Makronen, Mistel, Meuchelmord - Eva Almstädt - E-Book

Makronen, Mistel, Meuchelmord E-Book

Eva Almstädt

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Beschreibung

I’m dreaming of a red Christmas … In der weihnachtlichen Kurzkrimi-Sammlung »Makronen, Mistel, Meuchelmord« erwartet Sie 24 Mal Hochspannung für die Adventszeit. Der neue Band in einer Reihe von spannenden Spiegel-Bestsellern wie »Kerzen, Killer, Krippenspiel« und »Plätzchen, Punsch und Psychokiller«! Ruhe, Gemütlichkeit und fröhliches Zusammensein? Von wegen! Es wird blutig unterm Weihnachtsbaum, denn 24 deutschsprachige Kurzgeschichten mit Schauderfaktor sorgen dafür, dass es auch dieses Jahr nicht allzu besinnlich wird. Für mörderisch gute Unterhaltung in der Adventszeit sorgen: Eva Almstädt, Gert Anhalt, Jean Bagnol, Raoul Biltgen, Monika Bittl, U.L. Brich, Wolfgang Burger und Hilde Artmeier, Petra Busch, Nicola Förg, Thomas Fuchs, Stefan Haenni, Rudi Jagusch, Thomas Kastura, Ivonne Keller, Regine Kölpin, Iny Lorentz, Bodo Manstein, Judith Merchant, Gisa Pauly, Jürgen Seibold, Arno Strobel, Sabine Trinkaus, Tom Zai und Franz Zeller. Alle Jahre wieder – die schönsten Schauergeschichten als Countdown zum Fest der Liebe. »Makronen, Mistel, Meuchelmord. 24 Weihnachtskrimis von der Ostsee bis zu den Alpen« ist das perfekte Geschenk für Krimi-Liebhaber – ob zu Weihnachten unter dem Baum oder als Adventskalender für die Vorweihnachtszeit. Frei nach dem Motto: Ihr Mörderlein kommet, o kommet doch all‘! "Freuen Sie sich auf jede Menge Nervenkitzel unterm Tannenbaum!" Die neue Frau über "Plätzchen, Punsch und Psychokiller" Weitere Bücher aus dieser Bestseller-Reihe schauriger Weihnachts-Geschichten: Kerzen, Killer, Krippenspiel Plätzchen, Punsch und Psychokiller Türchen, Tod und Tannenbaum Stollen, Schnee und Sensenmann Süßer die Schreie nie klingen Glöckchen, Gift und Gänsebraten Maria, Mord und Mandelplätzchen

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EPUB



Leseprobe zu:

Greta Frank (Hrsg.)

Makronen, Mistel, Meuchelmord

24 Weihnachtskrimis von der Ostsee bis zu den Alpen

Knaur e-books

Über dieses Buch

Ruhe, Gemütlichkeit und fröhliches Zusammensein? Von wegen! Es wird blutig unterm Weihnachtsbaum, denn 24 deutschsprachige Kurzgeschichten mit Schauderfaktor sorgen dafür, dass es auch dieses Jahr nicht allzu besinnlich wird. Für mörderisch gute Unterhaltung in der Adventszeit sorgen:

Eva Almstädt, Gert Anhalt, Jean Bagnol, Raoul Biltgen, Monika Bittl, U.L. Brich, Wolfgang Burger und Hilde Artmeier, Petra Busch, Nicola Förg, Thomas Fuchs, Stefan Haenni, Rudi Jagusch, Thomas Kastura, Ivonne Keller, Regine Kölpin, Iny Lorentz, Bodo Manstein, Judith Merchant, Gisa Pauly, Jürgen Seibold, Arno Strobel, Sabine Trinkaus, Tom Zai und Franz Zeller.

