheibe und empfand die glatte Glasfläche wie eine wohltuende Berührung.

Von Weitem hörte er seine Schulkameraden lärmend und durcheinanderredend die Straße entlangkommen. Sie drängten und schoben über die Treppe in den Bus, schubsten sich rauf und runter. „Da bist du ja. Warum bist du ab?“ Mit lautem Geplapper haute sich der Erwin in den Sitz neben Jürgen. „Ach lass doch den! Der wollt bloß der erste im Bus sei“, schnaubte ziemlich verächtlich der Edgar, der ihn sowieso nicht leiden konnte. „Wir waren noch am Kaugummiautomat. Der Kurtle hat Geld dabeigehabt. Zwei Mark. Wir haben alles verputzt. Guck, was wir rausgeholt haben! Eine Pfeife und einen Ring.“ „Und der Ewald hat am Schluss noch den Schlitz vom Kasten mit einem Kaugummi zugeklebt. Da kommt nix mehr raus. Die werden sich wundern!“

„Komm Jürgen, ruck mal auf die Seite, des isch doch mein Platz auch. Mach dich net so breit, zieh deine Haxen ein!“ So ging es durcheinander, bis Herr Schaible ein Machtwort sprach. Dann war Ruhe. Jeder hatte seinen Platz eingenommen und es wurde durchgezählt. Achtundzwanzig Kinder. Es stimmte. Vom Berg waren es sieben, die anderen aus der Nachbargemeinde.

Jürgen saß steif auf seinem Platz und hoffte, dass ihn keiner mehr ansprach. Sein einziger Gedanke war: „Hoffentlich fährt der Bus bald los. Ich muss zu meinem Onkel Arthur, der weiß bestimmt Rat.“