Maigret stellt eine Falle - Simenon Georges - E-Book

Maigret stellt eine Falle E-Book

Simenon Georges

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Beschreibung

Ganz Paris ist in Aufruhr. In den letzten sechs Monaten wurden mitten in Montmarte fünf Frauen erstochen. Vom Mörder keine Spur ... Wann wird er wieder zuschlagen? In den heißen Pariser Sommernächten könnte jede Frau sein nächstes Opfer sein. Kommissar Maigret, der enorm unter Druck steht, setzt alles auf eine Karte und stellt dem Mörder eine Falle. Doch als diese zuschnappt, braucht Maigret seinen ganzen Scharfsinn, um den Serienmörder tatsächlich zu fassen. Maigrets 48. Fall spielt in Montmarte und am Boulevard Saint-Germain.

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Georges Simenon

Maigret stellt eine Falle

Roman

Aus dem Französischen von Hansjürgen Wille, Barbara Klau und Meike Stegkemper

Kampa

1Aufregung am Quai des Orfèvres

Ab halb vier hob Maigret von Zeit zu Zeit den Kopf, um auf die Uhr zu sehen. Um zehn vor vier unterschrieb er das letzte Schriftstück, das er soeben durchgesehen hatte, schob seinen Lehnstuhl zurück, wischte sich den Schweiß von der Stirn und betrachtete unschlüssig die fünf Pfeifen im Aschenbecher, die er geraucht hatte, ohne sie hinterher auszuklopfen. Mit dem Fuß hatte er auf einen Klingelknopf unter seinem Schreibtisch gedrückt, und jemand klopfte an die Tür. Er trocknete sich mit einem großen, auseinandergefalteten Taschentuch das Gesicht und brummte:

»Herein!«

Es war Inspektor Janvier, der wie der Kommissar sein Jackett ausgezogen, anders als Maigret aber die Krawatte nicht abgelegt hatte.

»Hier, lass das bitte abtippen. Wenn es fertig ist, soll man es mir zur Unterschrift bringen. Coméliau muss es noch heute Abend bekommen.«

Es war der 4. August. Aber obwohl die Fenster weit offen standen, hatte es sich kein bisschen abgekühlt; heiße Luft drang herein, die von dem geschmolzenen Asphalt und dem glühenden Pflaster aufstieg. Man wartete fast darauf, dass auch die Seine anfing zu dampfen wie kochendes Wasser auf einem Herd.

Die Taxis und Busse auf dem Pont Saint-Michel fuhren langsamer als sonst, schleppten sich dahin, und nicht nur bei der Kriminalpolizei waren alle Leute in Hemdsärmeln. Auch auf den Gehsteigen trugen die Männer ihre Jacketts unter dem Arm, und vorhin hatte Maigret sogar Leute in Shorts gesehen, wie am Strand.

Nur ein Viertel der Pariser war in der Stadt geblieben, und alle dachten gewiss mit dem gleichen Neid an die anderen, die das Glück hatten, sich bei dieser Hitze in die Wellen zu stürzen oder an einem ruhigen Fluss im Schatten zu angeln.

»Sind sie schon da?«

»Ich habe sie noch nicht gesehen. Lapointe lauert ihnen auf.«

Maigret erhob sich mühsam, nahm eine der Pfeifen, klopfte sie aus, zündete sie an und ging dann zu einem der Fenster, an dem er stehen blieb, um das Restaurant am Quai des Grands-Augustins zu beobachten. Es hatte eine gelb gestrichene Fassade, und man musste zwei Stufen hinuntersteigen, um in den Gastraum zu gelangen, der gewiss fast so kühl war wie ein Keller. Die Theke war eine richtig altmodische Zinktheke, an der Wand hing eine Schiefertafel, auf der mit Kreide geschrieben stand, was es zu essen gab, und es roch immer nach Calvados.

Bis zu den Buden der Bouquinisten am Seine-Ufer roch es nach Calvados.

Reglos blieb er vier oder fünf Minuten stehen, zog an seiner Pfeife, sah, wie ein Taxi unweit des kleinen Restaurants hielt und drei Männer ausstiegen und die Stufen hinuntergingen. Die ihm vertrauteste der drei Gestalten war Lognon, der Inspektor aus dem 18. Arrondissement, der von fern noch kleiner und dünner wirkte. Maigret sah ihn zum ersten Mal mit einem Strohhut.

