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Rache ist eines der ältesten Mordmotive der Welt. Bedauernswert ist der Mensch, bei dem das Verlangen nach Vergeltung so groß ist, dass der Hass ihn sein ganzes Leben lang begleitet. Im Spanien der siebziger Jahre ziehen zwei Serientäter durch das Land, die sich für die Verbrechen an ihren Familien rächen, die bereits viele Jahre zurück liegen. Neun Morde mussten geschehen, bis der Rachedurst der beiden Psychopathen gestillt war und sie endlich zur Stecke gebracht werden konnten.
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Seitenzahl: 291
Veröffentlichungsjahr: 2016
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José R. Brunó
Mala Sombra
Böser Schatten
Kriminalroman
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2016
Die Welt wird nicht bedroht von den Menschen,
die böse sind, sondern von denen, die das Böse zulassen.
Albert Einstein
José R. Brunó
Das höchste Gut des Menschen ist die Freiheit. Wenn Völker sich aus der Knechtschaft einer Diktatur befreien und sich zur Demokratie bekennen, beginnt ein Prozess, der Generationen dauert, um das gewünschte Ziel, Freiheit, zu erreichen.
Die Einen möchten ihre Macht nicht hergeben, und die Anderen sinnen auf Rache, für das in der Vergangenheit zugefügte Leid.
Die hier erzählte Kriminalgeschichte hat sich mit Abweichungen so zugetragen. Allerdings sind Orte und Personen erfunden, Namensgleichheiten rein zufällig. Der politische Hintergrund ist historisch belegt.
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2016) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Coverbild © Gisela Brigitte Brüntrup
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2016
www.engelsdorfer-verlag.de
Spanien 1975, der Diktator Francisco Franco war gestorben. Ein Segen für die Menschen, die fast vierzig Jahre unter der Diktatur gelitten hatten, und eine Katastrophe für die Leute, die sich genüsslich in der Diktatur eingerichtet hatten.
Nur wenige Tage nach dem Ableben Francos sollte Juan Carlos de Borbón, den Franco gründlich auf seine Nachfolge vorbereitet hatte, das Land in eine neue Zeit führen. Spanien sollte eine parlamentarische Monarchie werden. Die Sehnsucht nach Demokratie und Freiheit war riesengroß und weckte Begehrlichkeiten. Insbesondere das Baskenland und Katalonien sahen nun eine Chance, endlich ihre Unabhängigkeit zu erlangen.
Es waren nur wenige Jahre nach dem Tode Francos vergangen, als ein Serienmörder durch das Land zog und die Behörden vor eine fast unlösbare Aufgabe stellte. Opfer waren in erster Linie Männer der paramilitärischen Guardia Civil, die während des Bürgerkrieges instrumentalisiert wurden, Präsenz und Stärke zu zeigen. Dabei waren die Schergen Francos in der Wahl ihrer Mittel nicht besonders wählerisch und in der Bevölkerung gehasst und gefürchtet. Sie wurden La Mala Sombra, böser Schatten genannt.
In den 1980er Jahren gestaltete sich die Aufklärung von Verbrechen noch recht schwierig. Die neununddreißigjährige Diktatur hatte ihre Spuren hinterlassen und nicht nur die Infrastruktur war am Boden. Alle Polizeiorgane mussten sich neu sortieren. Die Guardia Civil wurde im Jahre 1978 weitgehend entmachtet und die Policia Nacional übernahm Aufgaben der Verbrechensbekämpfung, mit denen bisher die Guardia Civil betraut war.
Bei all den Widrigkeiten schickten sich die Ermittlungsbehörden im ganzen Land an, europäische Standards zu erreichen. Beamte der Policia Nacional wurden nach Amerika geschickt, um sie in moderner Forensik ausbilden zu lassen. Mediziner, die bisher im Dienste der Polizei gestanden hatten, mussten ebenfalls die Reise über den Atlantik antreten, um sich in die moderne forensische Pathologie einweisen zu lassen. Ein fast aussichtsloses Unterfangen, wie sich herausstellen sollte. In Spanien laufen die Uhren anders und es mussten Generationen vergehen, einen halbwegs funktionierenden Polizeiapparat zu bekommen.
Die hier erzählten Serienmorde, die am Anfang den Separatisten der baskischen ETA angelastet wurden, sollten letztendlich nach jahrelanger Ermittlungsarbeit und durch moderne Wissenschaft aufgeklärt werden.
Es war Freitag, der zwanzigste März 1981. Als die zweiundsechzig Jahre alte Isabel Maria Sanchez das Cuartel (die Kaserne) der Guardia Civil in Terassa betrat, war es gerade auf den Glockenschlag, der von der gegenüberliegenden Kirche zu hören war, zehn Uhr.
Isabel steuerte auf den Uniformierten zu, der in der großen Eingangshalle hinter seinem Schreibtisch saß. Über seinem Tisch hing an zwei Ketten ein Schild mit der Aufschrift: »Information«. An der Wand, im Rücken des Beamten, prangten die Flaggen der Region Katalonien und die gelb – rote Landesfahne. Der Cabo (Unteroffizier) kannte die Dame, die mit hochrotem Kopf auf ihn zukam. Sie war die Ehefrau seines ehemaligen obersten Chefs, des Comandante Antonio Francisco Sanchez, der erst vor wenigen Monaten pensioniert worden war.
