Manhattan 2058 - Folge 6 - Dan Adams - E-Book
Beschreibung

Nach dem Desaster im Bradbury Hotel ist die Black Guard Tyra und Mike erneut auf der Spur. Währenddessen tauchen immer mehr Beweise für das Komplott auf, in das der Geheimdienst verwickelt ist. In einer radikalen Aktion riegelt die Black Guard ganz New York ab - können Mike, Liberty und Tyra lange genug überleben, um die Welt über den wahnsinnigen Plan zu informieren? Der Showdown des actionreichen SF-Thrillers "Manhattan 2058"! ÜBER DIE SERIE: In einer finsteren Zukunft sucht ein Cop nach Vergeltung ... doch wer ist der wahre Feind? New York, 2058: Hochwasser, Umweltverschmutzung, Überbevölkerung und Kriminalität bedrohen die Metropole. Ein Bürgerkrieg schwelt in den Vereinigten Staaten, und die Politik ist von mächtigen Konzernen korrumpiert. Polizist Mike Quillan macht die Terrororganisation Phoenix Rising für den Tod seiner Verlobten verantwortlich. Doch dann kommt er dem Geheimdienst Black Guard in die Quere - und entdeckt eine Verschwörung, die ihm sämtliche Gewissheiten nimmt ... Action garantiert - die SF-Thriller-Serie "Manhattan 2058"! eBooks von beBEYOND - fremde Welten und fantastische Reisen.

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EPUB

Seitenzahl:162


Inhalt

Cover

Manhattan 2058 – Die Serie

Über diese Folge

Über den Autor

Titel

Impressum

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Manhattan 2058 – Die Serie

In einer finsteren Zukunft sucht ein Cop nach Vergeltung … doch wer ist der wahre Feind?

New York, 2058: Hochwasser, Umweltverschmutzung, Überbevölkerung und Kriminalität bedrohen die Metropole. Ein Bürgerkrieg schwelt in den Vereinigten Staaten, und die Politik ist von mächtigen Konzernen korrumpiert.

Polizist Mike Quillan macht die Terrororganisation Phoenix Rising für den Tod seiner Verlobten verantwortlich. Doch dann kommt er dem Geheimdienst Black Guard in die Quere – und entdeckt eine Verschwörung, die ihm sämtliche Gewissheiten nimmt …

Action garantiert – die SF-Thriller-Serie »Manhattan 2058«!

Über diese Folge

Nach dem Desaster im Bradbury Hotel ist die Black Guard Tyra und Mike erneut auf der Spur. Währenddessen tauchen immer mehr Beweise für das Komplott auf, in das der Geheimdienst verwickelt ist. In einer radikalen Aktion riegelt die Black Guard ganz New York ab – können Mike, Liberty und Tyra lange genug überleben, um die Welt über den wahnsinnigen Plan zu informieren?

Der Showdown des actionreichen SF-Thrillers »Manhattan 2058«!

Über den Autor

Dan Adams ist das Pseudonym von Jürgen Bärbig, geboren 1971. Er war Stipendiat der Bastei Lübbe Academy und nahm 2014 an der einjährigen Masterclass teil. Für Bastei Lübbe schrieb er zuletzt die spannende Western-Serie »Three Oaks«. Mit dem actionreichen SF-Thriller »Manhattan 2058« entwirft er ein düsteres, packendes Szenario der nahen Zukunft.

Folge 6LOCKDOWN

beBEYOND

Originalausgabe

»be« – Das eBook-Imprint von Bastei Entertainment

Copyright © 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Jan Wielpütz

Lektorat/Projektmanagement: Lukas Weidenbach

Covergestaltung: Massimo Peter-Bille unter Verwendung von Motiven © shutterstock: gyn9037 | I.Friedrich | deepadesigns | mexrix | Roka Pics | Sebastian Kaulitzki

eBook-Erstellung: Jilzov Digital Publishing, Düsseldorf

ISBN 978-3-7325-4553-7

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1

Die Türen zu Lilliths Pendulum Club waren um sechs Uhr morgens geschlossen. Die Leuchtreklame mit dem Namenszug über dem Kellereingang wirkte trostlos blass und wenig glamourös. Eine Taube hatte sich darauf niedergelassen, die gurrend ihr Gefieder putzte.