Inhaltsübersicht

KarteMotto1: Jean Bagnol, Rent a Weihnachtsmann2: Gert Anhalt, Das Tür-zu-sing-sing-Weihnachtsspiel3: Monika Bittl, Bastelanleitung für einen Adventskalender – in 10 Schritten zu einem erfolgreichen Mord4: Raoul Biltgen, Ein Weihnachten zu Haus5: Thomas Kastura, Die allerletzte Lesung6: Ivonne Keller, Ein Slip für den Nikolaus7: Eva Almstädt, Driving Home8: Franz Zeller, Die Umkehr9: Regine Kölpin, Der Weihnachtsretter von Mucklhusen10: Arno Strobel, Ein fast perfekter Moment11: Sabine Trinkaus, Bescherung bei Mutti12: Rudi Jagusch, Edgar_tot_unter_dem_Tannenbaum_201813: Iny Lorentz, Eine Leiche unterm Weihnachtsbaum14: U. L. Brich, Reden wir über den Weihnachtsmann15: Jürgen Seibold, Die letzte Weihnachtsfeier16: Bodo Manstein, Der krumme Baum17: Nicola Förg, Explosive Geschenke18: Petra Busch, Wer googelt, stirbt19: Stefan Haenni, Der feldgrüne Nikolaus20: Thomas Fuchs, Geisterfahrer21: Gisa Pauly, Wer braucht schon einen Schrittzähler?22: Tom Zai, Selfie23: Judith Merchant, Goldrausch ohne Rauschgold24: Wolfgang Burger & Hilde Artmeier, Der Stern von BethlehemGlossarWeihnachtsmousse mit Mördergruß
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O Mörderlein, o Mörderlein,

wie fies sind deine Morde!

Meuchelst nicht nur zur Sommerszeit,

nein, auch im Winter, wenn es schneit.

O Mörderlein, o Mörderlein,

wie fies sind deine Morde!

 

O Mörderlein, o Mörderlein,

du kannst mich sehr erschrecken.

Wie oft hat nicht zur Weihnachtszeit

’ne Tat von dir mein Herz entzweit!

O Mörderlein, o Mörderlein,

du kannst mich sehr erschrecken.

 

O Mörderlein, o Mörderlein,

dein Tatort lässt erkennen:

Waffenwahl und Tathergang

war’n gut geplant von Anfang an.

O Mörderlein, o Mörderlein,

wie fies sind deine Morde!

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1Jean Bagnol Rent a Weihnachtsmann

Glückstadt

Über die Autoren

Jean Bagnol ist das Pseudonym des Schriftsteller-Ehepaares Nina George und Jens »Jo« Kramer. Die Spiegel-Bestsellerautorin George (Das Lavendelzimmer) und der Journalist, Pilot und Schriftsteller Kramer leben in Berlin und der Bretagne, schreiben unter insgesamt sieben Namen und Pseudonymen und veröffentlichten zahlreiche Solowerke. Nina George und Jens Kramer wurden bisher dreimal – einzeln – für den DELIA-Preis nominiert; 2011 gewann George ihn mit dem Knaur-Roman Die Mondspielerin. Für ihren Kurzkrimi Das Spiel ihres Lebens wurde Nina George 2012 mit dem Glauser-Preis ausgezeichnet.

Mehr über Jean Bagnol unter www.jeanbagnol.com.

Mehr über Jens »Jo« Kramer unter www.jensjohanneskramer.de.

Mehr über Nina George unter www.ninageorge.de.

Das kannst du mir nicht antun, Markus.«

Marlies presste den Telefonhörer ans Ohr, als könnte sie damit ihren Mitarbeiter dazu bringen, den Auftrag doch noch zu übernehmen. Mit verzweifeltem Gesichtsausdruck lauschte sie der Stimme im Hörer.

»Aber das sind doch nur zwei süße Mädchen, gerade mal acht Jahre alt. So schlimm können sie doch nicht sein?«, rief sie. Ihr Kopf zuckte vom Hörer fort, Markus’ Stimme war laut geworden. Vorsichtig näherte sie sich wieder dem Telefon.

»Ja, gut, aber das war doch ein Unfall.«

Wieder hielt sie den Hörer etwas auf Entfernung, aber so, dass sie Markus verstehen konnte.