»Was ist passiert, Dona Isabel?«, fragte der der Unteroffizier besorgt.
»Lassen Sie mich sofort zu Eusébio Sainz, es scheint etwas Schreckliches passiert zu sein.«
Der Cabo griff sofort zum Telefon. um die Anwesenheit der Señora Sanchez zu melden.
»Der Comandante erwartet Sie in seinem Büro, Dona Isabel, sie kennen sich ja bei uns aus«, sagte der Unteroffizier respektvoll und wies mit der rechten Hand auf den langen Flur, in dem das Büro des Offiziers lag. Dona Isabel klopfte an die Tür und betrat das Büro des Befehlshabers, ohne das obligatorische »Adelante« abzuwarten. Die Familien Sanchez und Sainz waren seit vielen Jahren befreundet. Die Ehefrauen waren Freundinnen und ihre Ehemänner hatten einige Dienstjahre zusammen in dieser Kaserne verbracht. Isabel und Antonio Sanchez hatten die ersten Jahre, in denen Antonio der Befehlshaber dieses Cuartels war, in dieser Kaserne gewohnt. Einige Angehörige der paramilitärischen Guardia Civil wohnten nach wie vor mit ihren Familien in dem Cuartel.
»Was ist passiert, Isabel«?, fragte Sainz.
»Antonio ist nicht nach Hause gekommen, ich war in Matadepera auf der Finca. Als ich dort ankam, lag der Hund tot vor dem Haus und Toni war nicht da.«
Sanchez hatte das alte Anwesen von seinen Eltern geerbt, die in Matadepera, am Rande eines Naturschutzgebietes, fernab von der Zivilisation, eine Schafzucht betrieben hatten. Es war Antonios Elternhaus, hier war er geboren und aufgewachsen.
»Und du bist dir sicher, dass er nicht gerade bei seinem Nachbarn war?«
Isabel schüttelte mit dem Kopf. »Und du meinst, dann bringt er vorher seinen Hund um?«
Sainz lächelte. »Okay, dann schicke ich mal ein paar Leute auf die Finca (bäuerliches Anwesen). Du solltest dir nicht so große Sorgen machen. Ihm wird schon nicht passiert sein.«
Eusébio Sainz reagierte sofort und beorderte sechs Leute mit einem Spürhund zur Finca nach Matadepera. Endlich passierte mal etwas. Die Guardia Civil war in den letzten Jahren zu langweiligen Verkehrspolizisten degradiert worden.
Einige Einheiten hatten die Aufgabe, Grenzen zu schützen, Häfen und Flughäfen zu kontrollieren. Für die Verbrechen im Lande waren seit der neuen spanischen Verfassung von 1978 die Kollegen der Policia Nacional zuständig.
Als die sechs Polizisten mit ihrem klapprigen Renault R4 auf der Finca ankamen, bemerkten sie sofort, dass Rauch aus dem Schornstein des alten Steinhauses emporstieg. Die Eingangstür war weit geöffnet und es sah aus, als sei Antonio Sanchez gerade mal einige Minuten aus dem Haus. Antonios bester Freund, der Hund Pepe, lag erschlagen vor der Tür. Aus der Ferne waren Glockentöne der Schafe zu hören, die sich herrenlos über das gesamte Anwesen verteilt hatten.
Der Cabo, den Eusébio Sainz mitgeschickt hatte, bemerkte sofort, dass etwas Schlimmes passiert sein musste. Sein Name war Pepe Roldán. Die Leute hatten sich auf dem Anwesen verteilt und riefen immer wieder den Namen des Vermissten.
Es war inzwischen eine Stunde vergangen und es gab keine Spur von Antonio Sanchez. Das Haupthaus lag auf einer Anhöhe und man konnte die umliegenden Höfe sehen.
»Das nächste Haus ist mindestens drei Kilometer entfernt«, bemerkte Roldán, der mit der Hand auf das weiße Gebäude zeigte, das in einem langgezogenen Tal lag. »Das Motorrad steht hinterm Haus und zu Fuß ist er mit Sicherheit nicht unterwegs.«
Pepe Roldán hatte sich entschlossen, den Spürhund aus dem Auto zu holen, der schon eine Stunde bellend im Auto verbracht hatte. Am Inneren der Haustür hing eine alte Cordhose von Sanchez, die Roldán dem Hund zum Schnüffeln gab.
Der Spürhund war in kürzester Zeit von null auf hundert und steuerte sofort auf den Pozo (Brunnen) zu. Der Hund legte sich auf den Boden und fing laut an zu bellen. Alle Beteiligten schauten sich fragend an und alle schienen zu wissen, was sich in diesem Brunnen befand. Der Schacht war mit einem Wellblech bedeckt und mit einigen Steinen beschwert. Pepe Roldán schob die Steine von dem Blech und entfernte die Abdeckung. Es war dunkel in dem runden Schacht, der wohl mindestens eine Tiefe von fünfzehn Metern hatte.
»Hol mir mal die Taschenlampe aus meinem Auto«, befahl der Unteroffizier einem jungen Polizisten.
Er tat, wie ihm geheißen, während die anderen Kameraden wie angewurzelt herumstanden.
Roldán leuchtete in den Brunnen, der seit vielen Jahren kein Wasser mehr führte. Auf dem Grund des Schachts war etwas zu entdecken, das aussah wie eine zusammengekauerte Gestalt. Alle wussten sofort, das war Antonio Sanchez.
