Manipuliert - Keith Thomson - E-Book

Manipuliert E-Book

Keith Thomson

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Beschreibung

Der Reporter Russ Thornton ist in Washington für seine großen Enthüllungen gefürchtet. Als ihm seine frühere Geliebte, die Regierungsangestellte Catherine Peretti, Geheimunterlagen übergeben will, ist Thornton sehr überrascht, wittert aber die große Story. Doch bei der Übergabe wird Catherine vor seinen Augen ermordet. Thornton weiß, dass er nun auch in Lebensgefahr ist. Und die Killer beginnen eine gnadenlose Jagd auf ihn. Sein wahrer Feind sitzt jedoch in seinem Kopf – denn ihm wurde ein Abhörgerät implantiert …



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Seitenzahl: 495

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Buch

Der russische Wissenschaftler Sokolow, der an der Entwicklung der E-Bombe mitgearbeitet hat, wird erschossen, seine Frau wird an einen sicheren Platz gebracht. Hat der Mord etwas mit Sokolows Forschung zu tun? Der für seine Enthüllungsstorys gefürchtete Washingtoner Reporter Russell Thornton spekuliert in seinem Blog über mögliche Hintergründe der Tat. Dann erhält er einen Anruf seiner Exfreundin Catherine Peretti, die für die Regierung arbeitet: Sie habe Zugang zu vertraulichem Material, das sie ihm übergeben möchte. Doch bei dem vereinbarten Treffen wird Catherine vor seinen Augen brutal ermordet. Thornton wird schnell klar, dass nun auch er in großer Gefahr ist. Denn Catherines Killer und dessen Auftraggeber beginnen eine gnadenlose Jagd auf ihn. Thorntons einzige Chance ist es, seinen Feinden immer einen Schritt voraus zu sein. Doch Thorntons wahrer Feind sitzt direkt in seinem Kopf. Denn seine Gegner haben ihm ein Abhörgerät implantiert und sind über alle seine Pläne informiert …

Informationen zu Keith Thomson

finden Sie am Ende des Buches.

KEITH THOMSON

MANIPULIERT

Thriller

Aus dem Amerikanischen

von Jochen Stremmel

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen. Die Originalausgabe erschien 2014

unter dem Titel »Seven Grams of Lead« bei Anchor Books,

a division of Random House LLC, New York.

1. Auflage

Taschenbuchausgabe Dezember 2015

Copyright © der Originalausgabe 2014

by Keith Thomson

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2015

by Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Redaktion: Alexander Behrmann

BH · Herstellung: Str.

Satz: omnisatz GmbH, Berlin

ISBN: 978-3-641-15449-3V002

www.goldmann-verlag.de

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FÜRMOMUNDDAD

Alle kennen den Weg; wenige gehen ihn.

Bodhidharma

PROLOG

»Mr President, Flug 89 wurde nicht durch einen Blitz zum Absturz gebracht.«

»Sagen Sie jetzt nicht, dass es mit Absicht geschehen ist.«

»Nein, Sir. Es war ein Unfall.«

»Schuld der Fluglinie?«

»Eigentlich waren es Wissenschaftler in Wisconsin, Leonid und Bella Sokolow. Hat man Sie über die beiden informiert?«

»Vielleicht sollte man das tun.«

»Sie haben 1985 den Nobelpreis in Physik gewonnen. Wir haben sie vor zwei Jahren den Russen abspenstig gemacht und als Teil des HPMD-Projekts in einem betonierten unterirdischen Komplex untergebracht.«

»High Power Mass Destruction?«

»Im Grunde schon. Technisch gesehen steht es für High Power Microwave Device.«

»Die E-Bombe?«

»Ja, Sir. Der Anteil der Sokolows an der Initiative bestand darin, aus einem Flusskompressionsgenerator eine Waffe zu machen.«

»Flusskompressionsgenerator?«

»Wird auch FLUX genannt. Erzeugt einen elektromagnetischen Puls in der Größenordnung von Terawatt – rund zehntausend Mal so stark wie ein Blitzschlag – und verschmort alles halbleitende Material in seiner Reichweite, was bedeutet, dass alle elektrischen und elektronischen Systeme aufhören zu funktionieren. Das Problem von E-Bomben lag immer in ihrer begrenzten Reichweite, maximal ein halber Häuserblock. Theoretisch ist das Sokolow-Modell in der Lage, eine ganze Stadt in die Steinzeit zurückzubefördern. Alle Computer, Telekommunikation, Radarschirme, Elektrizitätswerke, Stromkabel, Lichter, Kühlschränke, Herzschrittmacher – alles Mögliche – würden zu Schrott. Maschinen würden stillstehen. Flugzeuge vom Himmel fallen …«

»Theoretisch?«

»Die Sokolows haben einen Puls erzeugt, der nur ein Zehntausendstel einer Nanosekunde dauerte. Ihr Ziel war es, eine Glühbirne am anderen Ende ihres Labors durchbrennen zu lassen, und das haben sie auch geschafft. Flug 89 war vier Meilen entfernt.«

»Dann sind die zweihundertdreißig Menschen an Bord einem Beschuss durch die eigene Seite zum Opfer gefallen?«

»Das hoffen wir aus naheliegenden Gründen für uns behalten zu können. Die Waffe selbst ist ein Wendepunkt in der nationalen Sicherheit.«

»Solange sie niemand anders in die Finger kriegt.«

»Ja, Sir. Natürlich werden wir dafür sorgen, dass es nicht dazu kommt.«

1

Midazolam, ein kurz wirkendes Beruhigungsmittel, wird normalerweise oral oder über eine Kanüle verabreicht. Canning benutzte gern eine ferngesteuerte Roboter-Stubenfliege. Als er sich in dieser milden Augustnacht hinter einer Hecke zwischen dem Lake Michigan und dem schwer bewachten Haus der Sokolows versteckte, diente ihm sein iPhone als Fernbedienung, mit der er die Robofliege durch ein teilweise geöffnetes Fenster in ein Schlafzimmer im ersten Stock jagte. Canning hatte erfahren, dass Leonid Sokolow die Seebrise der Klimaanlage vorzog, wenn er allein zu Hause war. Sokolows Frau Bella und ihre Töchter machten seit einer Woche im Blue Harbor Resort Ferien, fünfzig Meilen weiter nördlich am See.

Eine Infrarotkamera in einem der gewölbten Augen der Fliege schickte einen Echtzeit-Videofilm an Cannings iPhone. Sokolow lag mit geschlossenen Augen unter einer Steppdecke, sein weißer Haarschopf regungslos auf einem Kissen. Die Fliege würde ihm genug Midazolam verabreichen, dass er noch zehn Minuten weiterschlafen würde. In der Hälfte der Zeit würde Canning in den ersten Stock klettern und dem Wissenschaftler ein Kleinstgerät unter die Kopfhaut implantieren.

Canning ließ die Robofliege über Sokolows Oberlippe schweben. Dann tippte er auf das Display, woraufhin sich die Bauchhöhle des Insekts öffnete und einen Midazolam-Nebel freigab, den Sokolow zum größten Teil einatmete, ohne dass sein Schlaf dadurch beeinträchtigt wurde. Canning zog Midazolam konventionelleren Beruhigungsmitteln vor, weil man sich nach dem Aufwachen an nichts erinnerte. Er wusste, dass das Medikament die Atmung gelegentlich extrem verlangsamte, aber das Risiko war gering.

Trotzdem war es genau das, was jetzt zu geschehen schien.

Das iPhone zeigte, wie Sokolows Frequenz von normalen zwölf Atemzügen pro Minute bis auf vier sank. Dann hörte er ganz zu atmen auf.

Das mit der Implantierung des Abhörgeräts kannst du vergessen, dachte Canning. Wenn er den Russen nicht sofort wiederbelebte und ihn anschließend Sanitätern übergab, war sein Tod unvermeidlich. Aber der Amerikaner hatte äußerste Anstrengungen unternommen, um nicht entdeckt zu werden, angefangen mit dem Ein-Mann-Tarnkappen-Unterseeboot, das ihn hierhergebracht hatte, bis hin zu dem schwarzen Neopren, in das er von der Kapuze bis zu den Stiefeln gekleidet war und dessen Oberfläche elektronisch gekühlt wurde, damit Thermosensoren seine Anwesenheit nicht registrieren konnten. Sokolow zu retten stand nicht zur Debatte. Das operative Ziel war nun, mit seiner Tötung ungestraft davonzukommen.

Canning hatte vor langer Zeit nicht nur gelernt, dass alles, was bei einer Operation schiefgehen kann, auch schiefgehen wird, sondern auch, dass alles, was nicht schiefgehen kann, ebenfalls schiefgehen wird. Inzwischen war es ihm zur zweiten Natur geworden, alle Eventualitäten in Betracht zu ziehen. Aus dem an seinem Gürtel hängenden Beutel holte er eine Rolle extraleichtes Seil mit einem kleinen Kletteranker aus Titan am Ende, der mit einklappbaren Widerhaken versehen war. Er warf den Kletteranker auf das Dach, als sich eine Welle am Ufer brach und das Klappern der vier Widerhaken auf den Schieferziegeln übertönte. Nach einem kurzen Ruck am Seil packten drei Widerhaken den hinteren Rand eines Schornsteins. Nachdem er festgestellt hatte, dass das Seil sein Gewicht tragen würde, begann Canning zu klettern, wobei er mit seinen Zehenstiefeln Halt an den im Abstand von vierzig Zentimetern gebundenen Knoten fand.

