Märchenhaft erwählt - Maya Shepherd - E-Book + Hörbuch
Beschreibung

Es war einmal ein Prinz namens Lean, der seit seiner Geburt mit dem schrecklichen Fluch lebte, dass sein erster Kuss eines Tages großes Unheil über das Königreich Chòraleio bringen würde. Nur seine wahre Liebe kann ihn retten. Die zwölf schönsten Mädchen des Landes werden bei einer großen Auswahl erwählt – eine von ihnen wird Prinz Lean heiraten. Doch bis dahin liegt noch ein langer Weg vor ihnen. Es gilt Prüfungen zu bestehen, die den Mädchen alles abverlangen werden. Wie weit sind sie bereit für ein besseres Leben und die Chance auf die große Liebe zu gehen?

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl:330

Das Hörbuch können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Zeit:7 Std. 0 min

Sprecher:Marlene Rauch


Maya Shepherd

Märchenhaft erwählt

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Widmung

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

Nachwort

Zur Inspiration genutzte Märchen

Impressum neobooks

Widmung

Für meinen Stern

1

Ein Kuss ihm zur Verdammnis.

Er möge keinen Fuß mehr auf die Erde setzen.

Keinen Tag mehr das Licht der Sonne erblicken.

Keine Nacht mehr die Sterne am Himmel zählen.

Ein Kuss ihm zur Erlösung.

Nur der wahren Liebe Kuss vermag den Zauber zu bannen.

Vor langer Zeit waren der König und die Königin des schönen Reichs Chóraleio tief betrübt, sie klagten jeden Tag: „Ach, wenn wir doch ein Kind hätten!“, und kriegten immer keins. Da trug es sich zu, als die junge Königin Niobe einmal im See zum Baden gegangen war, dass ein Frosch aus dem Wasser ans Land kroch und zu ihr sprach: „Dein Wunsch wird erfüllt werden, und du wirst einen Sohn zur Welt bringen.“

Was der Frosch vorausgesagt hatte, das geschah, und Niobe gebar einen Sohn, der war so schön, dass König Egeas sich vor Stolz und Freude nicht zu lassen wusste und ein großes Fest veranstaltete. Er lud nicht bloß seine Verwandten, Freunde und Bekannten, sondern auch die Hexen des Königreichs dazu ein, damit sie dem Kind hold und gewogen wären. Es waren ihrer dreizehn in Chòraleio, weil er aber nur zwölf goldene Teller hatte, von welchen sie essen sollten, konnte er eine nicht einladen.

Die geladen waren, kamen, und als das Fest vorbei war, beschenkten sie das Kind mit ihren Wunschgaben: die eine mit Tugend, die andere mit Schönheit, die Dritte mit Reichtum, und so mit allem, was Herrliches auf der Welt ist. Als die Elfte ihre Wünsche eben getan hatten, kam die Dreizehnte herein, die nicht eingeladen war und sich dafür rächen wollte. Sie rief: „Ich verfluche den Prinzen! Ein Kuss soll ihm zur Verdammnis werden. Er möge keinen Fuß mehr auf die Erde setzen. Keinen Tag mehr die Sonne erblicken und keine Nacht mehr die Sterne am Himmel zählen.“

Da trat die Zwölfte hervor, die noch einen Wunsch übrig hatte. Zwar konnte sie den bösen Zauber nicht aufheben, aber sie konnte ihn doch mildern und sprach: „Ein Kuss soll ihn verdammen und ein Kuss soll ihn erlösen. Nur der wahren Liebe Kuss vermag den Fluch zu brechen.“

2

(Zwanzig Jahre später)

Es war einmal vor langer Zeit, als das Träumen noch erlaubt war, Wünsche noch in Erfüllung gingen und die Menschen an Zauberer, Feen und Drachen glaubten, ein Prinz:

Mutiger als ein Löwe, stärker als ein Bär und schlauer als ein Fuchs.

Die Blätter der Bäume färbten sich in den schönsten Farben des Herbstes: brennendes Rot, warmes Orange und sattes Gelb. Auf den Wegen lag bereits Laub und in der Luft hing am Abend der Duft eines prasselnden Feuers. In den Nächten zog der Frost herauf und legte eine dünne Eisschicht wie eine Decke über das ganze Königreich Chóraleio.

Eines schönen, aber kalten Morgens beschloss Prinz Lean auf die Vogeljagd zu gehen. Er ließ seine beiden treuen Gefährten Silas und Yanis wecken, um sich von ihnen begleiten zu lassen. Eine halbe Stunde später trafen sie sich im Hof des Schlosses. Die Hunde bellten bereits aufgeregt und rannten nervös zwischen ihren Füßen auf und ab. Sie sattelten ihre Pferde und ritten aus dem Tor hinaus in die Stadt. Trotz der frühen Morgenstunde herrschte dort bereits reges Treiben. Öfen wurden angeheizt, Tiere gefüttert und Wasser aus dem Brunnen geholt. Lean wurde von jedem seiner Untertanen, an denen er vorbeikam, freundlich begrüßt. Er war allseits beliebt. Nicht nur wegen seiner Schönheit, sondern vor allem wegen seines sonnigen Gemüts. Er war stets respektvoll und gerecht im Umgang mit seinen Bürgern. Seine immer näherkommende Hochzeit und die damit verbundene Krönung würde ein großer Festtag für alle werden.

Als die drei Freunde die Stadtmauern hinter sich zurückließen und über das offene Feld dem Wald entgegenritten, knirschten die Hufe der Pferde bei jedem Schritt über den von Reif bedeckten Boden. Ihr Atem bildete kleine Wolken in der Luft und ihre Nasen waren vor Kälte alle gerötet. Selbst die letzten Zugvögel würden schon bald das Land verlassen, um sich in wärmere Gegenden zu begeben. Vermutlich würde das ihre letzte Jagd in diesem Jahr sein.

Durch das dichte Blätterdach des Waldes fiel nur spärlich Licht. Das Laub knisterte bei jedem Schritt und ein Rascheln war aus jeder Richtung zu hören. Die Tiere des Waldes schienen nie zu schlafen.