Roldán hatte noch einige Male vergeblich den Namen seines ehemaligen Chefs in den Brunnen hineingerufen. Er bekam keine Antwort. Der junge Unteroffizier lief aufgeregt zu seinem Auto, um über Funk seiner Leitstelle den Fund des pensionierten Comandante zu melden.
Was vor einigen Stunden für die jungen Polizisten der Guardia Civil noch als eine willkommene Abwechslung ausgesehen hatte, sollte für sie ein schreckliches Erlebnis werden. Die jungen Paramilitärs, die noch nicht einmal ihre Ausbildung beendet hatten, schienen auch noch nie einen Toten gesehen zu haben.
Eine halbe Stunde war vergangen und auf der Finca wimmelte es von Menschen. Inzwischen war die Mordkommission mit ihrer Spurensicherung aus Barcelona angerückt. Eusébio Sainz war ebenfalls auf der Finca eingetroffen und lief aufgeregt um den Brunnen herum, in dem vermutlich sein Freund Antonio Sanchez lag. Der Unteroffizier überlegte, wie er am besten hinunter in den Brunnen kommen sollte. Die alte Vorrichtung, mit der in früheren Jahren die Eimer mit Wasser heraufgezogen wurden, war längst nicht mehr funktionsfähig.
Man hatte sich erinnert, dass Abschleppfahrzeuge eine Seilwinde besaßen, mit der man in den Brunnenschacht hinuntergelassen werden konnte.
Während Pepe Roldán sich auf den Abstieg in den Brunnen vorbereitete, schaute die Chefin der Spurensicherung, Laura Velazquez, zu dem Comandante der Guardia Civil herüber.
»Sind das alles Ihre Leute Comandante?«, fragte sie.
Sainz schaute sich um. »Die Uniformierten schon, aber die Zivilisten? Ich dachte, das wären Ihre Leute.«
»Ich schlage vor, Sie veranlassen, dass die Menschen, die hier nichts zu suchen haben, schleunigst verschwinden.«
Inzwischen war der Abschleppwagen eingetroffen, der Roldán in den Brunnen hinunterlassen sollte.
Alle schauten gebannt auf das, was dort nach einer Weile aus dem Schacht gezogen wurde. Es war nichts für schwache Nerven. An der Seilwinde hing Antonio Sanchez. Der Kopf war nach vorne gebeugt und zwischen seinen Schulterblättern steckte ein Beil. Es war gespenstisch zu sehen, wie seine Beine an seinem Körper baumelten, als gehörten sie nicht zu ihm. Vermutlich waren beide Beine beim Sturz in den tiefen Brunnen gebrochen.
Langsam wurde der Leichnam auf den Boden herabgelassen und auf das Gesicht gelegt, um das Beil aus seinem Rücken entfernen.
Der junge Gerichtsmediziner, der sich nun mit dem Opfer beschäftigte, war der achtundzwanzig-jährige Madrilene Doktor Angel Domingez, ein junger Mediziner, der das Team verstärken sollte, denn die Kriminalität, insbesondere die Kapitalverbrechen, hatten in und um Barcelona enorm zugenommen.
»Und was meinst du?«, fragte Laura den Gerichtsmediziner.
»Ich denke, der ist noch nicht einmal zehn Stunden tot. Die Leichenstarre ist gerade dabei einzutreten.«
»Die Todesursache?«
»Ich denke, dass er noch gelebt hat, als er in den Brunnen geworfen wurde.«
»Oh Gott, das behalten wir mal besser für uns«, sagte Laura und wandte sich an ihren Kollegen, Inspektor Jorge Garau.
»Hast du was Brauchbares gefunden, Jorge?«
Jorge lächelte. »Bist du die Spusi oder ich? Aber ich habe im Haus Zigarettenstummel der Marke Winston gefunden, in einem Aschenbecher, der auf dem Tisch stand. Die Ehefrau hat mir gerade versichert, dass ihr Mann Zigarrenraucher war.«
»Das ist ja interessant. Und in dem Aschenbecher waren keine Zigarrenstummel?«
»Nur einer, und ich habe ihn dir hier bereits getrennt eingetütet.«
»Okay, dann frag mal die Ehefrau, ob im Haus etwas fehlt, falls sie ansprechbar ist. Da ist noch etwas. Hast du die aufgemalte – oder aufgesprühte – Zwei auf dem Hemd des Opfers gesehen? Frag sie doch mal, was das bedeutet.«
Jorge schaute Laura fragend an. »Die Ehefrau sagt, soweit sie das beurteilen könne, fehle nichts, aber eine Zwei? Was ist das denn?«
»Keine Ahnung, aber geh hin und schau es dir an. Ich hoffe nicht, dass wir es hier mit einem Killer zu tun haben, der Opfer nummeriert. Das hatten wir nämlich noch nicht.«
Zwischenzeitlich hatte der Gerichtsmediziner seine Arbeit beendet. Laura war noch damit beschäftigt, den Griff des Beils abzukleben, auf dem sich zahlreiche Fingerabdrücke befanden. Der Leichenwagen war eingetroffen, um das Opfer in die Gerichtsmedizin zu bringen, und die Polizisten der Guardia Civil hatten den Befehl erhalten, sich vom Tatort zu entfernen.
