Männer wie Männer, Frauen wie Frauen - Marja-Liisa Vartio - E-Book

Männer wie Männer, Frauen wie Frauen E-Book

Marja-Liisa Vartio

0,0
19,99 €

Beschreibung

„Ich hätte gar nicht erst herkommen dürfen“, sagt die 18-jährige Leena. Aber da sitzt sie schon auf seinem Bett. Sie ist verliebt. „Ich hätte es nicht tun dürfen“, sagt er, ein verheirateter Straßenarbeiter, „die Verantwortung liegt bei mir“. Leena hätte so gern etwas gelernt, studiert, aber der Vater ließ sie nicht. Jetzt erwartet sie ein „Hurenbalg“. Aber während etwas innen wächst, wird sie nach außen stärker. Leena rebelliert, verlässt Dorf und Familie, sucht sich in der Stadt eine Stelle. Das macht sie nicht glücklich, aber doch freier und selbstbestimmter. Eine tausendmal erzählte Geschichte, aber wie Marja-Liisa Vartio diese Geschichte erzählt, ist unerhört. Mit Feingefühl und lyrischer Intensität beschreibt sie die Gefühlswelt einer jungen Frau, die sich selbst erst kennenlernen muss, um etwas aus ihrem Leben zu machen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 343

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



»Ich hätte gar nicht erst herkommen dürfen«, sagt die 18jährige Leena. Aber da sitzt sie schon auf seinem Bett. Sie ist verliebt. »Ich hätte es nicht tun dürfen«, sagt er, ein verheirateter Straßenarbeiter, »die Verantwortung liegt bei mir«. Wieso spricht er über etwas, das es so gar nicht gegeben hat, denkt sie. Aber da hat es etwas gegeben. (Und bald wird man es Leena ansehen.) Und es verschwindet auch nicht wieder, obwohl Leena alles probiert. Leena, die so gern etwas gelernt, studiert hätte, aber der Vater ließ sie nicht. Jetzt erwartet sie ein »Hurenbalg«, der Vater spricht von Schande. Aber während etwas in ihr wächst, wird sie nach außen stärker. Sie beginnt, ihr Leben allein zu meistern. Auch den Mann, der anfangs noch verspricht, seine Familie für sie zu verlassen, braucht sie immer weniger. Leena rebelliert, verlässt Dorf und Familie, sucht sich in der Stadt eine Stelle. Das macht sie nicht glücklich, aber doch freier und selbstbestimmter.

 Eine tausendmal erzählte Geschichte, aber wie Marja-Liisa Vartio diese Geschichte erzählt, ist unerhört. Mit Feingefühl und lyrischer Intensität beschreibt sie die Gefühlswelt einer jungen Frau, die sich selbst erst kennenlernen muss, um etwas aus ihrem Leben zu machen.

 »Mein sprachliches Idol.« Sofi Oksanen

 Marja-Liisa Vartio, geboren 1924, gilt in Finnland als die große moderne Klassikerin der Prosa. Sie war verheiratet mit dem Autor Haavikko. 1966 starb sie mit 41 Jahren in Folge einer Fieberkrankheit. Vartio war und blieb eine Bestsellerautorin in Finnland, im Zentrum ihrer Bücher stehen Frauen, die sich gegen ihre Grenzen zur Wehr setzen.

MARJA-LIISAVARTIO

MÄNNER wie MÄNNERFRAUEN wie FRAUEN

Roman

Titel der Originalausgabe: Mies kuin mies, tyttö kuin tyttö. First published by Otava, Keuruu 1958

Übersetzerin und Verlag bedanken sich für die Förderung der Übersetzung bei:

FILI – Baltic Centre for Writers and Translators, Oili Suominen, Auli Hakulinen, Helena Saari.

FILI – Finnish Literature Exchange

eBook Insel Verlag Berlin 2014

Der vorliegende Text folgt der Erstausgabe, 2014.

© der deutschen Ausgabe Insel Verlag Berlin 2014

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Für Inhalte von Webseiten Dritter, auf die in diesem Werk verwiesen wird, ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber verantwortlich, wir übernehmen dafür keine Gewähr.

Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar.

Satz: Satz-Offizin Hümmer GmbH, Waldbüttelbrunn

1

Der Mann brach einen Zweig vom Baum, wedelte damit durch die Luft und ließ ihn fallen. Der Zweig blieb schaukelnd zwischen zwei trockenen braunen Halmen hängen. Er verschob den Fuß, die Halme bewegten sich, und der Zweig war verschwunden.

Das Mädchen hatte diese absichtslose Bewegung mit den Augen verfolgt. Sie bückte sich, zog neben ihrem Schuh einen Grashalm aus der Erde und kaute an seinem dickeren Ende.

»Möchtest du nicht reinkommen?« Seine Stimme war tief. »Nur kurz, wenn du es nicht eilig hast. Oder musst du schon nach Hause?«

»Ich weiß nicht – eilig habe ich es nicht, das ist es nicht. Meine Eltern sind irgendwo zu Besuch, eine Geburtstagsfeier. Sie kommen wohl erst morgen früh zurück, der Weg dahin ist weit. Sie übernachten dort, heute ist ja erst Sonntag.«

»Komm schon.« Er hatte sich bereits umgedreht und ging auf die Eingangstür zu.

Sie zog einen zweiten Grashalm aus der Erde und malte damit Kreise in die Luft. Dann warf sie den Halm zu Boden.

»Na gut. Kurz. Was sagen die bloß?«

»Die sind heute auch nicht zu Hause.« Er blickte zum Fenster neben der Tür. »Und wenn sie zurückkommen, was soll's. Man wird ja wohl noch zusammensitzen und reden dürfen, es ist nicht einmal spät.« Er lächelte leicht.

Es war zehn vor neun, sie hatte auf ihrer kleinen goldenen Armbanduhr nachgesehen.

»Ja«, sagte sie und blickte zurück auf den Weg, auf dem sie bis hier in den Garten gekommen waren. Es war eine Abkürzung, beinah zugewuchert, die an der Landstraße begann, durchs Erlenholz und den trockenen Kiefernwald führte, sich hier und da in verschiedene Richtungen verzweigte und am Zaun endete. Sie waren hinübergeklettert. Von dieser Seite war der Weg kaum zu sehen, so dicht stand der Wald. Nur das Lattengatter, das im Reisigzaun deutlich zu erkennen war, verriet, dass dahinter womöglich ein Weg lag.