»So etwas machen Kinder nicht«, sagte sie dann. Ein ungläubiges »WAS?« kam aus dem Telefon.

»Markus, du musst zu den Al-Hashimis gehen, ich habe sonst niemanden mehr.«

Aus dem Hörer kam nur ein hässliches Lachen, dann war die Verbindung getrennt. Marlies stieß einen gequälten Seufzer aus. Ihr Weihnachtsmannverleih stand auf der Kippe. Sie konnte es sich nicht leisten, auch nur einen Kunden zu verlieren. Schon gar nicht einen so gut zahlenden wie Hassan Al-Hashimi. Seit sie ihr Geschäft nach der Scheidung vor drei Jahren gegründet hatte, konnte sie sicher sein, dass der eingebürgerte Iraker jedes Jahr einen Weihnachtsmann für seine Zwillingstöchter orderte. Allerdings musste sie zugeben, dass diese Auftritte, nun ja, nicht ganz unkompliziert waren. Keiner ihrer zwölf freien Mitarbeiter übernahm den Job zweimal. Und nachdem Erich im letzten Jahr zwei Wochen in die Reha gehen musste, hatte es sich endgültig herumgesprochen, dass der Job bei den Al-Hashimis kein Zuckerschlecken war. Was irgendwie immer mit den beiden engelsgleichen Töchtern zusammenhing.

Wieder seufzte Marlies. Sie hätte auch gerne Töchter, und einen Mann dazu. Aber ihr Ex hatte sich aus dem Staub gemacht, und seitdem schien sie vom Pech verfolgt. Die Liebe wollte sich in ihrem Leben nicht mehr einstellen. Sie schob diese sehnsüchtigen Gedanken beiseite und konzentrierte sich wieder auf ihr akutes Problem.

Ihr Blick wanderte zu der Garderobe, an der nur noch ein Weihnachtsmannkostüm hing, das eigentlich Markus heute tragen sollte. Es gab nur noch einen Weg, diesen Auftrag zu retten. Aber es wäre wohl besser, ein paar Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. Sie holte einmal tief Luft und stand auf.

 

Die beiden Mädchen, Tatjana und Zofia, saßen aufrecht nebeneinander, ihre langen blonden Haare fielen ihnen bis auf die Schultern, ihre strahlend blauen Augen waren auf den Vater gerichtet, der vor ihnen auf und ab lief und auf sie einsprach.

Die Mädchen umgab eine majestätische Aura, was nicht von ungefähr kam. Schließlich entstammten sie einer Seitenlinie der irakischen Königsfamilie. Und mütterlicherseits floss das Blut der zaristischen Romanows in ihren Adern, allerdings ziemlich verdünnt.

Ihr Vater baute sich nun vor ihnen auf, die Hände auf dem Rücken gefaltet. Er trug einen marineblauen Zweireiher mit blütenweißem Hemd und silbergrauer Seidenkrawatte. Hassan Al-Hashimi trat stets elegant, aber nie protzig auf. Er war sehr darauf bedacht, sich in seiner neuen Heimatstadt, dem idyllischen Glückstadt, zu assimilieren. Genau darum ging es auch bei der Standpredigt, die er gerade seinen Töchtern hielt.

»Es geht nicht, dass ihr diese armen Männer misshandelt«, sagte Hassan Al-Hashimi jetzt.

»Aber warum denn nicht?«, fragte eines der Mädchen, wahrscheinlich Tatjana. Da sie einander so sehr glichen und auch die gleiche Kleidung trugen, war es selbst für den Vater schwer, sie auseinanderzuhalten. Und weil sie seine diesbezüglichen Nachfragen ignorierten, hatte er es auch aufgegeben.

»Weil es sich nicht gehört«, sagte er jetzt streng.

Tatjana (oder Zofia) verdrehte die Augen. Zofia (oder Tatjana) kräuselte ihr Näschen. »Dieser Weihnachtsmannbrauch ist ridicule.«

»Und dieser lächerliche Mantel.«

»Der weiße Bart ist mit einem Gummiband an ihren Ohren befestigt.«

»Aus denen Haare wachsen, und zwar schwarze.« Zofia(?) verzog angewidert das Gesicht.

