Makronen, Mistel, Meuchelmord - Eva Almstädt - E-Book

Makronen, Mistel, Meuchelmord E-Book

Eva Almstädt

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9,99 €

  • Herausgeber: Knaur eBook
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2018
Beschreibung

I'm dreaming of a red Christmas … In der weihnachtlichen Kurzkrimi-Sammlung »Makronen, Mistel, Meuchelmord« erwartet Sie 24 Mal Hochspannung für die Adventszeit. Der neue Band in einer Reihe von spannenden Spiegel-Bestsellern wie »Kerzen, Killer, Krippenspiel« und »Plätzchen, Punsch und Psychokiller«! Ruhe, Gemütlichkeit und fröhliches Zusammensein? Von wegen! Es wird blutig unterm Weihnachtsbaum, denn 24 deutschsprachige Kurzgeschichten mit Schauderfaktor sorgen dafür, dass es auch dieses Jahr nicht allzu besinnlich wird. Für mörderisch gute Unterhaltung in der Adventszeit sorgen: Eva Almstädt, Gert Anhalt, Jean Bagnol, Raoul Biltgen, Monika Bittl, U.L. Brich, Wolfgang Burger und Hilde Artmeier, Petra Busch, Nicola Förg, Thomas Fuchs, Stefan Haenni, Rudi Jagusch, Thomas Kastura, Ivonne Keller, Regine Kölpin, Iny Lorentz, Bodo Manstein, Judith Merchant, Gisa Pauly, Jürgen Seibold, Arno Strobel, Sabine Trinkaus, Tom Zai und Franz Zeller. Alle Jahre wieder – die schönsten Schauergeschichten als Countdown zum Fest der Liebe. »Makronen, Mistel, Meuchelmord. 24 Weihnachtskrimis von der Ostsee bis zu den Alpen« ist das perfekte Geschenk für Krimi-Liebhaber – ob zu Weihnachten unter dem Baum oder als Adventskalender für die Vorweihnachtszeit. Frei nach dem Motto: Ihr Mörderlein kommet, o kommet doch all'! "Freuen Sie sich auf jede Menge Nervenkitzel unterm Tannenbaum!" Die neue Frau über "Plätzchen, Punsch und Psychokiller" Weitere Bücher aus dieser Bestseller-Reihe schauriger Weihnachts-Geschichten: Kerzen, Killer, Krippenspiel Plätzchen, Punsch und Psychokiller Türchen, Tod und Tannenbaum Stollen, Schnee und Sensenmann Süßer die Schreie nie klingen Glöckchen, Gift und Gänsebraten Maria, Mord und Mandelplätzchen

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EPUB

Seitenzahl: 470

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Greta Frank (Hrsg.)

Makronen, Mistel, Meuchelmord

24 Weihnachtskrimis von der Ostsee bis zu den Alpen

Knaur e-books

Über dieses Buch

Ruhe, Gemütlichkeit und fröhliches Zusammensein? Von wegen! Es wird blutig unterm Weihnachtsbaum, denn 24 deutschsprachige Kurzgeschichten mit Schauderfaktor sorgen dafür, dass es auch dieses Jahr nicht allzu besinnlich wird. Für mörderisch gute Unterhaltung in der Adventszeit sorgen:

Eva Almstädt, Gert Anhalt, Jean Bagnol, Raoul Biltgen, Monika Bittl, U.L. Brich, Wolfgang Burger und Hilde Artmeier, Petra Busch, Nicola Förg, Thomas Fuchs, Stefan Haenni, Rudi Jagusch, Thomas Kastura, Ivonne Keller, Regine Kölpin, Iny Lorentz, Bodo Manstein, Judith Merchant, Gisa Pauly, Jürgen Seibold, Arno Strobel, Sabine Trinkaus, Tom Zai und Franz Zeller.

Inhaltsübersicht

KarteMotto1: Jean Bagnol, Rent a Weihnachtsmann2: Gert Anhalt, Das Tür-zu-sing-sing-Weihnachtsspiel3: Monika Bittl, Bastelanleitung für einen Adventskalender – in 10 Schritten zu einem erfolgreichen Mord4: Raoul Biltgen, Ein Weihnachten zu Haus5: Thomas Kastura, Die allerletzte Lesung6: Ivonne Keller, Ein Slip für den Nikolaus7: Eva Almstädt, Driving Home8: Franz Zeller, Die Umkehr9: Regine Kölpin, Der Weihnachtsretter von Mucklhusen10: Arno Strobel, Ein fast perfekter Moment11: Sabine Trinkaus, Bescherung bei Mutti12: Rudi Jagusch, Edgar_tot_unter_dem_Tannenbaum_201813: Iny Lorentz, Eine Leiche unterm Weihnachtsbaum14: U. L. Brich, Reden wir über den Weihnachtsmann15: Jürgen Seibold, Die letzte Weihnachtsfeier16: Bodo Manstein, Der krumme Baum17: Nicola Förg, Explosive Geschenke18: Petra Busch, Wer googelt, stirbt19: Stefan Haenni, Der feldgrüne Nikolaus20: Thomas Fuchs, Geisterfahrer21: Gisa Pauly, Wer braucht schon einen Schrittzähler?22: Tom Zai, Selfie23: Judith Merchant, Goldrausch ohne Rauschgold24: Wolfgang Burger & Hilde Artmeier, Der Stern von BethlehemGlossarWeihnachtsmousse mit Mördergruß
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O Mörderlein, o Mörderlein,

wie fies sind deine Morde!

Meuchelst nicht nur zur Sommerszeit,

nein, auch im Winter, wenn es schneit.

O Mörderlein, o Mörderlein,

wie fies sind deine Morde!

 

O Mörderlein, o Mörderlein,

du kannst mich sehr erschrecken.

Wie oft hat nicht zur Weihnachtszeit

’ne Tat von dir mein Herz entzweit!

O Mörderlein, o Mörderlein,

du kannst mich sehr erschrecken.

 

O Mörderlein, o Mörderlein,

dein Tatort lässt erkennen:

Waffenwahl und Tathergang

war’n gut geplant von Anfang an.

O Mörderlein, o Mörderlein,

wie fies sind deine Morde!

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1Jean Bagnol Rent a Weihnachtsmann

Glückstadt

Über die Autoren

Jean Bagnol ist das Pseudonym des Schriftsteller-Ehepaares Nina George und Jens »Jo« Kramer. Die Spiegel-Bestsellerautorin George (Das Lavendelzimmer) und der Journalist, Pilot und Schriftsteller Kramer leben in Berlin und der Bretagne, schreiben unter insgesamt sieben Namen und Pseudonymen und veröffentlichten zahlreiche Solowerke. Nina George und Jens Kramer wurden bisher dreimal – einzeln – für den DELIA-Preis nominiert; 2011 gewann George ihn mit dem Knaur-Roman Die Mondspielerin. Für ihren Kurzkrimi Das Spiel ihres Lebens wurde Nina George 2012 mit dem Glauser-Preis ausgezeichnet.

Mehr über Jean Bagnol unter www.jeanbagnol.com.

Mehr über Jens »Jo« Kramer unter www.jensjohanneskramer.de.

Mehr über Nina George unter www.ninageorge.de.

Das kannst du mir nicht antun, Markus.«

Marlies presste den Telefonhörer ans Ohr, als könnte sie damit ihren Mitarbeiter dazu bringen, den Auftrag doch noch zu übernehmen. Mit verzweifeltem Gesichtsausdruck lauschte sie der Stimme im Hörer.

»Aber das sind doch nur zwei süße Mädchen, gerade mal acht Jahre alt. So schlimm können sie doch nicht sein?«, rief sie. Ihr Kopf zuckte vom Hörer fort, Markus’ Stimme war laut geworden. Vorsichtig näherte sie sich wieder dem Telefon.

»Ja, gut, aber das war doch ein Unfall.«

Wieder hielt sie den Hörer etwas auf Entfernung, aber so, dass sie Markus verstehen konnte.

»So etwas machen Kinder nicht«, sagte sie dann. Ein ungläubiges »WAS?« kam aus dem Telefon.

»Markus, du musst zu den Al-Hashimis gehen, ich habe sonst niemanden mehr.«

Aus dem Hörer kam nur ein hässliches Lachen, dann war die Verbindung getrennt. Marlies stieß einen gequälten Seufzer aus. Ihr Weihnachtsmannverleih stand auf der Kippe. Sie konnte es sich nicht leisten, auch nur einen Kunden zu verlieren. Schon gar nicht einen so gut zahlenden wie Hassan Al-Hashimi. Seit sie ihr Geschäft nach der Scheidung vor drei Jahren gegründet hatte, konnte sie sicher sein, dass der eingebürgerte Iraker jedes Jahr einen Weihnachtsmann für seine Zwillingstöchter orderte. Allerdings musste sie zugeben, dass diese Auftritte, nun ja, nicht ganz unkompliziert waren. Keiner ihrer zwölf freien Mitarbeiter übernahm den Job zweimal. Und nachdem Erich im letzten Jahr zwei Wochen in die Reha gehen musste, hatte es sich endgültig herumgesprochen, dass der Job bei den Al-Hashimis kein Zuckerschlecken war. Was irgendwie immer mit den beiden engelsgleichen Töchtern zusammenhing.

Wieder seufzte Marlies. Sie hätte auch gerne Töchter, und einen Mann dazu. Aber ihr Ex hatte sich aus dem Staub gemacht, und seitdem schien sie vom Pech verfolgt. Die Liebe wollte sich in ihrem Leben nicht mehr einstellen. Sie schob diese sehnsüchtigen Gedanken beiseite und konzentrierte sich wieder auf ihr akutes Problem.