Bald erreichten sie eine Lichtung, die zu einem kleinen See führte. Lean, Yanis und Silas banden ihre Pferde an Bäumen fest und suchten sich einen Platz von dem aus sie die beste Sicht auf den See und den Himmel hatten. Sie zogen ihre Armbrüste hervor und legten die Bolzen parat. Die Hunde winselten bereits vor Vorfreude und als Lean ihnen den Befehl zur Jagd gab, stürmten sie wie wild in das hohe Schilf, um dort die Vögel aufzustöbern. Sekunden später erhoben sich die Enten unter heftigem Geschnatter in den Himmel. Die drei Männer schossen einen Bolzen nach dem anderen ab, ohne auch nur ein Tier zu treffen. Schließlich flog nur noch eine letzte Ente über den Himmel. Lean legte die Armbrust an, zielte konzentriert und gab den Schuss im letzten Moment ab, bevor das Tier über den Baumspitzen verschwinden konnte. Er war selbst erstaunt, als er sah, wie es im Sturzflug zu Boden ging. Er hatte nicht erwartet, dass er es aus dieser Entfernung noch treffen könnte. Seine beiden Freunde applaudierten ihm bereits begeistert und während diese die Hunde zurückriefen, machte sich Lean auf die Suche nach der erlegten Ente. Er wollte seinem Vater stolz von seinem Geschick berichten. Er trat in den Wald an die Stelle, an der er die Stockente hatte abstürzen sehen. Die Sonne bahnte sich verhalten einen Weg durch die Blätter und Äste und ließ ihre Strahlen durch den düsteren Wald tanzen. Wie auf dem Präsentierteller lag die tote Ente auf grünem Moos und wurde von der Sonne beschienen. Lean kniete sich zufrieden nieder, hielt dann aber erstaunt inne. Nicht ein Bolzen hatte die Ente getötet, sondern ein Pfeil. Er war aus einfachem Holz geschnitzt. Weder er selbst noch seine Begleiter hatten mit Pfeilen geschossen.

Verwirrt sah er sich um und entdeckte seinen eigenen Bolzen nur wenige Meter entfernt im Boden stecken. Wenn nicht er das Tier erschossen hatte, wer war es dann gewesen?

Vorsichtig richtete Lean sich auf und begann sich umzusehen. Wer immer die Ente erschossen hatte, würde nun gewiss seine Beute auch einfordern wollen. Seit langem gab es Gerüchte über Räuber und Landstreicher in den Wäldern. Wenn einer von ihnen den Prinz hier entdecken würde, wäre die Jagdbeute schnell vergessen. Denn ein Königssohn war weit mehr wert als eine Ente. Wenn sie ihn gefangen nehmen und seinen Vater erpressen würden, wären sie reiche Leute. Lean schloss seine Hand um das Schwert, das zu seiner Rechten um seine Hüfte hing. „Ist da jemand?“, rief er und verlieh dabei seiner Stimme einen festen Klang.

Niemand antwortete ihm, nur das Rascheln der Blätter war zu hören.

Er hob die Ente vom Boden auf und hielt sie in die Luft. „Wenn du deine Beute willst, dann komm und hol sie dir!“

Er drehte sich zu allen Seiten und versuchte jemanden zu entdecken. Niemand schoss auf einen Vogel und ließ diesen dann unbeachtet zurück. Lean war sich sicher, dass der Schütze ihn beobachtete. „Komm und zeig dich, damit ich dir gratulieren kann!“, rief er herausfordernd. Er hörte ein leises Knacken hinter sich und fuhr herum. Zwischen den Bäumen stand nun ein schmaler Junge, der einen einfachen Holzbogen fest umklammert hielt. Er konnte kaum älter als zwölf oder vierzehn sein, so schmächtig wie er war. Die Kleidung, die er trug, war alt und geflickt, zudem für seine winzige Gestalt viel zu groß. Auf dem Kopf trug er eine braune Wollmütze. Sein Gesicht war schmutzig, doch seine großen Augen waren misstrauisch auf den Prinzen gerichtet.

Lean begann ungläubig zu lachen. „Du hast die Ente vom Himmel geholt? Du?“

In diesem Moment stießen Yanis und Silas mit den Hunden zu ihnen. Sie musterten den fremden Jungen skeptisch. „Wer ist das?“

„Das ist der Entenschütze!“, verkündete Lean amüsiert. Er war erleichtert, dass ihm nur ein harmloser Junge gegenüberstand und keine Räuberbande.

„Er?“, fragte nun auch Silas. „Aber er ist doch noch ein halbes Kind!“

„Und doch besser als wir alle drei zusammen“, sagte Lean ernst und wandte sich dem Schützen erneut zu. „Wie oft musstest du schießen, um die Ente zu treffen?“

Der Junge hob zögerlich die Hand und streckte seinen Daumen in die Höhe. -Nur einmal.

Yanis, Silas und Lean brachen gleichzeitig in Gelächter aus. Unter anderen Umständen hätte Lean dem Jungen kein Wort geglaubt, doch er hielt den Beweis selbst in seinen Händen.

„Von wo aus hast du geschossen?“

Der Fremde deutete auf eine Stelle am See, die noch weiter von der entfernt war, an der der Prinz gestanden hatte. Unglaublich!

Yanis schüttelte herablassend den Kopf. „Nie im Leben! Er lügt!“

Die Augen des Jungen formten sich zu Schlitzen, aus denen heraus er sie wütend anfunkelte. Er räusperte sich und sprach mit hoher Stimme: „Mein Pfeil steckt in dem Vogel, also gehört er mir!“

Lean hob beschwichtigend seine Hand. „Niemand will dir deine Beute streitig machen!“ Er streckte ihm die Ente entgegen. Trotzdem lagen noch mehrere Meter zwischen ihnen.

Vorsichtig trat der Fremde näher und schloss hastig seine Finger um das Federtier, doch Lean ließ nicht los.