Sie war das einzige Lebewesen in einer scheinbar ausgestorbenen Straße. Keine Autos, keine Menschen, keine Geräusche. Nur die Litfaßsäulen mit ihren Werbedisplays gaukelten eine heile Welt vor. Zwei bildschöne Models in knappen Bikinis tranken Tchoke Coke an einem Bilderbuch-Strand, den es so nirgendwo auf der Welt mehr gab.

Der Wind strich durch die Häuserschluchten. Er brachte ein leises Summen mit sich. Zuerst war es nur ein entfernter, gleichbleibender Ton, doch er wurde lauter und damit auch bedrohlicher. Fünf schwarze Punkte tauchten am Himmel auf, die sich Hell’s Kitchen näherten. Das Summen wurde zum Dröhnen von Turbinen, und die Punkte entpuppten sich als Gunships der Black Guard. In einem davon saß Dominic Francis. Die Vibrationen, die den stählernen Rumpf des Transporters zum Beben brachten, und das schlingernde Auf und Ab mit jedem Flugmanöver ließen Francis die Zähne zusammenbeißen. Trotz der Schmerzmittel, die die Kapsel in seinem Nacken regelmäßig abgab, fühlte er sich nicht gut.

Die mit Weichgummi überzogenen Stahlbügel des Sicherheitssystems reizten seine verletzte Schulter – die Nanos hatten zwar gute Arbeit geleistet, aber bis sie ganz ausgeheilt war, würden noch Wochen vergehen. Er hatte nichts gegessen, und es rächte sich nun, dass er so früh ein Glas Bourbon getrunken hatte. Ihm war schlecht. Um sich abzulenken, hob er den Kopf und sah in die Runde. Colonel Morris und sechs Black-Guard-Soldaten warteten mit ihm darauf, dass der Einsatz begann. Die Männer trugen mattschwarze Visierhelme, in denen sich eine Zieloptik und ein taktisches Display abzeichneten. Die Männer waren mit Sturm- und Tasergewehren ausgestattet. Francis sah sich genötigt, etwas zu sagen, und schaltete das Headset ein. »An alle! Ich will, dass der Einsatz reibungslos abläuft. Die Schusswaffen werden nur bei Gegenwehr eingesetzt. Ansonsten benutzen sie ihre Taserwaffen. Das Gebäude wird gründlich durchsucht. Jede Etage, jedes Zimmer. Francis Ende.«

»Glauben Sie wirklich, dass uns diese Spur zu Tyra Kane führen wird?«, fragte Morris auf einer Leitung, die nur Francis hören konnte.

»Die Tote, Dalea Williams, arbeitete hier. Und sie kam ausgerechnet zu jenem Zeitpunkt zu Jerry Breacher, der mit Tyra Kane vereinbart war. Und anschließend hat Williams Kane auch noch das Leben gerettet. Das ist mindestens ein Zufall zu viel.«

Der Transporter setzte zusammen mit einem anderen auf der Straße auf, während ein Gunship auf dem Dach und ein weiteres auf der Rückseite des Gebäudes landete. Drohnen schwirrten heran und lieferten Luftbilder vom Ziel, von den Gebäuden der Nachbarschaft und der Umgebung. Die Luft war erfüllt von Lärm und dem Geruch nach Kerosin. Der Taube wurde es schnell zu ungemütlich. Ein paar Federn lassend, hob sie ab und flog flatternd davon.

Von da an nahm alles seinen tausendfach trainierten Gang. Die Türen der Transporter öffneten sich. Team Alpha sprang hinaus, nahm Deckung und sicherte mit angelegten Waffen die Fenster. Team Beta konzentrierte sich auf die Tür zum Pendulum Club, die die Männer mit einem stählernen Rammbock aufbrachen. Danach stiegen sie, während sie sich gegenseitig Deckung gaben, die Treppe hinab.

Morris blieb bei Francis, der den Transporter noch nicht verlassen hatte. Mit einem Visualizer, der ein virtuelles Bild in die Passagierkabine projizierte, konnte er das Vorrücken der Soldaten beobachten. Ihre Helmkameras lieferten gestochen scharfe Bilder.

»Halten Sie es für eine gute Idee, hier zu sein? Schließlich haben Sie nur knapp einen Absturz überlebt.«

»Das können Sie beruhigt meine Sorge sein lassen«, sagte Francis.