Sie erinnerte sich, wie sie einmal im Winter auf Skiern an diesem Zaun entlanggefahren war. An genau diesem Gatter hatten sie angehalten, sie und ihre Schwester, und hatten zum Haus geblickt. Dann waren sie der Loipe zur Wiese gefolgt, wo die eingefallene Scheune stand, und von dort waren sie auf den zugefrorenen See gelaufen und über das Eis hinweg nach Hause.

Der Mann stand auf der Treppe.

Auch sie stand jetzt dort. Sie betrachtete die Fenster und plauderte, sagte, dass sie die Besitzer kannte, ein älteres Ehepaar, das vor zwei Jahren aus der Stadt hierhergekommen war. Sie hatten das Haus von einem Förster gekauft, der weggezogen war. Auch an ihn und seine Frau erinnerte sie sich gut, im Haus selbst war sie allerdings nie gewesen.

»Es ist frisch gestrichen und renoviert«, sagte sie. »Hübsch sieht es aus. Gewiss wäre es schön, alles einmal von innen zu sehen.« Sie blickte zum ersten Stock hoch.

»Jetzt komm, gehen wir rein. Aber wenn du nicht möchtest … Ich will dich auf keinen Fall zwingen.« Er lachte neckisch, doch sein Gesichtsausdruck war schon ein anderer geworden. Als dächte er, dass er sie nicht hätte bitten sollen. Sie sah das.

»Nein, schon gut.« Sie lachte, brachte es aber nicht fertig, ihm in die Augen zu schauen. Dennoch machte sie ein paar Schritte auf ihn zu. Als er sie näher kommen sah, holte er den Schlüssel aus der Tasche und steckte ihn ins Schloss.

Sie war bis zur Tür gegangen, jetzt standen sie nebeneinander im Flur. Links ging eine Tür ab, vor ihnen führte eine Treppe in den ersten Stock.

»Das ist deren Küche«, sagte er, als er ihren Blick zur Tür bemerkte.

Er ließ ihr den Vortritt und wies die Treppe nach oben. Doch sie war wieder stehen geblieben. Die Treppe schimmerte golden, die Abendsonne fiel durch das Flurfenster im ersten Stock und floss von oben die Stufen herab. Nur unten war es schummrig. Der Läufer, der die Stufen bedeckte, war hell und sauber. Sie ging ein paar Stufen, machte dann Halt.

»Bitte sieh nach, ob meine Schuhe sauber sind.«

Sie winkelte ein Bein ab, streckte es ihm entgegen. Hinter ihr prüfte der Mann die gerippte Gummisohle.

»Sauber.«

Sie spürte, wie seine Finger sich um ihren Knöchel schlossen.

»Lass los, sonst falle ich!« Sie hüpfte auf einem Bein, kam fast ins Wanken.

Ohne sich umzudrehen, stieg sie weiter nach oben, hinter sich seine Stimme: »Du fällst nicht. Ich fange dich auf. – Schau, wie schön meine Aussicht ist.«

Er war ans Fenster im oberen Flur getreten, musste zum Hinausschauen den Kopf einziehen, das Fenster war niedrig.

Sie stellte sich neben ihn.

Vor ihnen lag eine Landschaft im Mai; Felder und Häuser auf leichten Anhöhen. Hinter der Landstraße und den Baumwipfeln ein blauer Klecks.

»Und da hinten ist der Bahnhof, da, siehst du die roten Dächer? Und da die Schule, das lange gelbe Gebäude. Nein, nicht dort, das daneben, mit den großen Tannen davor.«

Er war noch nie auf der anderen Seite des Dorfes gewesen, wo die Schule lag.

»Es sieht so seltsam aus«, sagte sie. »Als hätte ich diese Häuser nie betreten. Und sieh mal, da hinten auf der Landstraße fährt jemand Fahrrad. Wer das wohl ist?«

»Irgendjemand«, sagte er und sah zu dem kleinen Punkt, der sich die Straße entlangbewegte.

»Unser Haus sieht man von hier nicht«, sagte sie.

Er schlug vor, ins Zimmer zu gehen, aber ihre Augen verweilten in der Landschaft, wanderten von den Höfen der Häuser vor ihnen mal zur Linie des Waldes hinterm Dorf, mal zur Landstraße. Sie wollte schauen, wohin der Radfahrer fuhr, doch er verschwand aus ihrem Sichtfeld.

»Welche Tür? Lass mich raten.«

Die Türen sahen beide gleich aus, sie zeigte auf die rechte.

»Falsch geraten, es ist diese.« Er öffnete die linke. »Setz dich«, sagte er.

Als er sah, dass sie zum Stuhl ging, der neben der Tür stand, zeigte er auf sein Bett: »Setz dich dorthin, das ist gemütlicher.«

Sie setzte sich dennoch auf den Stuhl.

Er war stehen geblieben und zündete sich eine Zigarette an.

»Vielleicht sollte ich meine Jacke ablegen?«

Er beeilte sich, ihr zu helfen, und hängte die Jacke an den Garderobenhaken. Nun ging sie doch zum Bett und setzte sich auf die Kante.

»Bücher.« Sie nahm eins vom Tischrand. »Sieben Gerstenkörner.« Sie las die Titel laut vor. »Der Tod und das Mädchen. Das klingt schön.« Sie legte die Bücher zurück. Einmal hatte es im Radio ein Gruselhörspiel gegeben, erzählte sie, das hieß Sieben kleine Negerlein. Es war Sommer gewesen, August, sie hatte mit ihrer Schwester in der Speicherhütte geschlafen, die Nacht war schon dunkel. »Und es hat gestürmt, der Wind hat in den Ecken geheult, ein schrecklicher Sturm«, sagte sie und lachte. Und in dem Hörspiel hatte der gleiche Sturm gewütet, in der Nacht, als der Mord passierte, und da hatten sie Angst bekommen dort im Speicherhaus. Schließlich waren sie blitzschnell hinüber zum Haus gerannt, doch ihre Eltern schliefen schon und die Tür war zu. Aber dann war der Vater aufgestanden, um nachzuschauen, wer da ans Fenster klopfte, und als er sie sah, nahm er an, dass etwas passiert sein musste, weil sie nun mal mitten in der Nacht herübergekommen waren. Da war er wütend geworden und hatte gesagt, dass man nichts anhören darf, was der Kopf nicht aushält. Sie lachte.