»Außerdem schwitzen sie.«

»Der Letzte wollte, dass ich mich auf seinen Schoß setze!«

»Wie unangenehm.«

Ihr Vater unterbrach ihren typischen Pingpong-Dialog, indem er fragte: »Und deswegen hast du ihm eine Stricknadel in den Schenkel gerammt?«

Tatjana wich seinem Blick aus. »Ein Versehen«, hauchte sie.

»Und das Stuhlbein war auch aus Versehen angesägt?«

»Ein alter Stuhl«, flüsterte Zofia und zupfte ein paar unsichtbare Fussel von ihrem Kleid.

»Der Mann musste ins Krankenhaus.«

»Das Gefängnis wäre passender gewesen.«

»Der Weihnachtsmann im Gefängnis?«

Beide Mädchen richteten ihren Blick wieder auf den Vater. Ihre blauen Augen funkelten.

»Ein fremder Mann, der verkleidet in unser Haus gekommen ist.«

»Mit falschem Bart.«

»Ungewaschen.«

»Der kleine Mädchen begrapscht.«

»Einen Sack mit undefinierbaren Dingen auf dem Rücken.«

»Da könnten Waffen drin sein.«

»Sprengstoff.«

»Er könnte ein Terrorist sein.«

»Ein Killer.«

»Ein Entführer.«

»STOPP!« Der Vater hatte die Hand erhoben. Die Mädchen schwiegen.

»Hört mir gut zu. Wir leben in einem fremden Land, und wir müssen uns den Gebräuchen anpassen. Eure Mutter hat darauf bestanden, dass ihr im christlichen Glauben erzogen werdet, und das werden wir respektieren.«

Zofia (Tatjana?) öffnete den Mund, aber ihr Vater gebot ihr mit einer entschiedenen Geste, zu schweigen.

»Dieses Jahr wird der Weihnachtsmann das Haus unverletzt verlassen.« Er zeigte nacheinander mit dem Finger auf seine Töchter. »Nicht einen Kratzer wird er davontragen.«

Die Mädchen zogen eine Schnute.

»Habt ihr verstanden?«

»Ja, Papa«, sagte Tatjana beleidigt.

»Wie du wünschst, Papa«, fügte Zofia hochmütig hinzu.

Hassan Al-Hashimi betrachtete seine Töchter nachdenklich. Natürlich wusste er, dass ihr Gehorsam nur gespielt war. Wahrscheinlich hatten sie bereits einen perfiden Plan entwickelt, wie sie den Heiligen Abend einen sehr unheiligen Verlauf nehmen lassen würden. Den Mädchen fehlte einfach die fürsorgliche und liebende Hand einer verständnisvollen Mutter. Es fiel ihm schwer, diese Eigenschaften im Zusammenhang mit ihrer leiblichen Mutter auch nur zu denken. Allerdings gab ihm das die Möglichkeit, den ultimativen Trumpf zu ziehen.

Er beugte sich vor, stützte seine Hände auf den Knien ab und lächelte seine liebreizenden, aber teuflischen Töchter an. Die bekamen augenblicklich einen wachsamen Ausdruck in den Augen.

»Falls ihr mich enttäuscht«, sagte er mit sanfter Stimme, »werdet ihr das nächste Weihnachten bei eurer Mutter verbringen.«

Die Mädchen rissen erschrocken die Augen auf.

»NEIN, Papa!«

»Das darfst du nicht tun!«

»Wir versprechen dir …«

»Wir schwören …«

»Niemals …«

Hassan Al-Hashimi richtete sich zufrieden auf. Dieses Jahr würden sie ein außerordentlich harmonisches Weihnachten erleben.

 

Natascha Al-Hashimi, geborene Olofsson, wünschte sich, eine Peitsche zur Hand zu haben. »Das ist grotesk«, rief sie.

