Märchenprinz - Marian Keyes - E-Book

Märchenprinz E-Book

Marian Keyes

4,5
8,99 €

Beschreibung

Zutiefst rührend und unendlich komisch

Lola scheint sich den Traummann gesichert zu haben: Paddy de Courcy ist charmant, mächtig und unglaublich gut aussehend. Und er gibt seine Verlobung bekannt! Nur leider mit einer anderen … Lola ist am Boden zerstört und zieht sich an die irische Westküste zurück. Dort wird sie unvermutet von einer Leidensgenossin aufgestöbert. Auch Grace wurde von Paddy übel mitgespielt. Sie drängt Lola, gemeinsam zum Gegenangriff überzugehen. Denn Paddy hat ein sehr dunkles Geheimnis.

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Seitenzahl: 1085

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Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen. Die Originalausgabe THIS CHARMING MAN erschien bei Michael Joseph, einem Imprint von Penguin Books, London

 

Copyright © 2008 by Marian Keyes Copyright © 2008 der deutschen Ausgabe Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House, Neumarkter Str. 28, 81673 München Satz: Leingärtner, Nabburg

Covergestaltung: Eisele Grafik Design, München

 

ISBN 978-3-641-11932-4 V003

www.heyne.de

DAS BUCH

Paddy de Courcy, der begehrteste Junggeselle Dublins, wird heiraten!

Lola fällt aus allen Wolken – ist sie doch seit 16 Monaten Paddys Freundin, aber nicht die Verlobte. Sie flüchtet in ein kleines Häuschen am Meer. Aber die Idylle dort erweist sich als trügerisch. Denn Grace lässt sie nicht in Ruhe. Als Journalistin recherchiert sie zu Paddys Verlobung. Aber sie hat auch eine private Verbindung zu ihm. Eine Verbindung, die viel tiefer ist, als sie es gerne zugeben würde.

Auch das Leben ihrer Zwillingsschwester Marnie ist auf unglückselige Weise mit Paddy verknüpft: Er war ihre erste große Liebe. Ihn kann sie nicht vergessen – obwohl sie längst verheiratet ist und zwei wunderbare Töchter hat. Immer mehr entgleitet ihr alles. Sie steuert auf den Abgrund zu.

Und dann ist da noch Alicia, die künftige Mrs de Courcy, die alles für ihren Verlobten tun will. Aber kennt sie ihn wirklich? Marian Keyes erzählt unnachahmlich komisch und berührend zugleich von vier Frauen, ihrem Märchenprinzen – und dem dunklen Geheimnis, das alle verbindet.

 

»Marian Keyes ist einfach eine Klasse für sich!« Bild am Sonntag

 

»Erfrischend überraschend und nie um einen Witz verlegen: Marian Keyes kennt die Frauen.« Für Sie

DIE AUTORIN

Marian Keyes, 1963 in Limerick geboren, wuchs in Dublin auf und jobbte nach dem Abbruch ihres Jurastudiums einige Jahre in London. Mit ihrem Debütroman Wassermelone landete sie einen phänomenalen Erfolg.

Für Caitríona Keyes,die der witzigste Mensch ist,den ich kenne

Was! Sie auch? Ich dachte, ich wäre die Einzige. C. S. Lewis

»Alle wissen noch, wo sie waren, als sie von Paddy de Courcys bevorstehender Hochzeit erfuhren. Ich arbeite bei einer Zeitung und bekam es deshalb als eine der Ersten mit, nämlich in dem Moment, als David Thornberry aus dem Politikressort (und der größte Mann in Dublin) die Nachricht verbreitete, dass de Courcy aufgab. Ich war überrascht. Ich meine, wir waren alle überrascht, aber ich war besonders überrascht, und zwar noch bevor ich hörte, wer die Glückliche war. Aber ich durfte mir nichts anmerken lassen. Allerdings wäre es sowieso keinem aufgefallen. Ich könnte auf der Straße tot umfallen, die Leute würden mich trotzdem fragen, ob ich sie zum Bahnhof fahre. So geht es einem, wenn man die gesunde Hälfte eines Zwillingspaars ist. Außerdem brauchte Jacinta Kinsella (Chefin) schnell einen Artikel über die Verlobung, da musste ich meine Gefühle also beiseiteschieben und professionell sein.«

Grace Gildee

 

 

»Wäre nett gewesen, wenn du mich vorher gefragt hättest.«

Alicia Thornton

 

»Ich war im Netz und suchte bei eBay nach einer Eulen-Handtasche (einer von Stella McCartney, nicht irgendeiner ollen Handtasche) für eine Klientin, die sie für eine Wohltätigkeitsveranstaltung des Naturschutzvereins haben wollte, als ich die Schlagzeile las: De Courcy heiratet. Dachte zuerst, es sei ein Ulk. Die Medien setzen dauernd irgendwelche Geschichten in die Welt und retuschieren Zellulitis auf ein Mädchen drauf, wo keine ist, und retuschieren sie weg bei einer anderen, die Zellulitis hat. Als ich herausfand, dass es stimmte, erlitt ich einen Schock. Glaubte sogar, ich würde einen Herzkoller kriegen. Wollte schon einen Krankenwagen rufen, aber mir fiel die Notrufnummer nicht ein. 999. Irgendwie schien mir, es müsste 666 sein. Nummer des Teufels.«

 

Fionnola »Lola« Daly

 

 

DE COURCY HEIRATET

 

Im ganzen Land werden Frauen Trauer tragen, wenn sie hören, dass der begehrteste JunggeselleIrlands, der Politiker Paddy »Quicksilver« de Courcy, das Handtuch wirft und sich niederlässt.

In den letzten zehn Jahren wurde de Courcy, beliebter Gast in den VIP-Lounges der heißesten Nachtlokale Dublins und bekannt für seine angebliche Ähnlichkeit mit John-John Kennedy, in einem Atemzug mit einer Reihe umschwärmter Frauen genannt, darunter Zara Kaletsky, früher Model, jetzt Schauspielerin, sowie der Mount-Everest-Bezwingerin Selma Teeley; jedoch machte er bisher keine Anstalten, sich auf Dauer zu binden.

Über die Frau, die sein notorisch rastloses Herz gewonnen hat, eine gewisse Alicia Thornton, ist wenig bekannt, doch ist sie mit Sicherheit kein Model und auch keine Bergsteigerin; eher ist ihr wohl am gesellschaftlichen Aufstieg gelegen. Ms Thornton (35), dem Vernehmen nach Witwe, arbeitet bei einer bekannten Immobilienagentur, beabsichtigt aber, ihre Stelle nach der Heirat aufzugeben, um sich ganz der angehenden politischen Karriere ihres Mannes »zu widmen«. Als Ehefrau des bekanntermaßen ehrgeizigen »Quicksilver« de Courcy liegt ihr Aufgabenfeld klar umrissen vor ihr.

Lola

Der Tag null. Montag, 25. August, 14.25

Der schlimmste Tag meines Lebens. Als der teuflische Griff der ersten Schockwelle sich um mich zu lockern begann, musste ich der Tatsache ins Auge blicken, dass Paddy mich nicht angerufen hatte. Bedenklich. Ich war seine Freundin, die Medien überschlugen sich mit Meldungen über seine bevorstehende Hochzeit mit einer anderen, und er hatte mich nicht angerufen. Schlechtes Zeichen.

Versuchte seine private Handynummer. Nicht seine normale private, sondern sein private private, die nur ich und sein Personal Trainer kennen. Es klingelte vier Mal, dann schaltete sich der Anrufbeantworter an. Da wusste ich, dass es stimmte.

Weltuntergang.

Versuchte es in seinem Büro, versuchte es bei ihm zu Hause, versuchte es immer wieder mobil. Sprach 51 Mal auf Band – habe mitgezählt.

 

18.01

Telefon – er war dran!

Er sagte: »Hast du die Abendzeitungen gesehen?«

»Im Netz«, sagte ich, »ich lese nie Zeitung.« (Unerheblich, aber die Leute sagen die komischsten Dinge, wenn sie unter Schock stehen.)

»Tut mir leid, dass du es auf so brutale Weise erfahren hast. Ich wollte es dir persönlich sagen, aber einer von diesen Journalisten  –«

»Was? Es stimmt also?«, rief ich.

»Es tut mir leid, Lola, ich wusste nicht, dass du das mit uns so ernst nimmst. Es war doch nur ein netter Zeitvertreib.«

»Zeitvertreib?« Zeitvertreib?

»Ja, ein paar Monate.«

»Ein paar? Sechzehn. Sechzehn Monate, Paddy. Das ist ziemlich lange. Heiratest du wirklich diese Frau?«

»Ja.«

»Warum? Liebst du sie etwa?«

»Natürlich. Sonst würde ich sie nicht heiraten.«

»Ich dachte, du liebst mich.«

Seine Stimme klang traurig, als er sagte: »Ich habe dir nie etwas versprochen, Lola. Du bist ein tolles Mädel, wirklich, echt klasse. Mach’s gut, pass auf dich auf.«

»Warte, leg nicht auf! Ich muss dich sehen, Paddy, bitte, nur für fünf Minuten.« (Völlig entwürdigend, aber ich konnte nicht anders. War total aufgewühlt.)

»Denk nicht schlecht von mir, wenn möglich«, sagte er. »Ich werde immer gern an dich und an unsere Zeit denken. Und noch was …«

»Ja?«, hauchte ich, begierig, etwas zu hören, das den schrecklichen, den unerträglichen Schmerz lindern würde.

»Sprich mit niemandem von der Presse.«

 

18.05 bis Mitternacht

Habe alle angerufen. Ihn auch. Habe nicht mehr mitgezählt, aber viele Male. Kein Zweifel. Zweistellige Zahl, vielleicht dreistellig.

