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Nach „Männer-Freunde-Liebespaare” versammelt der Autor hier 15 Porträts bekannter und unbekannter, schwarzer und weißer amerikanischer Queer Autoren. Der Leser erfährt interessantes, manchmal intimes, über: Walt Whitman, Edward Albee, Langston Hughes, James Baldwin, Truman Capote, Tennessee Williams, Gordon Merrick und andere. Dabei macht er sich die These der amerikanischen Muse vieler Autoren in Paris, Gertrude Stein zu eigen, wonach es eine „gay sensibility” gibt, die queere Autoren allgemein empathischer macht für Menschen, die im Tiefsten unglücklich sind. Carson McCullers sprach von „loneliness and unrequited love“, von Einsamkeit und unerwiderter Liebe. Die Menschen in den Gedichten, Theaterstücken und Romanen sind zwar manchmal schrullig, aber ihr oft tragisches Schicksal wird von den hier porträtierten Autoren mit besonderem Verständnis geschildert.
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Seitenzahl: 103
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Dieter Allers
Mann sehnt sich nach Mann
Schwarze und weiße amerikanische Queer Autoren
Von Dieter Allers bisher erschienen:
MÄNNER - FREUNDE – LIEBESPAARE Biographische Skizzen
ISBN print 978-3-86361-608-3 Auch als Ebook
Dieter Allers
Aufgewachsen in Berlin ging der Autor in den 1960 Jahren zum Architekturstudium mit seinem Partner Heinz nach München. Gemeinsam bauten sie neue Wohnhäuser und restaurierten denkmalgeschützte alte Häuser in München, Augsburg, Potsdam und Berlin. In Italien, auf der Insel Elba fanden sie bald „ihren Süden“. Dort bauen, schreiben und leben beide bis heute einen großen Teil des Jahres.
Dieter Allers veröffentlichte "Gelber Stern- Rosa Winkel - Schwarze Haut" (2008), Erfahrungen und Texte über die Verfolgung der Juden, Homosexuellen und Schwarzen besonders in der Nazizeit.
"Elbaner Porträts", ein "Italienischen Notizbuch „Menschen, Orte und Elbaner Trüffel (2009) und sein "Berlin-(Film)Memoir" (2011), zuletzt "Menschen im Haus" (2014) Biografien einiger Bewohner der Franz-Joseph-Straße 19 in München, darunter die jüdischen Eheleute Schuster, für die 2016 zwei Stolpersteine im Hauseingang verlegt wurden.
Himmelstürmer Verlag, Ortstr. 6, 31619 Binnen
Himmelstürmer is part of Production House GmbH
www.himmelstuermer.de
E-mail: [email protected]
Originalausgabe, Frühjahr 2021
Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages
Rechtschreibung nach Duden, 24. Auflage.
Coverfoto: Nach einer Zeichnung von Thomas Weczerek
Umschlaggestaltung: Olaf Welling, Grafik-Designer AGD, Hamburg.
www.olafwelling.de
E-Book-Konvertierung: Satzweiss.com Print Web Software GmbH
ISBN print 978-3-86361-882-7
ISBN epub 978-3-86361-883-4
ISBN pdf: 978-3-86361-884-1
Why else do we live to be loved and remembered by those we love.
Tom Spanbauer
Für Heinz
Inhaltsübersicht
Erste Begegnung mit Swing, Jazz und amerikanischen Autoren
Von Walt Whitman zu Edward Albee
Harlem Renaissance - schwarz- weiß – queer
Langston Hughes und Carl van Vechten
James Baldwin
Melancholischer Süden
Truman Capote
Tennessee Williams
Carson McCullers
Männer aus dem Midwest
William Inge
Tom Spanbauer
Men’s stuff - Männersachen
Richard Amory
Gordon Merrick
Samuel S. Steward
Rückschau – Ausblick
Ocean Vuong, Edouard Louis
Ausgewählte Bücher und Autoren
Biografien, Autobiografien, Interviews
Verzeichnis der Abbildungen
Dank
Glenn Millers Big Band Swing In the mood, der flottere Chatanooga Choochoo und Louis Armstrongs When the Saints go marching in …” tönten aus meinem ersten eigenen Kofferradio–auch oft während der Schularbeiten. Der AFN (American Forces Network) in Berlin brachte uns Schülern mit dem amerikanischen Sound Englisch näher, als das Schulbuch Peter Pim and Billy Ball oder später Oscar Wildes The Art of being Earnest. Swing, Jazz und dann Bill Haleys Rock around the clock, war die populäre Musik meiner Jugend.
