Männer verstehen das nicht - Emma Flint - E-Book

Männer verstehen das nicht E-Book

Emma Flint

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Beschreibung

Neue beste Freundin gesucht

Männer verstehen vieles nicht, dazu muss eine Freundin her. Nur blöd, dass Ninas Freundin Pia sich mit ihrem Traummann in die USA verabschiedet hat. Damit hat sie gegen § 16 des »Gesetzbuches für beste Freundinnen« verstoßen: Diese dürfen sich nie verlassen. Nun ist niemand mehr da, mit dem die stellvertretende Chefredakteurin eines Frauenmagazins stundenlang quatschen kann. Zum Beispiel über ihren eifersüchtigen Kerl. Aber wie findet man eine neue beste Freundin? Und zwar ohne dass Florian etwas davon mitbekommt?

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Seitenzahl: 423

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Emma Flint

Männer verstehen

DAS BUCH

Männer verstehen vieles nicht. Warum Frauen Schuhe lieben. Warum Frauen Filme toll finden, die sie zum Heulen bringen. Und warum Frauen ohne beste Freundin nicht leben können. So geht es jedenfalls Nina, deren Freundin Pia in die USA ausgewandert ist. Ohne Pia fühlt sie sich einfach nicht vollständig. Da kann auch ihr Freund Florian nicht helfen. Also macht sich Nina auf die Suche nach einer neuen besten Freundin. Doch die Suche nach einer Traumfrau erweist sich als ziemlich kompliziert. Denn Florian hat nun mal überhaupt kein Verständnis dafür. Und dann taucht auch noch ausgerechnet jetzt dieser süße Typ namens Henrik auf. Eines ist klar: Um solche Probleme zu lösen, braucht man eine beste Freundin!

Frauenunterhaltung mit einem besonderen Dreh von der Erfolgsautorin von Hübsch in alle Ewigkeit.

DIE AUTORIN

Emma Flint, geboren 1975 in Bonn, hatte schon vor ihrem Sportstudium ein Faible für Geschichten, die das Leben schreibt, und für Geräte mit Tastatur. Der Beruf der Kassiererin verband beides. Da nach Einführung der Scannerkassen diese angestrebte Karriere an Attraktivität verlor, blieb nur noch der Laptop, um beiden Leidenschaften gleichzeitig nachzugehen. Emma Flint lebt als freie Journalistin in Köln. Und manchmal schreibt sie als Hanna Dietz, zum Beispiel Soll das ein Antrag sein?, Lexikon der unnützen Küchengeräte oder in Muttermafia und Friends.

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Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

Originalausgabe 07/2011 Copyright © 2011 by Emma Flint Copyright © 2011 dieser Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Redaktion: Christiane Wirtz Umschlaggestaltung: Eisele Grafik-Design, München Umschlagfoto: © Paolo Castaldi Satz: Uhl + Massopust, Aalen

eISBN 978-3-641-19542-7V001

Inhaltsverzeichnis

Buch und AutorinCopyrightKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Kapitel 25Kapitel 26Kapitel 27Kapitel 28Kapitel 29Kapitel 30Kapitel 31Kapitel 32Kapitel 33Kapitel 34Das Gesetzbuch für beste Freundinnen

1

Wo steht eigentlich geschrieben, dass man für einen Mädelsabend auch Mädels braucht? Nirgendwo. Eben. Seit Pia weg ist, mache ich die Mädelsabende halt in kleinster Besetzung. Mit mir allein. Das ist genauso gut. Nein, sogar besser! Niemand, der so laut kichert, dass ich dauernd Grey’s Anatomy zurückspulen muss, weil ich mal wieder nur die Hälfte mitgekriegt habe. Niemand, der mir die Strawberry-Cheesecake-Eiscreme wegfuttert. Und auch niemand, der so blöde Witze reißt, dass ich anschließend mit zusammengepressten Oberschenkeln zur Toilette humpeln muss, um mir vor Lachen nicht in die Hosen zu machen. Nein! Ich kann mich gemütlich entspannen und hab trotzdem viel Spaß. Der Prosecco und ich, wir amüsieren uns prächtig. Endlich kann ich ihn auch wieder mit Aperol aufpeppen, was Pia verabscheut hat. Und ich muss mir auch nicht mehr dauernd anhören, dass mein Freund Florian egoistisch sei und ich aufpassen müsse, in der Beziehung nicht zu kurz zu kommen. Nur weil er unseren letzten Urlaubsort ausgesucht hat! Dabei ist gegen den Lago Maggiore doch wirklich nichts einzuwenden. Und dass da die Modellboot-Europameisterschaft stattgefunden hat, das war doch nur das Tüpfelchen auf dem i. Ich hatte von der Tribüne einen wunderbaren Ausblick auf den See, wo sich Florian mit seinem roten Flitzer bravourös bis ins Halbfinale vorkämpfte. Mit den Frauen der anderen Teilnehmer habe ich mich super verstanden, außerdem sämtliche italienische Klatschzeitschriften kennengelernt, und den Unterschied zwischen Grana Padano und Parmigiano Reggiano. Also. Ich hatte auch sehr viel von dem Urlaub. Und Pia soll ruhig reden! Sie muss doch wohl am besten wissen, dass die meisten Beziehungsprobleme pure Einbildung sind. Labert monatelang davon, dass ihr Rob es doch sicher nicht ernst meinen würde und dass er vielleicht auch gar nicht treu sei auf all seinen Dienstreisen, und dann eines Tages fällt er vor ihr auf die Knie und bittet sie um ihre Hand, und sie sagt einfach Ja und zieht mit ihm nach Pittsfield, Massachusetts, USA. Und dann will sie mir einreden, Florian sei egoistisch! Dabei ist sie ja wohl die Einzige hier, die egoistisch ist. Nur weil sie den Mann fürs Leben gefunden hat, kann sie mich doch nicht so hängenlassen. Und einfach in Las Vegas heiraten, ohne dass ich dabei bin. Und schwanger werden, ohne mich zu fragen. Und mir nur noch gehetzte E-Mails schreiben, in denen sie von ihren tausend Geburtsvorbereitungskursen erzählt und was sie noch für das Kinderzimmer braucht, sie würde jetzt mit Rob zu irgendeinem hippen Babyladen fahren und sich bald ausführlich melden, bis später, Bussi. So benimmt sich eine beste Freundin doch nicht! Ich meine, eine beste Freundin ist immer für einen da und nicht sechstausend Kilometer weit weg. Ich muss schlucken. Plötzlich ist mir ganz elend zumute. Das Sofa kommt mir riesig vor und ich winzig klein und so allein. Der Mittwochabend war immer unser fester Termin. Wir haben Serien geguckt und Prosecco getrunken und gelacht und geredet. Donnerstags haben wir uns auch meistens getroffen. Entweder wir haben einfach gequatscht, oder wir haben uns über die aktuelle Staffel von Germany’s Next Topmodel amüsiert, indem wir Fotoshootings, hysterische Anfälle von Möchtegernmodels und die unerträglichen Ansagen von Heidi Klum nachgespielt haben, bis wir Bauchweh hatten vor Lachen. Und am Wochenende sind wir dann auf die Rolle gegangen. Auch noch, als ich mit Florian zusammengekommen bin. Den ich übrigens mit Pia zusammen im Kino kennengelernt habe. Am Popcornstand. Es funkte sofort, als ich den großen athletischen Typen mit den braunen langen Locken sah, die zu einem losen Pferdeschwanz zusammengebunden waren. Er probierte gerade bei seinem Kumpel diese ekligen Nachos mit Käsesoße und verzog angewidert das Gesicht. Als er meinen Blick auffing, ging ein breites Lächeln über sein Gesicht, und er zwinkerte mir mit seinen blau-grauen Augen zu.

»Ich hoffe, der Film ist besser als dieses Zeug«, begann er das Gespräch. Er hatte lange Koteletten und in seiner eng anliegenden schwarzen Fleecejacke sah er aus wie ein Stuntman.