Außerdem lief das Telefon mit hereinkommenden Anrufen heiß. Bridie, Treese und Jem – echte Freunde – haben mich getröstet, obwohl sie Paddy nicht leiden können. (Haben es zwar nie zugegeben, aber ich wusste es auch so.) Und die falschen Freunde – Wendehälse! – haben angerufen. Wollten sich an meinem Unglück ergötzen. Und sagten: »Stimmt es, dass Paddy de Courcy heiratet, aber nicht dich? Du Arme. Das ist ja schrecklich. Das ist ja wirklich ganz schrecklich für dich. Was für eine DEmütigung! Was für eine KRÄNkung! Was für eine ErNIEdrigung! Was für eine …« Habe mich tapfer gehalten und gesagt: »Vielen Dank für eure guten Wünsche. Muss jetzt Schluss machen.«

Bridie kam zu mir in die Wohnung. »Du bist gar nicht der Typ ›Frau eines Politikers‹«, sagte sie. »Deine Kleidung ist viel zu cool, und du hast lila Strähnchen.«

»Molichino, bitte!«, rief ich. »Lila, das klingt, als wäre ich ein Teenager.«

»Er war viel zu dominant«, fuhr sie fort. »Wir haben dich kaum noch zu Gesicht bekommen. Besonders in den letzten Monaten.«

»Wir waren verliebt! Du weißt doch, wie es ist, wenn man verliebt ist.«

Bridie hatte im vergangenen Jahr geheiratet, ist aber unsentimental. »Verliebt, ja, fein, aber man muss doch nicht dauernd aufeinandersitzen. Du hast uns immer hängen lassen.«

»Paddy hatte nur selten Zeit! Ist ein viel beschäftigter Mann! Ich musste nehmen, was ich kriegen konnte!«

»Außerdem«, sagte Bridie, »hast du nie die Zeitung gelesen. Du hast keine Ahnung von der Tagespolitik.«

»Ich hätte es lernen können«, sagte ich. »Ich hätte mich verändern können.«

 

Dienstag, 26. August

Habe das Gefühl, das ganze Land stiert mich an, zeigt mit dem Finger auf mich, lacht über mich. Hatte vor all meinen Freunden und vor vielen Klienten mit Paddy angegeben, und jetzt wissen sie, dass er eine andere heiratet.

Mein Gleichgewicht ist zerstört. Bei einem Fototermin für den Weihnachtskatalog von Harvey Nichols in den Wicklow Hills habe ich ein austerngraues, asymmetrisch geschnittenes Abendkleid von Chloé (ist klar, welches ich meine, oder?) zu heiß gebügelt und ein Loch reingebügelt! Brandfleck in der Form eines Bügeleisens auf der Vorderseite eines Ikonenkleids im Wert von 2035 Euro (Einzelhandel). Zerstört. Kleid sollte Kernstück der Fotostrecke sein. Hatte Glück, dass sie mich nicht dafür bitter haben zahlen lassen. (Im Sinne von: Mir keine Rechnung geschickt haben, nicht von: Mich verhaftet haben, was auch hätte passieren können, wenn ich es mir genau überlege.)

Nkechi bestand darauf, die Dinge in die Hand zu nehmen – sie ist eine ausgezeichnete Assistentin, so ausgezeichnet, dass alle denken, sie sei meine Chefin –, weil meine Hände zitterten und meine Konzentration beim Teufel war und ich dauernd aufs Chemieklo musste, um mich zu übergeben.

Und noch Schlimmeres. Verdauung in Aufruhr. Verzichte auf Einzelheiten.

 

20.30 bis 0.34

Bridie und Treese kamen zu mir in die Wohnung und hielten mich mit Gewalt davon ab, zu Paddy zu fahren und ihn zur Rede zu stellen.

 

3.00

Ich wachte auf und dachte: »Jetzt fahre ich zu ihm!« Bemerkte dann, dass Treese neben mir im Bett lag. Wach und bereit, mit mir zu ringen.

 

Mittwoch, 27. August, 11.05

Endlosschleife im Kopf: Er heiratet eine andere. Er heiratet eine andere. Er heiratet eine andere. Und alle paar Stunden denke ich: Wie? Was soll das heißen: Er heiratet eine andere? Als würde ich es gerade erst erfahren und könnte es EINFACH NICHT FASSEN. Dann rufe ich bei ihm an, wie unter Zwang, und will ihn davon abhalten, aber er nimmt nie ab.

Dann fängt das Ganze von vorn an, dann das Erstaunen, dann wähle ich seine Nummer, niemand nimmt ab – und immer wieder von vorn.

Habe ein Bild von dieser Alicia Thornton gesehen. (War im Zeitungsladen und kaufte ein Crunchie, als ich das Bild auf der Titelseite des Independent sah.) Der Fotograf hatte sie geknipst, als sie aus ihrem Büro in Ballsbridge kam. Konnte es nicht mit Sicherheit sagen, aber sah nach Louise Kennedy aus, was sie anhatte. Sprach Bände. Nummer sicher. Elegant, aber Nummer sicher.

Stellte fest, dass ich Alicia Thornton kannte – in den letzten Monaten war sie vier Mal mit Paddy in Hochglanzmagazinen abgebildet gewesen. Die Bildunterschrift lautete jedes Mal: »Paddy de Courcy mit Begleiterin«. Beim dritten Foto nahm ich allen Mut zusammen und fragte ihn nach ihr. Er warf mir vor, ihm nicht zu vertrauen, und sagte, sie sei eine Freundin der Familie. Ich glaubte ihm. Aber welche Familie? Er hat keine Familie!

 

12.11

Anruf von Bridie. »Heute Abend gehen wir aus!«

»Nein!«, rief ich. »Kann niemandem unter die Augen treten.«

»Natürlich kannst du das! Kopf hoch!«

Bridie ist sehr bestimmend. Wird von ihren engsten und liebsten Freunden Majorin genannt.

»Bridie, ich bin am Ende. Hab das Zittern und alles. Kann unmöglich unter Menschen. Ich flehe dich an.«

Sie sagte: »Es tut dir gut. Wir kümmern uns um dich.«

»Könnt ihr nicht zu mir kommen?«

»Nein.«

Große, lange Pause. Widerstand zwecklos. Keiner ist so willensstark wie Bridie.

Ich seufzte. Sagte: »Wer geht denn alles?«

»Wir vier. Du, ich, Treese und Jem –«

»Jem auch? Hat Claudia es erlaubt?«

Claudia ist Jems Verlobte. Sehr besitzergreifend, obwohl sie gut aussieht und dünn ist.

»Ja, Claudia hat es erlaubt«, sagte Bridie. »Ich hab das geregelt.«

Was Bridie und Claudia verband, war ihre gegenseitige Antipathie.

Jem war ein guter Freund von Bridie und Treese und mir, aber seltsamerweise war er trotzdem nicht schwul. Noch nicht mal metrosexuell. (Einmal hat er Jeans bei Marks & Spencer gekauft. Fand nichts Schlimmes dabei, bis ich ihm vorsichtig seinen Irrtum erklärt habe.) Als Teenager haben wir in der gleichen Straße gewohnt, er und ich. Sind uns morgens bei Kälte und Regen an der Bushaltestelle nähergekommen, in Dufflecoats, auf dem Weg zum College. Wo er zum superschlauen Ingenieur ausgebildet wurde und ich Mode und Design studierte. (Nur zur Information: Mein Dufflecoat damals war aus astralblauem Vinyl.)

 

20.35 Café Albatros

Beine wie Wackelpudding. Wäre beinahe auf der Treppe des Restaurants gefallen. Bin auf den letzten drei Stufen gestolpert und wäre fast auf Knien über den Boden schliddernd wie Chuck Berry im Lokal gelandet. Schlimmer aber: Es war mir egal. Könnte mich kaum noch mehr zum Gespött machen, als ich es zurzeit bin. Bridie und Treese waren schon da.

Wie immer trug Bridie die merkwürdigsten Klamotten. Sie hatte das glatte rotblonde Haar im Nacken zu einem Dutt gesteckt und trug einen erstaunlichen grünen Pullover – er war eingelaufen und schief und mit lauter kleinen Jockeys bestickt. Äußerst seltsamer Geschmack, hatte sie schon immer, vom ersten Vorschultag an, mit vier Jahren, als sie unbedingt Strumpfhosen anziehen wollte, die die Farbe von getrocknetem Blut hatten. Störte sie aber kein bisschen.

Treese, die als Fundraiser für eine große Wohltätigkeitsorganisation arbeitet, war dagegen richtig schick. Das flachsblonde Haar hatte sie in 40er-Jahre-Filmdiven-Wellen frisiert, und sie trug eine beeindruckende Kombination aus Kleid und Jacke. (Von Whistles, aber bei Treese konnte man glatt denken, von Prada.) Jemand, der für eine Wohltätigkeitsorganisation arbeitet, so möchte man meinen, kommt in beigefarbene Cordhose und Kapuzenpulli, aber da läge man falsch. Die Organisation, bei der Treese arbeitet, ist in den Entwicklungsländern tätig. (Dritte Welt darf man nicht mehr sagen, nicht »politisch korrekt«.) Manchmal muss sie zu Besprechungen mit Ministern und Geld von ihnen erbitten, und manchmal sogar nach Brüssel, um EU-Gelder lockerzumachen.