„Wie hast du das gemacht?“

Der Junge starrte ihn verärgert an. Seine Augen hatten die Farbe des Waldes. „Ich habe gezielt und geschossen, mehr nicht!“

Er zog heftig an der Ente und Lean ließ los. Der Junge wollte fliehen, doch der Prinz stellte sich ihm in den Weg. „Keiner der Schützen meines Vaters besitzt dein Talent. Keiner von ihnen hätte einen Vogel aus dieser Entfernung getroffen. Keiner von ihnen kann mir noch etwas beibringen. Aber von dir könnte ich sicher noch viel lernen. Komm mit mir und ich mache dich zum königlichen Schützen!“

Lean schenkte ihm sein warmherzigstes Lächeln. Heute musste der Glückstag des Jungen sein. So ein Angebot bekam man nur einmal im ganzen Leben. Der Fremde musterte ihn überrascht und seine Mundwinkel verzogen sich zu einem spöttischen Grinsen. Doch ehe der Prinz sich versah, versetzte der Junge ihm einen heftigen Stoß, sodass er mit dem Hintern voran zu Boden fiel. Er rannte an ihm vorbei und rief schadenfroh: „Bei Euch ist Hopfen und Malz verloren, werter Prinz!“

Yanis und Silas versuchten ihn aufzuhalten, doch er schlüpfte geschickt an ihnen vorbei. Lean rappelte sich auf die Beine und nahm die Verfolgung auf. Jetzt war sein Interesse erst recht geweckt. Der Junge war flink wie ein Wiesel und sprang über die Wurzeln am Boden wie ein junger Hirsch. Lean hatte keine Chance, ihn zu Fuß einzuholen und versuchte es deshalb mit seinem Pferd. Als er glaubte, den Fremden bereits aus den Augen verloren zu haben, entdeckte er seine kleine Gestalt im Unterholz und jagte seinen Schimmel hinter ihm her. Yanis und Silas waren ihm dicht auf den Fersen, so wie die bellenden Hunde. Sie hatten vorgeschlagen, diese dem Jungen hinterherzujagen, dochLean wollte keine Hetzjagd veranstalten. Erst hatte er geglaubt, der Junge habe Angst vor ihm, doch mittlerweile hatte er das Gefühl, dass er sie zum Narren hielt. Er schien den Wald so gut wie seine Westentasche zu kennen und war ihnen haushoch überlegen. Immer wenn sie aufgeben wollten, zeigte er sich für einen kurzen Moment, nur um dann wieder zwischen den Bäumen zu verschwinden. Er spielte Verstecken mit ihnen und schien auch als Gewinner hervorzugehen, doch so leicht wollte der Prinz nicht aufgeben. Er meinte es doch nur gut mit dem Knaben. Seine Worte waren ernst gemeint gewesen. Wenn er ihnen nur vertrauen würde, könnten sie ihn mit aufs Schloss nehmen und ihm eine bessere Zukunft ermöglichen. Es würde ihm dort an nichts fehlen. Niemand würde so ein Angebot ablehnen.

Der Fremde rannte in ein dichtbewachsenes Gebiet des Waldes. Kletterpflanzen schlängelten sich über den Boden, Wurzeln erhoben sich kniehoch und Gebüsch erschwerte das Durchkommen. Lean sprang von seinem Pferd und folgte dem Jungen durch das Dickicht. Seine Füße fanden auf den rutschigen Blättern kaum Halt und er stolperte immer wieder. Blätter verfingen sich in seinem braunen Haar. Dornen streiften sein Gesicht und zerkratzten ihm die Haut. Er hörte seine Freunde nach ihm rufen, doch er war wie besessen davon den Jungen zu finden. Er war zu ehrgeizig, um sich eine Niederlage eingestehen zu können.

Plötzlich nahm er vor sich eine Bewegung wahr. Er konnte niemanden erkennen, aber zwischen den Blättern entdeckte er die Wollmütze des Jungen. Eilig rannte er darauf zu, doch gerade, als er danach greifen wollte, spürte er einen harten Schlag gegen seine Schienbeine und stürzte mit dem Gesicht voran durch ein Gebüsch. Ein kühler Luftzug schlug ihm entgegen, als er die Augen öffnete und er blickte geradewegs in einen steilen Abgrund. Tief unter ihm floss ein reißender Fluss. Wenn er nicht gefallen wäre, hätte er den Abhang womöglich nicht bemerkt und wäre hinunter gestürzt. Etwas tippte gegen seine Beine.

„Junge, bis du noch bei Trost?“, hörte er die heisere Stimme einer Frau. Er zog sich vorsichtig zurück und schloss seine Finger um die noch warme Mütze. War der Fremde womöglich den Abhang hinab gestürzt?

Neben ihm stand eine alte Frau. Sie stützte sich an einem Stock und trug auf dem Rücken einen Stapel Holzscheite. Ihre Finger waren krumm und knöchern.

Sie deutete anklagend auf ihn. „Du wolltest wohl in den Tod springen!“

Der Prinz schüttelte den Kopf. Das Gesicht der Alten war von Falten und Furchen gezeichnet. Ihre Nase stach spitz aus ihrem Gesicht hervor.

