Beschreibung

Wien 1365: Elyssandria kämpft gegen untote Kreaturen, die Strigoi genannt werden. Sie sind stets hungrig nach Menschenblut, praktisch unverwundbar - und sie vermehren sich rasend schnell. Der schwer zu erringende Sieg über die übermenschlichen Gegner rückt in weite Ferne, als Elyssa selbst von einer Kreatur der Finsternis mit dem schwarzen Blut der Unsterblichkeit infiziert wird. Zwar steigen ihre körperlichen Kräfte und ihre Geschicklichkeit nach der Verwandlung ins Unermessliche, aber zugleich erwacht auch eine dunkle, gierige Seite in ihr, der ihr schwacher menschlicher Geist nichts entgegenzusetzen hat. Mehr und mehr wird sie selbst zur größten Bedrohung für ihre ahnungslosen Begleiter. Kann Elyssa den Kampf gegen die Bestie in sich gewinnen? Eine blutige Tour de Force nimmt ihren Lauf. Melanie Vogltanz beginnt mit ihrer Buchreihe Schwarzes Blut eine actionreiche Serie, die Fans von Horror, Mystik und historischem Thriller gleichermaßen begeistert. Hier glitzern Vampire und Werwölfe nicht, hier geht es blutig zur Sache. Lesen Sie alle Teile der Reihe Schwarzes Blut. Alle Teile sind voneinander unabhängig lesbar: - Maleficus - Mortalitas - Munditia - Wolfswille - Wolfswut - Wolfswahn

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Melanie Vogltanz

Maleficus

Schwarzes Blut

Bibliografische Information der

Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografischeDaten sind im Internet über

http://dnb.dnb.deabrufbar.

Copyright©2014 Papierverzierer Verlag

Papierverzierer Verlag, Essen

Copyright©2014 Luzifer Verlag

Luzifer Verlag Steffen Janssen

Lektorat: Jana Oltersdorff

Herstellung, Satz, Lektorat: Papierverzierer Verlag

Gegengelesen: Luzifer Verlag

ISBN 978-3-944544-89-2

www.papierverzierer.de

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Inhaltsverzeichnis
Maleficus (Schwarzes Blut 1)
Impressum
Buch I
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Buch II
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Buch III
Kapitel 10
Melanie Vogltanz
Danksagungen

1. Buch:

Todeskampf

I.

Wien, im Jahre 1365 unseres Herrn

Der letzte Hieb ihres Gegners war ihrem Gesicht so nahe gekommen, dass sie geglaubt hatte, den Luftzug des Stahls an ihrer Wange zu spüren. Sie parierte den Schlag mit einem wuchtigen Gegenhieb, der dem anderen beinahe die Waffe aus der Hand prellte, und setzte ihm noch im selben Atemzug nach. Zischend wie eine silberne Schlange züngelte die Klinge nach der Brust des anderen. Diesem, von der unerwarteten Finte überrumpelt, gelang es gerade noch, sich mit einem hastigen Ausfallschritt in Sicherheit zu bringen.

Dabei war er gezwungen, seine Deckung aufzugeben. Sofort registrierte ihr geschultes Auge die Chance. Wie ein fleischgewordener Blitz fuhr sie vor und schlug zu. Funken sprühten, als ihr Gegner verzweifelt seine Klinge nach oben riss, doch er war zu sehr geschwächt von dem langen, erbitterten Kampf, um die Parade aufrechtzuerhalten. Mit einem schmerzerfüllten Aufschrei ließ er die Waffe fallen und sprang zurück.

Er war ihr schutzlos ausgeliefert.

Unerbittlich hob sie das Schwert und holte zum allerletzten, entscheidenden Schlag aus …

»Elyssa! Elyssa, um Gottes willen, hör auf!«

Das Entsetzen in der wohlvertrauten Stimme riss sie aus ihrem tranceartigen Zustand. Ihre fließenden Bewegungen stockten, sie strauchelte und geriet aus dem Takt. Im buchstäblich letzten Moment gelang es ihr, das Schwert herumzureißen, so dass der Hieb, der ihren Gegner glatt enthauptet hätte, seine Schulter knapp verfehlte und sich tief in den Stamm einer Esche bohrte.

Elyssa ließ den noch immer zitternden Griff des Schwertes los. Irritiert fasste sie sich an die schweißnasse Stirn und zwang ihren nach Bewegung lechzenden Körper zu verharren.

»Elyssa, hast du den Verstand verloren? Es hätte nicht mehr viel gefehlt und du hättest mich um einen Kopf kürzer gemacht! Was um alles in der Weltsolltedas?« Das Gesicht ihres Cousins war kalkweiß. Auch er war in Schweiß gebadet und sein Atem ging stoßweise.

Es war nicht das erste Mal, dass Elyssa gemeinsam mit Philipp einige Übungen absolviert hatte, so verausgabt wie in diesem Duell hatten sie sich allerdings noch nie. Für einen Augenblick hatte sie alles um sich herum vergessen, ihr Verstand hatte sich in einen Winkel tief in ihrem Bewusstsein zurückgezogen und der reinen, ungezähmten Kraft ihres Körpers Platz gemacht. Wie ein Berserker hatte sie auf den um einen Kopf größeren Mann eingedroschen und ihn immer weiter in die Defensive gedrängt. Ohne dass Elyssa es bemerkt hatte, war aus dem Spiel bitterer Ernst geworden.

»Ver… verzeih«, stammelte sie mit einem Zögern. »Ich weiß auch nicht, was plötzlich in mich gefahren ist. Es tut mir leid.«

»Andernfalls wäre ich tief beleidigt.« Philipp zwang sich zu einem Grinsen, doch durch seine unbekümmerte Maske schimmerte noch immer ein Hauch des Schreckens. Er bückte sich nach seinem Schwert, das zwischen ihnen im hohen Gras lag. Es war keine sonderlich wertvolle Waffe: Das Leder, das den Griff zierte, war abgewetzt und farblos, die Klinge stumpf.

»Ich habe dich doch nicht verletzt?«, wollte Elyssa wissen.

»Nur meinen Stolz«, gab Philipp zurück und schlug sein Schwert mit einem resignierten Schulterzucken in den stabilen Hanfsack ein, in dem er die Waffe transportierte. »Obwohl es keine Schande ist, gegen dich zu verlieren. Du hast viel gelernt in den vergangenen Jahren, Cousine.«

»Es gehört nicht viel Können dazu, einen Kaufmann im Duell zu schlagen«, erwiderte Elyssa. »Es sei denn, bei der Waffe handelt es sich um einen Abakus.«

»Sehr witzig, Tavernenwirtin«, schnaubte Philipp und zog an ihrer speckigen Schürze, die bereits ihre Mutter getragen hatte, wenn sie tagein, tagaus in der alten Kaschemme Bier und Wein ausschenkte. »Dass die Zunft der Gastleute seit vielen Jahrhunderten begnadete Fechtkünstler hervorbringt, muss mir bisher wohl entgangen sein. Nicht zu vergessen das kriegerische Geschlecht der Frauen, das schon seit Menschengedenken uns arme, schwache Männer durch seine Unbarmherzigkeit und Stärke unterdrückt.« Feixend hob er den Saum ihres Kleides an.

Elyssa schlug seine Hand beiseite. »Lass das!«, zischte sie.

»Was meinst du?« Er behielt sein Grinsen bei.

»Das weißt du sehr gut. Du bist verheiratet, Philipp, und als verheirateter Mann solltest du mir nicht so nahe kommen. Es ist schon schlimm genug, dass wir uns heimlich hier treffen, um uns zu duellieren. Du weißt, dass sich das für eine Frau nicht ziemt.«

»Ich bin keine Frau«, protestierte Philipp.

Elyssa ignorierte den halbherzigen Versuch, die Stimmung zu retten. Als hätte es keine Unterbrechung gegeben, fuhr sie mit erhobener Stimme fort. »Wenn man dich dann auch noch hier so sieht, wie du an meinen Kleidern spielst, kommen schnell Gerüchte auf, und im Handumdrehen kennt mich ganz Wien als deine Mätresse.«

Philipp schnaubte verächtlich. Das Witzereißen war ihm offenbar vergangen. »Na und? Sollen sie doch reden! Mir ist es vollkommen gleich, was die anderen über uns denken.« Sein Tonfall wurde etwas sanfter, er strich Elyssa behutsam das ungebändigte Haar zurück. »Du bist wie eine Schwester für mich, Elyssa, und auch böse Zungen können daran nichts ändern. Was geht es uns an, wenn sich die anderen die Mäuler über uns zerreißen?«

Elyssa ergriff seine Hand und reichte sie ihm zurück wie ein abgelehntes Geschenk. Um seine Mundwinkel zuckte es verletzt, aber er versuchte sie nicht noch einmal zu berühren.

»Du sollst ja auch nicht an die anderen denken«, erwiderte sie. »Sondern an mich. Und an Theodor. Wenn ein solches Gerücht die Runde macht, wäre sein Ruf für immer zerstört.«

Theodor war Elyssas und Philipps Großvater, ein greiser, gutmütiger Mann, der die beiden unter seine schützenden Fittiche genommen hatte, als sie noch Kinder gewesen waren.

