Manipuliert - Teri Terry - E-Book

Manipuliert E-Book

Teri Terry

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15,99 €

Beschreibung

Alle um dich herum, alle, denen du nahe sein willst, alle, die du liebst, sterben – und es ist deine Schuld! Shay ist sich sicher, dass sie die Lösung gefunden hat, um die Seuche aufzuhalten: Sie muss sich von allen isolieren, denn sie ist die Überträgerin der tödlichen Krankheit. Im ganzen Land beginnt eine Hexenjagd nach weiteren Überlebenden wie Shay. Und dabei erkennt niemand, dass alle einer großen Verschwörung aufgesessen sind: Der wahre Verursacher der Katastrophe ist weiterhin unentdeckt und nur Shay und ihre große Liebe Kai können seine Identität enthüllen …

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EPUB

Seitenzahl: 424




eISBN: 978-3-649-62907-8

© 2018 für die deutschsprachige Ausgabe

Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Hafenweg 30, 48155 Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

First published in Great Britain in 2018 by The Watts Publishing Group

Text copyright © Teri Terry, 2018

The moral right of the author has been asserted. All characters and events in this publication, other than those clearly in the public domain, are fictitious and any resemblance to real persons, living or dead, is purely coincidental. All rights reserved. No part of this publication may be reproduced, stored in a retrieval system, or transmitted, in any form or by any means, without the prior permission in writing of the publisher, nor be otherwise circulated in any form of binding or cover other than that in which it is published and without a similar condition including this condition being imposed on the subsequent purchaser.

Originalcopyright © 2018 by Teri Terry

Originalverlag: Orchard Books

An Imprint of Hachette Children’s Group

Part of The Watts Publishing Group Limited

Originaltitel: Deception

Aus dem Englischen von Petra Knese

Covergestaltung: Anne Sent, unter Verwendung eines Motivs von Jonas Hafner

Lektorat: Sara Mehring

Satz: Sabine Conrad, Bad Nauheim

www.coppenrath.de

Teri Terry

Aus dem Englischenvon Petra Knese

Eine erfolgreiche Täuschung durchläuft fünf Stadien –Schock, Empörung, Prüfung, Nachsicht, Akzeptanz –und führt unweigerlich zur Verehrung. Täuschung kann derWahrheit dienen, genauso gut kann Wahrheit auchdie Täuschung aufdecken … alles nur eine Frageder Betrachtungsweise.

Xander, Manifest des Mulitiversums

INHALT

TEIL 1: SCHOCK

1 SHAY

2 CALLIE

3 SHAY

4 CALLIE

5 SHAY

6 CALLIE

TEIL 2: EMPÖRUNG

1 KAI

2 CALLIE

3 KAI

4 CALLIE

5 KAI

6 CALLIE

7 KAI

8 CALLIE

9 KAI

10 CALLIE

11 KAI

12 CALLIE

13 KAI

14 CALLIE

15 KAI

16 CALLIE

17 KAI

18 CALLIE

19 KAI

20 CALLIE

21 KAI

22 CALLIE

23 KAI

24 CALLIE

25 KAI

26 CALLIE

TEIL 3: SHAY

1 KAPITEL

2 KAPITEL

3 KAPITEL

4 KAPITEL

5 KAPITEL

6 KAPITEL

7 KAPITEL

8 KAPITEL

9 KAPITEL

10 KAPITEL

11 KAPITEL

12 KAPITEL

13 KAPITEL

14 KAPITEL

TEIL 4: NACHSICHT

1 CALLIE

2 KAI

3 CALLIE

4 KAI

5 CALLIE

6 KAI

7 CALLIE

8 KAI

9 CALLIE

10 KAI

11 CALLIE

12 KAI

13 CALLIE

14 KAI

15 CALLIE

16 KAI

17 CALLIE

18 KAI

19 CALLIE

20 KAI

TEIL 5: SHAY

1 KAPITEL

2 KAPITEL

3 KAPITEL

4 KAPITEL

5 KAPITEL

6 KAPITEL

7 KAPITEL

8 KAPITEL

9 KAPITEL

10 KAPITEL

11 KAPITEL

12 KAPITEL

13 KAPITEL

TEIL 6: VEREHRUNG

1 KAI

2 CALLIE

3 SHAY

4 KAI

5 CALLIE

6 SHAY

7 KAI

8 CALLIE

9 SHAY

10 KAI

11 CALLIE

12 SHAY

13 KAI

14 CALLIE

15 SHAY

16 KAI

17 JENNA

18 SHAY

19 KAI

20 JENNA

21 SHAY

22 KAI

23 JENNA

24 SHAY

25 KAI

26 SHAY

27 KAI

28 SHAY

29 KAI

30 SHAY

31 KAI

32 SHAY

33 KAI

34 SHAY

35 KAI

36 SHAY

37 KAI

38 SHAY

Selbst ein Ende hat immer einen Anfang.

Xander, Manifest des Multiversums

Bitte erschieß mich nicht, bitte erschieß mich nicht, bitte …

Mein Herz schlägt so langsam, dass ich fürchte, es könnte vor lauter Angst gleich stehen bleiben.

Aber es ist eher die Zeit, die stehen bleibt. Das Blut, das mir durch die Adern schießen sollte, wartet. Über mir hängt ein Vogelschrei in der Luft, zerfällt in einzelne Töne, die sich wieder vereinen. Wenn sich das bisschen Leben, das mir noch bleibt, in diesen kleinen Dingen misst, dann sollen sie langsam vonstattengehen, so langsam wie möglich, um meine Zeit auf Erden auszudehnen.

Bitte erschieß mich nicht, bitte erschieß mich nicht …

Das Entsetzen und die Unschlüssigkeit des Soldaten arbeiten gegen mich: ein Kaleidoskop von Gefühlen, gemalt auf Wellen, ähnlich wie Schall, und Farben zeigen, wie es in diesem Moment in ihm aussieht, wie er wirklich ist. Vox hat Dr. 1 diese Gefühlsaura genannt. Und der Soldat fürchtet sich nicht nur vor der Krankheit, sondern auch vor mir. Er kämpft dagegen an, denn was er gleichzeitig sieht, ist einfach ein Mädchen, das mit ausgestreckten Händen vor ihm im Dreck kniet.

Doch wer könnte es ihm verübeln, wenn er jetzt abdrückt?

Bitte erschieß mich nicht, bitte …

Die Versuchung, seine Aura anzugreifen – seine Hände unter Kontrolle zu bringen, ihn zu Boden zu zwingen, ist groß. Aber dafür hätte ich Kai nicht zu verlassen brauchen. Ich will ja schließlich, dass mir die Verantwortlichen zuhören. Erfahren, dass Überlebende wie ich Träger sind und dass die Epidemie hier in einem unterirdischen Labor auf der Insel ihren Anfang genommen hat. Wenn ich die Wache angreife, würde mir garantiert niemand mehr Gehör schenken.

Aber vielleicht wissen die Soldaten auch Bescheid. Vielleicht ist der Stützpunkt der Royal Airforce auf den Shetlandinseln sogar Teil des Vertuschungsversuchs und es bringt alles nichts.

Bitte …

Der Soldat packt die Waffe noch fester.

Mir wird ganz schwindelig. Ich halte die Luft an, ich atme erst wieder, wenn ich weiß, was er vorhat.

In seiner Aura tut sich was, die Farben werden kräftiger: Er hat einen Entschluss gefasst.

Nach wie vor lässt er mich nicht aus den Augen, nimmt aber die Hände von der Waffe, als er sich zu seinem Funkgerät beugt.

Ich sinke zu Boden oder breche vielmehr zusammen, atme tief durch. Ich höre den Mann reden, verstehe aber nicht, was er sagt.

Sei tapfer, Shay. Sei so tapfer, wie Kai es in dieser Situation wäre.

