Beschreibung

Der Sommer der Veränderungen Die alleinerziehende Mutter Hanni liebt ihre Tochter Tanja und den kleinen Hof, den sie bewirtschaftet, aber wenig mehr in ihrem Leben. Das Geld reicht nie, der Job im Supermarkt ödet sie an und der Traummann, der sie mit Liebe überschüttet, ist in weiter Sicht. Etwas muss sich ändern – aber wie? Thomas liebt den Blick aus seiner Villa über den Attersee. Er hat mehr als genügend Geld, sein Beruf erfüllt ihn und er hat seine Traumfrau geheiratet – nur überschüttete sie ihn nicht mit Liebe. Er steckt fest. Etwas muss sich ändern – aber wie?   Da kommt Maria König mit ihren berührenden Büchern ins Spiel. In dem Briefwechsel mit ihr entdecken die beiden die Liebe in sich selbst und worum es wirklich geht im Leben. Doch als sie einander leibhaftig gegenüber stehen, werden beide auf eine schwierige Probe gestellt.

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Annabelle Benn

Männerherz

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Männerherz komplett zur Veröffentlichung

Thomas

Hanni

Thomas

Hanni

Thomas

Hanni

Thomas

Hanni

Thomas

Hanni

Thomas

Hanni

Thomas

Hanni

Thomas

Hanni

Thomas

Hanni

Thomas

Hanni

Thomas

Hanni

Thomas

Hanni

Thomas

Hanni

Thomas

Hanni

Thomas

Hanni

Thomas

Epilog

Hannis Apfelkuchen mit Baiser-Sahnehaube

Café Fogato

 

Männerherz

 

 

Copyright: 2018, Annabelle Benn

Umschlaggestaltung: Rebecca Wild, Sturmmöwen

Korrektorat: Lilian Franke

 

Impressum: Annabelle Benn, Gordian-Guckh-Str. 14, 83410 Laufen, [email protected]

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung, auch auszugsweise, bedarf der schriftlichen Genehmigung der Autorin.

 

 

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Thomas

 

Thomas

 

Es war dunkel. Stockdunkel.

Thomas arbeitete gern, wenn nicht gar am liebsten, im Dunkeln, und das besonders dann, wenn die Juniabende wie jetzt lang und hell waren. Sein Büro Schrägstrich Arbeitszimmer befand sich im Erdgeschoss des aufwändig umgebauten ehemaligen Bauernhofes und war so eingerichtet, wie man es von einem erfolgreichen Geschäftsmann erwartete. Alles daran und darin verwies auf Herkunft, Status und Macht. Hätte man Thomas gefragt, was ihm selbst davon wichtig war, hätte er geantwortet: „Nichts“. Aber niemand fragte Thomas, auch nicht er selbst. Und das ist die Tragödie der Geschichte.

Das Anwesen an sich war ein wahr gewordener Traum: 4200 m² Grund und 310 m² Wohnfläche auf einem Hang im Salzkammergut. Zum Beispiel von dem enormen Wohnzimmer mit offenem Kamin und Panoramafenster, oder von der großzügig angelegten Terrasse aus hatte man einen überwältigenden Blick Mondsee und die ihn umgebenden Berge. In dem weitläufigen Garten wuchsen verschiedene Obstbäume, blühende Sträucher und duftende Blumen. Ein fünfundzwanzig Meter langer Schwimmteich fügte sich wunderbar in das Gesamtkonzept, das ein Landschaftsgärtner eigens für sie entworfen und umgesetzt hatte. Um das Idyll zu vervollständigen, wohnten die Nachbarn weit genug weg, als dass sie hätten stören können.

Die Natur war so schön! Thomas hätte sich untertags[Fußnote 1] ohne Weiteres zum Arbeiten auf die Terrasse, in den Garten oder ins Wohnzimmer setzen können, aber das tat er nicht. Er dachte nicht darüber nach, aber tief in sich drin fühlte er, dass er hier nur geduldet war und dankbar für sein Aufenthaltsrecht sein musste. Schließlich verdankte er alles seiner Frau, Cosima Bergmannstein. Ihr allein gehörte nämlich das hochherrschaftliche Haus mitsamt Grund. Natürlich wollte sie die besten Räume für ihre kostbare Freizeit nützen und deswegen befand sich Thomas Büro/ Arbeitszimmer im hinteren, dunklen Teil des Hauses, der zum Hang hin zeigte. Diese Argumentation verstand und akzeptierte Thomas natürlich.

Das Traurige dabei war allerdings, dass Cosima nur selten daheim war, weil sie entweder in der Arbeit, auf Geschäftsreisen, Konferenzen oder anderen Veranstaltungen unterwegs weilte. Er hingegen verbrachte fast jeden Tag den ganzen Tag hier, außer er besuchte einen Kunden oder Freund. Es kam höchsten zwei Mal im Monat vor, dass Cosima durch die Panoramafenster auf die verschneiten Berge, die an die Hänge getupften Häuser, oder die sanft im Wind schaukelnden Segelboote hinausschaute. Sie wusste, dass es das alles gab, und dieses Wissen genügte ihr.