Ich fragte: »Wo ist Jem?«

War mir sicher, dass er abgesagt hatte, denn es war sehr selten, dass wir es schafften, uns zu viert zu treffen – selbst wenn die Verabredung seit Wochen stand, ganz zu schweigen von wenigen Stunden, wie in diesem Fall. (Musste allerdings zugeben, dass ich in den letzten Monaten am häufigsten diejenige war, die abgesagt hatte.)

»Da kommt er ja schon!«, sagte Bridie.

Jem, rennend, Aktenkoffer, Regenmantel, gutmütiges rundes Gesicht.

Wein wurde bestellt. Gläser wurden geleert. Zungen lösten sich. Wie gesagt, ich hatte immer vermutet, dass meine Freunde Paddy nicht mochten. Doch jetzt, da er mich öffentlich gedemütigt hatte, konnten sie ungehemmt sprechen.

»Hab ihm nie getraut«, sagte Jem. »Er war zu charmant.«

»Zu charmant?«, erwiderte ich. »Wie kannst du das sagen? Charmant zu sein, ist doch wunderbar. Wie Eis. Zu viel davon gibt es nicht!«

»Und ob«, sagte Jem. »Du kannst eine Liter-Packung Chunky Monkey essen, dann eine Packung Cherry Garcia, und danach ist dir schlecht.«

»Mir nicht«, sagte ich. »Außerdem erinnere ich mich an den Abend; es war der Joint, nicht das Eis, von dem dir schlecht war.«

»Er sah zu gut aus«, sagte Bridie.

Wieder reagierte ich ungläubig. »Er sah zu gut aus? Wie soll das gehen? Das ist unmöglich. Verstößt gegen alle physikalischen Gesetze. Oder sonstige Gesetze. Vielleicht die des Landes.«

Außerdem – wollte sie mich beleidigen? »Willst du damit andeuten, dass er für mich zu gut aussah?«

»Nein!«, riefen sie alle. »Überhaupt nicht!«

»Du bist doch süß«, sagte Jem. »Wirklich süß! Du siehst mindestens so gut aus wie er!«

»Besser!«, sagte Treese.

»Ja, besser!«, sagte Bridie. »Nur anders. Bei ihm ist es so offensichtlich. Man sieht ihn und denkt: ›Da ist ein großer, dunkler, attraktiver Mann.‹ Zu perfekt. Aber bei dir, da denkt man: ›Hier ist eine hübsche, jugendlich wirkende Frau mittlerer Größe mit einem gut sitzenden Kurzhaarschnitt, schönen braunen Haaren mit lila Strähnchen …‹«

»Molichino, bitte!«

»›… und einer sehr guten Figur, wenn man bedenkt, dass du nicht rauchst. Mit einem Zwinkern im Auge – in beiden Augen vielmehr – und einer kleinen symmetrischen Nase.‹« (Bridie war überzeugt, dass ihre Nase einen Linksdrall hatte. Sie war neidisch auf alle, deren Nasen einfach gerade waren.) »Je mehr man dich anschaut, Lola, desto attraktiver wirst du. Je mehr man Paddy de Courcy anschaut, desto mehr verliert er an Attraktivität. Hab ich was vergessen?«, fragte sie Treese und Jem.

»Ihr Lächeln bringt ihr Gesicht zum Leuchten«, sagte Jem.

»Ja«, bekräftigte Bridie, »dein Lächeln bringt dein Gesicht zum Leuchten. Nicht wie bei ihm.«

»Paddy de Courcys Lächeln trügt. Wie das von Joker in Batman«, sagte Jem.

»Genau! Wie das von Joker in Batman!«

Ich protestierte. »Er ist nicht wie Joker in Batman!«

»Oh, doch, er ist GENAU wie Joker in Batman.« Bridie duldete keinen Widerspruch.

 

21.55

Bridies Handy klingelte. Mit Blick auf die Nummer sagte sie: »Ich muss ran.«

Sie wollte aufstehen, aber wir gaben ihr zu verstehen: Bleib hier!

Wir wollten mithören. Es war ihr Chef (wichtiger Banker). Anscheinend musste er nach Mailand und wollte, dass sie ihm Flug und Hotel organisierte. Bridie zog ihren dicken Kalender aus der Handtasche. (Sehr schöne Handtasche. Mulberry. Warum eine schöne Handtasche, aber seltsame Klamotten? Ergibt keinen Sinn.)

»Nein«, sagte sie zu ihrem Chef. »Sie können nicht nach Mailand fliegen. Ihre Frau hat morgen Geburtstag. Nein, ich buche Ihnen keinen Flug. Ja, ich weigere mich. Sie werden mir noch dankbar sein. Ich sorge dafür, dass Sie nicht vor den Scheidungsrichter müssen.«

Sie hörte sich seine Antwort an, dann lachte sie spöttisch. »Mich entlassen? Seien Sie nicht albern!«

Dann schaltete sie ab. »Also«, sagte sie. »Wo waren wir?«

»Bridie.« Treese klang besorgt. »Du darfst dich doch nicht weigern, deinem Chef einen Flug nach Mailand zu buchen. Vielleicht ist es was Wichtiges.«

»Ist es nicht.« Bridie winkte ab. »Ich weiß genau, worum es geht. Er muss in Mailand nicht dabei sein. Wahrscheinlich hat er ein Auge auf eine flotte Italienerin geworfen. Ich werde doch nicht seine Techtelmechtel unterstützen.«

 

22.43

Dessert. Ich bestellte Banane-Karamell-Creme. Die Banane schmeckte schleimig, wie nasses Novemberlaub. Ich warf den Löffel hin und spuckte die Banane in meine Serviette. Bridie kostete von meinem Dessert. Sagte, es sei nicht schleimig. Überhaupt nicht wie nasses Novemberlaub. Treese kostete davon. Sagte, es sei nicht schleimig. Jem kostete davon. Sagte, es sei nicht schleimig. Und aß es auf. Als Ersatz bot er mir seine Mousse au Chocolat an. Aber die schmeckte nach Schmalz mit Schokoladenaroma. Bridie probierte davon. Sagte, sie schmecke nicht nach Schmalz mit Schokoladenaroma. Schokolade ja, Schmalz nein. Treese pflichtete ihr bei. Jem auch.

Bridie gab mir ihren Apfelkuchen, aber der Teig schmeckte nach feuchter Pappe und die Äpfel nach irgendwas Totem. Die anderen waren nicht meiner Meinung.

Treese bot mir ihr Dessert nicht an, weil sie keins hatte – sie war früher einmal mollig und hielt sich jetzt von Süßem fern. Es sprach nichts dagegen, das Dessert von anderen zu essen, aber selbst eins zu bestellen war nicht erlaubt.

Sie hatte ihre Essgewohnheiten ziemlich gut unter Kontrolle, aber es gab schlechte Tage. Sie konnte unter Stress, zum Beispiel weil die EU ihr die Förderung für eine Latrinenlieferung nach Addis Abeba verweigerte, hintereinander 20 Mars essen. (Wahrscheinlich würde sie auch mehr schaffen, aber die Frau in dem Laden bei ihrem Büro verkauft ihr nicht mehr. Sie sagt zu Treese: »Das reicht jetzt, Schätzchen.« Wie ein freundlicher Wirt in einer Kneipe. Sie sagt: »Sie haben sich mächtig angestrengt, um das viele Gewicht loszuwerden, jetzt wollen Sie es sich nicht wieder anfuttern. Denken Sie doch an den netten Mann, den Sie jetzt haben. Der kannte Sie noch nicht, als sie so pummelig waren, oder?«)

Ich beschloss, die Sache mit dem Dessert nicht weiterzuverfolgen, und bestellte einen Portwein.

»Und wonach schmeckt der?«, fragte Bridie. »Nach vergammelten Lederstiefeln? Nach Madenaugen?«

»Nach Alkohol«, sagte ich. »Er schmeckt nach Alkohol.«

Nach dem Portwein trank ich einen Amaretto. Nach dem Amaretto einen Cointreau.

 

23.30

Ich wappnete mich innerlich, dass sie mich in einen Club zwingen würden, damit ich da auch Tapferkeit zeigen konnte.

Aber nein! Ein Club wurde gar nicht erwähnt. Dagegen Taxis und Arbeit am nächsten Morgen. Alle kehrten zu ihren Lieben zurück – Bridie hatte vergangenes Jahr geheiratet, Treese dieses, Jem lebte mit der besitzergreifenden Claudia zusammen. Warum sollte man in einem Restaurant Steak essen, wenn man zu Hause einen Hamburger bekommen konnte?

Jem nahm mich im Taxi mit und erklärte nachdrücklich, dass ich jederzeit zu ihm und Claudia kommen konnte, wenn ich jemanden um mich haben wollte. Ein lieber Kerl, Jem. Ein durch und durch freundlicher Mensch.

Aber natürlich: reine Lüge. Claudia mochte mich nicht. Nicht so sehr, wie sie Bridie nicht mochte, aber trotzdem. (Nebenbei bemerkt: Vorhin hatten sie doch durchblicken lassen, dass Paddy zu gut für mich aussah. Also, das könnte man auch über Claudia und Jem sagen. Claudia war langbeinig, gebräunt, blond und hatte sich die Brüste vergrößern lassen – sie war die einzige Frau mit so einer OP, die ich kannte. Um fair zu sein, ihre Brüste waren nicht grotesk riesig, andererseits konnte man sie auch nicht übersehen.

Außerdem argwöhnte ich, dass sie sich eine Haarverlängerung hatte machen lassen. Einmal traf ich sie, da hatte sie schulterlange Haare, und eine Woche später reichten sie ihr fast zum Po. Oder hatte sie nur viel Selen genommen?