Philipp wirkte nun eindeutig verstimmt. »Mach dich nicht lächerlich. Wir kommen seit fast zehn Jahren hierher, und bislang hat nie jemand unser Tun beobachtet. Warum sollte sich das jetzt ändern?«

»Weil Dinge sich nun mal ändern«, erwiderte Elyssa, und sie konnte nicht verhindern, dass sich ein bitterer Unterton in ihre Stimme mischte. »Ebenso wie wir. Wir sind keine Kinder mehr, Philipp. Als wir jung waren, waren die geheimen Schwertkämpfe ein Jux, aber mittlerweile sind wir da rausgewachsen. Heute steht weit mehr auf dem Spiel.«

»Was soll das werden, Elyssa?« Philipps Finger tanzten um den Griff seines Schwertes. »Willst du mich wegwerfen, wie ein Spielzeug, dessen du überdrüssig geworden bist? Bin ich dir langweilig geworden? Oder zu schwach? Ich bin keine Herausforderung mehr für dich, nicht wahr?«

»Du kannst das nicht verstehen!« Gegen ihren Willen erhob sie ihre Stimme. »Du hast mit fünfzehn diese Kaufmannstochter geheiratet, nachdem du bei ihrem Vater deine Lehre abgeschlossen hast! Wenn du nach Hause kommst, dann wartet dein braves Frauchen mit Eintopf auf dich, und deine drei Kinder himmeln dich an, als wärst du Siegfried persönlich. Zu recht, schließlich kannst du ihre kleinen Bäuche füllen. Dein Leben ist einfach perfekt!«

»Das glaubst du? Du denkst, mein Leben sei perfekt?«

»Aber natürlich! Und während du dich hier mit deiner kleinen Cousine beim Schwertkampf amüsierst, riskiere ich das letzte bisschen Respekt, das man mir noch entgegenbringt. Denkst du etwa, ich tue das hier zu meinem Amüsement? Denkst du, das ist zu meinem persönlichen Vergnügen?« Sie deutete vielsagend auf das Schwert, das sie mit voller Wucht in den Baumstamm gerammt hatte. »Im Gegensatz zu dir nehme ich diese Sache ernst, andernfalls würde ich es niemals riskieren, Theodor noch mehr zu schaden. Als würde er nicht schon genug darunter leiden, dass seine Enkelin unverheiratet ist …«

Philipp hob die Hände, als wollte er einen Fausthieb abwehren. Seine Mimik war von Zornesfalten zerfurcht. »Nun mal langsam, Elyssa. Ist es meine Schuld, dass du mit zweiundzwanzig noch immer keinen Ehemann hast? Für dich war doch nie einer gut genug. Ich habe Theodor schon oft gesagt, dass man dich Sturkopf zu deinem Glück zwingen muss, aber er hat immer nur gelächelt und das Thema gewechselt.«

Elyssas Augen wurden schmal. »Dann bist du also auch der Meinung, dass ich gezähmt gehöre? Ich hätte nie gedacht, dass du die Ansicht der Nachbarschaft teilst, die mich für ein wildes Biest hält, das man in den Kerker der Ehe werfen muss …«

»Den Kerker der Ehe?«, unterbrach Philipp sie ungläubig. »Hörst du dir eigentlich selbst zu? Bei der Ehe geht es doch nicht darum, jemanden an die Kette zu legen.«

»Das kannst du leicht sagen, als Mann«, erwiderte sie bitter. »Du hast ja keine Ahnung, was es für uns bedeutet, sich einem Kerl auf Gedeih und Verderb auszuliefern. Du hast dir dein Weib ausgesucht wie eine Kuh auf dem Viehmarkt. Stämmige Hüften, von Rasse und von Wert, und daraufhin hast du zugeschlagen. Ob sie etwas für dich empfindet, kann dir eigentlich egal sein, denn sie muss sich dir unterordnen, ob sie will oder nicht.«

Philipp schnaubte verärgert und schnitt ihr mit einer ruckartigen Geste das Wort ab. »Ich muss mir das nicht länger anhören! Du bist nur verbittert und neidisch, das ist alles. Mit dir kann man nicht vernünftig diskutieren.« Er riss seinen Sack in einer schnellen Bewegung vom Boden hoch.

»Wohin gehst du?« Elyssas Stimme war hoch und schrill.

Philipp wurde nicht langsamer, als er über die Schulter zurückrief: »Fort von dir. Ich brauche mir deine Beleidigungen nicht länger anzuhören.«

»Schön. Aber wenn du jetzt gehst, brauchst du nicht mehr zurückzukommen!«, schrie sie ihm nach.

Mit heiß brodelndem Zorn im Magen und zusammengekniffenen Lippen starrte Elyssa ihrem Cousin nach, der bald zwischen den Bäumen des nahegelegenen Waldes verschwunden war. Als sie ihn nicht mehr sehen konnte, wirbelte sie mit einem Aufschrei herum und zog ihr Schwert mit einem Ruck aus dem Baumstamm. Sie ließ sich auf den von Moos bewachsenen Boden der Lichtung fallen und hieb die Spitze ihrer Klinge in die weiche Erde. Zähneknirschend vergrub sie das Gesicht zwischen den Händen.

Möglicherweise hatte Philipp recht, und sie war tatsächlich neidisch. Es fiel ihr einfach schwer, zu verstehen, wie zwei Menschen, die eine so ähnliche Ausgangssituation gehabt hatten, zwei so unterschiedliche Wege einschlagen konnten.

Elyssa und Philipp waren beide ohne Eltern aufgewachsen. Als ihre Mutter und ihr Vater der großen Pestwelle zum Opfer fielen, war Elyssa kaum drei Jahre alt gewesen. Die Erinnerung an die beiden war mittlerweile verwischt, beinahe vollständig aus ihrem Gedächtnis geschabt vom Radiermesser der Zeit. Sie wusste nicht einmal, wo man sie verscharrt hatte, denn Gräber gehörten während der großen Epidemie zum Luxus, den sich nur wohlhabende Familien hatten leisten können. Das einzige klare Bild, das aus Elyssas Unterbewusstsein aufstieg, wann immer sie versuchte, sich an ihre Eltern zu erinnern, war ein von dunkel verfärbten Pestbeulen entstelltes, androgynes Gesicht mit halb geschlossenen Lidern und schlaffem Mund, das ihr als Mädchen oft Albträume bereitet hatte. Ob dieses Bild zu ihrem Vater, ihrer Mutter oder einem Fremden gehörte, konnte sie nicht sagen.

Mehr als das war ihr von ihrer Kindheit nicht geblieben: das Gesicht des Schwarzen Todes.

Ohne zu zögern, hatte ihr Großvater Theodor Elyssa und ihren älteren Bruder Frederic bei sich aufgenommen und sie wie seine eigenen Kinder behandelt. Doch die dunkle Wolke, die ihren Schatten auf Elyssas Familie warf, hatte sich noch lange nicht verzogen.

Im Alter von sieben machte Frederic allein Besorgungen in der Innenstadt. Es war das erste Mal, dass er sich ohne Begleitung so weit von Zuhause entfernte, und es sollte das letzte sein. Auf dem Rückweg vom Marktplatz wurde er in der hereinbrechenden Abenddämmerung von einem Herumtreiber überrascht, der nach Gold lechzte. Es gab keine Augenzeugen, so behauptete man jedenfalls, aber Elyssa kannte ihren temperamentvollen Bruder und wusste, dass er sich verbissen gegen den Räuber zur Wehr setzte. Wäre es anders gewesen, wäre er möglicherweise mit der bloßen Scham davongekommen, denn viele Bürger wurden in diesen kargen Zeiten zu Verzweiflungstaten getrieben, aber nur die wenigsten waren von Grund auf verdorben. Wenn man ihnen allerdings verwehrte, was sie so dringend brauchten, wurden sie zu Bestien …

Als man Frederic fand, war sein Fleisch von neun Messerstichen zerteilt worden. Die Geldkatze hatte man ihm vom Gürtel geschnitten, seine Einkäufe lagen zertrampelt und vom Blut durchtränkt auf dem Kopfsteinpflaster. Im Gegensatz zu seinen Eltern erhielt Frederic eine schlichte christliche Beerdigung, doch das war für Elyssa kein Trost.

Auch Philipps Vergangenheit war von Schicksalsschlägen zerrüttet. Zwei Jahre nach der Ermordung Frederics wurde sein Vater, Elyssas Onkel, bei der Jagd von einem Eber angefallen und schwer verletzt. Er überlebte das Wundfieber nicht. Nach dem Tod ihres Ehemanns weigerte Philipps Mutter sich, ein weiteres Mal zu heiraten, trotz des Spotts, den das Volk einer Witwe entgegenbrachte, die keinen neuen Mann akzeptierte. Nur wenige Monate darauf wurde sie von einem Betrunkenen auf offener Straße belästigt, der lallend um ihre Aufmerksamkeit und ihre weiblichen Attribute buhlte. Als die Witwe versuchte, sich ihm zu entziehen, wurde er gewalttätig.

Niemand kam Philipps Mutter zu Hilfe. Sie wurde erst erlöst, als der Zecher sie in seiner Wut versehentlich erwürgte.

Und so wurde auch Philipp bei Theodor aufgenommen, und er lohnte dem alten Mann seine Fürsorge und Liebe, indem er jegliche Erwartungen erfüllte, die man an einen Sohn haben konnte. Im Gegensatz zu Elyssa hatte er keinerlei Schwierigkeiten, sich in die sinnlose Etikette der Gesellschaft zu fügen. Er katzbuckelte gerne vor denen, die mehr wert waren als das schmuddelige Waisenkind, und seine besonnene, respektvolle Art öffnete ihm viele Türen, die seine Abstammung verschlossen gehalten hätte. Ein alter Kaufmann, den der Herr noch mit keinem Sohn gesegnet hatte, nahm Philipp sogar in die Lehre und setzte ihn als seinen Nachfolger ein. Dies war weit mehr, als ein Kind von Philipps Stand sich erträumen konnte.

Elyssa war da ganz anders. Bereits als Mädchen zeigte sie wenig Interesse daran, eine der zahlreichen Handwerkskünste zu erlernen, die Töchter für gewöhnlich von ihren Müttern mitgegeben bekamen. Stattdessen stahl sie mit sechs einem betrunkenen Soldaten das Schwert, das er achtlos neben sich gelegt hatte, als er im Rinnstein seinen Rausch ausschlief. Während andere Mädchen sich im Haushalt und in der Kunst der Koketterie erprobten, hatte Elyssa sich dem Schwertkampf verschrieben.

Zuerst hatte sie für sich allein geübt, hatte gegen Dornenbüsche und Apfelbäume gekämpft, bis sie Philipp ihr Geheimnis anvertraute. Seit diesem Tag trainierten sie regelmäßig im Geheimen. Sie begannen beide bei null, aber gemeinsam gelang es ihnen, sich erstaunliche Fertigkeiten anzueignen.