»Das ist ja nicht schwer«, sagte ich. »Wo geht ihr denn rein?«

Sie gingen in irgendeine Comic-Verfilmung, während ich mit Pia den zweiten Teil der Twilight-Saga sehen wollte. Er sparte sich gemeine Bemerkungen über unsere mädchenhafte Filmauswahl und schlug stattdessen vor, nach dem Kino noch in eine Bar zu gehen. Wo wir dann nach einigen Drinks hemmungslos knutschten. Pia fand Florian auch nett, zumindest anfangs, und hatte nichts dagegen, zu dritt (oder zu viert, wenn Rob in Köln war) loszuziehen. Ich mochte es nur nicht, wenn sie ihn wegen seines Hobbys  – Modellboote  – aufzog. Ich meine, Florian hat wenigstens ein Hobby. Was hat Rob denn für eines? Wenn man mal vom Geldverdienen absieht. Na ja. Egal. Pia ist weg. Florian ist hier. Alleine das zählt. Und ich habe wirklich großes, großes Glück mit ihm. Ich weiß echt nicht, was ich ohne ihn machen würde! Automatisch greife ich zu meinem Telefon und drücke auf Speichertaste 1.

»Hallo, Süße«, meldet er sich.

Und schon ist es um mich geschehen.

»Nina, was ist denn los?«

Aber ich kriege nichts raus außer Schluchzen.

»Red mit mir, sonst mache ich mir ernsthaft Sorgen.«

Ich stoße weinend hervor: »Pia ist so gemei-hein. Wie konnte sie nur na-hach Amerika-ha gehen!?«

Er seufzt leise, und ich kann förmlich hören, wie er denkt: Das hatten wir doch nun wirklich schon oft genug. Und langsam solltest du drüber weg sein. Immerhin ist sie schon über ein halbes Jahr weg.

Aber er ist wirklich ein Schatz, denn er sagt sanft: »Aber, Süße, du hast doch mich. Stimmt’s?« In letzter Zeit hat er so was Pastorales in der Stimme, das mich immer sehr schnell beruhigt.

»Ja«, flüstere ich erstickt.

»Und du hast einen tollen Job. Stimmt’s?«

»Ja«, sage ich, denn er ist wirklich toll. Auch wenn ich ihn nicht mehr gerne mache. Aber das ist nicht der richtige Augenblick, um einen neuen Versuch zu starten, ihm das zum hundertsten Mal zu erklären.

»Und sie ruft sicher auch bald wieder an.«

»Aber das ist doch nicht dasselbe, als wenn sie hier wäre!«, sage ich heftig und schniefe geräuschvoll.

»Das stimmt, meine Süße, aber dafür verwöhne ich dich, okay?«

»Ja, okay.«

Er wartet, bis ich meine Fassung zurückgewonnen habe, dann fragt er sanft: »Geht’s dir wieder besser?«

»Ja. Danke. Vielen Dank.«

»Ach, Süße, dafür musst du dich nicht bedanken. Ich bin immer für dich da, das weißt du doch.«

»Ja.«

»Schlaf schön, Süße. Und träum was Schönes!«

»Mach ich.«

»Und denkst du dran, für Samstag diesen Käsekuchen mit den Aprikosen zu backen? Ich hab Peter gesagt, dass wir ihn mitbringen.«

»Klar. Kein Problem. Gute Nacht.«

»Gute Nacht. Ich liebe dich.«

»Ich dich auch.«

»Ich leg auf, Süße. Und geh jetzt besser auch ins Bett. Denk dran, du brauchst deinen Schönheitsschlaf!«

»Mach ich. Gute Nacht.«

Was für ein Superschatz er ist! Wie sehr er mir hilft. Und wie sehr er immer Recht hat! Und wie sehr ich ihn … Moment mal. Was sollte das mit dem Schönheitsschlaf? Findet er mich etwa nicht mehr … Ach, da will ich jetzt nicht drüber nachdenken. Flori, mein Schatz!

Ich nehme mir ein Kissen und drücke es fest an mich. Natürlich gehe ich trotzdem nicht sofort ins Bett. Kann ich gar nicht! Nach einer abendlichen Heulattacke müssen Augenpartie und Nase erst wieder auf Normalmaß zurückgeschrumpft sein, bevor man sich schlafen legt, das weiß doch jeder. Wenn man mit verquollenen Augen ins Bett geht, dann sieht man am nächsten Morgen aus, als hätte einem der Schönheitschirurg die Injektion, die eigentlich für die Lippen von Chiara Ohoven gedacht war, aus Versehen in die Lider gespritzt. Außerdem ist in meiner Flasche Prosecco noch genug drin für einen weiteren schönen Aperol Sprizz. Und es ist auch noch Eiscreme übrig, stelle ich fest, als ich mir die Augenmaske aus dem Kühlschrank hole. Und die Eiscreme habe ich ja nun wirklich verdient. So geheult habe ich schon lange nicht mehr wegen Pia. Bestimmt eine Woche nicht.

Am Anfang, nach ihrer Abreise letzten September, war ich sogar ziemlich tapfer. Weil Pia mich jeden Tag angerufen und mir versichert hat, dass wir immer beste Freundinnen bleiben werden. Wir haben uns lustige E-Mails geschickt und über Skype miteinander telefoniert. Wir trugen Headsets und begrüßten uns mit »Commander« und taten so, als schwebten wir mit unseren Raumschiffen durch das Universum. Das Universum der unvergänglichen Freundschaft. Mit der Webcam zeigte sie mir ihre Villa mit fünf Schlafzimmern, gefühlten achtzehn Badezimmern, Pool und einer knallorangenen Hollywoodschaukel. Wir überlegten, wann ich sie besuchen kommen würde und in welchem Zimmer ich schlafen sollte. Und da wir uns sogar sehen konnten beim Telefonieren und stundenlang online waren  – Rob war irgendwo in Iowa, um dort ein riesiges Areal in einen Industriepark zu verwandeln  –, war es fast so, als wäre sie noch hier.

Dann aber fing Rob den neuen Job in Pittsfield an als Leiter der Immobilienholding Massachusetts, und er besorgte Pia einen Traineejob, bei dem sie das Immobiliengeschäft lernen sollte. Seitdem arbeitet sie immer dann, wenn ich Feierabend habe, und wenn sie fertig ist mit der Arbeit, schlafe ich meistens. So eine Zeitverschiebung ist schon ziemlich unpraktisch. Und weil private E-Mails in ihrer Firma nicht erlaubt sind, wurden unsere E-Mail-Kontakte auch seltener. Jetzt telefonieren wir fast nur noch am Wochenende  – aber das sehr ausführlich. Wir haben dafür einen richtigen festen Termin ausgemacht: Sonntagnachmittag. Dieser Termin ist uns heilig, und wir haben ihn noch nie verpasst. Ich mache mir sogar Listen dafür, damit ich ja kein Thema vergesse!

Und dann ruft sie vor sechs Wochen an einem Mittwoch total aufgeregt an und verkündet mir, dass sie gerade in Las Vegas geheiratet hat. Mit einem Marilyn-Monroe-Double als Trauzeugin. Da war ich schon schwer getroffen, dass sie imstande war, dieses herausragende Ereignis ohne mich zu feiern. Ich hatte schon fest eingeplant gehabt, zur Hochzeit nach Pittsfield zu fliegen. Aber dann hatten Rob und sie sich spontan in Las Vegas trauen lassen, als sie wegen eines Immobilienkongresses dort waren.

Da muss man als beste Freundin doch beleidigt sein, oder? Ich meine, für sie hätte ich jedes noch so hässliche Brautjungfernkleid angezogen  – und dann will sie mich noch nicht mal dabeihaben.

Und letzten Sonntag hat sie mir dann verraten, dass sie schwanger ist. Und zwar im vierten Monat. Daher die überstürzte Hochzeit. Und sie hat es noch nicht mal für nötig befunden, mir das als Erste zu erzählen, wie ich es als beste Freundin verdient hätte. Nein, ich erfahre von der Schwangerschaft zusammen mit allen anderen, mit Tanten, Onkeln und Nachbarn  – kurz mit jedem, der ihr überhaupt kein bisschen nahesteht. Und da hat’s mir den Boden unter den Füßen weggezogen.