Obwohl mein Herz wieder normal schlägt, fühlt es sich an, als würde es rasen; mein Atem geht flach und schnell. Erschöpft von dem wenigen Schlaf der letzten Tage und dem anstrengenden Nachtmarsch, lege ich mich einfach auf den Rücken und schaue in den blauen Himmel. Meine Schutzmauer steht, falls Callie mein Verschwinden schon bemerkt hat, deshalb nehme ich die Welt um mich herum auch nur gedämpft wahr.

Stattdessen konzentriere ich mich auf mich, vertiefe meinen Atem langsam wieder. Und obwohl ich Angst habe, drifte ich vor Erschöpfung in diesen seltsamen Zustand ab, der vor dem Schlaf kommt.

Weiß Kai schon, dass ich fort bin? Dass ich ihn hintergangen habe?

Vielleicht schläft er auch noch.

Ich stelle mir vor, wie er mit geschlossenen Augen daliegt, die dunklen Wimpern auf den Wangen, sanft geht sein Atem, ein zartes Lächeln umspielt die Lippen in wohligen Träumen.

Und dann taucht mein Traum-Ich auf, fährt ihm mit den Fingern durchs Haar, streichelt seine nackte Brust, spürt das Herz schlagen.

Klonk.

Ich halte inne. Was war das?

Klonk. Ein scharfes Geräusch, als würde Metall über Stein schrammen.

Ich bin verwirrt, kehre zurück ins Hier und Jetzt, zu meinem Körper am Boden.

Es sind Schritte. Jemand kommt.

Ich verdränge die Müdigkeit und setze mich auf.

Zwei Männer und eine Frau, von Kopf bis Fuß in Schutzanzüge gekleidet, nähern sich mir. Hinrichtungskommando oder Begrüßungskomitee? Durch die Schutzanzüge nehme ich sie nur diffus wahr, ihre Auren sind zwar vorhanden, aber wie abgeschnürt.

Die Frau macht den Anfang.

»Guten Morgen. Ich bin Dr. Morgan. Und wer bist du?«

»Shay McAllister.«

»Unserem Wachposten hast du erzählt, dass du eine Überlebende der Aberdeen-Grippe bist. Und eine Trägerin.«

»Ja, das stimmt.«

»Woher weißt du, dass du die Krankheit überträgst?«

»Überall, wo ich gewesen bin, ist die Krankheit ausgebrochen. Ich hatte keine Ahnung, mir ist das erst hinterher klar geworden. Wenn Sie wollen, zeige ich Ihnen auf einer Karte, wo ich wann gewesen bin, dann können Sie sich selbst ein Urteil bilden.«

Die Frau hört zu, nickt. Hinter dem durchsichtigen Visier kann ich ihre Züge ausmachen, die nichts preisgeben, doch ihre Aura verrät sie. Die Soldaten haben es gewusst oder zumindest geahnt.

»Was willst du hier auf den Shetlandinseln?«

»Den Ursprung der Epidemie zurückverfolgen. Die Krankheit stammt nicht aus Aberdeen. Hier unter der Erde hat alles angefangen.«

Die Soldaten sehen sich an. Der Gedanke an etwas Unterirdisches scheint sie zu ängstigen, aber warum, kann ich ihrer Aura nicht entnehmen.

»Dann komm mal lieber mit uns«, sagt die Soldatin. Nach kurzem Zögern reicht sie mir die Hand.

Ich greife zu und rapple mich auf. Der Anzug ist kalt, metallisch, ihr Griff unter dem Handschuh nur undeutlich spürbar. Falls ihre Hand warm ist, so dringt es nicht durch den Stoff.

»Wir haben nicht genügend Schutzanzüge für den gesamten Stützpunkt, also müsstest du bitte einen anziehen. Einverstanden?«

Einer der beiden Männer trägt einen Anzug über der Schulter. Er reicht ihn mir.

»Die Größe habe ich wohl in etwa richtig eingeschätzt.« Die Soldatin zeigt mir, wie ich in den Anzug komme. Als er sich über meinem Kopf schließt, sträubt sich alles in mir. Der Helm rastet ein und verschließt sich automatisch. Die Frau erklärt mir, wie der Anzug zu bedienen ist und wie man darin atmet. Die gefilterte Luft schmeckt fade, nicht nach Insel.

Gemeinsam laufen wir den Hügel hinab. Ich komme mir tollpatschig vor, als wäre der Boden unter meinen Füßen meilenweit weg.

Als wäre ich für immer und für alle Zeit von der Erde getrennt.

Als Kai bei meiner Rückkehr nicht im Haus ist, gerate ich in Panik. Hat er sich aus dem Staub gemacht, während ich nach Shay gesucht habe? Haben sie mich beide im Stich gelassen?

Aber nach kurzer Zeit entdecke ich ihn hinterm Haus. Er blickt von der Klippe hinunter aufs Meer. Mit verschränkten Armen steht er wie versteinert da. Er schaut nach unten, wo sich die Wellen an den Felsen brechen, als wollte er ihnen Gesellschaft leisten.

Ich habe Angst.

Lass mich nicht auch noch allein, Kai. Ich brauche dich. Ich murmele die Worte, auch wenn er mich natürlich nicht hören kann. Das konnte nur Shay und die ist jetzt weg.

Schützend stelle ich mich vor Kai an den Rand der Klippe. Wenn ich versuche, mich an ihn zu kuscheln, spüre ich wie immer nur diesen Widerstand. Ob nun Mensch, Fels oder Tür, für mich fühlt sich alles gleich an. Ich schaue Kai in die Augen. Hellbraun sind sie, in der Sonne fast grün, und sie blitzen vor Zorn und Schmerz. Er ist mein Bruder und ich kann nichts für ihn tun. Nichts, was ihn davon abhalten würde, sich von der Klippe zu stürzen. Klar könnte ich mit ihm in die Tiefe fliegen, zusehen, wie er auf die Felsen schlägt und zerschellt, blutet und stirbt, aber ich würde einfach weiterleben. Stirbt sich nicht so leicht, wenn man schon tot ist.

Und trotzdem leide ich. Shay hat uns beide im Stich gelassen. Das würde ich Kai gerne sagen. Vor lauter Wut, dass mich keiner mehr sieht und hört, heule ich auf und drohe dem Meer mit der Faust.

Kai sieht mich verwundert an. Hat er mich gehört?

Als ich die Laboranten im unterirdischen Labor angeschrien habe, weil sie meine Asche weggesaugt haben, sind sie auch zusammengezuckt. Später hat dann einer von ihnen das Lied gepfiffen, das ich gesungen habe. Ob Kai mich auch hört?

Kai! Hier bin ich! Ich brülle, so laut ich kann.

Kai runzelt die Stirn und wendet sich kopfschüttelnd ab, geht zurück ins Haus.

Vielleicht spürt er mich, wenigstens ein klein wenig, aber er glaubt nicht dran. Zumindest habe ich ihn in seinen Gedanken unterbrochen, als er aufs Meer und die Felsen gestarrt hat. Im Haus tigert er auf und ab. Aus der Hosentasche zieht er einen völlig zerknitterten Brief, der aussieht, als hätte er ihn schon tausendmal zerknüllt und wieder glatt gestrichen. Kai schaut auf das Blatt Papier, aber seine Bewegungen sind zu schnell, als dass ich mitlesen könnte. Dann steckt er den Brief wieder ein und lässt sich auf die Couch fallen.

»Callie, bist du da?«

Hier bin ich! Hier bin ich! Kaum höre ich seine Stimme, kaum sagt er Callie, möchte ich weinen.

»Shay ist fort. Und sie hat dich nicht mitgenommen, weil du lieber bei mir bleiben wolltest. Dass ich mit dir reden soll, hat sie gemeint.« Kai schlingt die Arme um sich, als wollte er etwas festhalten.