»Ja«, sagte er und lachte kurz auf. Er erinnerte sich, das Hörspiel ebenfalls gehört zu haben, und erzählte, dass er gern Kriminalromane las, solang sie gut waren, nicht aus allen machte er sich etwas, und finnische Kriminalromane waren seiner Ansicht nach gekünstelt.

»Das ist ein schönes Zimmer.« Sie blickte von einem Gegenstand zum anderen. An den Fenstern hingen weiße Leinenvorhänge, auf dem Boden lag ein Flickenteppich, so sauber, als hätte ihn nie jemand betreten.

»Schönes Zimmer«, wiederholte sie. »So einen Sekretär wollte ich auch immer haben.«

»Frauenzeugs«, sagte er. Er konnte an dem Möbelstück nicht gut schreiben, seine Ellenbogen rutschten über die Kante.

Er blickte kurz zum Sekretär. Als sie gerade woanders hinsah, stand er auf und griff nach einem Block mit einem angefangenen Brief. Er legte ihn in die Schublade und schob sie zu. Aber sie hatte schon begriffen, was für ein Brief das war.

Schweigend saßen sie da und vermieden es, einander anzusehen.

»Sollen wir eine Aufnahme machen?« Er nahm den Fotoapparat vom Wandhaken, holte die Kamera aus der Fototasche und richtete sie auf das Mädchen.

»Nein«, wehrte sie ab, ordnete jedoch bereits ihre Haare.

Er legte die Kamera wieder beiseite. »Ohne Lampe kann man in einem so dunklen Zimmer nicht fotografieren.«

»Ein guter Apparat«, sagte sie.

Er erzählte, dass er viel fotografiert und in seinem Heimatort einem Fotoclub angehört hatte. Er hatte mit seinen Bildern sogar schon an Wettbewerben teilgenommen. »Willst du mal sehen?« Er ging hinüber zur Schublade.

»Ja, lass sehen, zeig mir alle.« Sie streckte die Hand aus, er gab ihr aber nur ein paar wenige Bilder und legte die übrigen zurück in die Schublade. Aber sie hatte schon gesehen, was für Bilder es waren.

»Das hier ist ein gutes, es war sogar bei einem Wettbewerb dabei. Aber das habe nicht ich gemacht, sondern ein Bekannter.« Er erklärte ihr, wie das Foto aufgenommen worden war, allerdings verstand sie kaum etwas von den Fachbegriffen und konnte nichts weiter sagen, als dass das Bild schön sei.

Das Foto zeigte ihn. Er trug Stiefel, hatte die Ärmel seines Hemdes hochgekrempelt und die Arme vor der Brust verschränkt, die sehnigen Unterarme glänzten in der Sonne. Ein Bein stand auf der Walze seiner Straßenmaschine, die Hüfte wirkte locker. Die Augen hatte er zusammengekniffen, der Mund lachte.

»Du siehst so nett aus«, sagte sie und hielt das Bild mit beiden Händen. Gern hätte sie es als Geschenk erbeten.

»Die Sonne hat mir direkt ins Gesicht geschienen«, sagte er und lächelte verlegen. Er erklärte, dass er gerade etwas zu einem anderen Mann hatte sagen wollen, der hinter der Maschine gestanden hatte und auf dem Bild nicht zu sehen war. In dem Moment hatte ein Bekannter heimlich das Foto gemacht. Er selbst hatte davon gar nichts bemerkt, bekam das Bild erst viel später zu Gesicht. Fotos muss man so machen, dass der Fotografierte nichts merkt, man muss die richtige Situation und den richtigen Winkel erwischen, sagte er, dann wird es am besten. Der Bekannte, der dieses Bild gemacht hatte, besaß auch eine Schmalfilmkamera, mit der hatte er schon alles Mögliche gefilmt, zum Beispiel eine große Parade in Helsinki. Sein Bekannter führte ein Geschäft und hatte die Kamera in Russland erworben, als er dort auf einer Gruppenreise war. Eine ostdeutsche Marke.

Sie sagte »Aha«, und der Mann hörte auf, vom Fotografieren zu erzählen.

»Ich habe wohl nichts, was ich dir anbieten kann, nicht mal einen Bonbon.«

»Einen Bonbon?«, fragte sie und schürzte die Lippen. »Ich bin doch kein Kind mehr.«

Sie fasste sich mit der Hand in die Haare und merkte, dass ihre Haarspangen in den Nacken geglitten waren.

»Furchtbar, wie sehe ich nur aus!« Eilig trat sie vor den Spiegel und versuchte die Haare zu lösen, doch das Samtband hatte sich verknotet. Ungeduldig zerrte sie an dem Band, bis ihr die Kopfhaut wehtat, bis das Band kaputtging und ein paar Haare mit ausriss. Sie holte einen Kamm aus der Tasche und ordnete ihre Frisur. Nachdem sie sich mehrmals gründlich durch die Haare gefahren war, fingen die Haarspitzen an zu knistern, wenn sie den Kamm an den Kopf hielt. »Hör mal. Elektrisch«, sagte sie und kämmte weiter, spielte mit ihrem Haar und dem Kamm. »Lass mich bei dir probieren.« Sie ging auf ihn zu, reckte sich.

»So kommst du nicht ran«, sagte er, richtete sich auf und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Ich komm dir wohl entsetzlich klein vor.« Sie sah ihn an und dachte, ich muss ihm wohl sehr kindisch vorkommen.

»Wir messen mal.« Der Mann formte Daumen und Zeigefinger zu einem Ring und schaute hindurch. »Mindestens eins fünfundsechzig.«

»Nein, ich bin nur eins zweiundsechzig, gerade mal so eben.«

»Aber das ist doch genau die richtige Größe für eine Frau.« Außerdem wusste er, dass auch die Königinnen von England klein waren.

