Manhattan 2058 - Folge 3 - Dan Adams - E-Book
Beschreibung

Mike geht den Spuren des ermordeten Privatdetektivs nach. Währenddessen überlässt Tyra die Gangster Plata und Kizuato sich selbst, um ihre Kontaktperson in Hell's Kitchen zu erreichen. Die Zeit drängt - es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Black Guard Rynns Geheimnisse entschlüsselt. Doch Dominic Francis, Leiter des Geheimdienstes, hat noch ganz andere Probleme - und zwar mit den Ghulen ... ÜBER DIE SERIE: In einer finsteren Zukunft sucht ein Cop nach Vergeltung ... doch wer ist der wahre Feind? New York, 2058: Hochwasser, Umweltverschmutzung, Überbevölkerung und Kriminalität bedrohen die Metropole. Ein Bürgerkrieg schwelt in den Vereinigten Staaten, und die Politik ist von mächtigen Konzernen korrumpiert. Polizist Mike Quillan macht die Terrororganisation Phoenix Rising für den Tod seiner Verlobten verantwortlich. Doch dann kommt er dem Geheimdienst Black Guard in die Quere - und entdeckt eine Verschwörung, die ihm sämtliche Gewissheiten nimmt ... Action garantiert - die SF-Thriller-Serie "Manhattan 2058"! eBooks von beBEYOND - fremde Welten und fantastische Reisen.

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EPUB

Seitenzahl:140


Inhalt

Cover

Manhattan 2058 – Die Serie

Über diese Folge

Über den Autor

Titel

Impressum

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Manhattan 2058 – Die Serie

In einer finsteren Zukunft sucht ein Cop nach Vergeltung … doch wer ist der wahre Feind?

New York, 2058: Hochwasser, Umweltverschmutzung, Überbevölkerung und Kriminalität bedrohen die Metropole. Ein Bürgerkrieg schwelt in den Vereinigten Staaten, und die Politik ist von mächtigen Konzernen korrumpiert.

Polizist Mike Quillan macht die Terrororganisation Phoenix Rising für den Tod seiner Verlobten verantwortlich. Doch dann kommt er dem Geheimdienst Black Guard in die Quere – und entdeckt eine Verschwörung, die ihm sämtliche Gewissheiten nimmt …

Action garantiert – die SF-Thriller-Serie »Manhattan 2058«!

Über diese Folge

Mike geht weiter den Spuren des ermordeten Privatdetektivs nach. Währenddessen überlässt Tyra die Gangster Plata und Kizuato sich selbst, um ihre Kontaktperson in Hell’s Kitchen zu erreichen. Die Zeit drängt – es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Black Guard Rynns Geheimnisse entschlüsselt. Doch Dominic Francis, Leiter des Geheimdienstes, hat noch ganz andere Probleme – und zwar mit den Ghulen …

Über den Autor

Dan Adams ist das Pseudonym von Jürgen Bärbig, geboren 1971. Er war Stipendiat der Bastei Lübbe Academy und nahm 2014 an der einjährigen Masterclass teil. Für Bastei Lübbe schrieb er zuletzt die spannende Western-Serie »Three Oaks«. Mit dem actionreichen SF-Thriller »Manhattan 2058« entwirft er ein düsteres, packendes Szenario der nahen Zukunft.

Folge 3DIE VERGESSENEN

beBEYOND

Originalausgabe

»be« – Das eBook-Imprint von Bastei Entertainment

Copyright © 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Jan Wielpütz

Lektorat/Projektmanagement: Lukas Weidenbach

Covergestaltung: Massimo Peter-Bille unter Verwendung von Motiven © shutterstock: gyn9037 | I.Friedrich | deepadesigns | mexrix | Roka Pics | Sebastian Kaulitzki

eBook-Erstellung: Jilzov Digital Publishing, Düsseldorf

ISBN 978-3-7325-4550-6

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1

Die ganze Nacht hindurch hatte es ohne Unterbrechung geregnet, und auch jetzt, am frühen Morgen, hatte sich das Wetter nicht beruhigt. Es blitzte, und dumpfes Donnergrollen hing über der Stadt. Ein Sturm näherte sich von Osten.

