Mami Jubiläum 5 – Familienroman - Patricia Vandenberg - E-Book

Mami Jubiläum 5 – Familienroman E-Book

Patricia Vandenberg

0,0

Beschreibung

Die Familie ist ein Hort der Liebe, Geborgenheit und Zärtlichkeit. Wir alle sehnen uns nach diesem Flucht- und Orientierungspunkt, der unsere persönliche Welt zusammenhält und schön macht. Die Familie gibt Freude, die richtige Schulter zum Anlehnen und Ausweinen, und sie gibt dem Leben seinen Sinn. Das wichtigste Bindeglied der Familie ist Mami. Sie sorgt für das Glück in einer heilen, intakten, liebevollen Familie. In diesen herzenswarmen Romanen wird davon mit meisterhafter Einfühlung erzählt. Die Romanreihe Mami Jubiläum setzt einen unerschütterlichen Wert der Liebe, begeistert die Menschen und lässt sie in unruhigen Zeiten Mut und Hoffnung schöpfen. Kinderglück und Elternfreuden sind durch nichts auf der Welt zu ersetzen. Genau davon kündet Mami Jubiläum. Es war ein herrlicher Sommertag. Von einem wolkenlosen tiefblauen Himmel schien die Sonne und spiegelte sich im Sternsee. Ein kleiner blonder Junge saß am Ufer und warf platte Steine so flach über die Oberfläche des Sees, dass sie fröhlich dahinschlupften. Neben ihm lagen sorgfältig zusammengefaltet eine verwaschene Bluejeans und ein blaues Hemd. Er war nur mit einer blau gestreiften Badehose bekleidet. Plötzlich war er nicht mehr allein. Mit tollkühnen Sprüngen nahte ein wunderschöner Collie, der sich neben ihn setzte und ihn beschnupperte. "Du bist aber ein schöner Hund", sagte der Junge. "Bist du auch ausgebüxt?" "Jonny", tönte da eine Stimme an sein Ohr. "Jonny, wo steckst du denn?" Und da tauchte auch schon ein kleines Mädchen auf. Es trug aufgekrempelte Blue Jeans, genauso wie Alexander sie zu tragen pflegte, und dazu einen ärmellosen weißen Pulli. Aber man sah genau, dass es ein Mädchen war. Alexander stellte das sofort fest. So niedlich konnte nur ein Mädchen sein! Sie stemmte die Arme in die Hüften. "Na, du bist mir einer"

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 133

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS



Mami Jubiläum – 5 –

Der kleine Lebensretter

Alle sind stolz auf seinen Mut

Patricia Vandenberg

Es war ein herrlicher Sommertag. Von einem wolkenlosen tiefblauen Himmel schien die Sonne und spiegelte sich im Sternsee. Ein kleiner blonder Junge saß am Ufer und warf platte Steine so flach über die Oberfläche des Sees, dass sie fröhlich dahinschlupften.

Neben ihm lagen sorgfältig zusammengefaltet eine verwaschene Bluejeans und ein blaues Hemd. Er war nur mit einer blau gestreiften Badehose bekleidet.

Plötzlich war er nicht mehr allein. Mit tollkühnen Sprüngen nahte ein wunderschöner Collie, der sich neben ihn setzte und ihn beschnupperte.

»Du bist aber ein schöner Hund«, sagte der Junge. »Bist du auch ausgebüxt?«

»Jonny«, tönte da eine Stimme an sein Ohr. »Jonny, wo steckst du denn?«

Und da tauchte auch schon ein kleines Mädchen auf. Es trug aufgekrempelte Blue Jeans, genauso wie Alexander sie zu tragen pflegte, und dazu einen ärmellosen weißen Pulli. Aber man sah genau, dass es ein Mädchen war. Alexander stellte das sofort fest. So niedlich konnte nur ein Mädchen sein!

