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Traumfrau sucht Gegenstück Silva sollte schon längst die große Liebe gefunden haben. Sie kann jedem Mann seine Wünsche von den Augen ablesen, doch leider interessieren sich die Herren nie für ihre Bedürfnisse. Vielleicht weil sie selbst nicht weiß, was sie eigentlich erwartet. Als sie auch noch von ihrem aktuellen Freund verlassen wird, weil er sie für zu „umsorgend“ hält, reicht es. Silva verordnet sich eine Männerpause, um herauszufinden, was sie tatsächlich will.Doch die Herren stehen weiterhin bei ihr Schlange. Jetzt muss sie durchhalten und zu sich selbst stehen. Ist ihr Traummann vielleicht näher, als sie denkt? Ein humorvoller Wohlfühlroman über die Suche nach der wahren Liebe
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Zum Schluss
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Über die Autorin
Weitere Geschichten
An mir soll es nicht scheitern
Drei, zwei, eins … Jetzt!
Kaum hatte ich das gedacht, rief jemand meinen Namen. Ich brauchte einige Sekunden, um mich neu zu ordnen. Bevor ich mich umwandte, warf ich einen Blick auf die Uhr. Ich war echt spät dran. Wenn ich nicht in den nächsten fünf Minuten verschwand, schaffte ich mein straffes Programm nicht mehr. Die Lüge, die mir einen freien Nachmittag verschaffen sollte, lag noch auf meiner Zunge bereit.
»Silva!« Der Ton war nun schärfer.
»Ja?«, fragte ich und spielte schon im Kopf die möglichen Szenarien durch, die mich in den nächsten Minuten erwarten mochten. Hoffentlich brachte mich jedes sofort hier raus aus dem Büro.
Annette, meine Kollegin, sah mich mit gerunzelter Stirn an. Dabei wirkte ihr Blick selbst bei normalem Gesichtsausdruck schon finster genug, was an den dichten, buschigen Augenbrauen lag, die in der Mitte zusammenzuwachsen drohten. »Hast du es vergessen?«
Die Frage brachte mich jetzt endgültig aus dem Takt. Annette störte sich an allem, was ich tat – mein Kaffee war zu stark, die Teesorten zu süß, eben irgend so etwas.
Sie kam aus Richtung der Teeküche, und ich nahm an, sie wollte nur kurz ihren Frust über die Puddingteilchen loswerden, die ich in der Mittagspause besorgt hatte, weil sie lieber welche mit Quark gewollt hätte. Sie wusste ja noch nicht, dass ein Mini-Muffin mit Schokokern – die mochte sie am liebsten – in ihrer obersten Schreibtischschublade auf sie wartete. Den hatte ich als Friedensangebot dort deponiert, damit sie nicht allzu böse auf mich wurde, weil ich sie hier allein ließ, obwohl viel zu tun war.
In diesem Moment öffnete sich die Tür im hinteren Teil des kleinen Flurs, der von dem Großraumbüro, in dem ich gemeinsam mit Annette und zwei weiteren Kollegen meinen Arbeitsplatz hatte, wegführte.
Tammo Jonsen steckte seinen Kopf heraus. Das war meine Chance. Egal, was Annette auf dem Herzen hatte, wenn unser Chef mir erlauben würde zu gehen, musste das, was sie von mir wollte, bis morgen warten.
Er blickte mich fragend an. Man merkte wohl deutlich, dass ich etwas sagen wollte.
»Ich muss weg«, erklärte ich ohne Umschweife. »Heute Abend habe ich einen wichtigen Termin, und ich muss noch ganz viel dafür vorbereiten.«
Herr Jonsen runzelte die Stirn. Kein gutes Zeichen. Er war ein ziemlich attraktiver Mittdreißiger, groß, schlank, braune Augen zu braunem Haar, so dunkel, dass selbst frisch rasiert ein Schatten auf seinen Wangen zu erkennen war. Leider wirkte er meistens auch etwas unterkühlt. Die Immobilien, die wir hier verwalteten, waren im Besitz seiner Familie oder vielmehr eines Konsortiums, das überwiegend seiner Familie gehörte. Er schwebte also in anderen Sphären, in offensichtlich kalten.