Es war inzwischen siebzehn Uhr geworden und es wurde empfindlich kalt. Der Frühling hatte noch nicht Einzug gehalten und ab achtzehn Uhr dreißig war es stockdunkel. Die charismatische Laura Velazquez hatte ihren Schutzanzug abgestreift und suchte ihre Utensilien zusammen.
Laura war eine echte Persönlichkeit in der Rechtsmedizin. Nicht nur, weil sie eine absolute Schönheit war, sondern sie bestach auch durch ihr unglaubliches Wissen im Bereich der Forensik. Sie war der lebende Beweis, dass man nicht unbedingt studiert haben musste, um sich ein Wissen anzueignen, für das andere Leute studieren mussten. Sie war von Beruf Laborantin und hatte sich im Laufe der Jahre auf Finger– und Faserspuren spezialisiert und hatte sich in Amerika zu einer Blutspuren-Analytikerin ausbilden lassen. Eine Sparte in der Forensik, unter der man sich in den achtziger Jahren in Spanien noch nichts vorstellen konnte. Laura Velasquez hatte sich der forensischen Wissenschaft verschrieben und ihre unersättliche Neugierde trieb sie immer wieder an, etwas Neues zu erlernen.
Das Computerzeitalter hatte begonnen und man war plötzlich im Stande, Dinge zu tun, von denen viele Leute vor einigen Jahren, nicht zu träumen gewagt hätten. Fingerabdrücke konnten gespeichert werden und in wenigen Minuten mit den Abdrücken eines Verdächtigen verglichen werden.
Die Katalanen hatten etwas Geld in die Hand genommen und der Gerichtsmedizin eine neue Heimat verschafft. Sie war jetzt nur noch einige Minuten vom Polizeipräsidium entfernt, an der Plaza d´Antoni Maura. Helle, freundliche Räumlichkeiten waren gebaut worden, und in der Pathologie wurden riesige Kühlhäuser angeschafft, die es den Gerichtsmedizinern erlaubte, Leichen einige Tage aufzubewahren. In der Regel musste ein Leichnam wegen der Seuchengefahr, speziell in den Sommermonaten, innerhalb von achtundvierzig Stunden eingeäschert werden.
Am nächsten Morgen hatte sich Laura darangemacht, die Fingerspuren, die sie am Beil gesichert hatte, welches im Rücken des ermordeten Antonio Sanchez gesteckt hatte, auszuwerten. Es waren zwei unterschiedliche Abdrücke auf dem Griff des Beiles. Die einen waren von dem Opfer und die anderen waren zweifellos vom Täter, der sich keine Mühe gemacht hatte, irgendwelche Spuren zu verwischen. Die Fingerabdrücke wurden gespeichert und mit denen bereits in der Datenbank vorhandenen verglichen. Das Ergebnis war negativ, kein Treffer.
Laura wunderte sich immer wieder, wie dumm sich Täter anstellten. Irgendwann, sei es bei der Beantragung eines Passes oder eines Ausweises, würde der Täter seinen Fingerabdruck abgeben müssen. In Spanien wurde in jedem Dokument der Identifikation der Fingerprint festgehalten.
Eine Kollegin von Laura hatte inzwischen die Kleidung des Opfers akribisch mit einer Klebefolie abgeklebt, um eventuell fremde Fasern oder Haare zu finden. Vergeblich. Außer der großen »Zwei«, die der Täter offensichtlich mit schwarzer Farbe aus einer Sprühdose auf das Hemd des Opfers gesprüht hatte, gab es keine Spuren.
›Komisch‹, dachte Laura, ›wer oder was ist denn da die Nummer Eins? Offensichtlich hatte es einen Fall gegeben, von dem wir nichts wissen.‹
Aus irgendeinem Grund wurde ein Ermittler des Departamento II ernannt. Er hieß Juan Medina. Eine zweite Mordkommission war gegründet worden, die sich ausschließlich mit Fällen der Außenbezirke rund um Barcelona kümmern sollte. Für die Innenstadt, für das Departamento I, war ihr Lebensgefährte Jóse Maria Cardona verantwortlich. Oftmals kam es zu Kompetenzrangeleien zwischen der ersten und zweiten Mordkommission, weil man sich nicht klar war, wo der Außenbezirk begann und wo der Innenbezirk endete.
Laura mochte diesen Juan Medina, der das ganze Jahr ohne Stümpfe herumlief, nicht besonders. Medina war ein typischer spanischer Macho. Ein Besserwisser, der sich für unwiderstehlich hielt und Laura permanent irgendwelche Avancen machte. Juan Medina war ein Typ, der einige Tage mit ungewaschenen Haaren und dem gleichen Hemd herumlief. Er war nicht größer als ein Meter siebzig und schob einen kleinen Bierbauch vor sich her. Das Einzige, was seine Vorgesetzten allerdings an ihm schätzten, war sein messerscharfer Verstand.
Die hübsche Laura war es gewohnt, Komplimente zu bekommen. Mit ihrer Körpergröße von ein-meter-siebzig, ihrer schlanken Figur und ihren langen, schwarzen Haaren war sie die Attraktion in der Gerichtsmedizin. Sie war der Grund, warum alle Kollegen so gerne ins Labor kamen.
In den nächsten Tagen berichteten alle Tageszeitungen von dem Mord an dem pensionierten Comandante der Guardia Civil Antonio Sanchez. Schuldige waren längst ausgemacht, es waren die Separatisten der baskischen ETA, so glaubte man zu wissen. Aber die baskische Terrorgruppe bekannte sich immer zu ihren Taten. Bisher waren noch keine Bekennerschreiben eingegangen. Im Gegenteil, die Basken leugneten, mit der Sache zu tun zu haben.