Sie sah aus wie ein Model. Sie war früher auch Model gewesen. Gewissermaßen. Sie saß nämlich im Bikini auf den Motorhauben von Autos. Dann wollte sie Sängerin werden – sie hatte bei You’re A Star (einer Talent-Show) vorgesungen. Dann wollte sie Tänzerin werden. (Auch in einer Reality-Show.) Dann Schauspielerin, aber man sagte ihr, sie tauge nichts, und schickte sie weg. Außerdem ging das Gerücht um, dass sie in der Schlange für Big Brother gesichtet worden war, aber das streitet sie ab.

Ich will sie nicht verurteilen. Himmel, nein, ich habe meinen Job ja auch nur gefunden, weil ich Verschiedenes probiert und in allem anderen versagt habe. Dass Claudia sich so viel zutraut, verdient Respekt.

Ich mochte sie nicht aus dem einfachen Grund, weil sie nicht nett war. Sie gab sich kaum Mühe, mit mir oder Treese geschweige denn Bridie zu sprechen. Ihre Mimik und Gestik gab uns immer zu verstehen, dass sie es nicht AUSHIELT mit uns Langweilern. Dass sie lieber in einem Club wäre, wo sie vom Oberschenkel eines Nachrichtensprechers eine Linie Kokain schniefen konnte.

Sie tat so, als wollten wir ihr Jem vor der Nase wegschnappen. Aber da brauchte sie keine Angst zu haben. Niemand von uns hatte es auf Jem abgesehen. Wir alle hatten als Teenager mal was mit ihm gehabt. (Damals war sein Gesicht nicht ganz so rund und vertrauenerweckend gewesen. Sondern sogar ein bisschen verwegen.)

Meine ehrliche Meinung: Manchmal kam es mir so vor, als ob Claudia Jem nicht besonders mochte. Dass sie ihn wie einen dummen, rückfallgefährdeten Hund behandelte, der schöne Schuhe zernagte und Daunenkissen zerbiss, wenn man ihn nicht ständig im Auge behielt.

Jem war ein durch und durch lieber Kerl, ihm stand eine durch und durch liebe Freundin zu.

Hier noch eine Information: Jem verdiente sehr gut. (Will damit nichts gesagt haben. Nur so als Feststellung.)

 

23.48

Kam in meine winzige Wohnung zurück. Vor mir lag mein Leben in seiner Nichtigkeit. Dachte: Ich bin ganz allein. Und werde allein bleiben, für den Rest meiner Tage.

Kein Selbstmitleid. Stellte mich lediglich den Tatsachen.

 

3.56

Ich wachte mit schrecklichem Gefühl auf. Ich hatte schlecht geträumt – Paddy wollte eine andere heiraten. Dann wurde mir klar, dass es kein schlechter Traum war, sondern die Wahrheit! Ich musste sofort aufstehen, mich anziehen und zu seiner Wohnung fahren. Ich würde es nicht eine Minute länger ertragen, ohne ihn zu sein. Würde mit ihm reden, alles würde sich aufklären. Alles würde gut.

Ich fuhr wie eine Verrückte, fuhr schliddernd und mit quietschenden Reifen durch die dunklen Straßen. Brachte meinen roten Mini auf Touren. (War sehr stolz auf mein Auto, obwohl seine Farbe sich mit der meiner Haare biss.)

Tippte am Tor den Code ein – enorm erleichtert, als es klappte; fürchtete schon, er hätte ihn ändern lassen, damit ich nicht reinkonnte – und kam vor seinem Block, halb auf dem Bordstein und fast diagonal zur Straße zum Stehen. Hab schon mal besser geparkt. Ich kletterte schon aus dem Auto, bevor der Motor aus war, rannte zur Tür und drückte auf die Klingel. Niemand machte auf. Drückte auf die Klingel. Niemand machte auf. Drückte auf die Klingel. Niemand machte auf. Drückte auf die Klingel. Niemand machte auf. Drückte auf die Klingel. Niemand machte auf. Drückte auf die Klingel. Niemand machte auf.

Nein! Er musste zu Hause sein! Wenn nicht, würde ich auf der Stelle verrückt!

DrückteaufdieKlingelNiemandmachteaufDrückteaufdieKlingelNiemandmachteaufDrückteaufdieKlingelNiemandmachteaufDrückteaufdieKlingelNiemandmachteaufDrückteaufdieKlingelNiemandmachteauf. Schneller als beim ersten Mal.

Immer noch machte niemand auf.

Vielleicht war er bei ihr? Der Gedanke war wie ein Schlag in die Magengrube. Plötzlich beugte ich mich vornüber und erbrach mich auf den Grünstreifen. Portwein. Amaretto. Cointreau. Widerwärtig. Gab mich geschlagen. Fuhr nach Hause.

 

Donnerstag, 28. August, 9.00

Telefon. Eine sehr freundliche Frauenstimme sagte: »Hi, Lola!«

Vorsichtig sagte ich auch: »Hi.«

Konnte ja eine Kundin sein. Ich muss immer so tun, als wüsste ich, wer es ist, und darf nicht fragen: »Wer sind Sie?« Sie denken gern, sie seien die Einzigen. (Tun wir doch alle, oder?)

»Hi, Lola!«, sagte die Stimme, immer noch sehr freundlich. »Ich heiße Grace. Grace Gildee. Ich wollte fragen, ob wir uns mal unterhalten können.«

»Natürlich«, sagte ich. (Weil ich dachte, sie wollte vielleicht eine Stilberatung.)

»Über einen guten Freund von mir«, fuhr sie fort. »Ich glaube, Sie kennen ihn auch. Paddy de Courcy?«

»Ja«, sagte ich, wusste aber nicht, was das alles sollte. Dann verstand ich. Oh nein!

»Sind Sie … Journalistin?«

»Ja!«, sagte sie, als wäre nichts dabei. »Ich würde mich gern über Ihre Beziehung mit Paddy unterhalten.« Aber Paddy hatte gesagt: Sprich mit keinem von der Presse.

»Natürlich würden wir uns erkenntlich zeigen«, sagte die Frau. »Anscheinend haben Sie kürzlich ein paar Kundinnen verloren. Geld ist vielleicht willkommen.«

Wie bitte? Ich hatte ein paar Kundinnen verloren? Das hörte ich zum ersten Mal.

Sie sagte: »Sie hätten die Möglichkeit, Ihre Seite der Geschichte darzustellen. Ich weiß, dass Sie sich übel hintergangen fühlen.«

»Nein, ich …«

Ich hatte Angst. Richtig Angst. Ich wollte nicht, dass eine Geschichte von mir und Paddy in der Zeitung stand. Ich hätte nicht zugeben sollen, dass ich ihn kannte.

»Ich möchte nicht darüber sprechen!«

Sie hakte nach: »Aber Sie hatten eine Beziehung mit Paddy, oder?«

»Nein, ich, äh … kein Kommentar.«

Hätte nie gedacht, dass ich mal ein Gespräch führen würde, in dem ich ›kein Kommentar‹ sagen müsste.

»Das heißt für mich ja«, sagte die Frau, die Grace hieß. Sie lachte.

»Nein«, sagte ich. »Das heißt nicht ja. Ich muss jetzt Schluss machen.«

»Wenn Sie es sich anders überlegen«, sagte sie, »rufen Sie mich an. Grace Gildee. Ich bin im Features-Ressort beim Spokesman. Wir würden eine schöne Geschichte draus machen.«

 

9.23

Anruf von Marcia Fitzgibbons, hohes Tier in der Wirtschaft und wichtige Kundin. »Lola«, sagte sie, »ich habe gehört, bei dem Fototermin für Harvey Nichols hatten Sie Ausfälle.«

»Ausfälle?«, fragte ich mit schriller Stimme.

»Entzugserscheinungen«, sagte sie.

»Was meinen Sie damit?«

»Ich habe gehört, dass Sie kaum zurechnungsfähig waren«, sagte sie. »Schwitzen, Erbrechen. Nicht in der Lage, ein Kleid zu bügeln, ohne es zu ruinieren.«

»Nein, nein«, beschwichtigte ich sie. »Marcia, ich meine Ms Fitzgibbons. Ich hatte keine Ausfälle. Es ist nur so – ich leide an gebrochenem Herzen. Ich bin mit Paddy de Courcy zusammen, und jetzt heiratet er eine andere.«

»Das erzählen Sie überall, wie ich gehört habe. Aber Paddy de Courcy Ihr Partner? Das ist doch lachhaft! Sie haben lila Haare!«

»Molichino«, rief ich verzweifelt, »molichino!«

»Mit Ihnen kann ich nicht mehr arbeiten«, sagte sie. »Bei Drogensüchtigen fahre ich eine strenge Null-Toleranz-Schiene. Sie sind eine ausgezeichnete Stilberaterin, aber Regeln sind Regeln.«

Deswegen ist sie ein hohes Tier in der Wirtschaft, könnte ich mir denken.

Weitere Versuche meinerseits, mich zu verteidigen, erwiesen sich als nutzlos, da sie einfach auflegte. Zeit bedeutet schließlich Geld.

 

9.26

Vermisse meine Mama sehr. Hätte viel darum gegeben, sie jetzt hier zu haben. Ich dachte an damals, als sie im Sterben lag – obwohl ich nicht wirklich wusste, was los war, niemand hatte es mir gesagt, ich dachte einfach, sie bräuchte viel Bettruhe. Nachmittags, wenn ich aus der Schule kam, kroch ich, noch in meiner Schuluniform, zu ihr ins Bett, und wir hielten uns an den Händen und guckten Wiederholungen von EastEnders. Das würde ich jetzt auch am liebsten machen – zu ihr ins Bett kriechen und ihre Hand halten und dann für immer einschlafen.