„Gute Frau, hast du vor mir einen Jungen hier entlangrennen gesehen?“

„Ich habe nur dich gesehen, der wie ein Wilder durch meinen Wald donnert, meine Tiere aufschreckt und meine Pflanzen vom Boden reißt.“

Lean drückte sich vom Boden hoch und baute sich vor der Frau auf. „Das ist der Wald des Königs von Chóraleio und ich bin sein Sohn. Wer bist du, dass du es wagst, dies alles als dein zu bezeichnen?“

„Ich bin die Hexe des Waldes. Mich gab es schon lange vor dir, deinem Vater und deines Vaters Vater. Ich wachse mit jedem Baum und sterbe mit jedem Tier. Mein Leben währt ewig.“

Lean hielt die Alte für wirr, trotzdem trat er einen Schritt zurück. Hexen konnten jede beliebige Gestalt annehmen und nicht alle waren den Menschen wohlgesonnen. „Verzeiht mir, wenn ich Euch oder Euren Wald verletzt habe. Das war nicht meine Absicht. Ich suche einen Knaben, der hier kurz vor mir entlanggekommen sein muss.“ Er hielt ihr die Mütze entgegen. „Diese gehört ihm.“

„Wen immer du zu sehen geglaubt hast, er ist nicht mehr da“, sagte die Frau entschieden. „Nun zieh deines Weges, bevor der Wald dich für immer verschluckt. So mancher Wanderer hat sich hier schon verirrt.“

Lean sah sich unsicher um. Er konnte sich nicht mehr daran erinnern, von wo er gekommen war. Egal in welche Richtung er blickte, alles sah für ihn gleich aus. Er wollte die Alte nach dem Weg fragen, doch sie war schon verschwunden. Dort, wo sie zuvor gestanden hatte, lag nun ein kleiner, silberner Kompass am Boden. Der Zeiger deutete direkt auf ihn. Kaum, dass er das Gerät in die Hand nahm, begann sich der Zeiger zu drehen und deutete nach rechts. Da Lean sich nicht anders zu helfen wusste, beschloss er dem Hinweis des Geräts zu folgen. Er hatte ohnehin nichts dabei zu verlieren. Während er über die Wurzeln stieg und versuchte, sich einen Weg aus dem Dickicht zu bahnen, drehte er das Gehäuse in seiner Hand. Egal wie rum er es auch hielt, es zeigte immer wieder in dieselbe Richtung, ohne sich an den Himmelsrichtungen zu orientieren. Auf der Rückseite entdeckte er eine Prägung.

Folge dem Weg deines Herzens.

Das Gerät war ihm unheimlich, genau wie die Hexe. Eine Frau ihres Alters konnte unmöglich so schnell aus seiner Sicht verschwinden. Genau wie zuvor der Junge hatte sie sich praktisch in Luft aufgelöst. Wohin würde ihn der Kompass führen? Schickte die Hexe ihn womöglich in die Irre?

Noch während er darüber nachdachte, hörte er plötzlich das Bellen von Hunden. Sekunden später kamen die weiß-braunen Jagdhunde des Königs durch das Unterholz mit lautem Gebell auf ihn zugestürmt. Ihnen folgten Silas und Yanis, die erleichtert die Hände zusammenschlugen, als sie ihn sahen.

„Wir fürchteten schon, dich verloren zu haben!“

„Du siehst fürchterlich aus! Was ist passiert? Wurdest du von einem Wildschwein gejagt?“

Lean schüttelte lachend den Kopf und ließ den Kompass in seinen Mantel gleiten, ohne ihn zu erwähnen. Er hatte ihm den rechten Weg gewiesen.

„Ich habe den Burschen aus den Augen verloren. Er kann nicht nur besser schießen als ich, sondern rennt auch noch schneller als die Hunde.“

„Wenn wir nicht bald zurück ins Schloss kommen, wird dein Vater uns Beine machen. Mal sehen, wer dann schneller läuft“, scherzte Silas und reichte Lean die Zügel seines weißen Pferdes.

3

Ein armer Bauer und seine Frau hatten drei Töchter, die sie alle gleichermaßen liebten.

Die jüngste Tochter hatte eine Haut so strahlend und rein wie der Glanz einer Perle, deshalb wurde sie

Elena Perlenschimmer genannt.

Die mittlere Tochter konnte schöner singen als jeder Vogel, deshalb rief man sie

Medea Nachtigall.

Die älteste Tochter hatte weder die Schönheit noch das Talent ihrer beiden Schwestern, dafür ging sie dem Vater bei Hand wie ein Sohn. Sie war fleißig und mutig zugleich. Allseits kannte man sie als

Heera Furchtlos.

Heera holte aus und ließ die Axt auf das Holzscheit niedersausen. Dieses spaltete sich krachend in zwei gleich große Stücke. Zufrieden legte das Mädchen sie beiseite und nahm sich den nächsten Klotz vor. Mittlerweile bereitete ihr die Arbeit keine Schmerzen mehr. Anfangs hatte sie es nicht geschafft das Holz zu spalten. Die Scheite waren in der Axt stecken geblieben und sie hatte viele Male ausholen müssen, um sie durchzuschlagen. Am Ende des ersten Tages waren ihre Handinnenflächen voller Blasen gewesen, die am zweiten Tag alle aufgeplatzt waren. Sie hatte den Stiel der Axt kaum halten können, so weh hatte es getan. Trotzdem hatte sie weiter gemacht. Tag für Tag. Während sie am Anfang noch fünf bis zehn Hiebe brauchte, reichten eine Woche später bereits drei bis sieben. Nach zwei Wochen schaffte sie es das erste Mal, ein Holz mit einem Schlag zu teilen. Ihre Hartnäckigkeit zahlte sich aus. Doch sie kämpfte nicht nur so verbissen, um ihrem Vater zu helfen, sondern auch, um ihm und sich selbst etwas zu beweisen. Ihr Vater war nicht mehr der Jüngste und würde bald nicht mehr alle Arbeiten, die auf ihrem kleinen Hof anfielen, alleine erledigen können. Seiner Frau und ihm war kein Sohn gewährt worden, der in die Fußstapfen seines Vaters hätte treten können. Doch es gab keine Arbeit, die für Heera zu schwer gewesen wäre. Sie konnte alles tun, was ein Mann konnte. Egal, ob es darum ging Holz zu hacken, ein Schwein zu schlachten oder ein Fass zu schleppen. Sie war sich für nichts zu schade.

Ihre Hände hatten mit der Zeit eine dicke Hornhaut gebildet, die sie nun vor Verletzungen schützte. Zwar waren ihre Finger nun nicht mehr so fein und grazil wie die ihrer jüngeren Schwestern, aber das scherte Heera nicht. Sie war stolz auf sich und ihre Willensstärke.