Sie stemmte die Arme in die Hüften. »Na, du bist mir einer«, sagte sie, »darfst doch nicht einfach weglaufen!«

Jonny erhob sich und kroch auf dem Bauch zu ihr hin. Schwanzwedelnd blickte er zu ihr auf.

»Er folgt«, sagte Alexander.

Das Mädchen sah ihn forschend an. »Ich bin Bambi, und wie heißt du?«, fragte sie.

»Alexander«, erwiderte er.

»Ich kenne dich noch gar nicht«, sagte Bambi. »Du wohnst doch nicht in Erlenried?«

»Nein, weiter weg.« Er schien nicht geneigt, von sich aus Auskünfte zugeben.

Wenn Bambi Auerbach ein fremdes Kind kennen lernte, wollte sie aber auch mehr erfahren. Sie hockte sich neben ihn.

»Du gehst doch sicher schon zur Schule«, mutmaßte sie.

»Ja.«

»Aber ich habe dich noch nicht in der Schule gesehen.«

»Es lohnt sich nicht mehr vor den Ferien«, erwiderte Alexander.

»Wie heißt du noch?«, fragte Bambi interessiert.

»Warum willst du denn das wissen?«

»Nur so«, erwiderte sie bestürzt, weil er es so abweisend sagte.

»Das geht dich gar nichts an«, erklärte Alexander. Dann stürzte er sich mit einem Hechtsprung ins Wasser und tauchte unter.

Bambi war doppelt erschrocken. Einmal, weil er sie so abgefertigt hatte, zum andern, weil er nicht so schnell wieder auftauchte.

Aber das letztere brauchte sie nicht zu erschrecken. Er bewies ihr, dass er schwimmen konnte wie ein Fisch. Weit entfernt vom Ufer tauchte sein Kopf wieder auf. Voller Bewunderung sah es Bambi, aber diese Bewunderung wollte sie ihm nicht zeigen, da er so aggressiv gewesen war.

»Komm, wir gehen wieder, Jonny«, sagte sie zu ihrem Hund. »Der will nichts von uns wissen.«

*

Eine halbe Stunde später machte sich Alexander auf den Heimweg. Er hatte ein schönes Stück zu laufen, um das alte Bauernhaus zu erreichen, das nahe bei Erlenbruch lag und weit entfernt von Erlenried. Alexander rannte erst ein ganzes Stück am See entlang. Dort begegnete er keinem Menschen. Aber als er an dem Park, der die Sternseeklinik umgab, vorbeilief, kam ihm ein Auto entgegen.

Er schaute nicht auf. Er lief mit gesenktem Kopf weiter, sehr schnell und ohne auch nur eine Sekunde Luft zu schöpfen.

»Das ist der Junge, den ich vorhin getroffen habe, Mami«, sagte Bambi zu ihrer Mutter. »Er kann ebenso gut laufen wie schwimmen. Kennst du ihn?«

»Nein«, erwiderte Inge Auerbach.

»Er ist menschenscheu«, sagte Bambi.

»Man braucht nicht gleich menschenscheu zu sein, wenn man nicht hinreichend Auskunft über sich gibt«, meinte Inge Auerbach nachsichtig.

»Er kann tauchen, so was habe ich noch nicht gesehen. Ohne Brille, ohne alles, Mami. Und wie er rennen kann. Hast du das gesehen?«

*

Alexander rannte jetzt allerdings nur so, weil er ein schlechtes Gewissen hatte. Und das war begründet, denn auf halbem Weg kam ihm ein hochgewachsener Mann entgegen, der auch schnell lief, dessen Gesicht aber dennoch bleich war.