Sekunden später schob er das Fenster auf und schwang sich in das Schlafzimmer. Er zog eine Makarow Pistolet Besshumnyy – stille Pistole – und den dazugehörigen Schalldämpfer aus dem Holster und ließ die beiden Teile zusammen einrasten. Die Pistole war mit Neun-Millimeter-Geschossen geladen, die er selber aus weichem Blei gegossen hatte. Vom Fußende des Betts aus schoss er einmal in Sokolows Stirn, und der gedämpfte Knall war nicht lauter als der Wind. Canning beobachtete, wie das zentrale Nervensystem des Russen den Geist aufgab. Kein Drama, nur ein rasches Ausblenden. Tot innerhalb von Sekunden.

Canning hoffte, dass das Bleigeschoss die Morduntersuchung in ein fruchtloses Unterfangen verwandeln würde. Aus dem gleichen Grund zog er beim Hinausgehen einen kleinen Briefumschlag aus seinem Beutel und verstreute den Inhalt auf dem Boden: Haare und Hautpartikel, die zu anderen Männern gehörten, darunter zwei verurteilte Verbrecher. Über seine Neopren- zog er ein Paar Latexhandschuhe, deren Fingerspitzen die Fingerabdrücke eines dritten Verbrechers hinterlassen würden. Er berührte das Brett am Fußende und den Nachttisch, bevor er aus dem Fenster kletterte, das Seil hinunterrutschte und den Kletteranker losmachte.

Bevor er zu seinem Ein-Mann-Unterseeboot zurückkehrte, setzte er ein batteriebetriebenes, biologisch abbaubares Richtmikrofon ins Gras.

Deshalb hörte er am nächsten Morgen in einem Motelzimmer zweihundert Meilen im Norden, wie einer von Sokolows Leuten an die Schlafzimmertür klopfte. Natürlich keine Reaktion.

Ein Team von Kriminaltechnikern des FBI traf bald darauf ein, die schnell zu dem Ergebnis kamen, dass der Mörder ein Beruhigungsmittel gesprüht hatte, um den stämmigen Wissenschaftler zu betäuben, bevor er ihm die Kugel gab.

Hätte man sich nicht besser ausdenken können, dachte Canning.

Ein paar Stunden später brachte RealStory sowohl die Nachricht von dem Mord in Wisconsin als auch die Nachricht, dass »der Mord in Wisconsin nicht irgendein gewöhnlicher Mord ist«. Russ Thornton, der maßgebliche Blogger für aktuelle Ereignisse, schrieb außerdem:

Das Bleigeschoss ist merkwürdig. Bleigeschosse sind sowohl überholt als auch nicht umweltfreundlich, weswegen sie in diesem Jahrhundert nicht im Handel erhältlich gewesen sind. Wirklich merkwürdig daran ist das Gewicht des Geschosses, laut Angaben des FBI 108,0266 Gran. Ein Gran ist die kleinste Einheit im Troy-System und entspricht 65 Milligramm. Neun-Millimeter-Geschosse wiegen normalerweise deutlich mehr als 125 Gran oder acht Gramm. 108,0266 Gran entsprechen exakt sieben Gramm, 7,0. Wie es der Zufall will, waren »sieben Gramm Blei in den Kopf« Josef Stalins Lösung für ein Problem. Man nimmt an, dass Sokolow in die Vereinigten Staaten importiert wurde, um für die Defense Advanced Research Projects Agency – DARPA – zu arbeiten, eine Abteilung des Pentagons, zu deren Erfolgen das globale Positionsbestimmungssystem, die Computermaus und ARPANET gehören, aus dem sich das Internet entwickelte. Daher ist dieses Geschoss möglicherweise eine Botschaft an Wissenschaftler, die noch in Russland sind und mit dem Gedanken spielen, das Land zu verlassen. Ein Sprecher des Kreml behauptete beharrlich, die Nachricht von Sokolows Tod wäre ein Schock. Der US-Marshals-Service jedenfalls hat Sokolows Familie an einen geheimen Ort gebracht.

So geheim nun auch wieder nicht, dachte Canning und lehnte sich auf seinem Stuhl vor dem Monitor zurück. Der zweite Teil seines Alternativplans – so schnell wie möglich zum Blue Harbor Resort in Sheboygan zu fahren und Bella Sokolowa das ursprünglich für ihren Mann bestimmte Abhörgerät zu implantieren – war problemlos abgelaufen. Canning hatte mithören können, wie die Marshals sie und ihre beiden Töchter in Windeseile zu einem sicheren Haus in Cleveland brachten.

Er wandte sich wieder Thorntons Posting zu. Einer Quelle des Bloggers zufolge verglich das FBI den Mord an Sokolow mit der 2006 erfolgten »Neutralisierung« Alexander Litwinenkos, eines anderen russischen Emigranten.

Perfekt, dachte Canning.

Von einem Computer in seinem New Yorker Apartment aus schaffte es Thornton, eine Innenansicht der Strafverfolgungs- und der Geheimdienst-Gemeinde zu liefern, die präziser war als die der meisten Insider. Cannings eigene Quellen stimmten mit Thorntons Bericht hinsichtlich der Irreführung des Bureau überein. Und der Direktor von DARPA, dessen Gespräch im Oval Office im Anschluss an den Absturz des Flugs 89 Canning abgehört hatte, war kein bisschen schlauer.

Leider war Thorntons Posting damit nicht zu Ende. Als Canning weiterlas, verwandelte sich seine Genugtuung in Besorgnis.

Dass das Sieben-Gramm-Geschoss ein Ablenkungsmanöver sein könnte, ist ebenfalls eine Überlegung wert. Mörder sind normalerweise nicht besonders erpicht darauf, Hinweise auf ihre Identität zu hinterlassen. Es könnte sich also lohnen, amerikanische Agenten mit Dienstzeit in Russland oder anderen Möglichkeiten, an solche Geheimnisse aus der Sowjet-Ära zu kommen, unter die Lupe zu nehmen.

Canning hatte tatsächlich von »Onkel Joes Gegenmittel« erfahren, als er in Moskau stationiert gewesen war. Um den Blogger musste man sich kümmern.

2

Zwei Monate später beendete das FBI die investigative Phase des Falls Sokolow.

Das ist PR-Kauderwelsch für »in einer Sackgasse gelandet«, tippte Thornton auf seiner Tastatur. Diese Entwicklung kam für ihn nicht überraschend. Die Erfolgsquote des Bureau, wenn es darum ging, Mörder der Justiz zu überantworten, lag bei knapp 62 Prozent, eine dadurch etwas geschönte Zahl, dass sie auch Fälle einbezog, bei denen die Mörder von Anfang an geständig waren. Er wollte diese Information gerade seiner Kolumne hinzufügen, als sein Telefon klingelte und die Anruferkennung im Display JOHNSON, JANE anzeigte. Er kannte niemanden mit diesem Namen, aber seine Informanten benutzten häufig Prepaid-Handys und entschieden sich für alltägliche Namen, wenn sie die minimalen Benutzerdaten eingaben, die unbedingt erforderlich waren. Was durchaus sinnvoll war. Wenn man versucht, der National Security Agency aus dem Weg zu gehen, gibt man nicht LINCOLN, ABE an.

Thornton meldete sich mit »Nachrichtenbüro« – das ihm auch als Ersatz-Schlaf-/Arbeitszimmer diente –, woraufhin er zum ersten Mal seit zehn Jahren Catherine Perettis Stimme hörte.

Als wären es nur ein oder zwei Tage gewesen, sagte sie: »Hey, ich bin heute im Lande und sehne mich nach dem Grumpy. Bist du für ein Dinner um acht zu haben?«

Er lehnte sich in seinem Schreibtischstuhl nach hinten und schaute aus dem Fenster. Die chemische Reinigung im Erdgeschoss machte gerade auf und beleuchtete die Pflastersteine vor dem immer noch dunklen Häuserblock im West Village. Ein Anruf zu dieser frühen Stunde war nicht ungewöhnlich; jeder wusste, dass Thornton vor Sonnenaufgang anfing zu arbeiten, um sich über das Weltgeschehen zu informieren, das ihm während seiner vier oder fünf Stunden im Bett entgangen war. Anrufer aus seiner Vergangenheit gehörten auch zur Routine: Berichterstattung durch die Medien war eine Ware. Perettis Wahl des Treffpunkts gab ihm zu denken.

Grumpy war ihr Spitzname für das Gam Pei, ein Restaurant in Chinatown, das normalerweise voll mit Touristen war. Jeder, der in Manhattan wohnte, wusste, dass man so gut wie überall in der Stadt gut chinesisch essen konnte – außer in Chinatown. Im Gam Pei war es besonders schlecht, wie Peretti ihm erzählt hatte, als er sie zum ersten Mal dorthin zum Abendessen einlud. Zu der Zeit war er fasziniert gewesen vom chinesischen Mob, und die Vorderfenster des Gam Pei boten einen ausgezeichneten Blick auf ein offenkundiges Stammlokal der Triaden mit dem schönen Namen Goat Club.

Als Thornton Peretti zum siebten Mal ins Gam Pei zum Abendessen mitnahm, sah er zu, wie ein Taxi am gegenüberliegenden Bordstein anhielt. Wie er erwartet hatte, kam es zur Übergabe eines Briefumschlags durch einen Gorilla vom Goat Club an den Fahrgast des Taxis, in dem Thornton den Vorsitzenden Richter in einem Verfahren gegen zwei Triadenmitglieder erkannte, die angeklagt waren, die Inhaberin eines Obststands niedergeschossen zu haben, die mit ihrer Schutzgeldzahlung im Rückstand war. Thornton brachte die sich daraus ergebende Bestechungsgeschichte auf seiner (damals) winzigen Website. Am nächsten Tag erschien die Story noch einmal auf den Titelseiten jeder Zeitung der Metropolregion um New York City.