Was würden die drei trinken? Bier zweifellos.

Maigret öffnete die Tür zum Büro der Inspektoren, in dem die gleiche schläfrige Atmosphäre herrschte wie in der ganzen Stadt.

»Ist der Baron im Flur?«

»Seit einer halben Stunde, Chef.«

»Keine anderen Journalisten?«

»Der kleine Rougin ist eben gekommen.«

»Fotografen?«

»Ein einziger.«

Der lange Flur der Kriminalpolizei war fast leer, nur zwei oder drei Personen warteten vor der Tür von Maigrets Kollegen. Auf seine Bitte hatte Bodard vom Finanzdezernat für vier Uhr den Mann vorgeladen, von dem Tag für Tag in den Zeitungen die Rede war, einen gewissen Max Bernat, der vor zwei Wochen noch völlig unbekannt, nun aber der Held des neuesten Finanzskandals war, in dem es um Milliarden ging.

Maigret hatte nichts mit Bernat zu tun, und Bodard hatte zum gegenwärtigen Stand der Ermittlung keine Fragen an ihn zu stellen. Aber da Bodard irgendjemandem beiläufig erzählt hatte, dass er den Betrüger heute um vier Uhr sehen werde, befanden sich im Flur mindestens zwei Lokalreporter und ein Fotograf. Sie würden bis zum Ende des Verhörs bleiben. Ja, vielleicht würden auch noch andere kommen, wenn sich herumsprach, dass Max Bernat am Quai des Orfèvres war.

Pünktlich um vier Uhr hörte man leise Stimmen aus dem Zimmer der Inspektoren, die die Ankunft des Betrügers ankündigten. Er kam aus der Krankenabteilung des Untersuchungsgefängnisses.

Maigret ging noch eine Weile im Zimmer auf und ab, während er seine Pfeife rauchte und sich hin und wieder den Schweiß abwischte, blickte ein paarmal zu dem kleinen Restaurant am anderen Ufer der Seine hinüber, schnippte dann mit den Fingern und sagte zu Janvier:

»So, jetzt!«

Janvier nahm den Telefonhörer ab und ließ sich mit dem Restaurant verbinden. Lognon wartete bestimmt schon neben der Zelle auf den Anruf und sagte jetzt zum Wirt:

»Das ist sicherlich für mich. Ich erwarte ein Gespräch.«

Alles verlief wie geplant. Maigret ging, ein wenig schwerfällig und ein wenig unruhig, zurück in sein Büro, wo er sich am Waschbecken ein Glas Wasser eingoss, bevor er sich setzte.

Zehn Minuten später spielte sich im Flur die altbekannte Szene ab. Lognon und ein anderer Inspektor vom 18. Arrondissement, ein Korse namens Alfonsi, stiegen langsam die Treppe hinauf, und zwischen ihnen ging ein Mann, dem nicht wohl zu sein schien und der sich den Hut vors Gesicht hielt.

Der Baron und sein Kollege Jean Rougin, die vor Kommissar Bodards Tür standen, erfassten die Situation mit einem Blick und stürzten auf die drei zu, während der Fotograf schon seinen Apparat einsatzbereit machte.

»Wer ist das?«

Sie kannten Lognon. Sie kannten alle Polizeibeamten fast genauso gut wie die Angestellten ihrer Zeitung. Wenn zwei Inspektoren, die nicht der Kriminalpolizei angehörten, sondern dem Kommissariat von Montmartre, jemanden zum Quai des Orfèvres brachten, der, schon ehe er die Journalisten bemerkte, sein Gesicht verbarg, ließ das nur einen Schluss zu.

»Wartet Maigret auf den?«

Lognon antwortete nicht, sondern ging zu Maigrets Tür und klopfte leise. Die Tür öffnete sich, und gleich darauf schloss sie sich hinter dem Trio.

Der Baron und Jean Rougin blickten sich an, als hätten sie eben ein Staatsgeheimnis erfahren, und da sie beide wussten, dass sie das Gleiche dachten, hatten sie nicht das Bedürfnis, darüber zu sprechen.