Heera sammelte gerade die Holzscheite ein, als sie ihre Schwester Medea aufgeregt nach ihr rufen hörte. Sie war mit ihrer Mutter in der Stadt gewesen, um Wolle einzutauschen. Medea liebte die Stadt, den Markt und sein buntes Treiben. Aber vor allem konnte sie sich an dem prächtigen Schloss nicht satt sehen. Sie konnte Stunden damit verbringen, vor den Schlossmauern auf und ab zu gehen, in der Hoffnung, dass der Prinz sie bemerken und sich unsterblich in sie verlieben würde. Oft sang sie dabei, doch mehr als ein kleines Taschengeld verdiente sie sich dabei nicht. Die Menschen hörten ihr gerne zu, doch waren die Meisten arm und hatten nichts zu verschenken.

Vielleicht hatte sie heute mehr Glück gehabt. Heera ging in die Stube, in der bereits die ganze Familie versammelt war. Sie legte das Holz neben dem Ofen ab und stellte sich neben den Vater an die Wand. Er war genauso ungeduldig wie sie. Es gab viel zu tun und Medea hielt sie nur von der Arbeit ab. Doch die Wangen der Mutter glühten genauso freudig wie die der Tochter. Die jüngste Schwester Elena sprang aufgeregt von einem Bein aufs andere. Sie hätte gern ihre Schwester und ihre Mutter in die Stadt begleitet, doch diese hatte es ihr verboten. Sie fürchtete um die Sicherheit der Jüngsten, die erst zehn Jahre alt war.

Medea holte tief Luft und verkündete dann strahlend: „Der Prinz wird heiraten.“

Heera verdrehte genervt die Augen. Was interessierte sie der Prinz? Es war ihr völlig egal, ob er nun eine Prinzessin aus dem Norden oder dem Süden zur Frau nahm. Eine war nur hochnäsiger als die andere.

„Na und? Was haben wir damit zu tun oder hat er etwa um deine Hand angehalten?“ Ihre Stimme hatte einen belustigten Tonfall, worauf der Vater sich ein Grinsen nicht verkneifen konnte. Er mochte den groben Humor seiner Ältesten. Er erinnerte ihn an die Gespräche, die Männer in Kneipen führten.

„Vielleicht“, säuselte Medea jedoch und hob stolz den Kopf.

„Wirklich?“, rief Elena sofort aus und sprang um ihre Schwester herum. „Bist du dann eine Prinzessin?“

„Die Königin“, korrigierte Medea.

„Jetzt aber mal langsam“, sagte die Mutter. „Der Prinz geht auf Brautschau und jedes Mädchen im heiratsfähigen Alter kann sich bewerben. Egal, ob adlig oder aus dem Volk.“

„Pff“, machte Heera herablassend. „Das ist doch alles nur Trug!“

Normalerweise war ihr Vater meist auf ihrer Seite, doch nun schüttelte er den Kopf. „Wir haben einen guten König. Er hat uns nie belogen oder betrogen. Wenn der König sagt, dass jedes Mädchen eine Chance hat, dann ist dies auch so.“

Heera wusste nicht viel von der königlichen Familie. Die Stadtbewohner liebten sie, vor allem den jungen Prinzen Lean. Doch Heera sah nur das prachtvolle Schloss, während sie und viele anderen auf dem Land in klapprigen Holzhütten leben mussten, durch die im Winter der Wind pfiff. Der König musste sicher noch nie mit knurrendem Magen zu Bett gehen.

„Na dann sind wir ja bald alle Sorgen los“, erwiderte Heera sarkastisch. „Medea, wann läuten die Hochzeitsglocken?“

Die Schwester wandte ihr eingeschnappt den Rücken zu. Medea war eine Schönheit, ohne Frage. Sie hatte langes, schwarzes Haar, das bei jeder Bewegung seidig glänzte. Ihre Augen hatten das strahlende Blau eines Sommerhimmels und ihre Lippen trugen die Farbe süßer Erdbeeren. Dazu konnte sie singen wie keine andere. Mindestens einmal die Woche hielt ein anderer um ihre Hand an. Doch Medea verschmähte sie alle. Keiner war ihr gut genug, weder ein Schreiner noch ein Kaufmann. Für sie kam seit ihrer Kindheit nur einer in Frage: Prinz Lean.

Die Mutter strafte Heera mit einem tadelnden Blick. „In zwei Wochen sind alle Jungfrauen aufgerufen, sich dem Prinzen vorzustellen. Er wird zwölf von ihnen erwählen, um sie näher kennenzulernen. Aber nur drei von ihnen werden die Chance erhalten, sich gegen die Prinzessinnen zu behaupten.“

„Ich sag doch, alles nur Trug! Nie im Leben würde sich der Prinz für ein Bauernmädchen entscheiden, wenn er eine Prinzessin haben kann.“

„Aber Medea ist schöner als jede Prinzessin“, verteidigte Elena ihre Schwester und streckte Heera die Zunge raus. „Wenn der Prinz sie nur einmal singen hört, wird er an keine andere mehr denken können.“

Medea drückte ihre jüngere Schwester lachend an sich und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Wenn ich Königin bin, bist du so etwas wie eine Prinzessin.“

„Heera, dem Prinzen geht es nicht nur um die Herkunft, sondern vor allem um den Charakter eines Mädchens!“, behauptete die Mutter aufgebracht. „Er sucht die Frau fürs Leben und möchte sich kein neues Pferd kaufen.“

„Vermutlich ist ihm sein Pferd wichtiger als seine Braut. Wundern würde es mich nicht!“, entgegnete Heera amüsiert. Sie ging in Richtung der Tür. „Ich will euch nicht länger im Wege stehen. Ihr müsst sicher noch ein neues Kleid nähen, die Frisur probieren und jedes Wort besprechen, das Medeas Mund verlassen wird.“

Die Mutter trat ihr eilig in den Weg. „Medea wird sich natürlich für den Prinzen bewerben, aber nicht alleine! Ich habe zwei Töchter im heiratsfähigen Alter.“