»Furchtbar, so klein?!«, rief sie, wobei sie das Wort furchtbar in die Länge zog. »Auf Bildern gelingt es ihnen aber, größer auszusehen«, fügte sie nachdenklich hinzu. »Wie sie das nur hinbekommen«, fuhr sie fort, als ärgere sie sich darüber, dass Königliche etwas konnten, was normale Menschen nicht hinbekamen.

Er erklärte ihr, dass man mit der Fotografie alles Mögliche erreichen konnte, wenn man nur die richtige Perspektive wählte.

»Ja, die können schon was«, sagte sie.

Sie ging zurück zum Bett und setzte sich auf die Kante. Ihre Hände und Füße begannen sich wie von selbst zu bewegen, als wisse sie nicht, in welcher Position sie sie halten sollte.

Er hatte sich noch eine Zigarette angezündet. Sie beobachtete den Rauch, der an die Decke stieg und von dort hinüber zur Tür zog, die einen Spaltbreit offen geblieben war.

»Gib mir auch eine«, bat sie, als wolle sie irgendwem trotzen oder den Mann ärgern.

»Ach. Du rauchst?« Er machte keine Anstalten, ihr eine anzubieten.

»Ist es denn so ungewöhnlich, wenn Frauen rauchen?« In ihren Augen leuchtete ein beinahe boshafter Funke.

»Nein, das nicht.« Daran war nichts Seltsames. Aber sicher doch würde er ihr eine Zigarette anbieten, er war nur nicht darauf gekommen, weil er sie noch nie hatte rauchen sehen.

»Eigentlich rauche ich auch nicht. Aber es ist alles so öd.« Ihr Gesicht nahm einen unzufriedenen Ausdruck an, der sie älter wirken ließ und ihre flächigen Züge härter machte.

»Was geht dir durch den Kopf, wenn du so dreinschaust?«

»Ich weiß nicht.« Sie zuckte mit den Schultern und änderte ihren Gesichtsausdruck, lachte auf und war wieder wie vorher.

»Setz dich bequemer hin. So kannst du doch nicht sitzen, du hast ja nichts zum Anlehnen. Stopf dir ein Kissen in den Rücken.« Er kam zu ihr, um das Kissen zu platzieren. Sie schleuderte ihre Schuhe auf den Boden und hob die Füße aufs Bett.

»Genau, so ist es gut«, sagte der Mann, der jetzt im Zimmer hin und her ging und ab und zu aus dem Fenster sah.

»Was ist mit dir – störe ich dich? Willst du schlafen gehen?«

Er blieb vor ihr stehen und sah sie verdutzt an.

»Was ist mit dir? Warum bist du eigentlich so launisch?«

»Nichts, kümmere dich nicht darum. So bin ich eben. Mich ärgert nun mal alles.«

Was ärgerte sie denn?

»Was hast du gedacht, als ich mit ins Zimmer gekommen bin?«, fragte sie und beobachtete sein Gesicht.

Was soll er gedacht haben? Nichts. Hatten sie sich denn nicht schon oft getroffen?

Doch sie bestand darauf; zumindest musste er irgendetwas gedacht haben, als sie an der Landstraße in sein Auto stieg.

»Aber wieso, was meinst du denn jetzt? Was soll daran seltsam gewesen sein?« Ungeduldig zog er die Augenbrauen zusammen, schon vorher war sie auf der Sache herumgeritten. Was sollte schon dabei sein? Sie hatte schließlich an der Landstraße auf ein Auto gewartet, das sie mit in die Stadt nahm, und es geschah doch oft, dass Leute ein Auto anhielten, um mitgenommen zu werden. Wieso redete sie immer wieder darüber? »Willst du mit mir streiten?«, sagte er.

»Ich hätte gar nicht erst herkommen dürfen.« Sie sagte es leise und war so traurig, dass sie am liebsten geweint hätte.

Er schien das zu merken und fragte, ob sie ihm nicht erzählen könne, weshalb sie so niedergeschlagen war, was sie bedrückte.

»Nichts.«

Ohne noch mal zu fragen, nahm sie eine Zigarette aus der Schachtel, die auf dem Tisch lag. Er beeilte sich, ihr Feuer zu geben.

»Ist dir etwas Trauriges zugestoßen? Haben sie zu Hause was gesagt, haben sie es herausgefunden?«

Sie antwortete nicht.

»Oder willst du nicht mehr? Vielleicht ist es ja besser so.«

»Nein, sie wissen es nicht«, sagte sie schnell. Sie hatte es nicht einmal ihrer Schwester erzählt, ihre Schwester wusste bloß, dass sie losgegangen war, um jemanden zu treffen. »Die ist so kindisch, die petzt alles weiter, wenn sie wütend wird.«

Sie hatte gesagt, dass sie mit einem Mädchen Fahrrad fahren wollte. Die Mutter und der Vater waren noch zu Hause gewesen, als sie aufgebrochen war. Sie hatte das Fahrrad genommen, das an der Wand lehnte, war vom Hof auf den Waldweg gefahren und hatte das Rad in einem Gebüsch versteckt. »Da ist es jetzt.« Sie lachte beim Gedanken daran, wie sie das Rad mit Zweigen bedeckt hatte.

Er hatte mit seinem Auto am Rand der Landstraße auf sie gewartet, an der vereinbarten Stelle. Sie waren in die Stadt gefahren. Er hatte sie zum Mittagessen ins Restaurant einladen wollen, doch sie hatte sich nicht getraut, aus Angst, gesehen zu werden. Sie hatten Butterbrote gekauft und waren fast den ganzen Tag über Landstraßen gefahren.

Und jetzt waren sie hier. Das Auto hatte er am Straßenrand abgestellt. Sie hatten nur noch ein wenig im Wald umherspazieren wollen, ehe sie zurück nach Hause musste. Dabei schlugen sie einen Pfad ein, zufällig genau den Pfad, der zu diesem Haus führte.

Genau das dachte sie: dass sie eigentlich aus Zufall in dieses Zimmer gelangt war.

»Draußen ist es dämmrig. Gleich wird es dunkel.« Sie reckte den Kopf, um aus dem Fenster sehen zu können. »Ob ich nicht schon nach Hause müsste?«

Aber als sie sich regte, als wolle sie gleich aufstehen und gehen, bat er sie, noch zu bleiben.

Er ging zum Tisch und machte die Lampe an. »Bleib noch ein bisschen sitzen. Wir machen das Licht an«, sagte er, obwohl das Licht bereits brannte.