Peretti zollte Thorntons beruflichem Erfolg ihren Beifall. »Grumpy« – muffig – leitete sich von ihren persönlichen Gefühlen nach einem Jahr ab, in dem sie mit ihm zusammen gewesen war. Bevor sie an jenem Morgen sein Apartment verlassen hatte, sagte sie: »Ich will einen Freund haben, der an romantischen Bistros oder meinetwegen auch Burger Kings interessiert ist, solange ich bei ihm im Mittelpunkt stehe.«

Das war das letzte Mal gewesen, dass er etwas von ihr gehört hatte.

Über sie hatte er hingegen eine Menge gehört. Sie war eine kommende Größe am Capitol Hill, hatte es von einer Praktikantin zur Chefin des Stabs von Gordon Langlind gebracht, kalifornischer Senator und Vorsitzender des Sonderausschusses des Senats für Geheimdienstfragen. Sie hatte vielleicht einen Tipp, und angesichts der verstohlenen Kontaktaufnahme würde es ein wichtiger sein.

Thornton war neugierig. Und wie gewöhnlich hatte er keine Pläne für den Abend; weder die Einladung zur Cocktailparty im kubanischen Konsulat noch die Broadway-Premiere besaßen so viel Anreiz für ihn, wie zu Hause zu bleiben und online nach Storys zu fischen. Aber normalerweise ließ er die Finger von Storys, in die Leute verwickelt waren, die er auch privat kannte. Vom moralischen Standpunkt abgesehen ist deine Freundin mit ihren Zitaten bestenfalls so zufrieden wie mit deinem Text und deinen redaktionellen »Verbesserungen«. Was in der Geschichte des Journalismus das erste Mal wäre. Normalerweise gab’s Beschwerden.

Trotzdem konnte er den Grund von Perettis Anruf nicht ignorieren. Sie wusste, worauf sich Freunde und Angehörige von Journalisten einließen, von Exgeliebten ganz zu schweigen. Und sie hatte täglich mit Legionen von Journalisten zu tun, die zu keiner der oben genannten Kategorien gehörten und für Presseorgane arbeiteten, mit denen verglichen RealStory, trotz einer Viertelmillion Leser, ein Reklamezettel auf einer Windschutzscheibe war.

Sie war in Schwierigkeiten.

»Sehr gern«, antwortete er.

3

Um 19:39 Uhr kam Thornton aus der U-Bahn-Station Canal Street, so nahe an Chinatown, dass er den gesalzenen Fisch roch; er wusste, dass die Anwohner ihn auf den Dächern in der Sonne trocknen ließen. Bald darauf schob er die schwere Tür aus falscher Bronze auf und betrat das Gam Pei, ein dunkler Schlauch nach der neonseligen Mott Street. Als seine Augen sich an die Lichtverhältnisse gewöhnten, konnte er die rot-weißen Harlekin-Fliesen am Boden und die fast vier Meter hohe Decke aus gepresstem Blech erkennen. Das spärliche Licht trug nicht nur zum Ambiente bei, sondern sorgte auch noch dafür, dass man die Abnutzung des Mobiliars genauso wenig erkennen konnte wie die Spritzer an der Decke, bei denen es sich um Sojasauce zu handeln schien.

Unter den Drehhockern an der Bar hatte er die freie Auswahl. Er entschied sich für den gegenüber dem achtzigjährigen Barkeeper; Billy war auf sein cremefarbenes Smokinghemd gestickt, dessen Kragen mehrere Nummern zu groß für seinen Hals war.

»Was möchten Sie heute Abend trinken, Sir?«, fragte Billy mit einem starken Mandarin-Akzent. Guangzhou, hätte Thornton gewettet.

Thornton studierte die Bierkarte und bestellte eins, von dem er noch nie gehört hatte. »Ich hab mich gefragt, wie Sojasauce bis ganz nach oben spritzen konnte«, sagte er und zeigte auf das Deckenpaneel über der Nische in der Ecke.

Billy schaute nach oben und zuckte mit den Achseln – in der Manier von Schauspielern im Vaudeville-Theater an der East 12th Street.

»Ich weiß über die Schießerei Bescheid«, wagte sich Thornton vor.

Billys Augen weiteten sich. »Woher?«

Hast du mir gerade verraten, dachte Thornton. »Blut wird schwarz, wenn es trocknet.«

Billy warf Blicke nach links und rechts und murmelte: »Sind Sie Cop?«

»Nein, aber ich schreibe manchmal über sie.«

»Okay, Mister, hier keine Geschichte.«

Thornton lächelte. »Manchmal ist ein Fleck nur ein Fleck?«

»Stimmt, Fleck nur Fleck.« Billys bemühtes Lachen offenbarte vier Lücken, wo Zähne hätten sein sollen. Gar nicht so schlecht, dachte Thornton. Als er über CIA-Zahnärzte schrieb, die Agenten Backenzähne zogen und sie durch Kopien ersetzten, die zur Verwendung im Fall einer Gefangennahme mit Cyanid gefüllt waren, war er über die Statistik gestolpert, dass Erwachsenen in den Vereinigten Staaten durchschnittlich 3,28 Zähne fehlten.

Während der alte Mann den Kühlschrank durchsuchte, konzentrierte sich Thornton auf den schwarzen Strahlenkranz an der Decke und blätterte in seinem mentalen Rolodex mit den Informanten aus den Triaden, bis er einen Hauch von Lavendel einatmete. Er drehte sich um und erblickte Catherine Peretti auf dem nächsten Hocker.

»Ganz wie in alten Zeiten«, sagte sie, schob sich eine dunkelbraune Haarsträhne aus dem Gesicht und grinste.

Er glaubte einen leisen Vorwurf zu spüren, aber dieser Eindruck verflüchtigte sich rasch und machte einem Staunen Platz. Sie war so schön wie eh und je, ihre grauen Augen strahlten verschmitzt und passten gut zu den vollen Lippen, die an den Seiten wie ein Bogen geformt waren, um bei der leisesten Provokation in Lachen ausbrechen zu können. Ihre eng anliegende Jeans verriet, dass sie immer noch täglich joggte und dass es sich lohnte. Wie zum Teufel hatte er sie nur wegen ein paar Möchtegern-Mafiosi aus den Augen verlieren können?

»Wie war dein Jahrzehnt?«, fragte er.

»Ereignisreich. Zunächst mal hab ich geheiratet und zwei Kinder bekommen.«

Vor acht Jahren hatte er mit einem Gefühl des Verlusts in der Times die Bekanntmachung ihrer Hochzeit mit einem Hedgefonds-Star gelesen.

»Gratuliere«, sagte er mit gekünstelter Begeisterung.

»Mädchen Emily und Sabrina, sechs und acht, Ehemann Richard, vierzig.«

Peretti schälte sich aus ihrem Parka und nahm die Strickmütze ab, während Thornton die Veränderungen zur Kenntnis nahm. Es gab Schatten unter ihren Augen, und sie war keine Blondine mehr.

»Abgesehen von meiner Arbeit«, fuhr sie fort, »bestand mein Jahrzehnt darin, bei den Schularbeiten zu helfen, beim Ballett zuzuschauen, beim Turnen zuzuschauen, beim Schwimmen zuzuschauen und Klavierspielversuchen zuzuhören. Gelegentlich hatte ich Zeit, mir die Zähne zu putzen. Was ist mit dir?«

»Neulich wollte mich eine Frau nach dem ersten Date tatsächlich noch einmal wiedersehen.«

»Es ist beruhigend zu wissen, dass sich bestimmte Dinge nicht ändern.«

Er setzte sich gerade hin und sagte: »Eine bemerkenswerte Änderung ist, dass ich dich, vor die Wahl gestellt, in ein anderes Lokal zum Abendessen eingeladen hätte.«

»Ist der Goat Club Schnee von gestern?«

»Da ist jetzt ein Kleiderladen drin. Außerdem ist mafiamäßig gerade die Kkangpae angesagt. Ich wäre aber vor allem deswegen woanders hingegangen, weil ich ungefähr zweihundert Restaurants kenne, die dir gefallen würden.«

Sie lächelte. »Eigentlich bin ich nicht wegen des Essens hier, wobei ich noch nie wegen des Essens hierhergekommen –« Sie brach ab, als die große Eingangstür nach innen schwang. Als sie die Neuankömmlinge in Augenschein nahm – ein älteres Paar, das aussah, als wäre es gerade von einem Bingo-Abend in Peoria gekommen –, war sie sichtlich erleichtert, aber weit davon entfernt, beruhigt zu sein.

Er legte seine Hand auf ihre, aber der Ehering wirkte wie eine rote Ampel. Er gab sie wieder frei und meinte: »Sag’s mir, falls ich mir das nur einbilde: Du hast mich mit einem Wegwerf-Handy angerufen, du hast ein Pseudonym benutzt, du hast dich verkleidet, und jetzt befürchtest du, jemand sei dir gefolgt.«

Sie holte tief Luft. »Gestern Abend war ich im Park in Potomac joggen, als einer dieser ganz normalen, adretten Dads aus der Nachbarschaft in einem Goretex-Jogginganzug zu mir aufschloss und sehr freundlich sagte, meine Familie und ich würden ›große Schwierigkeiten‹ bekommen, falls ich nicht vergessen würde, was ich gerade bei der Arbeit erfahren hätte. Das würde ich auch liebend gern tun, aber zuerst musst du dieser Geschichte nachgehen.«

Thornton spürte einen vertrauten Stoß. Besser als die meisten verstanden Journalisten die Lebensweisheit der Fischer: The tug is the drug – Der Zug (an der Angel) macht süchtig. In diesem Fall wurde die Begeisterung gedämpft durch seine Erkenntnis, dass es in ihrer beider Interesse lag, die Story jemand anderem zu überlassen.

