Manhattan Weihnacht - Nicole Joens - E-Book
Beschreibung

Vorsicht!!! Diese Anthologie könnte zum Kauf eines Flugtickets verführen. Seit Jahrzehnten wächst sie kontinuierlich, die Liebesbeziehung zwischen deutschsprachigen Schriftstellerinnen und dem Big Apple. In der Anthologie Manhattan Tender blühen die Geschichten auf vielerlei Weise: Sehnsuchtsvoll, dramatisch, nostalgisch und humorvoll. So wird in Einstein sonnt sich von Christine Paxmann der berühmte Washington Square Park durch die Augen einer Hundeliebhaberin gesehen. Das East Village der 80er Jahre verzaubert mit einem Geist aus der Vergangenheit in Das kirschrote Kleid von Nicole Joens, und Midtown wird als heiße Romanze in Szene gesetzt. Der sehnsuchtsvolle Blick aus einer WG in Brooklyn auf die Twin Towers ist eine charmante Abrechnung mit der Illusion der perfekten Liebe, und die Begegnung mit dem legendären weiblichen Sex-Guru Dr. Ruth kitzelt den Lachmuskel… Hier regiert die Vielfalt. Doch ist eine gewisse Vorsicht geboten. Schon bei der Arbeit an dieser kurzweiligen Anthologie über einen der größten Sehnsuchtsorte der Welt, war die Verführung groß. Warum nicht gleich ein Ticket reservieren? Nicole Joens (Hg.) lebte in den 80er Jahren sieben Jahre lang in Manhattan. Neben ihrem Film- und Kunststudium und einer Ausbildung zu Cutterin, betrieb sie mit zwei Freunden aus München eine Bar im East Village.

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Seitenzahl:40

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eBook 2014

Originalausgabe©CINDIGObook, der Buchverlagder CINDIGOfilm GmbH, München & BerlinUmschlaggestaltung: Christine Paxmann

Foto: Christine Paxmann

Lektorat: Antje SteinhäuserSatz & Gestaltung: Ph. Joens

‚ManhattanDas kirschrote Kleid‘ ist

Teil der CINDIGO Anthologie

‚Manhattantender, zärtliche

New York Geschichten‘

Made in Germany978-3-944251-34-9

Mehr über unsere

Filme, Musik, Bücher:http://www.cindigo.de

facebook: CINDIGOverlag

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Manhattan Das kirschrote Kleid

CINDIGO

Das kirschrote Kleid

nicole joens

Lauraerwartete keinen Besuch. Von beißendem Liebeskummer gequält, hatte sie sich dazu verdammt, Weihnachten 1983 ihr einundzwanzigstes Fest der Liebe ganz für sich in New York zu feiern. Sie hatte Janis allein zu seiner Familie nach Miami geschickt, um ihn zu bestrafen. Er hatte ihre Liebe verraten. Auf der feuchtfröhlichen Weihnachtsfeier der Firma, in der er sein Praktikum machte, hatte ihr Freund vor zwei Tagen eine Kollegin geküsst, die Laura auch noch kannte. Das langbeinige rehäugige Geschöpf hatte es von Anfang an auf Janis abgesehen, und er war auf sie hereingefallen. Laura tobte innerlich vor Wut. Es half nicht das kleinste bisschen, dass er ihr seinen Ausrutscher noch in derselben Nacht reumütig gestanden hatte. Natürlich auf Vergebung hoffend. Sie hätte vielleicht sogar Milde walten lassen, nur leider war er ihr zu Beginn ihrer Beziehung vor zwei Jahren schon einmal untreu gewesen. Ausgeschlossen, dass sie ihm diesmal erneut vergeben würde. Es war aus und vorbei. Sie würde sich von Janis trennen. Aber bei dem Gedanken, ihn zu verlieren, zog sich ihr verletztes Herz schmerzhaft zusammen. Sie liebte ihn mit jeder Faser ihres Seins, und ohne ihn weiterzuleben, konnte sie sich nicht vorstellen, schon gar nicht an Weihnachten.