Heeras Augen weiteten sich ungläubig. Sie wusste genau, worauf die Mutter ansprach, versuchte sich aber dennoch mit einem Scherz herauszureden. „Ist Elena nicht noch etwas jung dafür?“

Die Mutter verstand keinen Spaß und verschränkte die Arme vor der Brust. „Du bist meine Älteste und ich erwarte von dir, dass du ebenfalls für den Prinzen vorsprechen wirst.“

Heera begann sie schallend auszulachen. „Ich? Mach dich doch nicht lächerlich! Niemand würde sich für mich entscheiden.“

Zwar war Heera keine Schönheit wie Medea, doch hässlich war sie bei weitem nicht. Aber ihr Ruf eilte ihr voraus. Jeder weit und breit wusste von Heeras Stärke. Die Männer, die in ihr eine Herausforderung gesehen hatten und sie zähmen wollten wie eine wilde Stute, hatte Heera längst eines Besseren belehrt und die Schüchternen wagten nicht einmal sie anzusehen. Bereits ihr ganzes Leben versuchte Heera ihren Eltern zu beweisen, dass sie mehr wert war als jeder Sohn. Sie brauchte keinen Ehemann. Heera würden den kleinen Hof des Vaters übernehmen und für die Eltern im Alter sorgen, während Medea und Elena zu ihren Ehemännern ziehen würden. Wer sollte sich sonst um ihre geliebten Eltern kümmern?

„Du wirst es zumindest versuchen!“, befahl die Mutter unnachgiebig.

„Ich habe nicht einmal ein Kleid, geschweige denn kann ich in einem laufen!“

„Du wirst ein Kleid von mir anziehen und selbst ein Mann könnte in einem Kleid gehen.“

„Der Prinz wird sich nur einmal meine Hände ansehen und mich für einen Mann halten!“

„Dann wirst du eben Handschuhe tragen!“

„Was soll ich ihm sagen, womit ich sein Leben bereichern könnte? Ich kann weder singen noch sticken.“

„Das kannst du lernen!“

„Vielleicht sollte ich ihm anbieten, ihm zur Hochzeit selbst ein Schwein zu schlachten…“

Die Mutter fiel ihr wütend ins Wort. „Untersteh dich! Du wirst dir Mühe geben, denn es geht hierbei nicht nur um dich, sondern um die ganze Familie. Wenn er auch nur eine von euch zur Frau nehmen würde, wären alle unsere Probleme gelöst. Wir könnten im Schloss leben und müssten nie wieder frieren oder hungern. Die Räuber würden uns nicht nachts überfallen und dein Vater könnte im Alter die Beine hochlegen. Elena könnte tanzen lernen und später einen Baron, wenn nicht gar einen Prinzen heiraten. Willst du nicht, dass deine Familie glücklich ist?“

„Und was ist mit mir? Habe ich kein Recht auf Glück?“, rief Heera aufgebracht. Sie konnte nicht glauben, dass ihre Mutter bereit war, sie an den Prinzen zu verscherbeln, nur um selbst keinen Finger mehr rühren zu müssen. Sie hatte angenommen, sie wären glücklich. Es war nicht immer leicht, aber sie hatten doch einander und das war alles, was zählte. Oder war es etwa doch nicht genug für sie?

„Du kennst Prinz Lean doch gar nicht!“, sagte der Vater im Versuch zu vermitteln. „Vielleicht magst du ihn.“

„Nie im Leben!“

4

Die Mädchen waren gekommen, sich zu präsentieren. Ob blond oder brünett, groß oder klein, schmal oder üppig. Sie sangen, tanzten, lachten und drehten die Locken um die Finger. Zwitscherten wie Vögel und plusterten sich auf zur Balz. Der Prinz konnte sich für keine entscheiden, ward zum Blinden im

Meer der Schönheit.

Zu Heeras Füßen sammelten sich bereits die Federn der toten Ente. Sie rupfte sie nacheinander schwungvoll aus und ließ ihre Wut an dem Federvieh aus. Es war der letzte Abend vor der großen Auswahl und es war ihr bisher nicht gelungen, ihre Eltern davon zu überzeugen, dass es nicht nur sinnlos, sondern sogar peinlich war, sie dem Prinzen vorzustellen. Die Kleider ihrer Mutter mochten vielleicht passen, aber nur, weil man es schaffte, einen Mann in die Kleider einer Frau zu stecken, wurde er deshalb noch lange nicht zur Dame. Sie konnte es bereits bildlich vor sich sehen, wie die Mädchen aus allen Gegenden des Reiches um die Aufmerksamkeit des Prinzen buhlen würden. Sie würden allesamt in Parfum baden, schallender lachen als die Ziegen und sich mit Schmuck behängen wie Elstern. Sie selbst würde zwischen all den Mädchen wie ein Schweinehirt wirken, Kleid hin oder her. Jeder würde sich über sie lustig machen. Doch sie sorgte sich nicht ihretwegen, sondern um ihre Eltern. Niemand sollte über sie lachen. Der Vater und die Mutter waren ihr Leben lang arm gewesen und hatten es trotzdem geschafft, sie großzuziehen und zu ernähren. Manchen Abend hatten sie gehungert, nur um ihre Kinder satt zu bekommen. Die drei Töchter waren alles, was sie hatten. Elena wäre in ein paar Jahren eine genauso gute Wahl wie Medea - blonde Locken, strahlend blaue Augen und volle rote Lippen. Aber Heera war eine einzige Blamage. Sie konnte nicht einmal aufrecht gehen, ohne über den Saum ihres Kleides zu stolpern.

Der Himmel färbte sich bereits rosa wie er es nur an den Winterabenden tat, als der Vater zu seiner Ältesten trat. „Es reicht, wenn du der Ente die Federn ausrupfst. Du brauchst sie nicht auch noch zu häuten.“ Das Tier war bereits blank, doch Heera scheute sich davor in die Stube zu treten. Geknickt reichte sie dem Vater die Beute, damit er sie der Mutter zum Kochen brachte. Doch der Vater setzte sich stattdessen neben sie auf die Holzbank.