Sie hatte zugeschaut, wie er sich über die Lampe gebeugt und wieder aufgerichtet hatte. Seine Augen ruhten auf ihr, im Lichtschein sahen sie anders aus als vorher. Sein Blick war ernst, und auf einmal fühlte sie sich gut und sicher. Er kam zu ihr, setzte sich neben sie.

Sie schaute ihn nicht an, als würde sie nicht bemerken, dass er neben ihr war.

Er saß ein wenig vorgebeugt, die Füße auf dem Boden, die Ellenbogen auf die Knie gestützt. Sie betrachtete seinen gebräunten Nacken, die Linie der Schultern.

»Wenn ich doch von zu Hause weg könnte.«

Er richtete sich auf, lehnte sich an die Wand und neigte ihr aufmerksam den Kopf zu.

»Wenn ich doch nur irgendwohin könnte.«

Wohin wollte sie denn? Ging es ihr zu Hause nicht gut?

»Ich weiß nicht. Wenn ich nur einfach irgendwohin könnte, aber sie lassen mich nicht.«

»Wohin denn?«

Sie wusste, dass er das nur ihr zu Gefallen fragte, sie hatten schon oft darüber gesprochen.

»Einfach irgendwohin. Vielleicht zu einem Kurs, zum Beispiel auf die Handelsschule oder die Hauswirtschaftsschule, oder zu einem Kinderpflegekurs. Aber Vater lässt mich nicht.«

Warum ließ der Vater sie nicht?

»Ich weiß nicht. Er lässt mich eben nicht. Wenn ich doch nur kommen und gehen könnte, wie ich will, aber er behandelt mich wie eine Minderjährige, und arbeiten muss ich von morgens bis abends.« Allmählich kam es ihr vor, als liefe das Leben ihr davon.

Er musste lachten. »Ach du! Denkst du wirklich, dass es woanders besser ist?«

»Habt ihr das Auto eigentlich hochbekommen?«, fragte sie.

Ja, doch, das hatten sie. »Wie kommst du jetzt darauf?«

»Nur so.« Sie streckte sich, setzte die Füße auf den Boden und zog ihre Schuhe an.

»Aber wie kommst du jetzt auf das Auto, aus heiterem Himmel?«

Es war schon eine Woche her, dass er den Sandtransporter aus dem Graben gezogen hatte. Sie war zufällig die Straße entlanggekommen, hatte einen Moment zugeschaut und war dann weitergegangen, nach Hause, da die Sache sie nicht interessierte.

»Die sieht schrecklich aus, diese Maschine. Wie ein Tier, ein entsetzliches Raubtier. Ich habe Angst bekommen, als sie im Dunkeln an der Straßenkreuzung stand.«

»Aber was macht dir denn da bloß Angst?« Er verstand ihre Phantasien nicht und reagierte wie auf das Gerede eines Kindes.

»Die ist bestimmt schrecklich teuer. Teurer als ein Auto?«

»So teuer wie mehrere Autos.«

»Gehört sie dir?«

»Mir? Nein. Das macht doch gar keinen Sinn, dass ein einzelner Mensch ein so großes Ding wie einen Bagger kauft. Er gehört der Feldrodung-AG, und er wird für Straßenbau und Erdarbeiten genutzt.«

Er erzählte, kürzlich eine Parzelle gerodet zu haben, die einem Frontsoldaten übertragen worden war. Innerhalb eines einzigen Tages hatten sie mehrere Hektar Land umgegraben, und das bei sumpfigem Boden und immer wieder großen Baumstümpfen. Eine solche Rodung kostete viertausend Finnmark pro Stunde, rund hunderttausend musste der Besitzer für die Bearbeitung der gesamten Parzelle bezahlen. Aber die Erde war schnell gewendet. Mit der Hacke hätte man für eine solche Fläche ein ganzes Leben und seine Gesundheit geopfert. Sie hatten es zu zweit erledigt, die Maschine lief die ganze Zeit. Wenn einer Pause machte, fuhr der andere. »Ich weiß allerdings nicht, wie lange ich diese Sache noch mache. Aber da ich den Kurs nun mal besucht habe, gehört jetzt eben auch das zu meiner Arbeit.« Und er erzählte, dass er früher im Güterfernverkehr gearbeitet hatte, es jedoch anstrengend fand, da man die ganze Zeit unterwegs sein musste. Davor hatte er sogar einen eigenen Lastwagen besessen, ihn aber verkauft und sich stattdessen einen PKW angeschafft, gebraucht allerdings. Er würde ihn bald wieder verkaufen und sich einen anderen besorgen, von Škoda, er wusste von einem, der kaum gefahren war.

»Und auf See bin ich auch gewesen.«

»Wie ist es dort?« Sie lauschte ihrer eigenen Stimme nach.

»Wie soll es schon sein, ist nichts Besonderes. Aber man verdient gut. Arbeit eben. Zu Hause waren wir viele Kinder. Ich war immer auf mich allein gestellt. Wenn ich darüber nachdenke, habe auch ich mich nirgends so richtig wohl gefühlt. Aber man hatte keine Wahl. Wenn man älter wird, dann versteht man das.«

»Ich bin nie irgendwo gewesen und habe nie irgendwas gesehen«, sagte sie. »Wenn ich nur zur Schule gegangen wäre«, sprach sie mit erregter Stimme weiter, hielt nachdenklich inne, als wolle sie sich selbst etwas fragen, und erzählte dann, dass sie immerhin mit der Schule begonnen hatte, bloß in der zweiten Klasse sitzengeblieben war. Da hatte der Vater sie von der Schule genommen. Ihre Schwester aber ging hin, sie war jetzt in der fünften Klasse.

»Sie haben versprochen, dass ich nächsten Winter zu einem Webkurs darf. Doch das ist es dann schon«, schnaubte sie und zuckte mit den Schultern. »Ich würde gerne studieren, etwas lernen oder wenigstens was sehen. Immer nur dasselbe, dieses Dorf und diese Menschen. Und du gehst ja auch weg, dann gibt es auch dich nicht mehr.«

»Daran denken wir jetzt nicht«, sagte er. Und selbst wenn seine Baustelle woanders wäre, würde er vielleicht doch noch hier wohnen, es gab ja das Auto, mit dem man sich fortbewegen konnte.