Aber als ich vor anderthalb Jahren hier anfing, hatte ich schnell gemerkt, dass er empfänglich auf große Augen reagierte. Die hatte ich zu bieten, und zwar in Dunkelblau. Genau die setzte ich nun ein und versuchte, ein bittendes Fragezeichen in mein Gesicht zu zaubern. Die Erfahrungen der Vergangenheit hatten gezeigt, dass er diesem Gesichtsausdruck nur schwer standhalten konnte. Normalerweise senkte er dann den Blick, räusperte sich und murmelte etwas, was ich immer als Zustimmung gedeutet hatte.
Doch heute war etwas anders. Er hielt meinem Blick stand. Aus dem Augenwinkel nahm ich eine Bewegung von Annette wahr. Eine Warnung an mich?
»Sie wollen schon gehen?«, fragte Herr Jonsen jetzt. »Wo ist das Portfolio, nach dem ich vorhin gefragt hatte?«
Mist! Das Gebäude am Hafen, für das morgen eine Besichtigung anstand. Das hatte ich völlig vergessen. Ein schneller Augenkontakt mit Annette bestätigte, dass sie mich deswegen hatte zurechtweisen wollen. Ihr war mein Versäumnis wohl auch aufgefallen. Wenigstens meckerte sie mich nie vor anderen an, sondern beschränkte sich dabei auf die Teeküche. Dumme Kuh! Hätte sie das nicht vorhin schon machen können? Ich war in der letzten Stunde mit anderen Sachen beschäftigt gewesen.
Mein Blick verfinsterte sich. Schuld war nämlich Jonsens aktuelle Ex-Affäre, besser gesagt eine davon. Er wechselte ständig seine Frauen aus. Doch die wollten ihn einfach nicht loslassen. Das Ergebnis bekamen Annette und ich zu spüren, wenn wir ständig die Anrufe der »Abgelegten«, wie wir sie getauft hatten, abwimmeln mussten, weil unser Chef nicht mehr an sein Handy ging.
»Ich habe vorhin mindestens fünf Anrufe von einer gewissen Helen annehmen und mir jedes Mal eine neue Ausrede überlegen müssen …« Vielleicht reichte diese Andeutung schon.
Doch er stand ungerührt da.
»Wenn ich nicht ständig einen alternativen Arbeitstag für Sie erfinden müsste, damit Sie nicht belästigt werden, käme ich vielleicht auch mal zu sinnvollen Tätigkeiten«, setzte ich obendrauf.
Ich spürte förmlich, wie Annette die Luft anhielt. Wir verstanden uns nicht sonderlich gut, aber in dieser Sache waren wir uns einig: Jonsen sollte seine Gespielinnen gefälligst selbst abfertigen! Ich ging sogar davon aus, dass ihm das bewusst war und er das in den meisten Fällen auch getan hatte, bevor die Terroranrufe im Büro begannen. Bisher hatte ich ihm immer zugutegehalten, dass er anscheinend kein glückliches Händchen bei der Frauenwahl hatte, da die so aufdringlich waren und ihn nicht in Ruhe ließen. Einmal hatten Annette und ich auch gemutmaßt, dass er ein besonderes Kunststück beherrschte, das die Frauen nicht mehr ohne ihn auskommen ließ. Doch angesichts der Häufigkeit, mit der er neue Bekanntschaften schloss, hielt sich insgesamt mein Mitleid für ihn in Grenzen.
Glücklicherweise nickte er jetzt nervös und schwieg.
Eigentlich wollte er noch etwas sagen, das war ihm deutlich anzusehen. Etwas, was mich zurückhalten sollte, damit ich dieses dumme Portfolio doch noch zusammenstellte, aber ich tat, als hätte ich gewonnen, eilte zu meinem Tisch zurück und schnappte meine Tasche. Ich hasste jegliche Art von Auseinandersetzung und wusste nicht, ob ich standhalten würde, wenn ich den beiden noch eine Chance gab, mich aufzuhalten. Aber ich hatte meine Prioritäten.
»Bis morgen!«, sagte ich knapp und war so schnell zur Tür raus, dass meinem Chef für mehr als ein Stirnrunzeln – ich sah es deutlich im Augenwinkel – keine Zeit mehr blieb.