»Wie Sie meinen, Sir.« Morris klang nun seinerseits verärgert. Team Beta hatte das Ende der Treppe erreicht, wo ihnen noch eine Tür den Weg versperrte. Weitere Einsatzteams hatten inzwischen den Zugang zum Dach und zur Rückseite geknackt und rückten von dort vor. Im oberen Teil des vierstöckigen Gebäudes lagen Wohnungen. Die Black Guards machten sich gar nicht erst die Mühe anzuklopfen, sie schlugen die Türen ein. Eine Frau zeterte los, ein Kind schrie und weinte. »Auf den Boden, auf den Boden! Runter!«, klang es befehlend aus den Lautsprechern. Francis hielt seinen Blick auf die Kameras von Team Beta gerichtet, denen es mit dem Rammbock nicht gelungen war, die zweite Tür aufzubrechen. Jetzt brachten sie kleine Sprengladungen in Höhe der Scharniere an. Kurz darauf knallte es. Die Helmkameras verdunkelten sich für einen kurzen Moment im abziehenden Rauch.

Francis wollte nicht länger warten. »Wir gehen rein.« Kaum hatte er ausgesprochen, war er auch schon aus dem Transporter gestiegen. Er hatte seine Pistole vergessen, und die Blöße, Morris um eine zu bitten, wollte er sich nicht geben.

Die Soldaten hatten den Club bereits betreten. Die Lampen, die unter den Läufen der Waffen befestigt waren, warfen weiße Streifen aus kaltem, hartem Licht in den Raum.

Francis erkannte Schmucksäulen, an denen Fackelimitate hingen. Die Möbel waren in Schwarz gehalten, den Boden bedeckte blutroter Teppich. »Team Alpha! Nachrücken!«, sprach Francis in sein Headset. »Und kann hier mal jemand Licht machen?«

Einer der Soldaten hatte die Theke entdeckt und dort das Panel für die Stromversorgung. Als er sie einschaltete, ging nicht nur das Licht an, auch die Musikanlage schaltete sich ein. Leise Geigen- und Klaviermusik hallte durch die Räumlichkeiten. Es klang sehr melodisch, trotzdem reizte es Francis’ Ohren. »Verflucht noch mal, stellen Sie das ab!«

Es dauerte eine Minute, bis der Soldat den richtigen Taster gefunden hatte und es wieder still wurde. Auch jetzt, da die künstlichen Fackeln brannten und indirektes Licht vom Boden zur Decke strahlte, war es nicht viel heller geworden. Trotzdem erkannte Francis eine Treppe, die er hochstieg und die auf eine Empore führte. Morris und zwei Soldaten folgten ihm.

Auf der Empore lagen zahllose Kissen um eine Art Thron herum. Der Thron war schwarz glänzend, mit Skelettarmen als Lehnen und einem dämonischen Schädel als Krönung auf der Rückenlehne. Daneben stand eine reich verzierte Wasserpfeife. Ein Hauch von Kirschtabak lag noch in der Luft.

»Hier ist niemand«, äußerte Morris eine Vermutung, die Francis sich bereits gedacht hatte. Ehe er etwas erwidern konnte, rief einer der Soldaten: »Hier ist eine Tür.« Er hatte einen schweren Samtvorhang beiseitegeschoben, hinter dem die Tür lag. Er öffnete sie, während ihm sein Kamerad Deckung gab.

Sie betraten ein geräumiges Wohnzimmer, in dem auch nur eine indirekte Beleuchtung brannte. Francis musste seine Augen anstrengen, um Details erkennen zu können.

Mitten im Raum stand ein großes Sofa an einem Couchtisch aus Glas. Links von der Tür gab es eine private Bar und ein paar lackschwarze, glänzende Schränke.

Morris trat aus einer Tür, die links von ihnen an den Raum angrenzte.

»Was gibt es da?«, fragte Francis.

»Drei weitere Zimmer.« Morris wandte sich um und zeigte in den Flur hinein. »Küche, Büro und ein Schlafzimmer.«

Francis nickte. »Wenn sie das Haus verlassen hätten, hätten wir das sehen müssen«, mutmaßte er, »was bedeutet, sie sind hier noch irgendwo oder es gibt eine Art Fluchttunnel. Morris, lassen Sie alles auf den Kopf stellen!«

»Gentlemen.«Eine sanfte, sehr weibliche Stimme erfüllte plötzlich den Raum.