Für Philipp waren die Duelle nie mehr als Zerstreuung gewesen, aber für Elyssa bedeuteten sie mehr. Sie vermochte nicht genau zu benennen, was es war, das sie zum Schwertkampf zog wie eine Fliege zu einem Topf mit Honig. Alles, was sie mit Sicherheit wusste, war, dass erst das vertraute Gewicht einer Waffe in ihren Händen sie zu einem vollständigen Ganzen formte. Der geschliffene Stahl verlieh ihr das Gefühl von Stärke und Kontrolle, nährte in ihr die Hoffnung, dass sie dem Schicksal nicht gänzlich auf Gedeih und Verderb ausgeliefert war.

Theodor wusste von diesen Beschäftigungen seiner Enkelin selbstverständlich nichts – wahrscheinlich hätte es ihm sonst das Herz gebrochen. Elyssa hätte den alten Mann gerne stolz gemacht, und sie tat ihr Bestes, um ihm in der Taverne, die ihre Eltern ihr hinterlassen hatten, zur Hand zu gehen. Doch sich einem der widerwärtigen, stinkenden Stelzböcke hinzugeben, die einen Großteil des männlichen Geschlechts bildeten, brachte sie schlichtweg nicht über sich.

Das konnte Philipp natürlich nicht begreifen. Für ihn war es nur selbstverständlich, immer die Erwartungen zu erfüllen, die man von außen an ihn herantrug. Elyssa dagegen war eine Kämpferin. Wenn sie eines Tages das lohnende Ufer erreichen würde, dann nicht deshalb, weil sie sich mit dem Strom hatte treiben lassen, sondern weil sie gegen die Strömung angeschwommen war.

Mit diesem Gedanken im Hinterkopf hob sie den mit frisch gewaschenen Laken gefüllten Weidenkorb, den sie als Tarnung für ihre Waffe benutzte, vom Boden auf. Mit einem letzten, nachdenklichen Blick auf die tiefe Kerbe, die sie in den Stamm der Esche geschlagen hatte, verließ sie die Lichtung und tauchte in das grün schillernde Meer ein, in das die durch die Baumkronen fallenden Sonnenstrahlen den Wald verwandelten.

Als Elyssa die Taverne betrat, wurde sie bereits von Theodor erwartet. Sein schütteres, schneeweißes Greisenhaar war unnatürlich zerzaust, was ihm die Ähnlichkeit einer übergroßen Schleiereule verlieh.

»Kind«, begann er hastig, »wo warst du nur so lange? Du wirst dringend gebraucht. Wir haben einen neuen Gast. Und das einzige Zimmer, das noch frei ist, hat gestern ein grässlicher Trunkenbold belegt. So etwas kann ich dem guten Mann nicht zumuten. Lass mich die Laken aufhängen.«

Er machte Anstalten, Elyssa den Korb abzunehmen. Rasch winkte sie ab. »Ich erledige das schon.«

Theodor lächelte. »Danke, Liebes. Du musst meine Hast entschuldigen, aber du warst heute wirklich ungewöhnlich lange fort.« Erst jetzt betrachtete er Elyssa eingehender. »Ist etwas vorgefallen?«, fragte er ehrlich besorgt. »Du wirkst so bedrückt.«

»Es ist alles in bester Ordnung«, sagte Elyssa, was selbst in ihren eigenen Ohren lächerlich klang. »Als ich am Fluss war, habe ich zufällig Philipp getroffen. Wir haben uns unterhalten, und ich muss wohl die Zeit vergessen haben.«

»Ich verstehe«, nickte Theodor. Und Elyssa zweifelte keinen Moment daran, dass er das wirklich tat.

»Wer ist denn nun der edle Gast?«, wechselte Elyssa das Thema.

»Wie kommst du darauf, dass er edel ist?«

»Weil du dir wegen eines einfachen Landstreichers nicht solche Umstände machen würdest.«

»War das so offensichtlich?«, fragte Theodor sichtlich belustigt. »Ja, du hast recht, wir haben in der Tat einen außerordentlichen Gast: einen Dominikaner auf Pilgerreise, der uns mit seiner Anwesenheit beehrt.«

»Ein Pfaffe?«, entfuhr es Elyssa.

»Nicht so laut, du lieber Himmel!«, zischte Theodor erschrocken. Seine Sorge war jedoch unbegründet. Keiner der Gäste schenkte ihnen auch nur einen flüchtigen Blick.

»Du willst doch nicht, dass dich jemand so über die Kirche sprechen hört. Gerüchte sind schnell in die Welt gesetzt, und sobald dir ein gewisser Ruf anhaftet …«

»… werde ich ihn nie wieder los – ich weiß«, unterbrach Elyssa ihn. »Ich werde mich in Zukunft besser beherrschen. Aber du weißt genau, wie ich zu solchen … Menschen stehe.«

Das merkliche Zögern in ihren Worten war Theodor nicht entgangen, doch er ersparte ihr die Peinlichkeit, ihm erklären zu müssen, wie sie diese »Menschen« eigentlich hatte bezeichnen wollen. Stattdessen seufzte er resignierend und wedelte mit der Hand in Richtung Treppe. »Gut, gut. Kümmere dich jetzt um das Zimmer. Ich stelle dich unserem Gast später vor.«Später, wenn du dir der Gefahr bewusst geworden bist, die von ihm ausgeht.

Obwohl er es nicht aussprach, konnte Elyssa es trotzdem hören. Sie schwieg, wandte sie sich ab und ging, den Korb unter dem Arm, die Treppe hinauf.

Bevor sie das Gästezimmer aufsuchte, bog sie in die Schlafkammer ab, die sie sich mit Theodor teilte. Als sie ihr Schwert aus dem Korb holen und in ihrem Versteck verwahren wollte, stellte sie verärgert fest, dass die Waffe nicht da war. Der Streit mit Philipp musste sie so aufgewühlt haben, dass sie sie wahrscheinlich auf der Lichtung liegengelassen hatte. Nicht einmal das fehlende Gewicht war ihr aufgefallen. So eine grobe Fahrlässigkeit war ihr noch nie untergekommen. Auch wenn es ihr widerstrebte, sie würde wohl oder übel bis nach Sonnenuntergang warten müssen, um die Waffe zu holen. Davor sah sie keine Möglichkeit, die Taverne unbemerkt zu verlassen.

Mit nachlässigen, zornigen Bewegungen warf sie die feuchten Laken über die Wäscheleine, die unter dem Zimmerfenster gespannt war. Dann, noch immer mit brodelnder Wut im Bauch, widmete sie sich dem Zimmer des Pfaffen – nein, desPredigers. Nicht minder energisch, als sie zuvor mit dem Schwert umgegangen war, säuberte sie den Raum, in dem, wie bereits von Theodor prophezeit, ein unappetitlicher Geruch hing, dem Elyssa auch mit Wasser und Kernseife nicht das Geringste entgegenzusetzen hatte. Ihr Ehrengast musste sich wohl oder übel an den Gestank gewöhnen, wenn er nicht unter freiem Himmel nächtigen wollte.

Obwohl sie Theodor versprochen hatte, sich von solchen Gedankengängen zu lösen, konnte sie nicht leugnen, dass ihr diese Vorstellung gefiel.

Ihre Abneigung gegen die Kirche war nicht grundlos. Elyssa hatte in ihrem Leben zu viel Leid erfahren, als dass sie noch Vertrauen in eine Gemeinschaft fassen konnte, die dem Meistbietenden Erlösung versprach und die Mittellosen in die Verdammnis wies. Wie sollte sie Männern ihr Seelenheil anvertrauen, die von goldenen Tellern aßen und sich die Bäuche vollschlugen, während ihre Schäfchen am Hungertuch nagten?

Da, ein Geräusch. Sie wandte sich um und blickte geradewegs in das Gesicht eines Mannes, der an der halb geöffneten Tür lehnte und sie eindringlich musterte. Seine Haltung war geradezu provozierend entspannt, als wäre es vollkommen natürlich, dass er dort stand und Elyssa bei der Arbeit zusah. Als er erkannte, dass sie ihn bemerkt hatte, lächelte er unverschämt.

Elyssa erwiderte seinen Blick ausdruckslos, dann wandte sie sich erneut ihrer Arbeit zu.

»Wie lange steht Ihr schon da?«

»Eine ganze Weile.« Die Stimme des anderen klang in einem wohltuenden, sonoren Bariton. Seine Worte waren von einem dezenten Akzent untermalt, den Elyssa nicht einzuordnen wusste.

»Verzeiht, dass ich mich von hinten an Euch herangeschlichen habe wie ein gemeiner Dieb. Ihr seid mir bereits unten in der Schenke aufgefallen, und ich konnte nicht anders, als Euch zu folgen.«

»Das habt Ihr ja nun getan«, sagte Elyssa kühl, während sie die Strohsäcke ausschüttelte.

Der Fremde lachte. »Ich bewundere Eure Schlagfertigkeit. Ich war schon an vielen Orten dieser Welt und bin eigentlich der Ansicht, ich hätte bereits alles gesehen, was es zu sehen gibt. Und doch, Ihr seid wahrlich anders als alle Frauen, die mir bisher begegnet sind.«

»In vielerlei Hinsicht«, bestätigte Elyssa. Warum sagte sie das? Was ging es den anderen an, wie es um ihren Ruf stand?

Der Fremde reagierte vollkommen anders, als sie erwartet hatte. Anstatt weiter nachzuhaken, sagte er lakonisch: »Ich weiß.«

»So?« Ohne es selbst zu bemerken, hatte sie in der Bewegung innegehalten. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie aufmerksam den unbekannten Besucher.

»Ich fürchte, ich muss Euch ein Geständnis machen.« Noch immer lächelte der Fremde auf diese seltsame, beunruhigende Weise. »Ich habe Euch bereits auf der Lichtung beobachtet. Und ich muss zugeben, dass ich tief beeindruckt bin.«

Nun wandte Elyssa sich doch zu ihm um. Fassungslos starrte sie ihn an und suchte nach Worten. »Ihr habt … ihr habt was?«, brachte sie mühsam hervor.