Annette würde das jetzt erledigen müssen und mich morgen aus ihren Augen mit Giftpfeilen beschießen. Ob für meinen Abgang ein Mini-Muffin reichen würde, um ihren Zorn zu dämpfen? Er hielt sie bestimmt nicht davon ab, mich mit spitzen Bemerkungen darüber zu bedenken, dass mein Job irgendwann einmal meiner Beziehung zum Opfer fallen würde. Das hatte sie schon öfter gesagt. Was war denn falsch daran, dem Partner Vorrang einzuräumen? Vermutlich war Annette noch nie richtig verliebt gewesen, wenn sie nicht nachvollziehen konnte, dass man buchstäblich alles für jemand anderen tun würde. Aber das sollte mir jetzt egal sein. Ich hatte heute Besseres vor.
***
Alles für ein perfektes Abendessen vorzubereiten, war das, was ich erledigen musste. Dringend!
Wenn ich perfekt sagte, meinte ich das auch so. Nicht nur das Essen musste vorbereitet werden, sondern auch ich.
Jörn hatte Geburtstag! Es war schon ewig her, dass ich den Geburtstag eines festen Freundes feiern konnte – leider hielten meine Beziehungen nie so lange. Aber bei Jörn hatte ich Glück. Im wahrsten Sinne des Wortes. Wir waren noch nicht lange zusammen, aber in diesen kurzen Zeitraum fiel sein Geburtstag.
Tatsächlich war ich bereit, alles für ihn zu tun. Er war groß und sportlich, mit hellbraunen Augen und blondem Haar, hatte einen guten Job bei einer IT-Firma und ein Filmfaible. Auf keinen Fall würde ich ihn so schnell hergeben.
Doch leider lief es nicht besonders rund zwischen uns. Ich war allerdings noch nicht bereit, diese Beziehung aufzugeben. Als Beziehungsmensch liebte ich es, in einer solchen zu sein. Unsere ersten Dates waren in die Vorweihnachtszeit gefallen. Alles war toll gewesen. Inzwischen hatten wir Ende Februar, und der Frühling schien weit weg.
Kurz hatte ich erwogen, eine Überraschungsparty für ihn zu organisieren. Er hatte einen großen Freundeskreis, in den ich sehr gut hineinpasste. Aber ich wollte den Fokus auf uns legen, uns beide allein.
Es würde Sauerbraten geben, sein Leibgericht. Anscheinend mochte er ihn auf eine ganz bestimmte Weise zubereitet, sodass ich mir das Rezept dafür heimlich besorgt hatte. Ich hatte zwei Probeläufe gemacht und war nun gespannt, wie er darauf reagieren würde. So viel Mühe nur für ihn.
Als der Braten im Ofen war, begann ich mit meiner »Zubereitung«. Ich duschte und cremte mich danach mit Bodylotion ein – Mandelduft, weil Jörn mal meinte, ich würde gut riechen. Da hatte ich mich auch kurz zuvor damit eingecremt.
Die Beine ließ ich aus, um sie erst zu rasieren. Alles inklusive mir selbst musste perfekt aussehen.
Oh, Mist! An der Wölbung beim Knie war ich zu ungeduldig und schnitt mir in die Haut, nicht schlimm, aber es reichte, um diese ekelige rote Flüssigkeit zum Vorschein zu bringen.
Ich konnte noch nie Blut sehen, ohne dass mir übel wurde. Jörn fand das ziemlich albern. Als ob es eine Entscheidung wäre, bei Blut Beklemmungen zu bekommen. Dabei bemühte ich mich so sehr, das zu überwinden. Neulich hatte ich mir sogar diesen blöden Horrorfilm im Kino mit ihm angesehen. Doch statt zu honorieren, dass ich mir die brutalen Szenen antat, beschwerte er sich danach, weil ich mich ständig an ihn geklammert hatte. Ich hätte geschworen, dass ich während des Films um mehrere Jahre gealtert war. In der darauffolgenden Nacht konnte ich kaum schlafen, weil ich immer wieder die gruseligen Szenen vor mir sah, sobald ich die Augen schloss. Blutspritzer überall, igitt!
Aber an der Filmauswahl würde ich niemals eine Beziehung scheitern lassen. Wichtig war doch nur, dass wir zusammen waren. Der Film spielte keine Rolle für mich. Als ich das Jörn hinterher sagte, schüttelte er nur den Kopf und brubbelte etwas vor sich hin. Am Schluss blieb bloß die Erkenntnis, dass ich mir umsonst diesen Horrorstreifen angetan hatte. Meine Abneigung gegenüber Blut war nur noch schlimmer geworden.