Ihr Blick wanderte zu der Garderobe, an der nur noch ein Weihnachtsmannkostüm hing, das eigentlich Markus heute tragen sollte. Es gab nur noch einen Weg, diesen Auftrag zu retten. Aber es wäre wohl besser, ein paar Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. Sie holte einmal tief Luft und stand auf.

 

Die beiden Mädchen, Tatjana und Zofia, saßen aufrecht nebeneinander, ihre langen blonden Haare fielen ihnen bis auf die Schultern, ihre strahlend blauen Augen waren auf den Vater gerichtet, der vor ihnen auf und ab lief und auf sie einsprach.

Die Mädchen umgab eine majestätische Aura, was nicht von ungefähr kam. Schließlich entstammten sie einer Seitenlinie der irakischen Königsfamilie. Und mütterlicherseits floss das Blut der zaristischen Romanows in ihren Adern, allerdings ziemlich verdünnt.

Ihr Vater baute sich nun vor ihnen auf, die Hände auf dem Rücken gefaltet. Er trug einen marineblauen Zweireiher mit blütenweißem Hemd und silbergrauer Seidenkrawatte. Hassan Al-Hashimi trat stets elegant, aber nie protzig auf. Er war sehr darauf bedacht, sich in seiner neuen Heimatstadt, dem idyllischen Glückstadt, zu assimilieren. Genau darum ging es auch bei der Standpredigt, die er gerade seinen Töchtern hielt.

»Es geht nicht, dass ihr diese armen Männer misshandelt«, sagte Hassan Al-Hashimi jetzt.

»Aber warum denn nicht?«, fragte eines der Mädchen, wahrscheinlich Tatjana. Da sie einander so sehr glichen und auch die gleiche Kleidung trugen, war es selbst für den Vater schwer, sie auseinanderzuhalten. Und weil sie seine diesbezüglichen Nachfragen ignorierten, hatte er es auch aufgegeben.

»Weil es sich nicht gehört«, sagte er jetzt streng.

Tatjana (oder Zofia) verdrehte die Augen. Zofia (oder Tatjana) kräuselte ihr Näschen. »Dieser Weihnachtsmannbrauch ist ridicule.«

»Und dieser lächerliche Mantel.«

»Der weiße Bart ist mit einem Gummiband an ihren Ohren befestigt.«

»Aus denen Haare wachsen, und zwar schwarze.« Zofia(?) verzog angewidert das Gesicht.

»Außerdem schwitzen sie.«

»Der Letzte wollte, dass ich mich auf seinen Schoß setze!«

»Wie unangenehm.«

Ihr Vater unterbrach ihren typischen Pingpong-Dialog, indem er fragte: »Und deswegen hast du ihm eine Stricknadel in den Schenkel gerammt?«

Tatjana wich seinem Blick aus. »Ein Versehen«, hauchte sie.

»Und das Stuhlbein war auch aus Versehen angesägt?«

»Ein alter Stuhl«, flüsterte Zofia und zupfte ein paar unsichtbare Fussel von ihrem Kleid.

»Der Mann musste ins Krankenhaus.«

»Das Gefängnis wäre passender gewesen.«

»Der Weihnachtsmann im Gefängnis?«

Beide Mädchen richteten ihren Blick wieder auf den Vater. Ihre blauen Augen funkelten.

»Ein fremder Mann, der verkleidet in unser Haus gekommen ist.«

»Mit falschem Bart.«

»Ungewaschen.«

»Der kleine Mädchen begrapscht.«

»Einen Sack mit undefinierbaren Dingen auf dem Rücken.«

»Da könnten Waffen drin sein.«

»Sprengstoff.«

»Er könnte ein Terrorist sein.«

»Ein Killer.«

»Ein Entführer.«

»STOPP!« Der Vater hatte die Hand erhoben. Die Mädchen schwiegen.

»Hört mir gut zu. Wir leben in einem fremden Land, und wir müssen uns den Gebräuchen anpassen. Eure Mutter hat darauf bestanden, dass ihr im christlichen Glauben erzogen werdet, und das werden wir respektieren.«

Zofia (Tatjana?) öffnete den Mund, aber ihr Vater gebot ihr mit einer entschiedenen Geste, zu schweigen.

»Dieses Jahr wird der Weihnachtsmann das Haus unverletzt verlassen.« Er zeigte nacheinander mit dem Finger auf seine Töchter. »Nicht einen Kratzer wird er davontragen.«

Die Mädchen zogen eine Schnute.

»Habt ihr verstanden?«

»Ja, Papa«, sagte Tatjana beleidigt.

»Wie du wünschst, Papa«, fügte Zofia hochmütig hinzu.

Hassan Al-Hashimi betrachtete seine Töchter nachdenklich. Natürlich wusste er, dass ihr Gehorsam nur gespielt war. Wahrscheinlich hatten sie bereits einen perfiden Plan entwickelt, wie sie den Heiligen Abend einen sehr unheiligen Verlauf nehmen lassen würden. Den Mädchen fehlte einfach die fürsorgliche und liebende Hand einer verständnisvollen Mutter. Es fiel ihm schwer, diese Eigenschaften im Zusammenhang mit ihrer leiblichen Mutter auch nur zu denken. Allerdings gab ihm das die Möglichkeit, den ultimativen Trumpf zu ziehen.

Er beugte sich vor, stützte seine Hände auf den Knien ab und lächelte seine liebreizenden, aber teuflischen Töchter an. Die bekamen augenblicklich einen wachsamen Ausdruck in den Augen.

»Falls ihr mich enttäuscht«, sagte er mit sanfter Stimme, »werdet ihr das nächste Weihnachten bei eurer Mutter verbringen.«

Die Mädchen rissen erschrocken die Augen auf.

»NEIN, Papa!«

»Das darfst du nicht tun!«

»Wir versprechen dir …«

»Wir schwören …«

»Niemals …«

Hassan Al-Hashimi richtete sich zufrieden auf. Dieses Jahr würden sie ein außerordentlich harmonisches Weihnachten erleben.

 

Natascha Al-Hashimi, geborene Olofsson, wünschte sich, eine Peitsche zur Hand zu haben. »Das ist grotesk«, rief sie.

Ihr Diener krümmte sich, als hätte er tatsächlich einen Peitschenhieb abbekommen.

»Großfürstin«, winselte er, »Vergebung. Es war das einzige Kostüm, das ich noch bekommen habe.«

Die Anrede besänftigte Natascha ein wenig. Natürlich war sie keine Großfürstin. Aber sie wäre sicher eine gewesen, wenn diese grässlichen Bolschewiken nicht den Zaren aufgeknüpft hätten. Oder erschossen. Oder geköpft. Zum Teufel mit den Kommunisten. Es war eine schreiende Ungerechtigkeit, dass sie nicht entsprechend ihrem Stand behandelt wurde. Stattdessen hatte sie es mit einem schwachsinnigen Diener zu tun, dessen Weihnachtsmannkostüm mindestens fünf Nummern zu groß war. Der Mann sah vollkommen lächerlich darin aus. So konnte ihr Plan niemals gelingen.

»Und die Knarre«, sie zeigte auf die Kalaschnikow, die Wassilij in der Hand hielt, »besonders echt sieht die nicht aus.«

»Ist sie ja auch nicht. Für das Geld gab es nichts Besseres.«

Voller Groll dachte sie an ihren Ex-Mann, der sie bei der Scheidung mit einer lächerlichen Summe abgespeist hatte. Und sie hatte nicht einmal etwas dagegen tun können, weil zu dem Zeitpunkt die deutsche Steuerfahndung hinter ihr her war. Diese verbeamteten Tintenpisser hatten einfach kein Verständnis für freies Unternehmertum. Natürlich hatte sie großzügig von den Übergangsgeldern und Unterhaltshilfen profitiert. Sie und ihre damals achtköpfige Familie. Die gab es zwar nicht, aber die Papiere waren gut gewesen. Immerhin hatte sie dafür auch gutes Geld hingelegt.

Und es war eine gute Idee gewesen, in das Geschäft ihres Cousins zu investieren. Dass er in seinem Bordell auch Minderjährige anbot, war doch nicht ihr Fehler. Überhaupt, was hieß schon minderjährig. Sie selbst hatte in dem Alter schon ganz andere Sachen gemacht. Und war damit gut gefahren. Mit Mitte zwanzig war sie frei gewesen, hatte Geld gehabt, und die Welt hatte ihr offengestanden. Tja, und dann war sie Hassan begegnet.

Einen Moment lang ließ sie zu, dass die Erinnerung sie überwältigte. Er war ihr Märchenprinz gewesen. Es hatte sie voll erwischt. Und sie war anscheinend genau das, was er gesucht hatte: groß, blond, blauäugig – worauf diese Orientalen halt standen. Es war jedenfalls die perfekte Verbindung gewesen. Sie hätten das Glamour-Paar werden können. Aber Hassan wollte unbedingt Kinder, und sie war so blöde gewesen, ihm diesen Wunsch zu gewähren.

Erst als ihr Bauch immer dicker wurde, war sie zur Besinnung gekommen. Natürlich hatte er eine Abtreibung verhindert. Er brauchte sich ja auch nicht mit der Geburt und dem anschließenden Gesäuge abgeben. Als die Polizei ihr auf die Schliche kam, war sie froh, die Blagen bei Hassan lassen zu können. Aber jetzt war das Geld alle. Und sie sah nur eine Möglichkeit, wie sie Hassan dazu bewegen konnte, ihr ihren wohlverdienten Teil seines Vermögens abzugeben.

»So geht es jedenfalls nicht«, sagte sie streng zu Wassilij, ihrem Diener. »So nimmt dir niemand die Rolle des Weihnachtsmannes ab.«

Ihr Plan war ebenso einfach wie genial. Wassilij sollte ihr in seiner Verkleidung Zugang zum Hause Al-Hashimi verschaffen. Sie wusste, dass Hassan auf diesen Zirkus stand. Dann würden sie sich das schnappen, was Hassan am meisten liebte: die beiden Mädchen. Natascha zweifelte nicht daran, dass sie in Kürze wieder in Geld schwimmen würde. Doch dafür brauchten sie einen glaubwürdigen Weihnachtsmann. Nachdenklich musterte sie den kostümierten Wassilij.