Dinge ändern sich, flüsterte die Stimme in ihrem Kopf wie ein Echo.

»Ich weiß, dass ich es nicht hätte tun sollen, aber es war ein Versehen. Die Kampfgeräusche haben mich angelockt, und als ich erst dieses außerordentlichen Schauspiels gewahr wurde, gelang es mir einfach nicht, mich wieder davon loszureißen.«

»Ihr werdet mich doch nicht verraten?«, fragte Elyssa scharf. Sollte an die Öffentlichkeit dringen, dass sie ein Schwert besaß, würde sie das sicherlich den Kopf kosten.

Der junge Mann lachte. »Aber wo denkt Ihr denn hin? Ich würde niemals etwas tun, das Euch schaden könnte. Obwohl ich zugeben muss, dass ich es bedauere, die Kunde über Euer Talent nicht verbreiten zu dürfen. Ihr seid eine wahre Künstlerin mit dem Schwert!«

Elyssas Miene verfinsterte sich. »Es ziemt sich nicht.«

»Es gibt allerlei Dinge, die sich nichtziemen«, meinte der Fremde, wobei er das Wort auf eine Weise betonte, als wäre es etwas unvorstellbar Widerwärtiges. »Schlimmere Dinge. Man tut sie trotzdem – und das nicht selten.«

»Ich bin nichtman«, widersprach Elyssa betont.

»Dafür eine wahrlich außergewöhnliche Frau.«

»Ich habe zu arbeiten.«

Der Fremde seufzte. »Ich verstehe. Verzeiht, dass ich Eure kostbare Zeit in Anspruch genommen habe.«

»Euch sei vergeben«, entgegnete Elyssa kühl und wandte sich demonstrativ ab.

Als sie sich ein weiteres Mal nach ihm umdrehte, war der Fremde verschwunden. Sie hatte nicht einmal gehört, dass er gegangen war. Doch sie war heilfroh darüber.

Nachdem Elyssa ihre Arbeit beendet hatte, ging sie in den Schankraum hinunter, um Theodor beim Versorgen der Gäste zu helfen. Lüsterne, vom vergossenen Alkohol trüb gewordene Augen klebten an ihrem Rücken und ein paar Handbreiten tiefer, als sie mit raschen Schritten den Weg zwischen Treppe und Theke zurücklegte. Dahinter fand sie Theodor, der gerade mit einem viel zu schmutzigen Lappen durch einen Becher wischte.

Als er seine Enkelin bemerkte, ließ er den Lappen augenblicklich fallen. »Da bist du ja, mein Kind! Unser Gast kann es kaum erwarten, dich kennenzulernen. Ich hatte bereits befürchtet, du würdest mich im Stich lassen.« Sein Tonfall schlug um, er senkte die Stimme zu einem verschwörerischen Flüstern. »Elyssa, du erinnerst dich an unsere Unterhaltung von vorhin?«

Elyssa seufzte. »Selbstverständlich. Ich werde ein braves Mädchen sein. Ich werde ganz still bleiben und artig nicken, wenn nach meiner Meinung gefragt wird. Wenn es angebracht ist, werde ich lächeln, ansonsten schweigen und mich damit begnügen, hübsch auszusehen.«

»Gut so«, erwiderte Theodor, doch in seiner Stimme lag keinerlei Strenge, vielmehr eine leise Belustigung.

»Wo ist denn nun der hohe Besuch?«

Der Greis bedeutete Elyssa, ihm zu folgen. Vor einem der Tische blieb er stehen und verneigte sich flüchtig vor dem Gast.

»Darf ich vorstellen: Vater Stephanus vom Orden der Dominikaner. Er hat den weiten Weg vom ungarischen Königreich hierher gemacht, um seine Weisheit mit den bescheidenen Bürgern Wiens zu teilen. Vater, dies ist meine Enkelin, von der ich Euch bereits erzählte: Elyssandria, die Perle dieser Taverne.«

»Elyssandria, so«, wiederholte der andere lächelnd. »Ein ausgesprochen schöner, wohlklingender Name.« Erst da wandte er Elyssa sein Gesicht zu.

Die sachte Neigung des Kopfes, zu der sie bereits angesetzt hatte, wurde zu einem überraschten Zusammenzucken. Fassungslos starrte sie den Dominikaner an. »Ihr … ihr seid das!«

»Ihr kennt euch bereits?«, fragte Theodor erstaunt.

Stephanus verzog die Lippen. »Wir hatten bereits das Vergnügen. Doch zu einem Austausch solcher Intimitäten wie unserer Namen ist es bedauerlicherweise noch nicht gekommen.«

Noch immer konnte Elyssa nicht den Blick von diesen dunklen, unergründlichen Augen abwenden. Sie sah sich demselben Mann gegenüber, der sie zuvor beim Herrichten des Zimmers beobachtet hatte.Dassollte also Stephanus sein, der Geistliche, den ihr Großvater angekündigt hatte? Ihr Verstand machte Elyssa ernste Probleme, da die Ankündigung nicht mit dem Menschen in Einklang zu bringen war, der ihr im Türrahmen erschienen war. Und jetzt saß er vor ihr – ein schlanker Mann von mittlerem Wuchs, dessen Körper die gezügelte Kraft eines Raubtiers ausstrahlte. Er hatte langes, dunkles Haar, das bis über die Schultern fiel und die linke Hälfte seines Gesichtes beinahe vollständig verdeckte. Sein einfacher Umhang war ebenfalls schwarz und reichte bis auf den Boden, und der einzige Schmuck, den Elyssa an ihm entdecken konnte, war ein schlichtes Holzkreuz an seiner Brust. Was sie jedoch am meisten irritierte, war sein Gesicht. Es besaß sehr feine, aristokratische Züge, und auf seinen dünnen Lippen schien stets dieses seltsame Lächeln zu liegen, das sie vom ersten Moment an verwirrt hatte. Elyssa versuchte, sein Alter zu schätzen, doch es gelang ihr nicht. Sein faltenloses Gesicht hätte einem Zwanzigjährigen gehören können, Augen und Mimik dagegen sprachen für einen weit reiferen Mann, der das Doppelte an Jahren zählen mochte.

»Elyssa, starr unseren Gast nicht so an«, mahnte Theodor.

»Ich … verzeiht. Ich war nur so …«

»Es ist gut«, meinte Stephanus. »Ich kann Euch verstehen. Aber Vorurteile, meine liebe Elyssandria, sind eine schlimme Sache.« Stephanus schenkte ihr einen sonderbaren Blick, und sie senkte den Kopf, um den Augenkontakt zu brechen, der ihr ein heftiges Unwohlsein bereitete. »Doch lassen wir diese Dinge ruhen. Ich bin äußerst erfreut, nun offiziell Eure Bekanntschaft machen zu dürfen, teure Elyssandria.«

»Elyssa«, verbesserte sie mit einem Zögern. »Bitte nennt mich Elyssa.«

»Warum einen so wunderbaren Namen kürzen?«, fragte Stephanus verwundert. »Gefällt er Euch denn nicht?«

»Doch, das tut er, aber ich …«

»Dann sehe ich keinen Anlass, ihn nicht zu benutzen.« Wieder zeigte Stephanus seine makellosen Zähne.

Elyssa sah ein, dass es keinen Sinn hatte, mit dem Dominikaner zu diskutieren. Außerdem fing sie einen warnenden Seitenblick ihres Großvaters auf, der offenbar fürchtete, Elyssa würde wegen einer solchen Banalität einen Streit vom Zaum brechen.

»Wie Ihr meint«, erwiderte sie und klang resigniert.

Theodor nahm das kurze Schweigen zwischen Elyssa und Stephanus zum Anlass, selbst das Wort zu ergreifen. »Darf ich fragen, was Euch nach Wien führt, Herr?«

»Selbstverständlich darfst du fragen.«

Der alte Schankwirt wartete höflich, doch Stephanus machte keine Anstalten, fortzufahren. Unbehaglich räusperte Theodor sich. Sein Respekt vor dem Geistlichen war zu groß, als dass er gewagt hätte, tiefer auf ihn einzudringen.

»Seid Ihr das erste Mal in unserer Stadt zu Gast, Vater? Ich bin sicher, meine Enkelin würde Euch gerne ein wenig herumführen. Wien verfügt über einige großartige kulturelle Sehenswürdigkeiten, müsst Ihr wissen.«

»Das bezweifle ich nicht«, erwiderte Stephanus. »Und nur zu gerne würde ich mir von diesem bezaubernden Wesen die Stadt zeigen lassen. Doch ich weiß nicht, ob ich die Zeit dafür entbehren kann. Obwohl man es mir nicht ansieht, bin ich ein vielbeschäftigter Mann.«

Elyssa schluckte das zweifelhafte Kompliment wie bittere Medizin.

»Gewiss, Vater«, beeilte Theodor sich zu sagen, der spüren musste, wie Elyssa sich neben ihm versteifte. »Doch die wenigen Stunden für einen kurzen Blick auf die ehrgebietenden Mauern des Stephansdoms werdet Ihr doch wohl entbehren können. Auch unsere erst kürzlich gegründete Universität ist einen Besuch wert, wenn Ihr mir die Bemerkung erlaubt.«

»Ich werde darüber nachdenken«, sagte Stephanus. »Sofern Elyssandria nichts dagegen einzuwenden hat«, fügte er hinzu.

Sie wollte etwas entgegnen, aber in Theodors Blick lag beinahe etwas Flehendes. Anstatt die schroffen Worte auszusprechen, die ihr bereits auf der Zunge gelegen hatten, atmete sie aus und setzte ein zweites Mal an. »Es wäre mir eine große Ehre, Euch durch Wien begleiten zu dürfen …Vater.«

»Damit bereitet Ihr mir wahrlich große Freude.« Er wandte sich an Theodor. »Der Aufenthalt in dieser schönen Stadt will gefeiert sein. Sei doch so nett und bring einen Krug Wein und zwei Becher.«

Theodor deutete eine Verbeugung an. »Selbstverständlich, Vater. Erwartet Ihr etwa noch jemanden?«

»Das kann man nie wissen«, erwiderte Stephanus kryptisch.