»Ist die Aufnahme gut geworden?«, fragte Rougin den Fotografen.

»Bis auf den Hut, der sein Gesicht verbirgt.«

»Immer das Gleiche. Bring es schnell zur Redaktion, und dann komm wieder her. Wer weiß, wie lange das dauern wird.«

Einen Augenblick später kam Alfonsi heraus.

»Wer ist das?«, fragten sie ihn.

Verlegen erwiderte der Inspektor:

»Das kann ich nicht sagen.«

»Warum nicht?«

»Befehl von oben.«

»Woher kommt er? Wo haben Sie ihn aufgelesen?«

»Fragen Sie Kommissar Maigret.«

»Ein Zeuge?«

»Weiß ich nicht.«

»Ein neuer Verdächtiger?«

»Ich schwöre Ihnen, ich weiß es nicht.«

»Vielen Dank auch für die gute Zusammenarbeit!«

»Wenn es der Mörder wäre, hätten sie ihm doch wohl Handschellen angelegt.«

Alfonsi entfernte sich mit betrübter Miene, er hätte gerne mehr verraten. Auf dem Flur wurde es wieder ruhig, eine halbe Stunde lang passierte nichts.

Der Betrüger Max Bernat kam aus dem Büro der Finanzabteilung, aber er interessierte die beiden Journalisten nur noch am Rande. Aus reinem Pflichtbewusstsein stellten sie dem Kommissar dennoch einige Fragen.

»Hat er Namen genannt?«

»Noch nicht.«

»Leugnet er, Unterstützung von Politikern erhalten zu haben?«

»Er leugnet nicht, er gesteht nicht, er lässt alle Zweifel offen.«

»Wann werden Sie ihn wieder verhören?«

»Sobald wir einige Fakten überprüft haben.«

Maigret kam aus seinem Büro, noch immer ohne Jackett und mit offenem Hemd, und begab sich mit geschäftiger Miene in das Büro des Chefs.

Das war ein neuer Hinweis: Trotz der Ferien, trotz der Hitze bereitete sich die Kriminalpolizei auf einen höchst bedeutsamen Abend vor, und die beiden Reporter dachten an manche Verhöre, die die ganze Nacht hindurch, ja vierundzwanzig Stunden und länger gedauert hatten, ohne dass man erfuhr, was hinter den geschlossenen Türen vor sich ging.

Inzwischen war der Fotograf zurückgekehrt.

»Was hast du in der Redaktion gesagt?«

»Nur, dass man den Film entwickeln und die Abzüge bereithalten soll.«

Maigret blieb eine halbe Stunde beim Chef und ging dann wieder in sein Büro, wobei er die Reporter mit einem müden Winken abwimmelte.

»Sagen Sie uns wenigstens, ob es einen Zusammenhang gibt …«

»Ich habe im Augenblick nichts zu sagen.«

Um sechs Uhr brachte der Kellner der Brasserie Dauphine ein Tablett mit Biergläsern. Man hatte Lucas aus seinem Büro kommen und zu Maigret hineingehen sehen. Er war noch nicht wieder herausgekommen. Man hatte auch gesehen, wie Janvier, den Hut auf dem Kopf, die Treppe hinunterstürzte und auf dem Hof in einen Wagen der Kriminalpolizei stieg.

Noch ungewöhnlicher aber war, dass Lognon erschien und sich, wie zuvor schon Maigret, in das Büro des Chefs begab. Er blieb dort allerdings nur zehn Minuten und verschwand dann, statt fortzugehen, im Büro der Inspektoren.

»Ist dir nichts aufgefallen?«, fragte der Baron seinen Kollegen.

»Sein Strohhut?«

Man konnte sich Inspektor Griesgram, wie ihn alle bei Polizei und Presse nannten, mit einem fast heiter wirkenden Strohhut schwer vorstellen.

»Nein, etwas viel Interessanteres.«

»Hat er etwa gelächelt?«

»Das nicht, aber er trägt eine rote Krawatte.«

Sonst trug er nur dunkle Krawatten an einem Kunststoffkragen.