Ihr Diener krümmte sich, als hätte er tatsächlich einen Peitschenhieb abbekommen.

»Großfürstin«, winselte er, »Vergebung. Es war das einzige Kostüm, das ich noch bekommen habe.«

Die Anrede besänftigte Natascha ein wenig. Natürlich war sie keine Großfürstin. Aber sie wäre sicher eine gewesen, wenn diese grässlichen Bolschewiken nicht den Zaren aufgeknüpft hätten. Oder erschossen. Oder geköpft. Zum Teufel mit den Kommunisten. Es war eine schreiende Ungerechtigkeit, dass sie nicht entsprechend ihrem Stand behandelt wurde. Stattdessen hatte sie es mit einem schwachsinnigen Diener zu tun, dessen Weihnachtsmannkostüm mindestens fünf Nummern zu groß war. Der Mann sah vollkommen lächerlich darin aus. So konnte ihr Plan niemals gelingen.

»Und die Knarre«, sie zeigte auf die Kalaschnikow, die Wassilij in der Hand hielt, »besonders echt sieht die nicht aus.«

»Ist sie ja auch nicht. Für das Geld gab es nichts Besseres.«

Voller Groll dachte sie an ihren Ex-Mann, der sie bei der Scheidung mit einer lächerlichen Summe abgespeist hatte. Und sie hatte nicht einmal etwas dagegen tun können, weil zu dem Zeitpunkt die deutsche Steuerfahndung hinter ihr her war. Diese verbeamteten Tintenpisser hatten einfach kein Verständnis für freies Unternehmertum. Natürlich hatte sie großzügig von den Übergangsgeldern und Unterhaltshilfen profitiert. Sie und ihre damals achtköpfige Familie. Die gab es zwar nicht, aber die Papiere waren gut gewesen. Immerhin hatte sie dafür auch gutes Geld hingelegt.

Und es war eine gute Idee gewesen, in das Geschäft ihres Cousins zu investieren. Dass er in seinem Bordell auch Minderjährige anbot, war doch nicht ihr Fehler. Überhaupt, was hieß schon minderjährig. Sie selbst hatte in dem Alter schon ganz andere Sachen gemacht. Und war damit gut gefahren. Mit Mitte zwanzig war sie frei gewesen, hatte Geld gehabt, und die Welt hatte ihr offengestanden. Tja, und dann war sie Hassan begegnet.

Einen Moment lang ließ sie zu, dass die Erinnerung sie überwältigte. Er war ihr Märchenprinz gewesen. Es hatte sie voll erwischt. Und sie war anscheinend genau das, was er gesucht hatte: groß, blond, blauäugig – worauf diese Orientalen halt standen. Es war jedenfalls die perfekte Verbindung gewesen. Sie hätten das Glamour-Paar werden können. Aber Hassan wollte unbedingt Kinder, und sie war so blöde gewesen, ihm diesen Wunsch zu gewähren.

Erst als ihr Bauch immer dicker wurde, war sie zur Besinnung gekommen. Natürlich hatte er eine Abtreibung verhindert. Er brauchte sich ja auch nicht mit der Geburt und dem anschließenden Gesäuge abgeben. Als die Polizei ihr auf die Schliche kam, war sie froh, die Blagen bei Hassan lassen zu können. Aber jetzt war das Geld alle. Und sie sah nur eine Möglichkeit, wie sie Hassan dazu bewegen konnte, ihr ihren wohlverdienten Teil seines Vermögens abzugeben.

»So geht es jedenfalls nicht«, sagte sie streng zu Wassilij, ihrem Diener. »So nimmt dir niemand die Rolle des Weihnachtsmannes ab.«

Ihr Plan war ebenso einfach wie genial. Wassilij sollte ihr in seiner Verkleidung Zugang zum Hause Al-Hashimi verschaffen. Sie wusste, dass Hassan auf diesen Zirkus stand. Dann würden sie sich das schnappen, was Hassan am meisten liebte: die beiden Mädchen. Natascha zweifelte nicht daran, dass sie in Kürze wieder in Geld schwimmen würde. Doch dafür brauchten sie einen glaubwürdigen Weihnachtsmann. Nachdenklich musterte sie den kostümierten Wassilij.