»Der Weihnachtsmann hat doch immer einen Gehilfen, diesen Knecht Ruprecht.«

»Ja, und?«, fragte Wassilij blöde.

So könnte es gehen. Sie war wesentlich größer als dieser Idiot, hatte auch in letzter Zeit ein wenig an Gewicht zugelegt. Vielleicht sogar ein bisschen zu viel. Mein Gott, was hatte sie denn sonst schon an Vergnügen? Jedenfalls würde ihr die Kleidung besser passen als diesem mageren Zwerg.

»Zieh dich aus«, befahl sie ihm. Wassilijs Augen wurden groß. Natürlich wusste sie, dass er scharf auf sie war und es ihr zu gerne besorgen würde.

»Denk nicht mal dran, Knecht Ruprecht«, zischte sie.

 

»Das ist doch nicht zu fassen!«, rief Katharina von Kranich empört. »Dieser Kameltreiber wohnt in einer Villa.«

»Wahrscheinlich von unseren Steuergeldern bezahlt«, kommentierte ihr Sekretär, Bernie, grimmig.

Langsam fuhren sie am Anwesen der Al-Hashimis vorbei. Auf der Suche nach arabischen Terroristen in Glückstadt war die Ortsgruppe der Partei schnell auf diesen Namen gestoßen. Sie hatten sofort erkannt, dass es sich dabei um einen Ausländer handeln musste, und zwar einen Araber. Allerdings hatten sie erwartet, dass der Terrorist in einer verdreckten Sozialwohnung hausen würde, vermutlich zusammen mit anderen Islamisten. Die Wahrheit erwies sich als wesentlich schlimmer.

»Wo ist der Treffpunkt?«, fragte Katharina von Kranich. Sie hatten eine Demonstration geplant, die direkt zum Hause des Terroristen führen sollte. Alle würden sehen, was für eine giftige Brut sie in ihrer geliebten Heimatstadt beherbergten. Es war von Kranichs geniale Idee gewesen, diese Demonstration an Heiligabend, dem christlichsten aller Feste, abzuhalten. Dazu hatte sie ein Schild gebastelt, auf dem »ARABGOHOME« stand. Nun wollten sie zu den anderen stoßen, die sie sicher schon erwarteten. Als Bernie nicht antwortete, wandte Katharina sich ihm zu. Er sah aus, als müsste er auf Klo.

»Was ist los?«, fragte sie.

»Na ja, es ist halt so«, wand er sich, »die meisten haben schon was vor.«

»Wie? Was vor?«

»Na ja, es ist Weihnachten.«

»Eben. Und wir haben einen Terroristen in unserer Mitte.«

Bernie zuckte mit den Schultern.

»Also gut, wie viele kommen?«, fragte sie.

Als Bernie wieder nicht antwortete, bekam ihre Stimme einen drohenden Unterton: »Bernie!«

»Was sollte ich denn machen?«, rief er. »Heute Abend ist Bescherung. Die Kinder …«

»Pah, die Kinder!«, rief von Kranich. »Wenn wir nichts machen, werden die Kinder bald vollverschleiert in die Moschee geschleppt. Verdammt! Dann müssen wir das alleine stemmen. Wie gut, dass du keine Kinder hast.«

»Also, um ehrlich zu sein«, sagte Bernie und wies mit dem Daumen zum Rücksitz, auf dem ein Weihnachtsmannkostüm lag, »ich muss bei den Kindern meiner Schwester den Weihnachtsmann machen. Mache ich jedes Mal.«

Bernie hob schützend den Arm, als Katharina mit dem ARAB-GO-HOME-Schild auf ihn einschlug. »Hör auf, ich kann nichts dafür.«

Katharina ließ sich in ihren Sitz zurückfallen und schnaufte wütend.

»Ich gehe da hin«, sagte sie nach einer Weile entschlossen. »Ich gehe ins Haus rein.«

»Wie willst du da denn reinkommen?«, fragte Bernie erschrocken.

Katharina von Kranich warf einen Blick auf den Rücksitz, dann setzte sie ein listiges Lächeln auf. »Ich habe eine Idee«, sagte sie.

 

Der Weihnachtsbaum leuchtete in aller Pracht. Die Zwillinge hatten ihre besten Kleidchen angezogen und trugen sogar eine Schleife im Haar. Ihr Vater, Hassan Al-Hashimi, schaute zufrieden auf sie hinab.

»Ihr wisst, was ihr mir versprochen habt?«

Die Mädchen nickten synchron. Da pochte es dreimal an der Tür. Tatjana und Zofia zuckten zusammen. Sie vernahmen, wie Marianne, ihre Köchin, die Tür öffnete. Kurz darauf kam sie ins Wohnzimmer.

»Der … äh … Weihnachtsmann«, sagte sie mit einer etwas hilflosen Miene.

»Natürlich ist es der Weihnachtsmann, Marianne«, sagte Vater Al-Hashimi. »Bitten Sie ihn herein.«

Als der Weihnachtsmann eintrat, fiel den Mädchen der Unterkiefer runter.

»HOHOHO!«, machte der Weihnachtsmann mit einer Stimme, die zwar tief, aber nicht wirklich männlich klang. Als er Hassan Al-Hashimi erblickte, erstarrte er, riss die Augen auf und fiepte ein letztes »HO«.

Tatjana, Zofia und ihr Vater schauten verdutzt auf die unförmige Gestalt. Unter der roten Mütze trug der Weihnachtsmann einen gepolsterten Lederhelm, wie ihn die Fänger beim Baseball trugen. Ebenso wie den dicken Fängerhandschuh und die Beinschützer, die unter dem Mantel hervorragten. Über der Schulter hatte der Weihnachtsmann einen Sack, in dem sich wohl die Geschenke verbargen. Aber er machte keinerlei Anstalten, sie auszupacken. Stattdessen starrte er weiter Hassan Al-Hashimi an, während sich langsam sein Gesicht über dem weißen Bart rötete.

Tatjana (oder Zofia) zupfte ihren Vater am Ärmel.

»Papa«, flüsterte sie, »das ist aber ein lustiger Weihnachtsmann.«

 

Marlies hatte mit allem gerechnet, nur nicht, dass sie sich von einer Sekunde auf die nächste verlieben würde.

Die Baseballausrüstung hatte ihr Ex-Mann, Willi, zurückgelassen, als er ausgezogen war. Nach allem, was ihr ihre Leute über die früheren Besuche bei den Al-Hashimis erzählt hatten, schien ihr das die adäquate Ausrüstung für diesen Job. Nun aber begriff sie, dass die dicken Lederpolster das Wichtigste nicht schützen konnten: ihr Herz!

In dem Moment, da sie Hassan Al-Hashimi erblickte, war es um sie geschehen. Ihre Knie wurden weich. Aber das machte nichts, denn sie schwebte ja. In ihrem Bauch drehte sich ein Karussell zu süßer orientalischer Musik, die sie und diesen wunderschönen Prinzen einwob, wobei sich ihre Gliedmaßen wundersam ineinander verschlangen. Irgendwo in ihrem Inneren rief zwar eine verzweifelte Stimme etwas von Hormonstau, aber sie achtete nicht weiter auf das Geschwätz. Es gab nichts, was diesen wundervollen Moment zerbrechen konnte.

Bis ein paar harte Schläge an der Haustür sie aus ihrem Traum rissen.

Marlies blinzelte. Hinter ihr öffnete jemand die Tür. Die Frau, die sie eingelassen hatte, rief: »Nanu!« Marlies sah auf die Mädchen, die wie Engel aussahen. Da rempelte sie jemand beiseite. Es war …

… der Weihnachtsmann!

 

Katharina von Kranich war wütend. Es hatte damit angefangen, dass Bernie den Mantel nicht rausrücken wollte. »Aber die Kinder meiner Schwester!«, hatte er gerufen. Als sie es schließlich geschafft hatte, ihm den roten Fummel zu entreißen, hatte er geweint. Es war wirklich ein Kreuz mit den Männern, keiner hatte mehr Mumm.

Kaum hatte sie den Mantel an, fiel ihr auf, dass er nach alter Unterwäsche stank. Außerdem schwitzte sie darin. Und unter dem blöden Bart juckte ihre Haut. Zudem hatte sie ständig Fussel im Mund. Sie war also schon richtig geladen, als sie in das Haus des Arabers stürmte. Was sie da sah, gab ihr den Rest.

Dieser stinkende Kameltreiber hatte zwei blonde, offensichtlich deutsche Mädchen an seiner Seite. Sie mochte sich gar nicht ausmalen, wie es dazu gekommen war. Und wo war die Mutter? Wahrscheinlich saß sie im hinteren Teil des Hauses, eingehüllt in eine Burka. Oder einen Kebab oder wie die Dinger hießen.

Sie stellte sich vor den Araber, reckte das Schild in die Höhe und kreischte: »Arab go home!« Dann fiel ihr ein, dass das ja schon auf dem Schild stand. Aber wahrscheinlich konnte er eh nicht lesen. Dennoch fand sie, dass sie die Parole erweitern sollte. »Araber raus aus Glückstadt!«, schrie sie, spuckte ein paar Wattefussel vom Bart aus und setzte nach: »Und aus Deutschland!«

Der Araber glotzte sie mit offenem Mund an. Hinter ihr räusperte sich jemand. Sie fuhr herum und bemerkte erst jetzt so richtig den anderen Weihnachtsmann mit Baseballhelm und Knieschützern. Der schwitzte anscheinend noch mehr als sie, denn er war schon ganz rot angelaufen.