»Was hat das zu bedeuten?«

Der Baron wusste über alles Bescheid und erzählte jedermanns Geheimnisse mit einem schmalen Lächeln weiter.

»Seine Frau ist verreist.«

»Ich denke, sie ist krank?«

»Sie war es.«

»Genesen?«

Jahrelang hatte der arme Lognon in seiner Freizeit einkaufen, das Geschirr spülen, seine Wohnung an der Place Constantin-Pecqueur saubermachen und obendrein noch seine Frau pflegen müssen, die behauptet hatte, sie könne niemals mehr das Bett verlassen.

»Sie hat die Bekanntschaft einer neuen Mieterin im Haus gemacht, und die hat ihr von Pougues-les-Eaux erzählt und ihr eingeredet, sie müsse dort eine Kur machen. So seltsam das scheinen mag, sie ist ohne ihren Mann hingefahren, der im Augenblick nicht aus Paris fortkann, aber in Begleitung der Nachbarin. Die beiden Frauen sind gleich alt. Die Nachbarin ist Witwe …«

Immer öfter sah man jemanden von einem Büro ins andere gehen. Fast alle, die zu Maigrets Abteilung gehörten, waren gegangen. Janvier war unterdessen wiedergekommen. Lucas lief eifrig hin und her, der Schweiß rann ihm von der Stirn. Hin und wieder zeigten sich Lapointe, Torrence, Mauvoisin, der neu in der Abteilung war, und andere, denen man, während sie vorbeieilten, ein Wort zu entlocken versuchte. Vergeblich.

Die kleine Maguy, Reporterin bei einer Morgenzeitung, erschien bald darauf so frisch, als ob es nicht den ganzen Tag sechsunddreißig Grad im Schatten gewesen wären.

»Was willst du denn hier?«

»Das Gleiche wie ihr.«

»Und das wäre?«

»Warten.«

»Woher weißt du, was hier los ist?«

Sie zuckte mit den Schultern und fuhr sich mit einem Lippenstift über die Lippen.

»Wie viele sind da drin?«, fragte sie und deutete auf Maigrets Tür.

»Fünf oder sechs. Schwer zu sagen. Es geht zu wie in einem Taubenschlag, hinein und hinaus. Sie geben sich die Klinke in die Hand.«

»Ein Verhör?«

»Nun, jedenfalls dürfte der Kerl allmählich ins Schwitzen kommen.«

»Haben sie Bier kommen lassen?«

»Ja.«

Wenn Bier gebracht wurde, war das ein Zeichen, dass Maigret sich auf ein langes Verhör einstellte.

»Ist Lognon immer noch bei ihnen?«

»Ja.«

»Siegessicher?«

»Schwer zu sagen. Er trägt eine rote Krawatte.«

»Warum?«

»Seine Frau macht eine Kur.«

Sie verstanden sich. Sie gehörten zur gleichen Gilde.

»Habt ihr ihn gesehen?«

»Wen?«

»Den, den sie gerade in die Zange nehmen.«

»Ja, bis auf sein Gesicht. Das hat er hinter seinem Hut versteckt.«

»Jung?«

»Weder jung noch alt. Soweit man es beurteilen kann, etwas über dreißig.«

»Wie gekleidet?«

»Unauffällig. Rougin, was für eine Farbe hat sein Anzug?«

»Stahlgrau.«

»Ich hätte gesagt, beige.«

»Irgendwelche Besonderheiten?«

»Ich würde ihn auf der Straße nicht wiedererkennen.«

Man hörte Schritte auf der Treppe, und die kleine Maguy murmelte, als die anderen sich umwandten:

»Das muss mein Fotograf sein.«

Um halb acht hatten sich bereits fünf Presseleute im Flur versammelt, und sie sahen den Kellner von der Brasserie Dauphine mit neuem Bier und Sandwiches heraufkommen.

Dabei handelte es sich wohl um eine Sensation. Nacheinander verschwanden die Reporter in einem kleinen Büro am Ende des Flurs, um ihre Zeitung anzurufen.