Anders Thomas. Ihm fehlte der freie Blick ins Weite. Natürlich hätte er einfach woanders hingehen können, an einen Platz, wo er sich wohler gefühlt hätte – aber diesen Platz gab es auf den gesamten dreihundert m² nicht. Denn alles, wirklich alles, jeder kleinste Winkel trug Cosimas Handschrift. Alles in, um und an dem Haus war ein Spiegelbild ihrer Person und ihrer Ehe.

Als sie eines Abends erfuhr, dass das Haus zum Verkauf stand, stand sie am folgenden Morgen noch früher als üblich auf, rief den Besitzer an und unterschrieb zwei Tage später den Kaufvertrag. Thomas hatte eingewendet, dass er nicht wusste, wie sie die siebenstellige Summe aufbringen sollten, weil auf seinem Konto nur ein winziger Bruchteil davon vorhanden war. Doch da hatte sie nur kurz mit der Hand durch die Luft gewedelt, so wie man eine Fliege verscheucht, und die Immobilie mit dem dazugehörigen großen Grund allein erworben. Damals bewunderte er ihre Entschlusskraft und Zielstrebigkeit. Doch an dem Tag, als er sich voller Freude und Tatendrang an die Gestaltung seines Arbeitszimmers machen wollte, wedelte Cosima wieder in der Luft herum, und diesmal dauerte es Tage, bis Thomas sich nicht mehr wie eine Fliege fühlte. Da Cosima die komplette Einrichtung an sich gerissen hatte, fand Thomas sein Arbeitszimmer dann am schönsten, wenn nichts davon zu sehen war.

Das Mobiliar samt Dekoration waren nämlich so derart hässlich, dass dem ehemaligen Kunststudenten gelegentlich regelrecht schlecht wurde.

Er hätte den rechteckigen Raum mit den vergrößerten Fenstern hell gestaltet. Modern, voller Farbe, voller Leben, so wie es seine Kunst war, bevor er sich als Web- und Grafikdesigner dem Markt anpasste.

Cosima aber überließ nie etwas dem Zufall überlassen, nicht einmal den Winkel, in dem die lächerliche antiquarische Schreibfeder in dem marmornen Halter steckte.

Im Prinzip hatte Thomas nichts gegen dunkles, fast schwarzes Eichenholz einzuwenden, im Gegenteil: Er mochte es sehr. Aber nur dann, wenn es vereinzelt auftrat und nicht sein ganzes Büro vollständig ausfüllte! Er kam sich vor wie in einer Gruft, denn die massiven Büromöbel waren allesamt aus dem schweren, dunklen Holz. Samt dem massivem, zwei auf gut einen Meter messenden Schreibtisch, der vom Boden bis zur Decke reichenden Bücherwand, den Regalen und Stühlen, dem Beistelltisch und Stühlen für mögliche Gäste? Das war zu viel. Er kam sich vor wie in einem Palast oder Mausoleum. Das beklemmende Gefühl verschlimmerten Kupferstiche aus dem späten 18. und frühen 19. Jahrhundert. Um den Eindruck eines Horrorkabinetts zu vervollständigen, musste er sich den Raum auch noch mit Skulpturen und Büsten aus Silber und Meissner Porzellan teilen. Thomas war Künstler und Kunstkenner genug, um die feine Handarbeit zu schätzen. Das alles war kost- und wunderbar – aber in einem Museum! Nicht in seinem Büro/ Arbeitszimmer! Schließlich schrieb man das Jahr 2018, nicht 1818!

Aus diesem Jahr stammte vermutlich der antiquarische Globus, der auf einem speziell dafür angefertigten Tischchen thronte und allenfalls noch für historische Nachforschungen geeignet war, da es die Mehrzahl der eingezeichneten Länder entweder der Form, dem Namen oder der Gänze nach nicht mehr gab. Ähnliches traf auf das Bücherregal zu, in dem seine Taschenbücher mit den bunten Rücken neben den Klassikern in dunklem Ledereinband so fehl am Platz wirkten wie Thomas selbst in diesem Raum. Er gehörte nicht hierher, hatte es nie getan und würde es nie tun. In seinem Herzen war und blieb er ein Künstler, Lebenskünstler und ein Bursche vom Land, und kein Spross der Salzburger Noblesse!

Er schnaubte, als er daran dachte, dass die Pflanzen dringend Licht brauchten und dass er sie heute noch nicht besprüht hatte. Denn selbstverständlich konnten keine normalen Palmen oder Blumen ihm den Aufenthalt verschönern. Nein, es mussten seltene exotische Farne, Orchideen und der gleichen sein. Die durfte man Cosimas strengen Anweisungen zufolge auf keinen Fall gießen, sondern musste sie mit viel Hingabe täglich besprühen. Als wäre das Grünzeug seine Frau! Zu gern hätte Thomas es einfach mal drauf ankommen lassen, dann aber des lieben Frieden willens doch darauf verzichtet; nur für den Fall, dass sie doch Recht hatte.

Richtig unbequem war der Schreibtisch, an dem er saß, den zwar sie angeschafft hatte, den aber er hatte bezahlen müssen – aus steuerlichen Gründen, versteht sich. Unbequem deswegen, weil man ihn nicht in der Höhe verstellen konnte und Thomas mit seinen fast ein Meter neunzig auf dem besten Weg zu einem Buckel war. Äußerst bequem hingegen war dafür sein mit dunkelbraunem Leder bezogener Drehstuhl, der über eine vorzügliche Kippfunktion verfügte.