Sie verstummten, und sie dachte darüber nach, was der Mann gesagt hatte: dass er noch nicht wegwollte.

Sie fing an, vor sich hin zu summen.

»Was singst du?«, fragte er leise.

Sie schreckte hoch. »Nichts, gar nichts.«

Doch nach einer Weile merkte sie, dass sie schon wieder summte. Es war eine melancholische Melodie, weiter nichts, sie kannte nicht mal die Worte dazu. Sie nahm den Blick des Mannes wahr, der ihr Profil betrachtete, und überlegte, ob sie den Kopf drehen sollte, weil ihr Gesicht von vorn hübscher war. Dann spürte sie, wie ihre Lippe zu zittern anfing. Sobald sie merkte, dass jemand sie ansah, begann ihre Lippe zu zittern, und sie konnte nichts dagegen tun.

Sie entdeckte einen Füllfederhalter auf dem Tisch, nahm ihn in die Hand und malte auf den Rand einer Zeitung eine gestrichelte Linie. Zügig schrieb sie ihren eigenen Namen, Leena, Leena, Leena, drückte so stark auf, dass die Feder kratzte. Sie warf den Füller zurück auf den Tisch.

»Tanzen wir?« Sie sah ihn direkt an.

»Na gut, tanzen wir.« Er war verlegen.

»Nein. Doch nicht«, beschloss sie und vergaß dabei, dass sie selbst es vorgeschlagen hatte – nur zum Spaß. Aber der Mann hatte sie ernst genommen. »Nein, wir tanzen bestimmt nicht«, wiederholte sie; ihr war nach Weinen oder Streiten zumute.

Er maß sie mit seinen Blicken, und sie hörte ihn sagen:

»Jetzt tu ich es.«

»Was?« Sie riss die Augen auf, als hätte sie nicht verstanden, rückte aber zugleich schon von ihm ab.

Er beugte sich zu ihr vor. Sie wich der schnellen Bewegung seines Kopfes aus, doch er tat, als würde er ihren Widerstand nicht bemerken. Sie hämmerte mit den Fäusten auf seine Brust, doch ihre Hände wurden festgehalten. Und sogar da noch, als sie immer wieder sagte »Du hast es versprochen«, kümmerte es ihn nicht.

Sein Mund war vor ihrem Mund, und sie hörte auf, so zu tun, als würde sie die Berührung nicht wollen. »Hat es gut geschmeckt?«

»Du bist sonderbar. Bist du wirklich so ein Kind, oder was ist mit dir los?«

Sie drehte sich zur Wand.

»Sei mir nicht böse.« Er zog sie zu sich heran. »Aber du bist eben …«

»Was denn, was bin ich? Wie bin ich, sag es! Sag es, wo du schon mal davon angefangen hast.«

»Manchmal bist du … Manchmal vergesse ich ganz, wie jung du eigentlich bist. Es kommt mir vor –«

»Wie?«

Und dann sagte er, dass sie vielleicht doch noch eine richtige Göre sei.

»Wenn das so ist, kann ich ja sofort gehen.«

Als sie aufstand, sagte er schnell, dass er es bloß lobend gemeint hatte, es nur nicht anders auszudrücken vermochte.

Sie konnte ihr Lächeln nicht verbergen, es stieg ihr in die Augen, sie wiegte ihren Kopf und wippte mit den Füßen.

»Ich weiß nicht, was es ist, aber ich mag dich gerade deshalb, weil du … so bist.« Er stockte zwischen den Worten und fuhr schließlich mit der Hand durch die Luft: »Ich kann nicht reden.«

Sie sah ihm direkt in die Augen. Er sah zurück. Als sein Gesicht näher kam, wich sie nicht mehr aus. Sein Mund lag jetzt dort, wo er zufällig hingeraten war, auf ihrem linken Augenwinkel. Sie hob ihren Kopf, so dass seine Lippen auf ihren lagen.

Als sie sich voneinander gelöst und einen Moment still dagesessen hatten, fragte er: »Sag, magst du das nicht?«

Sie überlegte. War jetzt etwa sie es, die irgendetwas entscheiden sollte? Für einen kurzen Augenblick war der Mann ihr fast widerwärtig.

Sie gab keine Antwort und holte tief Luft, wie nach einem schnellen Lauf.

»Was denkst du? Sag, was du denkst.«

»Ich gehe.« Sie stand auf. »Gib mir meinen Mantel.«

Und obwohl sie bereits zur Tür gegangen war und ihn selbst vom Haken genommen hatte, wiederholte sie: »Gib mir meinen Mantel.«

Er war ihr hinterhergekommen. Sie wandte ihm den Rücken zu, er half ihr in den Mantel. Ein Arm steckte schon im Ärmel, und sie hob gerade den zweiten, als sie an ihrer Schulter eine Berührung spürte. Der Arm, der sich erhoben hatte, sank wieder nach unten, der Ärmel hing schlaff und leer herab. Der Mann packte sie an den Schultern und drehte sie wie eine Statue Richtung Bett. Sie nahm jeden ihrer Schritte wahr, marschierte in seiner Führung wie bei einem Festumzug, aufrecht und langsam. Sie griff nach dem obersten Mantelknopf, und auch etwas später, als sie mit offenen Augen und dem Blick zur Decke auf dem Bett lag, griff sie noch immer nach dem Knopf. Als sich das Gewicht des Mannes auf sie senkte, hatte sie die zwei obersten zubekommen.

Dann wurden ihr die Arme vom Körper geschoben und gerade aufs Bett gelegt.

Sie schloss die Augen. Als sie sie wieder öffnete, sah sie über sich seine Augen und, wie Sonnenstrahlen, die Linien seiner Augenwinkel. Sie sah, wie sich seine Lider schlossen, ruhig und langsam, als würde er sie zum Schlafen schließen. Immer im Wechsel öffneten und schlossen sie die Augen: Wenn sie ihre aufmachte, waren seine zu; wenn sie ihre schloss und wieder aufmachte, waren seine offen und warteten schon. So fuhren sie lange Zeit fort, betrachteten einander stumm, wie den Grund eines Sees.