»Ich nehme an, dass es Mistress Lillith nicht gutheißen wird, dass Sie in ihre Privatsphäre eingedrungen sind.«

»Eine Cis-Einheit«, sagte Francis. »Interessant. Wo ist deine Herrin?«

»Sie ist gegangen.«

»Wohin?«

»Das kann ich nicht sagen.«

»Du weißt es also?«

»Nein, sie hat es mir nicht gesagt.«

»Dann weißt du auch sicher nicht, wo Tyra Kane ist?« Francis schlenderte durch das Wohnzimmer, öffnete hier und da eine Schublade oder eine Schranktür, ohne wirkliches Interesse an ihrem Inhalt zu haben. »Was ist? Ich warte.«

»Ich kenne Sie nicht.«

»Du lügst. Gib auf!«, sagte Francis. »Wir werden hier keinen Stein auf dem anderen lassen, und dich werden wir auch auseinandernehmen und alles rausholen, was wir in deinen Speichern finden.«

Mit Drohungen beeindruckte man eine Cis-Einheit nicht. Ihre Stimme blieb gelassen.

»Ich kümmere mich nur um den reibungslosen Ablauf im Club. Die entsprechenden Informationen darüber werde ich Ihnen gerne zur Verfügung stellen. Die Raumtemperatur beträgt exakt einundzwanzig Grad. Das Licht ist nie heller als fünfzig Prozent, wir öffnen um …«

»Das reicht!« Francis hatte seine Stirn in wütende Falten gelegt.

»Sir.« Ein Soldat kam zu ihm. »Wir haben da etwas gefunden«, sagte er und führte Francis durch den Flur in Lilliths Schlafzimmer. Dort warteten Morris und ein weiterer Soldat neben einem Himmelbett mit Behängen aus blutrotem Seidenimitat. In die Wand dahinter waren eiserne Ringe eingeschraubt, an denen Handschellen hingen. »Manche Leute haben wirklich seltsame Vorstellungen von einem gemütlichen Abend«, bemerkte Morris und klimperte mit den Handschellen.

Francis ließ den Blick prüfend durch den Raum schweifen.

Neben der Tür stand ein großer Schminktisch, der zahlreiche kleine Schubladen besaß, von denen einige offen standen. Die Schubfächer quollen über vor Halsketten, Ringen und anderem Schmuck. Die unzähligen Parfümflakons, die auf der Ablage standen, konkurrierten im Chaos mit dem halben Dutzend Bürsten und Kämmen, die dazwischen herumlagen. Eine große Stehlampe mit sechs schwenkbaren Armen, die in ihrer Form an eine Spinne erinnerte, spendete Licht. Zwischen Bett und Schminktisch hing das abstrakte Gemälde einer nackten Frau an der Wand, die breitbeinig auf etwas saß, das einem Einhorn ähnelte.

»Und?«, fragte Francis ungeduldig. »Was gibt es hier zu sehen?« Die Düfte der verschiedenen Parfüms vermischten sich zu einem unangenehm süßlichen Geruch.

Morris trat an die Stehlampe heran und drückte einen der Lampenarme nach unten. Francis sah sich um, nichts hatte sich verändert. »Und? Ich sehe nichts.«

Morris deutete auf die Unterkante des Gemäldes, die von einem matten grünen Schimmer beleuchtet wurde. Im gleichen Moment war ein leises Knacken zu hören. Das Gemälde schob sich ein Stück weit zurück und verschwand dann seitlich in der Wand. Dahinter lag ein Hohlraum mit einer schmalen Treppe, die zehn Stufen in die Tiefe führte.

»Na, sieh mal einer an«, sagte Francis zufrieden. Mit einem Wink schickte er die beiden Soldaten vor, die mit angelegten Waffen die Treppe hinabstiegen. Ihnen folgte Morris, dann Francis.

Sie betraten einen Raum, der eine quadratische Grundfläche von vier mal vier Metern besaß. Die Decke war niedrig, sodass ein großer Mann wie Francis den Kopf einziehen musste. An den Wänden standen Computerterminals mit Tastaturen, die bläulich strahlten. Ein Projektor ließ Würfel aus Licht im Raum schweben, die die Umgebung des Clubs holografisch wiedergaben: Da waren der Eingang, die Straße in beide Richtungen, das Dach, die Fassade des Clubs, die Treppe, der große Empfangsbereich. »Hier wird alles mit Kameras überwacht«, bemerkte Morris das Offensichtliche.