Diese Kippfunktion betätigte er nun, streifte die Hausschuhe ab und legte die Füße auf die Tischplatte. Etwas, das Cosima in hektische Schnappatmung versetzt hätte. Aber sie war ja nicht da. Und gesehen hätte sie auch nichts, denn das einzige Licht im Raum kam vom Bildschirm, den er jetzt durch einen Fußtritt an der Maustaste aus dem Ruhezustand erweckte. Es war dieses ungesunde, kalte Blau eines Bildschirms. Aber lieber das Blau als das Gruselkabinett, dachte er und freute sich darauf, nach getaner Arbeit in den Schwimmteich zu springen. Er liebte und brauchte den Sport für Körper und Geist als Ausgleich zu dem endlosen Sitzen im Dunklen. Täglich vor der Arbeit, manchmal auch in der Mittagspause oder am Abend, auf alle Fälle aber an den Wochenenden trieb er sich im Freien herum. Das Wetter spielte dabei keine Rolle, denn für ihn gab es kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung oder Weichei-Tum. Cosima verstand ihn nicht, ließ ihn aber bereitwillig joggen, radeln, schwimmen und im Garten werkeln, solange es nicht mit ihren eigenen Plänen kollidierte. Immerhin war sie stolz darauf, dass ihr Mann als einer der wenigen in dem großen Bekannten- und Verwandtenkreis kein Gramm Fett mit sich herumtrug, sondern sportlich durchtrainiert und immer schön sonnengebräunt war. Genau wie sie: kein Gramm Fett, noch dazu immer top gestylt und gepflegt. Thomas fragte sich, wie sie das alles auf die Reihe bekam und ob sie unter dem Druck, immer perfekt sein zu müssen, nicht irgendwann zusammenbrechen würde.

Seine mittelbraunen Haare zeigten keine einzige graue Strähne und passten verführerisch zu den Augen, die etliche Nuancen dunkler waren. Cosima hatte sie früher gern mit Edelbitterschokolade verglichen. Das waren noch Zeiten gewesen! Damals, als sie sich kennenlernten ... vor fünfzehn Jahren ...

Damals waren er und seiner besten Freund Stefan Studenten an der Kunstakademie Wien. Sie lebten für den Augenblick und verschwendeten keinen Gedanken an das Morgen oder Gestern, sondern vertrauten einfach darauf, dass immer alles gutgehen würde. Mit Gelegenheitsjobs und dem Karikieren von Touristen in der Kärtnerstraße verdienten sie sich ein paar Schillinge dazu. Tage und Nächte verbrachten sie auf der Donauinsel, einen Grashalm zwischen den Zähnen, eine Bierflasche in der Hand, ein Leuchten in den Augen und die ein oder andere Freundin im Arm. Nachts betrachteten sie die Sterne, tags folgten sie dem Flug der Schmetterlinge. Sie lauschten dem Gezirpe der Grillen und dem Gezwitscher der Vögel. Sie spürten den Wind auf der Haut, das Leben in den Adern und die Liebe in der Luft. Sie philosophierten über Kunst, Politik, Frauen und die Welt und waren ziellos glücklich. Sie glaubten, es würde immer so bleiben. Doch leider irrten sie.

Denn dann kam jene kalte Februarnacht im Jahr 2003. Es war Fasching, Ballsaison, und Thomas trat gerade den Heimweg nach einer durchfeierten Nacht an, als ihm die tränenverschmierte Cosima direkt in die Arme lief. Er hatte den Blick in den Sternen, sie auf den Pflastersteinen, und so kam es, dass zwei Welten aufeinanderprallten.

Sie trug nur einen dünnen Mantel über ihrem Hauch von Ballkleid aus hellblauer Seide und Spitze, und ihre Füße steckten in Ballschuhen aus feinstem Leder. Er fing sie auf, trocknete ihre Tränen und nahm sie vom ersten mit in den sechzehnten Bezirk. Dort kochte er ihr rabenschwarzen Filterkaffee mit sieben Stück Zucker und dem Rest der Milch. Das Gebräu servierte er in seiner besten Tasse, die nur einen einzigen kleinen Becker hatte. Er deckte Cosima zu, rubbelte sie warm (denn Duschen war um diese Uhrzeit im Wohnhaus nicht gestattet) und brachte sie zum Lachen. Ihr wurde warm, äußerlich und innerlich, und ehe der Morgen graute, waren sie einander hoffnungslos verfallen. Zuerst kam sie jeden Tag, dann ging sie gar nicht mehr zurück in ihre Wohnung an der Ringstraße. Sie küssten sich und das solange, bis die Lippen aufsprangen. Er rasierte sich immer dann, wenn ihre feine, weiche Gesichtshaut erste Rötungen zeigte. Die meiste Zeit verbrachten sie im Bett, auf Kunstausstellungen und wilden Studentenpartys, die Cosima bis dahin nur vom Hörensagen gekannt hatte.