Oder wenn ich wenigstens eine ordentliche Großfamilie hätte, wo alle um mich herum wären und mich hätscheln und sagen würden: »Wir haben dich lieb. Auch wenn du keine Ahnung von der Tagespolitik hast.«

Aber ich war ganz allein auf der Welt. Lola, das kleine Waisenmädchen. Das zu sagen, war schlimm, denn Dad lebte ja noch. Natürlich hätte ich ihn in Birmingham besuchen können, aber das wäre unerträglich gewesen. Das wäre dann wie damals, als Mum gestorben war und wir nebeneinander in dem stillen Haus lebten und beide keine Ahnung hatten, wie man die Waschmaschine bediente oder ein Hühnchen im Ofen briet, und beide Antidepressiva verschrieben bekommen hatten.

Obwohl ich wusste, dass es zu nichts führen würde, rief ich ihn an.

»Hallo, Dad, mein Freund heiratet eine andere.«

»Der Lump!«

Dann seufzte er tief und lang und sagte: »Ich möchte, dass du glücklich bist, Lola. Wenn du nur glücklich sein könntest, dann wäre ich auch glücklich.«

Ich bereute es, angerufen zu haben. Ich hatte ihn unglücklich gemacht, er nahm alles so schwer. Und wenn man ihn nur hörte, so offensichtlich depressiv … Ich meine, ich war auch depressiv, aber ich redete nicht dauernd darüber. Außerdem hatte er gelogen. Es würde ihn nicht glücklich machen, wenn ich glücklich wäre. Das Einzige, was ihn glücklich machen würde, wäre, wenn Mum zurückkäme.

»Wie ist es so in Birmingham?«

Wenigstens habe ich mein Leben in die Hand genommen, nachdem Mum gestorben war. Wenigstens war ich nicht nach Birmingham gezogen. Er hatte es schrecklich eilig gehabt, dorthin zu ziehen. Kaum war ich 21, war er auf und davon. Gab vor, dass sein älterer Bruder ihn brauchte, aber ich nehme an, er ist weggegangen, weil wir unser Zusammenleben so unerträglich fanden. (Fairerweise muss ich gestehen, dass ich mit dem Gedanken spielte, nach New York zu ziehen, was er mir dann aber erspart hat.)

»Birmingham ist super«, sagte er.

»Gut.«

Große, lange Pause.

»Na, ich muss dann mal Schluss machen«, sagte ich. »Hab dich lieb, Dad.«

»Meine liebe Tochter«, sagte er, »so ist’s recht.«

»Und du hast mich lieb.«

 

18.01

Gegen alle Vernunft schaue ich mir die Nachrichten an, in der Hoffnung, Neues aus dem Parlament zu sehen und vielleicht einen Blick auf Paddy zu erhaschen. Muss mir schreckliche Sachen ansehen, von 17 Nigerianern, die abgeschoben werden, obwohl sie irische Kinder haben, und von europäischen Ländern, die ihren Müll in Ländern der Dritten Welt abladen (ja, sie haben »Dritte Welt« gesagt, nicht »Entwicklungsländer«).

Wartete auf Bericht aus dem Parlament und auf Bilder von korpulenten, korrupt aussehenden, rotgesichtigen Männern in einem Zimmer mit blauem Teppich, die sich gegenseitig – »Raabraabraab« – anbrüllen. Kam aber nicht. Zu spät fiel mir ein, dass Sommerpause war und das Parlament erst zwei Wochen vor Weihnachten wieder zusammentrat. Bis die Weihnachtspause anfing. Faules Pack.

Bevor ich den Fernseher abschaltete, hörte ich noch, dass die Straße zwischen Cavan und Dublin gesperrt war, weil ein Lastwagen mit sechstausend Hühnern umgekippt war und alle Hühner entkommen konnten. Der Bildschirm war voller Hühner. Ich dachte, womöglich hat mein Kummer eine Halluzination ausgelöst. Merkwürdig, eine Halluzination mit Hühnern zu haben. Ich guckte in eine andere Richtung, kniff die Augen fest zu, machte sie dann wieder auf und sah abermals auf den Bildschirm. Der war immer noch voller Hühner. Wild umherlaufende Banden auf der Flucht, Landbewohner, die die Hühner stahlen, ein Mann mit Mikrofon, der in die Kamera zu sprechen versuchte, aber bis zu den Knien in einem wogenden Meer rostfarbener Federn steckte.

 

18.55

Ich kann nicht aufhören, Paddy anzurufen. Zwanghaft. Wie wenn man sich dauernd die Hände waschen muss. Oder nicht aufhören kann, Cashewnüsse zu essen. Wenn ich einmal damit anfange, kann ich mich nicht mehr bremsen.

Er geht nie dran, und er ruft nie zurück. Mir war klar, dass mein Verhalten demütigend war, aber ich konnte nicht anders. Ich sehnte mich nach ihm. Verging vor Sehnsucht nach ihm.

Wenn ich nur mit ihm sprechen könnte! Ich könnte ihn vielleicht nicht umstimmen, aber Antworten auf meine Fragen bekommen. Zum Beispiel, warum hat er mir das Gefühl gegeben, etwas Besonderes zu sein? Warum war er so besitzergreifend? Wenn er doch die ganze Zeit eine andere hatte?

Ich hatte das schreckliche nagende Gefühl, dass alles meine Schuld war. Wie hatte ich glauben können, dass ein Mann, so attraktiv und charismatisch wie Paddy, jemanden wie mich ernst nehmen würde? Ich kam mir so unsäglich dumm vor. Dabei wusste ich, ich war nicht dumm. Oberflächlich, ja, aber nicht dumm. Ein großer Unterschied. Bloß weil ich Mode und Klamotten liebte, hieß das nicht, dass ich blöd war. Wusste vielleicht nicht, wer der Präsident von Bolivien war, hatte aber emotionale Intelligenz. Zumindest hatte ich das geglaubt. Ich habe anderen immer tolle Ratschläge gegeben (Nur auf Wunsch. Niemals unaufgefordert. Das wäre unhöflich). Nun, offensichtlich war ich dafür die Falsche. Schuster, bleib etc.

 

Freitag, 29. August

Die schlimmste Woche in meinem Leben geht erbarmungslos weiter.

Ein Fototermin mit der Autorin Petra McGillis. Ich schleppte mich mit drei riesigen Koffern zum Studio, vollgestopft mit Klamotten, die ich nach Petras Anweisungen besorgt hatte, aber als ich die Koffer aufmachte, sagte sie empört: »Ich hatte doch gesagt: keine Farben! Sondern neutral. Kamelhaar, Karamell, diese Richtung!« Sie drehte sich zu einer Frau um – später erfuhr ich, dass es die Lektorin war – und schnaubte: »Was hast du mit mir vor, Gwendoline? Was soll ich mit Pistaziengrün? Ich bin keine pistaziengrüne Autorin!«

Die arme Lektorin versicherte ihr, dass sie nichts mit ihr vorhabe und dass sie gewiss keine pistaziengrüne Autorin aus ihr machen wolle. Sie sagte, Petra selbst habe mit der Stilberaterin (also mit mir) gesprochen und ihre Wünsche mitgeteilt, und niemand habe sich eingemischt.

Petra ließ nicht locker. »Ich habe gesagt: Keine Farben! Ganz unmissverständlich. Ich trage nie Farben. Ich bin eine ernstzunehmende Schriftstellerin.«

Plötzlich sahen alle mich an – der Fotograf, die Visagistin, der Aufnahmeleiter, die Leute vom Catering, der Postbote, der gerade ein Päckchen brachte. Sie ist schuld, sagten ihre Blicke. Die Stilberaterin. Sie denkt, dass Petra McGillis eine pistaziengrüne Person ist. Sie hatten recht, mich zu beschuldigen. Unmöglich, die Schuld auf Nkechi abzuwälzen. Ich hatte den Anruf entgegengenommen, und als Petra gesagt hat: »Keine Farben«, muss ich mit meinem geschredderten Gehirn verstanden haben: »Ich liebe Farben.«

So etwas war mir noch nie passiert. Normalerweise hatte ich so großes Geschick darin, die richtigen Kleider auszusuchen, dass die Klienten sie beim Termin stehlen wollten und mich bei den Presseabteilungen in Schwierigkeiten brachten.

»Dann ziehe ich eben meine eigenen Sachen an«, erklärte Petra schmallippig und gereizt.

Die unermüdliche Nkechi setzte alle Hebel in Bewegung und versuchte, eine Notlieferung neutralfarbener Sachen zu organisieren, war aber nichts zu machen.

Wenigstens hat sie es versucht, war in den Mienen der Umstehenden zu lesen. Sie ist zwar nur die Assistentin, aber zupackender als die Stilberaterin selbst.

Ich hätte auf der Stelle gehen sollen, da ich für niemanden nützlich war, doch ich blieb die ganze Zeit (drei Stunden), lächelte nett und versuchte, meine bebende Unterlippe unter Kontrolle zu halten. Hin und wieder sprang ich auf und zupfte Petras Kragen zurecht, um den Eindruck zu erwecken, dass es einen Grund für meine Existenz gab, aber es war eine Katastrophe, eine schreckliche, schreckliche Katastrophe.

Über mehrere Jahre hatte ich meine Karriere aufgebaut. Sollte sie jetzt innerhalb weniger Tage wegen Paddy de Courcy ruiniert sein?