»Gehen wir essen?«

»Und wenn er währenddessen herauskommt?«

»Und wenn es die ganze Nacht dauert?«

»Sollen wir uns auch Sandwiches kommen lassen?«

»Ach was!«

»Und Bier?«

Die Sonne verschwand hinter den Dächern, aber es war noch hell. Zwar flimmerte die Luft nicht mehr, die Hitze aber war noch immer drückend.

Um halb neun öffnete Maigret seine Tür. Er sah erschöpft aus, und die Haare klebten ihm an der Stirn. Er warf einen Blick in den Flur, schien nahe daran, zu den Presseleuten zu gehen, besann sich aber eines Besseren, und die Tür schloss sich wieder hinter ihm.

»Das kann ja was geben.«

»Ich hab dir doch gesagt, es wird die ganze Nacht dauern. Warst du hier, als sie Mestorino verhört haben?«

»Da lag ich noch in den Windeln.«

»Siebenundzwanzig Stunden.«

»Im August?«

»Ich weiß nicht mehr, welcher Monat es war, aber …«

Die kleine Maguy trug ein Kleid aus bedruckter Baumwolle, das an ihrem Körper klebte. Unter ihren Armen sah man große feuchte Flecke, und unter dem dünnen Stoff zeichneten sich Büstenhalter und Slip ab.

»Spielen wir eine Runde Belote?«

Die Lampen im Flur gingen an. Draußen wurde es dunkel. Der Bürodiener, der Nachtdienst hatte, nahm seinen Platz am Ende des Flurs ein.

»Könnte man nicht ein bisschen Durchzug machen?«

Er öffnete die Tür eines Büros, ein Fenster, dann noch eine weitere Tür, und kurz darauf konnte man mit viel Phantasie so etwas wie eine leichte Brise spüren.

»Das ist alles, was ich für Sie tun kann, meine Herrschaften.«

Um elf Uhr hörte man endlich hinter Maigrets Tür Stühle rücken. Lucas kam als Erster heraus. Er ließ den Unbekannten vorbei, der sich wieder seinen Hut vors Gesicht hielt. Lognon beschloss den kleinen Zug. Die drei wandten sich zur Treppe, die die Kriminalpolizei mit dem Palais de Justice verbindet und von dort aus weiter zu den Zellen des Untersuchungsgefängnisses führt.

Die Fotografen drängelten sich vorbei. Blitzlichter flammten auf. Keine Minute später schloss sich die Glastür wieder, und alle stürzten in Maigrets Büro, das einem Schlachtfeld glich. Gläser standen herum, auf dem Boden lagen Zigarettenstummel, Asche, Papierfetzen, und es roch nach kaltem Rauch. Maigret, immer noch ohne Jackett, wusch sich, halb verdeckt vom Wandschrank, die Hände.

»Werden Sie uns jetzt etwas verraten, Herr Kommissar?«

Er sah sie, wie immer in solchen Situationen, mit großen Augen an, schien aber keinen von ihnen zu erkennen.

»Etwas verraten?«, wiederholte er.

»Wer ist es?«

»Wer?«

»Der Mann, der eben hinausgegangen ist.«

»Jemand, mit dem ich mich lange unterhalten habe.«

»Ein Zeuge?«

»Ich habe nichts zu sagen.«

»Haben Sie ihn in Untersuchungshaft genommen?«

Er schien wieder zu sich zu kommen und entschuldigte sich freundlich.

»Es tut mir leid, dass ich Ihre Fragen nicht beantworten kann, meine Herren, aber ich kann Ihnen wirklich nichts weiter sagen.«

»Aber werden Sie uns bald etwas sagen können?«

»Das weiß ich nicht.«

»Werden Sie Richter Coméliau treffen?«

»Nicht heute Abend.«

»Gibt es einen Zusammenhang zu den Morden?«

»Ich bitte Sie noch einmal, nehmen Sie es mir nicht übel, aber ich kann Ihnen nichts sagen.«

»Gehen Sie jetzt nach Hause?«

»Wie spät ist es?«

»Halb zwölf.«

»Nun, dann ist die Brasserie Dauphine ja noch offen, und ich werde dort eine Kleinigkeit essen.«

Maigret, Janvier und Lapointe brachen gemeinsam auf. Zwei, drei Journalisten folgten ihnen bis in die Brasserie, wo sie an der Theke einen Schnaps tranken, während die drei Männer sich in den zweiten Raum setzten und mit müden, sorgenvollen Mienen etwas bestellten.