„Das ist das Leben! Ich lebe! Und ich liiiiebe dich!“, rief sie jeden Tag, warf den Kopf in den Nacken und die Arme um seinen Hals. Während das frisch verliebte Paar auf Wolke Sieben schwebte, meldete Stefan erste und ernste Bedenken an. Außerdem ging es ihm auf den Keks, dass sie Dauergast in ihrer Männer-WG war. „Das geht so nicht und außerdem geht es nicht lange gut! Siehst du denn nicht, dass ihr beide aus völlig verschiedenen Welten kommt?“

„Na klar! Aber das ist doch egal! Gegensätze ziehen sich an!“

„Aber nicht lange. Du gehörst nicht zu ihrer Klasse, und sie nicht in deine. Die ganzen Jahre haben wir gegen die Gesellschaft und das Establishment rebelliert, und jetzt bandelst du mit der Tochter eines stinkreichen Bankiers an!“ „Na und? Man muss das Gute im Menschen sehen! Sie kann doch nichts für ihre Eltern! Meinst du im Ernst, sie würde in unserer Bude abhängen, wenn sie dem ganzen Gesellschaftsscheiß nicht den Stinkefinger zeigen würde? Schau sie dir doch an! Sie ist total cool! Sie rebelliert, genau wie wir, nur aus der anderen Richtung!“, verteidigte er sie jedes Mal heftig und verstand nicht, warum Stefan seine Begeisterung nicht teilen konnte oder wollte. „Oder bist du etwa eifersüchtig?“

 

 

 

„Ich? Spinn nicht rum, so ein Schmarrn!“, wehrte er ab und Thomas glaubte ihm nur halb, denn Cosima war mit ihren langen blonden Haaren, ihrer schlanken Figur, der aufrechten Haltung, den anmutigen Bewegungen und den grau-blauen Augen nicht nur wunderschön, sondern auch feurig, charmant und von einem so intelligenten Scharfsinn, dass ihm heutzutage angst und bange davon wurde. Und diese Cosima Bergmannstein hatte ihn erwählt! Sie hatte die Hochzeit vorgeschlagen, mit ihm, der Bilder und Entwürfe für ein paar Groschen verkaufte, der aus einem kleinen Bauernhof stammte und für den eine große Karriere so wahrscheinlich war wie ein Sechser mit Zusatzzahl.

Mit ihrem Charme, ihrem damals noch überbordenden Humor, und ihrem Sexappeal verdrehte sie ihm den Kopf und alle Sinne.

 

Und dann die Hochzeit! Ein Traum in Weiß. Ein Blütenmeer. Geladene Gäste von überall her. Silber und Gold. Champagner. Kaviar. Fisch und Fleisch: Zwei getrennte Gästegruppen: seine und ihre. Und Stefan, der Trauzeuge, der ihm vor dem Standesamt zuflüsterte: „Du kannst es dir immer noch überlegen!“ Doch er sagte ja, zu allem, zu ihr und zu dem Leben, das jetzt oft einsam und dunkel war.

Er hätte es kommen sehen können, wenn er gewollt hätte, oder mutig genug gewesen wäre. Doch er wollte nicht. Dabei war es von Anfang an so klar wie die Rindfleischsuppe seiner Oma, Gott hab sie selig, gewesen:

Cosima heiratete tatsächlich nur, um etwas Besonderes zu sein. Um ihre Eltern zu ärgern (mit denen sie sich nach außen hin gut verstand), und weil auch sie auf seinen Sexappeal und Humor, seine Leidenschaftlichkeit und Fürsorge, und seine bodenständige Lebensauffassung stand. Doch dann schloss sie ihr Jus [Fußnote 2]-Studium mit summa cum laude ab und an dem Tag, an dem sie die erste Bewerbung abschickte, flatterte der lebhafte Schmetterling von einst zurück in die Welt, aus der sie gekommen war. Sie wurde bei einer großen, internationalen Kanzlei mit Kusshand genommen und arbeitete sich in atemberaubendem Tempo und schwindelerregendem Einsatz nach oben. Mit Mitte dreißig war sie bereits Senior Partnerin und verdiente mehr Geld in einem Monat als Thomas in einem ganzen Jahr.

Anfangs unterstützte er sie, wo er nur konnte. Er war stolz, er glaubte an eine vorübergehende Phase, doch als er sie im Laufe der Jahre immer weniger sah und ihre leidenschaftlichen Nächte am Horizont der Erinnerung verblassten, fragte er sich immer öfter, ob Stefan nicht doch recht gehabt hatte.

Denn sie kamen ja wirklich aus völlig unterschiedlichen Schichten:

Cosima Bergmannstein-Straßer war das dritte und jüngste Kind einer alt eingesessen, wohlhabenden Salzburger Familie. Von Geburt an hatte sie eine große Karriere vor sich, ohne dass sie dafür viel hätte tun müssen. Ihr Vater Reinhard war Direktor einer Privatbank und verwaltete die ererbten Ländereien. Die Mutter Constanze engagierte sich hier und dort ehrenamtlich, organisierte das umfangreiche Gesellschaftsleben und sorgte dafür, dass die Villa in Anif stets in tadellosem Zustand war, wobei selbstverständlich andere die Arbeit für sie erledigten.