Zum Glück hörte es jetzt auf zu bluten, als ich ein Stück Klopapier auf den Schnitt legte.
Ich cremte dann auch die Beine ein und zog ein Wollkleid an, das Jörn noch nicht kannte. Es war dunkelblau – passend zu meinen Augen – und hatte lange Ärmel, aber am Rücken einen tieferen Ausschnitt. Es war eigentlich ein Minikleid, aber ich war nicht allzu groß, sodass es mir bis fast zu den Knien reichte. Ich zog weiße Socken dazu an, um nicht zu aufgetakelt auszusehen. Jörn mochte es »unaufgeregt«, wie er es nannte. Ich würde also am Tisch perfekt aussehen, aber beim Auftragen des Essens leger wirken. Meine langen, dunkelblonden Haare ließ ich offen. Zum einen stand er auf meine Haare, zum anderen sah ich so auch nicht zu herausgeputzt aus.
Heute würde Jörn nichts zu meckern haben. Ich war tadellos und das Essen auch. Egal, wie brummig er eventuell drauf sein mochte, ich würde ihm keinen Anlass bieten, an irgendetwas herumzumeckern. Alles würde laufen, wie er es wollte.
Meine Wohnung war ohnehin perfekt eingerichtet. Ich hatte penibel darauf geachtet, dass Besucher – vor allem männliche – keinen falschen Eindruck von mir bekamen. Leseecke, großes Sofa und riesiger Fernseher. Das Schlafzimmer nicht zu kitschig mit einem geräumigen Bett in der Mitte. Den Rest erledigte Dekoration, die ich regelmäßig wechselte, der Jahreszeit entsprechend oder eben auch mal passend zum Hobby meines jeweiligen Freundes. Für Jörn hatte ich zwei Filmplakate aufgehängt.
Nervös beobachtete ich den Braten im Ofen. Ich hatte schon einige Male für ihn gekocht. Aber nach den Weihnachtsfeiertagen, die wir getrennt verbracht hatten, weil unsere Verbindung noch zu frisch war, schwärmte er nur vom guten Essen seiner Mutter – Gänsebraten mit Maronenfüllung, Rinderrouladen mit Rotkohl und … Sauerbraten. Ich kochte sonst modern, probierte viel aus. Aber wenn er lieber Hausmannskost mochte, musste ich mich eben anpassen. Ich betätigte mich schließlich gern und mit Hingabe in der Küche. Daran sollte meine Beziehung auf keinen Fall scheitern.
Jörn hatte die Änderung meiner Kochgewohnheiten durchaus bemerkt, aber in Begeisterungsstürme war er noch nicht ausgebrochen.
Das sollte sich heute ändern.
Du liebst doch Sauerbraten!
Als es an der Tür klingelte, machte mein Herz einen beinahe schmerzhaften Hüpfer. Mann, war ich nervös! Wenn alles gut lief, würde es hoffentlich kein weiteres Beziehungsdesaster geben. Nach all den Rückschlägen in den letzten Jahren war ich mehr als bereit für eine dauerhafte Beziehung. Hoffentlich half der Sauerbraten dabei!
Jörn stand vor der Tür mit diesem Gesichtsausdruck, den ich so mochte – undurchschaubar, lässig. Ich fiel ihm um den Hals und küsste ihn.
»Alles Gute zum Geburtstag!«, sagte ich.
»Darf ich erst einmal hereinkommen?«
Es fiel mir schwer, den genervten Unterton zu überhören, aber ich lächelte darüber hinweg und zog ihn in meine Wohnung.
»Ich habe ein besonderes Essen für dich vorbereitet«, erklärte ich. »Das Geschenk gibt es später.«
»Sieht nett aus«, kommentierte er.
Nett? Wie wäre es mit romantisch und sexy, was mich und mein Kleid anging?
Schnell nahm ich ihm seine Jacke ab und hängte sie an die kleine Garderobe. Dabei achtete ich darauf, nur auf den Fußballen zu laufen, als hätte ich High Heels an. Jörn stand darauf. Jedenfalls vor ein paar Wochen noch.
Als ich ins Wohnzimmer kam, hatte er sich statt an den festlich gedeckten Tisch an den Tresen, hinter dem die Küchenzeile lag, gesetzt.
»Riecht gut«, sagte er.
Das erste Erfolgserlebnis. Ich lächelte ihn an.