Inzwischen war die Obduktion abgeschlossen. Der Gerichtsmediziner hatte den Mageninhalt entnommen und ins Labor gegeben. Laura hatte sogar noch unverdaute Bohnen und Fleischrückstände feststellen können. Das würde bedeuten, dass sein Abendbrot noch nicht einmal gänzlich verdaut war, als der Tod eintrat. An Hand der Körpertemperatur und des Mageninhalts hatte der Gerichtsmediziner den Todeszeitpunkt auf zirka vier Uhr morgens festgelegt. Die Todesursache war die stumpfe Gewalteinwirkung auf den Kopf des Opfers. Die Schädeldecke war total zertrümmert.
Der Gerichtsmediziner war sich sicher, dass der Täter das Beil in den Rücken des Opfers gerammt hatte, als es bereits tot war.
In der Regel sollte sich eine Forensikerin nicht in die Ermittlungsarbeit der Polizei einmischen, aber nun war Laura neugierig geworden. Sie hatte mit Medina über die seltsame Nummer auf dem Rücken des Opfers gesprochen. Er hatte dem keine Bedeutung beigemessen.
Laura entschloss sich, die überregionale Tageszeitung »El Mundo« aufzusuchen. Die Redaktion befand sich nur wenige hundert Meter entfernt. Sie brauchte nicht sehr lange, um im Archiv der Zeitung einen Fall zu finden, der vor etwa vier Wochen im Raum Tarragona passiert war.
In dem Küstenort Cambrils, einige Kilometer südlich von Tarragona, wurde Anfang Februar eine Leiche ohne Kopf angeschwemmt. Die Ermittler hatten einige Wochen gebraucht, den Leichnam als den sechsundsechzig-jährigen Francisco Llompart zu identifizieren, einen pensionierten Guardia-Civil-Mann.
Laura rief sofort die Kollegen in Tarragona an. Es hatte einige Zeit gedauert, bis sie den Ermittler am Telefon hatte, der ihr etwas zu dem Fall sagen konnte. Für sie war nur relevant, ob das Opfer mit irgendeiner Nummer beschrieben war. Und tatsächlich, der Täter hatte seinem Opfer eine »Eins« mit einem scharfen Gegenstand, vermutlich mit einem Messer, auf den Oberkörper geritzt.
Das war es, was Laura wissen wollte, jetzt ergab das Ganze einen Sinn. Hier war ein Serientäter am Werk, der möglicherweise noch eine offene Rechnung mit der Guardia Civil zu begleichen hatte. Erschwerend kam hinzu, dass sich der Mörder gezielt seine Opfer aussuchte und sich nicht auf eine Provinz beschränkte.
Spanien ist ein großes Land und was gerade in Barcelona passierte, konnte sich morgen im eintausend Kilometer entfernten Malaga wiederholen.
Es waren drei Jahre vergangen und man schrieb bereits das Jahr 1984. Laura hatte fast täglich die überregionalen Zeitungen gelesen. Es gab seltsamerweise keine neuen Tötungsdelikte an Guardia-Civil-Beamten.
Der Fall war in Vergessenheit geraten und zu den ungelösten Fällen gelegt worden. Selbstverständlich dachte Laura nicht mehr an die Geschichte. Täglich gab es neue Fälle und für die Ermittlungsarbeiten war die Polizei zuständig. In der katalanischen Metropole Barcelona gab es ausreichend ungeklärte Fälle, die es zu lösen gab. Die Aufklärungsquote für Kapitalverbrechen lag gerade mal bei 50 Prozent.
Am Abend des fünfundzwanzigsten Mai musste Laura eine Erfahrung machen, die sie so schnell nicht vergessen sollte. Es war bereits neunzehn Uhr, als im Labor das Telefon schellte. Sie hatte sich bereits ihren weißen Kittel abgestreift, um in den wohlverdienten Feierabend zu gehen. In der Gran Villa hatte es einen Unfall mit Todesfolge gegeben.
Eine Frau war die Treppe hinuntergestürzt, mehr wusste sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Bei Unfällen mit Todesfolge musste zu jener Zeit immer die Polizei benachrichtigt werden, um festzustellen, ob nicht doch möglicherweise ein Verbrechen vorlag.
Laura hatte sich mit einer Kollegin auf den Weg gemacht. Die dritte Etage bewohnte der Kommunalpolitiker Adolfo Casillas. Eine Luxuswohnung direkt im Zentrum von Barcelona. Aus dem Salon führte eine Holztreppe in den oberen Bereich, in dem die Schlafräume untergebracht waren.
Als Laura den Salon betrat, bemerkte sie den Kommunalpolitiker, der auf dem großen Ledersofa saß und nur kurz aufgeschaut hatte, als er die Spurensicherung sah. Sein Gesicht in den Händen vergraben, stammelte er fortwährend unverständliche Worte.
Laura kannte seine Visage, die sie einige Male auf Wahlplakaten gesehen hatte. Casillas schien am Boden zerstört. »Ich habe ihr immer gesagt, sie solle die blöden Schuhe wegschmeißen«, stammelte er.
Juan Medina saß Casillas gegenüber und versuchte einige Fragen zu stellen, die den Unfallhergang betrafen, währen Laura auf den Mann zuging, der sich über die Leiche beugte.