Thomas Straßer war das dritte von vier Kindern. Sein Vater Alois trug, immerhin verbeamtet, Briefe aus, seine Mutter Maria verkaufte vormittags in der örtlichen Bäckerei Brot und Gebäck. Nach der Arbeit kümmerten sich beide um den kleinen Hof, auf dem rund ein Dutzend Geißlein und Ziegen munter herumtollten und lustig meckerten, während die Schafe gemütlich weideten und blökend ihren Senf dazu gaben. In der Koppel grunzten quicklebendige rosarote Ferkel und Schweine. Und natürlich gab es Hühner und Laufenten, die ständig überall frei herumstaksten und ihre Eier an den unmöglichsten Flecken liegen ließen, nur nicht im Stall. Der Hof stand in Schönram, einem Ort, der so klein war, dass er von vielen nur als „Brauerei mit ein paar Häusern drumrum“ bezeichnet wurde. Das Dorf lag in Oberbayern, im malerischen Chiemgau, von Wäldern, Wiesen und Feldern umringt, und mit dem Auto nur eine gute halbe Stunde von Salzburg entfernt. Trotz der geographischen Nähe hätten Lichtjahre zwischen ihren Heimatorten liegen können; zum Beispiel dann, wenn er an die Inneneinrichtung dachte.

Thomas seufzte und schwang die Füße vom Tisch. Er grübelte zu viel. Wie spät war es inzwischen? Er musste dringend etwas arbeiten. Sein Kunde Fischthaler erwartete am nächsten Tag nämlich Entwürfe für den neuen Internetauftritt. Er mochte den Kunden, den er seit Jahren betreute. An seiner Selbstständigkeit gefiel ihm besonders gut, dass er frei von den Rangeleien und dem Platzhirsch-Gehabe einer Agentur war. Natürlich bedeutete Selbstständigkeit ein großes Risiko: Was, wenn die Aufträge ausblieben, wenn ein Kunde nicht zahlte, wenn er krank wurde etc. Doch aufgrund Cosimas astronomischen Verdienstes musste er sich darüber glücklicherweise keine Gedanken machen. Dank sei also seiner Frau und, möglicherweise, Maria König. Von der jedoch durfte Cosima niemals und unter keinen Umständen auch nur ein Sterbenswörtchen erfahren! Bei dem Gedanken daran wurde ihm ganz heiß. Maria war seine neue Liebe, seine Hoffnung und mit etwas Glück sein Ausweg aus dem dunklen Büro und dem gesamten lieb- und freudlosen Dilemma, in dem er feststeckte.

Er schnaubte, schüttelte den Kopf und stand kurzentschlossen auf. Es war kurz vor fünf Uhr. Von der schwülen Sommerhitze bekam er in seiner Dunkelkammer nichts mit und alles, was er an den Entwürfen noch ändern musste, waren ein paar Schatten und Nuancen. Was er bislang entworfen hatte, gefiel ihm. Schwungvoll stand er auf, klatschte in die Hände und prompt ging das Licht an. Mit einem diebischen Grinsen ging er zu dem Getränkekühlschrank mit Eichenholztür, nahm sich eine braune Flasche mit grünem Etikett heraus, entkorkte sie und lauschte dem Zischen. Freudig nahm er einen tiefen Schluck aus der Flasche. „Mhm!“; seufzte er. Herrlich erfrischend und belebend rann das flüssige Gold seine Kehle hinunter. Schönramer. Das Bier seiner Heimat und für viele das beste Bier der Welt.

Leider wanderten seine Gedanken schon wieder zu Cosima. Auch wenn er sich im Laufe der Jahre immer öfter und länger als lästige Fliege vorkam, stritten sie so gut wie nie, und wenn, herrschte sofort wieder Friede. Thomas hatte sich daran gewöhnt, Dinge nicht mehr auszudiskutieren, sondern nur oberflächlich zu behandeln, und redete sich ein, dass ihr die Harmonie wichtiger und die Streitpunkte unwichtig waren. Stefan jedoch vermutete in seiner unverblümten Art, dass Cosima einfach die Zeit für eine tiefgehende Auseinandersetzung fehlte. Genau wie für eine Scheidung, die sie viel Zeit und Geld gekostet hätte. Stefan unterstellte ihr sogar, dass sie erstens nur aus Gewohnheit mit ihm verheiratet blieb, weil zweitens bei einer Scheidung alle „Hab ich’s dir doch gesagt!“, rufen würden und weil sie ihn drittens brauchte. Letzteres, weil sie eins der attraktivsten Paare waren und Cosima neben seiner Erfolglosigkeit und Abhängigkeit von ihr in den Himmel wuchs, während er nur schmückendes Beiwerk war.

Thomas weigerte sich, die Sache so zu betrachten und hielt weiterhin daran fest, dass Cosima ihn im Grunde ihres Herzens noch immer liebte, sich nur schwertat, es ihm zu zeigen.

Er nahm einen Schluck Bier, setzte sich wieder und verbesserte hier und dort einen Tupfer, eine Nuance, einen Schatten. Als er mit seiner Arbeit zufrieden war, speicherte er alles ordentlich ab. Gerade wollte er sich Maria zuwenden, als die Glocke ertönte und verriet, dass das schmiedeeiserne Einfahrtstor geöffnet wurde. Automatisch, versteht sich. Hastig fuhr er den passwortgeschützten Computer herunter. Er erhob sich und zog die dicken Vorhänge auf. Schon klapperten Cosimas hohe Absätze über das Pflaster. Dann verstummten die Schritte, weil sie, wie er wusste, die hohen Schuhe von den Füßen streifte.