Der Wirt fragte nicht weiter nach, sondern ging, um den Wunsch des Predigers zu erfüllen.

Elyssa machte Anstalten, ihren Großvater zu begleiten, doch Stephanus bedeutete ihr mit einer Geste, zu bleiben. »Bitte leistet mir Gesellschaft. Ich möchte mich nur zu gerne über Euer … Euer außergewöhnliches Talent unterhalten.«

Wäre das nicht völlig abwegig gewesen, so hätte Elyssa gedacht, Stephanus wollte sie nicht als Schwertkämpferin, sondern als Frau sprechen. Doch das war Unsinn. Der Mann war ein Geistlicher, es war ihm gar nicht gestattet, Interesse am weiblichen Geschlecht zu zeigen. Auf der anderen Seite war Stephanus allgemein ein mehr als ungewöhnlicher Gottesmann. Und aus irgendeinem Grund hatte Elyssa das brennende Gefühl, sich vor ihm in Acht nehmen zu müssen.

»Nur zu gerne, aber ich fürchte, ich habe zu tun. Mein Großvater braucht eine helfende Hand. Gegen Abend wird es hier immer besonders voll.«

»Ich verstehe.« Stephanus wirkte weder enttäuscht noch sonderlich überrascht. »Das ist in der Tat äußerst bedauerlich. Aber ich sehe ein, dass Ihr zu arbeiten habt. Vielleicht ein anderes Mal?«

»Vielleicht«, bestätigte Elyssa und fühlte sich dabei äußerst unbehaglich.

Stephanus lehnte sich leicht vor. »Dann wünsche ich Euch noch einen angenehmen Abend, teure Elyssandria.«

Für einen Moment war sie sicher, ein verdächtiges silbernes Aufblitzen unter seinem Mantel wahrgenommen zu haben. Irritiert verharrte ihr Blick an der Stelle, doch sie konnte nichts Ungewöhnliches mehr entdecken. Was nichts an der Tatsache änderte, dass sie wusste, was sie gesehen hatte.

Na und? Dann trug Stephanus eben eine Waffe bei sich. Nur weil er ein Geistlicher war, bedeutete das noch lange nicht, dass er sich nicht ebenso verteidigen musste wie jeder andere Mann auf Reisen auch. Weshalb also beunruhigte Elyssa dieser Umstand so?

Sie blickte auf, direkt in Stephanus’ pechfarbene Raubtieraugen.

»Ich … danke«, antwortete sie mit einiger Verspätung. »Den wünsche ich Euch auch.« Dann wandte Elyssa sich ab und floh förmlich vor dem Mann, der ihr mit seinem stummen Lächeln nachblickte, das warm war und sie doch innerlich zu Eis erstarren ließ.

In der folgenden Zeit des Abends das intensive Gefühl nicht von Elyssa, das ihr vermittelte, angestarrt zu werden.

Ungeduldig harrte Elyssa in ihrer Bettstatt aus, bis sie sicher war, dass Theodor tief und fest schlief. Schließlich richtete sie sich auf ihrer Pritsche auf und schwang die Beine über den Rand. In diesem Moment ächzte Theodor im Schlaf und wälzte sich unruhig auf der harten Strohmatratze, und Elyssa erstarrte. Obwohl ihnen zahlreiche Zimmer gehörten, die sie an Reisende vermieteten, hatte ihre Familie dennoch stets nur einen einzigen Raum zum Schlafen zur Verfügung gehabt. Bis zu dem Zeitpunkt, als Philipp geheiratet hatte, hatte Elyssa sich das Bett mit ihrem Cousin teilen müssen. Daher wachte sie manchmal immer noch nachts auf und spürte die Einsamkeit wie einen schmerzhaften Stich in ihrer Brust, wenn Philipps Arme nicht um ihren Körper lagen.

Als Theodor sich kein weiteres Mal bewegte, entzündete sie ein Talglicht, kleidete sich rasch an und verließ lautlos das Zimmer. Der Gang war erfüllt vom vielstimmigen Schnarchen der Gäste, das selbst durch die verschlossenen Türen drang. Irgendwo murmelte jemand undeutlich im Schlaf. Auf leisen Sohlen schlich Elyssa den Flur entlang und huschte die Treppe hinunter, wobei sie sorgsam darauf achtete, die Stufen auszulassen, von denen sie wusste, dass sie knarrten. Im Erdgeschoss waren die Schnarchgeräusche noch lauter und durchdringender. Unbemerkt schlüpfte Elyssa durch die Tür nach draußen in die Dunkelheit.

Sie und ihr Großvater lebten nahe genug am Stadtrand, um von den üblichen Unannehmlichkeiten der Metropole verschont zu bleiben. Der verwilderte Hinterhof der Taverne grenzte direkt an ein Waldstück, das nicht mehr zu ihrem Besitz gehörte und von niemandem genutzt wurde. Die Fläche des Forstes war zu gering, als dass sie genügend Lebensraum für Wild geboten hätte, und der Ertrag, den das Holz brächte, würde man es verarbeiten, wog die Arbeit, die Bäume zu fällen und die Stämme anschließend fortzuschaffen, nicht einmal im Ansatz auf. Daher blieb diese Ansammlung von Laub- und Nadelbäumen ein unberührter Flecken Natur.

Wenn man dem Waldrand etwa eine Viertelstunde folgte, erreichte man eine Lichtung, die von einem klaren Bach gespeist wurde. Dieser schmale Flusslauf mündete bereits nach wenigen hundert Schritten in einen Teich, an dem ein geduldiger Beobachter die unterschiedlichsten Wasservögel entdecken konnte, einige so exotisch, dass Elyssa ihnen keinen Namen zuzuordnen wusste.

Dies war der Platz, an dem sie sich mit Philipp traf, um ihre geheimen Duelle auszufechten. Dort waren sie sicher vor dem Blick neugieriger Fremder. Schließlich war es nur natürlich, dass ein Wanderer den kleinen Umweg in Kauf nahm, um sich den Gewaltmarsch durch den von Wurzelgeflecht und unregelmäßigen Hügeln durchwachsenen Boden zu ersparen. Niemand wählte eine Route durch unbekanntes Gebiet, wenn er ebenso gut einem gesicherten Pfad folgen konnte.

Zumindest war Elyssa bis zum vorangegangenenTag fest davon überzeugt gewesen.

Stephanus bildete eine Ausnahme, in jeder Hinsicht. Noch nie war Elyssa einem Mann begegnet, der so grundlegendanderswar. Es war nicht bloß die Tatsache, dass er sich nicht seiner Berufung entsprechend verhielt. Es war die Art, wie er sprach, wie er sich bewegte, wie er sie ansah, mit diesem unergründlichen Lächeln, von dem Elyssa nicht zu sagen vermochte, ob es ein warmer, von Herzen kommender Ausdruck seiner brüderlichen Zuneigung war oder das listige Grinsen eines Fuchses, der sich in den Hühnerstall geschlichen hatte und sich in Vorfreude die Pfoten rieb.

Elyssa seufzte tief und legte den Kopf in den Nacken, um in den wolkenlosen Nachthimmel zu blicken, als suchte sie die Antwort auf ihre Fragen in den Gestirnen. Mittlerweile hatte sie die Lichtung erreicht. Sie ging in die Hocke und begann, mit den Händen nach dem Schwert zu tasten.

Plötzlich raschelte es im Unterholz. Zuerst nahm Elyssa an, es sei ein Tier, das, durch ihre Anwesenheit aufgescheucht, die Flucht ergriff. Bereits im nächsten Moment erkannte sie ihren Irrtum. Das Knacken der Äste wurde eindeutig von einem schweren Körper verursacht. Außerdem bewegte sich das Geräusch in ihre Richtung, statt sich von ihr zu entfernen. Etwas schlich sich an sie heran.

Sie erstarrte zu absoluter Reglosigkeit und konzentrierte sich vollkommen auf die Laute hinter sich. Ihre Muskeln spannten sich an, und instinktiv suchte ihr Blick nach einer Waffe. Mit den Augen fixierte sie einen robusten Ast, der eine halbe Armeslänge von ihr entfernt im taufeuchten Gras lag. Wenn ihr unsichtbarer Verfolger dachte, leichtes Spiel mit der jungen Frau zu haben, die sich des Nachts allein vor die Tür gewagt hatte, würde er eine böse Überraschung erleben.

Da teilte sich das Gebüsch vor ihren Augen, und eine dunkel gekleidete Gestalt trat mit gezogener Waffe hervor. Das Licht war kaum ausreichend, um das Gesicht des Mannes zu erhellen, dennoch erkannte Elyssa ihn: Stephanus.

»Was tut Ihr hier?«, fragte sie scharf. Ihre Rechte näherte sich dem Ast und schloss sich darum. »Seid Ihr mir etwa gefolgt?«

Stephanus antwortete nicht. Schweigend rückte er näher, ein schwarzer, bedrohlicher Schatten, auf dessen silbriger Klinge sich das fahle Mondlicht brach.

»Was habt Ihr vor? Keinen Schritt näher, ich warne Euch!«

Stephanus hob seine Waffe. Elyssa reagierte, ohne nachzudenken. Mit einem Satz sprang sie vor und schlug zu. In einer Bewegung, die so schnell war, dass Elyssa sie nur als verschwommenen Schemen wahrnehmen konnte, riss Stephanus den Arm hoch und blockte den Schlag, dessen Kraft hätte ausreichen müssen, ihm den Knochen zu brechen, beiläufig mit dem bloßen Arm ab. Gleichzeitig versetzte er ihr einen Stoß, so dass sie nach hinten taumelte und zu Boden fiel. Vor Überraschung, aber auch vor Schmerz schrie Elyssa auf.

Sogleich war Stephanus über ihr, und Elyssa schloss in Erwartung des tödlichen Stichs die Augen. Stahl traf auf Fleisch.