»Sind Sie der Arzt, der den Tod feststellen soll?«, fragte Laura.
»Und Sie sind die Spurensicherung? Ich glaube, hier gibt es nichts zu sichern, das war ein Unfall.«
»Herr Doktor, ob das ein Unfall war oder nicht, das werden unsere Untersuchungen ergeben. Unterstehen sie sich, auf dem Totenschein als Ursache einen Unfall zu bescheinigen. Oder woher, glauben Sie, kommt die große Menge Blut dort an der Wand?«
Laura wandte sich ab. Sie hatte längst gesehen, dass hier etwas nicht stimmen konnte. Der Mediziner, der hier vor Ort war, schien der Hausarzt der Familie Casillas zu sein. Schnell den Tod als Unfall darzustellen, einen Tag später die Leiche einäschern zu lassen und alles war vergessen. Das war mit Laura Velasquez nicht zu machen. Sie war Blutspurenspezialistin und das, was sie hier sah, war alles andere als ein Unfall.
Das Opfer lag am unteren Treppenabsatz und war vor eine Natursteinwand gefallen und hatte sich, wie man auf den ersten Blick vermuten konnte, an dieser Wand die Kopfverletzungen zugezogen – wenn da nicht die Wand in einer Höhe von ein-Meter-sechzig mit Blutspuren übersät gewesen wäre. Die Spritzspuren, die im oberen Bereich der Wand zu sehen waren, konnten nur entstanden sein, wenn mit großer Gewalt auf die Blutungsquelle mit einem Gegenstand eingeschlagen wurde. Laura und ihre Kollegin hatten kleine Schilder mit Zahlen aufgestellt und mit Akribie unzählige Fotos gemacht.
Laura war die hölzerne Treppe hinaufgegangen und stand nachdenklich auf dem oberen Absatz.
»Hier hat das angefangen«, sagte sie leise zu sich selbst. Zu ihren Füßen hatte Laura einen feuchten Fleck auf dem Terrakottaboden entdeckt. Hier war gründlich gereinigt worden. Ihr Blick fiel auf den oberen Bereich der Wand, an dem sich ebenfalls einige Spritzspuren befanden. Rasch nahm sich Laura ein Messer und kratzte einige dieser Spuren von der Wand, die der Täter offensichtlich beim Saubermachen übersehen hatte.
Auf den Treppenstufen lagen einige Wäschestücke verteilt. Laura hatte eines dieser Stücke angehoben, unter dem sie eine große Blutlache entdeckte. Wie kam das Blut unter die Wäschestücke? Dieser Tatort war so dilettantisch inszeniert worden, dass sie kopfschüttelnd minutenlang auf dem Treppenabsatz stand.
Als sie von oben in den Salon schaute, bemerkte sie, dass der Politiker Casillas und der Ermittler Juan Medina verschwunden waren. ›Komisch, dachte Laura, wohin sind die beiden gegangen? Haben die beiden etwas zu besprechen, was niemand hören soll?‹ Diesen Gedanken, wagte sie nicht zu Ende zu denken.
Die beiden Frauen hatten inzwischen ihre Utensilien zusammengepackt und wollten den Ort des Geschehens verlassen. Laura hatte Casillas und Medina durch eine große Glastür auf dem Balkon entdeckt, wo sie sich angeregt unterhielten. Als Laura die Balkontür öffnete, um zu avisieren, dass sie fertig sei, erschraken die beiden und verstummten augenblicklich.
›Aha, also doch‹, dachte Laura.
»Einen Augenblick«, sagte Medina, »ich gehe mit euch!« Er verabschiedete sich eiligst von Casillas. Die Forensikerin hatte längst gemerkt, dass Medina etwas loswerden wollte.
»Und was steht morgen in deinem Bericht, Laura?«
»Auf jeden Fall das, was es ist – Mord.«
Medinas Gesicht verfärbte sich augenblicklich.
»Ich würde mir das in deiner Stelle noch einmal gründlich überlegen. Casillas ist Politiker und hat großen Einfluss.«
»Pass mal auf, mein Freund«, sagte Laura zornig, »wenn ich morgen früh die Leiche nicht in der Pathologie habe, bist du die längste Zeit Polizist gewesen. Und jetzt geh wieder hoch zu deinem Freund, ruf den Leichenwagen und mach gefälligst deine Arbeit, wie sich das für einen Polizisten gehört.« Juan Medina stand wie angewurzelt auf der Straße und schaute Laura an, als habe ihn der Blitz getroffen.
Der nächste Morgen – Laura hatte nicht gut geschlafen und ihr erster Weg führte sie in die Pathologie. Die Leiche der Irma Casillas war tatsächlich in den späten Abendstunden noch in die Gerichtsmedizin gebracht worden. Laura zog sich schnell ihren weißen Kittel über, um bei der Leichenschau und der Obduktion dabei sein zu können.
Doktor Domingez hatte inzwischen der Toten den Schädel rasiert, um sich ein Bild der Verletzungen zu machen, die zum Tode geführt hatten. Auf der Schädeldecke waren drei riesige Verletzungen zu erkennen. Eine tiefe Delle, die mit roher Gewalt durch einen schweren Gegenstand verursacht worden war, kam zum Vorschein. Die tiefe Kerbe auf dem Kopf hatte mit hoher Wahrscheinlichkeit ein schweres Hirntrauma ausgelöst und zum sofortigen Tod geführt. Die anderen zwei Kopfverletzungen waren nach Aussagen des Gerichtsmediziners nicht tödlich und möglicherweise beim Sturz entstanden. Die Unterarmfraktur, die Domingez bei dem Opfer feststellte, war vermutlich die Folge des Treppensturzes. Laura fing an, den Fall zu rekonstruieren.