»Der Weihnachtsmann hat doch immer einen Gehilfen, diesen Knecht Ruprecht.«

»Ja, und?«, fragte Wassilij blöde.

So könnte es gehen. Sie war wesentlich größer als dieser Idiot, hatte auch in letzter Zeit ein wenig an Gewicht zugelegt. Vielleicht sogar ein bisschen zu viel. Mein Gott, was hatte sie denn sonst schon an Vergnügen? Jedenfalls würde ihr die Kleidung besser passen als diesem mageren Zwerg.

»Zieh dich aus«, befahl sie ihm. Wassilijs Augen wurden groß. Natürlich wusste sie, dass er scharf auf sie war und es ihr zu gerne besorgen würde.

»Denk nicht mal dran, Knecht Ruprecht«, zischte sie.

 

»Das ist doch nicht zu fassen!«, rief Katharina von Kranich empört. »Dieser Kameltreiber wohnt in einer Villa.«

»Wahrscheinlich von unseren Steuergeldern bezahlt«, kommentierte ihr Sekretär, Bernie, grimmig.

Langsam fuhren sie am Anwesen der Al-Hashimis vorbei. Auf der Suche nach arabischen Terroristen in Glückstadt war die Ortsgruppe der Partei schnell auf diesen Namen gestoßen. Sie hatten sofort erkannt, dass es sich dabei um einen Ausländer handeln musste, und zwar einen Araber. Allerdings hatten sie erwartet, dass der Terrorist in einer verdreckten Sozialwohnung hausen würde, vermutlich zusammen mit anderen Islamisten. Die Wahrheit erwies sich als wesentlich schlimmer.

»Wo ist der Treffpunkt?«, fragte Katharina von Kranich. Sie hatten eine Demonstration geplant, die direkt zum Hause des Terroristen führen sollte. Alle würden sehen, was für eine giftige Brut sie in ihrer geliebten Heimatstadt beherbergten. Es war von Kranichs geniale Idee gewesen, diese Demonstration an Heiligabend, dem christlichsten aller Feste, abzuhalten. Dazu hatte sie ein Schild gebastelt, auf dem »ARABGOHOME« stand. Nun wollten sie zu den anderen stoßen, die sie sicher schon erwarteten. Als Bernie nicht antwortete, wandte Katharina sich ihm zu. Er sah aus, als müsste er auf Klo.

»Was ist los?«, fragte sie.

»Na ja, es ist halt so«, wand er sich, »die meisten haben schon was vor.«

»Wie? Was vor?«

»Na ja, es ist Weihnachten.«

»Eben. Und wir haben einen Terroristen in unserer Mitte.«

Bernie zuckte mit den Schultern.

»Also gut, wie viele kommen?«, fragte sie.

Als Bernie wieder nicht antwortete, bekam ihre Stimme einen drohenden Unterton: »Bernie!«

»Was sollte ich denn machen?«, rief er. »Heute Abend ist Bescherung. Die Kinder …«

»Pah, die Kinder!«, rief von Kranich. »Wenn wir nichts machen, werden die Kinder bald vollverschleiert in die Moschee geschleppt. Verdammt! Dann müssen wir das alleine stemmen. Wie gut, dass du keine Kinder hast.«

»Also, um ehrlich zu sein«, sagte Bernie und wies mit dem Daumen zum Rücksitz, auf dem ein Weihnachtsmannkostüm lag, »ich muss bei den Kindern meiner Schwester den Weihnachtsmann machen. Mache ich jedes Mal.«

Bernie hob schützend den Arm, als Katharina mit dem ARAB-GO-HOME-Schild auf ihn einschlug. »Hör auf, ich kann nichts dafür.«

Katharina ließ sich in ihren Sitz zurückfallen und schnaufte wütend.