»Bist du von allen guten Geistern verlassen, Junge, dass du einfach wegläufst?«, sagte er atemlos. »Weißt du überhaupt, wie lange du schon weg bist?«

»Nein, Papi«, erwiderte Alexander kleinlaut. »Entschuldige, es war so schön am See. Da drunten ist es noch viel schöner. Bitte, sei nicht böse.«

Der Mann legte seinen Arm um die Schultern des Jungen. »Ich bin ja froh, dass ich dich gesund wiederhabe«, sagte er leise. »Bitte, vergiss nicht, dass du alles bist, was ich habe, Alexander.«

»Es tut mir leid, Papi«, sagte der Junge stockend. »Ich will dir doch keinen Kummer machen. Aber warum schaust du dir nicht auch mal die Gegend an? Da gibt es auch eine Burg, und überhaupt ist es wunderschön an dem See. Du brauchst doch nicht immer nur hinter deinen Büchern zu hocken.«

Christoph Lorenzen fühlte Gewissensbisse. Es wurde ihm bewusst, dass er seinen Sohn nicht ebenfalls von der Außenwelt abschließen konnte. Es war zu verstehen, dass der Junge etwas sehen wollte. Schließlich musste Alexander nach den Sommerferien die Schule besuchen.

Sie gingen nebeneinander und nun langsam. Fest umschlossen die sehnigen Finger des Mannes die kleine Hand des Jungen.

»Hast du denn gar keinen Hunger?«, fragte er.

»Doch, Daddy. Entschuldige, das soll ich ja nicht mehr sagen«, flüsterte Alexander. »Ich bin es nur so gewohnt.«

»Dann sag es nur«, murmelte Christoph Lorenzen.

Sie hatten das alte Bauernhaus erreicht. Es stand verwittert in einem verwilderten Garten. Aber drinnen war es schon recht gemütlich.

Hungrig stürzte sich Alexander über Rührei und Bratkartoffeln her, die sein Vater zubereitet hatte. Das gab es mehrmals in der Woche, aber dem Jungen war das egal. Er war nicht verwöhnt. Ihm schmeckte alles, was sein Daddy zubereitete, wenn es auch nicht sehr abwechslungsreich war.

»Ich habe heute ein Mädchen getroffen am See«, erzählte er. »Sie hat einen schönen Hund. Sie wollte wissen, ob wir in Erlenried wohnen, aber ich habe ihr nichts erzählt. Sie heißt Bambi. Vielleicht treffe ich sie in der Schule wieder.«

»War sie nett zu dir?«, fragte Christoph Lorenzen.

Alexander nickte. »Sie war nett, aber ich war nicht nett, Daddy.«

»Warum nicht?«

»Du willst doch nicht, dass ich mit den Leuten rede«, sagte Alexander.

»So meine ich das nicht, mein Junge. Ich möchte nur nicht, dass du von früher erzählst.«

»Das mag ich gar nicht«, sagte Alexander. »Das wollen wir doch vergessen, nicht wahr, Daddy?«

»Ja, das wollen wir vergessen«, sagte Christoph Lorenzen leise.

*

Das Frühstück wurde jeden Morgen von Alexander zubereitet. Obgleich er erst sieben Jahre alt war, hatte er seine Pflichten in dem Zweimännerhaushalt. Nach einer Hilfe hatte sich sein Vater gar nicht erst umgesehen. Er wollte keinen fremden Menschen um sich haben. Auch für ihn war es eine gewaltige Umstellung gewesen, relativ primitiv zu leben, aber er hatte sich gut zurechtgefunden. Alexander fand dieses Leben im Großen und Ganzen auch prima. Er hing mit großer Liebe an seinem Daddy, nur hätte er es gern gesehen, wenn der etwas fröhlicher gewesen wäre.

Alexander war auch am nächsten Morgen wieder als erster munter. Er erwachte immer vom Gezwitscher der Vögel, dem er gern lauschte. Er hätte zu gern gewusst, was sie sich zu erzählen hatten. Er verschränkte die Arme unter dem Kopf und träumte vor sich hin. Ihm gefiel es hier viel besser als in der Stadt.