Francis nickte beeindruckt, gleichzeitig erkannte er, dass es gar nicht möglich gewesen wäre, das Gebäude zu stürmen, ohne vorher bemerkt zu werden. Um seine Wut zu unterdrücken, musste er tief durchatmen.

»Hier ist eine Luke im Boden«, rief einer der Soldaten.

»Dadurch sind die Ratten wohl entkommen«, sagte Morris, der sich in die Brust warf, als hätte er die Erkenntnis des Tages gehabt. »Öffnen!«

Der Soldat zog mit aller Kraft an dem Metallgriff, und nichts passierte. »Geht nicht, Sir. Wurde von der anderen Seite verriegelt.«

»Dann aufsprengen!«, befahl Morris.

»Nein!«, fuhr Francis dazwischen. »Das ist sinnlos, oder glauben Sie, die Flüchtigen warten auf der anderen Seite darauf, von uns festgenommen zu werden? Zuerst sichern wir diesen Raum. Hier, Morris, sehen Sie!« Francis zeigte auf das Display einer hochmodernen Kommunikationsanlage, das eine stilisierte Karte von Amerika und Kanada zeigte. Im Moment war das System offline.

Morris machte ein wissendes Gesicht. »Oh ja, ein Jammersystem. Es zerhackt jedes Wort und setzt sie erst an den Zielkoordinaten wieder sinnvoll zusammen. Außerdem verfügt es über sekündlichen Frequenzwechsel. Fast nicht abzuhören und nicht zurückzuverfolgen. Das ist militärisches Hightech.«

Francis kommentierte die Lehrstunde in abhörsicherer Kommunikationstechnik mit einem Stirnrunzeln. »Auf jeden Fall haben wir eine Spionagezelle entdeckt. Immerhin ein kleiner Erfolg.« Er machte eine Handbewegung, die den Raum umfasste. »Beordern Sie Techniker her! Ich will, dass hier alles gründlich untersucht wird. Jede Information ist wichtig.«

»Sie werden nichts finden«, ertönte eine verzerrte Stimme, die männlich oder weiblich hätte sein können.

Einer der holografischen Würfel vergrößerte sich und zeigte den Schattenriss einer Frau. Francis ahnte, wen er da vor sich hatte. »Mistress Lillith, nehme ich an.«

»Sie dienen einem menschenverachtenden System, in dem der Mensch nicht mehr ist als ein Ding mit einer Nummer. Was bedeutet Ihnen da schon mein Name?«

»Reden wir nicht lange um den heißen Brei herum. Ich habe Ihnen einen Vorschlag zu machen. Sie liefern uns Tyra Kane, und nichts von dem hier wird an die Öffentlichkeit dringen. Sie gehen straffrei aus und können Ihren kleinen Club weiterbetreiben. Was halten Sie davon?«

»Oh, ich sage Ihnen, was ich davon halte. Sie können mich am Arsch lecken.« Die Stimme genoss den Satz und die Zeit, die es brauchte, ihn auszusprechen. »Nehmen wir an, ich würde auch nur ein Wort von dem glauben, was Sie sagen – ich würde mich selbst anspucken, wenn ich darauf einginge.«

»Sie sind nichts weiter als eine Terroristin. Sie werden gefasst, verurteilt und hingerichtet. Ich werde Sie kriegen, haben Sie gehört, Sie miese Schlampe? Ich werde Sie kriegen!« Irgendwie mussten sich Schmerz, Wut und dieses ohnmächtige Gefühl, versagt zu haben, Luft machen. Francis rastete völlig aus. Wie einem gereizten Hund, der machtlos an der Kette zerrte, spritzte ihm Speichel aus dem Mund. Die unverletzte Hand war zur Faust geballt, die er wütend gegen die anonyme Sprecherin schüttelte. »Sie werden darum betteln, dass jemand den Schalter umlegt und Ihr beschissenes Leben beendet.«

»Mr Francis«, antwortete die Stimme hart und schnitt ihm damit das Wort ab. »Sie … zuerst. Cis, Code 2.«

»Ja, Ma’am.«

Ein helles Pfeifen schrillte durch den Raum, das lauter und lauter wurde. Francis’ Augen weiteten sich.