»Es gibt etwas ganz Besonderes.«
Endlich lächelte er mal zurück. Ich nahm zwei weitere Weingläser – Bordeaux-Gläser standen bereits auf dem Esstisch – und schenkte uns Wein ein.
»Jetzt stoßen wir erst mal auf dich an.« Ich hob mein Glas und ließ es vorsichtig an seins klirren, das er mir entgegenhielt. Während ich trank, ließ ich ihn nicht aus den Augen. Jede seiner Bewegungen mochte mir einen Hinweis darauf geben, wie ich seine Laune heben konnte.
»Setz dich schon mal, ich serviere das Essen.« Ich stellte mein Glas ab und wandte mich den Beilagen zu. Klöße und Rotkohl hatte ich auch zum ersten Mal selbst zubereitet, auf die von Jörn geliebte Art.
Er nahm sein Glas mit zum Tisch und zerstörte so das Bild. Merkte er nicht, wie viel Mühe ich mir beim Eindecken gegeben hatte?
Ich trug die Klöße und den Rotkohl auf und nahm ihm das überflüssige Glas weg.
»Klöße?«, fragte er. »Was hast du gekocht?«
Ich grinste ihn nur an, gespannt darauf, was er sagen würde.
In der Küche schnitt ich das Fleisch auf, mit dem Rücken zu ihm, sodass er immer noch nicht sah, was es gab. Dann servierte ich es auf einer großen weißen Platte und stellte die Soße daneben.
»Sauerbraten?«, fragte er.
Ich nickte und wartete, dass er noch mehr zeigen würde – Freude, Dankbarkeit, irgendwas.
Doch er nickte nur, und ich begann, ihm aufzufüllen und mir meine erste Enttäuschung nicht anmerken zu lassen.
»Das kann ich selber«, sagte er, nicht unhöflich, aber es störte mich trotzdem.
Ich schenkte Wein in die schönen großen Gläser ein und setzte mich ihm gegenüber. Gleich würde er vom Fleisch kosten und sich wundern.
Unauffällig warf ich ihm Blicke zu, um nur ja nichts zu verpassen. Er schnitt an seinem Stück, begutachtete es – etwas, was er oft mit seinem Essen tat – und führte es zum Mund.
Sein Gesicht blieb absolut regungslos. Wie konnte das sein? Das Fleisch war zart und zerfiel fast auf der Zunge. Mehrere Tage hatte ich es eingelegt. Das, was er kannte, konnte nicht viel besser sein. Außerdem hatte ich mich exakt an das Rezept gehalten.
»Früher hast du exotischer gekocht«, murmelte er.
Was wollte er mir damit sagen?
»Aber du magst es doch lieber hausmännisch«, erwiderte ich. »Da habe ich mich eben angepasst.«
Er zuckte mit den Schultern. »Ich mochte dein indisches Butterhühnchen.«
Ach ja? Trotzdem schwärmte er mir ständig vom Essen seiner Mutter vor. Darum ja die Änderung meiner Kochgewohnheiten.
»Ich habe mir das Rezept von deiner Mutter geben lassen«, erklärte ich.
Jörn legte seine Gabel auf den Teller.
»Du hast meine Mutter angerufen?«
»Ja.«
»Woher hast du die Nummer?« Er sah mich an, als sei ich verrückt geworden. Was war denn dabei, dass ich seine Mutter angerufen hatte? Wir waren seit zweieinhalb Monaten zusammen, er würde mich seinen Eltern doch sowieso bald vorstellen. Sie war begeistert gewesen, von Jörns neuer Freundin zu hören, und wusste auch, dass es mich gab. Ein gutes Zeichen, dass Jörn seinen Eltern schon von mir erzählt hatte. Deshalb gab sie mir nur zu gern ihr Rezept, damit ich ihrem geliebten Sohn zu seinem Geburtstag sein Lieblingsessen zubereiten konnte.
»Das war nicht allzu schwer. Ich habe danach gegoogelt. In deiner Heimatstadt gibt es nicht so viele Schönstetts. Beim dritten Versuch hatte ich schon Glück.«
Er schüttelte den Kopf. »Bist du irgendwie irre?«
Jetzt legte ich meine Gabel auch weg. Langsam wurde ich sauer. Was war sein Problem?