Ein schmerzerfülltes Grunzen ließ Elyssa die Augen aufschlagen. Stephanus hatte die Hand im Kragen eines Fremden vergraben, der sich ihr unbemerkt von hinten genähert haben musste. In seinem Arm klaffte ein heftig blutender Schnitt.

»Was suchst du hier?«, herrschte Stephanus ihn an. »Stellst du der Dame etwa nach, du Widerling?«

Der in Fetzen gekleidete Fremde gab ein gackerndes Lachen von sich.

»Sei froh, dass ich ein rechtschaffener Christ bin, sonst würde ich dir hier und jetzt das Fell gerben!« Stephanus versetzte dem anderen einen Stoß. »Mach, dass du verschwindest, und lass dich hier nie wieder blicken! Sollte ich deine Visage noch einmal sehen, dann Gnade dir Gott!«

Noch immer nervös kichernd, stolperte der Fremde einige Schritte rückwärts. Für die Dauer eines Herzschlages verharrte er unentschlossen, die Hand auf seinen verletzten Arm gepresst, dann fuhr er auf dem Absatz herum und hastete davon.

Seufzend wischte Stephanus seine blutbesudelte Klinge im Gras ab, schob seine Waffe zurück unter sein Gewand und drehte sich zu Elyssa herum. »Seid Ihr verletzt?«

Elyssa ignorierte seine hilfreich ausgestreckte Hand, rappelte sich aus eigener Kraft auf und schüttelte den Kopf. Es fiel ihr noch immer schwer, zu begreifen, was geschehen war.

»Wer … wer war dieser Mann?«, fragte sie.

Stephanus deutete ein Schulterzucken an. »Das weiß ich auch nicht. Er schlich schon den ganzen Abend um die Taverne herum wie ein ausgehungerter Wolf. Als ich hörte, wie jemand das Haus verließ, sah ich nach draußen und konnte beobachten, dass dieser Wicht Euch folgte. Ich hoffe, ich habe Euch keine Angst eingejagt.«

Elyssa schnaubte und rückte ihre Kleider zurück. »Angst, mir? Ganz und gar nicht. Ich bin lediglich verärgert, dass Ihr mir nachgeschlichen seid. Ich kann mich nicht erinnern, um Euren Schutz gebeten zu haben.«

»Verzeiht, dass ich Eure traute Zweisamkeit mit diesem sympathischen Gesellen gestört habe.« Stephanus hob eine Augenbraue. »Das nächste Mal werde ich mich zurückhalten.«

»Ihr tätet besser daran«, bestätigte Elyssa grimmig. Ihr Blick fiel auf einen schwachen Lichtreflex im Gras, und als sie sich danach bückte, entdeckte sie ihr Schwert, das noch immer senkrecht in der Erde stak. Mit einem Ruck zog sie es heraus und schob es unter ihren Gürtel. Beinahe augenblicklich beruhigten sich ihre flatternden Nerven.

»Wie geht es Eurem Arm?«, fragte Elyssa.

Zuerst schien Stephanus nicht zu verstehen, wovon sie sprach, dann lachte er. Anstelle einer Antwort krempelte er den Ärmel seiner Robe hoch. Darunter kam silberner, schimmernder Stahl zum Vorschein.

»Glaubt nicht, ich hätte den Schlag nicht trotzdem gespürt«, sagte Stephanus und bedachte Elyssa mit einem Blick, in dem ein sanfter Vorwurf lag. »Das gibt einen prächtigen blauen Fleck.«

»Ihr tragt eine Rüstung?«, fragte Elyssa irritiert.

»Nur einen Armschutz.«

»Warum?«

»Weil ich wahrlich keine Lust habe, all das Metall mit mir herumzuschleppen. Mit diesem Gewicht um die Hüften wäre ich schon halb tot, bevor ich meinen Gegner auch nur erreicht hätte. Ehrlich gesagt verstehe ich gar nicht, was die abendländische Kultur an diesen scheußlichen Ein-Mann-Käfigen findet.«

»Nein, das meine ich nicht. Warum trefft Ihr überhaupt solche Vorkehrungen? Ihr seid doch ein … Mann Gottes?«

»Und deshalb muss ich automatisch der Ansicht sein, dass jeder böse Mensch sich in Schwefel und Rauch auflöst, sobald ich ihn mit Weihwasser bespritze?«, fragte Stephanus sichtlich amüsiert.

»Nein, natürlich nicht, aber …«

»Aber?«

»Ich weiß nicht. Es erscheint mir einfach … nicht richtig.« Sie schüttelte den Kopf. »Ihr seid wahrlich ein seltsamer Mann.«

»Ihr schmeichelt mir.«

»Das lag nicht in meiner Absicht.«

»Ich weiß.«

Elyssa starrte den Dominikaner schweigend an. Sein Gesicht war eine undurchdringliche Maske aus Elfenbein. Sie wiederholte ihr Kopfschütteln, energischer diesmal, als wollte sie ihm eine ungestellte Frage beantworten. Sie fühlte sich schwach und hilflos, wenn sie diesem Mann gegenüberstand, spürte mit jeder Faser ihres Körpers ihre eigene Unterlegenheit.

Stephanus räusperte sich. »Wahrscheinlich sollte ich jetzt besser gehen. Lebt wohl, Elyssandria.« Er wandte sich um.

Elyssa unterdrückte einen Fluch. Ob es ihr gefiel oder nicht, dieser Mann hatte sie vor einer überaus unangenehmen Auseinandersetzung bewahrt. Es wäre nicht richtig gewesen, ihn nun einfach gehen zu lassen.

»Wartet, Stephanus.«

Er hob den Kopf und drehte sich zu ihr um.

Sie knirschte mit den Zähnen, knetete ihre Hände. »Ich … denke, ich sollte Euch danken. Danke, dass Ihr den Kerl in die Flucht geschlagen habt. Ich wollte zuvor nicht unhöflich erscheinen, es ist nur so, dass ich etwas … empfindlich auf Männer reagiere, die denken, sie müssten mich beschützen. Versteht Ihr das?«

Stephanus wirkte sichtlich überrascht. »Was ich getan habe, hatte nichts damit zu tun, dass Ihr eine Frau seid, Elyssandria. Selbst die Chancen eines ausgebildeten Soldaten stehen schlecht, wenn der Feind sich unbemerkt von hinten anschleicht.«

Sie lächelte. »Ja. Da habt Ihr recht.« Auf einen Schlag wurde ihr klar, dass sie den Dominikaner vollkommen falsch eingeschätzt hatte. Stephanus schien ein aufrechter, freundlicher Mann zu sein, der keinerlei unlautere Absichten hegte. Unvermittelt hatte Elyssa ein schlechtes Gewissen.

»Wenn Euer Angebot noch steht«, fuhr sie hastig fort, »würde ich sehr gerne einen Becher Wein mit Euch trinken.«

»Tatsächlich?«

Elyssa nickte. »Wenn Ihr also morgen eine Stunde entbehren könnt …«

»Warum bis morgen warten?«, fragte Stephanus. Er schlug seinen Mantel zurück und zeigte eine aus groben Lederflicken genähte Tasche, in der er zu suchen begann. Als seine Hand erneut zum Vorschein kam, fand sich eine sorgsam verkorkte Tonflasche darin, die Elyssa augenblicklich wiedererkannte.

»Ich habe diese Flasche bei Eurem verehrten Großvater erstanden«, erklärte er. »Wiener Wein gilt als ganz besonderer Tropfen in meiner Heimat – wie hätte ich da widerstehen können, etwas davon auf meiner Reise mitzunehmen?«

»Ihr wollt hier trinken, mitten in der Wildnis?«, fragte Elyssa zweifelnd.

»Hier wären wir vollkommen ungestört und müssten uns keine Sorgen machen, dass jemand etwas von unserem Gespräch aufschnappt. Das ist doch gewiss in Eurem Sinne, da Ihr schließlich Euren Umgang mit dem Schwert geheim halten möchtet.«

»Nun, warum eigentlich nicht? Ich verbringe ohnehin schon zu viel Zeit in dieser finsteren Spelunke.«

Sie ließ sich im taufeuchten Gras nieder, und Stephanus tat es ihr gleich.

»Ich glaube, ich muss mich bei Euch entschuldigen«, sagte sie. »Ich war nicht gerecht. Ich hatte Vorbehalte wegen Eures Standes und habe mir gar nicht die Zeit genommen, Euch näher kennenzulernen. Dabei sollte gerade ich wissen, wie das ist. Vielleicht können wir einfach vergessen, was vorgefallen ist, und von vorne beginnen?«

»Sehr gerne.« Stephanus schenkte ihr ein Lächeln, und zum ersten Mal, seit sie dem Dominikaner begegnet war, hegte sie keinen Zweifel daran, dass es aufrichtig war. Sie lächelte mit einem Zögern zurück.

Für eine Weile schwiegen sie, dann ergriff Stephanus erneut das Wort. »Ihr sagtet, es gäbe Menschen, die Euch mit Vorbehalten gegenübertreten. Wie meint Ihr das?«

Elyssa ließ sich mit ihrer Antwort Zeit. Das Misstrauen, das sie Stephanus anfangs entgegengebracht hatte, war restlos verschwunden, hatte sich praktisch von einem Moment auf den anderen in Luft aufgelöst. Trotzdem kostete es sie große Überwindung, ihm auf diese schwierige Frage eine ehrliche Antwort zu geben.

»Ihr müsst nicht darüber sprechen, wenn Ihr nicht wollt«, sagte Stephanus, als hätte er ihre Gedanken gelesen.

Es war diese Äußerung, die den Bann brach. Sie hatte das intensive Gefühl, an den Worten ersticken zu müssen, die schon so lange in ihrer Kehle würgten. Plötzlich brach alles aus Elyssa hervor, und sie sah sich förmlich überschwemmt von einer emotionalen Flutwelle, die sie tief in die unsicheren, eisigen Gewässer des Schmerzes drückte. Ohne Umschweife erzählte sie dem Fremden alles, von den bitteren Verlusten ihrer Jugend bis hin zu dem verbissenen Konflikt, den sie zurzeit mit sich selbst ausfocht. Sie verschwieg ihm nichts, kein Gefühl und keinen Gedanken, und sie spürte mit unzweifelhafter Gewissheit, dass all das bei Stephanus bestens aufgehoben war.