Als sie spürte, dass sein fester Körper sich entspannte, zuckte sie, als wollte sie fliehen. Doch dann veränderte sie ihre Bewegung, so, dass sie spüren konnte, wie ihre Kraft seinen Körper beherrschte, wie sein Körper sich an ihren presste.

Die zwei Knöpfe ihres Mantels wurden wieder geöffnet, eine Hand wollte sich unter ihren Rücken schieben. Sie stemmte sich hoch, und die Hand zog ihr den Mantel aus. Ein Rascheln und ein heller Laut erklangen, als der Stoff mitsamt Knöpfen auf dem Boden landete.

Das ist mein Mantel. Er ist auf den Boden gefallen.

Ihre Augen waren weit geöffnet und starrten zur Decke. Zu zwei hellbraunen Flecken. Das Dach leckt, dachte sie.

Dann sagte sie zu sich: Ich bin. Ich bin die, die hier liegt.

Und nach einer Weile fragte sie sich: Bin das wirklich ich, die hier liegt?

Leena. Sie dachte ihren Namen: Leena.

Und während die Hand zu ihrer Taille wanderte und die Häkchen ihres Rockes öffnete, dachte sie:

Meine Hand hilft, die Häkchen zu öffnen.

Und sie stemmte sich erneut hoch, so dass ihr Rücken sich bog wie eine Brücke, so lange, wie seine Hand brauchte, um ihr den Rock von den Hüften und über die Beine zu ziehen. Dann legte die Hand den Rock auf den Fußboden.

Ich bin ausgezogen, jetzt. Es geschieht mir. Jetzt.

Und als Nächstes dachte sie: Ist das meine Stimme, die Neinnein sagt?

Bin ich das, die sagt: Ich will nicht, ich trau mich nicht, aber zugleich der Hand hilft, die mich auszieht, jetzt?

So ist es also? Das, was mir gleich geschieht, ist es.

Sie erschrak und sagte mit lauter Stimme: »Nein.«

Und doch konnte sie nichts mehr tun, um vielleicht noch aufzustehen und zu gehen.

Bin ich jetzt eine schlechte Frau? Und als Nächstes dachte sie: Selbst wenn ich jetzt aufstehe und gehe, so wäre es trotzdem schon passiert, es wäre ein und dasselbe, er hat mich gesehen.

Verstohlen blickte sie in seine Augen. Sie waren verdunkelt, sahen nichts, sie konnte sie in Ruhe betrachten. Dann hörte sie ihren Namen.

»Leena.« Er stammelte.

Und sie schämte sich für ihn, darüber, dass er sich auf diese Weise zeigte, wie irr, und wie ein Kind redete. Aber zugleich dachte sie, dass das vielleicht dazugehörte zu dem, was geschah, dass es so sein musste und sie das nur noch nicht begriffen hatte. Und sie wollte etwas tun, etwas sagen, das hierhergehörte, zu dem, was geschah. Etwas, das ihr Anteil wäre an dem, was geschah.

Sie sagte seinen Namen, ein einziges Mal, und schämte sich, ihre Stimme zu hören: Sie log. Und sie hatte Angst, sich lächerlich gemacht und ihn verletzt zu haben. Doch als der Mann seinen Namen hörte, benahm er sich, als hätte eine große Freude von ihm Besitz ergriffen, und sie spürte die scharfe Kante seiner Zähne durch ihren Pullover. Er biss sanft, zerrte wie zum Spaß mit den Zähnen am Stoff.

Sie stieß einen Laut aus. Er schaute erschrocken auf, als sei er zur Besinnung gekommen.

Doch dann begriff sie, was er mit seiner tastenden Hand tat, und erschrak über das, was sie sah. Verschämt, doch zugleich mit kalter Neugier dachte sie: Er zieht sich aus. Und ihr schien, als würde er sich dabei genieren. Sie wollte ihm in diesem Moment nicht zuschauen, hätte sich auch nicht getraut. Genauso wenig wollte sie ihren eigenen Körper sehen, hatte sogar Angst davor: Das Sehen würde das, was jetzt geschah, unabänderlich machen.

Sie spürte ein Bein auf ihrem Bein. Er schob sein Knie zwischen ihre. Sie presste die Beine zusammen, spürte aber zugleich, wie sie auseinanderstrebten.

Sie bog den Kopf nach hinten, wollte dem Mann nicht mehr in die Augen sehen. Jetzt sah sie nur sein Ohr und darüber den Haaransatz. Auf seiner Kopfhaut lagen Schuppen. Sie starrte sie an.

Jetzt ist es passiert. So ist es also.

Sie hörte einen Laut. Abstoßend, sie erschrak, seltsam, wie ein Stöhnen, der Mann war wie tot.

Er schien auf ihr eingeschlafen zu sein und vergessen zu haben, dass er achtzig Kilo wog. Und darunter lag sie. Sie wollte ihn schlagen, ihm befehlen aufzustehen. Ich ersticke hier noch, er lag schwer auf ihrem Brustkorb.

Sie fror. Ihre Glieder zitterten wie bei Schüttelfrost. Ihre Zähne schlugen klappernd aufeinander. Doch nichts war geschehen. Das, was sie hatte verhindern wollen, war nichts. Nur irgend so was eben, dachte sie. Sie war wie vorher, wie vorher auch. Sie hatte gedacht, dass danach alles anders sein würde.

Dann wachte der Mann auf, seine Hände suchten sie, berührten ihre Wangen und Haare. Sie hielt still, wusste nichts zu tun oder zu sagen, woher sollte sie auch wissen, was jetzt zu tun war?

Er flüsterte, dass sie aufstehen müsse. Ohne zu wissen weshalb, stand sie auf und sah ihn mit einem Taschentuch die Bettdecke abwischen. Und obwohl sie wusste, was das bedeutete, den Zusammenhang kannte zu dem, was soeben geschehen war, erschrak sie bei der Erkenntnis, dass es wirklich geschehen war, dass sie waren wie andere Leute auch, wie wer auch immer, wie die, von denen sie gelesen hatte und über die sie gekichert hatte, wenn andere Mädchen davon erzählten.

»Ziehst du dich an?« Er sammelte ihre Kleider vom Boden und vom Fußende zusammen.

Hastig stand sie auf, zerrte sich die Kleidung über. Ihre Hände stellten sich ungeschickt an, den Pullover hatte sie falsch herum angezogen.