»Wer …«, sie spuckte wieder Fussel aus, griff entschlossen nach dem Bart und zog ihn runter, sodass er unter ihrem Kinn klemmte. »Wer bist du Penner denn?«, fuhr sie den anderen fusselfrei an.

Ehe der Baseballweihnachtsmann etwas antworten konnte, polterte es erneut an der Tür. Hatte Bernie sich doch noch durchgerungen?

 

Die Köchin kam ins Wohnzimmer geeilt. »Herr Al-Hashimi, ich kann nicht mehr, das geht zu weit.«

Marlies traute ihren Augen nicht, als noch ein Weihnachtsmann ins Zimmer gestürmt kam. Er war von ziemlich imposanter Gestalt und wurde von einem komischen Kauz mit einer Adidas-Sporttasche begleitet. Der Kauz trug eine braune Mütze, ein kariertes Hemd und ausgebeulte Jogginghosen. Und einen falschen Bart. Aber der war schwarz. Als Weihnachtsmann konnte der jedenfalls nicht durchgehen.

»So, ihr zwei Hübschen«, rief der neue Weihnachtsmann mit tief gelegter Stimme, »kommt doch mal her!«

Dann gewahrte er die beiden anderen Weihnachtsmänner und furchte verärgert die Stirn. »Wer, zum Teufel, seid ihr denn?«, fügte er mit eindeutig weiblicher Altstimme hinzu.

»Mama?«, riefen die beiden Mädchen entsetzt im Chor.

»Sie sind die Mutter?«, kreischte die Arab-go-home-Weihnachtsfrau. »Tragt ihr jetzt schon rote Kebabs. Und auch noch falsche Bärte?«

Marlies fand, es war an der Zeit, einzugreifen. Die Frau war eindeutig verrückt. Sie beleidigte diesen wundervollen Mann, mit dem Marlies den Rest ihres Lebens zu verbringen gedachte. Dass die Hünin die Mutter der Kinder sein sollte und somit auch die Angetraute ihres Traumprinzen, verstörte sie zwar. Aber sie war sicher, eine Lösung finden zu können. Begeistert waren jedenfalls weder Vater noch Töchter von ihrem Auftauchen. Im Übrigen war das hier ihr Job, für den sie bezahlt wurde. Es konnte nur einen Weihnachtsmann geben.

»Hören Sie mal«, wandte sie sich an die Schildträgerin, »Sie haben hier nichts zu suchen. Verlassen Sie sofort das Haus.«

»ICH soll das Haus verlassen!« Der Fusselbartträgerin quollen fast die Augen aus dem Kopf. »ICHBININDIESEMLANDZUHAUSE.«

Ehe Marlies irgendetwas sagen oder tun konnte, holte die Verrückte aus und drosch ihr das Schild auf den Kopf.

Zwar merkte Marlies kaum etwas davon, weil ihr Lederhelm den Schlag komplett abfing. Aber jetzt wurde sie richtig ärgerlich. Sie zog der Frau am Bart und ließ ihn in ihr Gesicht zurückschnellen. Die Verrückte quietschte und fuchtelte weiter mit dem Schild herum.

»Jetzt reicht es«, knurrte die Hünin und streckte dem Kauz eine Hand hin. »Wassilij, die Wumme!«

Der kleine Kerl griff in die Adidas-Tasche und zog ein Schnellfeuergewehr hervor. Marlies schoss das Adrenalin in die Adern. Noch während die Riesenweihnachtsmännin das Gewehr entgegennahm, griff Marlies in den Sack. Entsetzt sah sie, wie die große Frau die Waffe auf die Al-Hashimis richtete.

»Ihr zwei Süßen kommt jetzt mit mir«, grollte sie.

»Terroristen!«, schrie die Schildträgerin. »Selbstmordattentäter go home!«

Marlies zog den Baseballschläger hervor, den sie als ultimative Schutzmaßnahme eingepackt hatte, und schlug mit voller Wucht auf das Gewehr. Das zerbrach sofort in zwei Teile.

Mit einem zornigen Fauchen fuhr die Hünin zu Marlies herum und rammte ihr den Gewehrkolben gegen die Brust. Das machte ihr nichts aus, weil sie unter dem Mantel rundrum eingepolstert war. Sie schlug der Frau den Gewehrkolben aus der Hand und traf dabei ihre Finger. Zornig jaulte die Weihnachtsmännin auf.

Mittlerweile hatte die aufgebrachte Katharina von Kranich eingesehen, dass sie gegen die Hünin nichts ausrichten konnte. Und auch bei dem Baseballweihnachtsmann kam sie nicht weiter. Aber da war ja noch der hässliche Kerl mit dem schwarzen Bart. Das war doch ein Taliban, sah man ja sofort. Sie knallte ihm das Schild ins Gesicht. Der Taliban ruderte mit den Armen und versuchte, sich in Sicherheit zu bringen. Von Kranich setzte nach.

Großfürstin Natascha Olofsson war außer sich vor Zorn. Wie konnten diese gewöhnlichen Kreaturen es wagen, sich ihr in den Weg zu stellen. Voller Schrecken musste sie feststellen, dass dieser vermummte Weihnachtsmann ihrer Entschlossenheit widerstand. Doch so schnell gab sie nicht auf. Sie griff nach dem Sack, der zwischen ihnen auf dem Boden stand, und holte aus, um damit den Baseballweihnachtsmann umzuhauen. Doch der Mistkerl war schneller. Er duckte sich, und Natascha wurde vom Schwung um ihre eigene Achse gedreht. Sie traf die Verrückte voll ins Kreuz. Die stand gerade mit hoch erhobenem Schild über dem am Boden liegenden Wassilij, um ihm den Todesstoß zu versetzen. Der Schlag mit dem Sack haute ihr nicht nur das Schild aus den Händen, sondern warf auch sie um. Sie landete direkt auf Wassilij. Mit einem harten Knacken schlugen ihre Köpfe aneinander.

Marlies zögerte nicht. Die Hünin wandte ihr den Rücken zu. Sie haute ihr den Baseballschläger in die Kniekehlen. Die angebliche Mutter der Kinder sackte mit einem Aufschrei zu Boden. Marlies war drauf und dran, der blöden Kuh eins über die Rübe zu geben, als ihr Blick auf die Al-Hashimis fiel.

Die drei standen immer noch vor dem Weihnachtsbaum und sahen sie mit großen Augen an. Mit einem Mal schämte Marlies sich. Eine Schlägerei schien ihr nicht wirklich ein brauchbarer Weg zu sein, um ihren künftigen Bräutigam für sich einzunehmen. Ohne die stöhnende Hünin weiter zu beachten, verbarg sie den Baseballschläger verlegen hinter ihrem Rücken. Jetzt vernahm sie die Polizeisirenen, die sich rasch näherten. Eines der beiden entzückenden Mädchen zupfte seinen Vater am Ärmel.

»Papa«, sagte sie eindringlich, »das waren diesmal aber nicht wir.«

 

Marlies saß neben Hassan Al-Hashimi auf dem Sofa, während die Polizei Natascha Olofsson abführte. Ein wenig ratlos waren die Beamten bei den anderen beiden Eindringlingen. Katharina von Kranich lag bewusstlos auf dem ebenfalls bewusstlosen Wassilij. Da der alle viere von sich gestreckt hatte, wirkte die Position etwas verwegen.

»Sieht aus, als wenn der Weihnachtsmann Knecht Ruprecht bumst«, murmelte einer der Polizisten.

Die Mädchen hatten alles gut verkraftet, sie hockten unter dem Weihnachtsbaum und packten ihre leicht demolierten Geschenke aus.

Marlies wand sich verlegen. Sie hatte ihre Verkleidung und Schutzpolster abgelegt.

»Hören Sie, Herr Al-Hashimi, ich …«

Er unterbrach sie. »Sie haben uns gerettet«, sagte er voller Bewunderung.

»Ich … äh … finden Sie?«

»Ich habe noch nie eine Frau wie Sie gesehen. Würden Sie uns die Freude machen und mir beim Essen Gesellschaft leisten?«

»Ja, gerne«, hauchte sie.

Hassan Al-Hashimi erhob sich und bot ihr seinen Arm. Marlies hakte sich errötend lächelnd bei ihm unter. Auf dem Weg ins Esszimmer hielt sie inne und fragte: »Was ist mit den Mädchen?«

Hassan seufzte. »Ich glaube, keine Macht der Welt kann sie dazu bewegen, von ihren Spielsachen abzulassen.«

Marlies strahlte ihn an. »Darf ich es versuchen?«

»Warum nicht?«, erwiderte Hassan amüsiert, aber auch ungläubig.

Marlies schaute über die Schulter.

»Tatjana! Zofia!«

Die Köpfe der beiden Mädchen ruckten hoch.

»Ja«, antworteten sie synchron.

»Kommt ihr zum Essen?«

Die Mädchen hatten begriffen, dass mit dieser Frau nicht zu spaßen war. Sie erhoben sich augenblicklich und stellten sich hinter Marlies und Hassan auf. In dessen Augen stand grenzenlose Bewunderung.

»Ich glaube«, sagte er, »das wird ein sehr harmonisches Weihnachtsfest.«

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2Gert Anhalt Das Tür-zu-sing-sing-Weihnachtsspiel

Kellerwald bei Frankenberg

Über den Autor

Gert Anhalt, Jahrgang 1963, studierte Japanologie in Marburg und Tokio und berichtete zehn Jahre lang für das Zweite Deutsche Fernsehen aus China und Japan. Er hat zahlreiche Spannungsromane und Krimis veröffentlicht, deren Handlungen oft in Fernost angesiedelt sind. Seine Krimis mit dem Helden Hamada Ken waren zweimal für den Glauser-Krimipreis nominiert.