Ich habe natürlich versucht, es mir ihr gegenüber nicht anmerken zu lassen, weil sie sich so gefreut hat. Und ich gönne Pia ihr Glück natürlich total, aber ich kann eben auch nicht verleugnen, dass ich trotzdem sehr enttäuscht bin. Ich fühle mich so ausrangiert. Wenn man über sieben Jahre alles miteinander geteilt hat, jedes Geheimnis, jedes schöne und jedes schlimme Erlebnis, dann ist das echt bitter, wenn man auf einmal nicht mehr dazugehört.

So, das Eis ist alle, aber da ich die Maske noch wirken lassen muss und sowieso jedes Kalorienkonto gesprengt habe und eh schon alles egal ist, kann ich auch noch die angebrochene Tüte Gummibärchen aufessen.

2

Punkt 1: Wenn Pia nicht nach Amerika gegangen wäre, hätte ich gestern weder den Prosecco noch den ganzen Süßkram alleine verputzt und jetzt weder einen Kater noch ein schlechtes Gewissen.

Punkt 2: Wenn Pia nicht nach Amerika gegangen wäre, hätte ich nicht geheult und sähe heute nicht aus wie Chiara Ohovens Lippen. (Wie sich herausgestellt hat, hat es nichts, aber auch gar nichts genutzt, dass ich so lange wach geblieben bin. Und diese Kühlmaske ist ja wohl der totale Witz.)

Punkt 3: Wenn Pia nicht nach Amerika gegangen wäre, hätte ich Florian nicht angerufen und müsste jetzt nicht darüber nachdenken, warum er das mit dem Schönheitsschlaf gesagt hat. Findet er mich etwa nicht mehr hübsch? Wieso sagt ein Mann so was zu seiner Freundin? Das kann doch nur heißen, dass er meint, sie hätte sich zum Nachteil verändert, oder?

Das sind die Momente, wo mir Pia besonders fehlt. Denn nichts ist zu lächerlich, um es mit seiner besten Freundin zu besprechen. Normalerweise würde ich sie jetzt aus der Bahn anrufen, und sie würde mir vermutlich sagen, dass Florian überhaupt nicht über seine Bemerkung nachgedacht habe, und selbst wenn, wäre er total im Unrecht, weil ich wie immer aussähe, nämlich einfach klasse. Und dann wäre die Welt wieder in Ordnung. Klar, könnte man meinen, dass ich oberflächlich wäre, weil ich so eine Bestätigung brauche. Oder unsicher. Oder beknackt. Bin ich vielleicht auch. Aber eine beste Freundin würde das nie denken, sondern einfach das machen, wozu eine beste Freundin da ist: aufmuntern und die Schuld auf die Männer schieben. Aber meine kann das jetzt nicht, denn die ist ja in den USA und pennt noch.

So bleibt mir nichts anderes übrig, als mich auf dem Weg zur Arbeit selber zu beruhigen, den Kopf gegen die kühle Fensterscheibe der Bahn gelehnt. Schönheitsschlaf. Das ist doch lächerlich. Ich meine, ich bin achtundzwanzig und nicht vierzig! Und da wir letztens in unserer Zeitschrift einen Artikel veröffentlicht haben, der eindeutig belegte, dass vierzig die neue dreißig ist, bin ich nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen erst achtzehn. Und welchem Teeniemädchen sagt man, es müsse auf seinen Schönheitsschlaf achten? Also ehrlich. Der spinnt doch! Oder spinne ich?

Himmel, ich werde noch bekloppt. Dabei bin ich noch nicht mal in der Redaktion von Women’s Spirit angekommen, wo man von den ganzen Themen, die Frauen zu interessieren haben, (und von unserem durchgeknallten Chef) auf jeden Fall total bekloppt gemacht wird. Mein Motto für jeden Arbeitstag ist seit einiger Zeit nur noch: Augen zu und durch. (Es könnte schlimmer sein, hat Pia mir gemailt, ich könnte ja auch Pilotin sein. Haha!)

Nachdem ich die Stufen zu unserer Etage im Bürohochhaus am Kölner Mediapark erklommen habe, hole ich tief Luft, stoße mit Schwung die gläserne Tür mit der orangefarbenen Aufschrift Women’s Spirit auf, und fange sofort an, das Großraumbüro nach Anzeichen für Walters Anwesenheit abzusuchen.

Walter ist der Chefredakteur. Zumindest nennt er sich so. Wir nennen ihn CvD  – in dem Fall die Abkürzung für Chaot vom Dienst  – oder auch Prinz Karneval. Er taucht mit großem Tamtam auf, zieht alle Aufmerksamkeit auf sich, spult sein verrücktes Programm ab und hinterlässt benommene Mitarbeiter, die entweder kopfschüttelnd vor ihrem Computer hocken oder wie aufgescheuchte Hühner durch die Gegend rennen.

Doch heute Morgen scheint alles ruhig zu sein. Die Tür zu Walters Büro ist geschlossen, gegenüber lehnt sich Ruth, unsere Sekretärin, in ihrem Stuhl zurück und schwatzt sorglos ins Telefon. Meine Kollegin Svenja, für das Ressort Mode zuständig und stets komplett in Schwarz gekleidet, kommt mit einem Kaffee aus der Küche und winkt mir zu. Ich winke zurück und entspanne mich ein wenig. Es gibt nämlich eigentlich überhaupt keinen Grund zur Nervosität. Ich bin wie immer pünktlich. Mein Schreibtisch ist aufgeräumt. Und ich habe alles im Griff. Die Artikel für mein Ressort (Sinn & Sinnlichkeit) sind fertig redigiert, ich habe mit der Bildabteilung und der Grafik gesprochen und bereits einen Layoutvorschlag erarbeitet. Themenvorschläge für die nächsten drei Ausgaben habe ich auch schon gesammelt, womit ich meinen Kolleginnen vermutlich weit voraus bin. Ich muss mir also wirklich keine Sorgen machen. Es ist alles halb so wild. Abgesehen davon ist es eine Zeitschrift. Hier geht es um oberflächliche Berichte, Psychonews und Preisausschreiben. Und nicht etwa um Menschenleben. Wir sind ja keine Bombenentschärfer. Oder Krabbenfischer in der Beringsee, wo ein falscher Schritt direkt auf den eisigen Meeresgrund führt. Es ist alles völlig harmlos und …

»Ah, Nina!«, höre ich eine Stimme, die Stimme, von rechts heranschnellen, und mir läuft es kalt den Rücken runter.

Walter spricht hell und quäkend und klingt ein bisschen wie eine Kindertrompete, die man beim ersten Tröten putzig findet, aber spätestens nach fünf Minuten auf den Müll werfen möchte. Noch bevor ich kapiert habe, aus welcher Ecke er hervorgeschossen ist, hat er mich schon am Ellenbogen gepackt und führt mich zu meinem Schreibtisch, als wäre ich ein Verbrecher.

»Hallo, Walter«, sage ich betont fröhlich, »ich finde meinen Platz schon allein, weißt du.«

Ich entziehe ihm meinen Arm und werfe meine Tasche auf den Boden. Walter setzt sich mit der rechten seiner dürren Hinterbacken auf meine Tischplatte, lässt das rechte Bein baumeln, so dass der rosa-weiße Cowboystiefel, Größe 48, bis zum Schaft aus der Röhrenjeans herausguckt, schaut eine Weile entzückt auf sein exzentrisches Schuhwerk, dann schwenkt er den Blick auf mich und trötet: »So, Schätzelein, dann schieß mal los.«

Sein schwarzes Satinsakko glänzt im Schein der Neonröhren und lässt sein von wenigen, aber tiefen Falten zerfurchtes Gesicht und seine millimeterkurzen weißen Haare noch blasser erscheinen. Die wulstigen dunklen Augenbrauen, die die kieselgrauen Augen fast zu erdrücken scheinen, ziehen wie immer all meine Aufmerksamkeit auf sich. Sie erinnern mich an haarige schwarze Raupen, was durch Walters ausgeprägtes Mienenspiel noch verstärkt wird, denn durch das ständige Heben und Senken der Augenbrauen kann man sich leicht einbilden, die Raupen seien lebendig. Unheimlich. Ich wende den Blick ab, schalte den Computer ein und ziehe meine Jacke aus.