„Thomas? Bist du da? Arbeitest du noch?“, rief sie wie jeden Abend kurzatmig und kam auf ihn zu. Beide lächelten sich an, aber bevor er antworten konnte, fragte sie schon weiter: „Und, was gibt’s Feines zum Abendessen? Ich sag dir, ich falle um vor Hunger.“ Sie legte eine Hand leicht wie eine Feder auf seine Schulter, führte ihre Wange an seine und hauchte einen Kuss an seinem Ohr vorbei. Dann drehte sie sich um und stieg die breite Wendeltreppe aus Eiche hinauf, um sich umzuziehen und frisch zu machen.

„Natürlich, Liebling. Ich stelle gleich alles bereit, ich wusste nicht, wann du kommst“, rief er ihren aus dem Sichtfeld verschwindenden Waden nach. Wohl geformt, stellte er bewundernd fest.

Es gab eine Zeit, und seine Erinnerung daran war noch nicht komplett gestorben, da lief Cosima zuerst in seine Arme und küsste ihn lange und leidenschaftlich, bevor sie überhaupt ein Wort gesagt oder ans Essen gedacht hätte.

Doch diese Zeit war vorbei. Vielleicht für immer.

 

 

Hanni

 

Hanni

 

Orangerot schob sich die Sonne im Osten über die Berge. Keine Wolke trübte den Himmel, kein Lüftlein wehte über das weite Feld.

Hoffentlich wird es heute nicht wieder so heiß, dachte Hanni und spürte den Tau an ihren nackten Füßen. Sie öffnete das Gatter zu dem großen Freilandgehege der Hühner, die gackernd zu ihr staksten. Hanni scheuchte sie weg, um Körner in die Futternäpfe zu füllen. Die dottergelben Küken wackelten aufgeregt dazwischen und sofort begann das immer hungrige Federvieh gierig zu picken.

„Ich wollt, ich wär ein Huhn, und hätt‘ nicht viel zu tun, ich legt‘ nur jeden Tag ein Ei, und sonntags vielleicht zwei.“ Seit Tagen kam ihr der Kinderreim in den Sinn und jedes Mal musste sie dabei lächeln. Schlecht hatte es so ein Huhn unter diesen Bedingungen nicht. Es bekam keine Rechnungen, musste sich weder um Schulnoten noch Scheidungen noch das Aussehen den Kopf zerbrechen. Nein, Hühner pickten, was man ihnen vorsetzte, legten ihr Ei, brüteten es gelegentlich aus, badeten im Sand und schliefen. Ein Huhn müsste man sein!

Aber ob es seine Kinder auch so liebte wie sie ihre Tanja? Ob es den Sonnenaufgang genoss?

Gedankenverloren schaute sie dem Federvieh beim Fressen zu. Auf der Weide nebenan blökten die Schafe und die beiden schneeweißen Lämmer tollten munter umher. Wenn sie sie sah oder streichelte, machte ihr Herz einen Freudensprung. Sie liebte die Schafe und Schweine, die in ihrer Koppel nebenan grunzten und schmatzten, und jedes Mal, wenn sie eins davon in den Transporter zum nahe gelegenen Schlachthof führte, wurde sie traurig. Dann tröstete sie sich damit, dass sie ein artgerechtes Leben gehabt hatten und dass sie nur wenige Minuten im Transporter stehen mussten, anstatt Stunden oder gar Tage zusammengepfercht mit anderen Tieren aus der Massentierhaltung.

Hanni war auf dem Hof aufgewachsen, hatte aber nicht vorgehabt, ihn zu übernehmen. Als zweite und jüngste Tochter machte sie eine Lehre zur Floristin, dann jedoch heiratete ihre ältere Schwester, zog zu ihrem Mann nach Mariapfarr in den Lungau und überließ Hanni alles. Eine Weile bewirtschafteten ihre Eltern den Hof, doch als diese krank wurden und binnen weniger Monate nacheinander verstarben, stand Hanni mit dem Vater ihrer Tochter, Markus Schuster, vor der Wahl, ob sie den Hof auflösen und weiterführen sollten. Sie entschied sich für das Weiterführen. Heute war sie dankbar für die Entscheidung. Vormittags arbeitete sie in dem örtlichen Supermarkt, davor und danach auf dem Hof. Die frische Ziegenmilch, die Eier, das Fleisch, Obst und Gemüse aber auch die Wolle und Felle verkaufte sie im Hofladen, den sie im Wohntrakt des großen Bauernhauses eingerichtet hatte. Ihre Erzeugnisse hatten Bio-Qualität, nur das Siegel fehlte aufgrund der nötigen Zertifizierung.

Hanni, die mit vollem Namen Johanna Cäcilia Gruber hieß, stellte den Futtereimer in das Lager. Als sie aus der Dunkelheit wieder ins Freie trat, stand die Sonne ein paar fingerbreit über dem Bergkamm. Ihr Blick schweifte über die schneebedeckten Gipfel der Alpen und über das malerische Alpenvorland.