Alexander ging in die Küche und setzte Kaffeewasser auf die Kochplatte. Dann nahm er die Milchkanne und machte sich auf den Weg zum nächsten Bauern. Genau eine Viertelstunde durfte er für den Hin- und Rückweg benötigen. So lange nämlich brauchte das Kaffeewasser bis zum Kochen.

Auf dem Hinweg lief er schnell, nie länger als zwei, höchstens drei Minuten, für den Rückweg konnte er sich dann mehr Zeit lassen, damit er keine Milch verschüttete. Der Bauer Hieslinger war der einzige Nachbar, zu dem sein Daddy Kontakt hergestellt hatte. Er redete genauso wenig wie er. Bei ihm kauften sie auch Eier, Butter und Schinken.

»Guten Morgen, Burschl«, begrüßte ihn der Hieslinger. Alexander hatte diese Anrede zuerst ulkig gefunden, jetzt hatte er sich bereits daran gewöhnt.

Er bekam die Milchkanne vollgefüllt, und währenddessen blickte er zu dem Haus, das schräg gegenüberstand. Das gefiel ihm besonders gut. Es war hellgelb getüncht und von Rosen umrankt. Heute stand ein Auto davor.

»Wohnt da jetzt jemand, Hieslinger?«, fragte Alexander.

Der Bauer nickte. »Stadtleut’!«, erwiderte er brummig. »Haben’s über den Sommer gemietet.«

»Es ist ein hübsches Haus«, sagte Alexander.

»Woll, woll«, erwiderte Hieslinger. Für ihn war das schon eine sehr lange Unterhaltung. Alexander wollte auch nichts mehr fragen. Er machte sich wieder auf den Heimweg. Aber er musste wohl heute doch länger gebraucht haben, denn schon von Weitem vernahm er das Pfeifen des Wasserkessels, und nun sputete er sich.

Sein Vater war schon dabei, den Kaffee aufzubrühen, als er in die Küche kam. Alexander wurde rot und sagte: »Tut mir leid, Daddy. Ich weiß nicht, warum ich heute länger gebraucht habe.«

»Vielleicht hat das Wasser heute schneller gekocht«, meinte Christoph. »Brauchst dir doch keine Gedanken zu machen. Iss nur tüchtig, wir fahren dann hinterher nach Hohenborn.«

Liebend gern hätte Alexander gleich erzählt, dass jetzt jemand in dem hübschen gelben Haus wohnte, aber er wollte nicht, dass sein Daddy dachte, dass ihm das so wichtig wäre. Er wartete damit, bis sie fertig waren mit dem Frühstück.

»So«, meinte Christoph nur.

»Stadtleut’ sind es, hat der Hieslinger gesagt«, erklärte Alexander. »Sie haben es den Sommer über gemietet.«

»Deswegen haben wir es ja nicht bekommen«, sagte Christoph. »Dabei wäre es dem Besitzer lieber gewesen, wenn er einen Dauermieter gefunden hätte.«

Alexander trug das Geschirr in die Küche und wusch sich die Hände. »Ich bin fertig«, sagte er.

Christoph Lorenzen besaß ein Sportcoupé, das zwar nicht gerade neuesten Datums war, aber doch recht gut aussah. Hier benutzte er es selten.

»Wir könnten doch mal auf der Seite vom See entlangfahren, durch Erlenried«, sagte Alexander nebenbei.

»Auf dem Rückweg«, erwiderte sein Vater. »Ich muss noch mal kurz zur Sternseeklinik.«

Alexander sah seinen Vater verwundert an. »Bist du krank, Daddy?«, fragte er stockend.

»Nein, ich bin nicht krank. Ich habe etwas zu erledigen.«

Solch knappe Auskünfte war Alexander gewohnt, aber es schmerzte ihn doch, dass sein Daddy ihm nie etwas sagte.

Der ließ ihn auch im Wagen warten, als sie bei der Sternseeklinik ankamen, obgleich er sich dort ziemlich lange aufhielt.