»Angesichts der diversen Mafias und Gesetzeshüter gibt es in diesem Lokal vermutlich so viele Mikrofone wie in Nashville«, sagte er. »Wir gehen besser doch woandershin.«

Als sie das Restaurant verließen, holte Thornton den Akku aus seinem Handy, damit seine Position nicht über die Daten von Mobilfunkmasten bestimmt werden konnte. So viele seiner Informanten bestanden darauf, dass es ihm zur Gewohnheit geworden war.

»Wo ist Jane Johnsons Handy?«, fragte er.

Peretti ging mit gesenktem Kopf neben ihm her, als hätten sie starken Gegenwind, obwohl der Abend weiterhin mild war. »Wurde zum letzten Mal im Abfalleimer der Damentoilette im K-Mart in Bethesda gesehen.«

»Und dein richtiges Handy?«

»In einem Zug auf dem Weg nach Florida.«

»Glückliches Handy.« Thornton ging voran die Mott Street hoch, ließ die ersten beiden verfügbaren Taxis vorbeifahren – nur zur Sicherheit –, bevor er ein drittes heranwinkte, das auf der Prince in westlicher Richtung fuhr.

Er ließ den Fahrer nach einer Reihe von Linkskurven den Weg zur Lower East Side einschlagen.

»Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand, der dreimal hinter uns links abbiegt, uns nicht beschattet, ist gleich null«, erklärte er Peretti.

»Du hast ein paar Grundkenntnisse im Spionagehandwerk aufgeschnappt, oder?«

»Was ich über Beschatter erfahren habe, lässt sich mit Z-U-E-B zusammenfassen: jemand, den man häufiger im Zeitablauf, in verschiedenen Umgebungen und in unterschiedlichen Entfernungen sieht oder der schlechtes Benehmen an den Tag legt. Beschatter sind leichter auszumachen, als du vielleicht denkst.«

»Wieso?«

»Manchmal wirken sie fehl am Platze. Manchmal benutzen sie sogar Handzeichen, um sich mit Kollegen zu verständigen. Das Problem sind die anderen Male, wenn die Beschatter sich dezent zurückhalten, die Art, die ich eher spüren als sehen würde – wenn ich das denn könnte. Um also deine Frage zu beantworten: Ich habe genug Kenntnisse im Spionagehandwerk aufgeschnappt, um in Schwierigkeiten zu geraten.«

»Sehr beruhigend.« Perettis Lachen wurde von Reifenquietschen unterbrochen. Ein Servicefahrzeug von Verizon kam hinter ihnen um die Ecke gefahren. Zu scharf.

Thornton tat so, als wäre er an einer Plakatwand interessiert, und versuchte, in den Van hineinzusehen, was aber wegen der grellfarbigen Lichter, die sich in seinen Fenstern spiegelten, nicht möglich war.

Als das Taxi das nächste Mal links auf den East Broadway abbog, fuhr der Van auf der Bowery weiter. Peretti schaute Thornton unglücklich an.

»Es ist Viertel nach acht«, sagte er. »Wahrscheinlich war es nur ein Kundendienstmann von Verizon, der es eilig hatte, weil der Typ, zu dem er fahren soll, nur bis acht Uhr zu Hause ist.«

Aber er konnte die Möglichkeit nicht ausschließen, dass der Mann von Verizon in Wirklichkeit jemand anders war, der das Taxi gerade an einen Kollegen in einem anderen Fahrzeug weitergereicht hatte. Deshalb ließ er den Fahrer seine Richtung bis zur Wall Street beibehalten, die um 8:30 Uhr für New Yorker Verhältnisse beinahe eine Geisterstadt war.

Thornton und Peretti stiegen an der Water Street aus, während das Taxi an einer Ampel im Leerlauf stand. Er suchte durch den Schleier von Autoabgasen nach jemandem außer ihnen, der ein Fahrzeug verließ. Es gab niemanden. Oder besser gesagt, niemanden, soweit er feststellen konnte.

Er führte sie einen Häuserblock nach Osten zum Pier 11, wo das städtische Brummen leiser wurde. »Ein Fährschiff zu besteigen ist noch eine gute Methode, um festzustellen, ob man verfolgt wird«, sagte er. »Ein Beschatter kriegt wahrscheinlich keine Leute auf die andere Seite des Flusses, bevor wir dort ankommen, also wäre er gezwungen, bei uns zu bleiben.« Er zeigte auf die Promenade, wo eine Handvoll später Pendler zu einer der riesigen Fähren nach Staten Island eilte.

Der säuerliche Geruch des East River war beinahe überwältigend, als er und Peretti die Gangway hinaufstiegen, die sich in drei verschiedene Eingänge verzweigte. Er dirigierte sie zu der Tür auf der linken Seite und folgte ihr dann in die Hauptkabine.

Nur ein Passagier kam nach ihnen an Bord, ein Hispanoamerikaner um die dreißig, der ironischerweise insofern einzigartig war, als keiner seiner unscheinbaren Gesichtszüge herausstach – eine Yankees-Jacke war sein einziges Unterscheidungsmerkmal. Wenn du ihm in zehn Minuten auf der Straße begegnen würdest und er inzwischen eine Mets-Jacke anhätte, dachte Thornton, würdest du ihn vermutlich nicht wiedererkennen.

Der Mann entschied sich für die Tür auf der rechten Seite, die auf das Oberdeck der Fähre führte, aber als Thornton und Peretti auf zwei der fünfhundert Formschalensitze aus Plastik im Hauptdeck Platz nahmen, war er dort, direkt auf der anderen Seite auf einer Bank unter einem der allgegenwärtigen Plakate hinter Acrylglas, das für Kammerjäger Werbung machte.

Peretti beugte sich näher zu Thornton und sagte: »Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, er war in der U-Bahn, die ich von der Penn Station genommen habe.«

Thornton spürte, wie ihm ein Frösteln den Nacken hochkroch. Er warf einen Blick auf die Widerspiegelung des Mannes in einem Fenster. Nase in einem Boulevardblatt vergraben. Ein Nebelhorn kündigte das Ablegen der Fähre an und machte es ihm unmöglich, irgendetwas anderes zu hören, selbst wenn er ein Richtmikrofon in der Zeitung verborgen hätte.

»Sparen wir uns unsere geplante Unterhaltung für das Au Bon Pain im St. George Terminal auf«, flüsterte Thornton Peretti zu. Die Verquickung von traditionellem französischem Café und McDonald’s auf Staten Island machte zu den Essenszeiten ein gutes Geschäft, aber zu dieser späten Stunde wurde dort wenig mehr umgesetzt als die eine oder andere Tasse koffeinfreier Kaffee. Jeder, der ihnen dorthin folgte, wäre leicht auszumachen.

Manhattan wurde allmählich kleiner im Kielwasser der Fähre, deren Motoren sich ruhig drehten. Thornton und Peretti plauderten darüber, was aus seinen ehemaligen Mannschaftskollegen geworden war. Er hatte früher in der Freizeit-Rugbyliga der Vereinten Nationen gespielt, in erster Linie, um an Informanten zu kommen; ihr gefielen die Spiele. Der Lavendelgeruch ihres Haars katapultierte ihn zurück in diese Jahre, die er inzwischen durch einen goldenen Filter sah.

Er spürte einen Anflug von Enttäuschung, als die Anlegestelle auf Staten Island in Sicht kam. Eine Lautsprecherdurchsage forderte alle Passagiere auf auszusteigen. Der Mann in der Yankees-Jacke war unter den Ersten, die die Fähre verließen, und wurde von einer Hispana um die dreißig empfangen, die einen aufgeregten kleinen Jungen mit einer Yankees-Kappe auf dem Kopf auf dem Arm hatte.

Peretti wandte sich mit geröteten Wangen an Thornton. »Ich hab mich wohl von meiner Einbildungskraft überwältigen lassen.«

»Besser als umgekehrt.«

Er führte sie in das Au Bon Pain, das bis auf zwei hohläugige Frauen hinter der Theke menschenleer war.

Während Peretti sich die Menütafel ansah, kam ein untersetzter Mann aus der Herrentoilette. Er trug einen schwarzen Wollmantel, eine klotzige Brille und eine eng anliegende orangefarbene Skimütze. Aus dem Mantel zog er eine schnittige Ruger, richtete sie auf Peretti und zog den Abzug durch. Der mit einem Schalldämpfer versehene Lauf hustete zweimal. Eine Rückenlehne aus Plastik überschlug sich und flog gegen die Glasscheibe an der Vorderseite des Cafés, die dabei kaputtging. Peretti ging zu Boden, als wären ihr die Bodenfliesen unter den Füßen weggerissen worden.

Thornton warf sich über sie, um sie vor einem weiteren Schuss zu schützen. Sie lag mit dem Gesicht nach unten, und ihre braune Perücke hatte sich selbstständig gemacht. Blut sickerte durch ihre blonden Locken. Es gab ein zweites Einschussloch in ihrem Parka, zwischen ihren Schulterblättern.

Der Schütze kniete sich hin und stieß dabei unabsichtlich einen Werbeständer vom Tisch, als er seine behandschuhte Linke ausstreckte, um die Patronenhülsen aufzuheben. Der Werbeständer prallte von seinem Gesicht ab und segelte durch die Luft. Er biss die Zähne zusammen und steckte beide Hülsen in seine Tasche. Dann stand er auf, schob sich die Pistole in den Hosenbund und verließ das Café.