»Deine Mutter wusste übrigens nicht einmal meinen Namen«, sagte ich nun. Angriff war schließlich die beste Verteidigung. »Warum nicht?«
Jörn schnaubte. »Meine Eltern haben mir nahegelegt, ihnen nur die Frauen vorzustellen, mit denen es etwas Ernstes ist.«
Einige Sekunden brauchte ich, um diese Information zu verarbeiten. Hatte er das ausdrücken wollen, was ich verstanden hatte?
»Ich bin also nichts Ernstes?«
»Wenn du dich weiter so aufführst, auf keinen Fall!«
Ich haute mit der Hand auf den Tisch. »Was ist denn dein Problem?«, rief ich. »Ich plane seit zwei Wochen diesen Abend, habe das Fleisch vorbestellt und sogar geübt, damit es genauso wird, wie du es magst. Dann überwinde ich mich und rufe deine Mutter ein zweites Mal an, damit ich auch wirklich nichts falsch mache bei deinem Lieblingsgericht. Und jetzt sitzt du hier und meckerst herum.« Ich hatte mich in Rage geredet und war zum Ende hin noch lauter geworden, während sein Gesicht hart wurde. »Auf der Arbeit gab es Ärger, nur weil ich früher gehen wollte, um alles für heute Abend perfekt zu machen.«
»Hörst du dir eigentlich noch selber zu?« Sein Tonfall war ganz ruhig. Gefährlich ruhig. Als ob er mit einem Kind sprach, dem er etwas erklären musste. »Findest du das alles … normal?«
»Ob ich es normal finde, alles dafür zu tun, dass mein Freund sich wohlfühlt? Ja, allerdings. Ich habe sogar für nachher noch etwas ganz Besonderes geplant. Du stehst doch auf diese eine Sache. Also im Bett. Ich habe extra dafür …«
»Nein, bitte nicht!«, unterbrach er. »Sag es nicht! Das ist so … unsexy.«
»Was genau?«
»Alles! Ich kann dich gar nicht mehr sehen vor lauter … Unterwerfung.«
Unterwerfung? Wie war denn das gemeint?
Jörn nickte heftig. »Genau! Das ist das richtige Wort. Du unterwirfst dich.«
»Ich unterwerfe mich dir?«, fragte ich langsam.
Er zuckte mit den Schultern und wand sich, rutschte auf seinem Stuhl hin und her, bevor er antwortete. »Nicht mir. Der Beziehung. Ich habe nämlich nicht das Gefühl, dass du es meinetwegen machst. Du hast anscheinend so viel Angst davor, ich könnte Schluss machen, dass du einfach alles tust, was ich will. Besser gesagt, was du denkst, was ich will. Ich möchte eigentlich nicht, dass meine Freundin zu meiner Mutter wird, damit sie mein Lieblingsessen kochen kann. Warum kochst du nicht etwas, was mein Lieblingsgericht von dir werden könnte? Und dann diese Sache im Bett. Wenn ich weiß, dass du keinen Spaß daran hast, macht es mich auch nicht an. Aber rückst du mal damit raus, was du willst? Nein, ich soll es erraten.«
»Ich will einfach nur mit dir zusammen sein. Ich dachte, es läuft gut. Gerade im Bett.«
»Jaaa«, erwiderte er gedehnt.
Wusste ich es doch.
»Aber eigentlich nur für mich.«
»Worauf willst du hinaus?«
Er stöhnte laut. »Es ist, als würde ich dich gar nicht richtig kennen. Am Anfang warst du … anders.«
»Inwiefern?«
»Du kanntest dich zum Beispiel bei alten Gruselfilmen aus. Ich dachte, ich hätte jemanden gefunden, der diese Leidenschaft mit mir teilt. Aber du hasst solche Filme.«
»Trotzdem bin ich bereit, sie mit dir anzusehen.«
»Ja, ein ganz toller Abend war das im Kino neulich. Und die Nacht hinterher erst.« Er holte tief Luft, als suchte er nach den richtigen Worten. »Es ist, als würdest du mir nur etwas vorspielen.«
»Was? Nein, ich tue das gern. Ich möchte, dass das mit uns funktioniert.«
Er sah mich einige Augenblicke einfach nur an.
Als ich schon dachte, er würde nichts mehr dazu sagen, seufzte er herzhaft.