»Kennst du da jemanden?«, fragte er, als Christoph zurückkam. »Warum sagst du mir nie etwas, Daddy? Ich schwatze mit niemandem, und jetzt bin ich doch schon ein großer Junge.«

Ein Zucken lief über Christophs Gesicht. Er atmete schwer.

»Ein Freund von mir hält sich hier zu Besuch auf«, erwiderte er dann heiser. »Wir wollen uns heute Abend treffen. Wirst du mal eine Stunde allein bleiben, Alexander?«

»Kenne ich den Freund?«, fragte der Junge.

»Nein, du kennst ihn nicht. Du warst noch sehr klein, als wir uns zum letzten Mal sahen. Er lebt mit seiner Frau in Frankreich.«

»Wie heißt er denn? Vielleicht kann ich mich doch noch erinnern?«, fragte Alexander.

»Michael von Jostin«, erwiderte Christoph.

»Nein, den kenne ich nicht.« Wen kannte er eigentlich? So weit er sich erinnern konnte, war er immer nur mit seinem Daddy allein gewesen, und er hatte nur einige Geschäftsleute kennen gelernt, bei denen sie eingekauft hatten. Nie hatte jemand sie besucht, niemals waren sie bei anderen Leuten gewesen.

Sie hatten Hohenborn bald erreicht. Gemeinsam kauften sie Vorrat für mehrere Wochen ein.

Alexander war wie immer sehr geduldig, aber als er plötzlich jenes kleine Mädchen bemerkte, das er gestern am See getroffen hatte, wurde er unruhig. Er wollte seinen Daddy schon auf Bambi aufmerksam machen, aber dann unterließ er es trotzig. Der Daddy erzählte ihm nichts, warum sollte er dann immer alles erzählen?

Bambi hatte keinerlei Veranlassung, ihrer Mami etwas zu verschweigen. Sie zupfte Inge am Ärmel.

»Du, da ist Alexander mit einem Mann«, sagte sie flüsternd.

Inge Auerbach legte ein paar Konservendosen in ihren Einkaufswagen, dann sah sie doch unauffällig in die Richtung, die Bambi angedeutet hatte.

Sie sah den Jungen und dann den Mann, und an ihm blieb ihr Blick länger haften. Irgendwie kam Inge Auerbach dieses Gesicht bekannt vor. Vielleicht war es nur eine Ähnlichkeit, vielleicht hatte sie es aber auch schon irgendwo einmal gesehen. Es war jedenfalls ein Gesicht, das man nicht übersehen konnte und auch nicht so schnell wieder vergaß.

Ohne sich um seine Umgebung zu kümmern, schob Christoph den Wagen und somit auch seinen Sohn vorwärts, immer näher an Inge Auerbach und Bambi heran.

»Tag, Alexander«, sagte Bambi mit der ihr eigenen Unbefangenheit.

Er schluckte, dann sagte er auch: »Tag!«

Fast erschrocken sah Christoph Lorenzen das kleine Mädchen an, mitten hinein in strahlende dunkle Augen, die zu ihm empor lächelten.

»Guten Tag«, sagte Bambi nun auch zu ihm.

Alexanders Hände umkrampften den Griff des Wagens. Er warf seinem Vater einen schrägen Blick zu, und seine Lippen öffneten sich leicht, als Christoph Bambis Gruß erwiderte. Es erschien ihm wie ein Wunder, und nun wagte er auch, Inge Auerbach zu grüßen.

Inge fühlte sich von seinem Blick ergriffen. Ihr wurde die Kehle eng.

»Wir hätten es, Alexander«, sagte Christoph zu seinem Sohn, und dann schob er ihn mitsamt dem Wagen vor sich her.

»Wiedersehen«, rief Bambi leise hinter ihnen her. Alexander drehte sich noch einmal um. Sein Gesicht war traurig.