Thornton packte Peretti an den Schultern und drehte sie um, damit er ihr ins Gesicht sehen konnte. Als er das dunkle Loch zwischen ihren Augenbrauen erkannte, bekam er einen Schock. Blut blubberte aus der Austrittswunde unter ihrem linken Schlüsselbein. Sie hatte das Bewusstsein verloren, atmete aber noch.

»Rufen Sie die Polizei an«, rief er den beiden Angestellten zu, die hinter der Theke kauerten. Dann rannte er hinter dem Killer her.

Eine Reihe von Taxis stand mit laufendem Motor unmittelbar vor dem Hafengebäude; ihre Auspuffgase ließen die Umrisse der Menschen verschwimmen, die zu Dutzenden ein- und ausstiegen. Thornton sah keine orangefarbene Skimütze, aber er entdeckte den Schützen trotzdem. Er hatte die Mütze abgenommen, doch sein gemächlicher Gang verriet ihn: Gemächlich können die New Yorker nicht.

Thornton stürzte direkt auf den Kerl zu, wurde aber langsamer, um an einem Polizisten in Uniform vorbeizugehen, dem natürlich nicht das Geringste aufgefallen war.

Der Killer winkte dem Mann in der Yankees-Jacke zu, der inzwischen den kleinen Jungen in einem Kindersitz in einem VW Vanagon anschnallte. Ein Taxi kam plötzlich hinter dem VW-Bus hervorgeschossen. Der Killer öffnete die Hintertür.

Thornton wandte sich an den Cop, um sich von ihm helfen zu lassen, aber ein dumpfes, metallisches Geräusch lenkte seine Aufmerksamkeit zurück zu dem Taxi.

Der stämmige Taxifahrer beugte sich über den vorderen Beifahrersitz und balancierte ein schwarzes Rohr von der Größe einer Papprolle für Küchenpapier auf dem offenen Beifahrerfenster. Er zielte damit auf Thornton und zog an einem Abzug. Es gab kein Klicken und keinen Mündungsblitz, aber die Luft um Thornton herum wurde heiß, und er verlor das Bewusstsein.

4

Als der Bauunternehmer Ende der achtziger Jahre das vierstöckige Arlington Financial Center hochzog, hoffte er, kleine, aber feine Finanzunternehmen aus Downtown Washington anzulocken. Es schien durchaus sinnvoll, weil so viele der Firmeninhaber in Virginia lebten. Das mit Spiegelglas verkleidete Gebäude war ein perfekter Würfel, abgesehen davon, dass dort, wo die vordere Hälfte der unteren beiden Stockwerke hätte sein sollen, nichts war – so sah es zumindest aus. Wenn man genauer hinschaute, erkannte man allerdings, dass ein Betonpfeiler die beiden oberen Stockwerke vor dem Zusammenbruch bewahrte. Kritiker lobten die kühne Architektur. Zur gleichen Zeit wurden Lagerhäuser in Downtown D. C. durch relativ anständig aussehende Gebäude ersetzt, die das Stadtviertel Foggy Bottom in Washingtons Antwort auf die Wall Street verwandelten und den Eigentümer des Arlington Financial Center zwangen, seine weitläufigen Bürosuiten in kleinere Einheiten mit niedrigeren Mieten zu unterteilen, unter anderem für ein Reisebüro, einen Kieferorthopäden und ein Heilmassagestudio. Seit zwei Monaten mietete die South Atlantic Resources GmbH – eine Lieferfirma für technisches Zubehör, falls jemand fragte – die aus drei Büros bestehende Suite in der Ecke über dem Pfeiler, die am wenigsten zugänglichen Räume des Gebäudes. Canning hatte sich South Atlantic Resources ausgedacht und einen Mietvertrag für ein Jahr unterschrieben – natürlich unter Benutzung eines Decknamens –, um Informationen mit Hilfe des Abhörgeräts zu erfassen, das er Bella Sokolowa implantiert hatte, und sein Endziel bestand im Zusammenbau seiner eigenen E-Bombe à la Sokolow.

Jeden Abend kam er von seinem normalen Job in der Stadt in die Büros von South Atlantic und hörte sich an, was das Gerät den Tag über aufgezeichnet hatte. Normalerweise begann es damit, dass Bella, die nach ihrem Aufenthalt in dem sicheren Haus in Cleveland allein in dem Haus in Port Washington, Wisconsin, lebte, mit ihrem verstorbenen Mann Leonid redete, als läge er neben ihr im Bett. Sie sprach allerdings nie über elektronische Waffen oder auch nur die Wissenschaft. Es ging nur um Erinnerungen, gemeinsame Spaziergänge am Seeufer in Jewpatorija, die Geburt ihrer Töchter, Familienurlaub – kurz gesagt: nichts, was Canning hören wollte.

Wenn sie endlich das Bett verließ, schaltete Bella unweigerlich den Fernseher im Wohnzimmer an, schaute sich stundenlang an, was gerade lief, ohne je den Sender zu wechseln, und stand nur auf, um in die Küche zu tapsen, sich frische Eiswürfel zu holen und – wie Canning vermutete – sich noch einen Wodka einzuschenken. Von ihrer Arbeit sprach sie nur, wenn sie ihren DARPA-Betreuer, einen äußerst engagierten, jungen Sachbearbeiter namens Hank Hughes, der jeden zweiten Tag anrief, darüber informierte, dass sie es nicht ertrug, ins Labor zu gehen. Ihre Töchter redeten ihr gut zu, sie solle sie doch in Miami oder Seattle besuchen kommen, wo sie mit ihren eigenen Familien lebten. Wenn das nichts fruchtete, redeten sie ihr gut zu, doch wenigstens das Haus zu verlassen. Das versprach sie ihnen, aber sie tat es nicht, nicht ein einziges Mal in den vier Wochen nach dem Begräbnis. Der Wächter am Tor erledigte die Besorgungen für sie und stellte die Einkaufstüten und die Päckchen aus der Apotheke vor der Küchentür ab.

In der nächsten Woche teilte ihr Hank Hughes telefonisch mit, dass DARPA ihr ein Labor aus Beton entweder in Seattle oder in Miami einrichten könne. Bella hielt es für einen Affront gegenüber Leonid, wenn sie ihre Arbeit irgendwo anders als in ihrem alten Labor fortsetzte, das DARPA insgeheim innerhalb von Stunden nach dem Unfall von Flug 89 demontiert hatte.

Ein paar Tage später rief Hughes wieder an und informierte sie, das alte Labor sei restauriert worden. Es wären hier noch zu viele den Nachlass betreffende Probleme zu regeln, erwiderte Bella, bevor sie sich eine weitere Woche dem Suff hingab.

Bei ihrem nächsten Gespräch berichtete Hughes Bella, dass DARPA zwei ihrer klügsten Wissenschaftler nach Wisconsin geschickt habe, um bei den Bemühungen um die E-Bombe mitzuwirken. Ob sie die beiden wohl zumindest auf den letzten Stand bringen könne?

Leonids tödlicher Unfall erwies sich als Glückstreffer, dachte Canning, während er dem Telefongespräch in seinem Büro in Arlington zuhörte und sich dabei vorstellte, wie er Bellas Details der E-Bombe von Anfang bis Ende abgriff.

Sie sagte, sie würde darüber nachdenken. Falls sie tatsächlich im Lauf der nächsten zwei Wochen darüber nachdachte, dann während sie Gameshows schaute und trank.

In dieser Woche rief der DARPA-Mann wieder einmal in der Hoffnung an, Bella dazu zu bringen, dass sie ins Labor ging. Er versuchte es mit mehreren der gleichen Ermahnungen wie in der Vergangenheit, darunter die, dass sie dem Land etwas zurückzahle, das sie und ihre Familie aus Russland hierhergebracht habe; er erinnerte sie an vertragsgemäße Gratifikationen, die Gelegenheit, die »friedenserhaltende Vorrichtung« zu vervollkommnen, die ihr und Leonids Vermächtnis darstellen würde, die Garantie für eine Reise nach Oslo, um einen weiteren Nobelpreis in Empfang zu nehmen. Wieder einmal sagte Bella nein.

Heute Morgen rief sie Hughes allerdings kurz nach dem Wachwerden an und sagte: »Na miru i smert’ krasna.«

Canning wusste, dass die alte russische Redensart bedeutete: »In Gesellschaft verliert sogar der Tod seinen Stachel.« Aber heute verstand er sie so: »Endlich ist South Atlantic Resources im Geschäft.«

Bella würde endlich wieder an die Arbeit gehen.

5

Als Thornton erwachte, ertönte ein Potpourri von elektronischen Echoimpulsen. Er lag auf dem Rücken in einem Bett mit Seitenholmen aus Metall, und sein Krankenhaushemd war schweißgetränkt. Fünf Blumengestecke standen auf der Fensterbank, und ihre Blütenblätter begannen zu welken. Als er den Kopf vom Kissen hob, löste das ein Feuerwerk heftiger Schmerzen aus. Ein intravenöser Schlauch hing an einem Beutel mit dem Etikett FENTANYL 50 MCG/ML. Er wusste, dass Fentanyl ein schmerzstillendes Mittel erster Güte war, hundertmal so stark wie Morphium. Er dachte besser nicht darüber nach, wie er sich ohne fühlen würde. Um sein linkes Handgelenk war ein Plastikband gebunden, das ihn als BALDWIN, MYERS, geb. 20/8/75, Patient der Universitätsklinik Staten Island, identifizierte. Sein tatsächliches Geburtsdatum lag mehr als ein Jahr später, aber Baldwin war der Mädchenname seiner verstorbenen Mutter. Er erwartete eine Erklärung von dem Mann, der zusammengesunken in dem Sessel zu seiner Rechten saß, FBI Special Agent Jim Musseridge, dem er ein- oder zweimal bei seinen Recherchen begegnet war.