»Sie geht zum Stützpunkt der Royal Airforce und liefert sich aus. Sie will denen sagen, dass sie Trägerin ist und dass die Epidemie hier auf den Shetlandinseln begonnen hat. Falls … falls das schiefgeht, sollen wir ihr lieber nicht folgen. Wir sollen die Insel verlassen, zurück aufs Festland. Und allen erzählen, was wir über die Krankheit wissen. Nicht zulassen, dass alles vertuscht wird. Ich soll dir sagen, dass es ihr leidtut.« Kai klingt verbittert. »Als ob es das besser machen würde!« Wütend schießt er hoch, doch im nächsten Moment sackt er wieder in sich zusammen. »Shay, wie konntest du mir das antun?«, raunt er. Ich sehe, dass er gegen seine Gefühle ankämpft, sie niederdrücken will, aber seine Schultern zucken.

Und … und … dann weint er. Mein großer Bruder Kai weint?

Das ist schräg. Mir dreht sich der Magen um, ich möchte mitweinen, aber ich habe keine Tränen mehr. Und ein noch viel schlimmeres Gefühl macht sich in mir breit.

Ist es nicht meine Schuld?

Es ist meine Schuld, dass Shay gegangen ist. Denn sie hält sich für ansteckend und glaubt, dass alle, auch ihre Mutter, ihretwegen krank geworden und gestorben sind. Ich habe sie in dem Glauben gelassen. Ich habe ihr nicht die Wahrheit gesagt.

Ich habe verschwiegen, dass eigentlich ich die Trägerin bin. Ihr ist das nicht in den Sinn gekommen, weil ich ja tot bin. Wer hat schon mal von einem ansteckenden Geist gehört? Aber in allen Epidemiezentren, angefangen bei den Shetlandinseln über Aberdeen, Edinburgh und Newcastle, bin ich gewesen. Die Epidemie brach immer kurz nach meinem Eintreffen aus, also muss es an mir liegen. Als Shay später krank geworden ist, konnte sie mich sehen und hören. Außer den Sterbenden ist Shay damit die Einzige. Anschließend folgte ihr die Krankheit auf Schritt und Tritt, aber bloß, weil ich immer dabei war. In Aberdeen und Newcastle ist Shay nie gewesen. Ihrer Erklärung nach muss es dort andere Überlebende gegeben haben, aber ich habe dort niemanden getroffen.

Hätte ich ihr doch bloß die Wahrheit gesagt, dann hätte sie uns nie verlassen, aber … Nein! Ich kann nichts dafür. Für gar nichts. Dr. 1, der ist schuld. Der hat mir das angetan. Er hat mich im unterirdischen Labor mit der Krankheit infiziert. Als ich sie überlebt habe, hat er mich im Feuer geheilt und mich in das verwandelt, was ich jetzt bin.

Alles seine Schuld.

Ich habe Kai und Shay nur auf die Insel gelotst, um an Dr. 1 ranzukommen. Das war von Anfang an mein Plan.

Aber ich wollte Shay nie verlieren, ich wollte mit ihr mitgehen, sodass ich dabei bin, wenn Dr. 1 gefunden wird. Deshalb habe ich ihr verschwiegen, dass ich die Trägerin bin, sonst hätte sie ja keinen Grund gehabt, sich an die Soldaten zu wenden.

Doch nun ist sie ohne mich gegangen.

Warum? Warum hat sie mich nicht mitgenommen?

Kai weint immer noch. In mir wächst die Wut wie ein Feuerball – eine Wut, die imstande ist, die Welt zu verschlingen.

Dr. 1 soll für alles büßen.

Bevor ich den Anzug endlich wieder ablegen darf, sperrt man mich in eine hermetisch abgeriegelte Kammer. Das Gefühl von Enge bleibt, auch hier kann ich nicht richtig durchatmen. Eine Wand besteht aus Glas, sehr dickem Glas.

Auf der anderen Seite der Glaswand steht Dr. Morgan mit zwei Männern, nicht denen von vorhin, sondern älteren. Alle drei tragen Uniformen. Von ihrer Unterhaltung verstehe ich nichts.

Ich klopfe an die Scheibe. Erst reden sie noch weiter, doch dann greift Dr. Morgan nach einer Fernbedienung und ich höre sie auf einmal laut und deutlich.

»Hallo, Shay. Tut mir leid wegen der Trennwand. Fühlst du dich wohler ohne diesen Anzug?«

Ich zucke mit den Achseln. »Ja, schon.«

Dr. Morgan lächelt, aber es wirkt befangen.

»Also, Shay, wir haben ein paar Informationen über dich eingeholt.« In den Händen hält sie ein Tablet. »Du wirst in einem Mordfall gesucht. Und hier steht auch, dass du als immun registriert bist.«

»Ich habe niemanden umgebracht!« In dem Moment wird mir klar, dass das ja nicht stimmt. Sind meinetwegen nicht viele, sehr viele Menschen gestorben? Seufzend verschränke ich die Arme vor der Brust. »Ich habe den Jungen nicht erschossen, wollte ich damit sagen.«

Dr. Morgan nickt. Sie hat ihre Gesichtszüge sorgsam unter Kontrolle, aber ihrer Aura entnehme ich, dass sie mir nicht glaubt.

Nein! Das kann doch nicht wahr sein! Glaubt mir jetzt keiner, wegen dieses abgekarteten Spiels des ASR?

Ich klammere mich an den Tisch, der zwischen mir und der Scheibe steht, und beuge mich vor. »Hören Sie. Sie müssen mir zuhören.«

»Das tun wir ja«, sagt sie.

»Ich hatte die Grippe. Ich dachte, ich muss sterben. Meine Mutter ist gestorben.« Den Schmerz darüber verdränge ich. »Und dann sind wir zurück nach Killin ge…«

»Wir? Du und Kai Tanzer, der ebenfalls gesucht wird, weil er auf mysteriöse Weise aus einer Zelle in Inverness verschwunden ist? Weißt du, wo er sich befindet?«

»Nein. Jedenfalls habe ich einfach behauptet, immun zu sein, so wie Kai. Wir haben im Krankenzelt in Killin ausgeholfen, als dieser schmierige Leutnant vom ASR auftauchte …«

»ASR?«

»Alternatives Spezial-Regiment.«

Dr. Morgan hebt eine Braue. Offenbar hat sie noch nie von dieser Einheit gehört. Wie kann das sein? Auch wenn wir uns auf einem Stützpunkt der Royal Airforce befinden, müsste sie doch davon gehört haben. So getrennt können doch Luft- und Bodenstreitkräfte nicht sein.

»Jedenfalls hat dieser Leutnant, Kirkland-Smith heißt er angeblich, also, der hat behauptet, er wüsste, dass ich eine Überlebende sei. Er sagte, er wolle mich mitnehmen, damit sie die Epidemie untersuchen können, aber das war gelogen. Sie wollten mich umbringen.«

»Woher wusstest du, dass er gelogen hat?«

»Das wusste ich einfach.«

»Verstehe. Dann machen wir mal ein kleines Experiment. Ich erzähle dir zwei Dinge, eines wahr, eines falsch. Du sagst mir, was was ist.«

»Im Ernst? Haben wir nicht Wichtigeres zu tun?«

»Tu mir den Gefallen. Bitte.«

Achselzuckend sehe ich sie an. Wenn ich sie damit überzeugen kann. »Also schön.«

»Gut. Ich heiße mit zweitem Namen Hannah. Ich heiße mit zweitem Namen Helen.« Während sie spricht, konzentriere ich mich auf ihre Aura, die einzigartigen Farbwellen, die sie umgeben und die sich mit ihren Gedanken und Gefühlen wandeln. Als sie Helen sagt, nehme ich silberblaue Wellen wahr, die sich echt anfühlen. Bei Hannah gerät ihre Aura in Aufruhr, Senf- und Grüntöne stören die Einheit. Das ist gelogen.

»Bei Hannah haben Sie gelogen. Sie heißen Helen mit zweitem Namen.«

»Die Chancen standen fifty-fifty«, meint einer der Männer, die bislang geschwiegen hatten. »Versuch’s noch mal«, sagt er und nennt mir zehn potenzielle Zweitnamen für sich selbst.