Der „Sonnenhof“ stand auf einer Hochebene, die zu der Gemeinde Oberndorf bei Salzburg gehörte. Das war jene kleine Gemeinde, in der vor auf das Jahr genau zweihundert Jahren das weltbekannte „Stille Nacht, heilige Nacht“ zum ersten Mal uraufgeführt wurde. Nach Norden und Westen erstreckten sich Felder bis zu einem Wald. Im Norden ragte die Wallfahrtskirche Maria Bühel mit ihren zwei Türmen in den Himmel, und gen Süden sowie Osten standen verstreut einige Häuser und Höfe und dahinter die Berge. Zwischen den Bergen und den Häusern Oberndorfs leuchteten eingepfercht die bunten Fassaden und Dächer der mittelalterlichen deutschen Stadt Laufen an der Salzach, deren Altstadt auf einer Halbinsel lag, da der Fluss sie in einer Schleife umfloss.

Was Hanni an dem grandiosen Blick an gewissen Tagen besonders begeistert war, dass sie über den Dächern und Kirchtürmen der beiden Städte wohnte, was sie manchmal denken ließ, sie könne so auf die Welt hinunterschauen. Heute war so ein Tag, denn „unten in Laufen“ wohnte seit einiger Zeit auch ihr Ex Markus, und die Alimente waren wie gewöhnlich längst überfällig. Markus! Wenn Tanja endlich alt genug war und sie auf seine paar Groschen nicht mehr angewiesen waren, würde sie ein Freudenfest veranstalten, dessen war sie sich sicher. Die Jahre mit ihm waren ein einziger Albtraum, aus dem sie viel zu langsam und viel zu spät erwacht war, und von dem sie sich nur schwer erholt hatte. Markus soff, spielte und schlug. Nicht oft und nicht krankenhausreif, aber Schläge sind Schläge, und die Lügen, die sie sich selbst als Ausrede auftischte, warum sie trotzdem bei ihm blieb, waren genauso schädlich wie die körperliche Gewalt.

Sie schloss die Augen und lehnte sich an die Ostwand des Stalls. Still dankte sie dafür, dass sie die Kraft gefunden hatte, ihn endgültig vor die Tür zu setzen. Das war an dem Tag, an dem er die damals vierjährige Tanja übers Knie legte und versohlte. Noch heute fühlte sie Tanjas Schreie und Schmerzen wie ihre eigenen. An dem Tag warf sie sich dazwischen, trug selbst eine blutende Nase und blaue Flecken davon, aber ihre Tochter blieb Gott sei Dank vor dem Schlimmsten verschont.

Ein Glück, dass sie den Mistkerl nicht geheiratet hatte! Seitdem mied sie den Kontakt, wo sie nur konnte. Nur wenn er seine Alimente wieder zu spät, zu gering oder gar nicht bezahlte, überwand sie sich und rief ihn notgedrungen an. Was tat man nicht alles für das liebe Geld! Ein Huhn müsste man sein ...

Sie stieß sich von der Mauer ab und ging in das kleine, renovierungsbedürftige Haus, um Tanja zu wecken.

„Guten Morgen, mein Liebling, aufwachen!“, sagte sie leise und berührte sanft die Schulter ihrer elfjährigen Tochter, die sich wie jeden Morgen taub stellte.

„Tanja! Frühstück! Komm, steh auf!“ Sie kitzelte sie hinter dem Ohr, woraufhin diese zusammenzuckte und kicherte, dann aber maulte: „Ach nein! Nur noch fünf Minuten … bitte.“

„Nein, Schatz, das geht nicht. Komm, steh auf. Die Sonne scheint und wenn du runterkommst, wartet schon eine Tasse warmer Kakao auf dich. Nicht, dass er kalt wird!“ Zärtlich strich sie ihr über das glatte braune Haar, das Tanja von ihr geerbt hatte, und küsste sie auf die vom Schlaf warme Wange.

„Na gut, Mami.“ Tanja gähnte, streckte und reckte sich und stand auf. Barfuß tappte sie ins Bad, von dessen Rundumerneuerung Hanni schon seit Jahren träumte. Tanja jedoch schien sich an den blauen Fliesen aus den Siebzigern mit dem gleichaltrigen Rest nicht zu stören.

 

 

 

Hanni ging in die Küche, um den versprochenen Kakao zu kochen. Oft fragte sie sich, wie Tanja bei dem Vater ein so liebes Kind sein konnte. Sie hoffte und betete, dass es so bliebe. Markus war damals der größte Mädchenschwarm der gesamten Stadt gewesen. Bis sie ihn kennenlernte, war sie überzeugt davon, unter einem Glücksstern geboren zu sein. Dann jedoch verliebte sie sich bis zur Besinnungslosigkeit in ihn. Das Unheil nahm seinen Lauf, als er auf dem Weinfest mit ihr anbandelte. Zu behaupten, dass er ebenfalls in sie verliebt gewesen wäre, wäre gelogen. Markus war der Stürmer im örtlichen Fußballverein, eins achtundneunzig groß, kräftig gebaut mit sexy Tattoos auf der immer braunen Haut, die sich glatt über den strammen Muskeln spannte. Er war blond und hatte noch dazu tiefblaue Augen – eine toxische Mischung. Ihre Eltern, ihre ältere Schwester Teresa und ihre damals noch lebenden Großeltern schlugen die Hände über dem Kopf zusammen und taten alles in ihrer Macht Stehende, um das Unglück zu verhindern, doch ehe sich auch nur einer von ihnen versehen konnte, war sie schon schwanger. Das war zwar keine gesellschaftliche Katastrophe mehr, dafür eine finanzielle. Denn Hanni war mit ihren gerade mal achtzehn Jahren im letzten Lehrjahr und Markus hatte seine Malerlehre erfolglos abgebrochen, weswegen er sich danach von Gelegenheitsjob zu Gelegenheitsjob hangelte und auf einen neuen Ausbildungsplatz wartete, der jedoch nie kam. Trotzdem sah er sich außerstande, sich um das Kind zu kümmern. Glücklicherweise halfen die Eltern tatkräftig und der Staat finanziell.