»Augenblick bitte«, sage ich und fühle mich jetzt schon gehetzt. Dieses frühmorgendliche Überfallkommando ist seine Spezialität, und ich hasse es. Und deswegen bin ich auch darauf vorbereitet. Für den Fall, dass es mich erwischt, drucke ich am Abend vorher immer alle aktuellen Seiten aus, die ich betreue, damit der Spuk so schnell wie möglich vorübergeht.

»Mein Ressort ist schon fertig«, sage ich und drücke ihm die Artikel in die Hand.

»Was guckst du denn dann so bedröppelt?«, fragt er und lacht. »Bist wohl morgens nicht so in Stimmung, was?«

Ich antworte nicht auf seine Anspielung, denn dann würde es nicht lange dauern, und er würde mir irgendwas aus seinem ausschweifenden Liebesleben erzählen, was ich überhaupt nicht wissen will. Walter trägt von jeher seine Homosexualität so stolz vor sich her wie Victoria Beckham die neueste Louis Vuitton.

Ich frage mich immer, warum er ausgerechnet eine Frauenzeitschrift gegründet hat, wo er doch eigentlich nur an Männern interessiert ist. Aber das ist eines der vielen Geheimnisse, die Walter nicht preisgibt, genauso wenig wie die Frage, woher er die ganze Kohle hat, um seine eigene Zeitschrift zu gründen. Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass er einen reichen Lover beerbt hat. Dann wieder heißt es, er hätte den Jackpot der spanischen Lotterie gewonnen und dabei fünfzig Mille eingestrichen. Wir wissen nicht, was stimmt, wir wissen nur: Walter hat Geld und das nicht zu knapp. Damit hat er vor fünf Jahren Women’s Spirit und einen eigenen Verlag ins Leben gerufen, weil es  – Zitat  – seit seiner Kindheit sein »Herzenswunsch« gewesen sei, eine »großartige Zeitschrift zu kreieren«.

Walter überfliegt die Seiten, ohne eine Miene zu verziehen.

»Der Selbsterfahrungsbericht von Bettina Schill über die besten Einschlaftechniken ist sehr hübsch geworden, finde ich«, kommentiere ich.

Walter nickt und blättert weiter. Ich bin erleichtert. Vielleicht zerpflückt er mir ja heute mal nicht jeden Artikel.

»Was ist das?«, fragt Walter, als er die nächste Seite vor sich hat.

»Das ist die wunderschön optimistische Reportage über Frauen, die ihren Mann fürs Leben erst mit über fünfzig am Arbeitsplatz kennengelernt haben. Karin Lohmann hat lange recherchiert, um drei Paare aufzutreiben, die …«

»Haben die Migrationshintergrund?«, unterbricht Walter mich.

»Nein«, sage ich irritiert.

»Müssen die haben.«

»Äh. Warum?«

»Warum?« Er sieht mich an, als wäre ich zu blöd, um eins und eins zusammenzuzählen. »Weil das ein superduper wichtiges Thema ist.«

»Ja, natürlich. Aber doch nicht unbedingt in diesem Zusammenhang. Wie wir ja damals in der Redaktionskonferenz gemeinsam besprochen hatten, liegt hier der Hauptaspekt auf der späten großen Liebe.« Ich betone die Worte, damit er sich vielleicht erinnert, was er uns damals gesagt hat. Einen Mutmacherartikel für einsame Herzen wolle er haben.

»Am besten Kriegsflüchtlinge«, sinniert Walter.

»Kriegsflüchtlinge«, wiederhole ich stupide.

»Mit Vergewaltigungserfahrung. Das ist gerade total angesagt.«

Ich starre Walter einen Augenblick an und frage mich, auf welchem Planeten er lebt. »Ja«, sage ich mit aller Geduld, die ich aufbringen kann. »Aber das ist doch eher ein eigenständiges Thema …«

»Das wir im Zusammenhang mit der großen Liebe im Alter verbraten. Das ist ein ganz frischer Ansatz!« Walter strahlt, als hätte er das Rad neu erfunden.

»Ja, aber wo sollen wir die denn herkriegen?«, frage ich verzweifelt. »Kriegsflüchtlinge mit Vergewaltigungserfahrung, die mit über fünfzig ihren Traummann am Arbeitsplatz kennengelernt haben und bereit sind, über all das auch noch mit einer Zeitschrift zu sprechen, die stehen nicht in den Gelben Seiten.«

Walter überlegt einen Moment. »Ja, das stimmt.«

Ich glaube, einen Funken Verstand in den nebelgrauen Augen ausmachen zu können.

»Gut«, lenkt er zu meinem Erstaunen ein, nur um dann hinterherzuschieben: »Zur Not tut’s auch eine Behinderte. Die muss dann aber homosexuell sein.«

Ein kurzes schnaubendes Lachen entfährt mir. Ich sammele mich einen Augenblick, dann versuche ich es auf einem anderen Weg. »Aber die Auswahl der Paare ist mit Christian abgesprochen.«

Walter zieht die Stirn senkrecht in der Mitte hoch, und es sieht so aus, als machten die Raupen Männchen. »Also, liebe Nina, wollen doch mal sehen.« Er legt theatralisch den Zeigefinger an die Lippen. »Christian ist geschäftsführender Redakteur. Und ich bin Chefredakteur, Herausgeber und Verleger. Hmmm, wer hat dann wohl Recht?«

Ich blättere in meinen Papieren.

»Nun, Nina?« Walter trommelt mit den langen Fingern auf sein Bein.

Also brumme ich mürrisch: »Du hast Recht.«

»Na also!«, ruft Walter bestens gelaunt. »Dann haben wir das ja geklärt. Weiter im Text.«

»Dann habe ich hier nur noch meinen Artikel, den Christian aber schon abgenommen hat.«

Ich schaue ihn aufmüpfig an und umklammere den Artikel. Er winkt auffordernd mit den Fingerspitzen, also lege ich ihm widerwillig meinen Bericht in die Hände. Er heißt »Entspannung geht durch die Nase«. Darin behaupte ich, dass es hilft, in Stresssituationen einen Duft parat zu haben, der einen an schöne Erlebnisse erinnert: das Aftershave des Partners, die Sonnenmilch des letzten Urlaubs, getrockneter Lavendel. Als ob ein bisschen Schnüffeln alle Probleme lösen würde (und ich rede hier nicht von Klebstoff). Mir würde aber jetzt vermutlich noch nicht mal das Aroma eines frisch gemixten Erdbeerdaiquiris helfen, höchstens der Geruch nach Feueralarm, der diese Unterredung beendet.

»Wo ist denn das Meeresbrise-Spray erwähnt?«, fragt Walter, während er den Artikel überfliegt.

»Das habe ich rausgenommen. Das Zeug riecht nicht mal ansatzweise nach frischer …«

»Muss rein. Mit ein paar besonders lobenden Sätzen.«

Er schmeißt den Artikel auf den Schreibtisch und steht auf. Ich gucke ihm hinterher, wie er auf seinen stockdünnen Beinen und mit den grotesk großen Cowboystiefeln durch das Großraumbüro stelzt, wobei er die Hüften so stark hin und her schwingt, als müsste er bei jedem Schritt eine offene Kühlschranktür zustoßen. Ohne weiteres Unheil zu stiften, verschwindet er in seinem Büro, und ein kollektiver Seufzer der Erleichterung weht durch den Raum. Nach dieser Begegnung der dritten Art muss ich mir erst mal einen Kaffee genehmigen.

Die Teeküche, die merkwürdigerweise so heißt, obwohl von uns keiner Tee trinkt, ist äußerst beliebt, da Walter nie einen seiner großen Füße hineinsetzt. Am in Women’s Spirit-Orange lackierten Tisch hockt Svenja, die Moderedakteurin, in ihrer typischen krummen Haltung, die mich jedes Mal vermuten lässt, dass sie zur Gattung der Wirbellosen gehört. Der Kaffee vor ihr ist so schwarz wie ihre Boss-Woman-Bluse.