„Heera, von all meinen Töchtern bist du mir die Treuste.“

Sie sah ihn verzweifelt an. „Warum schickst du mich dann weg? Ich möchte nicht heiraten. Weder einen Prinzen noch sonst irgendjemanden.“

Er lächelte. „Ich muss zugeben, dass ich nicht wüsste, was ein Mann dir noch beibringen sollte. Du bist vermutlich mehr Mann als der Prinz es jemals sein wird.“

Das brachte Heera zum Grinsen. „Lass mich doch bei dir bleiben! Wenn Mutter und du eines Tages zu alt sein werdet, um den Hof zu bestellen, werdet ihr euch freuen, dass ihr mich bei euch habt.“

„Das weiß ich, Heera. Aber ein Vater will für seine Kinder immer das Beste. Du sollst dein eigenes Leben haben.“

„Der Prinz interessiert mich nicht“, jammerte das Mädchen trotzdem unbeirrt weiter. „Und selbst wenn, ich werde euch blamieren. Die Menschen werden mich auslachen und euch direkt mit.“

„Sollte es auch nur einer wagen, über eine meiner Töchter zu lachen, so erlaube ich dir, dass du ihm die Nase brichst.“

„Und wenn der Prinz selbst über mich lacht? Darf ich dann auch ihm die Nase brechen?“, fragte Heera hoffnungsvoll.

„Der Prinz wird nicht über dich lachen“, beteuerte der Vater. „Bitte gib ihm eine Chance. Und wenn nicht um deinetwillen, dann wenigstens deiner Schwester zuliebe. Medea braucht dich. Sie hat nicht deine Stärke, um dies durchzustehen.“

„Sie ist schön genug für zehn Töchter. Wenn der Prinz sie nicht will, muss er blind auf beiden Augen sein!“

„Steh ihr bei! Es wird ihr helfen zu wissen, dass du hinter ihr stehst und ihr den Rücken freihältst. Ich würde mich zu sehr um sie sorgen, wenn ich sie alleine im Schloss wüsste. Sie ist zu gutgläubig, um einen Freund von einem Feind unterscheiden zu können.“

Heera liebte ihre beiden Schwestern und fühlte sich für sie verantwortlich. Das wusste der Vater. Es war ihm nicht gelungen, Heera auf andere Weise für die Auswahl zu begeistern und deshalb packte er sie nun bei ihrem Pflichtgefühl und ihrer Fürsorge.

„Ich werde auf Medea achtgeben. Du kannst dich auf mich verlassen, Vater!“, versprach Heera folgsam.

Lean saß zwischen seiner Mutter und seinem Vater auf einem Thron, der mitten im Schlosshof auf einem Podest errichtet worden war. Vor den Toren drängten sich bereits die Menschen und versuchten, einen Blick auf den Prinzen und seine königlichen Eltern zu erhaschen. Es waren nicht nur Bewerberinnen, sondern vor allem auch viele Schaulustige gekommen. Eine Hochzeit war ein Freudenfest wie kein anderes und die Feierlichkeiten dauerten oft mehrere Wochen an. In dieser Zeit kamen viele Besucher in die Stadt und die Geschäfte liefen besser denn je. Auch König Egeas hatte Leans Mutter Niobe bei einer Auswahl kennengelernt. Sie war jedoch kein Mädchen aus dem Volk, sondern eine Prinzessin von den südlichen Inseln. Trotzdem wurde er nicht müde zu betonen, dass jede Bewerberin die gleichen Chancen hätte und Lean sich wirklich jede mit offenen Augen ansehen wolle.

Mit der Auswahl wurde die Brautschau eröffnet. Eine ganze Woche lang würden Mädchen aus allen Gegenden des Landes die Möglichkeit haben, sich dem Prinzen und dem königlichen Hof zu präsentieren. Jedoch nur zwölf von ihnen würden erwählt werden, um ihre Qualitäten als zukünftige Königin unter Beweis zu stellen. Lean graute es bereits seit Wochen vor diesem Tag. Ihm war bewusst, dass er als einziger Thronnachfolger dazu verpflichtet war, eine Frau zu erwählen. Das Volk freute sich bereits seit Jahren auf die Hochzeit und er wollte ihnen diese auch nicht verwehren. Aber wie sollte er sich zwischen Tausenden von Frauen je entscheiden können? Er hätte nichts dagegen gehabt, wenn sein Vater ihm eine Braut ausgesucht hätte, so wie es in anderen Königreichen Brauch war. Gewiss wäre sie nicht hässlich gewesen und irgendwie hätte er sich schon mit ihr arrangiert. Und selbst wenn nicht, so wäre ihm immer noch die Möglichkeit geblieben, ihr aus dem Weg zu gehen. Das Volk hätte seine Hochzeit bekommen und ihm wäre die lästige Qual der Wahl erspart geblieben. Wenn die Auswahl wenigstens nur einen Tag dauern würde, aber stattdessen würde sich das Spektakel über Wochen hinziehen.

Jedes Mal, wenn er sich beklagte, versuchte seine Mutter ihm deutlich zu machen, dass er sich darüber freuen solle, dass er die Chance habe, seine Braut selbst zu wählen. Aber Lean freute sich nicht. Es war nur eine Last, die ihm seine Zeit stahl. Lieber wäre er mit seinen Freunden ausgeritten, auf die Jagd gegangen, Boot gefahren oder hätte sich duelliert. Die Mädchen, die er kannte, waren alle gleich. Schön, zurückhaltend und grazil. Wenn er sie ansprach, senkten sie den Blick und lachten über jeden seiner Witze, selbst über die schlechtesten. Was sollte er mit so einer Person nur anfangen? Und was sollte er vor allem mit zwölf Mädchen anfangen, die sich alle auf diese Weise benahmen?

Die Tore wurden geöffnet und die Menschen strömten herein. Lean konnte sehen, wie sie einander zur Seite drängten und schubsten. Jeder wollte den besten Platz am Podest ergattern, um auch nichts zu verpassen. Innerhalb weniger Minuten war der Schlosshof bereits voll und das Volk drängte sich trotzdem noch an den Toren.