Die Hochwasserbarrieren vor der Küste erwachten mit gelb rotierenden Lichtern zum Leben und hoben sich mit hydraulischem Zischen und metallischem Knacken aus den Fluten der Hudson Bay.

Irgendwann weit nach Mitternacht war Mike Quillan auf dem Sofa sitzend eingeschlafen. Sein Oberkörper war auf die Seite gefallen, während die Füße weiter fest auf dem Boden standen. In dieser Position erwachte er nun. Sein Rücken tat weh, dafür spürte er seine Beine nicht mehr. So verdreht hatte er schon lange nicht mehr geschlafen.

Er blinzelte, streckte den Kopf, sodass die Nackenwirbel knackten, und rieb sich den Schlaf aus den Augen.

Im Zimmer herrschte ein schattenhaftes Zwielicht. Er erkannte Liberty, die sich in ihrem Bett zusammengerollt hatte.

Ein Blitz durchzuckte das stählerne Grau der Wolken, gleich darauf grollte Donner. Es war aber nicht das Gewitter, das ihn geweckt hatte. Seine Comwatch vibrierte. Das Display zeigte statt eines Porträts nur eine weiße Fläche. Ein unbekannter Anrufer. Es war nicht das erste Mal. Doch dieses Mal ging er ran. »Ja … hallo?«

»Mister Quillan?« Die Stimme eines Mannes. Sie klang elektronisch verzerrt und dumpf, unangenehm und fremd.

»Ja.« Quillan sah über die Schulter zu Liberty. Sie hatte sich bewegt und ihm den Rücken zugedreht. Er wollte sie nicht wecken, also flüsterte er. »Wer sind Sie?«

»Das ist nicht wichtig. Ich habe schon einmal versucht, Sie zu erreichen.« Ein leiser Vorwurf schwang in dem Satz mit.

»Diesmal hat es ja geklappt. Was wollen Sie von mir?«

»Ich möchte mit Ihnen über Ihre Verlobte sprechen.«

Quillan atmete tief ein. »Da gibt es nichts zu reden, sie ist tot.«

»Das weiß ich, und es tut mir leid.«

Seltsamerweise wurde Quillan ärgerlich statt traurig. »Sparen Sie sich Ihr Mitgefühl.«

»Emilia war eine tapfere Frau.« Der mysteriöse Anrufer machte eine Pause; als Quillan nichts darauf erwiderte, fuhr er fort. »Sie hat für mich gearbeitet, und ich bin mir sicher, sie hat etwas sehr Wichtiges herausgefunden. Deshalb wurde sie ermordet.«

»Ja, von Phoenix Rising.«

»Nein, nicht von denen.«

»Von wem dann?«

»Wenn ich es Ihnen sage, werden Sie es mir nicht glauben, aber ich habe Beweise.«

»Verflucht noch mal, wer sind Sie?«

»Jemand, der die Augen nicht mehr vor der Wahrheit verschließen kann.«

»Lassen Sie mich in Ruhe!« Er wollte das Gespräch beenden.

»Haben Sie denn gar kein Interesse an der Wahrheit?«, sagte der Anrufer schnell und ließ Quillan zögern. Da war etwas in dieser Stimme, was er nicht fassen konnte, etwas Eindringliches, etwas … Überzeugendes.