Ein paar Minuten später gesellte sich Lognon zu ihnen, aber nicht Lucas.

Die vier Männer unterhielten sich halblaut, man konnte nicht hören, was sie sagten, und es auch nicht von ihren Lippen ablesen.

»Gehen wir. Soll ich dich nach Hause fahren, Maguy?«

»Nein, in die Redaktion.«

Als die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel, entspannte sich Maigret. Ein fröhliches, jungenhaftes Lächeln umspielte seinen Mund.

»Na also«, seufzte er.

»Ich glaube, sie sind drauf reingefallen«, sagte Janvier.

»Bestimmt.«

»Was werden sie schreiben?«

»Das weiß ich nicht. Aber sie werden sicher etwas finden, woraus sie eine Sensation machen können, vor allem der kleine Rougin.«

Rougin war ein Neuling in dem Beruf, jung und angriffslustig.

»Und wenn sie merken, dass sie hereingelegt worden sind?«

»Sie dürfen es nicht merken.«

Es war fast ein neuer Lognon, der da bei ihnen saß, ein Lognon, der seit vier Uhr nachmittags vier Bier getrunken hatte und auch den Schnaps nicht ablehnte, den der Chef ihnen anbot.

»Wie geht’s Ihrer Frau, mein Lieber?«

»Sie schreibt, dass ihr die Kur guttut. Sie macht sich nur Sorgen um mich.«

Er lachte nicht darüber, lächelte nicht einmal. Es gibt Dinge, über die man sich nicht lustig macht. Dennoch wirkte er entspannt, ja beinahe optimistisch.

»Sie haben Ihre Rolle sehr gut gespielt, vielen Dank. Ich hoffe, außer Alfonsi weiß niemand auf Ihrem Kommissariat etwas.«

»Nein, niemand.«

Es war halb eins, als sie sich trennten. Auf den Terrassen saßen noch Gäste, viele Leute waren noch unterwegs, um die verhältnismäßig kühle Nachtluft zu atmen, die sie tagsüber vermisst hatten.

»Nehmen Sie den Bus?«

Maigret schüttelte den Kopf. Er ging lieber zu Fuß nach Hause, alleine, und während er dahinschritt, ließ die Aufregung nach, und ein ernster, fast beklommener Ausdruck trat auf sein Gesicht.

Mehrmals überholte er Frauen, die alleine unterwegs waren, sich an den Hauswänden entlangdrückten und zusammenzuckten, wenn er an ihnen vorbeiging, bereit, bei der kleinsten Bewegung davonzulaufen oder um Hilfe zu rufen.

In sechs Monaten waren fünf Frauen, die wie sie auf dem Weg nach Hause oder zu einer Freundin waren, in den Straßen von Paris von ein und demselben Mann ermordet worden.

Seltsamerweise waren die fünf Verbrechen nur in einem der zwanzig Pariser Arrondissements verübt worden, dem 18., in Montmartre, und nicht nur im selben Arrondissement, sondern auch im selben Viertel, in einem kleinen Sektor, der zwischen vier Metrostationen lag: Lamarck, Abbesses, Place Blanche und Place Clichy.

Jeder Zeitungsleser kannte die Namen der Opfer, wusste genau, wann und wo die Morde begangen worden waren. Für Maigret war diese unheimliche Serie ein wahrer Albtraum. Er kannte die Liste auswendig, konnte sie aufsagen, ohne nachzudenken, wie ein Gedicht, das man in der Schule gelernt hat.

2. Februar. Avenue Rachel, ganz in der Nähe der Place Clichy, nur wenige Schritte vom beleuchteten Boulevard de Clichy entfernt: Arlette Dutour, 28 Jahre alt, Prostituierte, wohnhaft in einem möblierten Zimmer in der Rue d’Amsterdam.

Zwei Messerstiche in den Rücken, von denen der eine fast sofort tödlich gewirkt hatte. Systematisches Zerfetzen der Kleidungsstücke und ein paar leichte Verletzungen am Körper.