Aber was kümmerte es mich? Mich interessierte nur, wie ich ihn zurückbekommen konnte. Oder, sollte das nicht gelingen, wie ich den Rest meines Lebens ohne ihn fristen konnte. Ich weiß, das klingt wie aus einem schlechten Liebesroman, aber wenn man ihn kannte … Im wirklichen Leben war er noch viel attraktiver und charismatischer als im Fernsehen. Er gab einem das Gefühl, dass man die Einzige auf der Welt war, und er roch so gut, dass ich mir nach unserer ersten Begegnung sein Aftershave (Baldessarini) kaufte, und obwohl er dem Duft eine ganz spezielle De-Courcy-Note hinzufügte, brauchte ich nur einmal daran zu schnuppern, dann wurde mir ganz schwach, als würde ich gleich in Ohnmacht fallen.

 

15.15

Wieder ein Anruf von dieser Journalistin Grace Gildee. Lästig. Woher hatte sie überhaupt meine Nummer? Und woher wusste sie, dass Marcia Fitzgibbons mich in die Wüste schicken würde? Ich wollte sie schon fragen, wer mich noch rausschmeißen wollte, ließ es dann aber bleiben.

Nachdem ich mich wieder eine Weile gewunden hatte, bot sie mir fünftausend für die Geschichte. Viel Geld. Stilberatung war ein unsicheres Geschäft. Man konnte in einer Woche zwölf Aufträge haben, und dann für den Rest des Monats keinen. Dennoch war ich nicht in Versuchung.

Aber – ich war schließlich nicht völlig blöd, obwohl ich mir so vorkam – ich rief Paddy an und sprach ihm auf den Anrufbeantworter. »Eine Journalistin namens Grace Gildee hat angerufen und mir eine Menge Geld dafür geboten, dass ich über unsere Beziehung spreche. Was soll ich tun?«

Er rief zurück, kaum dass ich aufgelegt hatte.

»Mach das bloß nicht«, sagte er. »Ich bin eine Person des öffentlichen Lebens. Ich habe eine Karriere.«

Immer ging es um ihn und seine Karriere.

»Ich habe auch eine Karriere, musst du wissen«, sagte ich zu seiner Erinnerung. »Und die geht gerade den Bach runter wegen meines gebrochenen Herzens.«

»Lass das nicht zu«, sagte er in freundlichem Ton. »Ich bin es nicht wert.«

»Sie hat mir fünftausend geboten.«

»Lola.« Seine Stimme klang schmeichlerisch. »Verkauf doch deine Seele nicht, das passt nicht zu dir. Wir beide, wir hatten es schön miteinander. Lass uns die Erinnerung daran bewahren. Und du weißt doch – wenn du mal in Not bist, helfe ich gern aus.«

Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte. Er klang zwar wie ein hilfsbereiter Freund, aber bot er mir nicht Geld an, damit ich die Klappe hielt?

»Ich hätte Grace Gildee eine Menge zu erzählen«, sagte ich tapfer.

Die Stimme klang jetzt ganz anders. Tief, kalt. »Zum Beispiel?«

Weniger selbstbewusst erwiderte ich: »Über die Geschenke, die du mir gemacht hast. Über unsere Spiele …«

»Dass eins ganz klar ist, Lola.« Arktischer Ton. »Du sprichst mit niemandem. Und mit ihr schon gar nicht.« Dann sagte er: »Muss jetzt aufhören. Bin beschäftigt. Pass auf dich auf.« Weg!

 

20.30

Ein Abend mit Bridie und Treese in Treeses großem Haus in Howth. Vincent, Treeses neuer Mann, war nicht da. Insgeheim war ich froh. Wenn er da ist, habe ich immer das Gefühl, nicht willkommen zu sein. Denke stets, er fragt sich: »Was machen diese fremden Leute in meinem Haus?«

Er setzt sich nie zu uns. Er kommt ins Zimmer und nickt zum Gruß, aber nur, weil er Treese fragen will, wo seine Sachen von der Reinigung sind, dann geht er wieder und macht etwas, das wichtiger ist, als Zeit mit den Freunden seiner Frau zu verbringen.

Außerdem nennt er Treese bei ihrem richtigen Namen, Teresa, als hätte er nicht unsere Freundin geheiratet, sondern eine ganz andere Frau.

Er ist schon etwas angegraut. Dreizehn Jahre älter als Treese. Zweite Ehe. Seine erste Frau und drei kleine Kinder stecken irgendwo anders. Er ist ein wichtiger Mensch im irischen Rugby-Verband. Er hat sogar für Irland gespielt und weiß alles über alles. Bei Vincent gibt es kein Gespräch. Er sagt einen Satz, und die ganze Unterhaltung bricht zusammen.

Er sieht auch aus wie ein Rugby-Spieler – Muskeln, breite Schultern, enorme Oberschenkel, sodass er einen Gang hat, als wäre er gerade vom Pferd gestiegen. Viele Frauen – offenbar auch Treese, denn sie hat ihn ja geheiratet – finden das sicherlich anziehend. Ich nicht. Er ist zu bepackt und zu … breit. Er aß riesige Mengen und wog ungefähr 250 Kilo, war aber – muss ich fairerweise sagen – nicht fett. Nur … bepackt. Sehr feist, als hätte er lange Zeit in einem schwarzen Loch gelebt. Sein Hals war so dick wie eine Regentonne, und sein Kopf war enorm. Dazu noch massig viel Haar. Grässlich!

 

21.15

Köstliches Essen. Treese hatte einen Kurs in klassischer französischer Küche gemacht, damit sie das Essen kochen konnte, das Vincents Rugby-Freunde sich wünschten. Ich aß zwei Bissen, dann zog sich mein Magen zu einer kleinen Walnuss zusammen, und ich schmeckte Erbrochenes im Mund.

Bridie hatte wieder ihren seltsamen grünen Pullover an. Obwohl ich um mich und meinen Schmerz kreiste, konnte ich den Blick nicht von dem Pullover abwenden. Wie an dem Abend ein paar Tage zuvor war der Pullover schief, eingelaufen und mit lauter kleinen Jockeys bestickt. Was hatte das zu bedeuten?

Ich überlegte, ob ich was sagen sollte. Aber er gefiel ihr offensichtlich. Sonst würde sie ihn nicht tragen, oder? Warum sollte ich ihr also die Freude verderben?

 

23.59

Viele Flaschen Wein später, doch nicht die aus dem untersten Fach, da das Vincents besonderer Wein ist und er böse wäre, wenn wir den getrunken hätten.

»Bleib doch über Nacht«, schlug Treese vor.

Treese hatte vier Gästezimmer.

»Du hast ein traumhaftes Leben«, sagte Bridie. »Reicher Mann, tolles Haus, schöne Klamotten …«

»Und eine erste Ehefrau, die immer noch mehr Geld will! Und freche Stiefkinder, die mir nur Schlechtes wünschen. Und furchtbare Sorgen …«

»Sorgen weshalb?«

»Dass meine Essgewohnheiten umschlagen und ich zu einem Riesenbrocken von 110 Kilo aufquelle, die Haustür rausgebrochen werden muss, damit man mich rausholen und auf einem Tieflader abtransportieren kann, und dass Vincent mich nicht mehr liebt.«

»Natürlich liebt er dich! Er wird dich immer lieben!«

Doch in einer geheimen Kammer meines Herzens, wo meine dunkelsten Gedanken lebten, war ich mir nicht so sicher. Vincent hatte seine erste Frau und seine Kinder nicht verlassen, um mit Jabba the Hutt zusammenzuleben.

 

0.27

Ich kroch im Gästezimmer Nr. 1 ins Bett. Das weichste Kissen, auf das ich je mein Haupt gebettet hatte, antikes französisches Bett mit prachtvollen Schnitzereien, Stühle mit Brokatbezug und dünnen, geschwungenen Beinen, Spiegel aus Murano-Glas, schwere, gefütterte Vorhänge aus luxuriösem Stoff und Tapeten, wie man sie sonst nur in Hotels sieht.

»Guck mal, Treese«, sagte ich. »Der Teppich hat genau die Farbe von deinem Haar! Es ist so schön, so schön, alles so schön.«

Ich war ziemlich betrunken, weiß ich im Nachhinein.

»Schlaf gut«, sagte Treese, »und wach ja nicht um 4 Uhr 36 auf und komm auf die Idee, dich rauszuschleichen, um zu Paddys Wohnung zu fahren, ihm Steine ans Fenster zu werfen und Alicia Thornton zu beschimpfen.«

 

4.36

Ich wache auf. Ich beschließe, mich rauszuschleichen, zu Paddys Wohnung zu fahren, Steine an sein Fenster zu werfen und Alicia Thornton zu beschimpfen (»Alicias Mutter bläst dem Pfarrer einen!« »Alicia Thornton wäscht sich ihre Muschi nicht.« »Alicias Vater quält den Labrador der Familie!«) Aber als ich die Haustür aufmachte, ging die Alarmanlage los, die Suchscheinwerfer schalteten sich ein, und in der Ferne bellten Hunde. Rechnete schon halbwegs mit Hubschrauberanflug, als Treese in einem seidigen muschelrosa Negligé (Nachthemd) und passendem Peignoir (Morgenmantel) die Treppe hinuntergeschwebt kam, wobei die Suchscheinwerfer einen silbrigen Schimmer auf ihre Coiffure (Frisur) warfen.

Sanfter Tadel. »Du hast versprochen, es nicht zu tun. Jetzt sitzt du in der Falle. Geh wieder ins Bett!« Beschämt.

Treese stellte die Alarmanlage neu ein und glitt wieder die Treppe hinauf.

 

Samstag, 30. August, 12.10. Zu Hause

Bridie rief an. Nachdem sie sich nach meinem Befinden erkundigt hatte, entstand ein seltsames kleines Schweigen. Fast erwartungsvoll.