»Wie lange?«, krächzte Thornton. Es fühlte sich an, als hätte ihm jemand ein Schwert in den Hals gesteckt.

»Immerhin, Sie haben Ihre scharfe Beobachtungsgabe nicht verloren.« Musseridges Schroffheit war fast so stark wie sein Brooklyn-Akzent. »Die Blumen sind von Ihrem Uncle Sam und gehören zur Tarnung, zu Ihrem Schutz. Seitdem Sie einen Kopfsprung auf den Bürgersteig vor dem Anlegeplatz der Fähre gemacht haben, sind viereinhalb Tage vergangen.«

Thornton verspürte die Neigung zum Widerspruch. Doch seine eingerosteten Fähigkeiten spielten nicht mit.

Die Falten in Musseridges grauem Straßenanzug ließen darauf schließen, dass auch er eine Zeit lang im Krankenhaus gewesen war. Vielleicht auch nicht. Im Gegensatz zu der gegenwärtigen Generation Yoga-schlanker G-Men ähnelte Musseridge mit seinen mehr als vierzig Jahren einem Linebacker alter Schule, an dem ein neuer Anzug nach wenigen Minuten zerknittert wirkt.

»In Ihrem Kopf ist es zu Blutungen gekommen«, fuhr Musseridge fort. »Sie mussten operieren, um den Druck zu senken.«

Thornton fuhr sich mit den Fingerspitzen über die Kopfhaut. Er spürte stachlige Stoppeln und eine Bandage mit einer Naht darunter.

»Zum Glück haben Sie einen harten Schädel. Aber Sie haben etwas Kotze geschluckt, und das hat zu einer Lungenentzündung geführt, weshalb man Sie zweiundsiebzig Stunden lang an ein Beatmungsgerät anschließen musste. Das klingt alles vermutlich nicht sonderlich gut, aber die meinen, Sie sollten in ein oder zwei Tagen entlassen werden.«

Thornton erlebte unverhofft einen Flashback: der Mann in dem Mantel, der mit einer Ruger in der Hand aus der Herrentoilette auftauchte.

Als er den Knopf für die Anhebung des Kopfteils fand, drückte er darauf, um sich in eine aufrechte Position zu befördern. Zu langsam. Er biss die Zähne zusammen, um den Schmerz zu ertragen, benutzte die Seitenholme als Hebelansatz und zog sich hoch. »Was ist mit Catherine?«, fragte er.

Musseridge schaute auf seine abgetragenen Budapester. »Sie hat’s nicht geschafft. Tut mir leid.«

Thornton hoffte, er hätte sich verhört. »Gibt es ein Begräbnis?«

»Heute Abend gibt es eine Totenwache in Maryland.«

»Um wie viel Uhr?« Thornton versuchte, aus dem Bett zu steigen. Das Zimmer schien zu kippen.

Der FBI-Mann hielt ihn fest. »Sie werden da nicht hingehen können, Kumpel.«

Thornton kam zu demselben Schluss und ließ sich wieder in die Matratze sinken.

»Was hatte Ms Peretti hier überhaupt zu suchen?«, fragte Musseridge.

»Dieselbe Frage wollte ich Ihnen stellen.« Thornton bemerkte einen jungen Mann, der im Flur auf und ab ging. Die kurz geschorenen weißblonden Haare und ein eleganteres Modell von Musseridges Anzug gaben ihn als FBI-Agenten zu erkennen. Wo es einen von ihnen gab, war der Zweite normalerweise nicht weit. Warren Lamont, wenn Thornton sich nicht irrte. Von seinen Kollegen »Corky« genannt, die ihn damit aufzogen, dass er Surfer hätte werden sollen.

»Wir wär’s, wenn Sie mir zunächst Ihre Geschichte erzählen?«, sagte Musseridge.

Thornton hielt seinen Bericht so umfassend, wie er konnte, wobei die einzige relevante Information seines Wissens den Jogger in Potomac betraf, der Peretti gedroht hatte. »Ich habe keine Ahnung, was sie mir erzählen wollte«, schloss er mit Bedauern.

Obwohl Musseridges Krawatte keiner Korrektur bedurfte, zog er sie straffer. »Das Bureau hatte gehofft, Sie könnten ein bisschen mehr beitragen als das.«

»Es wäre hilfreich, wenn ich wüsste, woran sie für den Geheimdienstausschuss des Senats gearbeitet hat. Eine Terrorbedrohung, vielleicht ein mexikanisches Kartell …«

»Die Antwort könnte sich in einem der achtzehnhundertvierundfünfzig geheimen Dokumente befinden, die sie in den vierundzwanzig Stunden vor ihrem Tod eingesehen haben mag. Oder irgendwo anders. Leider hat sie kein Tagebuch geführt. Wir haben uns alle ihre Anrufe und E-Mails angesehen: kein einziger Hinweis. Angesichts unserer Gespräche mit ihren Kollegen, Freunden und Verwandten könnte man annehmen, dass sie das Opfer eines zufälligen Gewaltakts wurde.«

»Abgesehen davon, dass der Täter eine Ruger Mark III mit Schalldämpfer hatte und dass er sie mit einer Selbstverständlichkeit benutzte, als machte er das jeden Tag.«

»Ja, abgesehen davon. Wir haben die Geschosse aus der Wand geholt.«

»Irgendwas rausbekommen?«

»Zweiundzwanziger Long Rifle, Unterschall, Hohlspitz – ziemlich genau das, was man erwarten würde.« Musseridge drehte seinen Ehering. »Nichts deutete darauf hin, dass ein Mensch mit den Geschossen in Berührung gekommen ist, seit sie die Remington-Fabrik verlassen haben – wenn man vom Opfer absieht.«

»Also haben Sie absolut nichts über den Typ?« Thornton ging davon aus, dass er mehr Informationen von Musseridge erhielt, wenn er ihn in die Defensive drängte.

Der Agent seufzte. »Wir haben ein Video von einer Überwachungskamera mit dem Täter, der von den Zeugen am Tatort beschrieben wurde – derselbe Typ, den Sie beschrieben haben –, und ein Scheißbild von ihm, wie er in einem Taxi wegfährt.«

»Konnten Sie das Taxi nicht finden?«

»Die New Yorker Polizei hat es gefunden, geparkt vor einer Kneipe am Stadion.« Musseridge meinte den Richmond County Bank Ballpark der Staten Island Yankees, der einen Steinwurf von der Fähranlegestelle entfernt war. »Der Taxifahrer hatte drei Stunden an der Theke gesessen, als es zu dem Zwischenfall kam. Es gab rund fünfzig Zeugen. Er hatte die ganze Zeit die Wagenschlüssel bei sich.«

»Trotzdem muss es irgendwelche biologischen Indizien gegeben haben, oder?«

»Wir reden von einem Taxi in New York City, einem riesigen Fährterminal und einem Fast-Food-Restaurant. Da ist es schwer, Haare und Fingerabdrücke des Täters, falls er welche dagelassen hat, von den Tausenden anderer –«

Thornton erinnerte sich. »Er hat OP-Handschuhe getragen.« Die Spurensicherung könnte Fingerabdrücke in den Handschuhen sicherstellen.

»Wir haben keine gefunden, und das nicht, weil wir nicht in zahllosen Müllcontainern nachgesehen hätten. Weshalb wir uns mit Folgendem begnügen müssen.« Musseridge warf einen Blick auf den Notizblock in seinem Schoß. »Eine junge Frau, die eine wichtige Position beim Sonderausschuss des Senats für Geheimdienstfragen einnimmt, teilt ihrem Ehemann und ihren Kollegen mit, dass sie nach New York fährt, um an einer Konferenz über Sicherheitsprobleme in der Handelsschifffahrt teilzunehmen. Stattdessen trifft sie eine alte Flamme zum Abendessen in einem Touristenrestaurant, wo die beiden mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen können, dass ihnen niemand über den Weg läuft, den sie kennen. Später am selben Abend wird dasselbe Paar auf einer Fähre gesehen, in trauter Zweisamkeit.« Musseridge schaute hoch. »Das ist ein weiterer Grund, weshalb Sie schlecht beraten wären, zu dem Begräbnis zu gehen. Soweit die Medien wissen, war das tatsächlich eine zufällige Gewalttat, und wir haben Ihren Namen da rausgehalten, aber Ms Perettis Familie haben wir ihn genannt. Soweit es das Bureau betrifft, ist ein Seitensprung keine Straftat auf Bundesebene. Aber Sie müssen uns schon erzählen, wie Sie es geschafft haben, sie zu genau der Stelle mitzunehmen, wo ein Mörder auf sie wartet.«

Auf einmal fühlte sich das Krankenhausbett wie ein Zeugenstand an. Thornton wusste, dass Musseridge ein FD-302 ausfüllen würde, das erforderliche Formular für ein Vernehmungsprotokoll des FBI. Je nachdem gehörte man zu einer der folgenden Kategorien: ZEUGE, wenn der Befragte die begangene Straftat gesehen haben könnte, ZURINFORMATION, wenn der Befragte zu den Ermittlungen beitrug, oder SUBJEKT, wenn man davon ausging, dass der Befragte in die Straftat verwickelt war. Die Abruptheit, mit der Special Agent Lamont seinen Gang durch den Flur abbrach und sein Ohr zu dem Krankenbett hin spitzte, sprach für SUBJEKT.