Für den Live Jazz spät abends im legendären Lokal “Eierschale” war ich noch zu jung, aber ich konnte manche Jazzstars bei ihren Konzerten im Sportpalast live erleben: Louis Armstrong’s All Stars mit der voluminösen Sängerin Velma Middleton, die vogelleicht mit ihrer großen Stimme über die Bühne tanzte, Lionel Hampton, der unglaublich schnell mit den Klöppeln über sein Vibraphon fegte und später “Jazz at the Philharmonic”, mit dem Quartett des Pianisten Oscar Petersson und der schon berühmten Ella Fitzgerald. Die Musiker waren alle schwarze Amerikaner und spielten ihren Jazz – Mahelia Jackson sang Gospel Songs, “Negro” Spirituals und alle “jazzten”, improvisierten zusammen und spielten virtuose Soli. Erst später erfuhr ich, dass Jazz als “Negermusik” unter Hitler verboten war und es Schilder gab “Swing Tanzen verboten”.
Von Karl May hatte ich gehört, aber kein Buch gelesen; wohl aber F.J. Coopers “Lederstrumpf” und Mark Twains “Tom Sawyer und Huckleberry Finn”, Bücher die mir die Großeltern geschenkt hatten. Irritiert von der Jungsfreundschaft zu dem “schrägen” Huck, der sein Leben neben der Norm lebt. Kino-Western zeigten den Kampf der weißen Siedler gegen die Indianer. Die Geschichte der Verdrängung der Ureinwohner erfuhr ich erst nach und nach im Kurs “American History”später als Austauschschüler in der High School in Oregon. Dort gab es ein Navajo Reservat. Die wenigen Indianer, die dort ärmlich und von der Zivilisation abgeschottet lebten, hatten Büffelherden, führten Besucher durchs Reservat und schnitzten Souvenirs.
Nicht mitgerissen von mancher Schullektüre – Novellen von Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer, hatte mir Hans-Jürgen von amerikanischer Literatur unserer Zeit erzählt. Er lieh mir John Steinbecks “Straße der Ölsardinen”, der deutsche Titel poetischer als der originale Cannery Row. Die Menschen in dem maroden Ort an der Küste Kaliforniens in der stillgelegten Ölsardinenfabrik – cannery - waren so gar keine amerikanische Westernhelden, sondern arme Hunde, von Steinbeck mit viel Empathie geschildert. Mit seinem Buch Grapes of Wrath (Früchte des Zorns) zerstörte er die Illusion vom Goldenen Westen und solidarisierte sich in den Jahren der Depression mit den Loosern des industriellen Fortschritts. Später mit East of Eden, einer Südstaatengeschichte zweier Kain und Abel Brüder und dem Bühnenstück Of mice and men (Von Mäusen und Menschen), der traurigen Geschichte eines Blinden, der das erwürgt, was er liebt, rundete sich das Bild Steinbecks als Menschenfreund ab. Von Mäusen und Menschen, das Schicksal des blinden Lenny, hatte mich so bewegt, dass ich drei Jahre später den Text verkürzt in der Dramaklasse der High School vortrug.
“Schau heimwärts Engel” von Thomas Woolfe war komplexer in seinen Charakteren aus den Südstaaten. Ich fühlte mich trotzdem durch die Atmosphäre an “Tom Sayer und Huckleberry Finn” erinnert. Hans-Jürgen kannte, durch seinen älteren Bruder angeregt, auch schon Ernest Hemingway’s pazifistisches A Farewell to Arms und hatte von Henry Millers vermeintlich skandalträchtigen Wendekreis Büchern wohl mehr gehört, als selbst gelesen.
Auf deutschen Theatern, auch in Berlin, wurde in den 1950 Jahren Thorton Wilders “Unsere kleine Stadt” gespielt, der ich weniger abgewinnen konnte als Eugene O’Neills Long days journey into night, eine scheinbar banale Geschichte zerstörter Illusionen einer absteigenden “middle-class family”, im Theater am Kurfürstendamm mit einer wundervollen Schauspielerin als weibliche Protagonistin, Grete Mosheim. Das Stück auch eine Geschichte zerstörter Lebensträume.