Irgendwie kamen sie immer über die Runden, wenn auch meist mehr schlecht als recht. Markus‘ diverse Laster wie Alkohol, Zigaretten, Glücksspiel oder vollkommen überflüssige Schnäppchen, die niemand brauchte und die nach einer Woche kaputt im Eck lagen, belasteten sie zusätzlich. Schulden bauten sich auf. Ohne den Kerl hätte ich keine Tanja, rief sie sich immer wieder in Erinnerung, wenn sie überlegte, dass sie mit den Unsummen, die er in einer Tour auf den Kopf gehauen hatte, längst ein neues Bad oder gar ein kleines Auto haben könnte!

Vor allem, dachte sie traurig und rührte das Kakaopulver in die warme Milch, hätte ich den Eltern eine schwere Zeit erspart.

Die Milch kochte auf, als Tanja die knarzende Holztreppe herunterkam.

„Hallo, Maus! Was magst du: Müsli oder Marmeladensemmel?“

„Semmel. Mit Erdbeermarmelade“, nuschelte Hanni zwischen zwei Bissen und grinste breit vor Vorfreude. Tanja war selbstständig, aber sie liebte es, dass Hanni ihr jeden Morgen die Semmel bestrich oder die Milch in die Müslischüssel goss. Und Hanni liebte es, ihr diese kleine Freude zu machen.

„Bist du aufgeregt vor der Mathearbeit heute?“

„Nein, Schmarrn. Ist eh alles logisch. Mathe ist total cool, da muss man wenigstens nichts lernen“, mampfe Tanja zwischen zwei Bissen. Hanni lachte auf. Sie war stolz auf ihr Kind; zum xten Mal fragte sie sich, woher sie die Begabung hatte, denn weder sie noch Markus waren Leuchten auf dem Gebiet. Schon wieder Markus! Weg mit ihm: Weiche aus meinen Gedanken!, drohte sie ihm und musste über ihre eigene Theatralik lachen. Und dass sie darüber lachen konnte, verdankte sie Maria König.

 

Es war an einem bitterkalten Wintertag, als sie mit Tanja am Salzburger Bahnhof auf den Anschlusszug von der Lokalbahn nach Tamsweg wartete, um dort ihre Schwester Theresa zu besuchen. Weil es auf dem Bahnsteig zapfig [Fußnote 3] kalt war, gingen sie zum Zeitvertreib in die Bahnhofsbuchhandlung. Schon beim Eintreten sprang ihr das Buch Finde Frieden ins Auge. Es stand auf einem Tischchen und das Titelbild wirkte wie eine Blüte aus Licht. Das Zentrum war weiß, ging dann in ein helles Rosa mit einem grünen Rand über. Das Buch strahlte von innen heraus. Es kostete satte zwölf Euro, eine Summe, über die sie normalerweise lange nachdachte, bevor sie sie ausgab. Nur dieses eine Mal nicht. Sie kaufte es im Handumdrehen und für Tanja eine lustige Pferdegeschichte. Bis sie eineinhalb Stunden später im Lungau ankamen, hatte sie die ersten drei Kapitel voller Begeisterung und voll neu aufkeimender Hoffnung förmlich verschlungen. Obwohl es im Lungau an diesem Tag minus siebzehn Grad hatte, war ihr warm.

Das Buch von Maria König war in einer einfachen Sprache verfasst und ebenso einfach aufgebaut. Die Frau schrieb in liebevollen Worten und gab Hilfe zu einer Affirmation, die man jeden Tag wiederholen sollte. Hanni hatte eine Weile gebraucht, bis sie Affirmationen fand, und erst recht, bis sie es wagte, sie laut auszusprechen. Doch etwas ließ sie nicht aufgeben. Jeden Tag wiederholte sie die folgenden Sätze „Ich liebe. Ich liebe das Leben. Das Leben liebt mich. Ich bin dankbar.“ Dem Buch lag eine CD mit meditativer Musik bei; Klänge, die sie bis dahin nur aus Filmen kannte und die ihre permanent vorhandene Anspannung und Unruhe vertrieben. Wenn sie die Klänge hörte, überkam sie eine tiefe Ruhe. Wenn sie sich dabei diese Sätze aufsagte, wenn sie ihre Schultern, Arme, Beine, Füße, ihre Atmung entspannte und ganz in sich war, dann gelang es ihr, an die Wahrheit der Sätze so stark zu glauben, dass sie sie spürte.