Der Bürgermeister und der Landrat waren schon am Morgen erschienen, um ihn zu beglückwünschen, einen Fotografen der Lokalpresse im Schlepptau. Die Anrichte unter dem Elchkopf in der guten Stube sah aus wie das Schaufenster eines Floristen, und es gab keine unbenutzte Vase mehr im ganzen Haus. Die letzten beiden Sträuße, die der Blumenbote aus Frankenberg abgegeben hatte, waren wenig feierlich in Weißbiergläsern gelandet. Der Weihnachtsbaum am großen Fenster zum Balkon, überreichlich mit silbernen Lamettafäden, Kerzen und roten Kugeln behängt, wirkte fast blass gegen den üppigen Blumenschmuck.

Annegret, seine Tochter, war mit ihrem Sohn Konrad zu Besuch. Die beiden wohnten ja leider längst in Frankfurt, wohin sie nach ihrer unseligen Scheidung gezogen war. Aber an Lortzigs Doppelfest Geburtstag/Weihnachten war sie selbstverständlich zur Stelle. Um zu helfen und zu feiern. Sie hatte eine goldene, umkränzte »95« an den Elchschaufeln befestigt, die sich im sanften Hauch der Warmluftheizung wiegte. Kleine, vom Verkaufspersonal sachkundig verpackte Geschenke, vermutlich Bücher mit den trockenen Lebensweisheiten großer Männer und diversen Jagdgeschichten, stapelten sich auf dem Stuhl. Seit Jahren bekam er nur noch dünne Bücher geschenkt. Als rechne keiner mehr damit, dass er noch lange würde lesen können.

Aber Johann Ernst Lortzig war zäh.

Zäh wie Leder.

Er genoss den stillen Moment zwischen Besuchen und Telefonanrufen und trat ans Fenster. Herrlich, der verschneite deutsche Wald. Da konnte man auf die hundert zugehen und sich immer noch erfreuen an den majestätischen Tannenwipfeln, zauberhaft mit Schnee beladen. Fünfundneunzig Jahre war er. Kerngesund und bei glasklarem Verstand.

»Sie sind ein Phänomen für die Wissenschaft und ein Vorbild und eine Inspiration für uns alle«, hatte ihm der Landrat geschmeichelt. Er konnte den aufgeblasenen Sozi zwar nicht leiden, aber wo er recht hatte, hatte er recht. Der Fotograf knipste und blitzte, als sie sich die Hände reichten. Der Bürgermeister hatte sich seine falschgoldene Amtskette umgehängt. Das Bild würde am Montag nach Weihnachten in der Zeitung erscheinen.

Lärm an der Haustür. Schnapps, sein treuer Jagdhund, hob den Kopf und bettete ihn dann grunzend wieder auf seine Pfoten. Kein Grund zur Aufregung. Annegret und Konrad kamen vom Einkaufen zurück.

»Opa, wir sind wieder da-ha«, flötete sie. Fußtrampeln im Windfang, der Schnee musste von den Schuhen runter.

»Wo ist Opa? Opa? Opa?«, kreischte der Dreijährige.

Lortzigs altes, aber immer noch topfittes Herz machte einen freudigen Sprung. Der Junge war sein kleiner Sonnenschein.

»Da bist du ja wieder, mein süßer Ki-Ka-Kobold«, rief er, ging in die Knie, die knackten wie altes Geäst, und streckte seine Arme aus. Der Junge quietschte vor Vergnügen. Strohblond, blaue Augen. Kräftig und gelehrig. Ein deutscher Bursche, wie er im Buche stand.

»Erwartest du Besuch?«, fragte Annegret, während sie die Einkäufe in die Küche brachte. Es sollte heute Krautwickel mit Püree geben, sein Leibgericht. Für morgen, Heiligabend, standen wie immer Kartoffelsalat und Würstchen auf dem Speiseplan. Traute Weihnacht im engsten Kreise.

»Nein«, gab er zurück. »Das weißt du doch. Warum fragst du? Oh, ho-ho-ho, wer ist wohl dieser starke Ki-Ka-Kobold, der einen ausgewachsenen Riesenhöhlenbär zu Fall bringt?« Konrad strahlte und rang spielerisch seinen Großvater nieder.

»Na, weil wir auf dem Weg zum Haus einen alten Mann überholt haben. Der sagte, er sei zu dir unterwegs. Ich wollte ihn das Stück mitnehmen, aber er sagte, er laufe lieber.«

Lortzig ließ sich von seinem ungestümen Enkel auf den Rücken werfen, und sein Lachen verebbte.

»Ein alter Mann?«

»Vielleicht ein Freund …«, schallte es aus der Küche.

Unmöglich – ich habe keine Freunde, hätte er fast geantwortet, als er sich mühevoll wieder hochrappelte.

 

Das alte Jagdhaus, das der ehemalige Sägemühlenbesitzer Lortzig, früher landauf, landab als der Holzbaron bekannt, seit Menschengedenken bewohnte, stand etwa fünfhundert Meter abseits der Landesstraße 252 zwischen Frankenberg und Korbach. Gerade bei Eis und Schnee kein leichter Weg für einen alten Mann. Daher dauerte es noch eine Weile, bis es klingelte.

»Ich mach schon auf«, brummte der Jubilar, riss die Tür auf und erstarrte beim Blick in die Augen eines Mannes, den er längst tot und begraben gewähnt hatte.

»Johann!«, sagte der Besucher, als sei dies die lange gesuchte Antwort auf ein Rätsel.

Es wehte dem Angesprochenen ins Gemüt wie ein Orkan aus fernen Jahren. Bilder, Gesichter, Erinnerungen prasselten aus allen Richtungen auf ihn ein. Ein Rauschen dazu, ein Brüllen. Stimmengewirr der Lebenden und der Toten, schwere Artillerie, Schreie.

»Pawlak?« Es konnte kein Zweifel bestehen. Über siebzig Jahre – und doch erkannte er den Mann sofort. Es war, als stünde sein verschollener Zwilling vor ihm.

»Alles Gute zum Geburtstag!«

»Was willst du?«

»Ich will dir gratulieren. Und mit dir reden.«

»Wir haben nichts zu reden.«

»Doch, das haben wir. Sehr viel sogar. Darf ich eintreten?« Indem er es aussprach, drängte sich Pawlak an dem verdatterten Lortzig vorbei in den Flur, blickte auf die mit Reh- und Hirschgeweihen dekorierte Wand und sagte mit einem wissenden Nicken. »Beeindruckende Sammlung. Mit dem Töten kennst du dich wahrhaftig aus, Johann. Da kennst du dich aus …«

 

Da sein Haus etwas abseits stand und allerlei Gesocks anlocken könnte, hatte der sehr wohlhabende Johann Ernst Lortzig schon vor Jahren für den Einbau moderner Sicherheitssysteme gesorgt. Aber kein Sicherheitsfenster und keine Aluminiumtür, kein Schnappriegel und kein Hebelschutz konnten verhindern, dass die Schuld, diese ungeheure Schuld, in sein Haus gekrochen kam und sich überall breitmachte wie ein unsichtbares Gas.

Übel riechend und giftig.

Annegret war, nachdem sie den beiden alten Herren Kaffee und Kuchen serviert hatte, aufgebrochen, um eine alte Freundin in Korbach zu besuchen. Sie wollte gegen sechs Uhr zurück sein. Der kleine Konrad hielt im Nebenzimmer seinen Mittagsschlaf. Nur der Elchkopf, der starr und verständnislos ins Wohnzimmer glotzte, war Zeuge, wie Johann Ernst Lortzig und sein ungebetener Gast jede falsche Höflichkeit ablegten. Die Patina des Vergessens platzte auf und blätterte ab, als die beiden sich nach langer Zeit gegenübersaßen.

Heute zwei hasserfüllte Greise.

Vor siebzig Jahren Schutzhaftlagerführer Lortzig und Blockführer Pawlak, blutjunge Offiziere der Totenkopf-SS im Lagerdienst in Polen.

Pawlak ließ eine Bombe platzen: »Ich habe beschlossen, reinen Tisch zu machen.«

Lortzig erstarrte. »Was soll das heißen?«

»Ich werde mich selbst anzeigen. Ich will alles erzählen.«

»Du verdammter Verräter.«

»Seit Jahren träume ich jede Nacht von ihnen, höre ihre Stimmen, sehe ihre Gesichter. Sie verfolgen mich, sie jagen mich, sie treiben mich ins Feuer.«

»Mach dich nicht lächerlich. Wir haben nur getan, was getan werden musste.«

Pawlak schüttelte müde den Kopf. »Lügen, nichts als Lügen. Wir sind Mörder. Ich bin krank, Johann. Sehr krank. So will ich nicht sterben.«

Lortzig schnaubte verächtlich. »Das fällt dir früh ein. Mit einem Fuß im Grab ist die Reue billig.«

Pawlak lächelte abwesend. »Mein Entschluss steht fest. Wenn ich vor meinem Herrgott stehe, dann will ich keine Lügen und keine Geheimnisse im Gepäck haben. Nächsten Mittwoch habe ich einen Termin mit dem Staatsanwalt in Frankfurt.«

»Du rückgratloser Feigling! Und mich willst du wohl mit in den Schmutz ziehen? Weißt du, wer heute hier war? Der Landrat. Und der Bürgermeister. Die mich lobten als Musterbürger und Pfeiler der Gemeinschaft. Jeder respektiert mich.«

Lortzig erhob sich, baute sich vor seinem Blumentisch auf und fuchtelte mit den Armen. Seine Erregung übertrug sich auf den Hund Schnapps, der sich murrend erhob und den Besucher viermal anbellte, bevor er sich wieder hinsetzte. »Und dann kommt so ein dahergelaufener Wicht und …«

»Schrei, so viel du willst, Lortzig.« Pawlak blieb ganz ruhig und hob nicht die Stimme. »Weißt du es nicht mehr? Es war dein Geburtstag, der 23. Dezember 1944. Minus dreiundzwanzig Grad. Der Dirigent aus Krakau … hast du den vergessen?«

»Halt dein verdammtes Maul!«

Natürlich erinnerte er sich. Sie hatten den Dirigenten, einen Juden namens Mandelbaum, barfuß und im Hemd in die klirrende Nacht gejagt und gezwungen, Weihnachtslieder zu singen. Paul Peters, wie Lortzig Unterscharführer, hatte ihm einen verdorrten Ast in die Hand gedrückt als Dirigentenstab. Da stand der arme Teufel halbnackt und sang. Bis er erfror. Ein Geburtstagsständchen für Lortzig. Ein Spaß für die gesamte Wachmannschaft. Auch das war also einer von Lortzigs Geburtstagen gewesen – aber der war längst vergessen.