Dann fragte sie: »Hat dir der grüne Pullover, den ich Mittwochabend und gestern anhatte, gefallen?«

Ich konnte wohl kaum sagen: »Nein, so etwas Merkwürdiges habe ich seit Langem nicht gesehen.«

Sondern: »Sehr hübsch.« Dann: »Ist er … neu?«

»Ja.« Bridie klang fast ein wenig schüchtern. Dann platzte sie heraus, als hätte sie ein großes aufregendes Geheimnis mitzuteilen: »Moschino!«

Moschino!

Ich hätte auf den Basar der nächstgelegenen Irrenanstalt getippt. Zum Glück hatte ich nichts gesagt.

Aber das wäre sowieso nicht meine Art gewesen. Mum hat mir immer den Rat gegeben, nichts zu sagen, wenn ich nichts Nettes zu sagen hätte.

»Wo hast du ihn denn gekauft, Bridie?« Ich überlegte nämlich, wieso ich mit meinem umfassenden Wissen über Bekleidung diesem Objekt nie begegnet war.

»Bei eBay.«

Oje! Vielleicht nachgemacht.

»Er hat mich ein Vermögen gekostet, Lola, aber es hat sich gelohnt. Hat sich doch, oder?«

»Oh ja! Jockeys sind sehr … der Mode voraus.«

»Mir fiel auf, dass du geschaut hast, Lola.«

Das stimmte allerdings, geschaut hatte ich.

 

Sonntag, 31. August

Artikel über Paddy in allen Zeitungen. Ich habe mehrere gekauft. (War überrascht, wie billig Zeitungen im Vergleich zu Zeitschriften sind. Guter Gegenwert. Komisch, was einem alles so auffällt, während das Leben in die Binsen geht.) Aber in den Artikeln stand eigentlich nichts. Nur dass er ein geiler Typ sei, ein Aushängeschild für die irische Politik.

Ich wurde nicht erwähnt. Hätte erleichtert sein sollen – wenigstens würde Paddy sich nicht ärgern –, stattdessen fühlte ich mich betrogen, es war, als existierte ich nicht.

 

Montag, 1. September, 10.07

Anruf vom Irish Tatler mit einer Absage für den Termin nächste Woche. Die Botschaft war klar: Niemand will eine Stilberaterin, die die Kollektion zerstört. So was spricht sich rum.

 

10.22

Handy. Dachte gleich, dass ich die Nummer kenne, war mir nicht sicher, dann stellte sich raus, dass es wieder Grace Gildee war, diese Journalistin. Sie lässt nicht locker. Ich ging nicht ran, hörte mir aber ihre Nachricht an. Sie drang auf ein persönliches Gespräch und bot mir noch mehr Geld. Siebentausend. Sie lachte und warf mir vor, es ihr absichtlich schwer zu machen. Aber ich wollte einfach in Ruhe gelassen werden!

 

Dienstag, 2. September

Der schlimmste Schlag bisher. Alicia Thornton war auf der Titelseite von VIP abgebildet, mit der Schlagzeile: »Wie ich ›Quicksilvers‹ Herz gewann«.

Der nette Mann im Zeitungsladen gab mir ein Glas Wasser und ließ mich so lange auf seinem Schemel sitzen, bis das Schwindelgefühl abgeklungen war.

Zwölf Seiten mit Fotos. Paddy war geschminkt. Grundierung auf Silikonbasis, dann Abdeckung auf Silikonbasis, sodass er wie aus Plastik wirkte, wie eine Ken-Puppe.

Ich wusste nicht, wer die Stilberaterin für die Aufnahmen war, aber sie musste ganz genaue Anweisungen gehabt haben. Alicia (groß, dünn, blonder Kurzhaarschnitt, Pferdegebiss, aber nicht hübsch wie bei Sarah Jessica Parker, sondern eher wie Céline Dion. Hüh!) in einem Kleid mit Jacke von Chanel aus cremefarbenem Tweed. Paddy, in einem Anzug für offizielle Anlässe (Zegna? Ford? War mir nicht sicher.), saß an einem Mahagonischreibtisch, in der Hand einen silbernen Füllfederhalter, als würde er gleich einen wichtigen Vertrag unterschreiben, hinter ihm Alicia, die eine Hand auf seiner Schulter, in der Pose der stets hilfreichen Ehefrau. Dann Paddy und Alicia in Abendgarderobe: Paddy mit schwarzer Krawatte und Alicia in einem langen roten schulterfreien Kleid von MaxMara. Rot steht ihr nicht. Entdeckte außerdem ein paar nachwachsende Haare in der rechten Achselhöhle.

Das Schlimmste: Paddy und Alicia im Partnerlook – bedruckte Jeans, Polohemden mit hochgestellten Kragen, Grobstrick-Pullover lässig über die Schultern geworfen, in den Händen TENNISSCHLÄGER, wie auf Fotos in einem billigen Versandhauskatalog.

Auf diesen Fotos sieht Paddy, obwohl er der attraktivste Mann der Welt ist, wie ein männliches Model in einer Pechsträhne aus.

In dem Interview hieß es, dass sie sich seit ihrer Jugend kennen und in den letzten sieben Monaten »nähergekommen« seien. In den letzten sieben Monaten! Ich war ihm in den letzten sechzehn Monaten »nähergekommen«! Kein Wunder, dass er gesagt hat, wir sollten die Öffentlichkeit meiden. Er sagte, das Leben (meins) würde zur Hölle, wenn ich zusammen mit ihm bei offiziellen Anlässen und Empfängen aufträte. Die Presse würde mich quälen, ich müsste die ganze Zeit, sogar im Schlaf, volles Make-up tragen, damit keine Fotos von mir erschienen mit der Bildunterschrift: »Paddys Pickelmädel«. (Im Lauf des Sommers war ich zwei Mal in den Klatschspalten erwähnt worden, aber Paddys Pressebüro hatte lanciert, dass ich ihn in Kleidungsfragen beriet, und anscheinend hatten das alle geschluckt.) Und ich hatte ehrlich geglaubt, dass er dabei an mein Wohlergehen dachte. Stattdessen wollte er verhindern, dass Alicia, seine »Seelengefährtin«, das mit mir herausfand. Bin ich wirklich so blöd?

 

Später am Dienstag

VIP-Fotos haben mir den Rest gegeben. Habe den Tag damit verbracht, die Fotos zu analysieren und darüber nachzugrübeln. Was hatte Alicia Thornton zu bieten, das ich nicht hatte? Ich blätterte hin und her, studierte die Bilder von ihr und von ihm und hoffte, Hinweise zu entdecken. Immer und immer wieder. Am Schluss hatte ich die Bilder zu lange angesehen, sodass sie ihm nicht mehr glichen. Wie wenn man sich zu lange im Spiegel betrachtet, und das Gesicht komische, fast beängstigende Züge annimmt und man sich selbst nicht mehr erkennt.

 

Noch später am Dienstag

Wütend. Voller schlechter, bitterer Gedanken. Und voller schlechter, brennender Gefühle. Atemlos. Schmiss plötzlich VIP-Zeitschrift auf den Fußboden und dachte: Er ist mir ein paar Antworten schuldig!

Fuhr zu Paddys Wohnung und klingelte. Klingelte und klingelte und klingelte und klingelte und klingelte. Nichts passierte, aber ich dachte: Ist mir egal, ich warte. Ich würde warten, bis er kam. Auch wenn ich tagelang warten müsste. Sogar zwei Wochen. Irgendwann musste er nach Hause kommen.

Das schlechte, brennende Gefühl gab mir Kraft, und ich dachte, ich könnte ewig warten. Falls notwendig. Ich machte einen Plan. Ich rief Bridie an und bat sie, einen Schlafsack und Brote zu bringen. Und eine Thermoskanne mit Suppe. »Aber keine Minestrone«, sagte ich. »Nichts mit Stücken drin.«

»Was?«, fragte sie verdutzt. »Du kampierst vor de Courcys Wohnung?«

»Musst du alles dramatisieren?«, fragte ich. »Ich warte, bis er nach Hause kommt. Nur dass das ein paar Tage dauern kann. Also, wie ich gesagt habe: Schlafsack, Brote und Suppe. Und denk dran, nichts mit Stücken drin.«

Sie fing an zu jammern, dass sie sich Sorgen um mich machte, aber da musste ich auflegen. Keine Geduld. Zeit verging. Schlechtes, brennendes Gefühl hielt mich auf Kurs. Ich spürte weder Unbequemlichkeit noch Kälte noch, dass ich zur Toilette musste. Wie buddhistischer Mönch.

Zwischendurch drückte ich auf Paddys Klingel, hauptsächlich, um was zu tun zu haben. Dann merkte ich, dass das schlechte, brennende Gefühl nachgelassen haben musste, denn ich fing an, mich zu langweilen. Ich rief Bridie wieder an. Fragte sie: »Kannst du mir bitte auch die neue InStyle, ein Sudoku-Heft und die Biografie von Diana Vreeland mitbringen?«

»Nein!«, sagte sie. »Lola, bitte! Komm da weg, du hast den Verstand verloren.«

»Im Gegenteil«, sagte ich, »nie in meinem Leben war ich klarer!«

»Lola, das ist Stalking, was du da machst. Er ist eine Person des öffentlichen Lebens, du kannst dir eine Menge Ärger einhandeln! Du kannst …« Aber da musste ich wieder auflegen. Nicht, dass es mir Freude machte, unhöflich zu sein, aber es blieb mir gar nichts anderes übrig.

Vertrieb mir die Zeit, indem ich immer mal wieder auf Paddys Klingel drückte, dann klingelte mein Handy. Es war Bridie! Sie stand vor dem Tor. Konnte nicht rein, weil sie den Code nicht kannte.