»Es wird nie funktionieren«, sagte er ruhig, als würde er den Wetterbericht vorlesen. »Wir passen nicht zusammen.«
»Ich verstehe dich nicht. Was mache ich denn falsch? Ich versuche doch, dir alles recht zu machen.«
»Das ist es ja gerade. Eigentlich solltest du dir keine Mühe geben müssen. Es sollte von allein passen. Stattdessen ist es einfach nur anstrengend.«
Ich schüttelte verständnislos den Kopf.
»Du sollst Horrorfilme nicht nur meinetwegen ertragen«, erklärte er.
»Das tue ich aber gern.«
»Das ist einfach nur doof.« Er stand auf, während ich sitzenblieb und zuhörte, wie er die Tür ins Schloss fallen ließ.
Das war es also. Ich wusste, wann eine Beziehung vorbei war. Unzählige Male hatte ich es schon erlebt.
Jörn war mein neuer Exfreund.
Mädchenklo
Der Tag wäre prädestiniert dafür gewesen, ihn einfach zu überspringen. Ich hatte letzte Nacht kaum geschlafen, immer wieder auf mein Handy gestarrt in der Hoffnung, Jörn hätte mir eine Nachricht geschickt, in der er sich entschuldigte und schrieb, dass ihm alles leidtun würde.
Utopisch natürlich. Er hatte seine Meinung gestern sehr deutlich gemacht. Ich war, was er nicht wollte. Nach seiner Meinung war ich sogar erst dazu geworden. Was war denn so schlimm daran, dass ich flexibel sein konnte, wenn es um meine Beziehung ging?
Jedenfalls wusste ich, dass es sinnlos sein würde, ihm selbst eine Nachricht zu senden. Wenn er die Beziehung nicht mehr wollte, weil ich zu angepasst sei, dann würde eine Kontaktaufnahme meinerseits genau das bestätigen. Entweder meldete er sich oder das war es wirklich.
Wie sollte ich mich heute auf meine Arbeit konzentrieren? Wahrscheinlich hatte mein Auftritt von gestern noch ein Nachspiel – das würde ich kaum aushalten. Allerdings würde es nur noch schlimmer werden, wenn ich mich für heute krank meldete. Krankmeldung nach einem freien halben Tag roch nach Schwänztag. Vielleicht hatte ich dann bald auch keinen Job mehr. Job und Beziehung auf einmal weg – das wäre zu viel.
Irgendwie rappelte ich mich aus dem Bett und schleppte mich zur Arbeit.
Insa und Martin, meine anderen beiden Kollegen, saßen bereits an ihren Schreibtischen und murmelten ihre Morgengrüße, ohne aufzublicken. Ein Glück! Das ersparte mir Gespräche.
Annette war auch bereits da und warf mir einen finsteren Blick zu, als ich mich meinem Schreibtisch näherte, der sich direkt ihrem gegenüber befand.
»Guten Morgen!«, murmelte ich und zog den Kopf ein, während ich mich auf meinen Schreibtischstuhl niederließ. Ich setzte mich so hin, dass mein Bildschirm die Sicht auf Annette verdeckte.
»Ja, versteck dich nur«, sagte sie. »Du schuldest mir was.«
»Okay«, erwiderte ich und hoffte, dass das Thema damit erledigt war.
»Danke für den Muffin!«, brummte sie noch, und es klang eine kleine Spur versöhnlicher. Vielleicht hatte mir das wirklich weitere Bemerkungen erspart.
Es fiel mir schwer, mich auf etwas zu konzentrieren. Die Zeit zog sich dahin, während ich Dinge auf meinem Schreibtisch von links nach rechts räumte, dreimal das falsche Passwort in unserer Datenbank eingab und hoffte, dass der Tag schnell vorübergehen möge.
Unser Chef kam gegen neun und bedachte mich mit einem Blick, den ich nicht zu deuten wusste. Das war kein gutes Zeichen. Hatte Annette mich bei ihm schlecht gemacht?
Ich sah kurz zu ihr, als sie schnell den Kopf senkte. Anscheinend hatte sie sehr genau meine Reaktion beobachtet.
Er kam zu unserem Platz und nickte kurz. Jetzt würde er entweder mich zu einem Kündigungsgespräch bitten oder uns mitteilen, welche Glückliche die letzten Nächte mit ihm verbringen durfte, aber seine Handynummer nicht bekommen oder schon überstrapaziert hatte. Annette und ich kannten das schon. Es kam mindestens einmal in der Woche vor und begann immer damit, dass er persönlich zu uns kam, statt sofort in seinem Büro zu verschwinden.