Nachdenklich hob Laura das rot-weiß gefleckte Kätzchen auf, das ihr miauend um die Füße strich, und begann es zu streicheln. Sie hatte die drei kleinen Katzen über die Feiertage zur Pflege aufgenommen, um sich von ihrem Kummer abzulenken. Ob Janis am Pool in Miami wohl in diesem Moment ebenfalls an sie dachte? Sie öffnete kurz das Fenster, um den stickigen Heizungsmief in ihrer kleinen Wohnung mit frischer Luft anzureichern. Es war eisig kalt in Manhattan. Ihre kleine Wohnung im berüchtigten East Village lag in der 5th Street, zwischen der Avenue A und der Avenue B. Es war keine besonders sichere Gegend. Europäische Studenten wie Janis und Laura lebten hier, weil die Mieten erschwinglich und der Stadtbezirk jung und aufregend war. Sie studierten, machten nebenbei Praktika und hatten kaum Geld. Laura wollte Filmemacherin werden. Janis stand, der Tradition seiner Familie folgend, vor dem Abschluss seines Managementstudiums und hatte bereits ein lukratives Stellenangebot.

Beim Gedanken an ihren Abschied stiegen Laura Tränen in die Augen. Janis hatte sie an sich gedrückt und um eine letzte Chance gebeten. Sie war hart geblieben, und nicht einmal einen Abschiedskuss hatte er von ihr bekommen. Wütend war sie gewesen, unglaublich zornig auf seine Naivität. Wie konnte sie ihm vergeben? Im Gegensatz zu Janis war Laura kein kontaktfreudiger Schmetterling. Sie war eher die Frau für den zweiten Blick, so hatte es eine Freundin ausgedrückt, die ihr damit suggerieren wollte, dass sie sich glücklich zu schätzen hätte. Alle begehrten Janis. Seine treubraunen Augen unter den dunklen Locken und seine Stimme ließen Frauenkniee weich werden. Und dann war da noch das Geld. Sein stolzes Kinn drückte das Selbstbewusstsein der Reichen und Schönen aus. Janis kam aus gutem Hause. Seinem Vater gehörten Anteile einer angesehenen Reederei in Athen, und nur Laura zuliebe lebte er in New York temporär ein bescheidenes Studentenleben. Um mit Janis mithalten zu können, arbeitete Laura neben dem Studium als Übersetzerin. Aber ohne ihre geliebte Tante Carmen, die Laura mit ihren Beziehungen in New York geholfen hatte und ihren Mietanteil bezahlte, wäre Laura finanziell von Janis abhängig gewesen. Kein Problem für ihn – aber ein riesiger Bauchschmerz für Laura. Wenn ihre Tante nicht wäre!

Mit einem Mal wund vor Sehnsucht nach Tante Carmen schaute Laura auf die menschenleere 5th Street hinunter. Trostlos würde dieses Weihnachten werden. Sie ärgerte sich mittlerweile darüber, dass sie keinen Flug nach München mehr bekommen hatte. Nicht nur hätte Tante Carmen ihr Ticket bezahlt, sondern sie hätte sie bestimmt auch getröstet. Musste sie Janis wirklich aufgeben?

Im geöffneten Fenster erzeugte ihr heißer Atem Wölkchen in der klirrenden Kälte. Sie kniff ihre Augen zusammen. In der Häuserfront auf der gegenüberliegenden Straßenseite gähnten seit einem Brand vor drei Monaten schwarze Fensterlöcher. Bewegte sich da nicht etwas hinter der Mauer? Doch, da war jemand. Zunächst sah Laura nur einen Schatten … den Schatten eines Mannes … in Uniform … einen Soldaten. War das eines ihrer Hirngespinste? Seit ihrer Kindheit sah Laura gelegentlich Menschen, die bereits tot waren. In ihrer Familie war das nichts Ungewöhnliches, Tante Carmen hatte diese Gabe ebenfalls. Totenseherin zu sein war zwar lästig, aber nicht wirklich gefährlich. Man sollte seine Beobachtungen nur besser für sich behalten, das hatte Carmen ihr früh beigebracht.