Quillans Hand schwebte lange Sekunden über der Comwatch, während er nachdachte. Er hatte eine Wahrheit, an die er glaubte: Phoenix Rising hatte Emilia getötet. Den Grund dafür kannte er nicht, und das machte ihn wahnsinnig, ließ ihn nicht schlafen. Was hatte er also zu verlieren, wenn er weiter zuhörte? Nichts. »Also gut. Nehmen wir mal an, ich glaube Ihnen. Wie geht es weiter? Wollen Sie Geld? Ich hab keins.«

»Nein, ich will kein Geld. Ich will Sie überzeugen, damit Sie mir helfen, wenn ich Ihre Hilfe nötig habe.«

»Meine Hilfe? Wobei?«

»Später. Ich muss Schluss machen. Haben Sie noch etwas Geduld. Ich melde mich wieder.« Das Gespräch endete, das Display wurde schwarz.

Quillans Gedanken rasten, dass ihm schwindelig wurde.

In diesem Moment tat es einen gewaltigen Donnerschlag, der die Scheiben des Appartements erzittern ließ. Quillan fuhr zusammen. Der Himmel öffnete seine Schleusen ein weiteres Mal und schüttete wahre Wassermassen über New York aus.

»Wer war das denn?« Liberty saß aufrecht im Bett, stützte eine Hand in die Kissen und fuhr sich mit der anderen durch das zerzauste Haar. Sie war gerade erst aufgewacht, aber der Blick, den sie Quillan zuwarf, war wach und scharf. »Jemand, den ich kennen sollte?«

Quillan lehnte sich gegen den Fensterrahmen und sah dem Regen zu, wie er in Wasserfällen von den Dächern stürzte und in Strömen die Fassaden entlangfloss. »Nein. Ich kannte ihn auch nicht.«

Liberty sah auf die Uhr neben dem Bett. »Es ist sechs Uhr. Um was ging’s denn?«

Quillan seufzte und gab das Gespräch in knappen Worten wieder. Als er fertig war, schwang Liberty die Beine aus dem Bett, stand auf und ging ins Bad. »Klingt für mich so, als würde sich da jemand einen schlechten Scherz erlauben«, rief sie durch die angelehnte Tür.

»Ja, habe ich auch gedacht, aber was, wenn es nicht so ist? Wenn er wirklich was weiß.« Quillan hauchte auf die Scheibe und malte einen Smiley. Mehr aus Nachdenklichkeit als aus dem Wunsch heraus, sich aufmuntern zu wollen. Er musste an den letzten Tag mit Emilia denken. Sie hatte es eilig gehabt und ihm nur einen schnellen, halbherzigen Kuss zugeworfen. Der letzte Satz, bevor sie die Wohnungstür hinter sich schloss, war so alltäglich wie endgültig gewesen.

Heute Abend koch ich uns was.

Liberty betätigte die Klospülung und holte ihn in die Gegenwart zurück. Quillan schüttelte den Gedanken ab und sah sie an, als sie aus dem Bad kam. Der Roadrunner in Form der Freiheitsstatue auf ihrem Schlafshirt war ganz zerknittert. Sie ging zu ihm, legte ihm die gefalteten Hände auf die Schultern und stützte ihr Kinn darauf. Dazu musste sie sich auf die Zehenspitzen stellen. »Du glaubst, es steckt mehr dahinter, hm?«

»Du nicht?«, fragte er überrascht und deutete auf das ausgeschaltete TV-Panel. »Emilia ist auf der Aufzeichnung der Überwachungskamera, einen Tag vor ihrem Tod, ausgerechnet bei dem Typen, den wir erschossen in einer Tiefgarage finden, kurz bevor sich die Ghule auf ihn gestürzt hätten. Und jetzt dieser Anruf? Nein, das sind keine Zufälle.«

Liberty schürzte die Lippen. »Das ist ein Argument. Und was willst du tun?«

»Was kann ich schon tun? Darauf warten, dass sich der Kerl wieder meldet.« Quillan verzog das Gesicht. »Vielleicht war’s auch eine Frau; die Stimme war verzerrt. Ich weiß es nicht.«

Liberty gab ihm einen aufmunternden Klaps auf die Wange, ehe sie sich von ihm löste und in die Küchenzeile trippelte. »Willst du frühstücken?«, fragte sie.