»Falls eine gewisse Tatjana …« Er stutzte und dachte angestrengt nach.
Wusste er nicht einmal ihren Nachnamen?
»… Hofmann …«, fuhr er fort.
Was für ein schwerer Name!
»Sie wissen schon.« Er wedelte mit der Hand, ging zu seinem Büro und hatte dabei seine Aufmerksamkeit schon wieder auf sein Handy gerichtet, dessen Nummer Tatjana nie wieder wählen sollte - wenn sie die denn überhaupt kannte. Genauso abserviert wie ich gestern Abend von Jörn, nur wusste sie anscheinend noch nichts davon.
Aber wir wussten es. Und auch, was er von uns erwartete.
Ich konnte mich weiterhin kaum auf etwas konzentrieren, las ein paar Mails, schloss sie wieder und verschob alles auf später. Der Elan fehlte mir.
Gegen Mittag erhob sich Annette. »Gehst du noch raus?«, fragte sie mich.
Ich schüttelte den Kopf, ohne aufzusehen. Sie würde mich dann nämlich böse anschauen, weil sie erwartete, dass ich zum Bäcker ging, um die Teilchen für den Nachmittag mitzubringen. Wir hatten das nie fest aufgeteilt, aber nachdem sie gestern für mich einspringen musste, ging sie bestimmt davon aus, dass ich schon wieder dran war.
Doch nicht heute.
Vielleicht merkte sie, dass etwas nicht stimmte, denn sie ging erstaunlicherweise ohne ein weiteres Wort und brachte tatsächlich etwas mit.
Der Nachmittag ging dann so weiter wie der Vormittag. Ich öffnete Mails und schloss sie wieder, versuchte, mir etwas zu merken, und öffnete sie noch einmal. Hin und wieder druckte ich Bilder für neue Portfolios aus, damit ich einen Grund hatte, zum Drucker zu gehen, zum Beispiel, wenn ich kurz davor war zu heulen.
Anderthalb Stunden vor Feierabend, dem richtigen heute, kam Jonsen aus seinem Büro und sprach erst mit Insa, bevor er wieder zu uns kam.
»Sie arbeiten die Zeit von gestern nach«, sagte er zu mir.
War das gerade sein Ernst? Wo kam das denn her? Hatte sich Annette wirklich über mich beschwert? Ärger im Job wegen Jörn, der wegen eines Sauerbratens mit mir Schluss gemacht hatte – nein, das wäre zu viel.
Das Telefon klingelte und hielt mich davon ab, in Tränen auszubrechen – jedenfalls für ein Weilchen. Ganz automatisch hob ich ab.
»Hofmann hier«, säuselte eine Frauenstimme. »Ich würde gern Herrn Jonsen sprechen.«
Das war ja ein hervorragendes Timing. Mein Bauch brodelte.
»Herr Jonsen ist leider nicht zu sprechen«, sagte ich extra laut und deutlich, damit mein Chef auch jedes Wort verstand.
»Wann ist er es denn wieder? Auf dem Handy erreiche ich ihn nicht.«
Dann hatte sie zumindest die Nummer bekommen.
»Das kann ich Ihnen nicht genau sagen. Rufen Sie nächste Woche noch mal an.« Ich warf meinem Chef einen finsteren Blick zu. Toll, dass ich sein Geschmus hier abfertigen musste!
Ein Schnauben ertönte am anderen Ende der Leitung.
»Was sind Sie denn für eine Sekretärin?«, fragte die arme Tatjana etwas ungehalten. »Muss ich vorbeikommen, damit ich mit ihm reden kann?«
»Sie wollen vorbeikommen?«, wiederholte ich extra laut.
Jonsen riss die Augen auf und winkte heftig ab.
»Herr Jonsen ist leider verreist. Er kommt erst in drei Wochen wieder.« Ich funkelte meinen Chef böse an.
»Was? Das hätte er mir gestern aber wohl erzählt.«
Die war echt hartnäckig dafür, dass sie das erste Mal anrief. Manche Frauen brauchten drei Anrufe, um an diesen Punkt zu kommen. Die meisten riefen nie wieder an, weil sie die Botschaft auch so verstanden hatten, wie ich bei der Verabschiedung immer deutlich zu spüren bekam – ein Schluchzen vor dem Auflegen oder ein Schnauben.