Der Geistliche lauschte ihren Erzählungen mit großer Konzentration. Er unterbrach sie kein einziges Mal, selbst sein Mienenspiel war eine undurchschaubare Maske, das Gesicht eines neutralen Zuhörers. Weder urteilte noch verurteilte er. Während Elyssa sprach, achtete sie auf all diese unscheinbaren Zeichen, die sie stetig antrieben weiterzusprechen, nicht aufzuhören, bis ihre Geschichte zu Ende erzählt war.

Nachdem sie geendet hatte, war sie so erschöpft, als hätte sie nicht drei Stunden gesprochen, sondern wäre in derselben Zeit unablässig in Kreisen um den Baum herumgelaufen, unter dem sie saß. Dementsprechend verwirrt waren auch ihre Gedanken. Ihr schwindelte, und ihr Mund war so staubtrocken, dass ihr das Schlucken Schwierigkeiten bereitete. Als sie sich flüchtig mit den Handflächen durch das Gesicht fuhr, spürte sie, wie ihre Wangen glühten.

»Nun?«, fragte Elyssa, nachdem Stephanus keine Anstalten machte, von sich aus das Wort zu ergreifen. »Was sagst du dazu?«

Zu spät fiel ihr auf, dass sie vom förmlichenIhrzum persönlicherenDugewechselt hatte. Es erschien Elyssa einfach nicht richtig, diesen stellungsbezogenen Abstand zwischen ihnen zu wahren, nicht in diesem Moment, in dem sich Elyssa Stephanus so nahe fühlte wie zu einem Bruder.

»Ich denke, du solltest tun, was du für richtig hältst«, antwortete Stephanus ernst.

»Wenn ich nur wüsste, was das Richtige ist«, erwiderte Elyssa.

»Eine allgemeingültig richtige Entscheidung gibt es nicht – nur Kreuzungen, die dir auf deinem Lebensweg begegnen. Es obliegt dir allein, zu wählen. Umso länger du zögerst, eine der beiden Routen zu nehmen, desto mehr Zeit wird auch deine Reise beanspruchen – und wenn du gar nicht wählst, erreichst du dein Ziel niemals.«

»Das sehe ich ein.« Sie legte den Kopf in den Nacken und starrte in den Himmel hinauf, versuchte, einen Blick hinter die aus purer Schwärze gegossene Kuppel der Nacht zu werfen, die über dem Wald thronte. Dann wandte sie sich wieder Stephanus zu, und in seinen Augen glitzerten die zahllosen Sterne der Nacht wie Abertausende Diamantensplitter. Elyssa lächelte.

»Was ist denn nun eigentlich mit dem Wein? Meine Kehle ist wie ausgedörrt.«

Stephanus reichte ihr die Flasche. Mit dem Geschick langjähriger Erfahrung als Mitbesitzerin einer Schenke entkorkte Elyssa sie mit den Zähnen, nahm einen kräftigen Schluck und reichte sie an Stephanus weiter. »Auf die Kreuzung.«

Stephanus lachte und prostete ihr zu. »Auf die Kreuzung.«

Die Berührung warmer, kitzelnder Sonnenstrahlen in ihrem Gesicht weckte sie. Noch benommen vom Schlaf – und wohl auch vom bittersüßen Wein, dem sie am Tag zuvor im Übermaß zugesprochen hatte – blinzelte sie ins Tageslicht. Der Morgentau, der sich in den saftigen grünen Halmen gefangen hatte, erweckte den Eindruck, als würde die Lichtung in allen Farben des Regenbogens erstrahlen.

Es war zu schön, um wahr zu sein.

Elyssa runzelte die Stirn und versuchte zu durchschauen, was an diesem idyllischen Bild falsch war. Doch die trägen, treibenden Gedanken weigerten sich, in geregelten Bahnen zu fließen. Ungelenk wälzte sie sich auf den Rücken und stemmte sich in eine halb sitzende Position hoch. In ihrem Kopf drehte sich alles, und auf ihrer Zunge lag ein fauliger Geschmack. Eine quälende Übelkeit drängte ihre Kehle empor und wollte an die Oberfläche brechen.

Bei Gott, wie viel hatte sie getrunken?

Sie erinnerte sich nicht mehr daran, so wie sie sich an vieles nicht mehr erinnern konnte, das geschehen war, nachdem sie diese verteufelte Flasche geöffnet hatte. Wahrscheinlich hatten sie über Elyssas Probleme gesprochen, die sie dann schließlich, als sie ihnen mit Worten nicht hatte beikommen können, im Alkohol ertränkt hatte. Irgendwann musste sie eingeschlafen sein.

Mit einer Hand fuhr Elyssa sich durch das Gesicht. Sie hatte erwartet, dass das Erwachen einfacher werden würde, wenn sie abwartete, doch das genaue Gegenteil war der Fall. Anstatt klarer zu werden, spürte Elyssa, wie sie erneut in einen dösigen Halbschlaf zu versinken drohte.

Mit einem Ruck richtete sie sich ganz auf. Und sofort wurde ihr schwindlig. Sie ließ den Blick über die Lichtung schweifen und bemerkte, dass Stephanus fehlte.

Natürlich fehlte er. Wo hätte er denn sein sollen? Erwartete sie etwa allen Ernstes, er hätte aus reiner Höflichkeit die Nacht hier draußen ausgeharrt, in der feuchten, beißenden Kälte des Waldes, und das neben einer besoffenen Schankmagd, die ihm um ein Haar den Arm gebrochen hätte, weil er den Fehler begangen hatte, sich um sie zu sorgen? Wahrscheinlich war Stephanus gegangen, als Elyssa eingeschlafen war und sich partout nicht hatte wecken lassen.

Aus trüben Augen starrte sie durch das verwaschene Wolkengeflecht, das sich über den Horizont spannte.

Elyssa stutzte. Etwas an ihren Gedanken stimmte nicht.Wolkengeflecht?Nein. Der Himmel war wolkenlos, dessen war sie sich sicher. Und doch, etwas verdunkelte ihn und nahm ihm seinen Glanz, etwas Düsteres, Bedrohliches …

Dann wusste sie, was es war, und die Müdigkeit fiel von ihr ab, als wäre sie nichts weiter gewesen als ein Bleigewicht, das man an ihre Glieder gebunden hatte und dessen Schnur nun gekappt war.

Rauch. Der ganze Himmel war voll davon, und da sie ihn erkannt hatte, konnte sie ihn auch deutlich riechen, den schweren, beißenden Geruch von Qualm.

Es brannte. Es brannte lichterloh. Wie hypnotisiert folgte ihr Blick der Quelle des Rauches, die östlich der Taverne lag. In diesem Teil Wiens gab es nur wenige bewohnte Häuser. Auf einen Schlag war sie vollkommen nüchtern.

»Philipp«, hauchte sie.

Es gab keine logische Erklärung für die absolute Sicherheit, mit der sie spürte, dass ihr Cousin in Gefahr war. Wie damals, als ihr Bruder nicht von seinen Besorgungen zurückgekehrt war, überfiel sie die grimmige Gewissheit eines geschehenen Unglücks wie ein hinterhältiges Tier.

Elyssa zögerte nicht länger. Ohne nachzudenken, wählte sie den direkten Weg, quer durch den Wald, ignorierte Gestrüpp und Wurzeln, die sie zu Fall zu bringen drohten.

Sie würde zu spät kommen. Wie die Male zuvor. Ihre Eltern. Frederic. Sie hatte sie nicht retten können. Sie würde auch Philipp nicht retten können. Sie war vollkommen machtlos gegen das Schicksal, wenn es erst zu einem Hieb gegen sie ausgeholt hatte.

Die Luft wurde zunehmend dicker, und der Rauch, der sich siedend heiß auf Elyssas Lungen legte, nahm überhand. Und dann war sie da – so plötzlich, dass sie mitten im Schritt erstarrte.

Wie oft war Elyssa bereits an diesem Ort gewesen, hatte Philipp und seine Familie besucht, um an ihrem perfekten Glück teilzuhaben? Wie oft hatte sie hier gestanden, genau an dieser Stelle, kurz bevor Philipp ihr entgegen gekommen war und sie herzlich in die Arme geschlossen hatte? All diese unzähligen Besuche schmolzen zusammen, reduzierten sich auf diesen einen, endlosen Augenblick.

Philipps Haus war nicht wiederzuerkennen. Vor ihr lag eine ausgebrannte Ruine, nicht mehr als ein qualmender Trümmerhaufen. Weiterhin hing der Geruch nach verbrannten organischen Stoffen in der Luft, vermischt mit jenen lebensgefährlichen Gasen, die der Brand ausgeatmet hatte. Das Feuer hatte sich mittlerweile selbst verzehrt, doch nicht ohne alles mit sich in den Tod zu reißen, was in Reichweite seiner gierigen Klauen geraten war. Das Obergeschoss des Hauses hatten die Flammen vollkommen verschlungen und wenig mehr zurückgelassen als Asche, die der Wind in alle Himmelsrichtungen davontrug. Vom Fundament standen nur noch geschwärzte Trümmer, die wie die verwesten Knochen eines Drachens in den grauen Himmel ragten. Von Philipp und seiner Familie war keine Spur zu entdecken.

Wie durch ein Wunder hatte das Feuer nicht auf die umliegenden Häuser übergegriffen – als hätte eine flammende Hand gezielt nach diesem einen Gebäude geschlagen, um alles darin zu vernichten.

Nur am Rande ihres Bewusstseins bemerkte Elyssa die vereinzelten Nachbarn, die die Katastrophe aus sicherer Entfernung beobachteten. Nicht einem von ihnen schien der Gedanke zu kommen, seine Hilfe anzubieten oder wenigstens nach der Stadtwache zu schicken. Elyssa war nicht einmal wütend deswegen – ihre Gedanken kreisten um wichtigere Dinge.