»Nein, ich hab keinen Hunger.«

»Gut, ich hab eh nichts da. Aber Kaffee. Kaffee hab ich da, sogar richtig guten. Echten.«

»Klingt nicht schlecht«, sagte Quillan mit einem flüchtigen Lächeln.

»Wieso duschst du nicht erst mal. Ich mach uns derweil schnell einen. Dann gehen wir arbeiten. Du wirst sehen, das lenkt dich ab. Vielleicht hatte Cole ja schon Zeit, sich den Spiegel anzusehen, und hat was rausgefunden.«

Quillan nickte zustimmend. Zum einen hoffte er darauf, zum anderen hatte er Angst vor dem, was sie darin vielleicht finden würden.

2

»Hast du gut geschlafen, Tyra Kane?«

Platas massige Gestalt stand neben Tyras Bett. Sie hielt ein fleckiges Kopfkissen im Arm und streckte sich gähnend. »So gut wie schon lange nicht mehr«, antwortete sie.

»Meine liebe Mutter hat das Bett auch sehr gemocht. Bis zuletzt hat sie darin geschlafen.«

»Du meinst, sie ist hier drin gestorben?«, erwiderte sie erschrocken und fuhr hoch.

»Sí.«

»Warum hast du mir das nicht vorher gesagt?«

»Warum? Mama hätte es nicht gestört.«

Erst jetzt bemerkte sie, dass ein Sturmgewehr an Platas Schulter hing. Sie deutete darauf. »Hast du was vor?«

Er grinste breit und angriffslustig. »Natürlich, was denkst du? Kizuato hat mich belogen, niemand belügt Plata. Das bedeutet Krieg. Ich werde ihm in den Arsch treten.« Dann streckte er ihr die Hand entgegen. »Komm, ich hab was für dich.«

Tyra sah ihn misstrauisch an.

»Glaubst du immer noch, ich will dich der Black Guard ausliefern?«, fragte Plata. »Ich soll eine Löwin den Geiern vorwerfen? No. Du bist jetzt eine von uns. Außerdem schulde ich dir was.« Als er Tyras fragenden Blick bemerkte, erklärte er: »Ich habe schon mitbekommen, wie du denjenigen umgelegt hast, der mich töten wollte. Plata hört und sieht alles.« Er tätschelte sein Sturmgewehr. »Willst du nicht doch mitkommen, um gegen Kizuato zu kämpfen? Das wird ein großartiger Kampf.«

»Ich habe dir schon gesagt, dass ich das nicht kann.«

»Sí. Ich hatte nur gehofft, du hättest deine Meinung vielleicht geändert.« Er rieb sich das Kinn. »Verrätst du mir, warum du in New York bist?«

Tyra richtete sich auf und zog die Bettdecke unter die Achseln. »Sorry, Plata, aber es ist besser für mich, wenn es keiner weiß.«

Seine verchromten Augen surrten leise, als er sie fixierte. »Verstehe. Topsecret.« Er lachte. »Zieh dir was an, ich warte draußen auf dich. Ich will dir was zeigen.« Er wollte sich zurückziehen.

»Wie geht es Sokrates und den anderen?«

»Sie fressen mir die Haare vom Kopf.« Wieder lachte er.

»Und Cedrick? Was macht seine Wunde?«

»Sie wird verheilen. Er hat Glück gehabt, dass Plata so ein fähiger Arzt ist.« Er warf sich prahlerisch in die Brust, was Tyra zum Grinsen brachte und zu der Bemerkung reizte: »Gibt es etwas, dass du nicht kannst?«

»Zu meinem großen Bedauern kann ich überhaupt nicht tanzen. Traurig für einen Mexikaner, nicht wahr?« Dann ging er, aber nicht ohne seinen dumpfen Bass noch einmal mit lautem Lachen erklingen zu lassen.