Ich verdrehe die Augen. »Sie heißen Monteroy mit zweitem Namen. Herzlichen Glückwunsch zu diesem skurrilen Namen. Können wir jetzt zur Sache kommen?« Er nickt.

»Beeindruckend«, meint Dr. Morgan. »Also schön, nehmen wir an, du wusstest, dass dieser Leutnant lügt. Was ist dann passiert?«

»Ich bin weggelaufen. Die haben auf mich geschossen und mich am Ohr getroffen.«

»So lange ist das ja noch nicht her. Mir ist keine Verletzung an dir aufgefallen.«

»Ich habe mich geheilt.«

»Wirklich?«

»Oh Mann … sehen Sie her.« Ich beiße mir fest auf die Lippe, bis es blutet. Der Schmerz hilft mir, meine Wut im Zaum zu halten und mich zu konzentrieren.

»Sehen Sie? Ich blute.« Und dann schließe ich die Augen und strecke mich nach dem Schmerz aus, tauche nach innen – zu Blut und Gewebe, bis hin zur Ebene der Zellen, Moleküle und Atome. Atome bestehen aus Partikeln, die sich wie Wellen verhalten können, und diese Wellen lassen sich beeinflussen und verändern. Ich heile meine Lippe, wische mir das Blut weg. Die Verletzung ist nicht mehr zu sehen. »Und jetzt hat es aufgehört.«

Dr. Morgan runzelt die Stirn. »Ist das ein Trick oder so?«

»Das ist kein Trick. Als Überlebende kann man das eben.«

In ihre Aura kommt Bewegung. Sie freut sich. Fühlt sie sich durch mich bestätigt?

»Na gut«, sagt sie, »angenommen, du bist eine Überlebende. Was ist jetzt mit dem Jungen, den du erschossen …«

»Ich habe niemanden erschossen! Als ein Soldat des ASR auf mich geschossen hat, hat Duncan mich aus dem Weg gestoßen und mir so das Leben gerettet. Der Soldat hat ihn erschossen.«

»Wirklich?« Dr. Morgan glaubt mir nicht. Wenn sie mir das schon nicht glaubt, wie soll sie mir denn alles andere glauben?

Nach allem, was Kai und ich auf uns genommen haben, nachdem ich ihn sogar verlassen musste, endet es damit, dass mir keiner glaubt? Zweifel schillert aus Dr. Morgans Aura.

Und zu allem Überfluss bin ich müde, hungrig und bei diesen Wortklaubereien packt mich mehr und mehr die Ungeduld. »Jetzt halten Sie endlich den Mund! Sie drei bleiben sitzen und hören mir jetzt einfach nur zu.« Wie eine Peitsche hole ich mit meiner Wut aus und treffe ihre Auren genau dort, wo es um Sprache, Wortbildung, Aufstehen und Tätigkeiten allgemein geht. Ich unterbinde es. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als mir zuzuhören.

Und dann erzähle ich ihnen alles haarklein. Wie das ASR Kai gekidnappt hat, um mich zu schnappen; wie ich ihn befreit habe und wie wir entkommen sind. Dass ich auf die Shetlandinseln gereist bin, um der Ursache der Epidemie auf die Spur zu kommen. Von der Überfahrt auf dem Pestschiff berichte ich. Von Dr. 1 und dem unterirdischen Forschungsinstitut und von seinen Versuchen mit dem Teilchenbeschleuniger, mit dem Quantenteilchen zur biologischen Kriegsführung gewonnen wurden. Die hat Dr. 1 an Menschen getestet. Er hat Menschen damit umgebracht. Und dieser Erreger, diese Teilchen sind nach draußen gelangt und so hat die Epidemie angefangen. Ich ende damit, wann und wo ich überall gewesen bin und wie mir die Krankheit mit einem Tag Verzögerung gefolgt ist. Von Callie sage ich nichts, und auch dass Kai mit auf die Insel gekommen ist, verschweige ich, aber sonst lege ich alle Karten auf den Tisch.

Als ich endlich innehalte, bin ich erschöpft. Zum einen, weil ich alles in Gedanken noch einmal durchgemacht habe, zum anderen, weil ich drei Menschen gleichzeitig kontrollieren musste. Ich gebe sie wieder frei.

»Was hast du mit uns gemacht?«, fragt Dr. Morgan mit großen Augen.

»Sie wollten ja nicht zuhören. Da habe ich Sie gezwungen.«

In ihren Gesichtern spiegelt sich die Angst, da brauche ich gar nicht erst die Auren zu befragen. Die drei stürzen förmlich davon.

Wenigstens haben sie mich ausreden lassen.

Ich friere, bin müde und hungrig und schlinge die Arme um mich. Vielleicht war diese Machtdemonstration unklug. Vielleicht hätte ich meine Fähigkeiten lieber für mich behalten sollen. Aber so war es auch nicht geplant. Ich war so wütend, dass es einfach passiert ist.

Jetzt lässt es sich nicht mehr ändern.

Als ich auf meinem Stuhl schon fast eingenickt bin, kommt jemand. Die Person trägt einen Schutzanzug und tritt durch die doppelte Luftschleuse in meine Kammer.

»Hi, Shay. Ich bin hier, um dir in den Anzug zu helfen.«

»Und dann?«

»Wir fliegen dich nach England, damit du mit den dortigen Experten über die Aberdeen-Grippe beratschlagen kannst.«

Erleichterung durchströmt mich. Haben sie mir zumindest den Teil geglaubt.

Ich steige in den Anzug, den mir der Mann hinhält. Wieder muss ich eine innere Gegenwehr überwinden, am liebsten würde ich ihn davon abhalten, den Anzug zu verschließen.

»Ich stelle jetzt noch die Beatmung ein«, sagt er und macht sich am oberen Teil des Anzugs zu schaffen, bevor er mir das Kopfteil überstülpt. Mein Unwillen, dieses Ding anzuziehen, lenkt mich ab, sodass ich die Täuschung in seiner Aura erst bemerke, als es schon zu spät ist. Im Anzug riecht und schmeckt es komisch. Um mich herum dreht sich alles.

»Was … was … haben Sie gemacht?«, flüstere ich. Die Welt entgleitet mir, ich falle. Und als hätte der Mann damit gerechnet, ist er parat, ich spüre seine Hände durch den Anzug, als er mich auffängt.

Alles wird schwarz.

Am nächsten Morgen holt Kai Shays Brief wieder hervor, doch dieses Mal, um den Benutzernamen und das Passwort für eine Webseite abzuschreiben. Es geht um JIT, die Seite von Shays bester Freundin Iona, die ständig seltsames Zeug bloggt, weil sie es für Nachrichten hält. Shay hat erzählt, dass Iona Journalistin werden möchte; JIT oder Jitterbug steht für Journalistin-in-Bereitschaft.

Ganz oben auf der Seite findet sich ein Entwurf, den man nur sehen kann, wenn man intern eingeloggt ist, öffentlich ist er nicht zugänglich. Die Überschrift lautet »Shay??«.

Kai klickt drauf.

Iona: Shay, antworte mir! Mach das bloß nicht, ist viel zu gefährlich. Und woher willst du wissen, dass du Trägerin bist?

Auf einmal bin ich schrecklich eifersüchtig. Shay hat gesagt, wir sind Freunde, aber sie ist ohne mich weg. Hat sich nicht mal verabschiedet. Dabei hat sie Iona alles anvertraut!

Seufzend geht Kai auf »Bearbeiten«.

Kai: Iona, hier ist Kai. Es ist zu spät. Sie ist weg.

Er speichert. Wartet. Ist Iona online? Er lädt die Seite neu und ein neuer Post erscheint.

Iona: Nein nein nein. Geht’s ihr gut? Warum hast du das zugelassen?