»Also, der Casillas schlägt auf dem oberen Treppenabsatz seiner Frau mit irgendeinem Gegenstand auf den Kopf. Sie verliert das Bewusstsein und fällt die Treppe hinunter. Am unteren Teil der Treppe, vor der Wand, bleibt das Opfer liegen. Der Ehemann geht hinunter und schlägt ihr noch zweimal auf den Schädel, um sicher zu sein, dass sie auch tot ist.«
Domingez nickte nachdenklich mit dem Kopf.
»So könnte es gewesen sein, Laura. Ich bin zwar nicht persönlich vor Ort gewesen, aber wenn du es sagst, wird das wohl so sein.«
»Das würde auch die Spuren auf dem oberen Treppenabsatz erklären. Außerdem kann der Aufprall des Körpers an der Wand nicht so stark gewesen sein, dass meterhohe Spritzspuren entstehen können.«
»Das ist wohl wahr, ein Selbstmörder kann sich auch nicht zwei Mal in den Kopf schießen«, sagte Laura grinsend und schaute zur Tür.
Medina hatte die Pathologie betreten und steuerte sofort auf Laura zu.
»Hast du deinen Bericht fertig?, fragte er.
»Du solltest auf meinen Bericht nicht warten Juan, den werde ich persönlich deinem Chef übergeben. Ich versichere dir, wenn in deinem Bricht irgendwo das Wort Unfall zu lesen ist, kannst du deine Karriere bei der Polizei vergessen.«
Medina hatte verstanden und verließ fluchtartig die Pathologie.
Zu jener Zeit, als Spanien sich aufmachte, sich auch wirtschaftlich zu erholen, erreichte die Korruption ihren Höhepunkt. Jeder schmierte jeden und ohne »Vitamina«, wie man es seinerzeit nannte, ging nichts.
Laura hatte sich gefragt, wie weit die Leute wohl gehen würden. Ihr Kollege Medina war gerade dabei, oder machte zumindest den Versuch, einen Mord zu vertuschen. Eine widerliche Vorstellung, die die Forensikerin nicht hinnehmen wollte.
Am nächsten Morgen machte sich Laura auf, um ihren – und den Bericht des Pathologen persönlich im Kommissariat der Kriminalpolizei abzugeben. Medinas Chef, war der Comisario Juan Carlos Contento, der sich natürlich die Frage stellte, warum die Gerichtsmedizin ihm die Berichte persönlich überbrachte.
»Gibt es einen besonderen Grund, warum du mir die Unterlagen bringst, Laura?«
»Sei mir bitte nicht böse, Juan Carlos, aber ich möchte die Unterlagen in diesem Fall persönlich übergeben.«
Contento schaute Laura eine Weile nachdenklich an. »Der Ermittler ist Medina, oder?«
Laura nickte mit dem Kopf. »Ich möchte niemanden verdächtigen, aber …«
»Schon gut, Laura, ich werde den Fall genau beobachten. Mach dir keine Gedanken.«
In den nächsten Tagen ging alles sehr schnell. Der Politiker wurde festgenommen.
Adolfo Casillas wurde letztendlich des Mordes an seine Ehefrau angeklagt. Der Politiker blieb bis zum Beginn des Prozesses, immerhin sollte das vier Jahre dauern, auf freiem Fuß. Casillas wurde zu dreißig Jahren Haft verurteilt. Warum er bereits nach drei Jahren wieder ein freier Mann war, wurde nie bekannt.
*
Es war Juli 1985, einer der heißesten Monate des Jahres. Die Temperaturen stiegen auf unerträgliche vierzig Grad. Barcelona war völlig verwaist. Die Menschen machten Urlaub am Meer, und wer trotzdem noch in der Stadt verblieben war, suchte sich, zumindest bis in die frühen Abendstunden, einen kühlen Platz.
In diesen Tagen überschlugen sich die Ereignisse. Lauras Lebensgefährte, der Ermittler José Cardona vom Departamento I der Mordkommission, hatte gerade einen Serienmörder zur Strecke gebracht. Eine Sensation für das Land. So etwas hatte es noch nie gegeben. Zumindest konnte sich niemand an einen vergleichbaren Fall erinnern. Was selbstverständlich daran lag, dass es in der vierzigjährigen Franco-Diktatur, so etwas nicht gab und nicht geben durfte. Sicherlich hatte es auch in jener Zeit Fälle dieser Art gegeben, aber sie kamen nicht an die Öffentlichkeit.
Für die Presse, die seit einigen Jahren ihre Freiheit erlangt hatte, war das ein gefundenes Fressen. Viele Boulevardblätter, die es vorher nie gegeben hatte, waren in den letzen Jahren erschienen, ein Journalismus, den man bisher nur aus Amerika, Frankreich oder England kannte.