Nachdem Tyra sich angezogen hatte, begab sie sich ins Wohnzimmer.

Platas Männer hatten sich dort versammelt. Tyra schätzte, dass es an die zwanzig waren. Sie waren mit Pistolen, Schnellfeuergewehren, Granaten und allerhand sonstigem todbringendem Werkzeug bewaffnet. Die Männer waren unruhig. Tyra ahnte, was sie beschäftigte. Sie wollten, dass es endlich losging.

Aber Plata hatte es nicht eilig. Er wartete seelenruhig auf der überdachten Veranda und trank Tee aus einer grellgelben Tasse, deren Henkel abgebrochen war.

Der Wind peitschte Regen über die Stufen. Wolkenberge, die im Sekundentakt von Blitzen erhellt wurden, zogen schwer und träge über die Stadt. Häuser und Straßen glänzten vom Regen, als wären sie mit flüssigem Silber übergossen worden.

»Deine Männer werden ungeduldig«, sagte Tyra.

»Sollen sie. Ich warte. Es sind noch nicht alle da. Magst du Tee?« Er nahm eine zweite Tasse von der Fensterbank und reichte sie ihr. »Ja, danke!« Sie nippte am Tee. Er war abgekühlt, schmeckte etwas muffig und bitter, als hätte er zu lange gezogen, aber sie beschwerte sich nicht. »Und? Was wolltest du mir zeigen?«

Plata bedeutete Tyra mit einem Wink, ihm zu folgen. Wortlos führte er sie in eine an das Haus angrenzende Garage. Hier standen zwei Autos, die zwar beide nicht mehr taufrisch, aber fahrtüchtig aussahen. Plata deutete beiläufig auf das erste. »Den Wagen kannst du nehmen. Die Bremsen sind zwar nicht mehr die besten, aber der Motor schnurrt wie eine Katze.«

Vor einer Bodenluke, die mit einem Daumenscanner und einem elektronischen Schloss gesichert war, kniete er sich hin und öffnete sie.

Sie kletterten eine schmale Metallstiege hinab und kamen in einen niedrigen Raum, der bis zur Decke mit Waffen und Munitionskisten gefüllt war. Tyra stieß einen überraschten Pfiff aus. »Wo hast du das ganze Zeug her?«

»Beziehungen und gute Freunde sind die Voraussetzung für meinen Job.« Er legte seine große Hand auf eines der Regalbretter und nickte Tyra zu. »Such dir was aus! Es ist nicht gut, wenn du unbewaffnet nach Hell’s Kitchen gehst.«

»Danke!«

»Du hast es dir verdient, und schießen kannst du fast so gut wie ich.«

Während Tyra die Regale abschritt, schwand Platas Fröhlichkeit. Tiefe Sorgenfalten zeigten sich auf seiner Stirn. »Ich habe mich ein bisschen umgehört. Irgendwas passiert an der Mauer und in Hell’s Kitchen.«

»Was meinst du damit?« Tyra ließ die Colt-Automatik sinken, die sie gerade von einem der Regalbretter genommen hatte.

»Da sind viele Drohnen und viel Policia in der Luft, an den Checkpoints wird schärfer kontrolliert, und auf der Mauer wurden die Wachen verstärkt. Tyra Kane, ich bin weder blind noch estúpido. Ich weiß, dass all das aus einem einzigen Grund geschieht.« Und damit zeigte er auf sie.

»Du bist besorgt um mich?« Sie lächelte. »Ich bin gerührt.«

»Du verspottest mich?«

»Das tue ich nicht.« Ihr Lächeln schwand.

»Ich rate dir eins: Verschwinde, solange du es kannst! Geh weg aus New York!«

Tyra nickte. »Das wäre sicher das Klügste.« Sie wollte noch etwas anfügen, schwieg dann aber.