Obwohl er ihr nur helfen wollte, mied sie seinen Blick. Sie war so hilflos, dass sie die Häkchen ihres Rockes nicht zubekam; erst als er sich wegdrehte, um die Bettdecke ordentlich hinzulegen, gelang ihr das. Ihre Finger waren wie erstarrt. Dann endlich setzte sie sich mit strubbeligem Haar auf den Stuhl, die Füße nebeneinander, die Hände im Schoß.

»Lass uns deine Haare kämmen.« Er trat neben sie, holte einen Kamm aus der Tasche, setzte ihn oben am Scheitel an und führte ihn vorsichtig in die Spitzen. Die Haare verhedderten sich im Kamm, sie spürte ein Ziepen auf der Kopfhaut. Und da brach sie in Tränen aus. Als wäre dieser kleine Schmerz grenzenlos.

»Ich hätte es nicht tun dürfen.«

Sie lauschte seinem Satz nach und begriff, dass er dachte, sie weine darüber.

»Ich hätte es nicht tun dürfen. Bist du mir böse?« Er stand jetzt mit dem Rücken zu ihr und sah aus dem Fenster.

Dann wandte er sich ihr wieder zu, doch sie starrte bereits zur Wand. Er legte ihr die Hand auf die Schulter. »Sag doch was.«

Nur wusste sie nicht, was sie hätte sagen sollen. Er hatte schließlich gesagt: Ich hätte es nicht tun dürfen. Alles, was sie in diesem Moment verstand, war, dass er es bereute, es um seiner selbst willen bereute, und damit auch glaubte, dass er allein schuld daran war, dass es zu diesem Punkt geführt hatte.

»Wenn du jetzt schon nichts weiter von mir wissen willst, dann wenigstens das – sofern es dir etwas bedeutet: Ich weiß es zu schätzen, dass ich der Erste war.«

Sie wagte kaum zu begreifen, was da zu ihr gesagt wurde.

Er meinte wohl also, was jetzt geschehen war, würde wieder und wieder geschehen. Der Erste, hatte er gesagt. Und sie begriff, dass es ihm selbstverständlich schien, dass nach ihm ein anderer käme, und wieder ein anderer.

»Und dir bedeutet es natürlich ebenso wenig zu hören, dass ich dich so sehr mag, dass ich gar nicht weiß, was ich zu dir sagen soll …«

Sie hörte ihn sehr wohl, schaute aber nicht zu ihm hin.

Sie hörte seine Stimme und legte ihre Hände um seinen Hals. Wie zwei Holzscheite lagen sie dort, und sie ließ sie dort liegen, weil sie nicht wusste, was sie sonst tun oder sagen sollte. Und als der Mann schon wieder um Entschuldigung bat, begriff sie nicht, wieso er über etwas sprechen konnte, das es so gar nicht gegeben hatte.

»Ich muss gehen, ich möchte weg«, sagte sie. »Lass mich hier raus.« Denn auf einmal hatte sie das Gefühl, dass schnell hinauszugehen und von hier fortzukommen, sie noch retten würde: Indem sie schnell fortging, war sie gerettet – ehe ihr dämmern konnte, dass doch etwas geschehen war. Und sie trat zur Tür und rüttelte an der Klinke. Die Tür blieb zu. Der Mann hatte abgeschlossen.

»Ich begleite dich«, sagte er und zog seine Jacke über.

»Nein, ich gehe allein.«

Er ließ sie nicht allein gehen und setzte seinen Hut auf. Sie stieg bereits die dunkle Treppe hinab, war schon unten, bevor er das Licht angemacht hatte.

»Ich laufe schnell durch den Wald«, sagte sie.

Aber er wollte sie noch immer nicht allein gehen lassen. Sie kletterten über den Zaun und gelangten zu der Senke mit dem ausgetrockneten Bach, nur in der Mitte zwischen den Steinen stand Wasser. Als sie diesen Weg hergekommen waren, hatte sie auf zwei Steinen hüpfend über das Wasser gesetzt. Jetzt ging sie in großem Bogen um die Wasserlachen herum, und er tat es ihr nach. Sie näherten sich dem Tor, bald kämen sie an die Landstraße. Kurz vor dem Tor sagte sie wieder, dass sie jetzt alleine ginge.

»Gibst du mir nicht mal die Hand?«

Sie streckte ihre Hand aus und tat, als sähe sie die Bewegung nicht, mit der er sich ihrem Gesicht nähern wollte. Sie drehte sich weg, ging einfach weiter.

Als sie den Torriegel öffnete, blickte sie sich um und lächelte kurz, wusste aber, dass er das nicht mehr sehen konnte. Sie schreckte auf, als das Tor in der stillen Nacht knarrte. An der Landstraße machte sie Halt, schaute in beide Richtungen. Wie über eine Grenze rannte sie auf die andere Seite der Straße.

Jetzt war sie auf dem Weg, der nach Hause führte, aber sie verließ ihn und lief durch den Wald, immer den Zaun entlang. Erst als sie schon in der Nähe der Sauna war, fiel ihr das Fahrrad ein. Sie würde es morgen holen, sofort nach dem Aufwachen, ehe jemand es entdeckte. Als Nächstes überlegte sie, wie sie unbemerkt ins Haus käme. Das Fenster ihres Zimmers ging zur Sauna. Am besten, sie nahm den Saunapfad. Sie stand am Zaun und überlegte, womöglich war das Fenster zu. Vielleicht hatte ihre Schwester es ausgerechnet diese Nacht geschlossen, obwohl es normalerweise offen stand. Und sie bekam Angst, dass ihre Eltern bereits zurückgekehrt waren. Schon früher war es vorgekommen, dass sie spät am Abend wieder da waren, obwohl sie über Nacht hatten bleiben wollen.

Sie blickte über den Zaun hinweg auf den Hof. Die Sauna, das Haus, der Stall, die großen Scheunen und der Schacht des Trockenraums erhoben sich vor ihr in den Himmel. Sie sah alle Gebäude in Ruhe nacheinander an, als sähe sie sie anders als zuvor, als hätten sie Gesichter, mit denen sie zurückschauten. Sie sah zur alten Korndarre, die nicht mehr benutzt wurde. Sie sah zu den Bäumen hinter der Darre.