»Er musste Stille Nacht, heilige Nacht singen, bis er starb. Erinnerst du dich nicht, Johann?«

»Das waren andere Zeiten«, schrie Lortzig. Schnapps, dem die Auseinandersetzung nun unheimlich wurde, trollte sich winselnd und mit eingezogenem Schwanz ins Treppenhaus, wo sein Körbchen stand.

»Das war nur einer, Johann. Einer von so vielen. Ich höre ihn jede Nacht singen. Ich sehe, wie er auf die Knie sinkt, wie er blau wird, wie er langsam vergeht, während wir lachen. Ich will, dass es aufhört. Ich will, dass er mir vergibt.«

»Ach ja? Und hinter Gittern sterben? Willst du das auch?«

»Wenn es so sein soll …«

Johann Ernst Lortzig war hart.

Hart wie Kruppstahl.

Und er besaß kein liebevolles Wesen. Milde und Mitgefühl waren ihm grundsätzlich fremd. Damals, nach seiner Rückkehr aus dem Osten, hatte er sich hier im Kellerwald mühevoll eine Existenz aufgebaut. Er hatte den Krieg und die Gräuel hinter sich gelassen und die deutlich jüngere Irmgard geheiratet. Spät, er war schon Anfang sechzig, kam ihre Tochter Annegret. Irmgard starb an Krebs, als Annegret gerade zwanzig war. So etwas wie Liebe hatte er auch als Ehemann und Vater nicht empfunden. Immer nur Pflicht, Verantwortung und Macht. Seinen Blutdurst, sein in unerklärlichen Schüben wiederkehrendes Verlangen, zu töten, stillte er nur noch auf der Jagd. Dass tatsächlich auch warme, nahezu zärtliche Gefühle in ihm wohnten, hatte er erst vor Kurzem entdeckt, als Enkelchen Konrad in sein Leben getreten war. Aber noch immer war ihm der Zorn geläufiger als jede andere Emotion. Und Zorn stieg nun in ihm auf. Unbändiger, heiliger Zorn auf diesen vertrockneten, alten Mistkäfer, der ihm auf der letzten Etappe noch sein respektables Leben zerstören wollte.

»Ich lasse nicht zu, dass du meinen guten Namen mit diesen alten Geschichten besudelst«, sagte er und klang plötzlich heiser. Sein Herz pochte schnell wie nach einem Dauerlauf.

»Und ich dachte tatsächlich, es ginge dir ähnlich wie mir«, seufzte Pawlak, dem langsam dämmerte, welchen kapitalen Fehler er begangen hatte.

Zu spät.

Lortzig hatte sich vor ihm aufgebaut und bebte vor Wut und Entschlossenheit. Bevor er wußte, wie ihm geschah, spürte Pawlak die knochigen Hände des ehemaligen Unterscharführers, die sich wie eine Todesklammer um seinen Hals schlossen. Er spürte, wie zwei Daumen seinen Kehlkopf nach hinten drückten, blickte in die kalten, blauen Augen seines Mörders. Hörte ein Röcheln, das er selbst verursachte. Lortzig schnaufte vor Anstrengung, während er das Leben aus seinem Besucher förmlich herauspresste. Seine Arme schmerzten und zitterten, als Pawlaks Körper nicht mehr zappelte, als er wegsackte und als seine Augen sich nach innen drehten. Das Rauschen und Tosen in Lortzigs Kopf verschlang jedes andere Geräusch, bis aus weiter Ferne die glockenhelle Stimme seines Enkels ihn erreichte.

»Opa, was machst du mit dem Mann?«

Wie aus tiefer Hypnose erwachte er. Erfasste das Geschehen. Ließ den leblosen Körper zurück in den Sessel sinken. Konrad stand in der Tür, seinen Schlafhasen fest an sich gedrückt, und rieb sich die Augen.

»Ein Spiel, mein kleiner Süßer. Opa spielt ein Spiel mit dem Mann.«

»Hast du ihm wehgetan?« Der Junge kam näher und zeigte auf den Toten. »Warum ist er müde?«

»Er will schlafen.« Lortzigs Stimme wurde ein Flüstern. »Wir müssen ganz leise sein.«

»Leise sein …«, flüstere der kluge Junge zurück.

»Möchtest du einen heißen Kakao?«

»Ja.«

»Komm mit in die Küche, mein Schatz. Jetzt wird Kakao gemacht …«

 

Während Lortzig die Milch im Topf wärmte, spielte Konrad mit seinen Playmobil-Figuren auf dem Küchentisch. Den toten Mann im Wohnzimmer hatte der Junge anscheinend wieder vergessen. Nach außen ganz ruhig, plante Lortzig seine nächsten Schritte. Es dämmerte, bald würde es stockfinster sein. Es war jetzt vier Uhr. Annegret würde also in frühestens zwei Stunden zurückkommen. Bis dahin musste die Leiche verschwunden sein. Aber das war kein Problem. Lortzig war schnell. Schnell wie ein Windhund. Und er hatte bereits einen Plan.

Er würde Pawlak über den Balkon entsorgen. Im Schnee, der im Garten gut vierzig Zentimeter tief lag, würde ihn über die Feiertage niemand entdecken. Es war kalt, minus sieben Grad waren für die Nacht vorhergesagt. Da würde es nicht lange dauern, bis der Leichnam solide tiefgefroren war. Und dann, zwischen den Jahren, wenn Annegret und Konrad wieder abgereist waren, würde er ihn in den Schuppen schaffen, wo noch die alte Kreissäge aus dem Betrieb stand. Damit würde er den tiefgefrorenen Pawlak zerlegen und ihn bis Ostern Stück für Stück, Happen für Happen, an die Wildschweine verfüttern. Ein passendes, geradezu poetisches Ende für den elenden Verräter. Lortzig lächelte gallig.

»Will der Mann auch einen Kakao?«, fragte Konrad unschuldig.

Ob der Junge ihm vielleicht gefährlich werden könnte? Was, wenn er seiner Mutter erzählte, was am Nachmittag vorgefallen war? Annegret hatte Pawlak ankommen sehen und ihm Kaffee und Kuchen serviert. Sie hatte ihn gefragt, ob er zum Abendessen bleiben wolle. Sicherlich würde sie sich nach seinem Verbleib erkundigen. Was also, wenn der Kleine erzählte, dass Opa den Mann am Hals gepackt und ganz fest gedrückt hatte? Würde sie ihm glauben?

Für einen kurzen, schrecklichen Moment dachte Lortzig das Undenkbare. Er lauschte in sich hinein. Wäre er denn wirklich dazu imstande? Die Antwort lautete: ja, freilich. Es wäre nicht der erste kleine Junge, den er aus dem Weg räumte. Damals, im Lager, gehörte das zum Alltag der Wachmannschaft. Aber Konrad, seinen eigenen Enkel?

Nein – er hatte zum Glück eine bessere Idee.

»Welchen Mann meinst du, mein Kleiner?«, fragte er in lieblichem, falschem Singsang.

»Den müden Mann«, antwortete der Dreijährige.

»Das musst du geträumt haben.«

Jetzt schnell!

»Trink deinen Kakao, der Opa ist gleich wieder da.«

Damit huschte er zur Tür, die er zuzog und hinter sich absperrte. Sofort packte er den Toten unter den Achseln und schleifte ihn rücklings zur Balkontür, wobei er einen Beistelltisch umwarf und einen Riesenradau verursachte. Konrad machte sich vergeblich an der Türklinke zu schaffen.

»Opa, was ist denn los?«, rief der Kleine alarmiert.

»Das ist nur ein Spiel!«, brüllte Lortzig zurück, den Kopf rot vor Anstrengung. »Das Tür-zu-Spiel!«

»Was machst du, Opa?« Der Fuß des Toten hatte sich im Stuhlbein verkantet, die auf der Sitzfläche gestapelten Geschenke prasselten geräuschvoll zu Boden.

»Besser noch, es ist das beliebte Tür-zu-sing-sing-Weihnachtsspiel«, rief Lortzig und stimmte, um den Lärm zu übertönen, ein Lied an. »O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter … Los, mitsingen, Konrad!« Er lauschte – und tatsächlich sang der Junge mit. Er war für sein Alter ungewöhnlich musikalisch und konnte sich auch die Texte sehr gut merken.

»Du grünst nicht nur zur Sommerszeit – Scheiße, verdammte!« Er hatte vor lauter Singen und Schleifen im Rückwärtsgang den Tannenbaum vergessen und war einen Schritt zu weit gegangen. Die lamettabehängten Zweige der stolzen Kellerwaldtanne griffen nach ihm wie gierige Hände, Kugeln tanzten wild, einige fielen zu Boden und zersprühten in tausend Teile.

»Opa …?«

Jetzt neigte sich der Baum und kippte nach hinten über.