In der High-School im Leistungskurs “American Literature”, begenete ich Walt Whitman’s Gedichten in der Anthologie Grass Halms. Stolz und liebevoll mitfühlend schildert er die Tapferkeit und das Leid der Kameraden auf den Schlachtfeldern des amerikanischen Bürgerkriegs. Whitman war Sanitäter und fühlte viele Verwundete in seinen Armen sterben.
Sah ich damals schon die homoerotische Grundierung von Whitmans Dichtung? Später fand ich die Verse weniger patriotisch eher zärtlich von der comrade love, der mann-männlichen Liebe singend.
Here to put the lips upon mine I permit you
With the comrades long dwelling kiss or
The new husband’s kiss
For I am the new husband and I am the comrade.
“Leaves of Grass”, Poster
Walt Whitman, Stahlstich (Samuel Hollyer)
Die Mitschüler des Literaturkurses schenkten mir zum Abschied Nabokov’s gerade herausgekommene Lolita mit von allen unterschriebener Widmung in bester Absicht, nichts von meinen aufbrechenden queer Neigungen ahnend.
Höhepunkt zum Abschied von Amerika war eine Theatervorstellung am Broadway. Sweet Bird of Youth (Süßer Vogel Jugend), die erste Begegnung mit Tennessee Williams. Das Drama der alternden Diva, ihre Leidenschaft für den etwas rotzigen jungen Mann war für den noch nicht 18jährigen nicht so eindrücklich wie die Hauptdarstellerin Geraldine Page.
Zurück in Berlin gab es am Schlosspark-Theater Stücke von William Saroyan wie My heart is in the Highlands und William Inges “Komm zurück, kleine Sheba”. Friedlich, sensibel, aber nicht so harmlos, wie die Titel vermuten lassen.
In der gerade eröffneten Werkstatt des Schillertheaters kam Edward Albees Einakter “Zoogeschichte” 1959 als Erstaufführung heraus. Auch Albees zweiter Einakter “Der Tod von Bessie Smith” wurde in Berlin erstaufgeführt, bevor er in New York reüssierte. Das Stück thematisiert den Tod der schwarzen Bluessängerin, die vor dem Eingang der Notaufnahme des Hospitals nach einem Verkehrsunfall starb, weil sie als Farbige nicht eingelassen wurde.
In der “Zoogeschichte” war der junge Schauspieler Thomas Holtzmann der Jerry, ein etwas gammeliger Outsider, in Jeans, Hände oft in den Gesäßtaschen. Jerry spricht einen auf der Parkbank sitzenden braven Bürger namens Peter an, provoziert ihn im Gespräch mit Fragen und erzählt ihm nach und nach sein gescheitertes Leben. Die Geschichte endet schließlich mit Jerrys absurden Selbstmord, indem er Peter sein Messer aufdrängt und sich dann selbst darein stürzt. Irritiert, aber mit Verständnis für beide, verlässt der Zuschauer das Theater.
Zwei Jahre später wurde Albees “Wer hat Angst vor Virginia Woolf?” ein großer Erfolg und in vielen Theatern gespielt. Die Verfilmung mit Elisabeth Taylor und Richard Burton wurde dann ein Welterfolg. Die messerscharfen, manchmal ironischen dann böswilligen, auch wieder zärtlichen Dialoge in diesem Ehekrieg spiegelten auch den Zeitgeist einer urbane Oberschicht in den 1950 Jahren, in der Albee selbst in New York aufgewachsen war.
1928 als uneheliches Kind in Washington geboren, wurde er kaum einen Monat alt von einem kinderlosen, wohlhabenden Reed A. Albee, Erbe eines Tourneetheaters, adoptiert. Mit zwölf schrieb er eine “erotische Farce” und entdeckte seine Homosexualität. Er wuchs mit der Theatertruppe an verschiedenen Orten reich, aber in häuslichem Unfrieden, auf. Später meinte er, die Albees seien keine guten Eltern und er kein guter Sohn gewesen. Sein Collegestudium brach er ab und verließ mit Zwanzig das Elternhaus. Obwohl finanziell unabhängig, macht er Gelegenheitsjobs und schreibt für Zeitschriften.