»Und, wie war es mit dem CvD?«, fragt sie.

»Der hat doch echt voll den Sockenschuss«, platzt es aus mir heraus. »Langsam dreht er wirklich durch.«

Svenja lacht ihr keuchendes Lachen, das daran erinnert, dass sie sich normalerweise nur von Zigaretten ernährt. Zum Glück herrscht mittlerweile striktes Rauchverbot in der Küche.

»Mir hat er neulich auch das komplette Shooting auseinandergenommen. Wir mussten alles neu machen! Natürlich hat keiner auch nur einen Pfennig mehr bekommen, dieser alte Geizkragen.«

»Typisch für ihn.« Wir ergehen uns eine Weile in dem Wettbewerb »Wer hat die schlimmere Walter-Story?«.

Während wir so plaudern, mache ich mir heimlich den Hosenknopf auf. Svenja soll nicht merken, dass ich zugenommen habe. Sie ist so dünn, dass ihr biegsamer Körper stets aussieht wie das Fragezeichen hinter der Frage: Wann hat sie wohl das letzte Mal was gegessen? Ich habe sie tatsächlich noch nie was essen sehen. Und da ist es mir natürlich peinlich zuzugeben, dass sich der ganze Knabberkram für unsere Mädelsabende, den ich jetzt immer alleine futtern muss, an meinem Bauch festgesetzt hat. Zum Glück sind meine Beine ziemlich lang und dünn, deswegen sehe ich mit meinen eins fünfundsiebzig immer noch sehr schlank aus. Zumindest wenn ich den Bauch mit einer weiten Bluse kaschiere. Aber bald sollte ich was unternehmen, sonst muss ich noch anfangen, mir neue Hosen zu kaufen. Unsere Beauty-Redakteurin Cosima kommt herein, ein großes Paket in der Hand, im Schlepptau Ruth, die Sekretärin.

»Clinique!«, verkündet Cosima, klimpert begeistert mit ihren dick getuschten Wimpern und reißt das Paket auf.

Ruth wickelt vor lauter Aufregung eine lange Franse ihres auberginefarbenen Zottelhaars um ihren Finger und beugt sich mit ihrer großen Nase aufgeregt vor.

»Die neue Pflegeserie für die reife Haut«, verkündet Cosima, als sie den ersten mintgrünen Cremetiegel auspackt. Sie nimmt etliche Flakons und Tuben aus dem Karton, und Ruth schnappt sich, was ihr in die Finger kommt. Sie beschwert sich regelmäßig, dass Cosima für Kosmetik zuständig ist und immer die neuesten Produkte zugeschickt bekommt, die sie dann alle behält  – »egoistisch wie die Jugend von heute eben ist«. Zum Ausgleich lässt sich Ruth im Namen der Kulturredaktion von den Verlagen dauernd neue Romane und Hörbücher schicken. Sie müsse ja auch was davon haben, dass sie bei einer Zeitschrift arbeite, sagt Ruth immer, das nenne man ausgleichende Gerechtigkeit.

Eigentlich war es mal so gewesen, dass die Produktproben, die die Redaktion täglich erreichen, von den Redakteuren und Ressortleitern gesichtet und aussortiert wurden. Es wurde gemeinsam entschieden, welche Produkte in der Zeitschrift vorgestellt werden und welche nicht. Der Rest der Proben wurde gesammelt und sollte verkauft, und der Erlös gespendet werden. Daraus ist aber nie was geworden. Denn mittlerweile rafft jeder, was er kriegen kann. Selbst stinkende Duftkerzen, potthässliche Haarreifen und abfärbende Selbstbräunungscremes sind so hart umkämpft, als handelte es sich um das letzte lebensrettende Insulin in einer Gruppe Diabetiker.

»Unter ›reife Haut‹ fällst du ja wohl noch lange nicht«, ereifert sich Ruth, die vor einigen Wochen ihren fünfzigsten Geburtstag gefeiert hat.

»Man kann nie früh genug damit anfangen«, sagt Cosima spitz und nimmt ihr einen Tiegel aus der Hand. »Wenn du mir allerdings die DVD-Box mit Desperate Housewives gibst, die du letztens bei dem Preisausschreiben abgestaubt hast, dann würde ich vielleicht mit mir reden lassen.«

»Ihr habt den Preis von dem Preisausschreiben behalten?«, frage ich fassungslos. Ruth zuckt mit den Schultern. »Merkt doch eh keiner.«

Ich starre die beiden entsetzt an, während sie um die Kosmetik schachern. Schließlich erklärt sich Cosima bereit, Ruth die Clinique-Serie zu überlassen im Austausch für die DVDs. Dann entdeckt Ruth eine Zellophanverpackung, die neben Svenja auf einem Stuhl liegt.

»Was ist das denn?«, fragt sie neugierig.

»Bauchwegslips«, sagt Svenja angewidert. »Die gerechte Strafe für Fresstanten  – die Rückkehr des Korsetts.«

Ruth wirft ihr einen scharfen Blick zu. »Du hast leicht reden, Knochengerippe!« Sie grapscht sich die Packung. »Das Figurenwunder! Einfacher als Fettabsaugen«, liest sie. »Könnte ich gut gebrauchen.« Sie macht Anstalten, die Packung einzustecken.

»Aber die passen dir doch gar nicht«, sagt Svenja schneidend.

»Ja, jetzt noch nicht«, sagt Ruth so überzeugt wie möglich. Svenja zieht eine ihrer dünnen Augenbrauen hoch.

»Was ist das denn für eine Größe?«, frage ich beiläufig.

»38/40«, sagt Svenja.

Cosima prustet los. »Was hast du, Ruth. 48?«

»Nein«, sagt Ruth entrüstet und schiebt die Packung beleidigt weg.

Mit gebührendem Desinteresse gucke ich sie mir an, und mein Hosenbund zwickt mehr denn je. Bauchwegslips. Die wären die Rettung aus meiner Misere. Bis ich wieder abgenommen habe. Sie sehen sogar ganz hübsch aus, mit dem glänzenden johannisbeerroten Satin.

»Das ist doch deine Größe, oder nicht, Nina?«, fragt Svenja.

»Ja, genau. Nimm du sie doch«, sagt Ruth.

Ich spüre einen Anflug von Gehässigkeit in ihrer Stimme. Hat sie bemerkt, dass ich zugenommen habe? Oder will sie mich nur dazu bringen, meine Prinzipien zu verraten? Denn von jeher halte ich mich aus diesem Proben-Gezanke raus. Das widerspricht dem Berufsethos der Journalisten, habe ich auf der Henri-Nannen-Schule gelernt. Solange ich hier Redakteurin bin, nehme ich keine Geschenke von Firmen an. Das habe ich mir, als ich bei Women’s Spirit angefangen habe, geschworen und dummerweise auch lautstark verkündet. Das war, bevor es einmal diese hübschen Handtaschen von MCM gab.

»Nein«, sage ich aber auch diesmal und versuche, überzeugend zu klingen. »Ihr wisst ja, wie ich über diese Sache denke.« Ich stelle entschlossen meine Tasse in die Spülmaschine und gehe hinaus. Auf dem Weg zu meinem Platz sehe ich Christian aus Walters Büro kommen. »Hast du ein paar Minuten für mich?«, rufe ich ihm zu.

»Natürlich. Komm in einer halben Stunde.«

Ich nutze die Zeit, um Pia eine Mail zu schreiben und ihr von Florians Spruch über meinen Schönheitsschlaf und den neusten Ausfällen von Walter zu erzählen und dass ich gleich einen Termin bei Christian habe  – Smiley.