»Was immer du vorhast, Tyra Kane, es ist Wahnsinn.«

Er hatte recht, das wusste sie.

Plata verschränkte die Arme. »Ich kann dich gut leiden.«

»Was dich aber nicht davon abgehalten hätte, mich an die Black Guard zu verkaufen.«

»Vergiss das doch jetzt! Das ist lange her.«

Tyra lachte. »Das war gestern.«

»Gestern ist gestern, und heute ist heute«, sagte Plata ungehalten, um dann milder hinzuzufügen: »Ich wünschte, ich könnte dich zur Vernunft bringen. Aber ich akzeptiere deine Entscheidung.«

Er nahm das Sturmgewehr von der Schulter und rammte wütend ein Magazin in den Schaft. »Wenn ich könnte, würde ich dich selbst rüberbringen, aber … South Manhattan ist eine Festung. Die Schleichwege kenne ich nicht, und die Mauer zu überwinden grenzt an Selbstmord.«

»Trotzdem muss ich es versuchen.« Tyra gab ihm einen Kuss auf die Wange. »Deswegen muss ich zum Trader. Weißt du etwas über ihn?«

»Nicht viel. Ich kenne ihn nicht persönlich. Aber die Leute hier respektieren ihn. Er soll ein bisschen … loco, verrückt sein.«

»Verrückt? In welcher Hinsicht?«

»Das weiß ich leider nicht.«

»Sokrates ist davon überzeugt, dass der Trader Möglichkeiten hat, mich nach Hell’s Kitchen zu bringen.«

Plata knurrte.

»Der Trader ist ein Schmuggler. Wenn es jemand schaffen könnte, dann er. Aber du solltest ihm nicht trauen. Du solltest niemandem trauen. Diese Stadt ist voll von Verrat.«

»Und warum sollte ich dann dir trauen?« Tyra nahm den Colt und schob ihn sich in den Gürtel. Vier Magazine verschwanden in den Taschen ihrer Jacke.

»Wir haben zusammen gekämpft, das verbindet.« Plata hob entschuldigend die Hände. »Ich meine nur, du solltest vorsichtig sein.«

3

Der Eingang in die Unterwelt Manhattans lag im nördlichen Teil des Central Parks. Hier standen alte Jahrmarktsbuden. Die bunt bemalten Fassaden der Häuschen waren längst verblasst, blätterten ab und wurden von Grünspan überzogen. Fenster und Türen fehlten. Die bunten Comicfiguren auf den Dächern waren beschossen oder gleich ganz heruntergerissen worden. Neben dem Eingang gab es einen Spielplatz mit Rutschen, Klettergerüsten und sogar einem Karussell mit Pinguinen, Delfinen, die durch Reifen sprangen, und Seehunden mit Bällen auf der Nase. Alles war verwahrlost, überall lag Dreck und Müll; Kinder hatten hier schon lange nicht mehr gespielt. Überhaupt wagte sich niemand hierher, der nicht zu Marrot Sida und seinem Clan gehörte.

Auch Kizuato kam nicht gerne hierher. Verflucht, wer tat das schon? Niemand hängte sich ein Steak um den Hals und stieg dann freiwillig in einen Raubtierkäfig. Aber es ließ sich nicht ändern, er musste mit Sida sprechen. Die letzten Lieferungen an Menschenmaterial waren minderwertig gewesen, und das musste sich ändern.

Zu seinem Unmut war das nur eines der Probleme. Das andere hieß Plata. Der verdammte Mexikaner hatte es auf ihn abgesehen, und er würde keine Ruhe geben, bis einer von ihnen beiden tot war. Er hatte keine Ahnung, woher Plata von seiner Vereinbarung mit den Ghulen wusste. Vielleicht hatte Kizuato ihn unterschätzt, und er ließ sich doch nicht so einfach mit Geld ruhigstellen. So viel Moral hatte er Plata gar nicht zugetraut.