Als schon bekannter Autor trifft er bei einem Besuch in Chicago Mitte der 1960 Jahre abends im Park einen jungen Mann aus der Provinz, Tom Bianchi. Sie unterhalten sich angeregt, mögen sich und landen schließlich in Albees Hotel im Bett. Für den jungen Mann ist es das erste Mal, und er ist Albee dankbar. Sie bleiben auch nach ihrer Affaire Freunde. Albee bestärkt den jungen Jurastudenten, das zu tun, was er eigentlich tun wollte: malen. Tom Bianchi wurde nach einer kurzen Anwaltskarriere mit seinen Polaroids vom Beach auf Fire Island Männerfotograf, malte und sammelte Kunst. Er hat seinem “Erwecker” Albee nach dessen Tod 2016 einen anrührenden Nachruf auf seine Website gestellt.
Edward Albee
Albees Dramatisierung von Carson McCullers’ “Ballade vom traurigen Café” war sehr erfolgreich am Broadway. In dieser dramatisierten Fassung wurde die Geschichte und damit Carson McCullers mehr Menschen bekannt. Man könne die Gesellschaft nur kritisieren, wenn man Außenseiter ist, meinte Albee. Trotz seiner vom absurden Theater Becketts und Ionescos beeinflussten schwarzen Komödien um Geschlechterkampf und Diskriminierung bleibt sein Blick auf die Figuren immer mitfühlend. Sein letztes Stück The Play about a Baby wurde erst im Jahr seines Todes aufgeführt.
Albee selbst lebte offen schwul. Aber er wollte nicht als “gay author” gesehen werden, sondern als Schriftsteller, der auch gay ist. Er wurde auch nach Stonewall kein Aktivist in der Gay community und lebte nach einer Beziehung in den 1950 Jahren später über 30 Jahre zusammen mit einem Bildhauer bis zu dessen Tod in ihrem Haus in Montauk bei New York.
Im Gegensatz dazu hatte Thornton Wilder, der Albee zum Stücke schreiben ermuntert hatte, selbst Furcht, seine Homosexualität zu leben, geschweige denn, sie öffentlich zu machen. Er diskutierte Homosexualität in der Antike und Literatur als akademisches Argument erst mit Thomas Mann und einen Tag darauf mit dem jungen Kollegen Samuel S. Steward eine halbe Nacht lang in Zürich, um schliesslich mit ihm in Wilders Hotelbett zu landen. Dies wiederholte sich im Verlauf vieler Jahre mit Steward in Chicago. Wilder blieb closeted. (Briefe Wilders an Samuel S. Steward)
Wilders Biografen wollen seine sexuelle Inklination bis heute nicht sehen oder tun sie als irrelevant ab. Als ob die Sexualität - sein Doppelleben -nicht für das Werk wichtig sind. Wilder selbst hatte vor seinem Tod Stewards Briefe an ihn vernichtet.
„Loneliness and unrequited love“
Bei der Recherche für “Männer-Freunde-Liebespaare” fiel mir auf, dass viele von mir geschätzte Autoren nicht zu den “Paaren” gehörten oder nur zeitweilig einen Partner hatten, wie James Baldwin, Bruce Chatwin oder Tennessee Williams. Beim tiefer in ihre Biografien eintauchen stellte ich fest, dass ihnen gemeinsam eine große Menschlichkeit, eine besondere Sensibilität ist Gertrude Stein sprach von einer “gay sensibility“ allerdings oft verbunden mit einer tief sitzenden Traurigkeit, Einsamkeit, Depression und ebenso oft der Kampf dagegen mit Drogen, Medikamenten, Alkohol und ihrer oftmals fatalen Kombination, um weiterschreiben und leben zu können. Einige starben frühzeitig an den Folgen von Drogen.
Neben dem gesellschaftlichen Tabu “der Liebe, die ihren Namen nicht nennen darf” (Oscar Wilde) steht das persönliche Tabu aus der christlich-jüdischen Prägung, “dass nicht sein kann, was nicht sein darf”. So stand dem in der US Verfassung garantierten “pursuit of happiness” dem Dichter Hart Crane, dem Beatnik Jack Kerouac und dem Dramatiker William Inge dieses persönliche Tabu im Wege, sich offen homosexuell zu verwirklichen. Nur betäubt von Alkohol oder Drogen geschah gelegentlich, wonach sie sich sehnten, Sex mit einem Mann.