Kai: Ich habe gar nichts zugelassen. Sie ist einfach abgehauen, als ich geschlafen habe. Hat mir einen Brief mit dem Login für JIT dagelassen. Ich soll ihr nicht folgen, sondern zurück aufs schottische Festland und dort allen von der Ursache der Epidemie erzählen.

Kai aktualisiert die Seite. Noch mal. Endlich:

Iona: Klingt ja alles ganz vernünftig. Aber …

Kai: Kann sein. Ist mir aber auch egal. Ich halte es für einen Fehler.

Iona: Was willst du jetzt machen?

Kai: Ich gehe zum Stützpunkt der Royal Airforce. Ich habe die ganze Nacht drüber nachgedacht. Ich muss wissen, wie es ihr geht, sonst drehe ich durch. Vorher wollte ich dir noch Bescheid geben, falls … na ja. Du weißt schon.

Iona: Verstehe. Melde dich, wenn du kannst. Sei vorsichtig.

Kai macht eine Katzenwäsche und zieht sich an. Anschließend isst er ein paar Cracker und Obst aus der Dose, viel ist nicht mehr da. Lange kann Kai also ohnehin nicht mehr bleiben.

Von der Sonne gestern ist nichts mehr zu sehen. Dunkle Wolken schieben sich über den Himmel und es nieselt. Während Kai sich vom unberührten Teil der Insel über den Sand zum verbrannten Ödland aufmacht, regnet es immer stärker. Doch er läuft unbeirrt weiter.

Ich habe Angst. Was werden sie mit ihm machen, wenn er am Stützpunkt auftaucht?

Was haben sie mit Shay gemacht?

Als ich die Insel nach ihr abgesucht habe, konnte ich sie vielleicht nicht mehr spüren, weil … weil … weil ich zu spät kam. Vielleicht hatten sie Shay schon erschossen, so wie es der Leutnant vom ASR wollte.

Der Stützpunkt der Royal Airforce ist ewig weit weg, und als wir dort ankommen, ist Kai vollkommen durchnässt. Auf dem Stützpunkt ist es ruhig. Anders als gestern ist niemand mehr zu sehen.

Kai tritt ans Tor. Seltsam, sonst stand da doch eine Wache.

Er linst durch die Öffnung, schaut sich um und tritt schließlich hindurch. Er läuft auf das nächstbeste Gebäude zu, klopft und öffnet eine weitere Tür. »Hallo?«, ruft er. Keine Antwort.

Als wären alle gegangen oder …

Da fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Habe ich hier gestern nicht alles nach Shay abgesucht? Da wimmelte es noch von Menschen und vielen bin ich sehr nah gekommen. Ich war so auf Shay fixiert, dass ich über die Folgen gar nicht nachgedacht habe.

Kai läuft weiter zu einem größeren Gebäude. Sobald ich ihm folge, höre ich ihn, den Schmerz. Es ist hier.

Kai zögert, als könnte er es ebenfalls hören. Dann betritt er das Haus.

Dort liegen sie. Schreie und Stille, die Sterbenden und die Toten. Grauen überfällt mich. Ich habe das angerichtet. Schon wieder. Nur vorher war es mir noch nicht klar, da wusste ich noch nicht, dass ich die Trägerin bin. Dass Menschen meinetwegen leiden und sterben.

Kai bleibt erschüttert in der Tür stehen. Von den Kranken sind einige noch so fit, dass sie ihn bemerken und sich umdrehen.

»Hau ab«, ruft einer matt. »Sonst steckst du dich noch an.«

Kai kniet sich neben sein Feldbett.

»Ich bin immun, ich kann mich nicht anstecken.«

»Hast du’s gut.«

»Aber vielleicht können Sie mir helfen. Eine Freundin von mir, Shay McAllister, war hier und …«

»Die Schlampe«, zischt er und Kai zuckt zurück. »Von der haben wir das. Wir alle. Die haben sie zwar in einen Anzug gesteckt, aber vorher hat es sich wohl noch ausgebreitet.« Der Mann verzieht das Gesicht vor Schmerz, dann entspannen sich seine Züge.

Er glotzt mich an. »Wer bist du?«

Ich bin Callie. Sagen Sie Kai, dass ich da bin.

Sein Blick wandert zwischen mir und Kai hin und her. »Callie ist da, sagt sie.«

Kai ist schockiert. »Können Sie sie sehen?«

»Ja. Weil ich sterbe, meint Callie.«

»Wo ist Shay?«, fragt Kai. »Was haben Sie mit ihr gemacht?«

»Nichts, aber wenn ich es gewusst hätte, hätte ich sie eigenhändig erschossen. Vor dem Ausbruch wurde sie nach Schottland geflogen.«

»Wohin hat man sie gebracht?«

»Keine Ahnung. Angeblich zu einem geheimen Royal-Airforce-Stützpunkt außerhalb der Sperrzone. Die armen Leute dort, die tun mir jetzt schon leid.«

Während der Mann mit Kai spricht, starrt er mich unentwegt an. »Was bist du?«, fragt er schließlich.

Ich rücke dichter an ihn heran. Nun ist er dem Tod schon nah.

Sprich nicht so von Shay. Sie kann nichts dafür. Ich bin dein schlimmster Albtraum. Ich verbreite die Seuche.

In dem Moment füllen sich seine Augen mit Blut. Und dann rührt er sich nicht mehr. Tot. So wie er über Shay gesprochen hat, kratzt mich das nicht.

Kai sieht sich kopfschüttelnd im Raum um. Er sprintet beinahe zur Tür, also wollte er vor all dem hier davonlaufen.

»Komm, Callie«, sagt er. »Für die Menschen hier können wir nichts mehr tun. Jedenfalls wissen wir jetzt, dass Shay nicht mehr da ist, da können wir genauso gut die Shetlandinseln verlassen.«

Mir ist jeder Ort recht, Hauptsache, weg von hier. Ich hasse diese Insel. Aber wird das, was mir hier widerfahren ist, für immer wie Dreck an mir kleben? Ekliger, schmieriger Dreck, der sich ausbreitet und überall für Leid sorgt?

»Uns bleibt nichts anders übrig, als wieder übers Meer zu fahren«, sagt Kai. »Genau wie Shay es wollte.« Leise fluchend eilt er in großen Schritten davon, bringt so viele Meter wie möglich zwischen uns und die Sterbenden.

Oben auf dem Hügel bleibt er stehen und dreht sich noch einmal um. »Haben die Leute sich wirklich bei ihr angesteckt?« Er ist aschfahl. »Oh, Shay«, murmelt er. »Wie geht’s jetzt weiter?«

Auf das Nichts folgt so etwas wie eine Ahnung. Ich bin mir meines Körpers bewusst, atme tief und gleichmäßig, bin wohlig entspannt. Ich verdränge dieses Gefühl. Ich will es nicht. Lieber schwebe ich im Nichts. Im Nichts gibt es keinen Schmerz, keinen Verlust, keine Entscheidungen und auch keinen Anlass zu handeln. Dort möchte ich bleiben.

Ein gedämpftes Geräusch erklingt. Ein Klicken.

Ich schlucke. Mir klebt die Zunge am Gaumen, ein seltsamer Geschmack …

Allmählich kehrt mein Bewusstsein zurück. Hat man mich betäubt? Wo bin ich? Jetzt kämpfe ich darum, wenigstens die Augen zu öffnen, aber die Lider sind so schwer.

Stattdessen strecke ich mich nach meiner Umgebung aus, ohne meine normalen Sinne zu gebrauchen.

Nichts.

Nichts? Wie kann das sein, dass es rings um mich kein Leben gibt?

Von Panik befeuert, habe ich nun doch die Energie, die Augen zu öffnen und mich zu bewegen. Ich schlucke wieder und huste.

Ich befinde mich in einem kleinen Zimmer in einem schmalen Bett. In der Ecke steht ein Klo, ein Waschbecken, ich bin mit einem Laken bedeckt. Und das ist alles.