Es ist mir ein bisschen peinlich zuzugeben, aber Christian ist der einzige Grund, warum ich überhaupt noch gerne zur Arbeit gehe. Er ist kompetent, vorausschauend und verlässlich, wo Walter chaotisch und unzuverlässig ist. Im Grunde hält Christian den Laden zusammen, und manchmal denke ich, wir beide sind die Einzigen, die wissen, was professionelle Arbeit ist. Und er hat immer ein offenes Ohr für Probleme und scheut sich nicht, Walter seine Meinung zu sagen. Auch die Sache mit dem Lohmann-Artikel kann er hoffentlich geradebiegen. Zuversichtlich klopfe ich an seine Bürotür.

Wenn man die Tür zu Christians Büro hinter sich schließt, ist es, als ob man von einer dreispurigen Straße in einen schallgeschützten Raum eintritt und jeglichen Verkehrslärm hinter sich lässt. Als Erstes sieht man eine Wand voller Fotos von Palmen und Farnen, die in den verschiedensten Grüntönen leuchten. In der rechten Ecke steht ein großer Gummibaum neben einem blau-beigen Zimmerspringbrunnen aus Marokko. Daneben hat Christian einen schmiedeeisernen Bistrotisch mit einem hübschen Mosaikmuster und zwei Stühle aufgestellt, so dass man sich fast wie in einem Straßencafé vorkommt.

»Hallo, Nina.« Er steht hinter seinem Schreibtisch auf. Christian ist Mitte dreißig, er trägt Jeans zu einem wiesengrünen Hemd. Das könnte bei jedem anderen leicht lächerlich aussehen, aber bei ihm hat es die verblüffende Wirkung, dass seine Augen die gleiche Farbe anzunehmen scheinen und jetzt leuchten wie der Rasen von Wimbledon in der Sonne. Ich habe so etwas noch nie gesehen. Seine Iris passt sich tatsächlich an die Farbe seiner Kleidung an und scheint mal blau und mal grün. Sein Lächeln sieht wegen eines schräg stehenden Eckzahns immer etwas schief aus. Er hat eine nicht gerade kleine Nase  – bei jemand anderem würde man sie vielleicht sogar als Zinken bezeichnen  –, aber erst durch sie wirkt sein Gesicht richtig interessant. Ich bemerke mal wieder, dass ich ihn anstarre. Dabei bin ich natürlich kein bisschen in ihn verliebt. Ich meine  – hey!, ich habe Flori und bin sehr glücklich mit ihm!

»Möchtest du auch einen?«, fragt er, aber ich lehne dankend ab und beobachte ihn stumm, wie er sich Kaffee in eine Tasse mit dem Foto seiner beiden Kinder gießt. Denn Christian Henson ist verheiratet und hat einen Sohn und eine Tochter und ist damit so unerreichbar wie Robert Pattinson und Orlando Bloom zusammen.

»Also, was gibt es?«, fragt Christian. Ich erkläre ihm, dass Walter den Paare-Bericht verändert haben will und dass ich in dem Duft-Artikel für ein Meeresbrise-Spray werben soll. Christian seufzt und massiert sich die Nasenwurzel. Er sieht irgendwie müde aus.

»Es wird immer schlimmer mit ihm«, sage ich. »Ich meine, früher war Walter doch nicht so … sprunghaft.«

»Nein, das war er nicht«, bestätigt Christian und presst die Kiefer aufeinander.

»Und diese ganze Schleichwerbung in den Artikeln. Das geht doch nicht.«

»Nein. Das geht wirklich nicht.« Er seufzt.

»Wenn ich hier was zu sagen hätte, dann würde ich das verbieten«, sage ich halb im Scherz.

»Vielleicht solltest du hier mehr zu sagen haben«, antwortet er.

»Na klar. Das wäre super«, sage ich, wohl wissend, dass das nicht passieren wird.

Aber ich beruhige mich. So eine Wirkung hat Christian immer auf mich. Jedes Mal wenn ich mit ihm zusammensitze, komme ich mir vor wie bei einem Veteranentreffen, und wir sind die einzigen beiden Überlebenden im täglichen Kampf um Vernunft.

»Weißt du …«, fängt er an und lässt resigniert den Blick in die Ferne schweifen.

»Was ist denn?«, frage ich alarmiert.

»Ach, nichts. Also los. Klären wir das mit dem Lohmann-Artikel.«

Karin Lohmann stapft zufällig gerade in die Redaktion, als wir auf dem Weg in Walters Büro sind. Christian sagt uns, dass wir draußen warten sollen. Karin zieht sich ihre rote Umhängetasche aus und stellt sie zu dem Fahrradhelm zwischen ihre Füße.

»Was ist denn los?«, fragt sie, noch ein wenig atemlos von der Fahrt. Sie fährt sich mit der Hand durch das kurze hellbraune Haar, um die durch den Helm gedemütigte Frisur zu rehabilitieren. Was ihr nicht gelingt.

»Es gibt Ärger wegen des Späte-Liebe-Artikels«, druckse ich herum.

»Inwiefern Ärger?«

»Wenn wir Pech haben, musst du ihn neu schreiben«, sage ich zerknirscht.

»Scheiße«, sagt sie. »Wegen Prinz Karneval?«

Ich nicke. »Aber Christian versucht, es umzubiegen.«

Sie schnaubt und wischt sich eine Schweißperle mit dem Ärmel ihrer Goretex-Jacke von der Schläfe. »Du weißt ja, wie viel Arbeit ich da reingesteckt habe?«

»Ja, natürlich«, sage ich, da geht die Tür auf, und Christian und Walter kommen raus.

»Also gut«, sagt Walter. »Christian hat mich überzeugt, dass wir bei deinen Paaren bleiben, Nina.«

Ich atme auf. »Super.«

»Aber natürlich wird der Artikel nicht so bleiben. Wir müssen da noch Pep reinbringen«, trompetet Walter.

»Und was bedeutet das?«, mischt Karin sich ein.

»Das bedeutet«, sagt er gestelzt, »dass du intensiver recherchieren musst. Wir brauchen mehr Drama!«

»Und was verstehst du unter Drama?«, fragt Karin.

Er zieht eine Grimasse. »Also mein persönliches Drama ist, dass der süße Typ vom Wochenende nicht angerufen hat, obwohl wir echt Wahnsinnssex hatten. Ihr glaubt nicht, wie groß …«

»Walter«, mahnt Christian, »sag, wie du dir den Artikel vorstellst.«

Walter seufzt. »Meine Güte, muss ich hier wirklich alles buchstabieren? Wir brauchen irgendeinen herzerweichenden Dreh in der Geschichte. Missbrauch im Kindesalter, Selbstmord der Mutter … was weiß ich.«

»Aber die Leute sind vorher einsam gewesen und hatten den Glauben an die Liebe verloren, das ist doch dramatisch genug!«, werfe ich ein.

»In welchem Zeitalter lebst du denn?«, giftet Walter.

»Außerdem ist die Geschichte rund«, sagt Christian.

»Rund oder eckig, ist mir egal. Ich will mehr Tragödie!« Walter stampft mit seinen Quadratlatschen auf.

»Aber wir sollten die Geduld unserer Protagonisten nicht überstrapazieren. Die haben schon sehr viel Zeit für unseren Artikel geopfert«, gibt Karin zu bedenken.

Walter wirft die Hände in die Luft und ruft: »Herrgott nochmal. Hier muss ich wirklich alles selber machen. Nummer?« Wir gucken ihn begriffsstutzig an. »Na, die Telefonnummer von dieser Frau Hersel wirst du mir wohl geben können, oder nicht?«

Fünf Minuten später sitzt Walter auf dem Tisch des Konferenzraums, den Hörer zwischen die knochige Schulter und seine Wange geklemmt.