»Ich gehe da hin«, sagte sie nach einer Weile entschlossen. »Ich gehe ins Haus rein.«

»Wie willst du da denn reinkommen?«, fragte Bernie erschrocken.

Katharina von Kranich warf einen Blick auf den Rücksitz, dann setzte sie ein listiges Lächeln auf. »Ich habe eine Idee«, sagte sie.

 

Der Weihnachtsbaum leuchtete in aller Pracht. Die Zwillinge hatten ihre besten Kleidchen angezogen und trugen sogar eine Schleife im Haar. Ihr Vater, Hassan Al-Hashimi, schaute zufrieden auf sie hinab.

»Ihr wisst, was ihr mir versprochen habt?«

Die Mädchen nickten synchron. Da pochte es dreimal an der Tür. Tatjana und Zofia zuckten zusammen. Sie vernahmen, wie Marianne, ihre Köchin, die Tür öffnete. Kurz darauf kam sie ins Wohnzimmer.

»Der … äh … Weihnachtsmann«, sagte sie mit einer etwas hilflosen Miene.

»Natürlich ist es der Weihnachtsmann, Marianne«, sagte Vater Al-Hashimi. »Bitten Sie ihn herein.«

Als der Weihnachtsmann eintrat, fiel den Mädchen der Unterkiefer runter.

»HOHOHO!«, machte der Weihnachtsmann mit einer Stimme, die zwar tief, aber nicht wirklich männlich klang. Als er Hassan Al-Hashimi erblickte, erstarrte er, riss die Augen auf und fiepte ein letztes »HO«.

Tatjana, Zofia und ihr Vater schauten verdutzt auf die unförmige Gestalt. Unter der roten Mütze trug der Weihnachtsmann einen gepolsterten Lederhelm, wie ihn die Fänger beim Baseball trugen. Ebenso wie den dicken Fängerhandschuh und die Beinschützer, die unter dem Mantel hervorragten. Über der Schulter hatte der Weihnachtsmann einen Sack, in dem sich wohl die Geschenke verbargen. Aber er machte keinerlei Anstalten, sie auszupacken. Stattdessen starrte er weiter Hassan Al-Hashimi an, während sich langsam sein Gesicht über dem weißen Bart rötete.

Tatjana (oder Zofia) zupfte ihren Vater am Ärmel.

»Papa«, flüsterte sie, »das ist aber ein lustiger Weihnachtsmann.«

 

Marlies hatte mit allem gerechnet, nur nicht, dass sie sich von einer Sekunde auf die nächste verlieben würde.

Die Baseballausrüstung hatte ihr Ex-Mann, Willi, zurückgelassen, als er ausgezogen war. Nach allem, was ihr ihre Leute über die früheren Besuche bei den Al-Hashimis erzählt hatten, schien ihr das die adäquate Ausrüstung für diesen Job. Nun aber begriff sie, dass die dicken Lederpolster das Wichtigste nicht schützen konnten: ihr Herz!

In dem Moment, da sie Hassan Al-Hashimi erblickte, war es um sie geschehen. Ihre Knie wurden weich. Aber das machte nichts, denn sie schwebte ja. In ihrem Bauch drehte sich ein Karussell zu süßer orientalischer Musik, die sie und diesen wunderschönen Prinzen einwob, wobei sich ihre Gliedmaßen wundersam ineinander verschlangen. Irgendwo in ihrem Inneren rief zwar eine verzweifelte Stimme etwas von Hormonstau, aber sie achtete nicht weiter auf das Geschwätz. Es gab nichts, was diesen wundervollen Moment zerbrechen konnte.

Bis ein paar harte Schläge an der Haustür sie aus ihrem Traum rissen.

Marlies blinzelte. Hinter ihr öffnete jemand die Tür. Die Frau, die sie eingelassen hatte, rief: »Nanu!« Marlies sah auf die Mädchen, die wie Engel aussahen. Da rempelte sie jemand beiseite. Es war …

… der Weihnachtsmann!