Nichts, das ich erreichen kann: keine Menschen, Tiere, Insekten, nicht einmal eine winzige Spinne.

Ich rapple mich hoch. In meinem Kopf hämmert es, ich bin durstig. Am Waschbecken steht ein Becher. Ich drehe den Hahn auf und fülle das Gefäß. Mir zittern die Hände und beim Trinken geht eine Menge daneben, sodass ich auf der Brust eine kalte Spur hinterlasse.

Als ich das Wasser wegwischen will, erwartet mich der nächste Schock. Ich trage ein unförmiges Nachthemd, eine Art Krankenhauskittel, sonst nichts. Jemand hat mich ausgezogen und mir das Nachthemd angezogen, während ich bewusstlos war.

Ein Schauer durchläuft meinen Körper und macht die Übelkeit noch schlimmer. Ich schlinge die Arme um mich, aber das reicht noch nicht. Schützend hülle ich mich ins Laken ein.

Auch wenn ich niemanden spüre, habe ich dieses unheimliche Gefühl, beobachtet zu werden. Mein Blick wandert durch den Raum, jede Wand wirkt solide, Decke und Fußboden ebenso.

In dem Moment geht mir erst auf, dass es in diesem Raum keine Fenster und Türen gibt. Jedenfalls keine sichtbaren. Aber das kann doch nicht sein. Irgendwie muss ich doch reingekommen sein!

Ich kann dieses unangenehme Gefühl des Beobachtetwerdens nicht abschütteln, als würde es Fingerabdrücke auf meiner Haut hinterlassen. Ob es hier einen versteckten Wächter gibt?

Ich schlucke ein weiteres Mal.

»Hallo?«, sage ich vorsichtig. Meine Stimme ist eingerostet, als hätte ich sie schon lange nicht mehr gebraucht.

Ich versuche es noch einmal, diesmal etwas lauter. »Hallo? Ist da jemand?«

Meine Stimme wird von den nackten Wänden, dem Boden, der Decke zurückgeworfen.

Keine Antwort. Ob mich jemand hört?

In mir steigt Panik auf, Wellen, die höher und höher schlagen, ich zittere am ganzen Körper. Wo bin ich? Ich will hier nicht sein.

»Lasst mich raus! Lasst mich raus!«

Ich werde immer lauter, bis ich schließlich schreie.

Mit zitternden Händen tippt Kai bei JIT eine Nachricht für Iona.

Kai: Auf dem Stützpunkt hatten alle die Grippe oder waren schon tot. Sie glauben, Shay hätte sie angesteckt. Von einem habe ich erfahren, dass Shay vor Ausbruch der Krankheit gestern Abend ausgeflogen wurde.

Kai speichert und nimmt einen großen Schluck aus einer Rotweinflasche, die er ganz hinten im Regal gefunden hat.

Iona: Also … hatte sie recht? Ist sie wirklich eine Trägerin?

Kai: Sieht ganz so aus. Ihre Argumente klangen ja auch logisch, aber ich wollte es nicht wahrhaben.

Iona: Ich auch nicht. Hast du eine Ahnung, wohin sie sie gebracht haben könnten?

Kai: Der Typ, mit dem ich gesprochen habe, meinte was von einem geheimen Royal-Airforce-Stützpunkt irgendwo in England außerhalb der Quarantänezone. Könnte überall sein.

Iona: Okay. Ich stelle Nachforschungen an, vielleicht kann ich das Gebiet etwas eingrenzen. Was hast du jetzt vor?

Kai: Weg von den Shetlandinseln. Ich mache mich auf die Suche nach Shay. Und nach ihm, diesem Arzt, der für alles verantwortlich ist.

Iona: Wie willst du denn von der Insel runterkommen?

Kai: Die Leute, die uns im Boot mitgenommen haben, meinten, dass wir einfach zur Höhle kommen und dort einen Tag lang warten sollten. Aber das Boot hat es nicht geschafft, die sind alle an der Grippe gestorben.

Iona: Ich weiß. Shay hat es mir gesagt.

Kai: Aber ich glaube, es gibt mehr als nur dieses eine Boot. Ich mache mich einfach zur Höhle auf und warte dort. Was Besseres fällt mir nicht ein.

Iona: Okay. Melde dich, wenn es nicht funktioniert, dann finde ich einen anderen Weg, wie du von der Insel runterkommst. Da gibt es bloß noch ein Problem.

Kai: Nur eins?

Iona: Ich wollte dir vorschlagen, dass du den Laptop, den du gerade benutzt, zerstörst oder ins Meer wirfst. Sonst kann der Besitzer später deine Aktivitäten bis zu uns zurückverfolgen. Aber wenn du ihn noch brauchst, geht das natürlich nicht.

Als Iona anfängt, Kai genau zu erklären, wie er anschließend den Verlauf im Computer löschen kann, schwebe ich davon.

Von meiner Freude, dass Kai weiß, dass ich bei ihm bin, ist nicht mehr viel übrig. Er hört mich nicht und hat seit dem Stützpunkt kein Wort mehr mit mir gesprochen.

Ich gehe nach draußen. Die Sonne steht tief am Himmel, auch wenn es nicht sehr dunkel ist. Shay sagte, dass es so weit im Norden im Sommer nie richtig dunkel wird, bloß schummrig. Weiße Nächte hat sie es genannt.

Es hat aufgehört zu regnen – mir ist das sowieso egal –, und ich gehe zur Klippe, wo Kai gestern gestanden hat. Spüren tue ich den Wind nicht, aber ich sehe, wie sich das lange Gras biegt und das Meer wütend schäumt.

Spontan stürze ich mich die Klippen hinab, immer tiefer und tiefer …

Kurz bevor sich die Wellen an den Felsen brechen, bleibe ich mitten in der Luft hängen. Die Gischt spritzt umher.

In dem dürftigen Licht erkenne ich meine Hände als einen dunklen Umriss. Das Wasser spritzt durch sie hindurch, als gäbe es sie nicht, und ich merke es nicht einmal.

Das Bewusstsein, nichts berühren, nichts fühlen zu können, senkt sich bleischwer über mich. Ich taumele tiefer und tauche ins Wasser ein. Die Ausläufer des Kliffs unter den Wellen verhindern, dass ich weiter sinke. Eigentlich müsste das Wasser ziemlich kalt sein, aber ich spüre immer noch nichts.

Wenn ich wie Kai von der Klippe springen könnte, damit alles ein Ende hätte, würde ich das tun?

Dunkelheit. Tod. Mehr bin ich nicht. Wem würde es was ausmachen, wenn ich für immer hier unten bliebe? Kai weiß nur durch andere, dass es mich noch gibt. Wenn ich jetzt ginge, würde er es gar nicht bemerken.

Ohne Shay hätte auch Mum nicht gewusst, dass ich noch da bin. Ich habe Mum verlassen, nur um Kai zu begleiten. Sie fehlt mir so sehr.

Und mein Vater? An den kann ich mich nicht mal erinnern. Alles, was ich weiß, habe ich schon wieder nur von Kai und Shay erfahren. Er heißt Dr. Alex Cross, ist Kais Stiefvater und Kai kann ihn nicht leiden. Er glaubt, dass mein Vater was mit meinem Verschwinden zu tun hat. Aber was spielt das überhaupt für eine Rolle, wenn ich mich ohnehin nicht erinnere?

Ich habe nichts. Ohne Shay weiß keiner, dass es mich gibt.

Aber trotzdem ist da noch etwas in mir, etwas, das mich antreibt, diesen Ort zu verlassen. Auch wenn ich die Kälte des Meeres und die Wärme der Sonne nicht spüre, dieses Gefühl brodelt in mir. Heiß, rot und stark.

Wut.

Im Haus oben kracht es.

Kai?