»Nein, auch im Winter, wenn es schneit, o Tannenbaum, o Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter …«

Mit einem geschickten Handgriff gelang es ihm, die einbruch- und hebelsichere Balkontür zu öffnen und den Toten auf den Balkon hinauszuwuchten. Aus der Küche erklang das Jammern seines anspruchsvollen Enkels, den das Tür-zu-sing-sing-Spiel schon nicht mehr zu amüsieren schien. Ein letztes Aufbäumen, eine fast übermenschliche Kraftanstrengung, und Pawlak, der viel schwerer war als sein Sterbealter und sein angeschlagener Gesundheitszustand vermuten lassen konnten, war über das Geländer gewuchtet und landete mit einem dumpfen, endgültigen Geräusch drei Meter tiefer auf den Terrassenplatten. Später würde Lortzig hinuntergehen und ihn mit ein paar Schaufeln Schnee bedecken, dann würde niemandem etwas auffallen. Es war dunkel und eiskalt hier draußen. Sein Atem formte kleine Wolken, seine Finger wurden schon taub. Schnell schlüpfte er wieder ins Warme. In der Küche rebellierte sein Enkel.

»Der Opa kommt ja schon!«, beruhigte er ihn, während er versuchte, den havarierten Christbaum wieder in die Senkrechte zu bringen. Wie ging das verdammte Lied noch weiter?

»Die Hoffnung und Beständigkeit gibt Trost und Kraft zu jeder Zeit. O Tannenbaum, o Tannenbaum, dein Kleid will mich erwürgen.« Erst als das letzte Wort wie ein Echo im Raum hing, wurde Lortzig bewusst, was er soeben gesungen hatte, und er lachte herzlich. Bin doch nicht mehr der Jüngste, dachte er.

»Opaa-aa-aa!«, quengelte der Junge.

Das Wohnzimmer sah aus, als sei eine Bombe explodiert. Sei’s drum. Er würde Annegret weismachen, dass Schnapps seine tollen fünf Minuten bekommen hatte. Im Zuweisen von Schuld war er schon immer ein Meister gewesen. Er sperrte die Küchentür auf und breitete die Arme aus.

»Hallo, mein kleiner Sonnenschein! Da bist du ja wieder.«

Aber der kleine Konrad hatte keinen Bedarf an einer großväterlichen Umarmung. Er trug einen Kakaobart, hatte einen hochroten, fast fiebrigen Kopf, verheulte Augen und betrat das Wohnzimmer mit vorwurfsvollem Blick.

»Wo ist der müde Mann?«, fragte er streng.

Verdammt, dieser schlaue Knirps war wirklich nicht so leicht hinters Licht zu führen. Lortzig atmete immer noch schwer und bemerkte, dass ihm der Schweiß auf die Stirn getreten war. Ihm war plötzlich so heiß, dass er seinen Pullover ausziehen musste. Im Unterhemd stand er da und schwitzte immer noch.

»Es gibt doch gar keinen müden Mann, mein Goldstück. Du selbst warst nämlich so müde, und dann hast du von dem Mann nur geträumt.«

»Opa hat den Mann so fest gedrückt.«

»Nein, Konrad, da war wirklich kein Mann.«

»Und da liegt sein Schuh!« Der Kleine hob den rechten Arm und deutete hinaus auf den Balkon.

Tatsache. Da lag ein beschissener Schuh. Irgendwie musste er sich von Pawlaks rechtem Fuß gelöst haben, und statt herunterzufallen, war er auf dem handbreiten Holzgeländer liegen geblieben.

»Das ist kein Schuh, das ist nur ein Vögelchen, vielleicht eine Eule. Opa schaut mal nach …«, log Lortzig und stellte sich zwischen Konrad und das Corpus Delicti. Langsam schob er sich rückwärts zur Tür, fingerte den Hebel auf und ließ sich auf den Balkon gleiten, ohne den Blick von Konrad zu wenden, der jede seiner Bewegungen aufmerksam verfolgte. Mit der Hand hinter dem Rücken bugsierte er den verräterischen Schuh in die Dunkelheit. Geschafft.

»Hoppla, da ist die Eule weggeflogen!«, rief er und drehte sich zum Wald hin, als schaue er dem imaginären Vogel hinterher. Als er sich wieder zu seinem Enkel umdrehte, gefror ihm das Blut in den Adern, und sein Pulsschlag setzte einen Moment aus. Konrad hatte den einbruchs- und hebelsicheren Bügel nach oben gedrückt und damit die Balkontür verriegelt. Lortzig war ausgesperrt.

»Konrad, mein lieber, guter Junge«, rief er und bemühte sich, nicht allzu streng und bedrohlich zu klingen. Der Knabe blickte ihn aus seinen großen, wissenden Kinderaugen an. »Dem Opa wird langsam kalt. Machst du bitte auf?«

Er sah, wie Konrad die Lippen bewegte, konnte aber durch die doppelt verglaste Fensterfront kein Wort verstehen.

»Was sagst du?«, schrie er.

Der Junge brüllte aus Leibeskräften zurück. Seine Worte klangen verzerrt und gedämpft, als kämen sie von tief unten aus dem Meer. Er rief: »Wir spielen das Tür-zu-sing-sing-Weihnachtsspiel!«

Eine Gänsehaus überkroch den Fünfundneunzigjährigen wie ein eiskaltes Leichentuch, in das die Nacht ihn einwickelte. Wie lange konnte er hier aushalten, bis sein Körper den eisigen Temperaturen nachgeben würde? Konnte er springen? Drei Meter auf die Terrasse – wenn er auf dem toten Pawlak landete, gab es eine Chance. Aber eher würde er sich alle Knochen brechen.

Schnapps erschien, vom Lärm angelockt, schwanzwedelnd im Raum, sah das Herrchen in seiner verzweifelten Lage und beschloss, sich lieber nicht einzumischen. Er machte kehrt und legte sich wieder in sein warmes Körbchen unter der Treppe.

Lortzig blickte sich nach einem brauchbaren Gegenstand um, nach irgendeinem Hiebwerkzeug, mit dem er das Fenster bearbeiten konnte. Aber auf dem Balkon lag nur ein kurzer Bambusstab, mit dem er im Sommer den Hortensienstrauch stabilisiert hatte. Da stand er mit dem Stöckchen in der Hand wie ein grotesker, halbnackter Dirigent und sah, wie der Mund seines Enkels die Worte formte: »Sing Stille Nacht, heilige Nacht.«

Das kann nicht sein, dachte er. Dann schrie er es hinaus in den eiskalten Wind, der mit glühenden Zangen seine Glieder erfasste, seine Haut anfraß, seine Sinne betäubte. »Das kann nicht sein!«

»Sing das Lied für mich!«

Sagte das wirklich sein geliebter Enkel Konrad, oder erklang diese unheimliche Stimme in seinem Kopf? Lortzig konnte den Unterschied nicht mehr ermitteln. Er sank langsam auf die Knie, beide Hände flehend gegen die Scheibe gepresst. Tränen rollten über seine Wangen, als er mühsam und mit zitternden Lippen und klappernden Zähnen das Lied anstimmte: »Stille Nacht, heilige Nacht …«

Aber der Junge wandte sich plötzlich von ihm ab. Er verschwand in der Küche, wo sein inzwischen erkalteter Kakao stand. Dann wurde er schläfrig und kuschelte sich auf das Sofa, um sein von Pawlaks Todesröcheln jäh unterbrochenes Nickerchen fortzusetzen, bis ihn anderthalb Stunden später seine Mama wecken würde. Unter Schock, tränenüberströmt, wie gelähmt vor Trauer über den grausamen Kältetod ihres geliebten Vaters.

Der Leichnam, den die Polizei am Weihnachtstag auf der Terrasse unter dem Balkon entdeckte, gab zunächst ein unlösbares Rätsel auf. Jedenfalls so lange, bis die Papiere des Ermordeten den Weg in seine Wohnung wiesen, wo ein schriftliches Geständnis gefunden wurde, das auch Johann Ernst Lortzig, den verstorbenen Holzbaron, in einem neuen, sehr unvorteilhaften Licht erscheinen ließ.

Der kleine Konrad hatte, wie die Kinderpsychologin später attestierte, keine Ahnung, was an diesem Abend geschehen war. Schon bald erinnerte er sich gar nicht mehr an das lustige Tür-zu-sing-sing-Weihnachtsspiel. Woran er sich aber gut erinnerte, auch Jahre später noch, war dieser schöne Traum. Während sein Opa auf dem Balkon erfror, träumte ihm, er laufe lachend über eine Blumenwiese, Hand in Hand mit einem freundlichen, singenden Zauberer, der mit seinem Zauberstab lustige Kreise in die Luft malte. Die beiden rannten vergnügt unter rosa blühenden Bäumen, die sich in einer milden Frühlingsbrise zu wundervoller Musik wiegten. Konrad konnte es nicht wissen, und es hätte ihm auch wohl kaum etwas bedeutet, dass es Mandelbäume waren …

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3Monika Bittl Bastelanleitung für einen Adventskalender – in 10 Schritten zu einem erfolgreichen Mord

München

Über die Autorin

Monika Bittl, 1963 in einem kleinen Dorf im Altmühltal geboren, hat Germanistik und Psychologie studiert. Seit 1992 ist sie freie Autorin und schreibt neben ihren preisgekrönten Drehbüchern und Romanen auch erfolgreich Sachbücher. Ich hatte mich jünger in Erinnerung stand zwei Jahre ununterbrochen unter den Top 10 der Spiegel-Bestsellerliste. Monika Bittl lebt mit ihrer Familie in München.

Mehr zur Autorin unter www.monikabittl.de.

Warnhinweis & Vorbemerkung:

Halten Sie diese Zeilen von Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren fern! Verstecken Sie die Anleitung vor Ihrem Opfer, um nicht schon vor dem Bastelbeginn wegen Mordversuches verhaftet zu werden.