König Egeas erhob sich aus seinem Thron. „Mein liebes Volk“, rief er mit lauter Stimme und die Bürger schwiegen. „Ein König ist ein Vater und sein Volk ist sein Kind. Es ist seine Aufgabe, dieses Kind zu hegen und zu pflegen, auf dass es ihm nie an etwas fehlen mag.“

Die Menschen brachen in begeisterten Applaus aus. Zwar fehlte den Menschen oft viel, aber in solchen Momenten vergaßen sie das gerne, um sich an der Rede ihres Königs zu erfreuen.

„Die Menschen meines Königreichs liegen mir am Herzen, so sehr, dass ich einer Tochter des Volkes die Chance geben möchte meinen einzigen Sohn zu heiraten.“

Wieder jubelten die Zuhörer. Einige riefen bereits Namen von Mädchen, die sich später vorstellen würden.

„Es wird kein leichter Weg werden. Viele Mädchen aus allen Gegenden unseres schönen Reiches sind gekommen. Prinzessinnen aus allen vier Himmelsrichtungen reisen an. Doch am Ende kann nur eine das Herz meines Sohns gewinnen. Um sicherzugehen, dass die Wahl auf die einzig Richtige fällt, werden sich die Mädchen Prüfungen stellen müssen. Meine wundervolle Königin Niobe hat all diese Prüfungen gemeistert wie keine andere. Sie ist es, die den Mädchen den Weg weisen wird. Verneigt euch vor meiner großen Liebe, der Mutter meines Sohnes und der Königin von Chóraleio.“

Anstatt zu applaudieren, senkten alle Menschen das Haupt und Egeas reichte seiner Frau die Hand. Diese erhob sich aus ihrem Stuhl. Sie trug ein Kleid in der Farbe der Morgenröte, das ihre dunkle Haut betonte. Ihr langes Haar fiel ihr seidig über die Schultern bis zur Brust. Sie hatte große mandelförmige Augen, denen nichts zu entgehen schien. Anmut lag genauso wie Willensstärke in ihrem Gesicht. Sie klatschte in die Hände.

„Der Tag, an dem ich Königin wurde, war der schönste meines Lebens“, eröffnete sie ihre Rede und gab ihrem Volk damit die Erlaubnis, sich wieder zu erheben. Sie applaudierten ihr und schienen sie noch mehr zu lieben als den König. Manch einer aus dem Volk konnte sich noch an das junge Mädchen erinnern, das vor einundzwanzig Jahren scheu an den Hof gekommen war und die Herzen im Sturm erobert hatte.

„Ich möchte jeder Bewerberin etwas mit auf den Weg geben. Eine Königin liebt ihr Volk von Herzen. Sie muss bereit sein, Opfer zu bringen zum Wohle des Landes. Eine Königin zögert nicht, wenn sie um Hilfe gebeten wird. Eine Königin liebt aufrichtig und ohne Hintergedanken.“ Ihre Worte waren mahnend und zogen das Volk in ihren Bann. „Ich wünsche mir für meinen Sohn eine Braut, die nicht nur schön, sondern auch klug ist. Eine Braut, die meinem Sohn zur Seite steht und ihn auch in schweren Zeiten unterstützt. Eine Braut, die das Herz des Volkes durch ihre Taten und nicht durch ihre Versprechen gewinnt. Eine Königin ist schön, intelligent und gerecht, aber vor allem von reinem Herzen.“

Seiner Mutter folgte nun auch Lean. Ihm oblag das Schlusswort. Er stand auf und die Menge konnte sich vor Verzückung kaum noch halten. Sie jubelte, klatschte mit den Händen und stampfte mit den Füßen. Der Boden des Podests bebte. Lean hob die Hände, um das Volk zur Ruhe zu bringen und setzte dabei sein gewinnendstes Lächeln auf. „Ich möchte mich bei jedem Einzelnen bedanken, der heute hier erschienen ist, um mich bei meiner Wahl zu unterstützen. Ich suche eine Frau, mit der ich mein Leben verbringen kann und ich brauche die Hilfe meines Volkes, um Trug, Lüge und Schein zu erkennen. Nur ein Mädchen, das es ehrlich mit mir meint, soll eines Tages neben mir Platz nehmen dürfen. Diese Woche werde ich mit eurer Hilfe zwölf Mädchen auswählen, die mir und euch erst noch beweisen müssen, dass sie einer Königin würdig sind. Es erwarten sie Prüfungen, die ihr Herz auf die Probe stellen werden. Prüfungen, die selbst einen Mann das Fürchten lehren würden.“ Dieser Part gefiel Lean. Es würde ihm eine willkommene Abwechslung sein, dabei zuzusehen, wie die feinen Mädchen sich die Kleider schmutzig machen würden. Vielleicht würde ihm die eine oder andere auch die Wahl schon im Vorfeld abnehmen, indem sie floh. Er blickte hinter sich und seine Augen trafen sich mit denen seines treuen Freundes Amphion. Dieser nickte, um Lean zu bestätigen, dass er für das große Finale bereit war.

„Ich bin Prinz Lean, zukünftiger König von Chóraleio und DAS ist meine Auswahl“, rief er laut. In diesem Moment schoss hinter dem Podest ein gewaltiger, goldener Drache in die Luft. Die Menschen erschraken und duckten sich. Der Drache zog seine Kreise über den Himmel. Die Sonne spiegelte sich in den goldenen Schuppen. Doch als er Feuer spie, regnete es keine Asche, sondern feinen Goldstaub. Er legte sich auf das Haar, die Gesichter und die Schultern der Menschen. Verwundert tasteten sie sich ab und konnten sich an dem Glanz kaum sattsehen. Amphion steuerte den Drachen im Hintergrund. Er war Zauberer und dies war einer seiner leichtesten Tricks. Mit einem Handschnippen explodierte der Drache hoch oben am Himmel und rote Rosenblätter tanzten zu Boden. Lean blickte vom Podest hinab auf ein Meer aus Rot und Gold.