»Spreche ich mit Frau Ingeborg Hersel? Hier ist Walter Seidel, der Chefredakteur von Women’s Spirit.« Er wirft uns einen triumphierenden Blick zu. »Ich rufe an, weil wir noch einige Angaben von Ihnen brauchen. Ja, ich weiß, was Sie mit Frau Lohmann besprochen haben. Jetzt sprechen Sie mit mir. Also. Was war denn das Schlimmste, was Ihnen bisher in Ihrem Leben passiert ist? … Mmmmhhh. Küchenbrand.« Er zieht eine Schnute. »Ist dabei jemand ums Leben gekommen? … Ach so, nur ein Vogel … Ja, sicher haben Sie ihn geliebt, aber so ein Vieh taugt nicht … Pscht, beruhigen Sie sich. Also nochmal von vorn. Hat Ihr Vater Sie geschlagen? … Sind Sie mal von Ihrem Onkel angegrapscht worden? … Aber Krebs werden Sie doch wohl gehabt haben? … Warum ich anrufe? Um das Beste aus Ihrem Leben rauszuholen. Sie wollen sicher bei unseren Leserinnen Eindruck hinterlassen! … Haha, ich brauche Ihre Zustimmung überhaupt nicht, um das Interview zu drucken. Ja, verklagen Sie uns ruhig …« Walter knallt den Hörer auf die Gabel und sieht Karin vernichtend an. »Beim nächsten Mal gibst du dir aber mehr Mühe mit der Auswahl der Leute.« Und dann steht er auf und geht.

Karin und ich gucken uns entgeistert an. Christian schüttelt den Kopf und ruft: »Walter, warte.«

»Was denn noch?«, stöhnt Walter.

Christians Gesicht ist plötzlich steinern. »Walter. Ich habe es dir schon mal gesagt. Deine Art mit Menschen und mit Themen umzugehen, passt mir absolut nicht.«

»Soll das eine Moralpredigt werden? Dann servier mir einen guten Rotwein dazu, damit ich das besser verdauen kann.« Walter inspiziert seine manikürten Fingernägel.

»Du bist einfach nicht mehr zugänglich für Kritik«, fährt Christian fort. »Und Women’s Spirit verkommt zu einem Revolverblatt.« Walter gähnt demonstrativ. »Ein schmieriges Revolverblatt, das Schleichwerbung macht. Ich hab dir gesagt, dass das so nicht weitergehen kann. Aber in der Ausgabe von März kommen wir in achtundvierzig redaktionellen Beiträgen auf sage und schreibe sechsundzwanzig Productplacements.«

Walter streicht sich gelangweilt einen Fussel von dem schwarzen Satinsakko. »Mann, Christian, die Welt besteht nun mal zu neunzig Prozent aus Konsum. Der Rest ist ein Hühnerfurz.«

»Aber wir sind ein journalistisches Magazin und keine Postwurfzeitung. Und wir unterliegen dem Pressekodex. Und laut dem Pressekodex müssen redaktionelle Beiträge von Werbung strikt getrennt werden.«

»Das ist doch Schnee von gestern«, sagt Walter. »Jeder macht Productplacement! Das ist total normal. Wie Doping.«

Karin und ich schauen wie bei einem Tennismatch von einem Gegner zum anderen und müssen auch nicht lange auf Christians Return warten. »Aber nur weil andere etwas Verbotenes oder Verwerfliches machen, heißt das doch nicht, dass wir es auch machen dürfen!« Auf Christians Stirn hat sich eine tiefe Falte eingegraben.

»Christian, du bist aber auch anstrengend.« Walter seufzt gequält. »So macht mir die Arbeit keinen Spaß.«

»Walter, wir haben die Zeitschrift zusammen aufgezogen«, sagt Christian eindringlich. »Und wir hatten was zu sagen. Wir haben den Leuten gezeigt, wie sie das Beste aus einer Krise machen können. Heute zeigen wir ihnen nur noch, welches der beste Lippenstift für sie ist. Was ist nur aus dir … aus Spirit geworden?«

»Ich frage mich, warum ich es in letzter Zeit dauernd wiederholen muss.« Walter wirft die Hände in einer dramatischen Geste in die Luft. »Es ist meine Zeitschrift und ich kann damit machen, was ich will.«

»Ja, das stimmt«, sagt Christian und lacht freudlos auf. »Aber das werde ich nicht mehr mitverantworten.« Er schaut Walter durchdringend an und sagt mit fester Stimme. »Ich kündige. Und zwar fristlos.«

3

An diesem Abend muss Florian zum Glück nicht arbeiten. Er ist Sportfachverkäufer bei Sport Becker, wo er Schuhe verkauft, zum Laufen, Tennisspielen, Walken und so weiter. »Ohne den richtigen Schuh läuft nichts« ist sein Wahlspruch. Oft hat er erst um 21.30 Uhr Feierabend.

Aber heute nicht, heute ist er früher dran. Als er reinkommt, werfe ich mich an seinen Hals und sage erleichtert: »Da bist du ja endlich, Schatz. Du glaubst nicht, was in der Redaktion los ist! Unser geschäftsführender Redakteur …«

»Schschsch«, macht er und gibt mir mit dem Finger einen sanften Stups auf die Nase. Dann küsst er mich sanft.

»Aber Christian hat gekündigt!«, sage ich und löse mich von ihm.

»Aha«, sagt Florian. »Und was willst du jetzt machen?«

»Ich weiß noch nicht. Ich bin total durcheinander.«

»Dann habe ich einen Vorschlag.« Er geht zum Telefon. »Wir bestellen uns gebratene Nudeln mit Huhn, und dann entspannst du dich einfach erst mal, und dann reden wir morgen in aller Ruhe darüber, okay?«

»Ja«, sage ich und atme tief aus. Vielleicht hat er Recht. Vielleicht ist es am besten, wenn ich erst einmal selber meine Gedanken ordne.

»Ich habe uns was mitgebracht!«, sagt Florian und holt aus seiner Tasche eine DVD.

»Oh cool«, freue ich mich. »Was ist das?«

»Rate! Haben wir letztens drüber gesprochen!«

»Der Jennifer-Aniston-Film? Oh, super!«

Er guckt mich verdutzt an. »Wann haben wir denn darüber …? Nein. Es ist  – tatatataaaa  – The Wrestler.«

»Oh.«

Florian guckt verwirrt. »Aber du hast gesagt, The Wrestler wolltest du auch sehen!«

»Echt? Ja, stimmt. Jetzt, wo du es erwähnst«, sage ich schnell. Ich erinnere mich dunkel an ein Gespräch vor ein paar Tagen, das als Dialog angefangen und in einem Monolog von Florian geendet hatte. Ich hatte von dem neuen Jennifer-Aniston-Film erzählt, woraufhin er eine Abhandlung über die Historie der Kampfsportfilme zum Besten gab, was sehr interessant war, nur leider lief im Fernsehen ein Bericht über Boris Beckers Kinderschar. Also hatte ich zu allem »mmmhhhja« gesagt, während Boris mit debilem Lächeln seinem Amadeo bei den ersten Schritten zusah. Mist.

»Wenn du ihn nicht sehen willst, brauchst du es nur sagen.« Florian schiebt schmollend seine Unterlippe vor.

»Nein, nein. Der soll ja wirklich gut sein. Natürlich möchte ich ihn sehen.«

Florians Gesicht hellt sich auf. »Schön, dass ich dir eine Freude machen kann!«

»Du bist süß«, sage ich und küsse ihn auf die Wange.

Mickey Rourkes Gesicht ist ziemlich zermanscht, und was er da im Ring veranstaltet, ist noch unappetitlicher. Gut, dass ich die Nudeln schon gegessen habe. Meine Gedanken schweifen ab. Soll ich auch kündigen? Wenn Christian geht, sind wir Walter auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Das wird bestimmt schrecklich, weil ich dann keinen Verbündeten mehr in der Redaktion habe. Aber einfach alles hinschmeißen ist auch nicht so mein Ding. Hab ich noch nie gemacht! Ich bin halt eine treue Seele, rede ich mir ein. Oder bescheuert, höre ich Pia im Geiste sagen. Sie hat mir ja allen Ernstes mal gesagt, dass ich Probleme mit dem Schlussmachen hätte. Was natürlich völliger Quatsch ist. Ich weiß immer, wann ich Schluss machen muss.