»Hast du den Schlafsack?«, fragte ich. »Die Thermoskanne mit Suppe?«

»Nein.«

»Ist Barry bei dir?« (Barry war ihr Mann.)

»Ja, Barry ist bei mir. Du magst Barry doch, oder?«

Das schon, aber ich hatte keine Lust darauf, dass sie und Barry mich gewaltsam zum Auto schleppten und mit mir wegfuhren. Kam nicht infrage.

»Lola, bitte, lass uns rein.«

»Nein«, sagte ich, »tut mir leid.«

Dann schaltete ich das Handy aus.

Ich klingelte immer wieder an Paddys Wohnungstür, rechnete aber nicht damit, dass was passierte, doch plötzlich tauchten die Umrisse eines Mannes hinter der Tür aus Milchglas auf.

Er war’s! Er war’s! Er war die ganze Zeit da gewesen! Ich war erleichtert, aufgeregt – dann kamen mir düstere Gedanken. Warum kam er erst jetzt zur Tür? Warum musste er mich noch mehr demütigen?

Aber er war es gar nicht. Es war der spanische John, sein Fahrer. Kannte ihn gut, weil er mich manchmal abgeholt und zu Paddy gefahren hatte. Obwohl er immer sehr höflich zu mir gewesen war, fürchtete ich mich ein wenig vor ihm. Ein großer, kräftiger Typ, dem man zutraute, dass er einem den Hals brechen konnte, als wäre es ein Hühnerflügel in Grillsauce.

»Spanischer John«, bedrängte ich ihn. »Ich muss Paddy unbedingt sehen. Lassen Sie mich rein, ich flehe Sie an.«

Er schüttelte den Kopf und sagte: »Gehen Sie nach Hause, Lola.«

»Ist sie bei ihm in der Wohnung?«, fragte ich.

Der spanische John war ein Meister der Diskretion (und keineswegs spanisch). Er sagte nur: »Kommen Sie, Lola, ich fahre Sie nach Hause.«

»Dann ist sie also oben!«

Sanft, fast freundlich geleitete er mich von der Tür fort und zu Paddys Saab.

»Ist schon gut«, sagte ich kühl. »Ich habe mein eigenes Auto, ich kann selbst fahren.«

»Alles Gute, Lola«, sagte er im Ton der Endgültigkeit.

Diese Endgültigkeit machte mir Mut, die Frage zu stellen, zu der ich schon immer die Antwort wissen wollte.

»Ich wollte Sie immer schon etwas fragen«, sagte ich. »Warum werden Sie spanischer John genannt, obwohl Sie nicht spanisch sind?«

Einen Moment lang dachte ich, er würde einen Satz auf mich zu machen und mir einen schmerzhaften Karateschlag versetzen, doch dann entspannte er sich. »Sehen Sie mich doch an.« Er zeigte auf sein rotes Haar, seine weiße Haut voller Sommersprossen. »Haben Sie schon mal jemanden gesehen, der weniger spanisch aussieht?«

»Aha.« Ich verstand. »Ironie?«

»Oder Sarkasmus. Den Unterschied habe ich nie ganz begriffen.«

 

Dienstagabend. Noch später

So endete es also. War von Paddys Wohnung weggeschickt worden wie ein stinkender Bettler.

Klarsicht stellte sich wieder ein, als wäre mir ein Eimer kaltes Wasser über den Kopf geschüttet worden, und ich war von meinem Verhalten entsetzt. Ich hatte mich wie eine Geisteskranke aufgeführt. Komplett gestört. Stalking. Ja, Bridie hatte recht, es war Stalking.

Und ich war entsetzt, wie mies ich Bridie behandelt hatte. Sie zu bitten, mir Suppe in der Thermoskanne mitzubringen! Wo sollte Bridie Suppe herbekommen? Ihr dann nicht den Code zu geben und das Handy auszuschalten. Bridie war doch eine besorgte Freundin!

Ich erkannte, wie verrückt ich gewesen war, und das Schlimmste: Mitten in meinem Wahnsinn war ich überzeugt gewesen, bei völlig klarem Verstand zu sein. Der ultimative Schlag. So konnte es nicht weitergehen, ohne Essen, ohne Schlaf, Mist bei der Arbeit bauen, Freunde wie Bedienstete behandeln, achtlos durch die Stadt rasen …

Ich fuhr zu Bridie. Sie war im Schlafanzug und froh, mich zu sehen.

Ich entschuldigte mich wortreich für die Sache mit dem Schlafsack, dann für die Sache mit dem Code für das Tor.

»Okay«, sagte Bridie. »Okay. Und was passiert jetzt?«

»Ich habe einen Entschluss gefasst«, sagte ich. »Ich habe beschlossen, meine Sachen zu packen und ans Ende der Welt zu ziehen. Dorthin, wo mich nichts an Paddy erinnert. Hast du einen Globus?«

»Ähm, ja …«

(Aus dem Erdkundeunterricht in der Schule. Sie wirft nie was weg.)

Auf Bridies Globus war das Ende der Welt – von Irland aus gesehen – Neuseeland. Gut. Ich wusste vom Hörensagen, dass es dort landschaftlich sehr schön sein soll. Ich könnte eine Herr-der-Ringe-Tour machen.

Aber Bridie wollte mich zur Vernunft bringen. »Nach Neuseeland zu reisen, ist ziemlich teuer«, sagte sie. »Außerdem ist es ziemlich weit weg.«

»Darum geht es ja gerade«, sagte ich. »Ich muss möglichst weit weg von hier, damit ich nicht jedes Mal, wenn ich ein Mars kaufen will, über Alicias Foto stolpere, und damit ich Paddy nicht in den Abendnachrichten sehen muss. Nicht, dass ich sie mir normalerweise ansehe, Gott, so deprimierend, ganz abgesehen von der Sache mit den Hühnern, hast du das mitgekriegt?«

»Was ist mit Onkel Toms Hütte?«, schlug Barry vor. Barry war auch im Schlafanzug.

Onkel Toms Hütte war ein Ferienhäuschen, das Bridies Onkel Tom in County Clare besaß. War da mal gewesen, zu Treeses Frauen-Party vor der Hochzeit. Vieles ging zu Bruch. (Das war ich nicht allein, sondern alle zusammen.) »Das ist abgelegen«, sagte Barry.

»Es hat nicht mal Fernsehen«, fügte Bridie hinzu. »Und wenn dir die Decke auf den Kopf fällt, weil du dich da zu einsam fühlst, kannst du innerhalb von drei Stunden zu Hause sein, seit die Umgehungsstraße bei Kildare fertig ist.« (Die Kildare-Umgehungsstraße ist ein Geschenk für Bridies Familie, da die meisten von ihnen in Dublin wohnen, aber sehr gern zu Onkel Toms Hütte rausfahren. Mit der Umgehungsstraße ist die Fahrt um eine Dreiviertelstunde kürzer geworden, sagt Bridies Dad. Aber was kümmert mich das? Ich bin einunddreißig, und wenn ich mich nicht umbringe, werde ich wahrscheinlich noch vierzig Jahre leben. Selbst wenn ich die ganze Zeit in einem Verkehrsstau vor Kildare verbringe, wird sich nichts dadurch ändern.)

»Danke für das Angebot«, sagte ich, »aber ich kann ja nicht ewig in Onkel Toms Hütte wohnen. Deine Familie wird sie benutzen wollen.«

»Jetzt nicht, der Sommer ist vorbei. Hör zu«, sagte sie. »Du hast ein gebrochenes Herz und das Gefühl, dass du nie drüber hinwegkommen wirst. Aber du wirst darüber hinwegkommen, und dann wird es dir leid tun, dass du nach Neuseeland gegangen und deine Arbeit hier hingeschmissen hast. Warum fährst du nicht für zwei Wochen zu der Hütte raus, bis du dich berappelt hast? Sag Nkechi, sie soll den Laden hier am Laufen halten. Wie sieht denn dein Terminplan aus? Viel zu tun?«

»Nein.« Das lag nicht nur daran, dass Aufträge storniert worden waren, sondern auch an der Jahreszeit. Ich war mit der Herbst- und Wintergarderobe für die Privatkundinnen fertig – reiche, viel beschäftigte Frauen, die keine Zeit zum Einkaufen hatten, die aber gestylt sein mussten, geschäftsmäßig und smart angezogen. Die nächste hektische Phase war die Weihnachtszeit, die anfing, sobald Halloween vorbei war. Das hatte also noch ein paar Wochen Zeit. Ich meine, es gab immer Arbeit, die man auch tun konnte. Ich konnte die Einkäufer von Brown Thomas und Costume und anderen guten Geschäften zum Lunch einladen, damit sie ihre besten Kleider für mich reservierten und nicht für die anderen Stilberaterinnen. Hartes Geschäft, die Stilberatung. Sehr brutal. Die guten Sachen sind begrenzt, und die Konkurrenz ist heftig. Das ist den Leuten nicht klar. Sie glauben, es sei ein einziges Vergnügen, mit teuren Kleidern durch die Gegend zu ziehen und den Kundinnen zu einem fabelhaften Aussehen zu verhelfen. Weit gefehlt.

Bridie sagte: »Und wenn bei deiner Rückkehr alles so schlimm ist wie zuvor, kannst du immer noch nach Neuseeland gehen.«

»Ich merke, wenn man mich wie ein Kind behandelt, Bridie. Aber du wirst sehen, dass ich recht behalte, wenn ich erst mal in einem hübschen kleinen neuseeländischen Haus in Rotorua lebe. Trotzdem, ich nehme dein freundliches Angebot gern an.«

 

Auf dem Weg nach Hause. Noch später