Thornton versuchte, seine Empörung zu unterdrücken, schon weil die Feds Gereiztheit als Anzeichen von Schuld werteten. »Wir haben die Fähre genommen, weil sie befürchtete, dass man ihr folgt. Und wir waren nahe beieinander, um die Möglichkeit weitgehend auszuschließen, dass der vermutliche Verfolger uns belauschen könnte.«

»Wessen Idee war es, ins Au Bon Pain zu gehen?« Musseridge sprach das französische Wort für Brot aus wie das englische für Schmerz.

»Meine, ganz spontan.«

»Und ganz zufällig wartet dort ein Auftragskiller?«

»Worauf wollen Sie hinaus, Agent Musseridge? Exliebhaber, dem man den Laufpass gegeben hat?«

»War das Ihr Motiv?«

»Ich hatte kein Motiv.«

»Ich will Ihnen glauben, Kumpel. Die Sache, über die das Bureau immer wieder stolpert, ist folgende: Selbst wenn Peretti hundert Verfolger gehabt hätte, wie hätte der Killer wissen können, dass er in der abgelegenen Herrentoilette warten musste?«

»Gute Frage. Ich wüsste die Antwort auch gerne. Vielleicht hatte er oder sein Team uns ein Mikro untergeschoben.«

»Wir haben uns ihre Handtasche angesehen, das Café und so ziemlich alles in der Nachbarschaft genau unter die Lupe genommen. Wir haben auch die Nähte an Ihren Klamotten und Ihren Schuhen auf der Suche nach einem Peilsender aufgetrennt.«

»Der könnte sich verabschiedet haben, als ich zu Boden gegangen bin. Als ich aus dem Terminal kam, hat der Fluchtfahrer mit einer Art Hitzestrahler auf mich geschossen.«

»Hitzestrahler, was?« Musseridge schrieb mit unnötigem Druck auf seinem Notizblock.

Thornton sagte: »So was wie ein Active Denial System, eine Strahlenwaffe, die mit Mikro…«

Musseridge fiel ihm ins Wort. »Ich weiß, was ein Active Denial System ist. Haben Sie schon mal ein ADS gesehen?«

»Im Internet.«

»Ich hab eins in echt gesehen. Im Einsatz bei einem Menschenauflauf. Das Ding war fast so groß wie der Tieflader, der es transportierte.«

»Ich gehe davon aus, dass Sie keins auf dem Film der Überwachungskamera gesehen haben.«

»Nee.« Musseridge stand auf und nahm den Mantel von der Rückenlehne seines Stuhls.

Thornton wurde plötzlich von einem Déjà-vu-Erlebnis übermannt. »Moment mal.«

Musseridge wurde nur ein bisschen langsamer. »Ja?«

»Was ist mit dem Ständer auf dem Tisch?«

»Womit?«

»Im Au Bon Pain gab’s auf jedem Tisch so kleine Werbeständer für eine neue Suppe. Als der Killer sich bückte, um die Patronenhülsen aufzuheben, hat er den Ständer von dem Tisch daneben umgestoßen. Es sah so aus, als hätte ihn der an der Wange verletzt.«

Musseridge nahm den Weg zur Tür wieder auf. »Das werden wir uns mal ansehen«, sagte er ohne große Überzeugung.

6

Zwei Stunden nachdem die FBI-Agenten sein Krankenhauszimmer verlassen hatten, stützte sich Thornton gegen ein eiskaltes Geländer, das zum Gleis 13 in der Penn Station führte. Der schnaufende und grunzende Motor des Zugs nach Washington verriet ihm, dass er sich beeilen sollte, aber er konnte kaum gehen. Schwerfällig setzte er einen bleiernen Fuß vor den andern. Seine Rippen seien nicht gebrochen, nur geprellt, hatten sie ihm im Krankenhaus gesagt. Doch sobald er sich gesetzt hatte, war ihm jedes Rucken des Zugs während der folgenden dreieinhalb Stunden wie ein heißer Schürhaken in die Seite gefahren. Sein Kopf war schlimmer dran. Trotzdem grenzte die Wirksamkeit des Schmerzmittels alles in allem an Zauberei. Andernfalls wäre er nicht in der Lage gewesen, das Krankenhaus zu verlassen. Oder er wäre auf der Treppe zu seinem Apartment im dritten Stock zusammengebrochen, wo er haltgemacht hatte, um sich etwas Passendes für eine Totenwache anzuziehen.

Eine Stunde zähfließender Verkehr in einem Taxi von der Union Station nach Maryland machte die Sache nicht besser. Etwas Gutes, dachte er, hatten seine Verletzungen aber: Sie gaben ihm eine triftige Entschuldigung, nicht an einer gesellschaftlichen Veranstaltung am nächsten Wochenende teilzunehmen, zu der er einen Smoking hätte anziehen müssen.

Er stieg an einer ruhigen Straßenecke in der Innenstadt aus, über die sich eine mondlose Nacht gesenkt hatte. Nachdem er einen halben Häuserblock zurückgelegt hatte, fand er die Potomac Memorial Chapel, die wie ein kleines Luxushotel aussah. Ein stattliches Gebäude im Federal Style, tadellose Einrichtung, gedämpfte Beleuchtung, auf Hochglanz poliertes Kirschbaumholz – was in seinen Augen eine ironische Unterstreichung des Unterschieds zwischen einem Hotel und einem Bestattungsinstitut darstellte: Aus einem Hotel checkte man aus.

Er schaute durch eines der hohen Bleiglasfenster. Eine Fenstertür auf der hinteren Seite der Eingangshalle bot die Teilansicht eines mit Mahagoni getäfelten Empfangsraums. Mindestens zwanzig Trauergäste warteten in einer Reihe, um den Sarg in Augenschein zu nehmen. Thornton wollte ihn auch sehen. Aber es war erst 18:36 Uhr. Er würde warten, bis die Menge der Trauernden dichter geworden war. Kurz nach sieben, nahm er an. Er wollte die Chance verringern, erkannt zu werden.

Er setzte seinen Weg durch die ausgestorbene Straße fort, wobei er mit jedem Schritt eine ganze Palette von Schmerzen verarbeitete. Die Aufschläge seines Jacketts zog er zusammen, um dem Nordostwind zu trotzen, der an den kahlen Ästen im Umkreis zerrte. Die wollene Rollmütze, die er für fünf Dollar in der Penn Station gekauft hatte, war perfekt für einen Abend wie diesen, selbst wenn er sie nicht gebraucht hätte, um sich zu tarnen. In sicherem Abstand vom Lichtschein der Laternen machte er sich auf den Weg zu einem Café an der nächsten Ecke.

Die Tür des Cafés öffnete sich weit. Ein vorzeitig ergrauter Mann in einem eleganten schwarzen Nadelstreifenanzug kam heraus. Er strahlte die Ernsthaftigkeit eines Vorsitzenden der Studentenschaft aus, die gut zu seinem vornehmen Äußeren passte, sodass die tiefen Ringe um seine Augen und seine leicht gebeugte Haltung einen Missklang ergaben. Es handelte sich um den Witwer, Richard Hoagland, erkannte Thornton. Hinter ihm kamen zwei niedergeschlagene Mädchen in schwarzen Kleidern aus dem Café geschlurft. Sie waren jüngere Versionen von Catherine Peretti, besonders die Kleinere. Emily. Catherines Geist hätte Thornton vermutlich weniger erschüttert.

Er gab keine Reaktion zu erkennen und zog die Schultern ein wenig hoch, sodass sein Mantel sich bauschte und er kräftiger wirkte. Ein Jahrzehnt, in dem ein Stück Pizza im Gehen zu seinen reichhaltigeren Mahlzeiten zählte, hatte seine beeindruckende Figur eines Schlussspielers im Rugby zu der eines Kickers schrumpfen lassen, und im Krankenhaus hatte er seiner Schätzung nach mindestens vier weitere Kilo verloren. Er wurde langsamer, um eine direkte Begegnung mit der Familie zu vermeiden, wobei er so tat, als wäre seine Aufmerksamkeit von etwas anderem in Anspruch genommen, und nickte erst reflexartig grüßend, als sie nur noch ein paar Schritte von ihm entfernt waren. Hoagland reagierte in gleicher Weise, während er in entgegengesetzter Richtung weiterging, auf das Bestattungsinstitut zu. »Geht weiter und sucht Tante Bea«, hörte Thornton ihn zu den Mädchen sagen. Peretti hatte eine Schwester, die Beatrice hieß. »Ich bin sofort bei euch.«

Dann hörte Thornton nur zwei Schritte auf dem geklinkerten Bürgersteig. Er warf einen Blick über die Schulter und sah zwei scharfe Augen, die auf ihn gerichtet waren.

»Sie hätten nicht kommen sollen, Mr Thornton«, sagte Hoagland.

Thornton wappnete sich. »Mr Hoagland, ich weiß, es ist normal, dass man das Schlimmste von einem Kerl befürchtet, der mal mit der eigenen Frau zusammen war, aber –«

Hoagland streckte ihm die offene Hand entgegen, um ihm das Wort abzuschneiden. »Ich fange noch mal von vorne an. Was ich hätte sagen sollen, war: Angesichts dessen, was ich von Ihren Verletzungen gehört habe, hätten Sie das Krankenhaus nicht verlassen sollen. Aber ich bin mir sicher, dass Catherine es begrüßen würde, dass Sie hier sind.«

Hoagland schien es auch zu begrüßen. Aber sie befanden sich in Washington, D.C., wo echte Zuneigung durch einen unverbindlichen Vorvertrag zum Ausdruck gebracht wurde. Daher blieb Thornton nervös. Er gab Hoagland die Hand und sagte: »Ich wünschte, wir würden uns zu einer besseren Zeit begegnen.«

»Eigentlich könnte das Timing nicht besser sein.«

Mit dieser rätselhaften Bemerkung drehte Hoagland sich um und beobachtete, wie Emily ihrer älteren Schwester in das Bestattungsinstitut folgte. Thornton sah in Hoagland eine sanftere Version von sich selbst. Was nicht überraschend war. Eine Frau, die als Kind eine positive Beziehung zu ihrem Vater hatte – was bei Peretti der Fall gewesen war –, wird eher von Männern angezogen, die sie auf irgendeine Weise an ihn erinnern.