Wie zum Beispiel jetzt. Genau in diesem Moment habe ich die perfekte Menge Chips gegessen. Zweieinhalb Handvoll. Genug, um den göttlich salzigen Geschmack richtig auszukosten, aber nicht zu viel. Und satt bin ich ja sowieso. Also höre ich auf, schiebe die Chipstüte entschlossen auf Florians Seite, direkt neben seinen rechten Oberschenkel, wo er sie unbeachtet liegen lässt. Er sieht nicht mal hin! Ich meine, gut, er isst keine Süßigkeiten und überhaupt gar nichts mit raffiniertem Zucker, was im Grunde schon eine totale Unverschämtheit ist. Aber bei Chips greift er zu. Wenn auch selten. Finde ich ja unbegreiflich. Und auch ein bisschen ärgerlich. Was fällt ihm ein, so dermaßen diszipliniert zu sein? Chips sind doch so lecker! Und besonders diese dicken geriffelten Salzchips, die haben den besten Crunch. Wie kann er da nur widerstehen? Mir läuft schon wieder das Wasser im Mund zusammen. Und Florians Hand zuckt nicht mal einen Millimeter in Richtung der verlockenden Tüte. Vermutlich liegt es daran, dass er die Fernbedienung fest umklammert, als würde sie ihn am Leben erhalten.

»Gib mir mal«, sage ich und entwende ihm mit sanfter Gewalt die Fernbedienung.

»Hey, was soll das?«

»Ich dachte, du willst vielleicht die Hand freihaben, um Chips zu essen«, sage ich unschuldig.

»Nein, hab keinen Hunger.« Er schnappt sich wieder die Fernbedienung, die mir willenlos aus den Fingern gleitet.

»Meine Güte, seit wann braucht man denn Hunger, um Chips zu essen?«, rufe ich und lange demonstrativ in die fettige Knabberei. »Chips gehen doch immer!«

Aber Florian reagiert nicht, sondern starrt gebannt auf den Bildschirm, auf dem sich Mickey Rourke von einem Tacker malträtieren lässt. Da ich da sowieso nicht hingucken kann, widme ich meine Aufmerksamkeit der Frage, ob sie die Chipspackung mal wieder kleiner gemacht haben, denn sonst war da doch immer mehr drin, oder?

Pias Antwort auf meine Mail von Donnerstag finde ich am Samstagmorgen in meinem Postfach. Sie ist nur sieben Zeilen lang und handelt davon, dass sie im Schwangeren-Yoga eine Menge netter Frauen kennengelernt hätte und dass Rob ein echter Schatz sei, der sogar ihre Naturhaarfarbe schön fände (färben dürfe sie nicht mehr wegen der Schwangerschaft) und ihr niemals sagen würde, sie brauche ihren Schönheitsschlaf.

Tsess!, denke ich, reib mir nur unter die Nase, wie toll dein Rob ist. Dann lese ich weiter: Wobei das auch daran liegen würde, dass sie im Moment nur noch schlafen könnte, so müde wie sie sei. Aber so wie sie Florian kenne, habe er das einfach nur so dahingesagt.

Danke, Pia, auf die Idee bin ich mittlerweile selbst gekommen! Denn als ich gestern zu Florian sagte: »Ich gehe schon ins Bett, ich brauche ja meinen Schönheitsschlaf!«, da hat er mich an sich gezogen und ganz automatisch gesagt: »Was für ein Quatsch. Willst du nicht den Film mit mir zu Ende gucken?«

Also. Das ist ja wohl der beste Beweis. Ich überlege, ob ich mir mit meiner Mail auch mal zwei Tage Zeit lassen soll, aber einer besten Freundin darf man nicht böse sein. Deswegen schreibe ich ihr schnell, dass Christian gekündigt habe  – Heulsmiley  – und dass ich überlege, es ebenfalls zu machen, und frage sie nach ihrer Meinung. Aber ich weiß ja schon, dass die Antwort auf sich warten lassen wird.

Nach dem Frühstück fahren wir ins Sauerland. Dort findet heute auf irgendeinem Tümpel ein Modellbootrennen statt, an dem Florian teilnimmt. Auf der einstündigen Fahrt dahin komme ich endlich dazu, mit ihm über meine Jobsituation zu sprechen.

»Weißt du«, fange ich an, »wenn Christian geht, sollte ich vielleicht auch kündigen.«

Florian sieht mich scharf an. »Du willst den Job hinschmeißen, weil ein Typ aufhört?«

Ich werde rot. »Guck lieber auf die Straße«, mahne ich, weil wir mit seinem Polo dem Seitenstreifen gefährlich nahe kommen. »Natürlich will ich nicht nur deswegen aufhören, weil unser geschäftsführender Redakteur gekündigt hat. Unser verheirateter geschäftsführender Redakteur, der zwei Kinder hat. Wieso sollte ich?« Mein Lachen klingt eine Spur zu laut.

»Was weiß denn ich?«, sagt Florian säuerlich. »Soll ja vorkommen, dass man zu Kollegen ein enges Verhältnis hat.«

»Willst du etwa damit andeuten, ich hätte … eine Affäre?«, frage ich verblüfft.

Er zuckt mit den Schultern. »Na ja, du musst doch wohl zugeben, dass es sehr merkwürdig klingt, dass du aufhören willst, nur weil ein Kollege geht.«

»Ja. Nein. Um Gottes willen! So hab ich das doch nicht gemeint. Es ist nur so, dass Christian der Einzige von uns ist, der unserem bescheuerten Chef auch Kontra gibt. Nur deswegen überlege ich, ob ich auch kündigen soll.«

»Ach so. Na dann.« Er klingt immer noch eingeschnappt.

Ich lege ihm eine Hand aufs Bein. »Ich liebe nur dich, das weißt du doch.«

»Ja«, sagt er, »das will ich auch hoffen.« Er greift versöhnlich meine Hand und drückt sie.

Meine Güte, warum sind Gespräche mit Männern immer so kompliziert? Und warum hat er ständig so schwitzige Finger?

»Warte mal, ich brauche meinen Labello.« Ich entziehe ihm meine Hand und krame in meiner Tasche. Nachdem ich mir die Lippen eingefettet habe, komme ich auf das eigentliche Thema zurück. »Ich meine, ich habe dir doch schon oft gesagt, dass mir die Arbeit keinen Spaß mehr macht.«

»Wem macht Arbeit schon Spaß?«, sagt er. »Mach halt Dienst nach Vorschrift. Mache ich auch.«

»Aber das ist es ja. Bei deinem Job geht das sicher …« Ich beiße mir auf die Lippen, weil ich Sorge habe, dass er das als Beleidigung auffassen könnte, dann rede ich schnell weiter. »Aber bei meinem nicht, weil mein Chef sich selber an keine Vorschriften hält und immer bescheuerter wird.«

»Meine Güte, Nina«, sagt Florian aufgebracht, »alle Chefs haben einen an der Klatsche, das ist normal. Da darf man sich nicht drüber aufregen.«

»Ich rege mich nicht auf!«, rufe ich. »Ich überlege nur, ob ich mir einen anderen Job suchen soll.«

»Glaubst du, woanders ist es besser? Und wenn du da auch einen doofen Chef hättest, was dann?«

»Keine Ahnung«, muss ich zugeben, »aber einen Versuch ist es vielleicht wert.«

»Und dann überleg doch mal die derzeitige Lage. Meinst du im Ernst, du würdest so schnell eine neue Stelle finden? Soviel ich weiß, sieht es bei den Printmedien nicht gerade rosig aus.«

»Ich weiß«, sage ich kleinlaut. »Trotzdem könnte ich es ja versuchen. Vielleicht wäre das die Gelegenheit, die Branche zu wechseln und zum Beispiel zum Fernsehen zu gehen. Oder ich werde freiberufliche Journalistin und schreibe Reisereportagen. Ich wollte immer mal im Ausland arbeiten und habe das nie gemacht.«

»Ich finde, das hört sich völlig unausgegoren an«, brummt Florian. »Aber mach, was du willst. Für jemanden wie dich ist das ja kein Risiko.«

Ich überlege gerade, ob er mit »jemand wie mich« meint, »jemand, der so gut ist wie ich«. Aber dann sagt er: »Wenn es nicht klappt, kannst du immer noch deine Mutter anschnorren.«