 

Katharina von Kranich war wütend. Es hatte damit angefangen, dass Bernie den Mantel nicht rausrücken wollte. »Aber die Kinder meiner Schwester!«, hatte er gerufen. Als sie es schließlich geschafft hatte, ihm den roten Fummel zu entreißen, hatte er geweint. Es war wirklich ein Kreuz mit den Männern, keiner hatte mehr Mumm.

Kaum hatte sie den Mantel an, fiel ihr auf, dass er nach alter Unterwäsche stank. Außerdem schwitzte sie darin. Und unter dem blöden Bart juckte ihre Haut. Zudem hatte sie ständig Fussel im Mund. Sie war also schon richtig geladen, als sie in das Haus des Arabers stürmte. Was sie da sah, gab ihr den Rest.

Dieser stinkende Kameltreiber hatte zwei blonde, offensichtlich deutsche Mädchen an seiner Seite. Sie mochte sich gar nicht ausmalen, wie es dazu gekommen war. Und wo war die Mutter? Wahrscheinlich saß sie im hinteren Teil des Hauses, eingehüllt in eine Burka. Oder einen Kebab oder wie die Dinger hießen.

Sie stellte sich vor den Araber, reckte das Schild in die Höhe und kreischte: »Arab go home!« Dann fiel ihr ein, dass das ja schon auf dem Schild stand. Aber wahrscheinlich konnte er eh nicht lesen. Dennoch fand sie, dass sie die Parole erweitern sollte. »Araber raus aus Glückstadt!«, schrie sie, spuckte ein paar Wattefussel vom Bart aus und setzte nach: »Und aus Deutschland!«

Der Araber glotzte sie mit offenem Mund an. Hinter ihr räusperte sich jemand. Sie fuhr herum und bemerkte erst jetzt so richtig den anderen Weihnachtsmann mit Baseballhelm und Knieschützern. Der schwitzte anscheinend noch mehr als sie, denn er war schon ganz rot angelaufen.

»Wer …«, sie spuckte wieder Fussel aus, griff entschlossen nach dem Bart und zog ihn runter, sodass er unter ihrem Kinn klemmte. »Wer bist du Penner denn?«, fuhr sie den anderen fusselfrei an.

Ehe der Baseballweihnachtsmann etwas antworten konnte, polterte es erneut an der Tür. Hatte Bernie sich doch noch durchgerungen?

 

Die Köchin kam ins Wohnzimmer geeilt. »Herr Al-Hashimi, ich kann nicht mehr, das geht zu weit.«

Marlies traute ihren Augen nicht, als noch ein Weihnachtsmann ins Zimmer gestürmt kam. Er war von ziemlich imposanter Gestalt und wurde von einem komischen Kauz mit einer Adidas-Sporttasche begleitet. Der Kauz trug eine braune Mütze, ein kariertes Hemd und ausgebeulte Jogginghosen. Und einen falschen Bart. Aber der war schwarz. Als Weihnachtsmann konnte der jedenfalls nicht durchgehen.

»So, ihr zwei Hübschen«, rief der neue Weihnachtsmann mit tief gelegter Stimme, »kommt doch mal her!«

Dann gewahrte er die beiden anderen Weihnachtsmänner und furchte verärgert die Stirn. »Wer, zum Teufel, seid ihr denn?«, fügte er mit eindeutig weiblicher Altstimme hinzu.

[...]

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Über Greta Frank (Hrsg.)

Greta Frank, geboren 1991 in Fürth, studierte Sprache und Kommunikation sowie Buchwissenschaft in Marburg, München und Barcelona. Sie arbeitet als Lektorin in der Verlagsbranche und lebt in München.

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Impressum

© 2018 der eBook-Ausgabe Knaur eBook

© 2018 Knaur Verlag

Ein Imprint der Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.

Redaktion: Greta Frank

Covergestaltung: ZERO Werbeagentur, München

Coverabbildung: FinePic / shutterstock

ISBN 978-3-426-45330-8

ISBN 978-3-426-45330-8

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