»Raus, alle raus!«, schrie Morris, aber es war zu spät. Einer der Terminals explodierte. Metall und heißes Plastik schossen mit Urgewalt durch den Raum. Francis spürte einen rasenden Schmerz in seinem Oberschenkel, und die Wucht der Detonation ließ ihn um die eigene Achse wirbeln. Eine zweite Explosion folgte. Eine glühende Hitzefaust traf ihn an der Brust und schleuderte ihn rücklings gegen die Wand. Zwei Rippen brachen. Er sah Morris, der blutüberströmt auf dem Boden lag, die Augen weit offen, aber leblos. Eine dritte Explosion erwischte Francis von der Seite. Scharfkantiges Metall schlitzte ihm Gesicht, Hals und Arme auf. Die Wucht warf ihn nun zu Boden. Er spuckte Blut, keuchte, rang in der Hitze nach Luft. Sein Blick fiel auf die offen stehende Tür, er musste sie erreichen. Einer der Soldaten stürzte und blieb tot liegen. Francis wollte aufstehen, aber sein linkes Bein trug ihn nicht mehr. Dann erfolgte eine weitere und letzte Explosion, gewaltiger als die zuvor. Francis wurde gepackt, in die Luft gehoben und von Feuer umhüllt. Seine Haut verbrannte, und bei dem Versuch zu schreien drang Feuer in seine Lunge. Die Explosion schleuderte Francis mit dem Kopf voran durch die Tür gegen die Wand der Treppe und zerschmetterte ihm den Schädel. Sein Leichnam sackte brennend auf den Stufen zusammen.

Lillith senkte den Kopf und schloss den Datadice mit einem Tastendruck. Der Monitor auf der gläsernen Tischplatte verblasste, das blaue Leuchten an den Kanten des Würfels verlosch. Sie beugte sich vor, fuhr sich mit den Händen über die Augen und ließ einen langen Seufzer hören. Tyra trat hinter sie und legte ihr die Hände auf die Schultern.

In dem Kellerraum war es gespenstisch still. An den Wänden standen und lagen Hunderte Schaufensterpuppen, deren leere Augen die beiden Frauen betrachteten. Vergessene Überbleibsel einer vergessenen Zeit. Einige von ihnen waren in Plastiksäcke gehüllt, was Tyra an Leichensäcke erinnerte. Sie versuchte, diesen Gedanken loszuwerden, indem sie Lillith sanft die Schultern massierte. »Alles okay mit dir?«, fragte sie.

Lillith sah auf. »Mir war klar, dass es eines Tages so kommen musste.« Zum ersten Mal, seit Tyra sie kannte, misslang ihr ein Lächeln.

»Es ist schon seltsam. Der Club war immer nur eine Tarnung gewesen, und doch fühle ich mich, als … als hätte ich einen Teil meines Ichs verloren.«

»Was wirst du denn jetzt machen?«

»Ich werde versuchen unterzutauchen, vielleicht gehe ich nach Kanada oder nach Argentinien, da habe ich Freunde. Hier kann ich nichts mehr tun.« Sie drehte sich zu Tyra um. »Mein Einsatz hier ist zu Ende. Komm doch mit.«

Tyra ließ Lillith los, um sich auf einen verschlissenen Polsterstuhl zu setzen. Er stand in dem kleinen Büroverschlag, an dessen Wänden uralte Aktenordner voller Papier standen. »Ich werde nicht gehen«, sagte sie entschlossen und spielte mit ihrem silbernen Ohrring. »Rynn ist eine Freundin. Ich darf sie nicht im Stich lassen.«

»Außerdem ist sie für die Sache viel zu wichtig«, sagte Lillith mit einem ironischen Unterton, der Tyra nicht entging.

»Natürlich ist sie für die Sache wichtig. Warum machst du dich darüber lustig?«

»Weil alles, was wir tun, alle Opfer, die wir bringen, gar nichts ändern werden. Dem System sind wir nur lästig. Ich habe Dominic Francis, Chief Secretary der Black Guard, getötet – und was wird das bewirken? Nichts. In spätestens einer Woche sitzt ein Neuer auf seinem Platz, und alles wird so weitergehen wie zuvor. Die brauchen nicht einmal stärker zu werden, um uns zu besiegen, wenn wir immer schwächer werden.«

»Dann sollen wir aufgeben?«