Der von mir eingefügte Erfahrungsbericht zu meinem Mann dient lediglich der Illustration, weil Beispiele oft mehr als abstrakte Worte sagen. Jeder Adventskalender, jeder Mensch und jeder Mord ist einmalig! Gestalten Sie Ihre ganz persönliche Tat so individuell wie möglich.

1.

Bevor Sie Bastelmaterialien suchen, wählen Sie ein Mordmotiv aus, ganz nach Belieben. Es kann alles Mögliche sein. Häufig sind Eifersucht, Rache oder Habgier. Wichtig ist nur, dass Sie sich über Ihr Motiv im Klaren sind, denn im Lauf des Advents werden Zweifel auftauchen, ob Sie Ihr Vorhaben auch wirklich vollenden wollen. Sie werden Ihren Plan von Grund auf infrage stellen und immer wieder innerliche Einbrüche bei der Umsetzung Ihres Vorhabens erleiden. Sie werden wahlweise Mitleid, Verständnis oder schiere Empathie für Ihr Opfer haben. Deshalb ist es wichtig, dass Sie Ihr Motiv möglichst genau eingrenzen können. So können Sie die unweigerlich aufkeimenden Bedenken – und damit auch Ihr Opfer – wesentlich zuverlässiger aus dem Weg räumen. Je klarer Sie sich über das Motiv sind, desto eher können Sie im Vorfeld auch noch einmal entscheiden, ob Sie wirklich einen Adventskalender basteln möchten oder doch lieber im Darknet nach einem Auftragskiller suchen. Denn Ihr Motiv für einen Adventskalender muss stark sein und darf nicht nur einer Laune entspringen, sonst werden die Zweifel zu groß. Aus einer Laune heraus können nur ganz wenige Ausnahmetalente morden. Normale Menschen wie Sie oder ich müssen deshalb sorgfältig planen. Die gute Kinderstube oder die moralischen Maßstäbe stellen uns regelmäßig ein inneres Bein.

 

Beispiel: Ich dachte ja zunächst, ich möchte meinen Mann aus meinem Leben verbannen, weil er mich oft so schlecht behandelte und deshalb seine gerechte Strafe verdient hat. Im Lauf des Bastelns und Nachdenkens stellte ich jedoch fest, dass mein wahres Mordmotiv darin liegt, dass ich ihm die Schlechtigkeit der Welt, die er tagtäglich anführte, nun endgültig selbst beweisen will. Genaueres dazu später – ein Motiv aus der Weltsicht des Opfers heraus zu finden, ist jedenfalls die größte Kunst. Wenn beispielsweise die Ehefrau oder die Erbtante stets behauptet, die Welt würde immer gefühlloser und brutaler und früher wäre alles besser gewesen – zeigen Sie ihnen mit Ihrer Tat das wahre Ausmaß dieser Behauptung und Weltsicht!

2.

Die sorgfältige Planung ist auch deshalb wichtig, weil Ihr Vorhaben wesentlich mehr Erfolgschancen hat, je mehr Zeit, Mühen oder Geld Sie schon im Voraus investiert haben. Nachdem Sie bereits zwanzig Stunden oder mehr an einem Kalender gebastelt haben, werden Sie ihn nicht mehr so einfach in die Ecke werfen und aufgeben. Motiv UND Motivation sind fast gleich wichtig, das vergessen leider viele. Was unterscheidet einen erfolgreichen Mörder von einem Möchtegern, der nur immer wieder in Gedanken damit spielt, den Chef, den Partner oder die ständig kreischende Nachbarin umzubringen? Eben: die Handlungskompetenz. Der Erfolgreiche denkt lösungsorientiert und begreift Hindernisse als Herausforderungen und nicht als »berechtigte Zweifel«. Entsprechend handelt er nach dem Motto: »Es gibt immer eine Lösung.« Vergegenwärtigen Sie sich Situationen, in denen Sie schon nach diesem Motto agierten. Die kranke Mutter rief an, der Sohn hatte einen Unfall, und in der Arbeit stand ein wichtiges Meeting an? Sie wussten nicht, was Sie zuerst anpacken sollten? Und trotzdem fanden Sie einen Weg! Denken Sie an diese Situation, es wird Sie positiv stärken! Denn jedes Tötungsvorhaben setzt Selbstbewusstsein gepaart mit Handlungskompetenz – auch in Stresssituationen – voraus.

 

Beispiel: In meinem Fall war ich zunächst unglücklich in meiner Ehe und litt immer mehr, ohne zu verstehen, woher der Wind weht. Hielt ich nur an einem Partner fest, weil ich mich nicht traute, ihn zu verlassen? Aus Angst vor Einsamkeit? Aus Gewohnheit? Nein! Eines Tages wurde mir klar, dass mein Mann mich nur deshalb so quälte, weil er sich selbst quälte, weil er stets davon ausging, dass ihm andere Böses wollen. Der Kapitalismus, die Gesellschaft, ich, unsere Kinder, seine Eltern, der menschliche Fortschritt. Unaufhaltsam beschwerte sich mein Mann über alles Mögliche, wie zum Beispiel die Aldi-Website. Wenn er dort nach Angeboten suchte, zeigte die Seite nur die Aldi-Filialen in der Nähe an und nicht, welcher Schraubenzieher nun genau günstiger war. Erbost rief mein Mann daraufhin bei Aldi an, machte die Betreiber der Website auf den Fehler aufmerksam und kontrollierte minütlich, ob die Homepage nun aktualisiert sei – als das nicht der Fall war, beklagte er sich tagtäglich bitterlich über die grenzenlose Bosheit der Welt, die ihn dazu zwinge, auf Websites zu gehen, statt glücklich mit der Natur in Einklang zu leben. Die Natur, so mein Mann damals, würde ihn nicht so verbiegen wie das moderne Hamsterrad, in dem er sich mit seinem Leben und seinem Job befände. Nachdem Aldi die Website auch nach drei Tagen noch nicht aktualisiert hatte, sprach mein Mann wochenlang nicht mehr mit mir. Dann warf er mir vor, ich würde einfach stumpfsinnig in diesem modernen Hamsterrad mitmachen und ihn damit brüskieren. Ob ich ihn überhaupt lieben würde? Wie könne ein liebender Partner einfach so weitermachen, wenn der Mensch neben ihm so an diesem System leide? Ich traute mich daraufhin nicht mehr, fröhliche Musik zu hören oder über einen Witz laut zu lachen. All das hätte er mir als mangelnde Liebe ausgelegt. So wurde ich immer trauriger und fühlte mich eines Tages wie in einem Ehekäfig (Hamsterrad) gefangen. Ich war verzweifelt, bis mir eines Abends vor dem Einschlafen der Satz meiner Mutter einfiel: Für jedes Problem gibt es eine Lösung. Meine Energie kehrte wieder zurück, und innerhalb kürzester Zeit kam ich auf die Idee dieses Adventskalenders.

3.

Beginnen Sie mit den ersten Vorbereitung möglichst schon im Sommer oder im Herbst. Die langfristige Herangehensweise vereinfacht die spätere Befüllung des Adventskalenders mit Gift ungemein! Kaufen Sie im Sommer Hortensien oder Thujabäumchen, Engelstrompeten, Bilsenkraut, Eiben, Goldregen oder einen Wunderbaum und pflanzen Sie Gewächse im Garten oder auf dem Balkon ein. Weniger zu empfehlen ist der blaue Eisenhut, Europas giftigste Pflanze, da zu viele um seine toxische Wirkung wissen. Die anderen Blüten erregen normalerweise hingegen keinerlei Verdacht. Wer sich im Jahreslauf zu spät für einen Mord entschieden hat, kann auch im Herbst beispielsweise noch Herbstzeitlose besorgen oder Fliegenpilze suchen. Bei Pilzen sollte jedoch vorher ein Bestimmungsbuch gelesen werden, um die Gewächse nicht mit anderen, harmlosen zu verwechseln.

 

Beispiel: Ich verwandelte im Sommer meinen Balkon in ein Blütenmeer von weißen Engelstrompeten, lila Hortensien und gelbem Goldregen. Nachbarn bewunderten sogar meinen »grünen Daumen«, denn diese Pflanzen hegte und pflegte ich natürlich sehr sorgfältig. Blüten und andere Pflanzenteile, die ich später noch brauchte, legte ich in eine Trockenblumenschale. Das ist völlig unauffällig, auch wenn Sie häufig Gäste haben. Engelstrompeten gedeihen übrigens auch auf Nordbalkonen prächtig!

4.

Wählen Sie die Form des Adventskalenders sorgfältig aus. Sie können leere Streichholzschachteln, selbst gestrickte Söckchen oder leere Dosen verwenden. Aber selbstverständlich sollten Sie die Streichholzschachteln einheitlich mit Filz umkleben und anordnen oder die selbst gestrickten Socken an einer schönen roten Schnur aufhängen oder die leeren Dosen einheitlich in Silber oder Gold lackieren. Arrangieren Sie die Anordnung harmonisch. Kleben Sie Sternchen und Glitzer auf. Anregungen für weitere Gestaltungsmöglichkeiten finden Sie in diversen Bastelbüchern oder im Internet. Gestalten Sie liebevolle Details. So wie das Auge mitisst, so macht ein schönes Arrangement aus Ihrem Vorhaben ein einmaliges Erlebnis.

 

Beispiel: Ich wählte, passend zum Hamsterrad-Empfinden meines Mannes, befüllbare Christbaumkugeln (im Fachgeschäft erhältlich) und reihte sie auf einer goldenen Schnur auf. Jede Kugel versah ich mit einer goldenen Ziffer von 1 bis 24. In die Kugeln legte ich nicht nur jeweils ein Plätzchen, sondern auch noch ein kleines Stück Schokolade oder Gummibärchen, Glitzersterne oder Mini-Tannenzweiglein.

5.