Keine Hinweise auf Vergewaltigung. Man hatte ihr weder ihren ziemlich wertlosen Schmuck noch ihre Handtasche geraubt, die eine kleinere Geldsumme enthielt.

3. März. Rue Lepic, etwas oberhalb des Moulin de la Galette. Abends um Viertel nach acht. Joséphine Simmer, geboren in Mulhouse, Hebamme, 43 Jahre alt. Sie wohnte in der Rue Lamarck und kam eben von einer Entbindung zurück.

Ein einziger Messerstich in den Rücken, der das Herz getroffen hatte. Zerfetzte Kleidung und ein paar leichte Verletzungen am Körper. Die Hebammentasche lag auf dem Gehsteig neben ihr.

17. April. (Da der erste Mord am 2. Februar und der zweite am 3. März verübt worden war, hatte man am 4. April mit einem weiteren Überfall gerechnet, aber es war nichts passiert.) Rue Etex, am Friedhof von Montmartre, fast gegenüber dem Krankenhaus Bretonneau. Drei Minuten nach neun Uhr abends. Monique Juteaux, Schneiderin, 24 Jahre alt, unverheiratet, lebte mit ihrer Mutter am Boulevard des Batignolles. Sie kam von einer Freundin zurück, die in der Avenue de Saint-Ouen wohnte. Es regnete, und sie trug einen Regenschirm.

Drei Messerstiche. Zerfetzte Kleidung. Nichts geraubt.

15. Juni. Abends zwischen zwanzig nach neun und halb zehn. Rue Durantin, wieder im gleichen Sektor, Marie Bernard, Witwe, 52 Jahre alt, Postangestellte, die zusammen mit ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn am Boulevard Rochechouart wohnte.

Zwei Messerstiche. Zerfetzte Kleidung. Der zweite Stich hatte die Halsschlagader getroffen. Nichts geraubt.

21. Juli. Das bisher letzte Verbrechen. Georgette Lecoin, verheiratet, Mutter von zwei Kindern, 31 Jahre alt, wohnhaft in der Rue Lepic, unweit der Stelle, an der der zweite Mord begangen worden war.

Ihr Mann hatte Nachtdienst in einem Parkhaus. Eins ihrer Kinder war krank. Sie ging die Rue Tholozé hinunter, um eine offene Apotheke zu suchen, und war um neun Uhr fünfundvierzig schräg gegenüber einem Tanzlokal umgebracht worden.

Ein Messerstich. Zerfetzte Kleidung.

Eine scheußlich monotone Folge von immer gleichen Verbrechen. Das Polizeiaufgebot in Grandes-Carrières war verstärkt worden. Wie seine Kollegen, hatte Lognon seinen Urlaub verschoben. Würde er ihn überhaupt noch nehmen können?

Es waren Straßenpatrouillen eingesetzt worden. Polizisten bewachten alle strategischen Punkte. Sie standen dort schon seit dem zweiten, dritten, vierten und fünften Mord.

»Müde?«, fragte Madame Maigret, die genau in dem Augenblick, als ihr Mann den Treppenabsatz erreichte, die Wohnungstür öffnete.

»Es war heiß heute.«

»Immer noch nichts?«

»Nichts.«

»Ich habe vorhin im Radio gehört, am Quai des Orfèvres herrsche große Aufregung.«

»Das hat man schon gemeldet?«

»Man vermutet, dass es mit den Verbrechen im Achtzehnten zusammenhängt. Stimmt das?«

»Mehr oder weniger.«

»Habt ihr eine Spur?«

»Ich weiß es nicht.«

»Hast du zu Mittag gegessen?«

»Sogar zu Abend, vor einer halben Stunde.«

Sie fragte nicht weiter, und bald darauf schliefen beide bei weit geöffnetem Fenster.

Am nächsten Morgen kam Maigret um neun Uhr in sein Büro. Er hatte noch keine Zeit gehabt, die Zeitungen zu lesen. Jemand hatte sie ihm auf den Schreibtisch gelegt, und er wollte sie gerade durchsehen, als das Telefon läutete. Er erkannte die Stimme schon beim ersten Wort.

»Maigret?«

»Ja, Herr Richter.«