Panisch sause ich die Klippe hinauf zurück ins Haus. Kai steht im Wohnzimmer, der Teppich, die Wand, alles ist in Rot getaucht, aber es ist nicht schlimm, es ist kein Blut. Bloß Wein. Überall liegen Scherben auf dem Boden verteilt. Offenbar hat Kai die Flasche mit aller Kraft an die Wand geworfen.

Mit geballten Fäusten steht er da, und auch wenn er mich nicht wahrnimmt, stelle ich mich mit geballten Fäusten neben ihn.

Er kann mich nicht hören, er kann mich nicht sehen, aber wir stehen das gemeinsam durch.

Wut reicht nicht aus, um meine Gefühle für Dr. 1 zu beschreiben. Er hat die Krankheit erschaffen, die mich und Shay verändert hat. Er hat mich geheilt, mich im Feuer verbrannt, sodass ich zu dem geworden bin, was ich bin.

Zusammen werden Kai und ich ihn aufspüren und dann wird er leiden.

Menschliche Gefühle und Reaktionen auf einen Reiz sind meistens vorhersagbar, nicht aber ihr anschließendes Handeln. Das wird nur selten von den Gesetzen der Logik oder der Evolution beeinflusst.

Xander, Manifest des Multiversums

Unterwegs zu sein, ist besser, als rumzusitzen. Der Regen tut auch gut: lieber nass sein und frieren, das lenkt ab.

Noch immer fühlt sich mein Brustkorb wie zugeschnürt an, aber wenn ich schnell laufe, muss ich ja atmen, muss mein Herz ja schlagen.

Noch mal verpatze ich es nicht. Darf ich nicht.

Ich finde dich, Shay.

Und dann? Was dann?

Das dann kann warten. Erst muss ich sie finden.

Als ich die kleine Wiese oberhalb der Klippen erreiche, wo Shay an mich gelehnt in der Sonne geschlafen hat, versagen mir die Beine.

Sofort spüre ich wieder ihren warmen Körper, rieche ihr Haar, das noch nass vom Wasserfall war. Genau hier ist es gewesen.

Los. Weiter.

Diesmal klettere ich direkt die Klippe hinunter und nehme nicht den leichteren Weg über die Felsspalte. Es hat aufgehört zu regnen, aber ich rutsche trotzdem auf den glitschigen Steinen weg.

Mit Händen und Füßen versuche ich, Halt zu finden, ramme die Hand zwischen zwei Felsen. Ein tierischer Schmerz, aber ich lasse nicht los. Mit den Fußspitzen suche ich zu beiden Seiten nach Halt, damit ich meine Hand entlasten kann. Und dann höre ich im Geist einen Schrei, ein Echo, so wie gestern, als ich hinterm Haus auf der Klippe stand.

»Bist du das, Callie? Keine Angst, mir passiert schon nichts.«

Etwas vorsichtiger klettere ich weiter, unten inspiziere ich meine Hand. Bloß eine Fleischwunde, blutet ein bisschen. Kein Ding.

Wäre Mum hier, würde sie mir sicher Wundspray und Pflaster verpassen. Mir fällt wieder die Situation in Callies Zimmer ein, als ich mich an dem Glasteddy geschnitten hatte und Mum sich um meine Wunde gekümmert hat. Sie wünschte, all meine Wunden wären so leicht zu verarzten, meinte sie damals. Doch sie werden nur schlimmer und schlimmer.

Das Wasser ist noch nicht ganz aufgelaufen. Als Shay und ich vom Ruderboot hier abgesetzt wurden, stand es höher, dafür war es nicht so stürmisch. Soll ich warten, bis sich die See beruhigt? Unschlüssig schaue ich aufs Meer.

Bleib in Bewegung.

Ich ziehe T-Shirt und Jeans aus, wickle sie in Plastik und packe sie in den Rucksack zu den Wasserflaschen und den restlichen Lebensmitteln, die ich im Haus noch finden konnte.

Als ich den Fuß ins Wasser tauche, muss ich losfluchen. Es ist so scheiße kalt. Am besten kurz und schmerzlos! Ich mache ein paar Schritte ins Wasser und stürze mich dann rein.

Der Schock schnürt mir den Atem ab, und alles in mir sträubt sich, die Arme auszustrecken und zu schwimmen. Ich will wieder raus aus dem Wasser, mich aufwärmen.

Ich kraule, so schnell ich kann, um wieder Gefühl in Arme und Beine zu bekommen. Bald habe ich die Bucht und auch die Felsen hinter mir gelassen, das Wasser wird tiefer. Hier ist auch mehr Wellengang. Die Höhle liegt vor der Küste links, aber sobald ich in die Richtung schwimme, muss ich gegen die Strömung ankämpfen, die mich nach rechts treibt. Also schwimme ich noch etwas aufs Meer hinaus, nehme leichten Kurs nach links in den immer heftiger schlagenden Wellen.

Mit jedem Zug wird es schwerer. Mir tanzen schon Sterne vor den Augen.

Erschöpft schließe ich die Augen, lasse mich ein wenig treiben und vom wirbelnden Wasser davontragen. Meine Gedanken sind diffus und sprunghaft. Shays, Mums und Callies Gesicht tauchen kurz auf und …

NEIN!

Ich zucke zusammen, reiße die Augen auf. Das war kein Echo mehr, eher ein Schrei.

»Alles klar, Callie. Weiter geht’s.« Ich treibe mich an, kämpfe mich nach links vor. Hier draußen auf dem Meer ist der Sog nicht so stark. Ich schwimme absichtlich an der Höhle vorbei, dann Richtung Land. Sobald ich mich der Küste nähere, wird die Strömung stärker und treibt mich wieder hinaus.

Doch allmählich beruhigt sich die See. Im Schatten der Klippen schwimme ich auf den dunklen Felsspalt zu.

Am Eingang der Höhle zieht sich Kai auf einen Felsen hoch und bleibt keuchend liegen.

Ich habe das Gefühl, dass mein Atem und mein Herz ebenso schnell gehen wie bei ihm. Kai schwamm immer weiter raus, dann erlahmten seine Kräfte und er ließ sich mit geschlossenen Augen aufs Meer treiben.

Auf jeden Fall hat er mich gehört. Ist richtig zusammengezuckt, als ich ihn angeschrien habe, er solle gefälligst an Land schwimmen. Da hatte ich erst recht Bammel, denn sonst hören mich die Leute nur, wenn sie gleich sterben. War er kurz davor aufzugeben?

Ich bin so auf Kai fixiert, auf das Heben und Senken seiner Brust, dass ich es zunächst nicht bemerke.

Da ist etwas in der Höhle hinter uns.

Ein Boot. Aber es sieht ganz anders aus als das Boot, mit dem wir gekommen sind. Dieses ist weiß, schön und gepflegt, nicht so derb und schäbig. Ich erkenne die heruntergelassenen Segel – ein Segelboot.

Es ist so still. Ist da jemand?

Kai rührt sich hinter mir. Er setzt sich auf, schnauft noch immer, seine Augen haben sich wohl mittlerweile an die Dunkelheit gewöhnt. Endlich bemerkt auch er das Boot, dreht sich danach um und macht große Augen.

Das Wasser in der Höhle ist ruhig. Kai gleitet wieder hinein und schwimmt ein paar Züge auf den Kahn zu. Dann klettert er auf einen Felsen beim Boot.

»Hallo?«, ruft er.

Kein Ton zu hören.

Mittlerweile zittert Kai wie verrückt, hat Gänsehaut an Armen und Beinen. Er nimmt den Rucksack ab, holt seine Klamotten raus und kämpft damit, sie über die nasse Haut zu ziehen.

»Hallo?«, ruft er wieder. Dann hält er sich Mund und Nase zu, als würde es stinken.

Ich schwebe an ihm vorbei an Bord.

Nach kurzer Zeit entdecke ich sie.

Drei rothaarige Kinder. Eine Frau mit langem rotem Haar liegt daneben. Ihre Augen offen, starr. Noch mehr Rot, rot vom Blut. Die sind schon eine Weile tot.