*

Christoph Lorenzen war überrascht, als Alexander sagte: »Ich möchte lieber gleich heimfahren, Daddy.«

»Wolltest du nicht, dass wir uns die Umgebung anschauen?«, fragte er.

»Ich möchte lieber heim.«

Christoph war betroffen von dem trotzigen Klang seiner Stimme.

»War das das Mädchen, das du gestern am See getroffen hast?«, fragte er, aber eigentlich hätte es dieser Frage nicht bedurft.

»Ja«, erwiderte Alexander lakonisch.

»Vermisst du Spielgefährten?«, fragte der Mann.

»Nein, ich möchte mit niemandem reden.« Es klang sehr entschlossen.

Christoph fühlte Gewissensbisse. Es ist meine Schuld, dachte er. Ich habe den Jungen von allen ferngehalten. Muss er denn für etwas büßen, was Helen mir angetan hat?

»Vielleicht möchtest du doch noch vor den Ferien in die Schule gehen?«, sagte er. »Es sind ja immerhin noch vier Wochen.«

Es wäre nicht nötig gewesen, Christoph hatte bereits mit der Lehrerin gesprochen. Alexander sei den Kindern hier so weit voraus in seinen Leistungen, dass er sich nur langweilen würde, hatte sie gemeint.

»Doch, ich würde gern in die Schule gehen«, sagte Alexander. »Aber in die Schule in Erlenried.«

»Der Weg ist ziemlich weit«, warf Christoph ein.

»Das macht mir nichts aus. Wenn ich ein Fahrrad hätte, wäre es gar nicht weit.«

»Dann kaufen wir dir ein Fahrrad«, sagte Christoph sofort.

Alexander vergaß all die trüben Gedanken, die ihm gerade noch durch den Kopf gegangen waren, als er in dem Geschäft, das sie dann aufsuchten, seinen geheimsten Wunsch erfüllt bekam.

Am liebsten wäre er hinter seines Vaters Wagen hinterher geradelt. Zu lernen brauchte er es gar nicht mehr.

»Oh, Daddy, vielen, vielen Dank«, sagte er. »Das ist für den Geburtstag und Weihnachten zusammen. War es auch nicht zu teuer?«

Gerührt nahm Christoph seinen Sohn in den Arm. »Warum hast du denn nicht gesagt, dass du dir ein Rad wünschst?«, fragte er.

»Weil wir doch nicht an früher denken wollen, und da hatte ich doch schon mal eins«, erwiderte Alexander.

An diesem Abend ging er ganz früh zu Bett. Er wollte nicht, dass sein Vater Rücksicht auf ihn nahm, weil er doch noch seinen Freund Michael von Jostin treffen wollte.

»Fürchtest du dich auch nicht?«, fragte Christoph, der wieder von Gewissensbissen geplagt wurde.

»Nein, ich schlafe gleich«, erwiderte Alexander. »Weiß dein Freund, dass du einen Sohn hast.«

Christoph fuhr ihm durchs Haar. »Ja, das weiß er, und ich werde ihm sagen, was für einen prächtigen Sohn ich habe.«

»Ich möchte deinen Freund gern mal kennen lernen, Daddy, wenn es dir recht ist.«

»Du wirst ihn kennen lernen, mein Junge. Wir beide sind doch auch Freunde, nicht nur Vater und Sohn!«

»Du bist mein bester Freund«, sagte Alexander. »Lachst du auch mal wieder, Daddy?«

Christophs Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Jäh wurde ihm bewusst, was dem Kind fehlte. Frohsinn! Wenn er doch nur endlich einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen könnte!

*

Christoph Lorenzen und Michael von Jostin hatten sich in Ostafrika kennen gelernt, und dass die Verbindung zwischen ihnen nicht abgerissen war, war Michaels Verdienst.

Er hatte sich als echter Freund erwiesen in einer Zeit, die unsagbar bitter für Christoph gewesen war.