Mit bewusster Anstrengung zwang sie sich, die unsichtbare Grenze zu überwinden, die die umstehenden Menschen zurückzuhalten schien. Wenn noch irgendjemand am Leben war, dann würde sie ihn finden. Ohne auf die giftigen Dämpfe zu achten, die das Grundstück in einen dichten Nebel hüllten, durchstreifte sie das Gelände auf der Suche nach einem Lebenszeichen ihres Cousins oder seiner Familie. Sie rief ihre Namen, die der Kinder, den seiner Mutter und immer wieder den Philipps, stolperte über niedergebrannte Mauerreste und kämpfte sich hustend durch den Trümmerwald, der ihr Sicht und Weg versperrte.

Philipp durfte nicht tot sein. Wenn er tot war, dann wäre ihr letzter Wortwechsel ein heftiger, dummer Streit gewesen, und diese Schuld wollte Elyssa nicht mit sich herumtragen.

Da bemerkte sie etwas inmitten dieser öden, trostlosen Landschaft, das ihre Aufmerksamkeit erregte, ein heller Fleck in einer Welt aus Schwarz-Grau und Grau-Schwarz, der beinahe in den an die Eintönigkeit gewöhnten Augen brannte. Deutlich zeichneten sich die Umrisse eines menschlichen Körpers unter den Trümmern ab. Elyssa zögerte keine Sekunde länger, Hals über Kopf stürzte sie darauf zu.

Wenige Schritte später erstarrte sie, und eine harte, eisige Hand schien ihr die Kehle zuzupressen. Ohne Zweifel handelte es sich bei dem Mann, der dort reglos zwischen den verkohlten Mauerresten lag, um ihren Cousin, doch der eiskalte Atem des Todes hatte seine Züge grässlich verzerrt und aus seinem vertrauten Antlitz etwas Obszönes gemacht. Seine Haut war von unzähligen Brandwunden übersät, an mehreren Stellen war das blanke, nässende Fleisch zu sehen. Doch so schwer diese Verletzungen auch sein mochten, getötet hatte ihn etwas gänzlich anderes.

Knapp unterhalb seines Herzens klaffte eine tiefe Wunde. Einen halben Zoll von seiner rechten Hand entfernt lag sein Schwert – die Klinge blank, nur der Griff mit halb geronnenem Blut befleckt. Offenbar hatte er gegen seinen Angreifer keine Chance gehabt.

Elyssa seufzte schwer und ließ sich neben Philipp in die noch heiße Asche sinken. Behutsam fuhr sie über das besudelte Leder des Hefts, und als sie die Hand zurückzog, schimmerten ihre Finger in feuchtem Rot. Wenn sie nur ein paar Minuten früher gekommen wäre …

»Es tut mir ja so leid«, wisperte sie. »So unendlich leid.«

Im gleichen Moment schlug der Totgeglaubte die Augen auf und starrte Elyssa mit trübem, wirrem Blick an. Elyssa erschrak bis ins Mark.

»Philipp«, flüsterte sie und beugte sich tiefer zu ihrem Cousin herab.

Der Blick des Mannes wanderte haltlos durch die Unendlichkeit, suchte nach einem Punkt, an dem er festhalten konnte, um nicht in die verzehrende Schwärze des Todes abzugleiten.

»El…El… El… …ys… …ssa?« Der Klang ihres Namens erschreckte sie. Das raue, tonlose Krächzen hatte kaum noch Ähnlichkeit mit einer menschlichen Stimme.

»Elyssa? Elyssa?« Seine glasigen Augen tasteten nach ihrem Gesicht und fanden es. Dann sagte er zum vierten Mal, in einem Ton, der erleichtert klang: »Elyssa.«

»Sprich nicht«, sagte sie mit belegter Stimme. »Du musst deine Kräfte schonen.«

Ein verunglücktes Lächeln zerschnitt Philipps zerstörtes Gesicht. »Unsinn. Ich sterbe sowieso.«

»Du stirbst nicht«, log Elyssa. »Solange ich da bin, stirbst du nicht. Das erlaube ich dir nicht.«

Sie tastete nach Philipps Hand und packte zu, als wäre sie in der Lage, ihren Cousin auf diese Weise im Diesseits festzuhalten. Seine Haut fühlte sich rau und heiß an, wie Pergament, das zu lange in der Sonne gelegen hatte. Hätte sie eines der Trümmerteile angefasst, hätte sie kaum einen Unterschied ausmachen können.

»Philipp, was ich gestern über dich und deine Frau gesagt habe …«

Mit den Augen deutete Philipp ein Kopfschütteln an. »Schweig. Für so etwas ist jetzt keine Zeit. Du kannst hier nicht bleiben.«

»Warum?«, fragte Elyssa. »Philipp, was ist hier passiert?«

Über sein Antlitz huschte ein Schatten. Sein Blick glitt von ihrem Gesicht ab, verlor sich in einem Bild, das Elyssa verborgen blieb. »Ich konnte nichts tun. Sie waren plötzlich da. So viele. Viel zu viele. Sie haben …« Er atmete scharf ein und schloss die Augen. Seine Brust hob und senkte sich in hektischen, schweren Stößen. »Sie haben sie getötet. Juliane, die Kinder … Alle … Ich habe versucht, sie aufzuhalten, aber ich war zu schwach.«

»Wer?«, fragte Elyssa eindringlich. »Von wem sprichst du?«

»Ich … weiß nicht«, antwortete Philipp mühsam. Es schien ihm immer schwerer zu fallen, klare, verständliche Worte zu formulieren. »Kenne sie nicht. Was sie wollten … weiß nicht … Haben Feuer gelegt … getötet … alle getötet …«

Plötzlich ging ein Ruck durch Philipps Körper, und er umklammerte Elyssas Arm mit einer Kraft, als ob er ihn brechen wollte. Sein heißer, übelriechender Atem schlug ihr ins Gesicht und unvermittelt hielt sie die Luft an.

»Elyssa«, keuchte Philipp, »du musst sofort zurück zur Taverne! Diese Kerle … Ich habe gehört, wie sie darüber sprachen. Sie wollen dort einfallen. Ich weiß nicht, wer sie waren oder was sie wollten, ich weiß nur, dass sie noch weiter morden werden. Wenn du dich beeilst, erreichst du Theodor, bevor sie es tun. Du musst ihn warnen, beim Allmächtigen!««

»Ich kann dich doch nicht einfach hier zurücklassen!«, protestierte sie.

»Du musst«, sagte er. »Bevor es zu spät ist.«

Philipp hatte recht, ihr blieb keine andere Wahl. Sie musste retten, was noch zu retten war – und Philipp, das wusste sie nur zu gut, war bereits verloren.

»Leb wohl«, hauchte sie, als sie aufstand und sich abwandte.

Anders als Lots Frau in der Heiligen Schrift blickte sie nicht zurück auf die Verwüstung, die sie hinter sich zurückließ.

Als sie die Tür zum Schankraum aufstieß, war sie in Schweiß gebadet. Theodor, der bereits auf sie gewartet haben musste, kam hinter dem Tresen vor. Mit welchen Worten er sie auch immer hatte empfangen wollen, sie blieben ihm unvermittelt im Halse stecken.

»Guter Gott, was ist denn mit dir passiert?«, brach es aus ihm hervor.

Hastig sah sie sich um und stellte erleichtert fest, dass sie rechtzeitig gekommen war – zum ersten Mal in ihrem Leben.

Einige der Gäste wandten den Kopf und starrten Elyssa an. Sie gewahrte Gesichter, in denen deutlich der Unmut über diese Störung geschrieben stand, doch in manchen Zügen las sie überdeutlich Beunruhigung, ja, sogar so etwas wie Furcht. Ein paar wenige erhoben sich zögernd von ihren Tischen, um die Taverne zu verlassen oder das Gespräch besser mitverfolgen zu können.

Mit raschen Schritten kam Theodor herbeigeeilt und legte Elyssa beruhigend die Hände auf die Schultern. »Kind, wie siehst du denn aus? Mein Gott, du zitterst ja! Ist das Blut an deinem Arm? Bist du verletzt? Nun setz dich doch erst einmal! Ich hole dir etwas zu trinken.«

»Dafür ist keine Zeit«, fuhr Elyssa dazwischen, und sie war beinahe selbst überrascht, wie sicher und fest ihre Stimme klang. Noch mehr erstaunten sie ihre folgenden Worte. »Philipp ist tot.«

Theodors Miene gefror, und die dürren Greisenhände auf ihren Schultern verkrampften sich so fest, dass es schmerzte. Für die Dauer eines Herzschlages stand er einfach nur da und starrte Elyssa an. »Wie … wie bitte?«, brachte er mühsam hervor.

Elyssa schüttelte den Kopf. »Ich erkläre dir alles später. Die Zeit drängt. Sie werden bald hier sein.«

»Sie?«, wiederholte Theodor hilflos. »Wer sindsie?«

In diesem Moment flog die Tür auf, und ein gutes Dutzend bewaffneter Männer stürmte den Schankraum. Elyssa hatte bereits mit ihrem Eindringen gerechnet, und so zog sie ihre Waffe und wollte sich der Meute entgegenstellen. Da packte Theodor ihr Handgelenk. Sein Gesichtsausdruck war flehend, sein Griff so fest, dass sie Gewalt hätte anwenden müssen, um ihn zu lösen. Elyssa blieb nichts anderes übrig, als hilflos zuzusehen, wie die Kerle sich in dem Raum ausbreiteten, Tische umstießen und Gäste mit ihren Waffen bedrohten.

Die Eindringlinge waren alle in dieselben, eintönig braunen Beinkleider und einheitlich weißen Hemden gehüllt, und an ihren Waffengurten erspähte Elyssa mindestens ein Schwert von durchschnittlicher Länge sowie zwei oder drei kürzere Dolche. Auch die eine oder andere Armbrust konnte Elyssa ausmachen.