Aber da ist noch jemand neben ihnen. Ein Mann. Am Leben. Ausgestreckt wäre er ziemlich groß, doch jetzt kauert er zusammengefaltet an Deck. Hat die Arme um die Knie geschlungen, wiegt sich summend mit geschlossenen Augen vor und zurück.

Hörst du mich? Keine Reaktion, entweder ignoriert er mich oder er stirbt gar nicht.

Kai erklimmt die Leiter und schaut über die Reling. Sein bleiches Gesicht wird noch fahler.

Ich kämpfe den Klumpen im Hals zurück und räuspere mich. »Hallo. Darf ich an Bord kommen?«

Keine Antwort. Einzig das sanfte Schlagen der Wellen und die gedämpften Schreie der Möwen sind zu hören. Und das unmelodiöse Summen des Mannes, der keinerlei Notiz von mir nimmt. Mit geschlossenen Augen wiegt er sich neben Menschen, die wohl seine Familie waren. Unwillkürlich muss ich immer wieder hinschauen.

Natürlich habe ich schon etliche Tote gesehen. Ich habe Leichen jeden Alters, jeder Größe und Statur zum Scheiterhaufen geschleppt, erst in Newcastle, dann in Killin. In den Augenblicken konnte ich es immer ausblenden, aber die Toten verfolgen mich. Wenn ich zur Ruhe komme, lauern sie schon in meinem Kopf, kriechen aus den hintersten Ecken hervor und erscheinen in meinen Träumen.

Trotzdem habe ich so etwas noch nie erlebt. Der Mann hat die Leichen vor sich auf dem Deck drapiert und dort liegen sie offenbar schon eine ganze Weile. Verwesung hängt in der Luft, dieser grauenhafte Gestank von verrottetem Fleisch. Er brennt sich in die Nase und in mein Gehirn, und ich weiß, dass auch diese Toten mich heimsuchen werden, und ich kann nichts dagegen tun.

Das Boot ist ein Mausoleum und ich möchte am liebsten Reißaus nehmen.

Doch ich kann den Mann nicht allein lassen. Keine Ahnung, wie lange er schon hier ist, aber er hat sich nicht angesteckt, also muss er gegen die Krankheit immun sein. Wenn ich ihn hier allein mit den Geistern der Toten zurücklasse, verhungert er.

Ich steige an Bord, mache einen Bogen um die Toten und trete zu dem Mann mit den schmalen Schultern und dem dunklen Haar. Er lässt den Kopf hängen.

»Wie heißen Sie?«, frage ich.

Er schaut nicht auf, antwortet auch nicht, aber sein Summen gerät kurz ins Stocken.

»Ich bin Kai.«

Diesmal bewegt er den Kopf ein wenig. Er sieht mich einen Moment lang an.

Ich setze mich neben ihn, lehne mich an die Reling. »Ist das Ihre Familie? Das tut mir leid.«

Keine Reaktion. Er summt ein wenig lauter, als wollte er mich ausblenden.

»Brauchen Sie etwas zu trinken?« Ich ziehe die Wasserflasche aus meinem Rucksack, halte sie ihm hin, stupse ihn an. Er zuckt zusammen, sieht auf.

»Bitte.« Ich halte ihm die Flasche an den Mund, benetze seine Lippen. Er leckt sich darüber, legt den Kopf in den Nacken, und ich halte die Flasche so, dass er trinken kann. Er schluckt, hustet, dreht den Kopf weg.

»Das hat doch alles keinen Sinn«, raunt er. »Ich warte auf den Tod. Das hilft doch nicht.«

»Fühlen Sie sich denn krank?« Er schüttelt den Kopf. »Sie müssen immun sein wie ich.«

Keine Antwort. Er schlingt die Arme wieder um die Knie, wiegt sich. Auch ich lehne mich wieder zurück. Es gibt nichts, womit ich ihm helfen könnte. Ich kann mir nicht mal ausmalen, welche Schmerzen er gerade empfindet. Ich bin so hilflos und plötzlich ist da wieder diese Wut. Das Blut schießt mir durch den Körper und ich balle die Fäuste. All dieses Leid! Was dieser Familie widerfahren ist und Callie und so vielen anderen auch – all die Toten, die ich zum Scheiterhaufen getragen habe. In England und dem übrigen Teil von Schottland sieht es wahrscheinlich inzwischen noch schlimmer aus.

Und jemand ist dafür verantwortlich. Das ist keine Laune der Natur, kein mutierter Grippevirus oder ein neuer Erreger von einer Mücke oder einem Affen aus dem Urwald. Jemand hat ihn erschaffen.

Ich schlage mit der Faust auf den Boden und schreie meine Wut heraus.

Der Mann dreht sich erstaunt um, hört auf zu summen.

Ich kann nicht aufhören, schlage noch mal zu. »Das ist so ungerecht! Was mit Ihrer Familie passiert ist, mit Ihnen. Mit mir. Mit der Welt. Das ist nicht fair!«

»Alles meine Schuld«, wispert der Mann. »Sally wollte schon vor Ewigkeiten fort.« Seine Stimme ist heiser, und ich fange mich wieder ein wenig, halte ihm die Wasserflasche hin. Diesmal nimmt er sie selbst in die Hand, trinkt einen großen Schluck und reicht sie mir zurück. »Ich wollte bleiben, dachte, das klärt sich schon, die finden ein Gegenmittel. Uns geschieht schon nichts. Als mich meine Frau endlich überredet hatte, war es zu spät. Die Kinder wurden bereits unterwegs krank.«

»Und was wollen Sie dagegen machen?«

»Wogegen? Was meinst du?«

»Hören Sie zu.«

Er schüttelt den Kopf, schlingt die Arme um die Knie, schaukelt. Summt wieder.

Aber ich erzähle ihm trotzdem alles. Von Shay, dass sie eine Überlebende ist und was wir auf den Shetlandinseln wollten. Wo die Krankheit ihren Anfang nahm, nämlich hier in einem unterirdischen Labor. Dass jemand diese Krankheit mit Absicht erschaffen hat, dass die Armee irgendwie mit drinsteckt. Dass die Schuld haben und nicht er. Dass Shay sich der Royal Airforce ausgeliefert hat, sobald ihr klar wurde, dass sie Trägerin ist. Dass wir jetzt zurück aufs Festland nach Schottland müssen, damit endlich die, die dafür verantwortlich sind, bezahlen.

Er schaut mich die ganze Zeit nicht an. Tut so, als gäbe es mich nicht, als gäbe es ihn nicht, als gäbe es gar nichts.

Als ich fertig bin, herrscht Schweigen. Langes Schweigen.

Doch dann hält er inne.

Er schaut nicht auf. Sagt irgendwas, was ich nicht verstehe, weil er mit den Knien vorm Gesicht nuschelt.

»Was haben Sie gesagt?«

Er blickt mich an. Noch immer ist er blass, aber in die trüben Augen ist Leben gekommen, ein Funken Wut, Feuer.

»Bobby. Ich heiße Bobby.« Er hält mir die Hand hin und ich packe sie, halte sie fest.

Bobby lehnt sich an mich und weint.

Es gibt noch ein kleines Rettungsboot und darein legen sie Bobbys Familie. Kai versucht, Bobby zu helfen, doch der will es allein machen, nimmt sich lange Zeit, damit alle richtig liegen – die beiden Mädchen an der Seite der Mutter und der kleine Junge auf ihrem Bauch. Die Kinder bekommen ihr Lieblingsspielzeug dazu. Als er sie dann mit zitternden Händen in eine weiche Decke einschlägt, steht ihm die Liebe und Fürsorge ins Gesicht geschrieben, auch noch, als er sie mit Benzin übergießt. Bobbys Tränen sind getrocknet, als hätte er alle verweint, doch Kai sieht aus, als würde er jeden Moment zusammenbrechen.