Hoagland wandte sich wieder Thornton zu und fuhr fort: »Ich bin froh, dass Sie jetzt hier sind, weil ich rausfinden will, wer Catherine umgebracht hat.«

In dieser Beziehung glichen sie sich auch. Abgesehen davon, dass einer von ihnen einsah, dass er es nicht mehr in der Hand hatte. »Ich habe dem FBI alles gesagt, was ich weiß«, sagte Thornton.

»Ich wäre offen gestanden glücklicher, wenn Sie derjenige gewesen wären, der dem Killer den Auftrag gegeben hat, sie zu überfallen«, sagte Hoagland, »weil ich dann jemanden hätte, dem ich die Schuld geben kann. Aber es gibt zu viele Indizien, die dagegensprechen, nicht zuletzt, dass Catherine immer große Stücke auf Sie gehalten hat. Sie war auch ein großer Fan Ihrer Arbeit. Ich übrigens auch. Tatsächlich glaube ich, dass die Wahrscheinlichkeit, den Killer zu schnappen, am größten ist, wenn Russ Thornton sich um den Fall kümmert. Das FBI hat keinen Schimmer.«

»Ich wünschte, ich hätte mehr als das FBI.« Thornton fing an, Hoagland zu mögen, und wünschte, er könnte ihm helfen. Er hatte allerdings nicht vor, in der Sache Ermittlungen anzustellen. Seine Neugier hatte schon zu Perettis Tod beigetragen. Wenn man von der Unmöglichkeit absah, eine Story zu recherchieren, in die man selbst verwickelt war, stand zu befürchten, dass die Zahl der Todesopfer ansteigen würde, wenn er die Nase tiefer in die Angelegenheit steckte.

»Ich habe Agent Musseridge und Agent Lamont ebenfalls alles erzählt, was ich weiß«, sagte Hoagland. »Das hat leider ganze fünf Minuten gedauert. Es gab eine Zeit, in der Catherine und ich jeden Abend über unsere Arbeit gesprochen haben, aber dann bekamen wir ein Baby, dann noch eins, und dann gingen zehn Monate ins Land, ohne dass wir über etwas anderes reden konnten als darüber, dass wir mehr Windeln oder einen Liter Milch brauchten. Ich habe keinen blassen Schimmer, auf was für vernichtende Informationen sie gestoßen sein könnte. Sie vielleicht?«

Thornton kam sich vor wie ein Mitglied der Anonymen Alkoholiker, das vor einer Kneipe steht. »Es ist schwer, Vermutungen anzustellen.«

»Mit einem halbwegs akzeptablen Beispiel wäre ich schon zufrieden.«

»Könnte alles Mögliche sein«, sagte Thornton, der versuchte, das Thema abzutun.

Aber Hoagland winkte ihm zu, er solle fortfahren.

»Na ja, als Stabschefin des Geheimdienstausschusses vom Senat hatte sie, wie Sie mit Sicherheit wissen, Zugang zu Unmengen von geheimem Material. Es ist möglich, dass sie zufällig auf einen Bericht gestoßen ist, der nicht für den Ausschuss freigegeben werden sollte, oder sie könnte sich aus Berichten von zwei verschiedenen Diensten, die sich vorher nicht abgesprochen haben, irgendwas zusammengereimt haben.«

Hoagland schüttelte den Kopf. »Nach allem, was ich gehört habe, weiß der Geheimdienstausschuss weniger als Sie.«

»Oder sie behalten es für sich.«

»Haben Sie jemanden in Verdacht?«

»Nein, überhaupt nicht. Und Sie können sich darauf verlassen, dass das Bureau alle eingehend befragen wird, die etwas wissen könnten, und dann jeden einem Lügendetektortest unterzieht, bei dem sie vermuten, dass er ihnen nicht die Wahrheit gesagt hat.«

»Glauben Sie, dass diese Dinger funktionieren?«

»Mit einem guten Mann, der sie bedient, liefern sie so viele gute Ergebnisse, dass sich ihr Einsatz mehr als lohnt.«

»Aber nicht annähernd so sehr wie Ihr Einsatz, möchte ich wetten, nach all den Erfahrungen, die Sie mit Politikern und anderen berufsmäßigen Lügnern gemacht haben.«

»Wenn das nur zuträfe. Jedenfalls habe ich keinen Zugriff auf die geheimen Informationen, die Catherine zur Kenntnis genommen hat und denen man Hinweise entnehmen könnte. Außerdem führe ich keine Untersuchungen durch, sondern berichte nur darüber. Meistens sitze ich nur in meiner Wohnung rum und schaue Sachen im Internet nach.«

Hoagland starrte auf den Bürgersteig. »Was machen wir jetzt?«

Thornton hatte keine befriedigende Antwort. Um wenigstens für einen Hauch Optimismus zu sorgen, sagte er: »Es wäre hilfreich, wenn ich eine Ahnung hätte, was Catherine mir erzählen wollte.«

»Mir hat sie gesagt, sie fährt zu einer Konferenz über Sicherheitsprobleme in der Handelsschifffahrt. Das war offenbar eine Legende, stimmt’s? Das glaubt zumindest das FBI.«

Thornton zuckte mit den Achseln. »Das weiß man nie.«

»Glauben Sie, es hat irgendeine Bedeutung?«, fragte Hoagland.

»Vielleicht«, sagte Thornton, aber nur weil die Frau von dem Typ gerade gestorben war.

Die Türen des Zugs schlossen sich gerade. Humpelnd und stolpernd warf sich Thornton in den letzten Waggon und rutschte auf einen Sitz direkt hinter der Trennwand. Ohne die Energie, sich aus seinem Mantel herauszuwinden, ganz zu schweigen davon, ihn im Gepäcknetz zu verstauen, ließ er sich in die Polster sinken. Während er Union Station im Hintergrund verschwinden sah, genoss er den besänftigenden Rhythmus, den die Räder auf den Schienen schlugen. Er lockerte seine Krawatte, ließ die Augen zufallen und glitt bereitwillig in den Schlaf.

Aber das Bild von Perettis jüngerer Tochter Emily trat dazwischen. Ihr schwarzes Kleid war ihr viel zu weit gewesen. Lag es daran, dass sie es von ihrer großen Schwester geerbt hatte? Oder daran, dass sie in den letzten fünf Tagen nichts hatte essen können? Was dazu führte, dass Thornton sich wieder fragte, was zum Teufel Peretti ihm unbedingt hatte erzählen wollen.

Nach einem Besuch im Barwagen schaffte er es, in einer Stellung einzuschlafen, die ohne die drei Bourbons unerreichbar gewesen wäre: mit an die Brust gezogenen Beinen, die linke Gesichtshälfte am Fenster, die rechte Hand um den Hinterkopf gelegt.

Als er wach wurde, war es blendend hell im Zug, der bereits in der Penn Station stand. Er sah nur ein paar Fahrgäste, die alle über den Bahnsteig oder die Treppe hocheilten. Sein Schädel fühlte sich an, als wäre er mit Zement gefüllt. Seine Glieder taten so weh, dass sie nicht bloß eingeschlafen sein konnten; anscheinend waren sie innen irgendwie mit Widerhaken versehen. Als er versuchte, sich zu erheben, merkte er, dass er nach vorne fiel. Er hielt sich an dem Kopfpolster des Sitzes vor ihm fest. Die einzige andere Person, die sich noch im Waggon befand, eine ältere Frau am anderen Ende des Gangs, warf ihm einen missbilligenden Blick zu.

Er stützte sich an dem Sitz vor ihm ab, bis er aufrecht stand, und ließ das Kopfpolster los. Sein rechter Ringfinger tat ihm weh, und als er ihn in Augenschein nahm, bemerkte er eine leichte Vertiefung in der Fingerspitze. Er legte die Hand wieder um den Hinterkopf und platzierte den Ringfinger dort, wo er die letzten beiden Stunden der Zugfahrt verbracht hatte. Da war eine kleine Beule hinter seinem linken Ohr. Irgendwas unter der Haut. Ein Grießknoten, vermutete er. Normal und vollkommen harmlos. In den letzten Jahren hatte er fünf oder sechs gehabt.

Dieser hier war allerdings außerordentlich symmetrisch. Wie ein Tic Tac. Eine absorbierbare Naht? Wahrscheinlich nicht. Das Ding war nicht mal in der Nähe des Einschnitts.

Er trieb sich bis zum Ende des Gangs und riss die klebrige Schiebetür zu der kleinen Toilette auf. Ein fluoreszierender Zylinder über dem Spiegel erwachte rasselnd zum Leben und ließ senfgelbe Plastikwände sichtbar werden, die mit winzigen bourbonischen Lilien bedruckt waren. Er verdrehte den Kopf und klappte sein linkes Ohr nach vorne, um die Beule sehen zu können. Aber selbst wenn er die Haut so stark dehnte, wie er nur konnte, konnte er von dem Ding nichts erkennen. Hätte er einem Grießknoten die gleiche Behandlung zuteilwerden lassen, wäre der so deutlich wie ein Nietnagel gewesen.