Lauras Lebensgefährte war über Nacht zu einer Art »Star« geworden. Fotografen und Schreiberlinge tauchten überall auf, um mit ihm Fotos oder Interviews zumachen. Es sollte eine schreckliche Zeit werden, in der auch seine Lebensgefährtin Laura nicht zur Ruhe kam. Ihr Bild war plötzlich auch überall in der Regenbogenpresse zu sehen. Sie konnte sich nirgendwo mehr sehen lassen, überall wurde sie angesprochen.
Laura und José hatten sich kurzerhand entschlossen, einige Tage aus Barcelona zu verschwinden. Die beiden verbrachten ihren Urlaub immer im Baskenland, in der Nähe von San Sebastian. Eine gute Entscheidung, wie sich herausstellen sollte. An der Biskaya war es merklich kühler und sie konnten sich für einige Tage dem Presserummel entziehen. In der Grenzstadt zu Frankreich, in Irun, hatten Laura und José viele Freunde, mit denen sie sich auch ab und zu telefonisch austauschten.
In diesen Tagen war es besonders gefährlich im Baskenland. Die Gewalt zwischen den baskischen Separatisten ETA und ihren Todfeinden, der Guardia Civil hatte wieder enorm zugenommen. Die Gefahr, zwischen die Fronten zu geraten, war riesengroß. Die Verkehrspolizei, die Guardia Civil, traute sich kaum noch, Verkehrskontrollen durchzuführen. Die Separatisten hatten bereits mehrere Polizisten bei ihrer Arbeit erschossen.
Am Abend waren die beiden mit Freunden im Parador de Hondarrabia verabredet, einem alten historischen Gebäude, das in den 1930er Jahren zu einem Hotel – Restaurant umgebaut wurde. Das kleine Örtchen Hondarrabia, direkt an der Grenze zu Frankreich gelegen, war die Hochburg der ETA. Von hier aus konnten die Separatisten ohne Probleme im benachbarten Frankreich untertauchen.
Zum Abendessen waren einige Freunde mit ihren Frauen gekommen, die ihre Freunde aus Barcelona willkommen heißen wollten.
Unter ihnen befand sich auch der Journalist Iñaki Etxebarria mit seiner Lebensgefährtin Maria. Laura und José kannten die Beiden seit einigen Jahren und hatten mit ihnen viele fröhliche Stunden verbracht. Iñaki war zugleich Kommunalpolitiker der baskischen Linkspartei Herri Batasuna und freier Journalist einer französischen Zeitschrift.
Zunächst genossen alle die baskisch–französische Küche. Immerhin waren in dieser Region die meisten Sterneköche der iberischen Halbinsel beheimatet.
Zu vorgeschrittener Stunde, der Wein zeigte bereits seine Wirkung, wurden die Diskussionen etwas lauter.
Laura hatte das Gefühl, dass Iñaki etwas loswerden wollte. Der kleine Kommunalpolitiker hatte schon zwei Mal den Versuch gemacht, das Gespräch mit der Forensikerin zu finden.
»Sag mal, Laura«, begann er, »was ist mit euren Mordfällen an den »Malas Sombras«, wie weit seid ihr?«
»Keine Ahnung, Iñaki, da musst du José fragen. Ich bin nicht der Ermittler dieser Fälle.«
Iñaki schaute nachdenklich. »Du bist doch im Thema, Laura, oder?«
Sie lächelte. »Natürlich, ich habe die Spuren beim ersten Opfer gesichert. Aber woher weißt du überhaupt von diesen Fällen?«
»Ich bin Journalist, Laura, schon vergessen?«
»Zunächst kann ich dir sagen, dass die Fälle bereits vier Jahre zurückliegen und längst zu den Akten gelegt wurden. Oder weißt du noch etwas, was wir nicht wissen?«
Iñaki schüttelte mit dem Kopf. »Wenn du glaubst, das hätte was mit der ETA zu tun gehabt, seid ihr auf dem Holzweg. Die hätten sich seinerzeit dazu bekannt. Der Typ hat ein anderes Motiv und ehrlich gesagt, es gibt noch Millionen Gründe, die alten Säcke ins Jenseits zu befördern.«
»Aber nach so vielen Jahren? Ich dachte, dass die Geschichte längst vorbei ist.«
Laura hatte keine Lust, am heutigen Abend über ihre Arbeit zu diskutieren und ließ Iñaki mit seinen Fragen allein.
Inzwischen hatten sich die Anwesenden wieder den Freuden des Lebens zugewandt, der Lieblingsbeschäftigung der Spanier – ausgiebig essen und trinken und das konnte viele Stunden dauern.
Die Basken waren ein Volk, das mit den typischen Spaniern nicht viel gemein hatte. Sie hatten ihre eigene Sprache, die niemand verstand, der nicht im Baskenland geboren war. Wenn es allerdings um die Freuden des Lebens ging, unterschieden sie sich keinesfalls von ihren spanischen Landsleuten.
Cover
Titel
José R. Brunó
Impressum
Prolog
VERMISST
UNBESTECHLICH
DAS DRITTE OPFER
DER FALL VICARIO
MORD AM EBRO
BILDUNGSREISE
GRAUSAME FUNDE
EINE REISE IN DIE VERGANGENHEIT
DER TOD EINES FREUNDES
DER TOXIKOLOGE
MORD IN GIRONA
SCHRECKEN AM MORGEN
DIE JAGD IST ERÖFFNET
ERSTE ERFOLGE
DIE ANGST DES MÖRDERS
KOMMISSAR ZUFALL
AUSZEIT
DER BRAND
VERMINDERT SCHULDFÄHIG
